("Man kann sich im Leben nur auf die Tritte verlassen - alles andere ist ein Bonus!")
Mein absoluter Lieblingskünstler aller Zeiten ist natürlich - wie abgedroschen es auch klingen mag - Frank Zappa. Diesen Mann verehrt ja fast jeder, und da ich für mein Leben gerne offene Türen einrenne, will ich meine Kette von Huldigungen mit diesem Titanen des Musikgeschäfts anfangen, der es wie kein zweiter verstanden hat, zu beweisen, daß subversiver Humor sehr viel mehr mit den unschuldigen Gemütern anzurichten vermag als zentnerweise Blümchen, die in die Läufchen von Gewehrchen gesteckt werden, deren Träger die intendierte Botschaft eh nicht verstehen. War die gewaltlose Tugendhaftigkeit der Hippies häufig letzten Endes nicht mehr als eine fromme Geste, die dem eigenen Seelenfrieden mehr zu Nutzen war als der Erschaffung einer schönen neuen Welt (im Drogenrausch stecke ich Blümchen noch GANZ WOANDERS HIN), so zeigte sich in der Arbeit von Mr. Zappa eine Kampfbereitschaft, die nicht willens war, sich mit der allgegenwärtigen Drögheit abzugeben, sondern entschlossen war, kompromißlos ihre eigene Welt zu formen und die Dumpfbacken mit einem beherzten Tritt zumindest eine Handbreit weiter in Richtung Homo Sapiens zu befördern... Daß dieser Tritt nicht selten die hinteren Partien des Körpers traf, erzürnte so manchen, verletzte aber wohl nur im Gemüt. Die Narben am Po heilen rasch, und der Lerneffekt ist nicht von der Hand zu weisen!
Ursprünglich stammte der große Mann aus Baltimore, Maryland, dessen engstirnige Provinzialität schon ganz anderen Künstlern Inspiration für ihre Arbeiten war, John Waters zum Beispiel. Da seine Eltern berufsbedingt gen Westen zogen, war es aber in Kalifornien, wo seine ersten musikalischen Gehversuche stattfanden. So tourte er eine Zeit lang als Barmusiker herum. Mit gerade 20 Jahren schrieb er die Musik zu einem B-Film, "The World´s Greatest Sinner", die eine der frühesten Vinylproben von Zappas keimendem Talent darstellt. 1964 gründete er mit einigen Gleichgesinnten die "Mothers", die sich später in die legendären "Mothers of Invention" verwandeln sollten. In der liebevollen Umarmung der hollywoodianischen Gegenkultur entstand so das erste Album, "Freak Out" (1965), das nicht nur ein Statement zur Freakszene der Westküste darstellte, sondern auch eines der ersten Konzeptalben der Rockgeschichte. Auf ihm befinden sich zahlreiche lustvolle Übungen in zeitgenössischem Teenagerschmalz wie auch Freiform-Freakouts, deren Struktur einzig der Laune des Augenblicks unterworfen war und somit die spätere Neigung Zappas vorwegnahm, Improvisationen seiner Musiker in einen strikten kompositorischen Rahmen einzubinden. So sticht das großartige "Help, I´m a Rock" heraus (das von Begleitfreak Ed Seeman zu einem tollen experimentellen Kurzfilm verarbeitet wurde) sowie "Return of the Son of Monster Magnet", in dem sich zeigt, was einige Freaks so alles anstellen, wenn ihnen in einem Plattenstudio freie Hand gelassen wird... Dieses 12-minütige Chaos ist sicherlich ein "famous first" und zeigt auch Zappas Vision einer absurden Welt, in der sich die Formen, die ihre Bedeutung verloren haben, verselbstständigen. (Ein gräßlicher Satz, aber das Stück macht einen Riesenspaß!) Die Doppel-LP wirkt wie eine nicht auf Harmonie bedachte Aneinanderreihung von amerikanischen Nichtigkeiten, die mit einer Slapstick-Kanone in tausend Teile zerblasen wird!
Diese Absicht wird auf "Absolutely Free" in wesentlich kontrollierterer Form dargereicht. Die fast schon kabarettistische Gestaltung der Platte hatte ihr Gegenstück in den "Pigs and Repugnant"-Bühnenacts der Mothers, bei denen die laufende Vorführung schon mal unterbrochen wurde von Leuten, die als GIs verkleidet auf die Bühne stürmten und unter lautem Gegrunze eine Babypuppe zerrissen... Klassiker, die man auf diesem tollen Album findet, sind das berühmte "Plastic People", das in sehr artikulierter Form aus Chuck Berrys nicht eben vielsagendem "Louie Louie" einen Ausblick auf ein Amerika macht, in dem (um mit Vonnegut zu sprechen) das Mitgefühl so tot ist wie ein Sargnagel. Wie das Cover unterstreicht, steht in der modernen Welt alles zum Verkauf, und wer freundlich lächelt und den Traum am geschicktesten verkauft, erhält den Zuschlag. Seite 1 wird weitgehend beherrscht von "The Duke of Prunes", in dem der Pflaumenfürst von wildesten Jazzrockimprovisationen umkränzt wird, bis man vor Wonne kaum noch weiter weiß! Dabei sind einzelne Segmente mit für Zappa typischen farbenfrohen Titeln gekennzeichnet wie "Anrufung und Ritualtanz des jungen Kürbisses"... Das beste Stück von Seite 2 ist sicherlich "Brown Shoes Don´t Make It", das Jello Biafra um 20 Jahre vorwegnimmt und von sexuell gehemmten fetten Ratsherren berichtet, die ihre Arbeit benutzen, um ihre Lust nach minderjährigen Mädchen zu übertünchen. Auf der CD gibt´s noch eine Single von damals, die die später zu Ruhm & Ehren gelangte "Big Leg Emma" besingt. Die LP endet mit "America Drinks and Goes Home", was nicht zuletzt die Zuhörerschaft gehörig ungehörig veralbert...
Für mich das erste Meisterwerk ist die 1967 entstandene "We´re Only In It For The Money", dessen Cover das "Sgt. Pepper´s"-Cover der Beatles veralbert, was Mr. McCartney angeblich nicht amüsant fand, von einer Klage aber absah... Von merkwürdigen verhallten Wisperpassagen verbunden, entfaltet sich ein überaus vielfältiges Sortiment von Songs, das nicht nur Bezug nimmt zur verhaßten Spießerwirklichkeit, sondern auch zur damals grassierenden "Flower Power"-Bewegung, deren drogenverhangene Selbstbezogenheit in dem Stück "Absolutely Free" vergackeiert wird, unterbrochen z.B. von Einwürfen von Groupies. ("I don´t do publicity balling any more...") Sehr deutlich wird die Wichtigkeit, die Sexualität für Zappas Bild von der Welt hat, in dem mehr als nur ein wenig des damals modischen Wilhelm Reich sichtbar wird. Die Unfreiheit der Welt ist bei Zappa das Resultat einer prüden und verlogenen Erziehung, die in mühsam unterdrückten Aggressionen und Rachegelüsten resultiert.("What´s the Ugliest Part of your Body"? Na, das Hirn...) Daß man Feinde, die so arme Schweine sind, nicht mal richtig hassen kann, ist klar, und so überzieht sie Zappa mit unglaublich beißendem Spott, der weit über die "Polizei SA-SS"-Beschränktheit damaliger und heutiger Nulpen hinausgeht. Wer begreift, wie groß die Selbstverleugnung sein muß, die manche Menschen der Bos- und Blödheit in die Arme führt, braucht keine Gewalt! (Die Menschen bestrafen sich selbst schon nach besten Kräften...) Ein wildes Kaleidoskop - ein häufig mißbrauchtes Wort, aber hier trifft es endlich mal zu!
"Lumpy Gravy" (1967) enthält überhaupt keine Songs und ist ein reines Gemengsel aus Bubblegum-Rock, Schubiduh-Musik und schrägen Geräuscheffekten, auf denen sich eine ähnliche Haßliebe zu Kitsch widerspiegelt wie in John Zorns Collagearbeiten, die ja auch zu schönen Übungen wie "Tex Avery Directed by the Marquis de Sade" führte...
"Ruben and the Jets" (1967) geht dann wirklich den harten Weg und besteht ausschließlich aus soliden Rock´n´Roll-Schmachtfetzen - endlich mal ein kommerzielles Album! :D
Die Doppel-LP "Uncle Meat" basiert auf einem intendierten Film gleichen Titels, der aber erst lange danach einigermaßen fertiggestellt werden konnte (und teilweise von meinem Freund Ed Seeman gefilmt wurde). Mit der alten Besetzung und dem neu hinzugekommenen Saxophonisten Ian Underwood erstellt, ist das Ergebnis erneut eine ironische Reise durch die Welt, gesehen mit den Augen eines Juvenile Delinquents mit einem Zuviel an Fantasie... Die CD wird ergänzt durch Auszüge aus dem Filmmaterial, darunter auch die Begegnung mit einem freundlichen Italiener, der das nette "Tengo una minchia tanta" (Ich habe einen dicken Schwanz!) beisteuert...
Die nächste Haltestelle ist das nächste Meisterwerk: "Hot Rats" ist ein sehr geschlossen wirkendes Jazzrockalbum (fast nur aus Instrumentals bestehend), bei dem Zappa sich von dem Großteil seiner alten Band getrennt hatte. Nur Ian Underwood war geblieben, dessen Saxophon auch gelegentlich Gebrauch vom Wah-Wah-Pedal macht und somit beizeiten von einer Gitarre kaum zu unterscheiden ist... Toller Gaststar auf dem Titelstück ist der ehrenwerte Freak Captain Beefheart, dessen meisterhaftes Album "Trout Mask Replica" von Zappa produziert wurde. (Wie übrigens auch ein legendäres Album des Stand-Up-Komikers Lenny Bruce!) Weitere Gastmusiker sind die Violinisten Jean-Luc Ponty und Sugar Cane Harris, die einiges mit ihren Instrumenten anzustellen wissen. Mein Lieblingsstück ist das hinterhältige "It Must Be a Camel", das auf der CD noch mit zusätzlichen Spezereien versehen ist. Auch ist auf dem digitalen Tonträger "The Gumbo Variations" noch um etwa 5 Minuten Zusatzmaterial von den Sessions ergänzt worden, aber der Sound ist auf Vinyl eindeutig besser...
Bevor die ursprünglichen Mothers sich auflösten, gab es noch eine Menge aufgenommenes Material, das auf zwei LPs teilweise verwertet wurde. Die erste ist "Burnt Weeny Sandwich", deren zwote Seite von dem symphonisch konstruierten "Little House I Used To Live In" dominiert wird, das auf der "Hunchback Suite" der Mothers basiert und von einer Partie beendet wird, bei der auf einem Konzert verschiedene politische Aktivisten versuchen, das Konzert zu sabotieren, was von Zappa mit einem lässigen "You´ll hurt your throat, stop it!" quittiert wird... Ansonsten gibt es bei dem Titelstück eines von Zappas lässigsten Gitarrensoli zu bewundern, bei der gewahwaht wird, bis der Arzt kommt!
Wesentlich schräger ist da "Weasels Ripped My Flesh" (1971), auf der Roy Estradas hysterisches Kreischlachen zu voller Wirkung gebracht wird in dem sinnreich betitelten "Prelude to the Afternoon of a Sexually Aroused Gas Mask", von dem Debussy bestimmt nicht zu träumen gewagt hat... Es gibt mit "Directly From My Heart to You" ein traumhaftes Sugar-Cane-Harris-Stück, und das "Eric Dolphy Memorial Barbecue" wird auf einigen Inseln in der Südsee noch immer als Gottgeschenk vereehrt. Mit "My Guitar Wants To Kill Your Mama" ist ein richtiger (studioproduzierter) Ohrwurm enthalten, während "Dwarf Nebula" die bizarreren unter den Zuhörern bedient. Das abschließende Titelstück ist ein 2-minütiges Draufhalten aller Musiker, was in einem einzigen lauten Ton resultiert, nach dem sich Zappa lapidar vom Publikum verabschiedet.
"Chunga´s Revenge" und das "Fillmore East June" überspringe ich jetzt mal, obwohl da die beiden großartigen Komiker Flo & Eddie (Mark Volman und Howard Kaylan) einige Gelegenheit haben, sich auszuzeichnen. Vollkommene Sonnenfinsternis wird nämlich wieder erreicht von "200 Motels" (1971), dem Soundtrack zu dem gleichnamigen Film, der den Wahnsinn des Tourens in unnachahmlicher Weise einfing und die Ästhetik von Rockvideos nachhaltig beeinflußte. Die surreale Bilderwelt des Films wird von der Doppel-LP bestens eingefangen, sollte aber auch visuell nachempfunden werden. Wer Drummer Jimmy Carl Blacks Darstellung als "Lonesome Cowboy Burt" nicht gesehen hat, hat umsonst gelebt! Zappa erlebte die CD-Präsentation des Werkes leider nicht mehr, aber sie ist jetzt in vorbildlicher Weise erfolgt und enthält viele Zusatzinformationen. In Filmnachschlagewerken wird der Film gerne als "Bomb" (=Niete) gelistet, was aber daran liegt, daß der Film meistens im Kontext mit herkömmlichen Musicals und Rockopern (schudder!) gesehen wurde, und während ich Sachen wie Ken Russells "Tommy"-Verfilmung als filmisches Statement mal gerade so stehenlasse (oder greifen wir mal ganz nach unten: Norman Jewisons "Jesus Christ Superstar"!), so ist "200 Motels" doch die erste filmische Artikulierung von Rock-Philosophie jenseits des Underground-Kinos, und es dauerte bis zu "The Great Rock´n´Roll Swindle", bis etwas ähnlich Geistreiches geboren wurde... Ringo Starr spielt in dem Film Larry den Zwerg, und Zappa fungiert lediglich als eine Art gottähnlicher Konzeptgeber, als der er sich schon in "We´re Only In It For The Money" ankündigte.
Hier ist einzufügen, daß Zappa in Hinblick auf die von ihm verwendeten Musiker gerne als Arbeitgeber nach kapitalistischem Vorbild auftrat: Er bezahlte die Musiker häufig mit jährlichem Salär; dafür hatten sie auch ganz genau das zu spielen, was er ihnen vorgab und wie, ansonsten es Schellen setzte! Wenn Drogen die Arbeitsfähigkeit eines Musikers einschränkte, so landete der unweigerlich auf der Straße. Diese Haltung ist nicht sehr sympathisch, aber verständlich, und führte dazu, daß wirklich nur die Crème der Musiker bei ihm Anstellung fanden. Bei Zappa gespielt zu haben, war eine Ehre. Daß ihm dabei der spontane Charakter der frühen Werke etwas abhanden kam, mag verdrießen, wen es will, aber der Ausstoß des Zappa´schen Schaffens enthält so gut wie keine qualitativen Aussetzer, und im Rockgeschäft will das bekanntlich einiges heißen...
Die nächste Phase begann mit "Waka/Jawaka" (1972) und "The Grand Wazoo", die zu den einflußreichsten Jazzrockalben überhaupt zählen und überwiegend instrumentale Extravaganzen aufführen, deren Soli mit Worten nicht zu beschreiben sind. "Overnite Sensation" (1973) hatte dann einen sehr viel rockigeren Ansatz und fügte dem Kanon der Zappa-Musiker vor allen Dingen den Jazzpianisten George Duke hinzu, der den Humor von Zappa in großartiger Weise mit seinen Fingerübungen untermalte. Das bekannteste Stück (schon aufgrund seines sexuell expliziten Gehaltes!) war "Dinah-Moe-Humm", das wie eine vor-pornöse Doppelwatsche ins Gesicht prüder Zuhörer wirken mußte. Nicht Romantik wird hier demonstriert, sondern die Realität geschlechtlichen Säfteaustausches, was auch in Hippie-Sympathisanten arge Zweifel genährt haben muß... (Ich möchte Hippies hier übrigens nicht heruntermachen - wenn sie Humor hatten, waren sie kolossal sympathisch!) In dem hitparadenverdächtigen Song "Camarillo Brillo" geht es um Schleifen, Bänder, Drogen und Ponchos und was sie vor dem Schauspiel zwischengeschlechtlicher Interaktionen so bedeuten mögen. "Dirty Love" führt Frenchy den Pudel im besten Sinne des Wortes ein. "I´m the Slime" ist noch so ein Klassiker und erzählt von Schleimabsonderungen im Fernsehumfeld. "Fifty-Fifty" enthält großartige Soli von Ricky Lancelotti, der sich später leider zu Tode gedrogt hat (mann, seid vorsichtig!), und auf "Montana" reitet der neo-amerikanische Pionier in den Sonnenuntergang und handelt mit Zahnseide... Wat´n Album!
Die erste Seite von "Apostrophe" (1974) besteht fast zur Gänze aus "Don´t Eat The Yellow Snow" und erzählt von den Verheerungen, die Hundepisse in den Augen gestrauchelter Eskimos anrichten kann, besonders wenn sie sich mit verbrecherischen Robbenschlächtern anlegen! Erlebt bitte (und das recht bald) die Superleistungen von St. Alphonzo, die Zappas Musiker zu unglaublichen Höchstleistungen antreiben... Noch ein tolles Album, das früher zusammen mit "Overnite Sensation" auf einer CD erschienen ist, nach der sich die Eskimos Neufundlands noch heute die eisverkrusteten Finger lecken! "Stink Foot" ist das ultimative Statement zu Füßen, die monatelang in Turnschuhen eingekeilt gewesen sind, was immer das aussagt.
Im selben Jahr wurde auch "Roxy & Elsewhere" geboren, das beste Zappa-Livealbum, das meines Erachtens auch mit der besten Besetzung entstand. Neben dem schon verewigten George Duke gehörten dazu vor allem der Saxophonist und Sänger Napoleon Murphy Brock, die Percussionistin Ruth Underwood (=die Frouwe von Ian), Schlagzeuger Chester Thompson und die beiden Fowler-Brüder an Posaune respektive Bass. Von namenlosen Ansagen gesäumt kommen da Songs wie "Penguin in Bondage" (das einzige Rockstück mit sadomasochistischem Pinguinbezug!), "Cheepnis" (das von billigen Science-Fiction-Filmen handelt) und "Pygmy Twylyte", bei dem der Napoleon richtig abjodelt. Auch "Echidna´s Arf (Of You)" ist ein Instrumental, das einfach genossen werden will... Für Filmfans: Bei "Cheepnis" erzählt Frank einiges über den schönen Roger-Corman-Cheapie "It Conquered the World"! Erhaben...
Mein persönliches Lieblingserzeugnis aus dem Hause Z. ist "One Size Fits All" (1975), auf dem die Brock-Duke-Thompson-Besetzung zu Hochform aufläuft. Während auf "Inca Roads" (mit endlosen Soli, die die Seele streicheln) die Außerirdischen landen, handelt "Can´t Afford No Shoes" von der katastrophalen Sozialpolitik des Heimatlandes, während auf "San Ber´dino" und "Andy" auch Legende Johnny Guitar Watson kurz vorbeischaut und Seligkeit verträufelt. Und wer müßte noch etwas zu "Sofa" sagen, das sich endlich auch mal der deutschen Sprache widmet, meine Dame und Herren? Ein Saxophon, so weich wie Streichkäse...
Über lange Jahre hatte sich Zappa ja fürchterlich mit Captain Beefheart verkracht. Rechtzeitig zur 200-Jahres-Feier der USA fanden die beiden aber für ein Album wieder zusammen, "Bongo Fury", und hier ist der Bär so am Steppen, daß der Honig in Strömen fließt! Beefhearts Vocals krächzen sich über eine krummjazzige Tonlandschaft und streifen in ihren surrealen Texten Charles Dickens ebenso wie Verkaufsgenie P.T. Barnum ("There´s a fool born every minute!"). Das erzeugte Gesamtbild läßt keinen Zweifel daran, daß der berühmte Pioniergeist ein Mythos ist, der letztlich darauf basiert, den größeren Idioten zu finden, dem man seine Mogelpackung andrehen kann... Zappas "Carolina Hardcore Ecstasy" handelt von zutiefst widernatürlichen Gelüsten, während Napi Brock ein sehr bluesiges "Advance Romance" in das Mikro nölt. Den Abschluß bildet das mit einer bizarren Story ausgestattete "Muffin Man", das eines von Zappas größten Gitarrensoli enthält.
"Zoot Allures" (1976) markiert dann eine neue Bandkonstellation: Hier kam Schlagzeuger Terry Bozzio dazu, der in Franks Werken bis etwa 1980 dabei sein sollte. Das ansonsten nicht weiter bemerkenswerte Album enthält immerhin das quälende "The Torture Never Stops", das von einem sadistischen Prinzen handelt und mit Stöhnern und Schluchzern von Terrys Ehefrau unterlegt ist... Ein Song über eine belastungsfähige Gummipuppe ("Miss Pinky") findet sich darauf ebenso wie das großartige "Disco Boy", in dem es um oberflächenbewußte Discoschnösel geht, die sich auf dem Abort einen von der Palme wedeln und keinen Stich landen, so sehr sie es auch versuchen... Das Titelstück enthält geschmolzene Gitarrenklänge von Maestro Zappa.
Und da sind wir auch schon bei "Live in New York", dem großen Doppelalbum, das "Titties´n´Beer" enthält - nicht nur einer von Zappas erfolgreichsten Livestandards, sondern auch ein großes Vergnügen, da Terry Bozzio sich hier die Gummimütze aufsetzt und den Teufel markiert, der Zappa in den Orkus locken will, aber keinen Erfolg hat, da der Motherfucker acht lange Jahre bei Warners unter Vertrag stand und schon ganz andere Wixer bekämpft hat... Dieses Zauberwerk enthält Stücke, die mich in jungen Jahren nachhaltig verstört haben und zu denen ich noch immer swinge. Zu den esoterischen Höhepunkten der Platte gehört "The Illinois Enema Bandit", das auf den authentischen Klistierexzessen eines bösen Verbrechers beruht, dem wahrlich der Prozeß gemacht gehört wie in diesem Stück... Das "Black Page"-Schlagzeugsolo, das zu einem veritablen Discobrummer umgewandelt wird, ist ebenso preisverdächtig wie das ellenlange "The Purple Lagoon", in dem Soli vorkommen, die so tuberkulös klingen, daß man nie wieder gesund werden möchte... (Von letzterem Stück besitze ich eine Aufnahme aus der "Saturday Night Live"-Comedysendung, wo die Band unter Vorsitz von Samurai John Belushi agiert!) Hier lohnt sich endlich einmal die Anschaffung der Doppel-CD, weil sie endloses Zusatzmaterial enthält - auch "Titties´n´Beer" ist länger. Auch enthalten ist "Punky´s Whips", eine Liebeserklärung von seiten Terry Bozzios an den Sänger der Glam-Pop-Combo Angel, die man möglicherweise noch von alten K-Tel- oder Arcade-Samplern kennen mag, die sonst nur noch auf dem Soundtrack zu Zappas Film "Baby Snakes" enthalten ist. Jener Film enthält übrigens Stopmotion-Knetgummi-Animationen des Künstlers Cal Schenkel, für die es im Diesseits keinen Namen gibt.
Dann kommen wieder einige Alben, die mit Randmaterial aus der Mittsiebzigerphase Zappas angefüllt sind, mit lauter wechselnden Musikern. "Studio Tan" (1978) enthält "Greggary Peccary", eine musikalische Peter-und-der-Wolf-Erzählung, die eine Fortsetzung zum 8 Jahre älteren "Billy the Mountain" von "Just Another Band from L.A." darstellt. Neben zwei E-Musik-angehauchten Tracks gibt es noch das vergnüglich bubblegummige "Lemme Take You To The Beach".
"Orchestral Favorites" enthält Versionen von verschiedenen Zappa-Werken, die für ein Low-Budget-Orchester arrangiert wurden. (Später wurden einige Werke auch für das London Symphony Orchestra unter Leitung von Kent Nagano eingerichtet!) Darunter stechen die beiden Stücke aus "200 Motels" heraus, das ironisch feierliche "Strictly Genteel" und das nicht minder lustige "Bogus Pomp", das zahlreiche Anleihen beim Zeichentrick und bei konventioneller Hollywoodmusik aufweist. Auch der Pflaumenfürst von "Absolutely Free" erfährt eine Adelung.
Wesentlich besser ist aber die großartige "Sleep Dirt" (1979), die auf dem tollen gezeichneten Cover lebendig gewordenen (und bei Gott grimmigen!) Schlafschmutz zeigt... Hier mischen sich bereits Mitglieder der alten Bandbesetzung mit neuen Musikern, u.a. Bassist Patrick O´Hearn, der auf einigen furiosen Zappas mitspielen sollte, bevor ihn dann die Meditationsmafia einholte. Eine richtig tolle Platte, deren Instrumentals bei der CD-Veröffentlichung zumindest teilweise mit dem schwarzen Gesang von Thana Harris unterlegt worden sind. Der ist auch sehr geil, aber hier lohnt sich die Anschaffung von Original und Variation, zwecks Vergleich. Der schamlos pompöse "Regyptian Strut" ist ein Klötenknaller, wie auch "Flambay" zu begeistern weiß. Nach einem Duett mit Gitarrist James Youman setzt es das gnadenvoll lange "The Ocean is the Ultimate Solution", nach dem niemandem mehr was einfällt...
Das Glanzstück der Bozzio/O´Hearn-Besetzung ist zweifellos "Sheik Yerbouti" (1979), und hier muß ich wieder etwas weiter ausholen. Als ich etwa 13 Lenze zählte, hörte ich "Bobby Brown" zum ersten Mal. Ich stand damals noch auf harmonische Radioware. Ich verliebte mich in den Song und übersetzte ihn mit Hilfe eines sehr freizügigen Wörterbuchs mühelos. Daß es dieses Lied, das von einem sexuell total verkorksten Glattgesicht handelt, in die Top Ten der Charts schaffte, verblüffte mich schon damals maßlos. Ich kaufte mir das Doppelalbum, und während mir die meisten Songs sehr schräg erschienen, beeindruckten sie mich nachhaltig. Jahre später kramte ich das verruchte Werk wieder hervor und erarbeitete mir meinen Weg in den Zappa-Olymp! Neben einem Peter-Frampton-Attentat ("I Have Been In You") und einer spät-hippiesken Bob-Dylan-Parodie ("Flakes", das eigentlich von amerikanischen Handwerkern handelt und auch von spießigen Mittelständlern stammen könnte) gibt es den Discohit "Dancing Fool" und das politisch denkbar unkorrekte "Jewish Princess", in dessen Werteheddern sich auch viele Spätguthippies (nette Differenzierung, was?) verfangen haben mögen. (So erfährt man, daß man zur Humorfraktion gehört...) "Broken Hearts Are For Assholes" beschreibt das Gefangensein in der latenten Homosexualität (für alle die, die solche Unterscheidungen brauchen), während Terry Bozzio in "I´m so Cute" die Befindlichkeit von unheilbar gesunden Neumenschen beschreit, von denen Kalifornien nur so wimmelt. Für die etwas extremeren Fans gibt es dann einige Stücke, wo Soli über bestehendes Material gelegt worden ist (auch gerne in abweichendem Takt!), und der ganze Reigen wird dann abgeschlossen von "Yo´ Mama", das sich zu einem tränentreibendem Gitarrensolo entwickelt...
"Joe´s Garage" (1979) ist dann eine Rock-Fastoper, der flugs ein zweiter und dritter Teil angehängt wurde, auch wenn der erste eindeutig der beste ist. Erzählt wird von dem autobiographisch gefärbten Joe, der mit seinen Boys in einer Garage Bandmucke macht, die ihnen bescheidenen Erfolg beschert. Er kommt dann bei seiner lebensanschaulichen Erforschungsfahrt in den Knast, aus dem er aber (trotz homosexueller Exzesse) als geläuterter Gutmensch wieder hervorgeht, der sich der herrschenden Langeweile trefflich angepaßt hat. Zu den Klassikern von Teil 1 gehört "Catholic Girls", in dem die Vorzüge frommer JungInnen treffend herausgearbeitet werden, "Crew Slut", in dem es über die Aufregungen des Groupiealltages geht ("It looks just like a Telefunken U-47...") und "Why Does It Hurt When I Pee?", in dem die neugewonnene sexuelle Unabhängigkeit sozialkritisch hinterfragt wird. In Teil 2 promeniert "Stick It Out", das sich erneut der deutschen Sprache bedient ("Fick´ mich, du miserabler Hurensohn..."). "Dong Work for Yuda" handelt dann von den Knastspäßen, die in "Keep It Greasy" ausgeführt werden. Teil 3 ist stark solobetont. Insgesamt darf auf jeden Fall der anbetungswürdige dicke Schwarze Ike Willis (nur echt mit Wollkäppi!) als Neuankömmling willkommen geheißen werden.
Nach dem reinen Gitarren-3-LP-Set "Shut Up´n´Play Yer Guitar" (1980) gab es dann das tolle Doppelalbum "Tinseltown Rebellion", auf dem sich die neue Band geschlossen live präsentierte, einschließlich des Van-Halen-Gitarreros Steve Vai, Ray White und wen man sonst noch so liebt. Abgesehen davon, daß das antiquarische "I Ain´t Got No Heart" wiederbelebt wird, feiert man so schöne Schmankerln wie "Easy Meat", das genau von dem handelt, wonach es klingt... Das Titelstück handelt von den Verirrungen, die die immer kommerzieller werdende Musikindustrie zu der Zeit eingegangen ist. (Na ja, eigentlich war die Musikindustrie schon immer so kommerziell, aber die medialen Möglichkeiten wuchsen eben damals...) Auch schöne neue Versionen von "Brown Shoes Don´t Make It" und "Peaches en Regalia" (von "Hot Rats") werden lautbar, gesäumt von diversen spaßigen Sprachimprovisationen...
Noch besser war "You Are What You Is", einem Liederreigen, der sehr an alte Zeiten erinnert, die aber für die aufkeimende MTV-Generation geupdatet worden sind. "Lonesome Cowboy" Jimmy Carl Black schaut mal wieder vorbei bei "Harder Than Your Husband", während Stücke wie "Goblin Girl" und vor allem "Conehead" schon Anleihen nehmen bei den MTV-veredelten ( bzw. -verekelten) "Saturday Night Live"-Kostbarkeiten à la "Coneheads". Vieles handelt von dem Schlick, in den dich Drogen ratzfatz befördern können, und zwar nicht in heuchlerischem "Keine Macht den Drogen"-Slang, sondern sehr praktisch - wenn die Mistdinger dein Leben kontrollieren, kannst du deine Ambitionen auf Pfeife rauchen! (Drogen - jeder, der möchte! Aber wenn er anfängt, scheiße zu sein - auf Wiedersehen! Sehr viel komplizierter läuft das Leben nicht...Und das ist okay!) Die Platte handelt ansonsten von schönen Menschen, deren Reichheit nicht darüber hinwegtäuscht, daß sie nur graue Grütze im Klöben haben, und von Fernsehpredigern, die mit der Bereitschaft des Menschen zum Gutglauben herzhaften Schindluder treiben. (Schön blöd, wer sich von solchen Bauernfängern plattmachen läßt!)
Einer meiner persönlichen Favoriten ist die covermäßig verdrudelte "Ship Arriving Too Late To Save a Drowning Witch" (1982), die von höchst kommerziellen Stücken zu abgrundtiefer Obskurität reicht. Der erste Track handelt von den Vergnügungen einsamer Lastwagenfahrer, während Stück 2, "Valley Girl", von einer westküstenspezifischen Gattung Jungmädchen handelt, die einen ähnlichen Unsinn quasselt wie Kelly Bundy, nur halt reich! (Das hat mir ein Kalifornier mal gestenreich auseinandergesetzt.) Als "Val" brilliert hier Zappas reizende Tochter Moon, die mit ihrem Papa auf dem Singlecover in trauter Eintracht posiert. Auf dem ultraschrägen "I Come From Nowhere" besingt Oldie Roy Estrada die "Nowhere People", die halt immer grinsen, selbst wenn man ihnen mit einem Hammer auf den Zeh haut. "Drowning Witch" ist ein kleines Meisterstück, das kaum zu spielende Passagen enthält und schließlich in dem operesken "Teenage Prostitute" endet... Suuuuper!
"The Man From Utopia" (1983) ist eine sehr glatt klingende, aber mit zahlreichen Untiefen versehene Platte, deren anfänglicher Haßgesang gegen kokainschnupfende Deppen, die unser Leben bestimmen (hallo, Hollywood!), abgelöst wird von Sachen wie der 50s-Science-Fiction-Hommage "The Radio Is Broken", wo u.a. der Film "World Without End" zitiert wird... Absolute Kitschlieder wechseln sich ab mit Jazzstücken, in denen Zappa zu eigener Sologitarre rappt, wobei die Gitarre haargenau seine Tonlage trifft...
Nach einer Zusammenarbeit mit dem Opernstürmer Pierre Boulez (der verschiedene seiner Werke orchestral bearbeitete) kam "Them Or Us" (1984), in dem Zappa noch mal einige Puschen auspackt, darunter Satz 2 seines Werkes "Sinister Footwear". "Truck Driver Divorce" säuselt steelgitarrig vom gestörten Liebesleben rühriger Trucker, während "Stevie´s Spanking" das nicht minder gestörte Sexleben des blauhaarigen Gitarristen Vai beleuchtet. (Gesungen vom großartigen Bobby Martin!) Eindeutig MTV-geprägt ist "Be in my Video", während mit "Whipping Post" ein herzzerreißendes Allman-Brothers-Cover vorliegt. Dazwischen gibt es abwechselnd viel Gepfriemel und viel Geschmachte, das auch das schöne "Baby Take Your Teeth Out" enthält, wo Ike Willis seine Vorliebe für die reiferen Jahrgänge besingt... Ach, und Johnny Guitar Watson schaut auch noch mal vorbei und warnt vor einem Urlaub "In France"!
Danach (nach der 84er Tour) wurde es weitgehend still um Zappa. 1986 kam noch "Zappa meets The Mothers of Prevention" heraus, sein persönlicher Kommentar zu den Vorgängen um die heutige Fast-First-Lady Tipper Gore (na toll, dafür haben wir Marilyn Quayle!), die einstmals zum Sturm auf die Porno-Rock-Bastion blies, wie dies Monica Lewinsky nicht in hundert Jahren vermocht hätte! Bei den damaligen Senatsanhörungen wurde auch Zappa als Kronzeuge geladen, der den Geschworenen einiges erzählte, was auch auf dieser Platte zu hören ist... Auf der amerikanischen Version gibt es das lange Stück "Porn Wars", auf dem der Fast-Präsi Al Gore zu hören ist, wie er sich in extrem schleimiger Weise als Zappa-Fan zu erkennen gibt. Äußerungen von seiner Gattin sind gemütvoll eingemischt und samplemäßig integriert in den Synthieteppich des Stücks, der keinen Zweifel an den Absichten Zappas läßt! (Auf der europäischen Version der Platte gibt es leider keine politischen Einsprengsel...) Ansonsten gibt es hauptsächlich Synklavier-Töne zu hören, wie man sie von der folgenden "Jazz from Hell" kennt und wie sie zahlreiche alte Zappa-Fans etwas verschreckt haben. Meine persönliche Meinung: Auch wenn der alte Perfektionist sicherlich nicht unrecht hat damit, daß einige Partien einfach nicht von menschlichen Musikern zu spielen seien, so machen die Stücke einfach nicht soviel Spaß wie die älteren Sachen - Ende der Diskussion!
Und 1989 war dann noch einmal ein Zuckerjahr: Mit "Broadway the Hard Way" kehrte Zappa zu seiner "Absolutely Free"-Schiene zurück und präsentierte Politik-Kabarett eingepackt in Musik vom Feinsten, untermalt von einer Big-Band-Besetzung, die vielen Hören & Sehen verblies! Ich finde, daß die LP ein würdiges Abschiedsalbum ist und die mittlerweile ja schon wieder damalige Politszene mit großartigem Spott versah. Nach dem anmutig kitschigen "Elvis Has Just Left The Building" bekommt der moderne Typus der Karrierefrau (okay, nicht sexistisch sein: ebenso wie der des Karrieremannes!) in "Planet of the Baritone Women" sein Fett weg, wie auch das ursprünglich für Nixon gedachte "Dickie´s Such An Asshole" auf moderne republikanische Verhältnisse umgedichtet wird. Auch Demokraten erleben schweren Seegang: Jesse Jackson ist das Thema von "Rhymin´ Man", und bei "Promiscuous" rappt sich Ike Willis in den Aids-Diskurs, daß es nur so raucht in der guten Spalte. "Jesus Thinks You´re a Jerk" ist dann für mich das endgültige Wort zum Thema Fernsehprediger und bläst Pat Robertson, Jimmy Swaggart und den anderen Seelenhändlern den Marsch zum Jüngsten Gericht. Die CD-Bonus-Trax sind reichhaltig bemessen und enthalten ein zusammen mit Sting gespieltes Lied (!) ebenso wie das Jimmy-Swaggart-Gedächtnis-Stück "What Kind of Girl"...
So, und obwohl ich jetzt nicht auch all die Bootlegs und Sampler aufzählen möchte, will ich doch noch auf einige unbedingte Glanzleistungen hinweisen! Leistung Eins ist die Reihe "You Can´t Do That On Stage Anymore", die auf 6 farbenfrohen Doppel-CDs Reisen durch alle Phasen des Zappa-Oeuvres offeriert. Am besten ist Teil 1, dessen Höhepunkt eine 20-minütige Durchführung von "Don´t Eat the Yellow Snow" ist, die von Zappa immer mal unterbrochen wird, um "audience participation" zu gewährleisten. In einem Fall sieht das so aus, daß ein vollkommen bedrogter Zeitgenosse auf die Bühne kommt, der unbedingt ein Gedicht aufsagen möchte. "More poetry, please!" fordert Zappa sofort, aber als das Publikum der Aufforderung nicht nachkommt, muß dann doch der Dichter auf die Bühne gebeten werden, der ein Gedicht zitiert, bei dem sich die Balken biegen: Da ist von einem Garten die Rede, der mit Tränen gewässert wird. "Oh, you mean Kindergarten?" meint einer der Musiker von der Seite... Auch schön der Bericht Zappas von dem Typen der bei allen Konzerten erscheint und immer aus der Masse heraus meint: "Fig´ me out, Frank, fig´ me out!" Der Tourmanager wird intensiv gedemütigt, als es darum geht, einen Rock´n´Roll-Klassiker zu spielen, der als "Ruthie Ruthie" herauskommt und von der Vorliebe besagten Managers für die Leibesöffnungen wollüstiger Hündinnen handelt... Die "Mommy Anthem" von Zappas Musical "Thingfish" ist enthalten, die in Palermo entstand, wo kurz danach die Polizei einen Aufruhr mit Tränengasgranaten niederschlug. (Nachzuhören in Vol. 3!) Ein Set wird angekündigt mit einer Auflistung der nicht minder tränentreibenden Gebrechen, an denen die Band leidet. Und auch ansonsten ist viel los in Chez Zappa...
Auf Vol. 2 dieser Serie befindet sich das gesamte Helsinki-Konzert der Traumbesetzung um Napoleon Murphy Brock & Co., und die meisten Songs werden in zweifacher Geschwindigkeit gespielt. Wer das versäumt, ist selbst schuld!
Auch hübsch ist die Doppel-CD "The Best Band You Never Heard In Your Life", auf der neben unglaublichen Coverversionen von "Ring of Fire", "Purple Haze" und "Stairway to Heaven" auch zahlreiche Seitenhiebe auf Jimmy Swaggart enthalten sind, einen säulenheiligen TV-Prediger, der einige Kollegen aufgrund von moralischen Verfehlungen verpetzt hat und selber bei widernatürlichen Akten mit einer Prostituierten erwischt wurde - peeeinlich! (Peinlicher noch, daß besagter Rentenscheckkassierer im Fernsehen heulte und bereute - und jetzt weiterkassiert!)
"Make a Jazz Noise Here" enthält schließlich einige Big-Band-Juwelen, darunter das Stück "When Yuppies Go To Hell", in dem nicht nur demonstriert wird, wie gut Chad Wackerman an den Syndrums ist, sondern auch, wie nett man Tipper Gore einsampeln kann... ("Fire and Chains"!) Der Rest ist kontrapunktiert von Leihgaben von Strawinsky und Bartok...
Neben den schon erwähnten Filmen gibt es auch noch ein schönes Live-Video mit der Frühachtzigerbesetzung um Ike Willis, Chad Wackerman etc., das passend "Does Humor Belong In Music?" betitelt ist und die Konzertausschnitte mit Interviewfragmenten mit Zappa untermalt, aus denen auch das Zitat stammt, das diesen Text begonnen hat... (Die CD gleichen Namens enthält andere Cuts von derselben Tour, darunter auch eine Durchführung von "What´s New in Baltimore", die Zappa mit demolierter Gitarre gespielt hat, die sich anhört, als sei sie betrunken = ständig wegeiernd!)
Wenn man nicht an Abrahams Gott glaubt, gibt es einige Gründe, sich ersatzhalber bei Frank Zappa umzuschauen! Der subversive Humor der Punk-Ära verbindet sich bei ihm mit einer musikalischen Virtuosität, die von schönster Harmonie zu braatzigster Aggressivität reicht. Ich habe die "Broadway the Hard Way"-Tour erlebt, der Filmexperten-Achim sogar die 84er, wofür ich ihn ewig beneide... Wenn es einen Musiker gibt, der mich auf Lebenszeit beeinflußt hat, dann ist das Zappa. Er ist Anfang der 90er verstorben, was mich endlos betrübt hat. Aber man kann sich noch auch seiner Website umschauen, die von seiner Frau unterhalten wird, wo zahlreiche Infos vorhanden sind. Die wenigen Infos über sein Leben, die ich hier eingewoben habe, stammen aus dem tollen Buch "Viva Zappa" von dem Franzosen Dominique Chevalier, das Fans wärmstens ans Herz gelegt sei, da mit Kenntnis geschrieben und reich bebildert. Die Website von Frau Zappa ist natürlich unten eingelinkt - auf welchem Bild, das müßt Ihr selber rausfinden!
Motherly Love An Italian Salute