WALT WHITMANS RÜCKKEHR

Wenn der Intellekt ruhen will, leihe ich mir auch mal neue amerikanische Actionware aus. Dort drischt meist dummes Fleisch auf dummes Fleisch, blaue Bohnen harken in bester John-Woo-Tradition durch die Anrichte, und Sparsex der Kabelfernsehliga schmiert die Übergänge von Schußwechsel zu Schußwechsel. Schauspielerische Glanzleistungen, innovative Mise-en-scène oder provokative Inhalte sind hier meist nicht zu Hause. Einfach zurücklehnen und entspannen...

Dabei kommt mir auch manchmal ein Werk unter die Augen, daß so schlecht ist, daß es schon wieder gut ist! Als ich mir Mark E. Lesters WHITMANS RÜCKKEHR (BLOWBACK) entlieh, erwartete ich nicht wirklich eine Filmbiographie des Dichterfürsten Walt Whitman, sondern richtigen Plumpaquatsch mit viel Theaterdonner. Und in der Tat: Eine so große Ballung von Unglaubhaftigkeiten, Regiefehlern und sonstigen Unzulänglichkeiten habe ich lange nicht mehr gesehen. Dabei ist der Film an sich ausgesprochen unterhaltsam, weswegen ich hier auch drüber berichten möchte...

Der Name Mark E. Lester verpflichtet ja eigentlich. Wer könnte jemals die großartigen Kirmespunker aus seinem Meisterwerk DIE KLASSE VON 1984 vergessen, wie sie den liberalen Nettie-Lehrer Stück für Stück zum atavistischen Triebmörder degenerieren lassen. Daß dieser Neuversion von Richard Brooks´ schönem SAAT DER GEWALT (Bill Haley & The Comets, remember?) nicht wirklich eine tiefere Botschaft zugrundelag, die an des Regisseurs engagiertem Busen bubberte, merkte man spätestens bei seiner greuslichen Fortsetzung, CLASS OF 1999, wo wirklich alle Register des finstersten Bullshits gezogen wurden!

Zu seinen sonstigen Heldentaten gehören Meilensteine des dummen amerikanischen B-Actioners, wie etwa NIGHT OF THE RUNNING MAN oder SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO. In der Regel steht der Name des Regisseurs für handwerklich durchaus akzeptable Haudraufgranaten, die in der Videothek und im Kabelprogramm bestens aufgehoben sind.

Nun zu WHITMANS RÜCKKEHR! Der Prolog des Filmes ist bereits der Chef: Mario van Peebles (der auch schon mal bessere Tage gesehen hat!) ist ein Bulle, der zusammen mit einem Kollegen dabei ist, den psychopathischen Frauenmörder Whitman zu stellen. Leider können sie nicht mehr verhindern, daß eine nackte Blondine kopfüber gekreuzigt wird, und dem Kollegen geht es auch an den Kragen. Van Peebles erweist sich als hervorragender Bibelkenner, denn er kennt das Bibelzitat, das der toten Schönen in den Mund gestopft wurde, im Wortlaut. Außerdem ist ihm sofort klar, daß die Art, in der das Opfer zubereitet wurde, ganz klar dem Tod eines kirchlichen Märtyrers nachempfunden ist! Ein Polizist, wie man ihn sich wünscht: belesen, idealistisch und voller Überraschungen...

Gleich darauf wird er von Whitman mit einer Art überdimensionierter Nagelpistole an den Boden gekreuzigt, worauf der Polizist dem Psycho die Nase abbeißt! (Mal umgekehrt...) Aber das erweist sich als Alptraum, der den Polizisten lange nach der erfolgreichen Verhaftung peinigt. Da Lesters Drehbuchmokel nicht nur SEVEN und DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER gesehen hat, sondern auch AMERICAN WEREWOLF, taucht der Mörder bei Van Peebles im Badezimmer auf - ein Alptraum im Alptraum. *staun*

In Wirklichkeit wurde Whitman damals brav hingerichtet. Man sollte hier kurz einschieben, daß Whitman von James Remar (aus THE WARRIORS) gespielt wird, und zwar mit einem grotesken Makeup, das ihn fast wie ein Räuchermännlein aussehen läßt! Der erste Psychopath mit Gumminase - die hätten dem auch eine rote Clownsnase aufsetzen können... *lol*

Nach erfolgter Hinrichtung taucht dann auf einmal der böse FBI-Mann Stephen Caffrey auf, der Whitman eine Spritze in den Leib jagt, die ihn auf geheimnisvolle Weise reanimiert. Daraufhin kommt der Mörder in einen Tank mit grün gefärbtem Blubberwasser, in dem er hübsch zuckt, während ihm Caffrey die Details seiner neuen Identität eintrichtert: Whitman ist jetzt Stephen Schmidt, ein deutschstämmiger FBI-Killer, der für die Regierung mißliebige Gesellen umblasen soll. Der Gummiquatsch wird ihm auch aus dem Gesicht genommen. Beim ersten Auftrag stellt sich aber heraus, daß die Gehirnwäsche mitnichten von Erfolg gekrönt war - Whitman dreht und brennt durch!

Ganz klar, daß er jetzt die gesamte Liste der Geschworenen, die ihn auf den Stuhl geschickt haben, der Reihe nach durcharbeiten muß. Ganz klar auch, daß er dabei streng alphabetisch vorgeht und seine Tötungsarten nach der altgeliebten Märtyrermanier aufziehen muß: Einem Opfer werden die Eingeweide über eine Art Seilwinde gezogen (= der Heilige Elmo, bekannt durch das Elmsfeuer!), einer anderen werden die Brüste abgeschnitten (=die Heilige Heidi?) Das klingt übrigens zum Glück garstiger, als es im Film präsentiert wird, ist aber auch so noch durchaus ungeeignet für das Nachmittagsprogramm des Bayerischen Rundfunks. *schudder*

Zu Beginn halten die Polizanten die Metzeleien noch für das Werk eines Copycat-Killers, der den Untaten seines toten Idols nacheifern möchte. Aber Van Peebles wird bald klar (warum?), daß es sich um Whitman selbst handeln muß, der hier das Getreide einfährt. Die Ahnung wird zur Gewißheit, als sich Whitman an die Exfrau von Van Peebles wendet, die auch auf der Geschworenenbank zu finden war...

Ohne dem Film jetzt übermäßig viel Ehre zukommen lassen zu wollen, aber als SEVEN-Abklatsch ist er wesentlich sympathischer als der überhöhte, stilistisch aufgemotzte und teilweise wirklich unerquicklich blutrünstige RESURRECTION von Russell Mulcahy, in dem Christopher Lambert mit seinem patentierten Rehkitzblick nervte. Außerdem habe ich fast in einer Tour gelacht, denn Van Peebles ist als Polizist in etwa so glaubhaft wie der Hase Cäsar. Ihm zur Seite steht eine sehr steril dreinschauende Hübschbiene, sehr im Stil der neoliberalen Politikergattinnen wie Hillary Clinton oder Doris Köpf-Schröder. Die wird auch bald plattgemacht. Die Exfrau von Van Peebles ist eine ziemlich aufregende Schwarze, der auch eine sehr alberne Softsexszene mit dem Gesetzeshüter gehört. (Ich finde ja auch, daß man "danach" noch etwas miteinander reden sollte, aber doch bitte nicht sowas...)

Während man bei den Charakterisierungen bereits laut aufheulen kann, klotzt das Drehbuch heran mit lustigen Continuity-Fehlern und wilden Wendungen. Sehr hübsch die diversen unglaubhaften Actionszenen: In einer etwa bekommt der böse FBI-Agent aus etwa zwo Metern Entfernung eine Geschoßgarbe aus einem Schnellfeuergewehr mitten in den Bauch. Okay, er hat ´ne Weste getragen, aber selbst mit diesem Hilfsinstrument wäre der G-Man in der Realität für ein paar Stunden bewußtlos gewesen und hätte sich dann im Hospital seine gebrochenen Rippen richten lassen müssen. Nicht so hier - Caffrey springt auf und trampelt durch die Saat! In einer anderen Szene entkommt der Killer, indem er sich aus etwa 10 Metern Höhe auf ein Autodach fallen läßt! Endlich, ein Mann ohne Rückgrat, aber mit Mut - so wünscht es sich das Vaterland!

Mehr gefällig? Ein Charakter fällt am Schluß besonders dusselig und pfählt sich selbst. Dem ragt ein halber Donnerbalken aus der Plauze, und trotzdem richtet er sich auf und stellt noch eine ernstzunehmende Gefahr für die Landbevölkerung dar... Zu der Idee, mit einer Armbrust Kruzifixe zu verschießen, sage ich mal gar nix mehr! :)

Also, cooler schöner Schrott, genau das Richtige für die anstehenden Wahldiskussionen! Wenn man die Universität besucht und dort einen Filmkurs belegt hat, kann man den Film sehr gut zum Seminar mitnehmen und vorführen - der Dozent weist einem danach den Weg in die Freiheit und hilft einem vielleicht sogar noch in den Mantel!

"Take a look at my face - I am the future..." (Alice Cooper, Titelsong zu THE CLASS OF 1984)

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