Wenn
der Meßdiener zweimal klingelt
Das neue Buch von Wenzel Storch

Bald ist Heilige Nacht.
Frommsein und guter Wille durchdringen die festlich geschmückten
Gassen. Überall auf der Welt bekommt der Deckenputz schon jetzt
eine Gänsehaut, weil er weiß, daß der Tannenbaum ihn
wieder verletzen wird. Wenn der Taumel vorbei ist, weiß man ganz
genau, daß das gläserne Knirschen unter den Füßen
nicht von Junkie-Spritzbesteck herrührt, sondern von ausrangierten
Christbaumkugeln. Dann beginnt bald wieder der Alltag.
Bis das soweit
ist, gehen aber noch einige Tage ins Land. Nicht jeder befindet sich
schon in der glücklichen Situation, daß er alle
Weihnachtsgeschenke beisammen hat. Manch einer teilt das Schicksal des
Deckenputzes, weil ihm das Gewühle des Innenstadtterrors schon
jetzt einen festlichen Schauder über den Rücken jagt. Da tut
es gut, wenn man Geschenkideen hat. Und da komme ich ins Spiel. Oder
besser gesagt Wenzel Storch, denn jener hat ein neues Buch
veröffentlicht: "Der
Bulldozer Gottes" heißt es, und egal ob zur heiligen oder
zur eiligen Nacht, es ist ein Buch für den alternativen
Gabentisch, der die frohe Botschaft nicht scheut. Es ist ein gutes Buch.
Der im
Ventil-Verlag herausgekommene Foliant versammelt unterschiedliche
Aufsätze und Zeichnungen, mit denen der Filmemacher und
Lebenskünstler Wenzel Storch die kulturellen Einflüsterungen
seiner Kindheit und seiner Jugend verarbeitet und einer
nachträglichen Bewertung unterzogen hat. Daß er dies auf
beeindruckend hohem Niveau und unter Zuhilfenahme sehr trockenen Humors
macht, sorgt für einen ungestörten Paddelausflug auf dem
Fluß seiner Gedanken. Der Akt des Lesens ist - wie schon Kurt
Vonnegut einst vermerkte - ein Akt der Arbeit -, und zu den edelsten
Aufgaben des Schriftstellers gehört es, dem Leser diese Arbeit so
leicht wie möglich zu machen. Wenzel Storch bewerkstelligt dies
mühelos und läßt dabei unzählige Sprachmarotten
auch meiner Jugendzeit mit einfließen. Die Formulierung "Is ja
schocke!" zum Beispiel habe ich noch niemals in geschriebener Form
gesehen und mit Sicherheit seit drei Jahrzehnten nicht mehr gehört!
Thematisch werden
mit besonderer Inbrunst religiöse Bizarrerien abgehandelt,
darunter die berühmte Ostpriesterhilfe und der "Speckpater", der
auch als "Bulldozer Gottes" in die christlichen Annalen einging. Man
erfährt von der großen Speckschlacht des Jahres 1948, von
Publikationen wie "Leuchtfeuer Ministrant" und von Petzis Abenteuern
mit dem Bums-Tier, und das alles im ersten Text! Andere Essays handeln
von dem Nuttenmissionar Pater Leppich. vom sächsischen Westerner
Karl May, von der Kinderstube der deutschen Rockmusik, von
pornographischen Comics, von Roland Topor, Arno Schmidt und Hans Moser.
Kurzum, es handelt sich um einen bunten Fächer deutschen
Kulturgutes, dessen Rezeptionsgeschichte auf ebenso kenntnisreiche wie
unterhaltsame Weise beleuchtet wird. Selbstredend ist das Buch reich
bebildert, mit seltenen Katholenmagazintitelblättern,
Modetorheiten längst vergessener Zeiten, Petzi, Pelle, Pingo,
Familienbildern des Autoren, aber auch einige Penisse und Mumus haben
sich hineingeschlichen. Am großartigsten finde ich
persönlich aber die selbstgefertigten Zeichnungen, die den
bisherigen Lebensweg Wenzel Storchs verdeutlichen. Sie stecken voller
Wahrheit und guter Beobachtungsgabe. Mit wenigen Strichen werden
mühelos ganze Existenzen vor den Augen des staunenden Betrachters
ausgebreitet. Dabei sollte man anführen, daß der Autor
Storch die Objekte seiner Beobachtungen niemals diffamiert.
Während seinen Filmen häufig - m.E. komplett zu unrecht -
eine blasphemische Attitüde unterstellt wurde, liegt der Reiz
seines Schaffens in der entwaffnenden Liebenswürdigkeit, mit der
er seine privaten Verhexungen verarbeitet. Als Resultat dieser
Bemühungen erscheinen selbst so manche durchaus
kritikwürdigen Erscheinungen menschlichen Strebens als schillernde
Kuriositäten, entwickeln ihre eigene Pracht. Selbst die
offensichtlichen Irrläufer werden nicht verteufelt, sondern als
pittoreske Spielformen des Lebens bestaunt und gewürdigt. Wer den
"Bulldozer Gottes" aufschlägt, wird aus dem Staunen nicht mehr
herauskommen, denn man erfährt vieles, von dem man wahrscheinlich
noch keine Ahnung gehabt hat. Es ist eine fremde und seltsame Welt,
aber die Wunder werden nicht alle. Ein feines Buch, das ich bereits
zweimal gelesen habe! (Zu beziehen u.a. hier.)
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