GEBEN IST SELIGER DENN GEBEN

Nun naht sie wieder, die selige Weihnachtszeit. All die netten Menschen, von denen man das ganze Jahr über weitgehend verschont worden ist, schieben sich über den Marktplatz und tun das, was sie um diese Jahreszeit am liebsten tun: menscheln. Halbvergessene Religionsgemeinschaften oder solche, die noch geboren werden müssen, werden einem ins Gesicht geworfen wie Rei aus der Tube. Der Mann mit dem Honigeimer lauert an jeder Straßenecke und droht mit seiner Rute. Am besten fand ich noch einen Nikolaus, der sich einmal feist in der Bremer Fußgängerzone postierte und dort zum Entsetzen der vorbeiziehenden Einkäufer jimihendrixige Gitarrenkaskaden der ganz windschiefen Sorte hervordrosch. Und er sang dazu. Mein Gott, wie er dazu sang...

Doch das Wichtigste am Weihnachtsfest ist natürlich die Frage der Geschenke. Ansonsten hockt wieder einmal alles um den festlich geschmückten Baum und kuckt betütert aus der Wäsche. Für Kinder ist das ja unentbehrlich, diese ganze Ritsch- und Ratsch-Orgie. Mit feuchten Fingern wird das Papier entzweigerissen, die Augen treten vor Gier fast aus den Höhlen - mal ehrlich, ist je ein Geschenk der Vorfreude gleichgekommen? Doch nur ganz selten. Es spricht viel dafür, daß man sich als Erwachsener solchem und ähnlichem Unfug enthalten sollte. Geschenke sollten schließlich ein Zeichen der Zuneigung sein und somit Freude bereiten. Wenn man also mal zufällig über ein passendes Geschenk stolpert, dann sollte man nicht zögern, es zu einem Kurs zu erwerben, der der Stellung der zu beschenkenden Person auf der eigenen Beliebtheitsskala entspricht. Auf Kraft inmitten des allgemeinen Konsumholocausts nach feinen Gaben zu suchen, ist eine höchst unangenehme Übung und mit dem Ringen des Menschen um eine einigermaßen würdevolle Stellung im Universum nicht vereinbar.

Doch es gibt Schlimmeres. Das komplette Disaster im Hause Keßler begann, als man beschloß, den ausgestampften Pfaden zu entkommen und auf ein ausgedehntes Schenken zu verzichten. Beim ersten Mal hielt ich mich auch daran und stand mit leeren Händen da, als meine Lieben auf einmal mit ihren Geschenken ankamen. Ich fühlte mich so gar nicht besinnlich, eher wie ein Nassauer, ein Schmarotzer, ein billiger Jakob! An einem der nächsten Schenktermine lief es genau umgekehrt - alles streng konsumbefreit, nur der Christian wirft mit milden Gaben um sich wie Graf Koks. Man kann Menschen auch eleganter demütigen!

Als wäre diese eklige Situation nicht schon prekär genug, kamen nun die liberalen Versuche des Aufeinanderzugehens: Das Geschenk darf nicht mehr als 20 Mark kosten. Wißt Ihr eigentlich, wie lausig schwer es ist, in der Stadt ein originelles Geschenk für 20 Mark zu bekommen? Das reicht für eine Flasche mit billigem Whisky, und mit dem kann man sich nach der Bescherung auch besaufen. Dann hängt man den ersten Weihnachtstag in den Seilen und kriegt nichts von den Toffifee und Mandelsplittern, die dann rumliegen. Was ist denn das für ein verdammtes Weihnachtsfest??

Und dieser Unfug dauert an! Jetzt ist es wieder so: Die Parole geht um, daß niemand dem anderen etwas schenken soll. Was soll man da machen? Geschenke im Nebenzimmer aufbahren, für den Fall, daß irgendjemand auf einmal die Einmeterbonbonterrine zückt? Dann müßte ich also Geschenke besorgen, die sowohl mir als auch anderen gefallen könnten, für den Fall, daß ich sie selber mit nach Hause nehme. Was ist das denn wieder für ein Streß? Da sucht man ja doppelt so lange...

I mog nimmer. Ich spreche mich dafür aus, daß wir uns wieder Geschenke im Werte von mindestens 200 Mark darreichen und dem Weihnachtsfest geben, was des Weihnachtsfestes ist. Dann ist jeder wieder für einen Monat arm, braucht sich nicht den Kopf zu zerbrechen über sinnreiche Gutherzigkeit und leistet seinen Tribut für ein Familienfest in trauter Eintracht. Das wäre doch mal ehrlich, woll! Wenn man einander Gutes tun will, dann soll man das verflucht noch eins das ganze Jahr über tun und nicht zum Ausklang. Es wird sowieso nie wieder so schön wie damals, als meine Schwester ein Kinderfahrrad geschenkt bekommen hatte und damit den Weihnachtsbaum umfuhr, daß die Gardinen loderten. Damals war ich noch nicht geboren. Das Leben ist ungerecht. Aber ich habe die Kassettenaufnahme gehört, und die Erinnerung lodert in meinem Herzen!

Weihnachten, bald bist du da, Weihnachten, wie wunderbah.

Nie wieder Weihnachtsterror. Schenkt Euren Lieben einen Kuß auf die Wange, denn den können sie am besten gebrauchen. Da muß man sich nicht durch Massen wühlen. Den gibt´s immer und überall. Und der Weihnachtsmann freut sich.

"Früher war mehr Lametta!" bzw. "Ich will jetzt endlich mein Geschenk haben!"
                                            (Opa Hoppenstedt)

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