"Straight to DAT, mang!"
Eine Band, deren Platten sich alle so anhören, als habe irgendjemand unter ungünstigen geistigen Umständen an Muttis Küchenradio rumgespielt, ist Ween. Als ich sie zum ersten Mal vernahm, war ich bestürzt, wußte ich doch so gar nicht einzuordnen, wes Geistes Kind die Musiker sind. Das weiß ich zum Glück immer noch nicht, aber die Freude, die ist da!
Es war 1984, als sich die beiden jungen Herren Aaron Freeman und Mickey Melchiondo 1984 trafen. Da Pennsylvania ein eher behäbiger Staat ist und nach 19 Uhr nicht mehr viel geht, beschlossen die beiden, eine Band zu gründen. Zu diesem Behufe erfanden sie sich erst einmal eine einigermaßen funktionsfähige Gottheit, Boognish, der in seinem Poopship durch das Universum schraddelt. Was Boognish sonst noch so macht, ist mir schleierhaft, aber wenn in Weens Gesamtwerk eine Botschaft verborgen ist, dann doch die, daß es mehr als genug ist, durch das Universum zu schraddeln und sonst nichts zu machen...
Mit dem 1990er Debütalbum "God Ween Satan" schufen die netten Zwei bereits einen Klangkörper von eindrucksvoller Merkwürdigkeit, der wirkt wie eine Sesamstraße voller Pornokinos. Gene und Dean Ween - wie sie sich jetzt nannten - arbeiten sich breiter als breit durch eine bunte Collage sonniger Weisen. Man hat den Eindruck, daß hier nichts künstlich auf Bizarrheit getrimmt worden ist, sondern von den Schöpfern durchaus als normal empfunden wurde. Das schafft eine beunruhigende Atmospäre trügerischer Sicherheit, so als ob man einem freundlichen Fremden gegenübersteht, von dem man weiß, daß er das Waisenhaus abgefackelt hat. Das populärste Stück ist sicherlich das 10 Minuten lange Prince-Cover "Let Me Lick Your Pussy", in dem sich Gene und Dean gegenseitig unzüchtig anbalzen. Das nicht lizensierte Stück ("Ween is in big trouble, dudes!") hat selten besser geklungen. Kann man diese willfährige Bezugnahme auf liebgewonnenes Kulturgut noch als harmlosen Collegestreich auffassen, so scheinen kleine Genieblitze wie das einleitende "You Fucked Up" oder "Mushroom Festival in Hell" von wahrhaft böser Gesinnung zu zeugen. Doch weit gefehlt - sofort flößen Stücke wie "Squelch the Little Weasel" oder das ellenlange "Nicole" dem Hörer neue Hoffnung für den Lauf der Welt ein. Schwer abzuschätzen ist hier bereits, wieviel von dem Vernommenen parodistisch aufzufassen ist und wieviel als liebevolle Homage auf die Musikstile, die hier nicht nur gestreift, sondern mit einer Dampfwalze eingeebnet werden. Den leichtesten Gang hat derjenige, der die Musik einfach nur als nette und unverbindliche Unterhaltung betrachtet, die allerdings an allen Ecken und Enden kreative Einfälle enthält. Das 20-Sekunden-Bruce-Springsteen-Attentat halte ich für unbedingt preisungswürdig, wie auch das vollkommen verhaschte Schlußstück "Puffy Cloud". Vom reinen Aggressivitätsgehalt her ist "God Ween Satan" mit Sicherheit das krachigste Ween-Erzeugnis, aber die Krankheit sollte noch wesentlich ungesundere Rhythmen zutage fördern, oh ja.
Zum Beispiel "The Pod". Das ebenfalls 1990 aufgenommene, aber erst über ein Jahr später veröffentlichte Album hat eine ziemlich lausige Audioqualität, was an den sehr rudimentären Bedingungen liegt, unter denen es zustande kam: Während der Aufnahmephase in einem alten Kabuff, wo die Musiker zusammen mit ihrer Katze Mandee lebten, wurden 3600 Stunden Band gefüllt und 5 Fässer Scotchguard geleert... Auf der extrem wirren Platte klingen sie so relaxed, als wäre das Album komplett in liegender Stellung eingespielt worden. Nach einem sehr nervenzerrenden Auftakt ("Strap On That Jammy Pac") brettert "Dr. Rock" los und sorgt wieder für klare Luft, nur damit eine verrülpste Ballade über einen Gentleman namens "Frank" wieder alles zutuberkeln kann... Ein erster Höhepunkt erfolgt mit dem angewidert vorgetragenen "The Stallion", wo von widernatürlichen Deckungsarbeiten die Rede ist, die Tipper Gore so nicht gefallen haben können. (Abonnenten der frühsozialistischen Zeitschrift "Die Grubenlampe" werden ohnehin so ihre Schwierigkeiten mit der Gruppe haben...) Ein wunderschön merkwürdiger Schluchzer, "Right to the Ways and the Rules of the World", geleitet den Hörer dann in die Flammenhölle des Mittelteils, aus der niemand, ja wirklich niemand wieder lebendig rauskommt! Als einziges wirklich schnelles Stück ragt das mitreißende "Sketches of Winkle" heraus, das jede noch so lang andauernde Schlafzeit im Nu beendet. Das Adjektiv, das "The Pod" am besten beschreibt, ist "ungesund": ungesund, ungesund, ungesund. Gene und Dean wirken bei alledem so gutmütig und arglos, daß man sie ohne zu zögern jeder potentiellen Schwiegermutter vorstellen wollen würde. Allerdings erst nach einem ausgiebigen Bad...
Die erste Warner-Platte war dann "Pure Guava" von 1992, auf dem der diskrete Wahnsinn der netten Jungen von nebenan in sehr viel professionellere Bahnen gelenkt worden ist. Erstmals waren die beiden sogar abgebildet, auf einem Foto umgeben von allen Freunden, die man jemals haben wollte. Die auf der LP enthaltenen Songs erfreuen das Herz durch eine entspannte Attitüde, bei der alles Elend der Welt im Hintergrund verschwindet. Ween hören, das wurde allmählich klar, ist wie in einem besonders gemütlichen, alten, versifften und verlausten Lieblingssessel zu versinken. In "Little Birdy" knödeln sich die beiden Kanonen durch ein liebes Liedchen über ein Vögelchen, und das in verschiedenen Geschwindigkeiten. Die Musiker lachen sich über ihren eigenen Unwillen zur Perfektion tot, und dieses Lachen begleitet einen die ganze Platte hindurch. Es ist ein sehr freundliches Lachen, dem man sich gerne anschließt, denn man sitzt ja schließlich in seinem Lieblingssessel und läßt den Herrgott einen netten Mann sein. Schon bei Lied 3 (einer neuerlichen Geschichte über "The Stallion, mang!") weiß man gar nicht mehr, wie lange die Musik schon dudelt. Na ja, man sagt ja auch, der beste Sex sei derjenige, an den man sich am nächsten Tag nicht mehr erinnern kann... Mit Sex haben Ween allerdings nicht so viel am Hut, eher schon mit Gänseblümchen, die durch den Boden geschoben werden: "Push th´ Little Daisies" bekam ein sehr schönes Video, das - so die Weenies in einem Viva-Special - an einem Wochenende gedreht wurde, an dem die gesamte Crew sich nur von kalten Nudeln ernährte. Das sieht man. Sind kalte Nudeln und Rock´n´Roll bislang schon schwer miteinander zu vereinbaren gewesen, so legen auch Balladen wie "Flies on my Dick" oder "I Saw Gener Cryin´ in his Sleep" beredt Zeugnis ab von der vorherrschenden Ungeilheit. Tatsächlich verbreitet das Album ein alles beherrschendes Völlegefühl und könnte Teil eines neuen revolutionären Diätplans sein. Neben MTV-kompatibler Ware überraschen Ween auch mit einigen experimentellen Schnatzereien, z.B. "Reggaejunkiejew" oder "Mourning Glory". Auf das fröhlich aufspielende "Don´t Get Too Close For My Fantasy" folgt das finale und verfurzte "Poop Ship Destroyer", nach dem man den Lieblingssessel getrost wegschmeißen kann.
Das erste Album, das mir "live" in den Schoß fiel, war "Chocolate and Cheese", und insgesamt bleibt das auch bis zum heutigen Tag meine Lieblingsscheibe. Hier sind auch Weens erste richtig erfolgreiche Songs zu finden, wie etwa "Voodoo Lady" oder das an Lenny Kravitz erinnernde "Freedom of ´76". Ich weiß noch, wie ich damals große Augen gemacht habe, da ich wirklich beim besten Willen keine Ahnung hatte, was in den Köpfen der Musiker vorgegangen sein mag. Neben sehr kommerziellen Titeln wie dem princesken "Roses Are Free" gibt es komplette Hirnsulzklassiker wie das sehr - hmm, ja, reduzierte "Candi", das mit seiner vorsätzlichen Nervstruktur sehr an "Black Jack" von dem Debütalbum erinnert. Nach dem unschlagbaren Italowesternsong "Buenas Tardes Amigo" kommt ein Höhepunkt politischer Unkorrektheit: Der "HIV Song" verbindet gemütsvolle, sehr stark nach Nino Rota klingende Melodein durch ein lapidar hingeworfenes "Aids" bzw. "HIV". Wer hier geschockt und genervt das Schiff verläßt, bekommt noch z.B. ein Stück über spinale Meningitis nachgeworfen, bei dessen Gitarrensolo die Schnaken tot von der Wand fallen. Mein Lieblingssong ist und bleibt aber "Baby Bitch", das im Zusammenhang genossen werden will. Als CD bekam "Chocolate" auch manchmal die Maxi "Sky Cruiser" beigelegt, auf der das tolle "Cover It With Gas and Set It On Fire" enthalten ist, vormals die B-Seite irgendeiner Single.
Dann dauerte es wieder einmal 2 Jahre, bis die sympathischen Herren mit einer neuen Veröffentlichung aufwarteten. Die hatte es dann aber auch in sich: "12 Golden Country Greats" enthält zwar nur 10 Songs, die dann aber auch das Herz jedes noch so wettergegerbten Cowboys zum Schmelzen bringen. Anders als das entsprechende Werk von Jello Biafra und Mojo Nixon, kann man die Ween-Platte durchaus auch gestandenen C&W-Fans vorsetzen, denn ob man die Songs als Parodie oder einfach nur als sehr bizarre Countryliedchen aufnimmt, ist eine Frage der Einstellung. Jedenfalls haben Gene und Deen mehrere angesehene Countrymusiker als Begleitband verpflichtet, und Juwelen wie "Japanese Cowboy" oder "Piss Up a Rope" sind einfach zu schön, um sie einfach nur als Spaßmusik zu konsumieren. Neben sehr trockenen Schluchzern wie "I Don´t Wanna Leave You on the Farm" oder "Help Me Scrape the Mucus Off My Brain" gibt es auch das tolle "Fluffy", das von einem Hund handelt, der den ganzen Tag auf der Veranda sitzt. Das möchte man ihm nachmachen und dabei die Platte hören...
"The Mollusk" (1997) ist dann wieder etwas exzentrischer und enthält diesmal viel 70er-Einflüsse aus dem Progressivrockbereich, begleitet von dem Pogues-Attentat "The Blarney Stone" und netten Liedern wie "I´m Waving My Dick in the Wind" und "Mutilated Lips", die so herzzerreißend lieb gesungen werden, daß man niemandem böse sein kann. In der Tat hatten Ween sich hier endgültig zu einer mehrheitsfähigen Profigruppe entwickelt, die die akkustischen Rüpeleien früherer Platten höchstens noch live auslebt. Das wurde nicht nur von der folgenden Live-Doppel-CD "Painting the Town Brown", sondern auch vom bislang letzten Album "White Pepper" (2000) unterstrichen, das mit maximaler Effizienz nette Unterhaltungsmusik mit exzentrischen Schlenzern und einem Augenzwinkern präsentiert, das glücklicherweise noch nicht zu einem nervösen Tick degeneriert ist. Ween sind immer Gefahr gelaufen, irgendwann nur noch als reine Parodie-Combo aufgefaßt zu werden. Daß man das glücklicherweise noch nicht muß, liegt am Geschick, mit dem sie durch ihre Songs purzeln und dabei eine Leichtigkeit versprühen, die aus irgendeinem Grunde noch immer frisch und ansteckend wirkt. Wer Revolutionäres erwartet, ist hier fehl am Platz. Die Revolution frißt ihre Kinder, Ween höchstens Kartoffelchips.
Es gibt noch einige Fremdprojekte mit starkem Ween-Bezug, darunter die beiden harten Rockalben, die Dean Ween zusammen mit einem Freund aufgenommen hat. Als die Moist Boyz krachen sie sich durch extrem prollige Rocknummern, die insbesondere auf dem zweiten Album von einer textlichen Derbheit sind, die man hierzulande als höchst problematisch empfinden würde. Nimmt man z.B. ein Stück wie "Man of the Year" wörtlich, handelt es sich um eine antisemitische Belferei, die aber nur eine Maske der Moist Boyz darstellt. Auf dem Label ihrer Kollegen, den Beastie Boys, verarschen die Moist Boyz zielgerichtet 70er-Jahre-Cock-Rock à la Ted Nugent und seine sexistischen und rassistischen Anteile. Sie tun dies allerdings, ohne diese Absicht zu annoncieren, was in einem Land wie dem unseren, wo man alles ganz genau formulieren muß, damit es auch jeder Vollidiot mitkriegen kann, natürlich schwer zu schlucken ist...
1996 gab es auch noch eine Zusammenarbeit mit der japanischen Noisegruppe The Boredoms (um den Sänger Yamatsuka Eye), die sich Z-Rock Hawaii nannte und auf einer ganz wilden LP nachzuvollziehen ist.
Unten habe ich zwei Webpages eingelinkt, nämlich die offizielle, auf der man Texte, Diskographien und noch so allerlei findet, während die andere von Dean Ween geleitet wird und auch hübschen Unsinn enthält wie das Bild rechts. ("Hier habe ich meine neue TV-Grafikkarte ausprobiert.")
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