DER GROSSBÜRZELIGE TULPENKAKADU

Einer der seltensten und prächtigsten Vertreter der Papageienzunft ist der großbürzelige Tulpenkakadu, der in hiesigen Gefilden noch nicht den Bekanntheitsgrad erlangt hat, der ihm eigentlich zusteht. In seiner Erscheinung spiegeln sich die erhabensten, aber auch die ernüchterndsten Seiten des Tierreichs, und auch wenn dieser schillernde Vertreter der südamerikanischen Fauna zahlreiche Bewunderer besitzt, so handelt es sich hier doch um eine verschworene Gemeinschaft von erlesenen Geschmäckern, die aus den Vorzügen des Vogels ihr ganz persönliches Entzücken herausdestillieren können. Den anderen stößt nicht zuletzt die erstaunliche Dämlichkeit des Viechs vor den Kopf. Doch dazu später mehr.

Wenn man zum ersten Mal in seinem Leben einen großbürzeligen Tulpenkakadu von vorne sieht, so ist man von der Anmut und Pracht seines Gefieders schier geplättet. Was der Schöpfer diesem Tier an Farben mitgegeben hat, ist von so beeindruckender Vielfalt und Schönheit, daß man den Vogel einfach lieben muß. Tatsächlich ist er so schön von vorn anzusehen, daß es ornithologisch interessierte Mitmenschen gibt, die sich stundenlang in sein Federkleid vertiefen und über die milden Seiten des Lebens philosophieren können. Meines Wissens ist der großbürzelige Tulpenkakadu die einzige Vogelart der Welt, die eigene Fanclubs besitzt, die sich an dem Wundertier nicht sattsehen können. Der älteste und zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen umfangreichste Bewundererzirkel befindet sich ausgerechnet in der nordamerikanischen Industriestadt Pittsburgh, wo jedes Jahr ein großes Treffen stattfindet, zu dem Tausende aus aller Welt pilgern. Die Vorderfront des Tulpenkakadus erinnert an Träume aus besseren Zeiten und schenkt dem Betrachter einen Vorgeschmack auf das Paradies. Der Schnabel ist edel gebogen und zeigt durch seine entschlossene, aber elegante Formung einen starken Charakter an, der auch von den leuchtenden Augen unterstrichen wird. Es sind keine debil in die Umwelt stierenden Augen, sondern klug und wissensgegerbt wirkende, die schon so manches gesehen haben und es mit Milde verarbeitet haben. Hier liegt, so spüren die Kakadufreunde, die perfekte Synthese aus Wissen und Harmonie, aus Schuld und Verzeihung. Eine Art ornithologisches Yin und Yang strömt aus den Augen und zeugt von der letztlich wohlwollenden Natur des Kosmos.

Die Probleme beginnen im hinteren Bereich des Tieres, denn ein grotesk überproportionierter Bürzel schließt den Farbenreigen ab. Dieser unerwünschte Appendix - der nicht selten aussieht wie ein riesiger Pickel - wirkt wie ein Faustschlag ins Gesicht der vormals demonstrierten Perfektion und spricht der Überzeugung Hohn, die natürliche Selektion hätte im Laufe der Jahrmillionen die Makel der Urkonzeption ausgebügelt und die Lebewesen zur höchsten Wesensform heranreifen lassen. Die vermeintliche Krone der Schöpfung erweist sich als angelaufene Zahnkrone und stellt den bislang philosophisch vor sich hinträumenden Betrachter vor geharnischte Probleme. Ob es kruder Humor ist oder ein unbarmherziger Sinn für Gerechtigkeit, der den Vogel abschließend verunstaltete, aber dieser ästhetische Kompromiß wirkt wie ein Paukenschlag auf die Sensibilitäten der meisten Vogelfreunde.

Der Tulpenkakadu ahnt die ihm innewohnende Tragik. Während tatsächlich nur etwa zehn Prozent seines Körpers von seinem Liebreiz ablenken, haben diese ihm seit Anbeginn seiner Existenz schon derart drastische Fesseln und Beschränkungen auferlegt, daß seine Psyche von Grund auf gestört ist. Diese dem Vogel zu eigene Paranoia hat sich durch Tausende von Generationen in seinem Verhalten bewahrt. So stellt er, wenn ihm ein anderer Vogel begegnet, stets sein prächtiges Gefieder auf und lenkt mit grellem Gebahren von seiner Makelhaftigkeit ab. Seinen Bürzel verbirgt er meist geschickt im Gestrüpp oder in anderen Verstecken. Er weiß, daß er, sobald sein deformierter Bürzel im Tageslicht sichtbar wird, des mühsam gewonnenen Respektes seiner Vogelumwelt verlustig ginge und er das Ziel für wütende Angriffe anderer männlicher Vögel wäre. So ist es auch fast unmöglich, einen Tulpenkakadu tagsüber zu erspähen. Sein Reich ist, ähnlich wie bei der Fledermaus, das der Nacht. Um für sich oder seine Familienmitglieder auf die Jagd nach Nahrung zu gehen, zieht er das Dunkel der Anonymität vor. Die Hauptnahrung des Kakadus sind somit Nachttiere, wie Mäuse, Nachtschnecken oder andere Tulpenkakadus.

Ja, so schrecklich es ist, dies zu vermelden, aber der Tulpenkakadu zählt zu den wenigen größtenteils kannibalischen Tierarten der Fauna. Wie abstoßend uns Menschen dieser Gedanke auch erscheinen mag - für den großbürzeligen Tulpenkakadu ist er nahezu daseinsentscheidend. Die grausamen Wege, auf denen sich das Leben den auferlegten Prüfungen zu erwehren versucht, führen zu solchen Verirrungen. Das sollte uns allen zu denken geben. Der Tulpenkakadu kämpft lediglich um sein Überleben, und die Erfahrungen haben ihn gelehrt, daß ihm dazu jedes Mittel recht zu sein hat. Moral und Ethik spielen im Tierreich eine eher untergeordnete Rolle, und wer sich hier Hochmut anmaßt, der ignoriert die Tatsache, daß letztlich alles, was natürlich ist, eine innewohnende Schönheit besitzt. Das gilt auch für die Eßgewohnheiten, aber auch für den abstoßenden Bürzel des gefiederten Kannibalen.

Vom Bürzel zur Balz. Wie man sich vielleicht vorstellen kann, hat es der ausgewachsene Tulpenkakadu nicht leicht, wenn es darum geht, Kontakt zu der weiblichen Kakadufraktion zu erlangen. Dazu muß man wissen, daß die weiblichen Tulpenkakadus des störenden Bürzels entsagen und somit weniger kompromittiert sind als ihre männlichen Artgenossen. Daß sie wenig Bock darauf haben, sich mit einem eine solch ekelhafte Deformation aufweisenden Partner zu paaren, liegt auf der Hand. Die Naturgeschichte lehrt, daß Tulpenkakaduweibchen schon immer versucht haben, sich auch mit anderen Gattungen zu paaren. Es ging nur leider immer in die Hose. Deshalb sieht ein gewöhnlicher Balzvorgang so aus: Mit verdecktem Bürzel plustert sich das Männchen zu voller Balzwucht auf und entläßt einen schrillenden Ton, der beim besten Willen von niemandem überhört werden kann. Ein brunftwütiges Weibchen, das sich in der näheren Umgebung befindet, kann nun anheben, sich dem trällernden Männchen zu nähern. Mit geschickten Bewegungen kaschiert das Männchen sein Hinterteil, wenn es aus dem Buschwerk hervorkommt. Dem Weibchen ist von der Natur eingeimpft, an dieser Stelle dem inneren Impuls zu folgen. Es stellt sich also sozusagen Marcus Schenkenberg oder Brad Pitt vor, während der nach Anerkennung lechzende Kakadumann über sie drübersteigt. Die folgende Prozedur ist so grotesk wie unpossierlich, macht aber den beiden Beteiligten mehr oder weniger Spaß. Bald darauf erfolgt der Wurf. Es soll in Einzelfällen vorgekommen sein, daß männlicher Nachwuchs aus dem Nest geworfen oder sogar zerpickt wurde, aber in der Regel fügt man sich dem Unvermeidlichen.

Eine interessante Facette sind die tierpsychologischen Abnormalitäten, die im Bereich dieser besonderen Spezies immer wieder auftreten. So gibt es männliche Kakadus, die ihren Bürzel mit dem Schnabel bearbeiten, um ihn attraktiver zu gestalten. Auch ist von gelegentlichen Fällen von Persönlichkeitsspaltung berichtet worden, in denen die Bürzelträger ihr schmuckloses Beiwerk gänzlich zu verdrängen suchten. Solche Fälle haben aber stets trostlos geendet und führten zur restlosen Entfremdung der Männchen von ihrer Umgebung und somit in der ornithologischen Tragödie.

Diese übermäßige Neuroseanfälligkeit führte auch zu der bereits erwähnten Dämlichkeit der Tiere, die u.a. darin resultiert, daß sie, wenn sie schon einmal durch die Lüfte schwirren, gerne an Bäumen oder Laternenmasten enden. Flugnavigatorische Sicherheit gehört nicht zum starken Gewand des großbürzeligen Tulpenkakadus. Ein gehemmter Gleichgewichtssinn hemmt die Grazie dieser an sich ja prächtigen Zweibeiner, und das Bild eines ziellos durch den Himmel torkelnden Tulpenkakadus hat wohl kaum jemals jemanden entzückt. Bei der Landung verschätzen sie sich häufig in der Berechnung der Flugkoordinaten - das Bild hilflos gegen Mangobäume patschender Tulpenkakadus ist für den Tropenbewohner ein vertrautes. Während der Albatros in stummer Grazie die Wasseroberfläche durchfurcht, ballert der Tulpenkakadu auch schon mal ungeschickt auf dieselbe. Viele Tiere sterben auf diese Weise.

Trotzdem: Gerade die Fehlerhaftigkeit dieser Vogelgattung, die die naturgewollte Hinwendung des Lebewesens zum Slapstick bezeugt, macht ihn zum angebeteten Objekt einer Vielzahl von verzagten Erdbewohnern. Man ist versucht zu sagen, daß sich hier die Kardinalstugend der Unentwegtheit versinnbildlicht, die etwa in dem Sprichwort aufscheint: "Man darf immer hinfallen - man muß nur wieder aufstehen!" Gleichmut im Angesicht der Katastrophe, das lehrt uns der großbürzelige Tulpenkakadu. Er lehrt uns auch, daß schon zehn verkorkste Prozente dazu reichen, die inneren Schwingen ins Trudeln zu geraten. Die Tatsache, daß diese erstaunliche Vogelart aber über die Jahrmillionen hinweg existiert, beweist, daß es immer Grund zur Hoffnung gibt, auch wenn die Grazilität der Lebensführung an den Klippen des Seins zerschellt. Der große Bürzel sorgt für schweren Seegang im Kakadudasein, aber was immer an Fährnissen wartet - der Tulpenkakadu hält das Ruder. Das liegt zum Teil an seiner schon erwähnten Dämlichkeit. Aber was fängt ein so schöner Vogel wohl mit einem zu großen Gehirn an? Auch das würde sein Gleichgewicht ins Trudeln bringen und seinen Fortbestand hemmen. Der großbürzelige Tulpenkakadu zieht auch weiterhin seine Kreise. Die sind manchmal arg eierig und bürzelig, aber die Natur gibt ihm aus irgendeinem Grunde recht. Deshalb beten ihn seine Bewunderer an. Deshalb gibt es ihn auch noch heute.

Demnächst eine Abhandlung über die gelbe Schnabelqualle der Saragossa-See.

Horridoh.

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