Totò, der Fürst von Neapel

Geht es um italienisches Kino, so gibt es für mich drei große Namen: Über allen thront Vittorio de Sica, der bereits seit Stummfilmtagen tätig war, gefolgt von Vittorio Gassman und - in einigem Abstand - Gian Maria Volonté. Das sind Künstler, bei denen einfach nur noch ehrfürchtiges Staunen angebracht ist. Es gibt allerdings noch einen vierten Namen, der sich sozusagen schräg von der Seite hineinmogelt. Er gehört dem Mann, der seit den 30er Jahren für die Filmkomödie Cinecittàs steht, dem Mann, der Italiens Komödie IST. Die Rede ist von Totò.

Bevor ich einige biografische Anmerkungen mache und mich zu einem kurzen Galoppritt durch Totòs Filmschaffen anschicke, hier erst einmal ein intensiver Blick auf den allerersten Totò-Film, den ich jemals gesehen habe, und der mir jene Liebe und Hochachtung eingab, die ich heute für diesen Mann empfinde. Der Film heißt...

TOTO`, PEPPINO E LA DOLCE VITA (Totò, Peppino und das süße Leben, 1961)

In einem kleinen süditalienischen Dörflein kehrt milder Unfriede ein, weil eine ersehnte Autobahnanbindung immer noch nicht bewilligt worden ist. Der Gemeindesekretär, Don Peppino Barbacane (=Hundebart!), ringt sich dazu durch, ins weit entfernte Rom zu fahren und seinen ihm verhaßten Vetter Antonio um Hilfe zu bitten. Jener hat sich einst von der Einengung der ländlichen Atmosphäre abgesetzt und in den Briefen nach Hause angegeben wie zehn nackte Nägel, er sei jetzt ein Präsident. Tatsächlich ist er lediglich Präsident der Gewerkschaft für unbefugte Parkwächter und hat keine Lira auf der Tasche! Als Peppino eintrifft, ist er erst einmal gewaltig desorientiert, so vollkommen fremd ist ihm das Leben in der großen Stadt. (Zu Hause hat er sich noch lautstark dafür eingesetzt, daß das Filmplakat des Fellini-Filmes DAS SÜSSE LEBEN von den Wänden gerissen wird...) Seine dörflichen Eigenheiten tragen ihm Spott allenthalben ein, was eigentlich ungerecht ist, da sie doch nett gemeint sind. So grüßt er etwa jeden, der ihm begegnet... Auf der Via Veneto trifft er schließlich seinen Vetter, und da Antonio (Totò!) gerade von einem Grafen einen Mantel geschenkt bekommen hat, kann er den Schein zunächst wahren. Der Mantel jedoch enthält eine Flasche mit Körperpuder, und statt Puders befindet sich dort reines Kokain, denn der Graf ist ein verkommenes Subjekt. Totò und Peppino lernen zwei wunderhübsche Britinnen kennen. (Das allein wäre für mich ein Grund, nach Rom zu fahren! Die beiden alten Zausel werden sofort von zwei Wuchtbrummen angeschnackt - wenn ich mich hier in Buer auf die Straße stelle, ist alles, was ich bekomme, ein Eimer mit Feudel!) Totò tut so, als spräche er Englisch, das allerdings nicht Pidgin ist, sondern höchstens Malefiz: "Savoir...wo..voi...volte?" klingt das etwa. Er erklärt dem staunenden Peppì wissend, die Touristinnen suchten alle einen "Latein-Lover", worauf Peppino einwirft: "Kuh vadis?", was dann aber auch nichts bringt... (Jaja, der Unterschied zwischen Läufigkeit und Weltläufigkeit!) Zusammen gehen sie in einen "Natike-Club" (=Nightclub), wo auch der falsche Graf rumtourt. Bevor der Mantel wieder zu seinem ursprünglichen Besitzer zurückfinden kann, ist die gesamte Umgebung mit Koks zugepudert... Dann kommt eine Episode mit dem dicken Spießer Guglielmo (Francesco Mulè), der mit einer Partyschickse herumtourt, die eine der ersten Rollen für Sexpot Rosalba Neri ist. (Diese Frau hat später einen reichen Amerikaner geheiratet und lebt jetzt in einem Schloß!) Rosalba liebt es gerne schmutzig und will "die schönen dreckigen Mietskasernen" sehen. Totò bringt sie in sein Haus, das fast vollständig unter Wasser steht, so armselig ist es. Sein Fährdienst bringt die geile Rosalba auf Touren, aber Francè ist zu steif, als daß sich aus dieser Situation Kapital schlagen ließe... (Rosalba: "Hach, das Männlein schaukelt uns!") Danach kommt der Ministerpalast, vor dem Totò seinen illegalen Parkwächtern eine glühende Ansprache hält, bei dem ihm schon mal der böse rechte Arm ausbüxt, den er aber schnell wieder zurückholt... (Nein, Menschen mit Humor sind nicht rechts!) Als der Minister ihn anhört, stellt sich heraus, daß Totò eigentlich schon mit einer Stelle für ihn allein zufrieden wäre. Da der Minister ihn aber vertröstet, verfolgt er ihn bis in ein Fernsehstudio. Schließlich verspricht ihm der Minister einen Job. Als sich das auch als Schmuh herausstellt, meint Totò nur: "Die Minister gehen, und die Menschen bleiben!" (Bravo!) In der letzten Episode werden Totò und Peppino von einer Baronessa auf eine Party reicher Müßiggänger eingeladen, wo nicht nur die große Dekadenz herrscht, sondern auch allgemeiner Überdruß - "ennui" an allen Fronten. Natürlich nur solange, bis Totò erscheint, denn dann beginnt das Chaos. Italowesternbösewicht (und Zahnarzt!) Daniele Vargas fordert ihn zum Duell, aber bevor Schlimmeres passieren kann, steht auf einmal Großvater Barbacane (auch Totò) auf der Matte, der es gar nicht kapieren kann, was für einen Mist seine Nachkommen bauen. Die "Masse nichtsnutziger Faulenzer" verwandelt er kurzerhand mittels Fluchs in eine Schafsherde...

Diese schwarzweiße Komödie wurde 1961 gedreht, als Totò schon sehr alt war. Trotzdem sprüht und funkelt der Mann vor lauter Spielfreude. Groß ist seine Ausdrucksstärke in gemütsvollen Lebenslagen, und die herrschen bei ihm stets. Wo Hollywooddarsteller Kontrolle und Kalkül obwalten lassen würden, tritt und spuckt er nach allen Seiten - der Mann behält nichts im Bauch, und Gott segne ihn dafür! Was immer ihm an Fährnissen und Schicksalsschlägen begegnet, ist nichts anderes als eine neue Herausforderung, die es mit List und Gewitztheit zu überwinden gilt. Daß er es hierbei mit der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit nicht ganz so genau nimmt, ist Teil seines Credos, denn die Ehrlichen lügen schließlich immer noch am meisten... Die Reichen und Besitzenden sind ein ewiger Dorn in der Seite der Leute, die tagtäglich um ihr Überleben knüppeln müssen - kein Wunder, daß Pasolini ihn gleich dreimal in Filmen verwendet hat. Seinem anarchistischen Parkwächter wird ein unheilbar gesunder Spießbürger gegenübergestellt, der einmal mehr von Peppino de Filippo gespielt wird, dem Bruder des großen Theaterschreibers Eduardo. Beide zusammen sind ein Team, dem niemals der Sprit ausgeht, und sie werden vom Regisseur angemessen in Szene gesetzt. Und der Regisseur ist niemand anderes als - Sergio Corbucci, der hier noch drei Jahre von seinem ersten Italowestern entfernt war. Obwohl man ihn weitgehend für seine ebenso politischen wie grimmigen Western kennt (z.B. DJANGO oder LEICHEN PFLASTERN SEINEN WEG), war er zu dieser Zeit noch häufig tätig im Komödiengenre, wobei ihm die bissige Satire augenscheinlich lag. (Er hat in dem Totò-Film auch einen schönen Gastauftritt, als verzweifelter Barbesucher, der von Peppino beständig abgehalten wird, ans Telefon zu gelangen...) Ein anderer Mann, der später für gaaanz andere Sachen berühmt werden sollte, ist Lucio Fulci, der hier für das Treatment verantwortlich zeichnete... Natürlich ist das Ganze ein nicht eben dezenter Take-Off auf Fellinis berühmten Film über die römische Schickeria, dessen Bilder von reichen Mäzenen, Filmstars und Paperazzi um die Welt gingen und der gerade im Vorjahr entstanden war. Fellini wird seinen Riesenspaß bei Corbuccis Film gehabt haben, wie auch die meisten Zuschauer, die den Film bei uns noch in den frühen neunziger Jahren im Kino gesehen haben. Uraufgeführt wurde er hier im Fernsehen, wobei Totò in der sehr lustigen deutschen Fassung die Stimme von Leslie Nielsen, Horst Schön, bekam. Totòs Äußerung "Hier spinnen ja fast alle!" kann man bequem unterschreiben, denn es ist eine verrückte Welt, in der der Film spielt, in der alle Maßstäbe aus den Fugen geraten sind und in der die fühlenden Menschen sich aller Widrigkeiten zum Trotz irgendwie durchboxen müssen. Aus dieser an sich unkomischen Prämisse schlägt der Film wahrhaft schenkelklopfendes Kapital, das jeden Zuschauer unverzüglich zum Italienfan macht! Questa è la vita...

Antonio de Curtis wurde am 15. Februar des Jahres 1898 als Kind einer jungen Proletarierin und eines Fürstensohnes in Neapel geboren. Da für die Eltern des Vaters eine Heirat unter Stand nicht in Frage kam, wurde die adelige Abstammung geheimgehalten. Totò besuchte die Schule, hielt sich aber dem Vernehmen nach mehr auf der Straße als in den Klassenräumen auf. Ohne einen Abschluß brach er seine Schullaufbahn ab, um einer kleinen Theatergruppe beizutreten, mit der er während des ersten Weltkrieges seine ersten darstellerischen Gehversuche unternahm. Er entwickelte schon bald eine charakteristische Figur, die wie eine Mischung aus einem chaplinesken Tramp und einer Marionette wirkte, der man die Fäden durchgeschnitten hat und jetzt ein willkürliches Eigenleben führt. In den 20er, 30er und 40er Jahren wurde Totó zu einer der Hauptfiguren des "Rivista", des italienischen Varietétheaters, dessen Publikum bevorzugt die kleinen Leute stellten, und das aus einer Abfolge von musikalischen Nummern und Sketchen bestand. Viele der Standards, die Totò berühmt machten, sind auch in seine Filme eingeflossen, z.B. der berühmte entenartige Watschelgang, der dem von Groucho Marx nicht unähnlich ist, nur ohne Zigarre. Auch ein Erkennungsmerkmal waren die merkwürdigen Kopfverrenkungen, die er sich offensichtlich von Tauben abgeschaut hatte.

In seinen Filmen wurde Totò einem riesengroßen Publikum zugänglich, das ihn in sein Herz schloß wie keinen anderen seiner Kollegen. Totò spielte zu Anfang meist kleine Leute - Arbeitslose und Kleinstbürger -, die auf der sozialen Leiter nicht gerade den Klettermaxen herausgekehrt hatten. Was in amerikanischen Komödien seit den Meisterwerken von Chaplin eigentlich nicht mehr möglich gewesen war, war bei Totò Standard: Gedreht wurde in den abgerissensten, verelendesten Quartieren von Napoli, wo Schönheit bestenfalls im Herzen wohnte. Er zeigte in seinen Filmen, wie man sich trotz aller Mühsal, mit der man zu kämpfen hat, immer wieder aus dem Elend herauswuchten konnte - nicht auf geschönte, verkitschte Weise, sondern hochgradig nachvollziehbar und nachfühlbar, was ihn auch für gestandene Intellektuelle zu einem Helden machte. (Schön, wenn kluge Menschen sich für Tränen der Rührung mal nicht zu schämen brauchen!) Wenn er gelegentlich (später immer häufiger) auch mal in die Rolle eines gutgestellten Bürgers schlüpfte, so geschah dies meist in einer gutherzig karikierenden Weise, die aber immer klarstellte, woher der Wind wehte. In solchen Rollen erinnerte er ein klein wenig an den französischen Meistergendarm Louis de Funès, der seine Polizisten und Kapitalisten immer als Menschen mit zahlreichen niederen Instinkten anlegte. Sozialkitsch lag auch Totò fern. Es ging nicht um den Gauner mit dem Herzen aus Gold, eher um den harmlosen Schlingelanten, der einfach zu schwach ist, um seine Charakterfehler zu besiegen und zu arm, um sie verschwinden zu lassen...

Napoli ist ohnehin immer das Herz der Komödie gewesen. Während sich die Norditaliener schon immer gerne über die südlichen Kollegen lustig machten aufgrund ihrer Armut und ihrer lokalen Eigenheiten - nennt mal einen Sizilianer "Terrone" und beobachtet, wie schnell das Klappmesser aufgeht! -, so steht der Süden auch für starkes Gefühl, für Familiensinn, für die Verbundenheit mit der Natur. Wo im industriellen Norden des Landes die karriereorientierte Pragmatik vorherrscht und keiner den anderen wirklich kennt, sitzt im Süden alles aufeinander - man ist niemals allein, jeder nimmt teil am Leben des anderen. Dies führt natürlich zu allen Engstirnigkeiten, die man auch bei uns mit ländlichen Regionen verbindet, zu einem Mißtrauen gegenüber dem Neuen und Ungewohnten. Aber es bedingt auch eine ständige Berührung mit dem Leben, mit all dem, wovon die Ablenkungen der Zivilisation den Menschen mehr und mehr entfremdet haben. Napoli ist Leben, und Leben ist laut. Wenn jemand leidet, so hört man das - wenn jemand sich freut, so freut man sich mit ihm. Daß die meisten täglich ums Überleben kämpfen, gehört zum selbstverständlich Hingenommenen, und gute Miene zum bösen Spiel zu machen und das Leben mit allen Höhen und Tiefen zu einer Komödie zu machen, ist eine Kunst, die dort ihren Ursprung hat. Der Süditaliener ist ein geborener Schauspieler und ein geborener Lebenskünstler. Er hält sich an den Werten der Religion fest, modifiziert sie aber für den Alltagsgebrauch. Die Heuchelei, die man normalerweise bei Idealisten vorfindet, wird hier auf charmante Weise vergackeiert - der Napuletaner stiehlt nicht, er hat lediglich Fantasie! Wenn sich Totò etwa die Blumen eines Heiligenbildes mal eben ausborgt, um sie einer Bekannten zu vermachen, so ist das schon irgendwie in Ordnung für ihn: "San Antonio, du bist doch auch ein Mann..."

Der erste Spielfilm, in dem Totò seine Kunst vorführte, war der 1937 erschienene "Fermo con le mani!" (Hände weg!), der noch sehr stark an eine Nummernrevue im Rivista-Stil erinnert. Totò wirkt hier auch optisch wie eine italienische Version von Chaplin, wenn auch die Unbedenklichkeit im Umgang mit dem Besitz anderer Leute in den Staaten vielleicht weniger wohlgelitten gewesen wäre. In der unmittelbaren Vorkriegszeit war die italienische Komödienproduktion hauptsächlich vom Geist des "telefono rosso" bestimmt, der sich am ehesten mit den harmlosen Nichtigkeiten vergleichen läßt, die hierzulande mit Rühmann & Konsorten produziert wurden und auch in Kriegszeiten klarstellte, daß Mutti in der Küche und die Kirche im Dorf ist - glückliche Probleme für glückliche Menschen halt. Auch "Fermo" ist nicht ganz unverwandt mit dieser Tradition, jedoch spielt er in einer prä-neorealistischen Welt der Armen, die mit der der Reichen kollidiert. Daß Letztere mit Schmackes in den Hinterhof getreten werden, versteht sich aber bitte von selbst! Totò ist eine Art früher Hausbesetzer, dessen Wohnung der Städtesanierung zum Opfer fällt. Ohne Dach über dem Kopf muß er sehen, wo er bleibt. Nach einigen Kapriolen gerät er an einen wohlhabenden Mann, dem er, ohne es zu wollen, die Ehre verletzt. Der reiche Mann, ein Hasenfuß, zahlt ihm Geld dafür, sich an der Öffentlichkeit ohrfeigen zu lassen. Das geht nun aber an Totòs Ehre, und das führt zu deftigen Turbulenzen. Totò gibt zahlreiche Klassiker seiner Theateraufführungen zum besten. Der unterliegende Sinn für das Absurde in der modernen Gesellschaft wird deutlich in der Szene, wo er vor der Polente flüchtet und dabei einem Freund begegnet. Der läuft einfach mal so mit: "Wohin läufst du?" - "Ach, nirgendwohin!" - "Oh, da gehe ich mit..."

"Animali pazzi" (1939), der vom späteren Sandalenfilmregisseur Carlo Ludovico Bragaglia inszeniert wurde, erzählt eine wesentlich komplexere, wenn auch vollkommen durchgeknallte Geschichte: Totò, der wieder mal am Hungertuch nagt, wird von einem ihm wie aus dem Gesicht geschnittenen Baron angeheuert. Er soll sich mit der reichen Familie der Verlobten des Barons herumschlagen, während dieser seine eifersüchtige Geliebte in Sicherheit wiegt. Der Baron muß nämlich unbedingt die Verlobte heiraten, damit er in den Genuß eines großen Erbes kommt, das sonst einer Anstalt für geisteskranke Tiere (!) zugute kommt. Nicht nur verliebt sich Totò daraufhin selber in die Verlobte - er muß auch feststellen, daß er mit der Rolle des Barons maßlos überfordert ist. So wird er unverzüglich von einem Adeligen zum Duell gefordert, und da der Baron ein bravuröser Reiter ist, muß Totò Wahnsinn vortäuschen, um nicht enttarnt zu werden. Die Grimassen, die der Mann da reißt, stellen alles, was man jemals von Clowns gesehen hat, weit in den Schatten - der jodelnde Irrsinn!

"San Giovanni decollato" (1940) war der bislang anspruchsvollste Film und basiert auf einem Theaterstück von Nino Martoglio, eingerichtet von Cesare Zavattini, der später einer der Mitbegründer des Neorealismus werden sollte und eine der wichtigsten Figuren des italienischen Kinos. Inszeniert von dem Theaterregisseur Amleto Palermi, spielt Totò einen Hausmeister in einem neapolitanischen Stadtviertel, dessen lautstarke Verehrung für seinen Schutzpatron, Johannes den Täufer, ihm fast zum Verhängnis wird. Bei einer Gerichtsverhandlung wegen Ruhestörung wird er offiziell für semi-zurechnungsfähig erklärt, was ihm die Gelegenheit gibt, die Umgebung auch weiterhin durch dröhnende Musikdarbietungen zu terrorisieren...

In den vierziger Jahren wackelte Totò durch zahlreiche Variationen seines gewitzten Proleten, inszeniert von Komödienspezialisten wie Mario Mattóli, Carlo Ludovico Bragaglia und Giorgio Simonelli.

Der letztere machte "Due cuori tra le belve" (1942), in dem Totò ein Tanzlehrer ist, der in die Tochter eines Wissenschaftlers verdaddelt ist, der vor einiger Zeit in Schwarzafrika verschollen ist. Genau dorthin führt eine Expedition, die einige sensationshungrige Doktoren anstrengen, um den berüchtigten Affenmenschen zu finden, der das Bindeglied zum Homo Sapiens darstellt. (Als würde eine Fahrt in der Straßenbahn da nicht genügen!) Als blinder Passagier nimmt Totò an der Reise teil und erfährt die erschütternden Machenschaften der skrupellosen Expeditionsleiter. Wir brauchen hier nicht auszuführen, wie der Tanzlehrer es schafft, sich in die Gunst seines Schönliebchens zu schleichen - Aufrichtigkeit und ein Sinn fürs Praktische genügen... Auch Papa wird dabei aufgespürt, und auch wenn sein Verstand zunächst - ähnlich wie der versunkene Kontinent Atlantis - auf keiner Landkarte zu finden ist -, so ist er rechtzeitig wieder bei Groschen, wenn es gilt, den schurkischen Vertretern seiner Zunft den Marsch zu blasen... Simonelli hat später unzählige Komödien mit dem Duo Franchi und Ingrassia gemacht. In diesem Frühwerk orientiert er sich sehr stark an traditionellen Slapstickkomödien aus Amerika. Die Comedy-Routinen von Totorino sind hier noch nicht in den Kontext einer zusammenhängenden Komödie gestellt. Trotzdem gewinnt er nicht nur das Herz seiner Angebeteten.

In "Il ratto delle Sabine" (1945) von Stummfilmveteran Mario Bonnard ist Totò der Leiter einer wandernden Gruppe von Theaterschauspielern, die nicht wissen, wo sie ihre nächste Mahlzeit herbekommen sollen. In einem Hinterwäldlerdorf stoßen sie auf den pedantischen Schulmeister Momenti, den seine Theaterambitionen in ständigen Widerstreit mit seinem zänkischen Weib gestellt haben. Seine lausige Version vom "Raub der Sabinerinnen" bedeutet für Totò und Konsorten eine Chance, ein Stück in einem richtigen Theater aufzuführen. Die tatsächliche Realisierung ist dann natürlich katastrophal: Totò spielt so ziemlich jede Hauptrolle, seine fette Gattin die jugendliche Sklavin. Der Tag der Premiere ist ein vollkommener Knüller und enthält eine wundervolle Darstellung von Clelia Matània, die spezialisiert war auf geistig unterbeheimatete Dienstmädchen und in zahlreichen Totòs dabei war. Hier muß sie die Prinzessin spielen und ist restlos rührend in ihrem Bemühen um die Gunst des Theaterpublikums. Das Ding wird ein totales Fiasko, aber auch wenn die Schauspieler abziehen müssen wie die begossenen Pudel, so obsiegt doch zumindest die wahre Liebe, und das ist doch auch schon was!

Mario Mattòli war verantwortlich für "I due orfanelli" von 1945, der in einem Waisenhaus im Paris des vorvorigen Jahrhunderts spielt. Totò und Carlo Campanelli (der den Professor Momenti des vorangegangenen Filmes hinreißend gespielt hat) sind zwei Waisen, die für Direktorin Beatrice den Betrieb leiten sollen, während sie weg ist. Beide besuchen eine Wahrsagerin, die Totò vertellt, daß er der Sohn des Grafen Tour-Lafitte ist. Die übrigen adeligen Anverwandten sind wenig begeistert von der Heimkehr des verlorenen Sohnes, und so hagelt es bald Bombenattentate im Minutentakt. (Hierbei spielt eine Spieldose eine prominente Rolle, bei der, wenn sich Braut und Bräutigam in der Mitte treffen, ein gewaltiger Knall die Umstehenden von ihrem Leiden erlöst.) In einer Szene werden Totò und Carlo in ein Zimmer eingesperrt, dessen Decke sich mörderisch herniedersenkt. Aus dieser Zwangslage erlöst sie - der Graf von Monte Christo! Totò wird dann als vermeintlicher Königsmörder der Guillotine überantwortet, aber Carlo stellt sich als Sohn des Henkers heraus (und er hatte sich doch so gewünscht, der Sohn eines großen Komponisten zu sein, die arme Sau!), und so endet denn alles im Lot.

In "Totò al Giro d´Italia" (1948, auch von Mattòli) geht es um einen schöngeistigen Professor, der in die bezaubernde Journalistin Isa Barzizza verliebt ist und für ihre Gunst selbst einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Er soll die traditionelle Radrennmeisterschaft für sich entscheiden, wo sein Schönliebchen tätig ist. Tatsächlich gewinnt er zunächst jede Etappe, egal, was er auch anstellt. Als Isa und sein Trainer Mario Castellani (Stammgast in vielen Totòs) hinter das Geheimnis seines Erfolges kommen, versuchen sie, den Plan des Teufels zu sabotieren, aber alle Versuche schlagen fehl: Totò kann nicht verlieren. Erst das beherzte Eintreten seiner Mama ermöglicht es, das Blatt zu wenden... Ein rundum vergnügliches Wiedersehen mit vielen Veteranen des altehrwürdigen "Giro d´Italia", lange bevor Drogenrazzien der Freude ein Ende machten... Totò spielt seinen bärtigen Gewinner ("la barba magica", wie die Zeitungen ihn nennen) mit gewohnter Inbrunst, und seine Versuche, verhaftet oder sonstwie disqualifiziert zu werden, sind ein echter Renner. Dante und Herodes kommentieren seine Faust-Variante geistreich, und am Schluß geht doch alles gut aus. Schön, wenn es mal so endet!

"Fifa e arena" (wieder von Mattòli, 1948) zeigt Totò als einen harmlosen Apotheker, der durch eine Verwechslung von der Zeitung zum "Midnight Killer" einer erklecklichen Anzahl von Jungfrauen gestempelt wird. Auf seiner Flucht gerät Totò in ein Flugzeug, das ihn genau nach Sevilla führt, wo ihn ein erfolgloser Mörder (Castellani again) in Empfang nimmt, der annimmt, er könne von dem erfolgreichen Kollegen eine Menge lernen. Sein erster "Auftrag" soll Totò in die Arme einer reichen Amerikanerin (Isa Barzizza - Mann, sah die Frau genial aus!) treiben. Mit maßloser Inkompetenz schlägt er einen sehr männlichen Torero aus dem Rennen, und schließlich muß er es in der Arena mit dem wildesten Stier aller Zeiten aufnehmen! Ich kann mit meiner persönlichen Meinung mal wieder nicht hinter dem Berg halten: Für mich gehören alle "männlichen" Toreri mit den Eiern an die Decke genagelt! (Wie es die Kinowerbung sagt: "Jeder tote Torero ist ein freier Arbeitsplatz...") Totò stellt sich so dumm und menschlich an, wie man es von ihm erwarten kann. Der Stier erlegt sich selbst durch unkoordinierte Kopfattacke. Totò geht als der unfreiwillige Held aus dem Quatsch hervor. Unwiderstehlich, det Janze!

"Totò cerca moglie" (von Bragaglia, 1950) ist eine Art Fortsetzung zu "Totò cerca casa" und läßt den Neapolitaner einen bildenden Künstler spielen, der in Schwulitäten gerät, als seine Tante in Australien ihn mit ihrem Mündel verheiraten will. Auch hier schafft eine Fotoverwechslung wieder Unruhe im Schlafgemach, denn statt der wunderschönen Auserwählten bekommt Totò das Foto einer besonders unvorteilhaft getroffenen Aborigene-Dame zu Augen... Hektik entbrennt, denn Totò sucht jetzt in Windeseile eine Dame, mit er sich vermählen kann. Mir ist hier sehr der Archaismus auf die Nerven gegangen, eine Schwarze per se als unattraktiv zu betrachten. (Nicht sehr lange nach dem zweiten Weltkrieg...) Die Einordnung von Schwarzen als Wilden findet sich zwar in zahlreichen erlauchten literarischen Quellen (hallo, H.P. Lovecraft!), aber das macht die Sache kaum akzeptabler. Trotzdem: Die Comedy-Routinen, die sich an Totòs Brautschau anschließen, sind nicht von schlechten Eltern und zeigen den Komödianten in Hochform. Die erste potentielle Kandidatin etwa ist kurzsichtig in einer extrem kurzsichtigen Familie, was zu unglaublichen Konsequenzen führt. Auch großartig ist die Episode mit der Zahnarztfrau, die eigentlich nur einen Kammerdiener sucht. Zuerst kommt ein brutaler Patient, dem Totò aus Angst vor Enttarnung den falschen Zahn zieht. Dann kommt der richtige Ehemann, und der will Blut! Die Flucht führt in eine Botschaft, wo Totò in einen Spionagereigen eintritt, der nicht nur Giovanna Galletti einschließt (=Baronesse Graps aus Bavas Meisterwerk OPERAZIONE PAURA), sondern auch einen blutjungen Paul Muller. Am Schluß kommt die Sache wieder ins Lot, aber trotzdem - schwarze Pracht und weiße Macht... Babe, ich wähle unbesehen die Pracht!

"Figaro qua, Figaro là" (1950) ist eine sehr freie Bearbeitung des "Barbiers von Sevilla", in der Totò den Barbar von Sevilla spielt, dessen Friseurstätigkeit erschwert wird vom Grafen von Almavilla, der die Tochter des fiesen Gouverneurs freien will. Hierzu schleicht sich Totòrino in das Schloß ein und wird schließlich als der berüchtigte Bandit Pedro verfolgt und verurteilt. Natürlich gelingt ihm die Flucht... Sicherlich die einzige Version der Oper, in der der Barbier neapolitanischen Dialekt schnackt! Rossini quillt aus allen Fugen, und auch ansonsten ist Bragaglias Film sehr drollig. Den Hanswurst Don Alonzo (dem das Töchterlein versprochen wurde) mimt Renato Rascel, der einer der bekanntesten Radio- und Filmkomiker der Zeit war und seinen besten Auftritt in Lattuadas Gogol-Bearbeitung "Il cappotto" (Der Mantel) hatte, die nur zwei Jahre später entstand und total kracht... Die süße Tochter ist erneut Isa Barzizza, die ich sofort heiraten würde, aber die Welt ist ein Jammertal!

Das erfährt auch "Totòtarzan" (1950), dem es im Dschungel relativ gut geht. Aber als eine reizende Expeditionsleiterin mit einigen weniger netten Wissenschaftlern im Dschungel auftaucht und den Sohn eines verschollenen Grafen einsackt, bricht eine wilde Zeit für Totò an. Edgar Rice Burroughs mal ganz anders. Trotzdem ist der Film von Mario Mattòli keiner der besseren Totòs. In einer klitzekleinen Statistenrolle findet man eine gewisse Sofia Lazzaro, die wir jetzt Sophia Loren nennen...

Eine Frau reicht Totò noch lange nicht: In Bragalias "Le sei mogli di Barbablù" (1951) soll er eine alte Schachtel heiraten, doch es gelingt ihm die Flucht. Er schleicht sich auf ein Schiff, wo er in Mario Castellani einen weiteren blinden Passagier und Kampfgenossen trifft. Gemeinsam schlüpfen sie in die Rollen des berühmten Detektivs Nick Parter und seines Gehilfen Patson, die nach New York gerufen worden sind, um den Mörder Blaubart zu stellen... Durch geballte Inkompetenz gelingt dies den falschen Detektiven auch; aber als es für Totò darum geht, die Leading Lady Isa Barzizza abzuschleppen, kommt ihm die alte Schachtel vom Anfang in die Quere, die ihn über den ganzen Erdball hinweg verfolgt hat! Ach, und Sofia Lazzaro taucht hier auch noch einmal auf...

Die schwarze Komödie "47 morto che parla" (1951) war die Verfilmung eines Theaterstücks von Ettore Petrolini, die Totò mit seiner Gegenwart veredelte. Er spielt einen unglaublichen Geizhals von Baron, gegen den Dagobert Duck wie ein leichtlebiger Bonvivant wirkt. Unter seinem Bett hält er eine Kassette mit Golddublonen versteckt - eine Erbschaft, die eigentlich zur Hälfte seinem Sohn zustehen würde. Von der anderen Hälfte soll eine Schule für die Kinder des Ortes gebaut werden. Doch der Baron denkt nicht daran, auch nur einen Pfennig abzugeben. So denken sich die Dörfler einen schlauen Plan aus: Sie verkaufen ihm ein Schlafmittel, das sie hinterher als Arsen ausgegeben. Leider hält der Baron auch im Angesicht des dräuenden Todes dicht - so geizig ist der Mann! Das Spiel wird noch etwas ausgewalzt: Mit Hilfe zweier Schauspieler kreieren die Stadtväter eine Art Dantes Inferno, in dem Totò herumgeführt wird. Als der Schwindel auffliegt, stirbt der Baron scheinbar an einem Herzanfall. Aber es war nur Katalepsie, und so ist es nun an Totò, den Spieß umzudrehen... Der Anblick des "vergeistigten" Totòs ist ziemlich großartig, wie auch der Rest der Rolle ein ausgesprochenes Glanzstück seiner Karriere darstellt. (Man hätte sich auch sehr gut Louis de Funès in diesem Part vorstellen können!) Der Bürgermeister wird vom Bruder des Regisseurs gespielt, Arturo Bragaglia, während die beiden Rivista-Schauspieler vom Bühnenveteran Dante Maggio und der großen italienischen Sexbombe der Prä-Loren-Ära, Silvana Pampanini gegeben werden. Trotz der komplizierten Handlung auch mit geringen Italienischkenntnissen genießbar, und im Original kommen die Filme einfach besser!

Eines der großen Meisterwerke dieser Periode - die so etwas wie die Hohezeit des Komödianten war - ist "Guardie e ladri" (Räuber und Gendarm, 1952). Totò spielt einen Gauner, der auf dem Foro Romano amerikanischen Touristen gefälschte Antikmünzen andreht. Dafür wird er von einem dicken Polizisten durch halb Rom verfolgt, dem er zunächst entkommt. Als ihn der Gesetzeshüter am Schluß stellt, klagt ihm dieser sein Leid: Wenn er Totò nicht einsacken kann, verliert er kurz vor der Pensionierung seinen Posten, und seine Bambini müssen darben. Das kann Totò natürlich nicht geschehen lassen, und so läßt er sich bereitwillig ins Gefängnis bringen. Das Verhältnis von Räuber und Gendram ist gekennzeichnet von einem gegenseitigen Respekt, der so gar nichts zu tun hat mit dem bedingungslosen Haß, den sich die beiden Gegenparteien etwa in Hollywood-Filmen entgegenzubringen pflegen. Beide spüren, daß alles ein Spiel ist, das nach vorbestimmten Regeln funktioniert, und daß sie beide im Grunde im selben Boot sitzen - zwei Kehrseiten einer Medaille. Als Totòs Partner in diesem Film brilliert der große Aldo Fabrizi, der in Italien zu den beliebtesten Schauspielern des Jahrhunderts zählte. Ein frühes Meisterwerk von Steno (=Stefano Vanzina) und Mario Monicelli, die später zu zweien von Italiens bekanntesten Komödienspezialisten werden sollten.

Ein Sologang von Steno war Totòs erster Farbfilm, "Totò a colori" (1952), der aus einer lose verbundenen Abfolge alter Bühnenstandards des Komikers besteht. Totò ist ein Komponist und selbsternannter Genius, der in seinem neapolitanischen Umfeld jedem herzlich auf die Nerven geht. Als sich ihm die Gelegenheit bietet, den Mailänder Musikverleger Discordi kennenzulernen, ergreift er sie beim Schopfe. Dem Chaos zum Trotze, das in seinem Fahrwasser entsteht, wird er berühmt... In diesem sehr lohnenden Film ist es auch für ein heutiges Publikum möglich, die Rivista-Aufführungen nachzuempfinden. Zu den Höhepunkten gehört die Schlafwagenepisode, in der er den unglücklichen Politiker Castellani fast in den lallenden Irrsinn treibt. (Dessen Koffer schmeißt er kurzerhand zum Fenster raus!) Als Heartthrob Isa Barzizza hinzukommt, müssen sich die Männer die zwei Betten mit ihr teilen, was nicht nur auf dem Papier kompliziert klingt... Sehr schön auch die Vorführung im Marionettentheater, bei der Totò als Holzpuppe auftreten muß, um seinem sizilianischen Schwager zu entkommen. Seine Körpersprache ist absolut Meisterklasse, endet allerdings fast tödlich. Der Mittelteil spielt im Existentialistenumfeld, da reiche amerikanische Beatniks Totò für eine Party verwenden. Das muß Peter B. sehr gut gefallen haben, denn die Amis erscheinen, als hätten sie einen kompletten Sockenschuß. Regieassistent Lucio Fulci hat leider keinen Gastauftritt, war dies bei seinen Assistenzen in dieser Phase doch des öfteren der Fall.

Ebenfalls von Steno und Monicelli stammte "Totò e le donne" (1952), in dem der Mime einen gebeutelten Ehemann steht, der voll und ganz unter der Fuchtel seines Ehedrachens Ave Ninchi (die auf solche Rollen spezialisiert war) steht. Um dem Ehejoch zu entkommen, zieht er sich auf den Dachboden zurück, wo er sich einen Schrein für den Frauenmörder Landru aufgebaut hat und ungestört seine geliebten Thriller lesen kann. (Der Roman, den er zu Anfang liest, heißt "Die Rache des Leichnams"!) Außerdem ergeht er sich in frauenfeindlichen Erinnerungen, die er als Bestätigungen seiner Theorie dafür verwendet, daß die Frau der Urfeind des Mannes ist!  Der Film ist, wie auch "Totò a colori" eine intelligente Komödie, die schon deutlich vom rebellischen Geist der jungen Regisseure bestimmt ist und vom Schwankformat vieler früherer Totòs abweicht. Außerdem ist der Humor teilweise sehr krass: Eine Geliebte beispielsweise läßt Totò, als unerwartet ein Freund ihres Mannes auftaucht, in einen Zug steigen, damit es so aussieht als sei er ihr Bruder. Natürlich fährt der Zug mit Totò davon - in ein Kriegsgefangenenlager der Nazis! (Ob man so etwas in einer deutschen Komödie der 50er gebracht hätte? Wohl kaum...) Großartig die Szene, in der das unterbelichtete Hausmädchen von Totò und Gattin einen wichtigen Anruf entgegennimmt, sich aber nicht mehr an den Namen erinnern kann. Sie gibt dem beständig nervöser werdenden Totò Auskünfte wie: "Es war eine Frau - aber mit der Stimme eines Mannes!" Schließlich erleidet er einen von vielen cholerischen Anfällen und dreht unglaublich auf... Als seine Frau ihn verläßt, greift er sich zwei Blechdeckel und marschiert, sie als Becken benutzend, wie ein Spielzeugaffe krachend durch die verwaiste Wohnung... Regieassistent Lucio Fulci hat einen Gastauftritt in einer Straßenbahn. Der Schluß des Filmes zwar versöhnlich, denn ohne geht halt eben doch nicht, aber der Film ist einfach eine Bombe!

Eine weitere Bearbeitung eines Bühnenstücks war Stenos "L´uomo, la bestia, la virtù" (1953) nach Pirandello, in dem Totò einen strengen sizilianischen Dorfschullehrer spielt, der Probleme mit seiner Geliebten hat. Diese hat nämlich einen Ehemann, der zur See fährt und nur zweimal im Jahr auftaucht. Jetzt, wo der Gemahl wieder eintrudelt, ist sie schwanger und muß es irgendwie hinkriegen, daß es so aussieht, als sei das Kind von ihm... Das ist nicht ganz unproblematisch, da die Küche bereits seit längerer Zeit kalt ist. Um diesen Makel zu beheben, besorgt sich Totò eine Torte, deren Glasur mit einem Aphrodisiakum versetzt ist, das selbst Tote wieder zum Leben erweckt. Eine Nacht des Wahnsinns bricht an... Eigentlich ist es ja eine komplette Tragödiensituation, die in Pirandellos Stück verwendet wird. Doch einmal mehr wird deutlich, daß im tiefsten Unglück die Komödie verborgen ist und sich klammheimlich schlapplacht über die vergeblich zappelnden Menschen! Der Ruhepol im Geschehen ist der ignorante Ehemann, ein Berg von einem Mann mit Rauschebart. Und wer spielt ihn? Orson Welles spielt ihn! Nachdem Totò sich dem Titanen des Kinos bereits in "Totò terzo uomo" vorsichtig genähert hatte - hier entsteht der Zusammenprall, und es rauschen die Gebirgswälder... Der Film endet mit einer dicken Überraschung, aber die verrate ich hier nicht! Regieassistent ist Lucio Fulci, Schnittassistent Sergio Leone.

Eduardo Scarpettas Komödie "Miseria e nobiltà" (Die verkaufte Unschuld) wurde 1954 von Mario Mattóli verfilmt. In diesem neapolitanischen Schwank geht es um zwei hungerleidende Familien, die gemeinsam ein schäbiges Haus bewohnen. Über zwei Liebende zusammenzuführen, müssen sie sich als Adelige ausgeben. Leider schmeißt ihnen dabei das Schicksal einige Steine in den Weg, bevor es dann zum glücklichen Ende kommt... Die hochgradig turbulente Verwechslungskomödie, die milden Spott über Standesdünkel mit greller Farce verbindet, wurde von Mattòli bewußt stilisiert umgesetzt, mit Theaterkulissen und anwesendem Logenpublikum. Totò (als Vater der einen Familie) trifft dabei auf eine blutjunge Sophia Loren, die hier eine ihrer ersten Hauptrollen hatte und gewissermaßen schnuckelig aussah... Die deutsche Fassung ist gelungen, was ja nicht immer der Fall ist.

Die ansonsten nicht übermäßig bemerkenswerte Farce "I tre ladri" (Die drei Diebe, 1954) enthält eine wunderbare Gerichtsverhandlung, in der der kleine Dieb Totò vom Richter nach seinem ersten Diebstahl befragt wird, an den sich Totò bestens erinnert, denn: "Mit dem Diebstahl ist es wie mit der Liebe - das erste Mal vergißt man nie!"  Als Grund dafür gibt er Hunger an, worauf der Richter ihn ermahnt, daß das ja wohl kein ausreichender Grund wäre. Totò fragt zurück: "Wissen Sie einen besseren?"

In Camillo Mastrocinques "Totò all´inferno" geht der Weg Totòs direkt in die Hölle! Er spielt einen armen Tropf, der versucht, sich auf verschiedene Weise aus dem Leben zu schaffen. Schließlich bricht die Brücke, von der er sich fast erstürzt hätte, unter ihm ein. Er landet im Fegefeuer, wo sich herausstellt, daß er eine Wiedergeburt von Mark Anton ist. Als solcher muß er sich erst einmal mit Cleopatra herumschlagen, die auch dort vor sich hin schmurgelt. Bei einer Gerichtsverhandlung steht er dem Gehörnten himself gegenüber und erzählt ihm aufrüttelnde Episoden aus seinem Leben. In der besten wird er von seinem Arbeitgeber auf einem Jahrmarkt dazu gezwungen, eine Hälfte eines siamesischen Zwillingspaars zu heiraten - mit vorhersehbaren Komplikationen. Als er einer von ihm verehrten Dame die Aufwartung macht, kehrt überraschend der Ehemann heim. Da gerade ein geisteskranker Mörder ausgebrochen ist, schlüpft Totò in dessen Rolle und zieht eine Mördershow ab. Am Schluß war alles ein böser Traum. Nicht wirklich ein Fantasy-Film, aber die in Farbe gedrehten Höllensequenzen allein lohnen bereits das Ansehen. Wenn dann noch Totò dazukommt, beginnt die Hölle überzukochen...

In Camillo Mastrocinques "Siamo uomini o caporali?" (1955) ist Totò ein kleiner Schauspieler, der nach einem Nervenzusammenbruch in die Klapse kommt. Hier schildert er dem behandelnden Arzt seine Erfahrungen mit "caporali", mit einer speziellen Gattung von Unteroffizierstypen, deren ganzer Lebensinhalt darin zu bestehen scheint, den kleinen Mann zu schikanieren. Die Episoden reichen von den Kriegstagen bis zum Zeitpunkt der Erzählung. Als Totò am Schluß entlassen wird (denn dem Arzt erscheint seine Theorie der "uomini" und der "caporali" mehr als stichhaltig), hat ihm ein weiterer "caporale" die Freundin weggeschnappt... Von diesem traurigen Ende abgesehen (die Bösen DÜRFEN einfach nicht gewinnen, ey!) ist der Film ein einziges Vergnügen. Die Idee, sämtliche "caporali" des Filmes von ein und demselben Schauspieler spielen zu lassen, funktioniert blendend, denn Paolo Stoppa ist einfach eine Wucht - man möchte sich das mit der Todesstrafe fast noch einmal überlegen... Daß Mastrocinque ein Regisseur der alten Garde ist, merkt man auch daran, wie schlecht die amerikanischen Befreier bei ihm wegkommen: Sie werden als geile, arrogante Fatzken dargestellt, die die "belle ragazzine" als Siegprämie verstehen. Nein, auf eine US-Auswertung schielt der Film wirklich nicht! Der lustigste Moment ist im übrigen gleich am Anfang, wo ein Sandalenfilm gedreht werden soll. Alles wartet bei einer Massenszene auf den göttlichen Imperator, der die Treppe herunterschreiten soll. Stattdessen erscheint Totò im Pennbruderkostüm und trällert ein fröhliches Liedchen... Da wäre ich fast verreckt!

Auch von Mastrocinque ist "La banda degli onesti" (Die Bande der Ehrlichen, 1957), in dem Totò einen Hausmeister spielt, dessen Ehrlichkeit auf eine harte Probe gestellt wird, als ein sterbender Hausgast ihm eröffnet, er habe einst aus dem Finanzministerium einige Druckplatten für Geldscheine mitgehen heißen... Zusammen mit Peppino de Filippo und Giacomo Furia druckt er dann Penunze, was das Zeug hält, aber jede Bemühung, unehrlich zu werden, wird leider im Keim vereitelt, nicht zuletzt durch seinen Sohn, der bei der Polizei arbeitet und von einem ultrajungen Gabriele Tinti (der spätere Gatte von Laura Gemser) gegeben wird... Luuustig!

In "Totò e Marcellino" (Totò und Marcellino, 1958) spielt er wieder mal einen kleinen Gauner, der auf der Flucht bei einer Zechprellerei in einen Trauerzug gerät. Dort wird er für den Onkel des verwaisten Marcellino gehalten, um den er sich dann kümmert. Allerdings taucht der richtige Onkel auf, der ein gänzlich widerlicher Halunke ist. Er unterhält eine ganze Bande von kleinen Jungen, die für ihn auf der Straße stehlen müssen. Aber da ist ja noch Totò... Wie sehr ich ja auch Filme mit Kindern hasse, aber "Totò und Marcellino" ist ein unerwartetes Vergnügen von dem sonstigen Produzenten Antonio Musu, der nicht nur Spaß und Sentiment in die Vorgänge einfließen läßt, sondern auch eine klar neorealistische Note, die klarmacht, daß das Leben ein hartes ist. Diese "Durch Rauhes zu den Sternen"-Attitüde würde man in amerikanischen Filmen der Zeit vergebens suchen, und sie gefällt mir ganz vorzüglich! Bei der deutschen Fassung handelt es sich zwar um DEFA-Werk, aber sie hat eine Kinosynchro, und anders als die TV-Eindeutschungen erreichten die fürs Kino gedachten Filme mit Leichtigkeit Weststandard.

"Totò, Peppino e le fanatiche" (1958) ist eine der spießigeren Komödien, in der zwei hilflose Ehemänner von ihren Ehedrachen in die Klapsmühle gebracht worden sind. Die Streitigkeiten entbrennen, als die zwei Familien sich beim Camping begegnen, und zahlreiche Turbulenzen entbrennen, die unterbrochen werden von immerhin netten Trällereien des in Italien sehr bekannten Schlagerstars Johnny Dorelli. Das Töchterlein von Totò ist die süße Alessandra Panàro, die in Peplumfilmen mitspielen sollte. Regieassistent ist Mariano Laurenti, der in den 70ern zu einem der führenden Regisseure von Sexkomödien werden sollte. Totò und Peppino sind natürlich immer lustig, aber dieser Film hat außer den Faxen nicht viel mehr anzubieten...

Von Monicelli stammt "I soliti ignoti" (Diebe haben´s schwer, 1958), der zu Recht einer der berühmesten Totòs ist, auch wenn der große Komödiant hier nur einen kleinen Gastauftritt hat. Ein kleiner Ganove hat sich ein Pfandhaus ausgekuckt, in dem ein Safe mit dicken Juwelen steht, die nur auf einen Einbruch warten. Durch besondere Umstände, die jetzt zu kompliziert sind, um hier wiedergegeben zu werden, ist es dann eine kleine Bande von Gelegenheitsdieben unter sachkundiger Anleitung des erfolglosen Boxers Vittorio Gassman. Auch dabei sind Marcello Mastroianni und Renato Salvatori, die sich von Safespezialist Totò im Safeknacken unterrichten lassen. Mit "wissenschaftlicher Präzision" wird der Coup umgesetzt, aber natürlich geht einiges schief, und so gelingt es ihnen schließlich mit großem Aufwand, in eine Küche einzubrechen, wo sie sich wenigstens ordentlich den Bauch vollschlagen können! Eine neorealistisch angehauchte Version von "Rififi", in der die Sympathie stets bei den Dieben ruht, die damit freilich auch nichts anfangen können... Wie heißt es in einer Szene, als einer ein paar spielende Kinder fragt? "Wo ist Mario?" - "Davon gibt´s hier viele!" - "Der Mario, der stiehlt." - "Davon gibt´s hier auch viele!" Der Film wurde preisgekrönt an allen Ecken und Enden, und das zu Recht! Auch wenn Totò nur kurz vorbeikommt, ein vollkommenes Muß...

"Totò a Parigi" (1958) ist wieder das Werk von Mastrocinque, und hier spielt Totò einen Vagabunden, der in einem römischen Baumhaus residiert. Als ihm eine Zigeunerin weissagt, daß er eine weite Reise machen werde, hält er das für Kohl, aber unmittelbar darauf bringt ihm ein Hund eine Brieftasche mit Zugtickets nach Paris! Sofort macht sich Totò auf den Weg und erlebt schon im Zug Dinge, die mich zum Zugfeind auf Lebenszeit gemacht haben! Er weiß es nicht, aber die ganze Angelegenheit ist ein abgekartetes Spiel: Ein Gangster-Millionär, der Totò wie aus dem Gesicht geschnitten ist, will ihn benutzen, um an Versicherungsgeld zu kommen. Dafür soll Totò über die Klinge springen! Die reizende Sylva Koscina soll dabei helfen, ihn ans Messer zu liefern, aber die Dinge laufen dann ganz anders als geplant... Diese französisch koproduzierte Groteske gehört nicht wirklich zu den besten Totòs, aber sie hat genug komisches Potential, um Totò-Fans zufriedenzustellen - schließlich bekommt man hier zwei Totòs zum Preis von einem! Der Professor, den der "gute" Totò im Zug zur Minna macht, bekommt noch einen Nachschlag, als er dem "Wahnsinnigen aus dem Zug" in einem Wachsfigurenkabinett über den Weg läuft, wo Totò sich als Nachbildung von Adolf Hitler kostümiert hat... Uiuiui! Die meisten Darsteller in der Gangster-Story sind Franzosen, während die anderen, denen Totò über den Weg läuft, von den bekannten italienischen Gesichtern verkörpert werden (darunter Mimmo Poli, der so dick ist, daß Totò minutenlang versucht, an ihm vorbeizukommen, was zu unglaublichen Verrenkungen führt...)

Eine schöne Science-Fiction-Parodie ist der 1958 herausgekommene "Totò nella luna" von Steno. Leider habe ich die Kassette nach Holland verliehen. Wenn das nächste Mal ein Käserad vorbeirollt und mir den Film wiederbringt, werde ich das ergänzen!

"Totò, Eva e il pennello proibito" (1959) ist eine Soloarbeit des Stefano Vanzina alias Steno, die sich diejenigen unter den Filmfans ansehen sollten, die den Regisseur nur von seinen neueren Klamaukfilmen her kennen. "Totò, Eva und der verbotene Pinsel" (Übersetzung von mir!) handelt von einem Schlawiner namens Raoul de Spada (Mario Carotenuto), der, just aus dem Gefängnis, in Madrid den Coup des Jahrhunderts plant. Er versichert sich dazu der Mithilfe eines großen Kopisten von Gemälden (Totò), der ihm eine dritte "Nackte Maja" zu den beiden verbrieften von Goya pinseln soll - die "Maja im Unterrock"! Totò kriegt den Kasus auch gebacken. Ein führender Goya-Experte (Louis de Funès!) geht den Gaunern auf den Leim. Als das Bild für Unsummen an eine reiche Amerikanerin verhökert werden soll, tritt Totò auf den Plan, denn er hatte den Auftrag eigentlich aus lauteren Motiven angenommen. Er malt blitzschnell einige weitere Majas (eine im Badeanzug, eine im Bikini etc.), was den geneppten Kunstexperten fast zum Suizid treibt. Auch Raoul hat alle Hände voll zu tun, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen... Die Story geht extrem komplizierte und verwinkelte Wege, aber man geht sie gerne mit, da alle Beteiligten gute Arbeit leisten. Totò hat schon am Anfang eine Riesenszene, wenn er die "Mona Lisa" kopiert - als Modell benutzt er seinen Gehilfen Giacomo Furia mit Perücke! ("Noch geheimnisvoller lächeln!") Sein Blutdruck macht erneut Überstunden, aber in dieser Hinsicht steht ihm der junge Louis de Funès in nichts nach, der seinen pompösen Lackaffen von Kunstkritiker mit großer Widmung verkörpert. Schade, daß die beiden großen Komödianten nur dieses eine Mal zusammen arbeiten sollten! Carotenuto ist auch glänzend - er sollte in den 70ern in den Sexkomödien um Gloria Guida u.a. einen festen Platz haben. Seine Gaunerpartnerin ist die Amerikanerin Abbe Lane, die nicht nur Ehefrau von Xavier Cugat war, sondern um jene Zeit in vielen Hollywoodfilmen zu sehen. Was für eine Tänzerin! Was für ein Film!!

In den 50ern arbeitete Totò auch mit zwei sehr berühmten Regisseuren zusammen, Vittorio de Sica und Roberto Rossellini.

"Dov´è la libertà?" (Wo ist die Freiheit, 1953) ist Rossellinis erfolgreicher Versuch, seinen politischen Idealismus mit der Komik Totòs zu paaren, die ja immer von Traurigkeit umwittert ist. Hier ist Totò Salvatore Loiacono, der 22 Jahre für ein Verbrechen aus Leidenschaft gesessen hat. Jetzt, wo ihm die Reststrafe erlassen wird, muß er sich mit einer vollkommen fremden Welt auseinandersetzen, in die er einfach nicht mehr hineinpaßt. Nach erfolglosen Versuchen, wieder ins Gefängnis zurückzukommen, will er schließlich ins Gefängnis einbrechen... Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden während der Gerichtsverhandlung. Die Hauptfigur ist eine vollkommen getretene und geschundene Kreatur, der die Freiheit nichts mehr gibt, da sie gleichbedeutend ist mit Verlassenheit und Ausgegrenztheit, während sie im Knast Bestandteil einer Familie war, die zwar nicht unbedingt glücklich war, aber einander hatte. Während ich zu den meisten Filmen von Rossellini nicht wirklich Zugang habe, ist Totò mein persönlicher Türöffner gewesen für das Werk des großen Neorealisten. Die zugrundeliegenden Gefühle muß man sich bei Rossellini in der Regel mehr erarbeiten, als das etwa bei dem Kollegen de Sica der Fall ist. Hier liegen sie aber offen zutage und schreien nach Taschentüchern.  Obwohl weniger heiter als die meisten Totòs, ist "Dov´è la libertà?" ein prächtiges Werk, das den "Durch Rauhes zu den Sternen"-Tenor der wahren Komödie in den Dienst eines absurden Weltbildes stellt, in dem wir uns jeden Tag zurechtfinden müssen... (Die bei uns erhältliche Fassung ist untertitelt - die des Lebens ebenso wie die des Films!)

In Vittorio de Sicas erhabener Geschichtensammlung "L´oro di Napoli" (Das Gold von Neapel, 1954) spielt Totò in der lustigsten Episode einen professionellen Hanswurst ("pazzariello"), der mit seinen Faxen Straßenwerbung für Geschäfte veranstaltet. In seiner Wohnung hat sich ein "düsterer Ehrenmann" der Camorra eingenistet, der ihn und seine Familie tyrannisiert und in ständiger Angst hält. Als eines Tages ein Herzinfarkt den Fiesling niederstreckt, faßt der kleine Mann Mut und setzt ihn vor die Tür. Leider stellt sich heraus, daß der Infarkt eine Fehldiagnose war, und so steht der zornige Verbrecher wieder auf der Türschwelle. Aber die Familie hält zusammen und besiegt das Übel... Nur eine von mehreren Geschichten, in denen die exzentrischen Charaktere der Stadt eingefangen sind. Ähnliches versuchte Luciano de Crescenzo in seinen "Also sprach Bellavista"-Geschichten, die vergnüglich zu lesen sind, aber die gleichnamige Verfilmung ist um Lichtjahre schwächer als de Sicas Film, dessen andere Episoden auch das Herz erfreuen. Am Drehbuch arbeitete der geniale Cesare Zavattini. Che bellezza!

Und auch Lucio Fulci hatte seinen Totò! In seinem Debütfilm als Regisseur, "I ladri" (Jeder Dieb braucht ein Alibi, 1959), in dem eine Bande von hungerleidenden Möchtegernganoven (angeführt von einer quietschjungen Giovanna Ralli) den berüchtigten Gangster Armando Calvo dazu überreden will, einen Coup durchzuführen. (Calvo ist ein Spanier, der einen in Italien geborenen Amerikaner spielt - verwirrend, was?) Totò ist bei dem Spiel der inkompetente Commissario di Polizia, der sich auch mit dem FBI herumstreiten muß. Es wird deutlich, daß der junge Fulci sich an amerikanischen Filmkomödien orientiert, in deren Muster die Totò-Nummern integriert werden. Daß das in der deutschen Fassung nicht klappt, liegt an der rotzerbärmlichen DDR-Fernsehsynchro, zu der man nur sagen kann: Der realexistierende Sozialismus ringt erbittert mit der italienischen Komödie und trägt triumphal den Sieg davon... Selten solch eine Aneinanderreihung von schlecht übersetzten Wortwitzen gehört. Der Film ist im Original sehr drollig, aber in der hiesigen Fassung eher nervenzermürbend.

Sehr viel lohnender ist da RISATE DI GIOIA (DIEB AUS LEIDENSCHAFT, 1960) von Monicelli, in dem Totò das erste Mal mit DER italienischen Filmschauspielerin schlechthin zusammenspielen konnte - Anna "Mamma Roma" Magnani. Die beiden spielen abgehalfterte Schauspieler (die Magnani spielt nur noch in Massenszenen von Sandalenfilmen mit!), die zu Silvester durch die Unbilden des Geschicks gezwungen sind, den Abend gemeinsam zu verbringen. Zusammen mit einem jungen Trickdieb (Ben Gazzara) ziehen sie durch Rom, in der steten Hoffnung auf einen guten Fang. Dabei verliebt sich Anna in den jungen Hallodri, aber der interessiert sich nur für die Sore. Am Schluß kommt die Magnani in den Bau, aber das Ende hält trotzdem einen Hoffnungsfunken parat: "Laßt uns dieses elende Leben genießen!" ruft sie, und so sei es denn... Tja, was soll man dazu sagen - wundervoll!

In den sechziger Jahren wurde Totò dann zunehmend in mittelmäßigen Klamotten verheizt, die er aber trotz des dünnen Materials allein durch seine Anwesenheit entschieden aufwertete. Beispiele sind etwa "Totò l´Arabia", "Il giorno più corto" (= Der kürzeste Tag!) und sogar "Che fine ha fatto Totò Baby?" (=Was geschah wirklich mit Baby Totò?). Zu den bedeutenderen Filmen aus dieser Schlußperiode seines Schaffens gehört Paolo Heuschs "Il comandante", wo er seine einzige richtig ernste Rolle versah. Ich habe den Film leider nicht gesehen, aber dem Vernehmen nach gehört er zu des Komikers eindrucksvollsten Leistungen...

"Totò contro Maciste" (1962) hingegen habe ich gesehen, und auch wenn er deutlich abfällt gegenüber den originellen Komödien der 50er, so hat der Film in punkto Schauwerte natürlich einiges zu bieten. Als Regisseur zeichnete der Abenteuerfilmexperte Fernando Cerchio verantwortlich, der selber einige Antikfilme auf dem Konto hatte. Es geht um zwei Schmierenkomödianten, Totokamun und Tarantekamun (Nino Taranto), die in Theben einen Bühnenact abziehen, bei dem Totò als der stärkste Mann der Welt und Sohn von Amun-Ra firmiert. Der Pharao ist davon sehr beeindruckt - vor allen Dingen, weil sich Maciste, der Felsgeborene, gerade gegen ihn gewendet hat. Maciste steht unter dem bösen Einfluß der Pharaonin, die ihn mit einem Zaubertrank verhext hat, um Kalif anstelle des Kalifen zu werden... Als Totò spitzkriegt, was von ihm erwartet wird, macht er die Fliege. Ein vom Pharao getürktes Gespräch mit "Papa" Amun-Ra überzeugt ihn aber, den Zweikampf der Giganten aufzunehmen... Der Film ist eine mittelprächtige Parodie auf das Genrekino, mit unzähligen Anachronismen und Wortwitzen, wobei der besondere Charme der Komödien, in die Totòs unverwechselbare Gestalt einst eingebunden wurde, verlorengeht. Allerdings wäre der Napoletaner nicht Napoletaner, wenn er sein Charisma nicht leuchten lassen würde. Als Maciste firmiert der Amerikaner Samson Burke, der so aussieht wie das Montblancmassiv.

Der Mythenkoffer war aber noch nicht zugeschlagen, und so machte Cerchio flugs "Totò e Cleopatra" (1963). Hier spielt Totò Mark Anton, der in Ägypten einmarschiert und sich in die langnasige Cleopatra (Magali Noel) verliebt. Das führt zu allgemeiner Verstimmung in Rom, wo Ottavio und die Patrizier ihre Felle wegschwimmen sehen. Es ist geplant, Ottavios Schwester Ottavia ranzulassen, die Mark Anton Cleopatra abspenstig machen soll. Fulvia, der der Heerführer eigentlich zugedacht war, verdrießt das nicht unwesentlich, weswegen sie sich den inkompetenten Sklavenhändler Totonne auskuckt, der Mark Anton ähnlich schaut wie eine Römernuß der anderen. Sie setzt Totonne gefangen, aber ihm gelingt die Flucht. Um Kapital für sich aus der Situation zu schlagen, schleicht er sich in Cleopatras Palast und bringt dort die Verhältnisse mächtig durcheinander - umso mehr, als Mark Anton kurz danach auch hinzustößt. Das Chaos ist komplett... Der Film ist noch etwas schwächer als sein "Maciste"-Vorläufer, gibt Totò aber erneut Gelegenheit, Gas zu geben wie wild. Unter den Nebendarstellern fällt Carlo delle Piane auf (als Cäsars und Cleopatras Sohn), der seit den frühen 50ern Charakterdarsteller in Komödien war und erst spät in seinem Leben von Pupi Avati entdeckt wurde, der ihm die Rollen seines Lebens gab. Magali Noel (die damals durch ihre Rolle in Fellinis "La dolce vita" gerade in aller Munde war) sieht so schön aus, daß sich nicht nur alte Römer in sie verlieben können - da springt man nicht nur im Dreieck, sondern sogar im Triumvirat!

Totò tauchte in Alberto Lattuadas decameroneskem "La mandragola" ebenso auf wie in Dino Risis Caper "Operazione San Gennaro". Seinen ganz großen Abgang hatte Totò aber mit Pier Paolo Pasolini, der ihm die Hauptrolle in seinem wunderschönen "Uccellacci e uccellini" (Große Vögel, kleine Vögel, 1966) anvertraute.

In diesem Meisterwerk spielt der große Neapolitaner den kleinen - und auch ein klein wenig schrägen - Vogel Totò Innocenti, der zusammen mit seinem Sohn Ninetto Davoli einer ungewissen Zukunft entgegentrampt. Sie begegnen einem sprechenden Raben, von dem seine Gegner behaupten, er wäre ein linker Intellektueller. Er erzählt ihnen z.B. von Don Cicillo (auch Totò), der zusammen mit seinem Sohn vom Heiligen Franziskus entsandt wird, um die Falken und die Spatzen zu bekehren. Auch ansonsten hält der verdammte Rabe einfach nicht den Schnabel, so daß am Schluß... Aber das will ich nicht verraten, denn ich wünsche mir, daß ganz, ganz viele sich diesen tollen Film noch ansehen mögen! Pasolini erzählt von einer Welt, in der die kleinen Vögel von den großen gefressen werden, doch trotzdem gehen die Menschen voran, ohne zu wissen, wohin ihr Weg sie führt. Das wird nicht mit Sentiment und Schenkelklopfern serviert, sondern mit ruhigen, stillen Bildern, die so recht das widerspiegeln, was ich unter Schönheit verstehe. Mir klappt bei dem Film jedesmal aufs Neue die Kinnlade herunter. Obwohl an sich kein lustiger Film, begleitet die Pilgerreise der beiden Protagonisten eine zauberhafte Leichtigkeit, die bei aller Schwere des Geschicks nicht aus der Welt wegzudenken scheint. Totò war zu diesem Zeitpunkt bereits alt und krank. Seine Komödie - die stets die Ahnung des Zentnergewichts der Conditio Humana enthielt - verträgt sich wunderbar mit dem religiösen Marxismus und der Naturpoetik Pasolinis, und so ist "Uccellacci" ein sehr untypischer und typischer Totò zugleich. Mehr will ich eigentlich nicht sagen, denn ein Film mit gleich zwei Heiligen braucht keine Worte. Erwähnt sei aber noch, daß die Musik von Ennio Morricone (gesungen von Domenico Modugno) eine der besten Kompositionen des Maestros ist, und daß Femi Benussi am Schluß einen kurzen, aber schönen Gastauftritt hat. Der Rabe hat recht!

Die Arbeit an zwei Pasolini-Shorts für Episodenfilme war dann das letzte, was Totò für die große Leinwand machte. Er war in seinen späteren Jahren immer kränker und müder geworden, hatte sich trotz seiner schwindenden Sicht mit Heldenmut durch die Rollen hindurchgekämpft, aber am 15. April 1967 war das Gastspiel vorbei: Der große Komödiant erlag einem Herzanfall und durfte ausruhen. Totò, der sein Leben damit verbracht hatte, das Gold von Napoli in die Herzen der Menschen zu tragen, gilt noch heute als der größte Spaßmacher, den Italiens jemals hervorgebracht hat. Auch in der heutigen Zeit, wo der ständig gefühlloser werdenden Gesellschaft lediglich ein klebriges und verlogenes "Die Liebe macht alles gut" als Allheilmittel für die Wunden des Lebens angeboten wird, gibt es noch viele Totò-Bewunderer, und wenn Louis de Funés in der Bundesrepublik zu einer Kindheitserinnerung für viele Kinofans geworden ist, so gebührte diese Ehre eigentlich auch dem großen Neapolitaner. Eine Beschäftigung mit seinen Filmen lohnt sich nachhaltig, und das besonders, wenn man ohnehin eine Schwäche für Italien besitzt. Napoli ist überall, und es besteht nicht nur aus quietschenden Reifen, sondern auch aus quietschenden Menschen. Der Fürst wußte das, und er sorgte dafür, daß sie vor Freude quietschen... Solange ich lebe, wird Totò in meinem Herzen wohnen. Schaut mal vorbei und feiert mit!

(Gewidmet ist der Text Nicole - sie weiß schon, was gemeint ist.)

BACK