DIE GOLDENE HOSE VON MONTREAL

Zu meinen absoluten Favoriten am Firmament des Italo-Exploitationfilms zählte immer Alberto de Martino. Im Laufe seiner Karriere hat er sich in so ziemlich allen Genres umgetan und überzeugte stets durch sauberes Handwerk und einen Blick für das Spektakuläre. Eigentlich hat er nur zwei richtige Knallschoten hingekriegt, nämlich DER PUMA-MANN und MIAMI GOLEM, und selbst die sind in ihrer Deppertheit noch recht unterhaltsam...

UNA MAGNUM SPECIAL PER TONY SAITTA (1976) gehört nicht zu seinen besseren Arbeiten, doch als in Kanada gedrehter Hybride aus Polizeifilm und Giallo gehört er natürlich an diese Stelle und in unser Herz! Im Kino lief er unter dem Titel FEUERSTOSS, doch im TV war auch eine DDR-Fassung zu sehen, die TOD IM COLLEGE hieß.

Tony Saitta (Stuart Whitman) ist ein Polizeioffizier, der normalerweise in Ottawa tätig ist. Als seine kleine Schwester Louise (Carole Laure) ihn aus Montreal anrufen will, wo sie an der Uni studiert, hat er gerade beide Hände voll zu tun mit einem Banküberfall, bei dem die Verbrecher mit äußerster Brutalität vorgehen und beweisen, daß Milano Violenta wirklich überall ist... So kann Tony nur noch die Beileidsbekundungen entgegennehmen, als sich herausstellt, daß sein lieb Schwesterlein ums Leben gekommen ist. Da er Unrat wittert, ordnet er eine Autopsie an, die enthüllt, daß Louise vergiftet worden ist. Als Verdächtiger Nummer Eins bewirbt sich im Sauseschritt Campusarzt Dr. Tracer (Martin Landau), der nicht nur mit Louise ein Verhältnis gehabt hat, sondern auch derjenige war, der ihr kurz vor ihrem Ableben ein auf mysteriöse Weise verschwundenes Kreislaufmittel verabreicht hat. Tony Saitta is not amused und schwört, den Tod seiner Schwester zu rächen.

Bei seinen Ermittlungen knüppelt er halb Montreal zusammen und wird im Gegenzug von Transvestiten und von Polizisten zusammengeschlagen. Außerdem hangelt er turmhoch an der Regenrinne und liefert sich waghalsige Verfolgungsjagden. Am Schluß stellt sich heraus, daß Louise ziemlich lousy gewesen ist und gar nicht so säulenheilig, wie er sie immer gesehen hatte...

Ja - trau, schau, wem! Stuart Whitman erinnert sich hier an seine alten Tage als "Marshal von Cimarron" und boxt um sich, daß die dritten Zähne fliegen! Wie in allen seinen Filmen macht er den Eindruck eines schweren Spritters, aber er stellt sich der Herausforderung einer kanadischen Verbrecherjagd mit Bravour und läßt keinen Stein auf dem anderen. (Ich habe ihn gerade in dem unglaublichen Tierhorrorfilm NIGHT OF THE LEPUS bewundern dürfen, wo er mit mutierten Riesenkaninchen zu kämpfen und in Rory Calhoun einen spritmäßig ebenbürtigen Partner hatte...) Seine Vorgehensweise ist denkbar direkt und hätte dem ehrenwerten Commissario Ferro alle Ehre gemacht. Kleiner Tip: Seht Euch mal den späteren Whitman-Film MACABRA, DIE HAND DES TEUFELS an - da seht Ihr, welchen Finger die Hand Stuart entgegenstreckt!

Martin Landau war in der Tat an einem Punkt in seiner Karriere, in der er von dem Oscar, den er später für Woody Allens VERBRECHEN UND ANDERE KLEINIGKEITEN verdientermaßen einheimsen konnte, weit entfernt war. Und es gibt noch eine andere Allen-Connection: Mia Farrows Schwester Tisa (wie jene ein Gemeinschaftsprodukt von Maureen O´Sullivan und John Farrow) spielt die blinde Lehrerin Julie, die Louise nahestand und einige Hinweise bereithält. Auch sie nimmt der Mörder bald ins Fadenkreuz... Gerüchte ( = David Warbeck!) besagen ja, daß sie ein Glasauge besaß. Na, hier besitzt sie halt zwei, was immer noch nicht die Frage beantwortet, ob man durch ein Glasauge gut sehen kann...

Auch der Rest der Besetzung ist gut geölt: Die Texanerin Gayle Hunnicutt hat einen netten Gastauftritt als "die wilde Margie", die nicht nur den Campus sexmäßig abweidet. Ihr Schicksal ist der Zinksarg - die italienischen Regisseure sind ja so unromantisch! Die bildhübsche Kanadierin Carole Laure hatte ihren persönlichen Skandal-Höhepunkt in Dusan Makejevs tollem SWEET MOVIE. In europäischer Markenware war sie aber immer ein gern gesehener Gast, und am Schluß des Filmes läßt sie in einer Rückblende richtig die Sau raus!

De Martino war stets ein Regisseur, dem Subversives fern lag und dem daran gelegen war, simple und spannende Unterhaltungsware zu liefern. Sein Film ist somit ein oberflächlich unterhaltsamer Film ohne Ecken und Kanten, der ansprechend unterhält, wenn auch die zwanghafte Einbeziehung von knalligen Actionszenen (expertenhaft gelöst von Stunt-As Rémy Julienne) zuweilen mehr amüsiert als beeindruckt. So leistet sich Whitman mit einem Hehler, der lediglich eine kleine Information liefern soll, eine Autojagd quer durch Montreal, die zahlreiche Autos demoliert und Leben gefährdet. In Deutschland käme sein Einsatz einem mittleren Ausnahmezustand gleich! Auch am Schluß, als er den Mörder in einem Helikopter füsiliert, riskiert er gedankenlos eine fürchterliche Katastrophe. Aber wir sind alle nur Menschen, und uns allen platzt zuweilen der Kragen. Wenn nicht, läuft etwas falsch. Und es ist besser, wenn die Risiken bedenkenloser Adrenalinabfuhr von einem Film vorexerziert werden, als wenn im wirklichen Leben ähnliche Kampfhändel die Großstädte verwüsten würden...

Armando Trovajolis Musik schmiert den Ablauf der Geschehnisse anmutig mit einem Easy-Listening-Score der gehobenen Preisklasse und läßt schmissige Bläsersätze erschallen, die Mut zum Weiterleben machen. Dazwischen setzt es auch mal Frizzi-eske Horror-Norgelpassagen, die die Giallo-Momente absichern. Der gesamte Score ist einst als LP herausgekommen, aber auf Crippled Dick´s "Beretta 70" kann man das schöne Hauptthema hören. Auch auf einer oder zwei der "Easy Tempo"-CD´s ist - wenn ich mich recht entsinne - mal was aus dem Film zu hören gewesen.

Insgesamt ein akzeptabler, wenn auch mitnichten besonders aufregender Film, der letztlich den Polizeifilm-Fans mehr geben wird als der Giallo-Klientel. Glücklicherweise sind beide meist miteinander identisch, und so sehe ich keinen Grund, dem "Marshal von Cimarron" bei seiner Exkursion ins Reich der Elche nicht zur Seite zu stehen!

Au, P.S.: Unser Interview mit Alberto de Martino findet Ihr hier!

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