HEROIN IN STRAMPELHOSEN

Italienische Superhelden im Einsatz

Heute morgen ist mir eine schöne Zeile für einen Funpunksong eingefallen: „Mein Boiler brüht mir meine Klöten/ Ich möchte den Erfinder töten...“ (Über die näheren Begleitumstände der Entstehung des Satzes schweige ich mich mal aus.) Wenn ein 20-Jähriger so einen Satz singt, ist das niedlich und drollig; ab einem gewissen Alter wird es jedoch unstatthaft und ist gar nicht mehr drollig. Das wäre wie eine Boygroup, deren Mitglieder alle über 50 sind. (Namensvorschlag: Die Sonnenfreunde!) Aus eben diesem Grunde bombardiere ich Euch jetzt mit einem kleinen Artikel über Superhelden und Superschurken. Die Herren heißen Diabolik, Satanik oder auch Superargo. Sie wohnen in der römischen Vorstadt in unseren Herzen und retten dort die Welt, die ständig Gefahr läuft, von größenwahnsinnigen Wissenschaftlern unterminiert zu werden. Ohne weitere Umschweife – lassen wir den ersten fliegen!

BAVA BAVISSIMO!

Daß Mario Bava den mit Abstand besten Film im hier besprochenen Genre gedreht hat, sollte niemanden überraschen. Nachdem ich lange Jahre erfolglos versucht hatte, eine verständliche Version des Filmes aufzutreiben und mich durch zahlreiche abgenudelte, fast schon schwarzweiße Kopien hindurchgequält hatte, gelangte ich in den Besitz einer amerikanischen Laserdisc, die jeden Besitzer strahlen macht! „Diabolik“ war der erste einer ganzen Reihe von „Fumetti Neri“, von grellen und teilweise ganz und gar nicht jugendfreien Comicstrips, die die gewaltsamen Versuche von Superverbrechern zum Thema hatten, der Welt das Fürchten zu lehren. Ihnen traten mutige Individuen entgegen, aber da die Strips meist die Namen der Schurken in ihrem Titel trugen, mußten diese natürlich ein ums andere Mal entkommen, um ihr Schreckensregiment weiter zu führen. Gar nicht mal so unverwandt mit dem sehr viel älteren „Fantomas“-Konzept, durfte der Leser der Bildergeschichten mit wohligem Schaudern an der Allmacht des Verbrechens partizipieren, wenn auch die Moral meistens in letzter Instanz obsiegte. Trotzdem: So viel implizite wie explizite Sexualität (ganz zu schweigen von der sadistischen Gewalt) war in diesen Comics enthalten, daß sie auf massiven Widerstand stießen und nicht selten eingestellt werden mußten, aber sie besitzen noch heute eine große Fangemeinde, nicht nur in Bella Italia! „Diabolik“ wurde 1962 aus der Taufe gehoben und war das Gemeinschaftsprodukt von zwei Schwestern, Angela und Giuliana Giussani, die zusammen mit dem Zeichner Gino Marchesi ihre düsteren Fantasien auslebten, die in Fetischabgründe führten, die Supermans Eispalast zum Schmelzen gebracht hätten... Zusammen mit seiner Geliebten, Eva Kant, suchte er sich seine Opfer vornehmlich unter korrupten Politikos oder schmierigen Großkapitalisten. Der Film DIABOLIK (GEFAHR: DIABOLIK) erschien erst im Jahre 1967, als längst einige von Diaboliks Epigonen den Sprung auf die Leinwand geschafft hatten, aber bis zum heutigen Tage ist dieses kleine Meisterwerk DIE definitive Comic-Strip-Verfilmung überhaupt und verbindet das erzählerische Konzept der Vorlage mit Mario Bavas eigener ästhetischer Kreativität, die ja so viele tolle Filme hervorgebracht hat. Von Anfang an: Ein großer Geldtransport soll die Zentralbank verlassen. Inspektor Ginko hat sich eine List einfallen lassen, um die Verbrecher in die Irre zu führen: Er schickt nur leeres Papier auf die Reise und kutschiert die Penunze höchstpersönlich in einem Rolls-Royce. Doch er hat die Rechnung ohne Superkriminoso Diabolik gemacht: Psychedelisch eingefärbtes Gas dringt aus versteckten Düsen, und der Rotz-Roller schwebt mitsamt der Sore durch die Lüfte... Diabolik ist die Geißel des Staates! Zusammen mit seiner rasend schönen Geliebten Eva Kant düpiert er Justiz und organisiertes Verbrechertum gleichermaßen, wobei sein Zorn meistens nur solche trifft, die es sich leisten können und zudem tierisch unsympathisch sind. Anders als sein naher Verwandter Fantomas ist er obendrein richtig sexy! Der Film ist in bester Serial-Tradition episodisch aufgebaut, wobei die Unterteilung in einzelne Geschichten nicht überbetont wird – die Stories fließen reibungslos ineinander über. So gibt es den wunderbar debilen Innenminister (gespielt von der berühmtesten Zahnlücke Merry Old Englands, Terry-Thomas), der sich ob der bösen Händel Diaboliks nicht anders zu behelfen weiß als die Todesstrafe wieder einzuführen! (Das erinnert an den Kampf gegen den Terrorismus, oder?) Die Diabolik-Replik darauf ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Die Pressekonferenz des Minis wird zerbombt, indem der Schurke Lachgas in den Raum leiten läßt, so daß alle Anwesenden, inklusive des Ministers und des Inspektors, in brüllendes Gelächter ausbrechen... Der Minister fliegt, der Inspektor nicht. Inspektor Ginko (Michel Piccoli) hat eine gewisse Hochachtung für den Genius des Bösen, haftet ihm aber auch felsenfest auf den Fersen. Natürlich kommt er immer um einen Augenblick zu spät. So ist er hellhörig, als ihm der schmierige Kapitalist Valmont (großartig: Adolfo Celi) seine Hilfe anbietet. Valmont kidnappt zu diesem Behufe Diaboliks Eva und lockt ihn in sein Flugzeug, wo er – umgeben von seinen Ganoven (toll: Federico Boido mit Zigarre und Kaugummi) – den Superbäddie leimen will. Doch er hat die Rechnung ohne Herrn D. gemacht, der ihn kurzerhand mit sich aus dem Flugzeug reißt. Am Boden wartet bereits Ginko mit gezückter Wumme, aber Diabolik schluckt noch rechtzeitig eine Droge, die ihn in einen scheintoten Zustand versetzt... Meine Lieblingsepisode ist ja nun jene, in der Diabolik sämtliche Finanzämter des Landes in die Luft jagt. Da dabei alle Steuerakten vernichtet worden sind, zahlt keiner der Bürger mehr Steuern! Der neue Finanzminister Terry-Thomas (wie beim FC Bayern wird rotiert!) bettelt die Bürger per TV an, ehrlich zu sein, womit er Gelächter erntet – ohne Gas diesmal... Das gesamte Gold der Nation wird deshalb eingeschmolzen und als 20-Tonnen-Barren im Zug abtransportiert. Das weckt den Ehrgeiz Diaboliks und führt zu einem mitreißenden Finale... Ja, dieser Film kriegt wirklich 10 Punkte von 10 Punkten - ein unglaublicher Kracher! Abgesehen von dem herausragenden Drehbuch, das rasante Action und beißende Ironie so fest zusammenfügt, daß nicht einmal Diabolik sie mehr auseinanderkriegen würde, taucht Bava den Film in ein Farbenmeer, das sich wirklich nur bei der tollen Bildqualität der Laserdisc würdigen läßt. Das relativ hohe Budget (der Film kostete wahrscheinlich ein Vielfaches der anderen Filme in diesem Artikel) katapultiert den Film in die oberste Barbarella-Liga, und Bava vermeidet (auch aufgrund der obwaltenden Ironie) den Kitsch von Dr. Vadim. Allein die unterirdische Festung von Diabolik ist ein Beat-Inferno, eingerahmt von futuristischen Bauten und farbig ausgeleuchteten Pappfelsen -–das macht so Spaß, wenn der da unten rumkraucht! John Philip Law war BARBARELLA gerade entflogen und ist bombig in der Rolle des maskierten Dunkelmannes, dessen Desperadocharme nicht nur Lovely Marisa so richtig anmacht. Seine Ledermontur wäre der Gnadenkracher auf jeder Fetischparty! Und Marisa läßt sowieso jedes Auge beschlagen, das lange sinnlos über den Planeten geglitten ist... Was sah die damals aus – unmenschlich! Ihre Eva Kant ist der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, wie ihr Vater Immanuel es mal ausgedrückt hat – da möchte man sich blitzschnell verunmündigen. Und die Frau ist verwöhnt: Die wünscht sich von ihrem Macker zum Geburtstag die wertvollste Smaragdkette der Welt, und die bekommt sie sogar! Neue Männer braucht das Land, und die Frauen ziehen hoffentlich nach... Wem alle diese Vorzüge noch nicht reichen, um DIABOLIK als einen der besten Filme aller Zeiten zu erkennen, der kann sich ja noch Ennio Morricones Soundtrack zu Gemüte führen, der – ein größeres Rätsel der Welt als die hängenden Gärten von Tasmanien – noch nicht veröffentlicht worden ist. Im Moment wird doch wirklich jeder Furz von Papa Ennio rausgebracht – Leute, macht was! Allein der Shake in der Raubszene zu Anfang ist das Eintrittsgeld hundertfach wert. Und das Titellied (das Ihr auf der ersten „Canto Morricone“-CD – Pflichtanschaffung! – nachhören könnt) läßt Sängerin Christy durch die Abgründe des Herzens schlängeln – „deep, deep down...“ Ach, ist das alles schön! Superfilm. Man könnte noch viel mehr darüber schreiben, aber Ihr habt den Grundtenor sicher erfaßt.

ALTER VOR SCHÖNHEIT

Der populärste unter den unmittelbaren „Diabolik“-Nachfolgern unter den Comicstrips war „Kriminal“, der 1964 vom Zeichner Max Bunker ersonnen wurde. Dieser Superterrorist trug ein schwarzes Kostüm mit aufgemaltem Skelett und wurde seiner morbiden Gewandung mehr als gerecht. Von den zwei Filmen, die nach dieser Vorlage gedreht wurden, habe ich leider nur den ersten gesehen, Umberto Lenzis KRIMINAL (1967), in dem Western-Schönie Glenn Saxson (=der Holländer Roel Bos) einen weiteren Erzknüppel aus dem Sack spielt, der in eine Diamantentransaktion hineinfunkt, bei dem ihm zwar nicht Marisa Mell zur Seite steht, aber Helga Liné, und das ist doch auch schon was! Lenzi hat damals noch richtig gute Filme gemacht, und so kann sich auch KRIMINAL wirklich sehen lassen. Er war erfolgreich genug, um eine Fortsetzung zu bekommen, die der Kostümfilmkollege Fernando Cerchio inszenierte: IL MARCHIO DI KRIMINAL. Den habe ich noch nicht geschaut – schnief!
1965 erschien in Italien ein „Fotoromanzo“ mit dem Namen „Satanik“ (bzw. „Killing“), dessen Schurke eine deutliche optische Verwandtschaft zu „Kriminal“ aufwies. Verwirrenderweise begab es sich, daßMax Bunker seinen eigenen „Satanik“ auf die italienische Leserschaft loslies. Bei diesem handelte es sich um die häßliche Assistentin eines genialen Professors, die durch eine Droge zu einer wunderschönen Superverbrecherin wird. Filmisch bearbeitet wurde diese Vorlage von dem Regisseur Piero Vivarelli, dessen SATANIK (1968) die Hochwassermarke im Werk dieses Exploitationfachmannes darstellt. Vivarelli war bereits seit den frühen 50ern im Filmgeschäft tätig und drehte schließlich, nach der Erstellung zahlreicher Drehbücher, diverse Musikplotten, die dann in den beiden hier angesprochenen hochunterhaltsamen Filmen gipfelten. Danach begab er sich in textilfreie Zonen und bastelte Sexploiter wie IL DIO SERPENTE oder IL DECAMERONE NERO, die die Tendenz zum Exotismus ausbeuteten, die damals im Genre der wippenden Brüste herrschte. Der einzige bei uns auf Video erhältliche Film ist ausgerechnet sein 1988 hergestellter PROVOCAZIONE (EROTIC GAMES), in dem Moana Pozzi und Petra Scharbach Marino Masé das Leben schwer machen. Einziger Höhepunkt des ansonsten ziemlich düsteren Werkes ist ein Kurzauftritt des Regisseurs am Schluß als „Anwalt Vivarelli“... SATANIK beginnt in einer horrorkompatiblen Gewitternacht. Eine unglaublich häßliche Schabracke mit Gumminarben im Gesicht wird von einem Taxi bei Professor Greaves abgeladen. Marnie Bannister ist seine Assistentin und ein Stiefkind des Lebens. Glücklicherweise hat ihr Professor ein Mittel zur Regeneration von Zellgewebe erfunden, und sie stellt sich sofort als Testperson zur Verfügung. Als der Professor ablehnt, scheint ihm die Sache doch zu riskant, ersticht sie ihn kurzerhand mit einem Skalpell und schluckt das Wundermittel. Die Blitze zucken, der Donner grollt, und auf einmal steht da die bildhübsche Superblondine Magda Konopka, für die sich so mancher Mann in Schwertkämpfe auf Leben und Tod verwickeln lassen würde... (Gianni Dei mußte das nicht, denn er war mit ihr verheiratet!) In diesem neuen Gewand begibt sich Marnie auf die Bühne einer Welt, die hauptsächlich aus reichen Leuten, Ganoven und reichen Ganoven besteht. Als ersten Schröpfpatienten sucht sie sich den Diamantenhändler Van Donen (Umberto Raho) aus, der als Frauenheld bekannt ist. Sie läßt ihre nunmehr vorhandenen Reize spielen und macht sich den Mann so richtig schön gefügig. Er führt sie in die Unterwelt ein, wo sie auch anderen Leuten den Kopf verdreht. Als Van Donen zufällig Zeuge ihrer Rückverwandlung in eine alte Schnalle wird (sie muß regelmäßig die Pillen schlucken), verschaschlikt sie ihn blutig mit einer Art Morgenstern! Als nächstes führt sie Westernspezi Antonio Pica in den Abgrund, der im Kugelhagel der Polizei stirbt, sowie dessen untreue Verlobte Stella. Sich als diese ausgebend, fährt Marnie in die Schweiz, um dort auch Picas Bruder auszunehmen. Dieser beißt sofort an. Es könnte alles so schön sein, wäre da nicht Inspektor Trent (Julio Pena), der ihr Geheimnis erraten hat und nun versucht, sie dingfest zu machen... Der Film rockt wirklich massiv und ist von allen DIABOLIK-Kollegen mein eindeutiger Favorit. Zwar nie mehr als ordentliche Unterhaltung, ist das Tempo des Filmes fulminant und wird mit psychedelischen Beat-Überraschungen der spektakulären Sorte aufgelockert. Allein die Kostüme und Perücken, die Sleazy-Easy Magda aufträgt, sind eine Bedrohung für jeden Hosenlatz und verkürzen das Warten auf die Erfindung der Zeitmaschine... Roberto Pregadios und Manuel Paradas Musik jettet auch gut los und steht jeder Retro-Party gut zu Gesicht. (Keine Veröffentlichung bislang. Hey, Leute, macht mal einen Sampler!) Julio Pena als Marnies Nemesis gehört zu der alten Garde von Spaniens Schauspielern und war u.a. einer der Hauptdarsteller in dem Bürgerkriegsfilm L´ESPOIR (1945), der einzigen Regiearbeit des Schriftstellers André Malraux. Sein Kollege Gonzales wird gemimt von Armando Calvo, während als Genfer Kommissar niemand anders als Vivarelli himself aufwartet! Der Film entbehrt nicht einer gewissen Härte, die sich auch in einem eher tragischen Finale ausdrückt. Sixties-Sex ist auch reichlich vorhanden, etwa in dem tollen Fetisch-Strip-Act, den Magda in Genf aufs Parkett legt... Viva Relli!
Noch vor SATANIK (Spitzen-Zeit-Incontinuity, wa?) drehte Vivarelli den Film MR. X (1966), in dem Pier Paolo Capponi einen Ganoven spielt, der von der Polizei mit einem Mord belastet wird, den er gar nicht begangen hat. Auf eigene Faust stellt er Ermittlungen an und findet heraus, daß der wohlhabende Drogenmogul Armando Calvo in Wirklichkeit hinter dem Schmuh steckt. Durch Verwicklungen, die auch die ewigwährende Helga Liné (als Calvos Geliebte) einschließen, stellt Capponi den Fall klar und rechnet mit seinem Gegner nachhaltig ab. Zwar trägt Mr. X von Zeit zu Zeit einen schwarzen Bodystocking – ihn aber deswegen als Superhelden zu bezeichnen, fällt mir bei aller Sympathie für dieses Kleidungsstück schwer. Übrig bleibt aber ein spannender Gangsterfilm, der sich zumindest gewisser Anteile dieses Genres bedient. Viva immer noch Relli!

MIT STRUMPF UND STIL

Lehrjahre sind zwar keine Herrenjahre, aber der heißgeliebte Ruggero Deodato hat bereits in den sechziger Jahren ganz okayne Filme gemacht, u.a. den erotischen Mantel-und-Degen-Film ZENABEL und die weit überdurchschnittliche Westernklamotte I QUATTRO DEL PATER NOSTER, die ich in meinem hopefully bald forthcoming W-Buch genauer beleuchten werde... Hier soll mein Augenmerk auf FENOMENAL E IL TESORO DI TUTANKAMEN (1968) ruhen, in dem "Roger Rockfeller“ einen neuen comicstrippigen Heroen im Ganzkörperstrumpf einführt: Fenomenal ist ein komplett schwarz gedreßter Einzelkämpfer für Recht und Ordnung, der gleich bei seinem ersten Auftritt etwas Yachtsport mit den Mitgliedern eines Drogenrings durchführt. (Wer genau hinschaut, erkennt Westernspezis Deanman Stratford und Claudio Ruffini.) Dann führt die Handlung des Filmes nach Paris, das sich ganz im Bannstrahl von Brunoman Nicolais „Da-Dabba-Dabba-Dah“-Musik befindet. Das Herz jedes Easy-Litzning-Fans sollte hier höher schlagen... Graf Norton (Mauro Parenti) ist einer der reichen Leute, die hinter einer gespannt erwarteten Ägyptologie-Ausstellung stecken, bei der u.a. die berühmte Totenmaske des Tutenchamun ausgestellt werden soll. Die Legende besagt, daß man mit Hilfe dieser Maske auch einen großen Schatz finden kann. Die Befürchtungen der anwesenden ägyptischen Regierungsmänner scheinen Bestätigung zu finden, da drei halbseidene Individuen bei hellichtem Tage in die Kanalisation steigen und sich mit Hilfe eines komplizierten Planes rififimäßig ins Museum bohren. (Wenn ich so etwas versuchen würde, würde ich rififimäßig im Klo des Glöckners von Notre-Dame landen!) Der Plan stellt sich aber als Testaufführung heraus, denn die verkleideten Polizisten scheitern kurz vor der erfolgreichen Erledigung ihres Vorhabens. Doch viele durchaus echte Meisterdiebe stehen schon in den Startlöchern, um den Kopf des Pharao zu stibitzen. Mein Favorit ist einmal mehr der großartige Gordon Mitchell, der sich hier gerade inmitten seiner hellblonden Phase befand und einen gewissen Gregory Falkoff spielt, der sich durch ein zähnefletschendes Dauergrinsen auszeichnet. Mit Hilfe der hübschen Miss Guillaume hat Gordonman schon bald die Safekombination spitz, und da der Museumsküster (oder wie das heißt) den Echnaton durch eine Kopie ersetzt und das Original im Geldschrank verwahrt, weiß der Böse auch gleich, wo er klauen muß. Leeeider läuft ihm bei der Angelegenheit Fenomenal über den Weg und jagt ihm die Maske flugs wieder ab. Was aber auch Fenomenal nicht weiß: Einer der Beamten, Gressenet, macht mit Miss Guillaume gemeinsame Sache und hat das Original bereits im Vorfeld mit einer weiteren Kopie ausgetauscht. (Kann man die da im Museumsshop kaufen, oder was ist da los?) Nachdem Gordon leider bereits nach einer Stunde gekillt wird, verlagert sich die Action nach Tunis, wo Norton (der natürlich niemand anders ist als Fenomenal!) zusammen mit Inspektor Bouvet den flüchtigen Maskenmopsern nachjagt. Mit von der bösen Partie ist auch der rollbestuhlte Professor Miklowicz (gespielt von Opa Habicht himself, John Karlsen), der von Lucretia Love herumgeschoben wird, und für dieses Privileg würde auch ich mir gerne die Beine abschneiden lassen, denn sie sieht so gut aus wie selten... Einige Leute werden dann in die Luft gejagt, erschossen oder sonstwie in den Orkus befördert – dies ist keiner der Filme, die vorwiegend auf ein Kinderpublikum zielten. Es geht teilweise herzhaft zur Sache. Nach einer Rollstuhlfahrt ins Glück gibt es dann eine kleine Überraschung und einen niedlichen Epilog, der nicht das einzige ist, was an diesem Film Spaß macht. Daß Mauro Parenti (ein ungewöhnlich gehobener Darsteller für eine solche Rolle) in punkto Verkleidungsgrelle etwas geizt, macht gar nichts, denn er gleicht diese Unoriginalität durch die vorbildliche Beweglichkeit seines Stuntmans wieder aus und tritt wild um sich. Der Humoranteil des Filmes ist angenehm sparsam und steht den aktionsreichen Vorgängen nicht im Wege. Daß Brunos Musik noch nicht einmal auf Schallplatte herausgekommen ist, verstehe wer will. Einige von seinen „Gemelli“-Sachen sind ja zum Glück bereits auf CD veröffentlicht worden, und andere warten bereits auf den Startschuß... (Wer die LP zu Jess Francos DE SADE 70 nicht hat, rutscht unterinformiert ins Grab – psychedelische Sitarmusik und braatziger Beat bis zum Morgengrauen!) Wenn man am Weihnachtstag seinen Strumpf vor die Tür hängt, und am nächsten Morgen ist der Fenomenal drin, dann ist das Fest gesichert... Übrigens: In ZENABEL gibt es eine Szene, in der Lucretia Love in der Titelrolle das amouröse Drängen von Bösewicht John Ireland abwehrt, indem sie sich inwendig mit einer Mausefalle ausstattet! Der Vergewaltiger fühlt sich daraufhin in ihrer Muschi wie eine Maus, und eine unglückliche noch dazu. Den Rest des Filmes kreischt der sonst so virile Ireland mit Falsettstimme: „Los, packt sie, laßt sie nicht entkommen!“ Da ist der Bart ab!

DAS RINGEN UM WÜRDE

Ein weiterer Superheld, der im Dienste des Guten stritt, war der ehrenwerte Superargo, und er tat dies im Jahre 1967 unter der Regie des nicht minder ehrenwerten Nick Nostro. Nostro gehört zu den weniger profilierten unter Italiens Exploitationproduzenten, hat aber einige erwähnenswerte Streifen auf seinem Konto, darunter den Agentenfilm AGENT PIK-AS: ZEITBOMBE ORIENT mit Giorgio Ardisson und den knallderben Western VON DJANGO MIT DEN BESTEN EMPFEHLUNGEN. Sein Western KEIN DOLLAR FÜR DEIN LEBEN wurde von den Franzmännern sogar mit Pornoszenen versetzt, die sich vergnüglich mit dem Rest des biederen Mitt-60er-Spektakels beißen. Von Haus aus war Nicola eher Literaturwissenschaftler und geriet über den Schneideraum zu seinem Job. Nach etwa zehn Filmen schied er wieder aus dem aktiven Dienst. Was er heute macht, ist mir leider nicht bekannt. Superargo heißt im Zivilleben Gregory und ist Ringkämpfer. Angetan mit einem Ganzkörper-Bodystocking haut er aus seinen Gegnern die Grütze raus. Da die Montur rot ist, nennt ihn die deutsche Fassung ganz frech „Das rote Phantom“! Eine schwarze Maske, die so ähnlich ausschaut, als habe man Al Jolson in einen Strampelanzug gesteckt (bzw. als habe der Kämpfer für Recht und Ordnung eine gräßlich mißlungene Schlammpackung im Gesicht), wahrt die Identität von Superargo. Als er bei einer Catchvorstellung seinen Gegner („Tiger, der Schock-Fighter aus Australien“!) aus Versehen tothaut, beschließt er, seinen Job an den Nagel zu hängen. Schwere Depressionen schütteln ihn, und es ist ein großes Glück, daß just zu diesem Zeitpunkt der Superbösewicht Diabolikus (Gérard Tichy) beschließt, einige Dampfer mit Uran zu kapern. Oberst Alex, dem Superargo mal das Leben gerettet hat, erinnert sich an seinen alten Kampfgefährten und beordert ihn kurzerhand in den Geheimdienst. Den anderen Geheimdienstbossen enthüllt Kaminsky in einer Testserie, wieso Supie so besonders geeignet für den Job ist: Argomans Blut gerinnt auf der Stelle, wenn man ihn verletzt; er kann fast unbegrenzt die Luft anhalten; Hitze und Kälte schrecken ihn nicht. Lediglich auf Strom kann er nicht gut – bei 2000 Volt, die ihm durch den Körper gejagt werden, hat er leichte Schmerzen, was vom Oberst als seine „Achillesferse“ bezeichnet wird...
Bevor er in die Schlacht geschickt wird, bekommt Argieman noch einige James-Bond-Gimmicks zugesteckt, darunter eine Olive, in der sich ein obskures Meßgerät befindet. Sein Bodystocking wird gegen einen anderen ausgetauscht, der völlig kugelundurchlässig ist. (Er sieht allerdings genauso aus wie der erste, denn das Budget war halt ziemlich mager, gelle!) Solchermaßen bewamst, legt das Phantom los und wird auch sofort von einer Gruppe von Schlägern um die Ecke gebracht. Zumindest fingiert es seinen Tod mittels einer Superpille, und so machen die Gangster lange Gesichter, als der Rotmann wieder durch die Anrichte hoppelt... Diabolikus fängt ihn trotzdem und entführt ihn in sein geheimes Laboratorium. Ohne groß dazu aufgefordert worden zu sein, eröffnet er dem gefesselten Helden, er habe den „Stein der Weisen“ entdeckt, mit dem man Quecksilber und Uran in Goldisotope umwandeln kann. Das solchermaßen gewonnene Gold ist zwar nicht wirklich echt, sieht aber echt aus, und er plant damit, eine Weltinflation zu erzeugen. „Ein neuer Frühling wird über die Menschheit kommen!“ jubelt Diabolikus´ Konkubine Loredana Nusciak etwas unmotiviert. Superargo kann natürlich entkommen, gerät aber erneut in Schwulitäten, als seine Freundin Lydia (Monica Randall) entführt wird. Mit wehenden Strampelhosen begibt er sich aber zur Insel der Bösewichter und haut den ganzen Laden zu Klump. Nur der grimme Diabolikus scheint zu entkommen, aber da hat er die Rechnung ohne Superarscho gemacht... Ja, der Mann hinter der Maske ist niemand anders als Giovanni Cianfriglia, Deckname „Ken Wood“, der als Stuntman u.a. von Steve Reeves anfing und in einigen Italowestern Hauptrollen versehen durfte. In diesem Film darf man sein kantiges Ponem nicht bewundern, denn obwohl manchmal damit kokettiert wird, daß er seine Maske abnimmt –zu sehen isser nie. (Dafür war er vor kurzem in einer tollen Dokumentation über alte Italowesternschauspieler zu sehen, wo er mit einigen Stuntkollegen in der römischen Vorstadt sitzt und alten Zeiten nachträumt... Peter Berling war auch in der Doku – vielleicht läuft die ja mal auf ARTE.) Gérard Tichy war ein Franzose, der häufig in spanischen Filmen zu sehen war, u.a. TOTENCHOR DER KNOCHENMÄNNER. Hier trägt er ein lustiges Perry-Rhodan-Kostüm mit einem stilisierten Kraken drauf. Loredana Nusciak – deren schönes, aber kantiges Gesicht eine Art Vorstufe zu dem von Janine Reynaud darstellt – kennt man am ehesten als die Mieze aus DJANGO. Nach relativ wenigen Filmen begab sie sich vermutlich in den Hafen der Ehe und warf dort dauerhaft Anker. Superargos Mädel ist Monica Randall, die, denke ich mal, Spanierin ist und einen niedlichen Margaret-Lee-Schmollmund hat. Hier trägt sie eine süße Bluse, auf der eine optische Beat-Täuschung prangt... Die Tatsache, daß Superargo Ringkämpfer ist, dünkt mir eher wie eine Leihgabe der spanischen Koproduzenten, waren diese Heroen doch besonders im iberischen Sprachraum populär. (Vergleiche etwa mexikanische Hammerlock-Experten wie Santo oder Néutron.) Die Szene am Anfang ist okay und schenkt uns einen Kommentar, der Sätze auffährt wie „Das Phantom zwingt dem Tiger seinen Willen auf!“ Cianfriglia macht während des psychedelisch gestalteten Vorspannes Grimassen, als habe ihm Steve Reeves auf die Nüsse gehauen. Der Beat des Filmes wird vorgegeben von Franco Pisano und enthält ein schön schmissiges Heldenthema. Insgesamt macht der Film durchaus Spaß und ist kontinuierlich unterhaltsam, wenngleich er den richtigen Ballermännern im Italo-Actiongenre nicht das Wasser reichen kann. Die deutsche Synchro stammt wohl aus Berlin, enthält sich aber weitgehend der „Die 2“-Sprüche, die diese Stimmen sonst äußern. Superargo wird im übrigen gesprochen von einem Mann, der auf den tollen Namen Helmo Kindermann hörte und auf vielen Märchenhörspielen zu vernehmen war. Toll ist der Film nicht, aber superarg eben auch nicht! Eine nette Unterhaltung aus der Fetischabteilung eines Provinzkaufhauses, und somit einen Blick wert.
Ein weiterer Ringkämpferfilm war GOLDFACE, IL FANTASTICO SUPERMAN (GOLDFACE, 1967), in dem Espartaco Santoni einen ehrenwerten Chemiker namens Polyesther Vilar (oder so) spielt, der sich gelegentlich in einen hellblauen Strampelanzug mit güldener Maske zwängt und sich unter dicken Catchern wälzt. Sein Kollege ist ein dicker Neger, der Lothar heißt. Das Wort „Neger“ kommt übrigens aus dem Französischen und ist, anders als das amerikanische „nigger“, nicht abwertend – leben und lernen. Hier ist es allerdings abwertend, denn Lothar trägt eine Zahnkette und grinst wie ein Geisteskranker. Der Film ist nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht und stammt aus der B-Film-Fabrik des Kameramannes Bitto Albertini. Espartaco Santoni war in Spanien berühmt als Playboy und hat Tausende von Frauen genossen, darunter Carmen Cervera (Baronessa Thyssen!) und Teresa Velázquez. Seit 1998 ist er leider tot, aber Bitto hat ihn nur um ein Jahr überlebt. GOLDFACE gibt es immer noch, und wer gerne dicke Nudeln im Schwitzgriff durch den Ring segeln sieht, der wird auch hier sein Hallelujah finden.

DER GLÄSERNE WÜRGER

Etwas ansehnlicher ist da schon FLASHMAN, oder genauer gesagt, SUPER FLASHMAN, wie er im Vorspann genannt wird. Dieses Werk ist ein Gemeinschaftsprodukt des späteren Produzenten Luciano Martino und Mino Loy, die unter dem Pseudo „J. Lee Donan“ auch zwei akzeptable Agentenfilme hingelegt haben. Bei FLASHMAN werden sich die Geister scheiden, denn die komödiantischen Beigaben sind eindeutig Schmierenklamotte der Regionalliga und werden so manchen abtörnen. Als ich den Film früher mal zu schauen versuchte, brüskierte mich die Kasperei doch arg, während ich beim nochmaligen Sichten vorgewarnt war und meinen Blick auf die durchaus vorhandenen Pluspunkte lenken konnte, denn der Film ist handwerklich sehr okay und besitzt durchaus Unterhaltungswert.
Ein ständig loslabernder Off-Kommentator begrüßt uns erstmal mit Zeilen wie „Irgendwelche Brutalerotiker hatten den Minirock erfunden!“ Naja, wie jeder Goldt-Leser weiß, war das eigentlich Mary Quand, aber vielleicht war das ja so eine von diesen Brutalerotikern... Ivano Staccioli war das jedenfalls mit Sicherheit, und er stellt hier sein Gesicht erneut in den Dienst ungeschmälerten Schurkentums. Als Assistent des genialen Dr. Philips ist er zugegen, als dieser ein Unsichtbarkeitsserum erfindet. Ivano schießt den Prof unverzüglich mausetot und geht mit dem Serum stiften. Als erstes führt er einen Banküberfall durch, der den tölpelhaften Angestellten Schmitz (!) zum Tatverdächtigen Nummer Eins stempelt, denn seine Story über einen unsichtbaren Dieb mag niemand so recht glauben. Als Schmitzman brilliert der sonstige Tänzer und Westernschurke Paolo Gozlino, der hier Grimassen der untersten Jerry-Lewis-Liga abliefert. Über seine Kollegin Claudie Lange (lechz!) sagt er, sie habe ihn „vom ersten Tag als Blödchen Doofie eingestuft“ – kein Wunder! Claudie (die im wirklichen Leben eine Zeit lang mit Glückspilz Vassili Karis zusammen war) hat aber eine Menge Dreck am Stecken und bringt nach Leibeskräften Falschgeld in Umlauf. Als sie und Blödel Schmitz im Knast landen, stößt auch der unsichtbare Ivano hinzu, mit dem die halbseidene Rothaarige sich sofort verbündet. Auch Schmitz gelingt die Flucht, denn in Wirklichkeit ist er – Superflashman! (Stöhn.) In einer Montur, die irgendwo zwischen „Krieg der Infras“ und Tuntenball angesiedelt ist, fährt er dem fiesen Ivano ins Getreide und boxt seine Bande durch die Gegend, die übrigens aus denselben Gesichtern besteht wie jene von SUPERARGO: Bruno Ariè, die Ukmars und Breitgesicht Emilio Messina. Flashman hat auch einen Palast, in dem nicht nur ein dicker Butler herumläuft, sondern auch Bedienstete mit Rokokoperücken... Sein lieb Schwesterlein ist eine ultrapikante kleine Beat-Wuchtbrumme, die immer neue Perücken und wildes Makeup aufträgt – jamm! Irgendwo in der Peripherie läuft auch noch ein grenzdebiler Inspektorkommissar herum (die deutsche Fassung kann sich da nicht entscheiden!), dessen Inkompetenz auch von sprachlichen Entgleisungen à la „Schultze + Schulze“ unterstrichen wird. Hier von exaltiertem Spiel zu sprechen, ist eine Untertreibung, die man mit Superflachmännern nicht unter 50 Litern ahnden sollte... Als Ivano und Claudie-Mausie noch den Scheich Ahmed Ben „Ollie“ Khan erleichtern wollen, verlagert sich die Handlung nach Nordafrika, wohin Schmitz/Trashman auch den Polizeiblödel Baxter entführt. Für diesen heißt es von da ab, daß er nicht nur Anti-Polizei-Sprüche, sondern auch Anti-Briten-Sprüche einzustecken hat, denn der französische Kollege hat da gewisse Vorurteile. Claudie schleimt sich beim Scheich ein und tut so, als wolle sie die elfte Frau im Harem werden. Bei dem Raubzug stirbt der Magnat an einem Herzinfarkt, was die Pläne kurzfristig umschmeißt. Als die Bösen aber auch noch Töchterlein Nivenka drankriegen wollen, ist die Langmut von Supertrash aufgebracht – er schmeißt sich in Frack + Fummel und gibt Vollgas... Das tut er zu einem schmissigen Beatscore von Franco Tamponi, der nicht nur den Tampon erfunden hat, sondern auch Klänge, die müden Kriegern Beine machen! Die Synchro brabbelt sich quer durch Quebec und ist teilweise schwer zu verknusen. (Claudie wird an einer Stelle als „hochtoupierte Kneifzange“ verunglimpft, was ich niedlich finde.) Ich nehme mal an, daß die andauernde Verwendung der 2001-Klänge aus Straußens „Zarathustra“ auch auf dem Mist der Eindeutscher gewachsen ist, aber jo mei. Es tut gut, die ganzen Italo-Kanonen bei der Arbeit zu sehen, und für den Film hat sich „J. Lee Donan“ offensichtlich wirklich an die entsprechenden Orte begeben, so daß die Schauspieler einen netten Urlaub hatten... Die „Unsichtbarer Mann“-Effekte sind grottenschlecht – man sieht andauernd die Bindfäden und Überblendungen. Macht aber bei diesem Spektakel nichts – Supertrashman verpflichtet! Besonders toll ist eine Szene mit einer schwebenden Pistole, die offenbar in eine Glasscheibe eingefaßt war. Wäre an und für sich ein tofter Effekt gewesen, hätte man nicht eine Scheibe mit Kratzern und Flecken verwendet... Daß die deutsche Fassung (zumindest auf Video) ab 18 Jahren freigegeben ist, erfreut das Herz des Videokunden. Das Kinderkarussell dreht sich im Overdrive. Aber der Film macht Spaß, wenn man den ganzen Kasperquatsch mal in Kauf nimmt, und das sicherlich nicht nur Brutalerotikern...

SANTI DA MONGO

Das Ende vom Lied wird wie üblich von einer Megagraupe bestritten, die so schlecht ist, daß man gelegentlich seine Augen auswechseln muß, da die alten komplett unbrauchbar geworden sind! Der Film heißt auf deutsch CRASH BOYS, und bevor wir uns darüber Gedanken machen, was das wohl heißen könnte, ein paar Worte zum Regisseur: Italo Martinenghi ist ein gebürtiger Milanese und trat zum ersten Mal ins Bewußtsein der Kinogänger der Welt als Produzent diverser Actionfilme von Spezialist Gianfranco Parolini. Einer von denen war I FANTASTICI TRE SUPERMEN, wo zum ersten Mal die drei Männer in der Schiesser-Kollektion durch die Pampa hüpften. Im Folgejahr entstand TRE SUPERMEN A TOKYO (1967), dessen Regisseur, der sagenumwobene Bitto Albertini, mit Martinenghi in eine Odyssee der Nachahmungsfilme startete, die fast nie ein Kino von innen gesehen haben... So stießen die drei Supermänner etwa vor in den Dschungel (1970) oder den wilden Westen (1973), und in der Türkei gelangten sie noch zum Paten (1980) und zu den Olympischen Spielen (1983). Bei den beiden letzteren Produktionen, die in kaum einem Nachschlagewerk zu finden sind, spielt auch der im letzten Artikel lobend erwähnte Cüneyt Arkin eine Hauptrolle... Da man ein gutes Konzept, so man es gefunden hat, auch ausmelken soll wie eine Zitrone, gab uns Martinenghi 1986 – nach einer lausigen Komödie über Damenfußballer! - noch den Rest mit TRE SUPERMEN A SANTO DOMINGO, und – yippie! -, der ist bei uns auf Video gelandet, eben unter dem schönen Titel CRASH BOYS! Statt zu vermuten, was man sich unter „Crash Boys“ wohl vorzustellen hat, tauche ich einfach mal ein in die Handlung: Rote Strampelmänner balgen sich lustvoll mit Bösewichtern und Streifenpolizisten. Da diese Szenen vollständig aus dem 20 Jahre älteren TOKYO-Film stammen, erfreuen sie das Herz mit nostalgisch stimmenden Wagentypen und einer wesentlich besseren Inszenierung, als das von hier ab der Fall sein wird... Szenenwechsel: Zwei Männer spazieren durch den Stadtpark von Rom (könnte auch Villa Borghese sein) und erörtern das Weltgeschehen: Ein katastrophales Auftauchen von Falschgeld droht, die Menschheit in einer Inflation versinken zu lassen. Egal, was die beiden Vizeersatzhausmeister auch immer sabbeln, viel interessanter sind die anderen Leute am Wegesrand, denn da steht unter anderem ein blinder Mann mit Krücken, ein Priester mit selbstgemalt aussehender Bibel und ein Typ, der seinen Schirm hält wie ein Sturmgewehr. Kein Zweifel, das ist der Bremer Bürgerpark! Bevor den beiden Hausmeistern aber etwas passieren kann, wechselt die Szenerie erneut: Der streng nach „Baywatch“-Nulpe aussehende Polizeikapitän Brad Scott liefert sich ein eminent langweiliges Techtelmechtel mit einer Kollegin, die aussieht wie eine Discotussi. Gemeinsam sollen sie nach einem Sexualtäter Ausschau halten, aber dieser ist, wie ein plötzlich auftauchender Streifenbulle bescheidet, mittlerweile als Zwitter entlarvt worden, und jetzt weiß man nicht, ob man ihn ins Frauen- oder ins Männergefängnis einliefern soll. (Nur, um Euch eine Vorstellung vom Humor des Filmes zu geben!) Der ewig als „Kapitän“ titulierte Scott wird daraufhin zum Chef des FBI beordert, und da ist nun endgültig Fastnacht: Das ist das Wohnzimmer von Martinenghi, jede Wette, und auf dem Schreibtisch stehen ungelogen 20 Amerikaflaggen und fünf Telefone! (Die Stehlampe ist auch ganz allerliebst.) Fregattenkapitän Scott (der von Elmar Wepper gesprochen wird) bekommt den Auftrag, zwei seiner ehemaligen drei Supermänner einzusammeln, die mittlerweile in einem Sportstudio tätig sind. Und jau, da ist ja schon Sal Borgese, einer der begnadetsten Stuntleute des 60er-Kinos und einziger Überlebender aus den alten Filmen. Sein Charakter stottert (lustig!) und wird von dem Eddie-Murphy-Sprecher gesprochen. Das ist aber gar nichts im Hinblick auf die Grimassen, die der Mensch schneidet – das ist der Onkel Jochen im Krankenstift, der immer die UFOs sieht, da gibt´s kein Vertun! Auch ist Sal leicht blondiert, aber das ist eh wurscht. (Laut meinen Informationen ist Sal vor etwa 2 Jahren von Gangstern zusammengeschlagen worden, ist aber wieder genesen. Der Borgese genesen – das finde ich nun wieder wirklich lustig!) Der Schalk, der Martinenghi geritten hat, will es nun, daß sich die beiden Deppen auf einer Schießschanze als Pappkameraden verkleiden und die Scharfschützen necken. Warum die Ballernden nicht einfach draufhalten und den Vollidioten die Preißelbeeren aus der Kimme schießen, weiß der Herrgott allein. Dann geht´s wieder zurück zum FBI-Chef, der mittlerweile Besuch vom CIA-Chef bekommen hat, der grollt. Kapitän Brad bekommt gesagt, daß ihn eine Kontaktperson zu den Falschgeldpressern geleiten wird. Das absolut leckmichamarsch geniale Losungswort lautet: „Buenas tardes, senorita!“ Das hat die garantiert noch nie gehört! Und das kann wirklich sein, denn die Frau schaut aus, wie eine Schlampe an einer Strandbar halt ausschaut – sie versprüht Liebreiz wie CS-Gas. Naja, Daja heißt sie. Daja verliebt sich sofort in Käpt´n Rauhbein und schippert mit ihm nach Santo Domingo, der Heimat der Blüten. (Brad gibt übrigens andauernd introspektive Weisheiten von sich wie „Du mußt mich ja für einen schönen Trottel halten!“ oder „Mein Kopf ist aus Holz!“) Das Hotel, in dem sie absteigen, erinnert ein wenig an das Hotel Flamenco meiner Kindheit, auch insofern, als daß Brad im Hotelgarten brutal zusammengeknüppelt wird. Aber da springen schon seine beiden Kumpels herbei, in 1a-Strampelkostümen! Sie haben ihm nämlich eine Uhr mit Sender geschenkt, der ihnen seinen Weltengang übertragen hat. (Stöhn.) Trotzdem wird Daja von den Falschmünzern in ihr Hauptquartier entführt. Zumindest scheinbar, denn in Wahrheit steckt sie mit den Schlemiehlen unter einer Decke, ist eine elende Metze. Sie ist auch eine elende Schauspielerin und schafft es kaum, aufrecht in der Ecke zu stehen, wo sie hingehört. Da jetzt Captain Brad im santischen, im domingischen Knast gelandet ist, wird der Botschafter der USA verständigt. Und ja, er hat eine Riesenflagge direkt hinter seinem Tisch stehen, der Botschafter halt. Leider hat er dafür nur ein Telefon, aber das ist dafür knallerot! Im Nu boxt er den Landsmann raus, der den Räubern auf die Pelle rückt, die sich im übrigen als Russen herausstellen und alle Mützen mit rotem Stern tragen. (Stö-höhn!) Ja, das ist Kino, wie wir es gerne sehen. Die Münzpresse sieht aus wie ein Gefriertrockner mit applizierten Blinkelichtern. Die drei Deppen klauen erst einmal „das Modul“, das wohl nicht von ungefähr ausschaut wie ein Autoradio. Sofort kommt wieder der Botschafter ins Bild: Das rote Telefon ist verschwunden; dafür sind zwei andere da! Der Chefböse Rafael ist stinkesauer und peitscht zwei Touristinnen mit einem Neunschwänzer durch, den er in seinem eigenen Wohnzimmer verborgen hatte... Für eine gänzlich sinnlose Szene wechselt die Handlung dann auf die Rennbahn, wo wohl das Budget für den Film aufgetrieben wurde. Und ja, da ist er wieder, der Botschafter in seinem Büro. Und was soll ich Euch sagen? Das rote Telefon ist wieder da! (DSL flat, das schafft Vorteile.) In Damenverkleidung schmuggeln sich jetzt Sal und der andere Hanswurst an Bord der HMS Falschmünzer, wo es zu einer gewaltigen Keilerei kommt, bei der auch Roberto Benignis Stammstuntman Roberto dell´Acqua durch die Gegend segelt. Warum haben die nicht einfach die Kontaktfrau Daja auf die Russen losgelassen? Die hätte alle Bösewichter infiziert, und dann wäre der Fall erledigt gewesen... (Habe ich schon erwähnt, daß ihr Pseudonym „Gena Gas“ lautet? Es wäre lustig, wäre es nicht so traurig.) In Chefbäddie Rafaels Büro, in das wir jetzt entführt werden, steht ein schwarzes Telefon. Ich bin mir ziemlich sicher, daß das so eine Art Farbcode ist. Ich rätsele noch dran. Die Pokale auf seinem Aktenschrank stammen aber garantiert von Martinenghi – ich tippe da auf den Fahrtenschwimmer und das Wasserballfinale im Hotel Flamenco! Das Finale des Filmes entführt uns in eine Fabrik, die von außen etwas an die aus Bruno Matteis VIRUS erinnert. Nach getaner Schlacht geht es wieder zurück ins Büro des Botschafters, aus dem das rote Telefon jetzt verschwunden ist. Stattdessen steht da ein GRÜNES – verdammt! Also, Leute, ich versuche jetzt mal, den Code zu knacken, Ihr schaut Euch gute Filme an, und Sal geht es hoffentlich auch wieder gut. Der Abspann versichert uns noch, daß jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen rein zufällig wäre, was dann doch immerhin einen Trost dastellt. Angesichts der aktuellen außenpolitischen Bestrebungen der Regierung nicht nur unseres Landes bin ich beruhigt, daß wir auf die Hilfe von Supermännern wie dem hier vorgeführten Strampel-Team bauen können. Ich für meinen Teil würde lieber auf Diabolik bauen, aber wählt Euch Eure Helden, das ist alles, was ich sagen kann. Bussi und tschüß!

Christian Keßler

(Erstmals erschienen in der "Splatting Image" Nr. 48.)

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