MYSTERIEN DES
STUHLGANGES
Eines der letzten großen
Tabus dieser Zivilisation ist das Phänomen des Stuhlganges. Warum
das so ist, ist mir schleierhaft, denn wir alle partizipieren am
großen glücklichen Reigen der Darmzotten mindestens einmal
pro Tag. Wenn das nicht der Fall ist, stimmt was nicht. Trotzdem halten
uns gesellschaftliche Tabus davon ab, Tacheles zu reden, wenn es um die
korrekte Vollführung des Verdauungsfinales geht. Da sind viele
Fragen offen. Wenn man im Internet - das für jede noch so
abseitige Fragestellung die eine oder andere Lösung parat
hält - nachschlägt, wird man nicht fündig. Man findet
tonnenweise Bilder des mittelalterlichen Massenmörders Gilles de
Rais, aber wenn es um das Kacken geht, schweigt der Stift des
Chronisten. Ich finde das irritierend und werde versuchen, hier einen
Präzedenzfall zu schaffen.
Das wird mir nicht leicht fallen, denn auch ich entstamme einer
Familie, wo Zurückhaltung in Kackfragen an der Tagesordnung stand.
Mitnichten will ich hier einen Überblick über meine privaten
Fäkaliengeschäfte liefern. Seid froh, daß ich auf
Abbildungen verzichte! Über meine persönliche Pup-Psychose
habe ich ja schon im Rahmen meines Textes über die Musik-Combo "Sons of Tarantula"
berichtet. Nicht erwähnt habe ich dort eine schauerliche Episode,
die sich bei meinem Freund Mike Lebbing in Groningen abspielte. Von
Haus aus gehe ich äußerst ungern an öffentlichen Orten
aufs Klo - nicht nur wegen der durchsichtigen Spulwürmer und
Gonokökkchen, die sich beim Entleeren des Darmes in meinen
Analtrakt verirren könnten, da sie gerade nichts Besseres zu tun
haben. Als ich mit Peter Blumenstock nun bei Mike logierte, begab es
sich, daß mein Magen schier kollabierte und sich nicht
entblödete, mit üblen Krämpfen zu protzen. Ich war
gezwungen, vom Abort des Gastgebers Gebrauch zu machen. Ja - dumme
Sache: Die Wände in Mikes Anwesen sind ziemlich dünn. (Dies
eine durchaus verheißungsvolle Information für potentielle
Einbrecher, falls Mike mal reich werden sollte!) Ich betrat den Raum
mit der Doppelnull und wand mich, um nur ja keine dezibelstarke
Absonderung ertönen zu lassen, die mich als
gemeingefährlichen Schmutzfinken enttarnen könnte...
Selbstverständlich ging das total in die Binsen: Es donnerte,
dröhnte und platschte, daß die Wände wackelten wie bei
einem terroristischen Anschlag! Mit hochrotem Kopf kehrte ich ins
Wohnzimmer zurück, wo Mike und Peter prustend auf dem Boden lagen.
Ich weiß nicht, ob ich an jenem Tag noch etwas gesagt habe...
Auch sehr hübsch eine Anekdote, die ich mit einer früheren
Freundin erlebte. Ich hatte damals eine gewisse Panik, was meinen Bauch
angeht. Damit wir uns recht verstehen: Männer brauchen einen
Bauch! Gerade wenn man in ein gewisses Alter kommt, ist der Bauch eine
notwendige Absicherung gegen die Mächte der Schwerkraft (und der
Finsternis), die einen zu Boden strecken wollen. Wenn man geliebt wird,
krault der Lebensabschnittspartner auch gerne den fraglichen
Körperteil und verlangt keine Torheiten, wie Hungerkuren o.ä.
Bei besagter früherer Freundin habe ich tatsächlich des
öfteren auf jegliche Nahrungsaufnahme verzichtet, um beim
abendlichen Kuscheln möglichst stromlinienförmig zu wirken.
Gelegentlich trieb mich mein jugendliches Narrentum sogar dazu, ein
Abführmittel namens "Laxoberal" einzunehmen. Wie ehemalige
Anorektiker bestätigen können werden, gewöhnt sich das
Verdauungsgefüge aber alsbald an solche Mittel, die zur
widernatürlicher Kackwut führen sollen. So verrutschte mir
bei einem Date die Berechnung. Stellt Euch bitte ein romantisches
Encontre vor, bei dem der männliche Bestandteil des In-Teams
andauernd nach draußen rennen muß, um seinen Darm zu
entleeren... Kerzen heben die romantische Atmosphäre bedeutend
verläßlicher, wie ich bestätigen kann. Das war wirklich
"Feuerstuhl 2000", was da ablief, und ich war wirklich selber schuld
daran. Das nur als abschreckende Information für Leute, die die
Finger nicht von den Pillen und Lösungsfläschchen lassen
können - nicht gut, das!
Soviel zu den Anekdoten. Kommen wir nun zu den alltäglichen
Tatsachen des Lebens. Das beginnt ja schon mal mit dem Klopapier. Ich
baue auf vierlagige Prachtmaterialien von "Plus", wo ich des
öfteren hinpilgere. Es hat mich noch nie im Stich gelassen! Max
Goldt erwähnte einmal die Pein, die es verursachen kann, mit einer
Familienpackung Klopapier durch belebte Regionen zu pilgern. Er habe
das Gefühl, von der Umwelt als "rückwärtiger Nimmersatt"
wahrgenommen zu werden. (Ich habe das jetzt nicht nachgelesen, aber da
ich die Prosa des Schriftstellers sehr liebe, will ich das mal so
funkeln lassen. Sollte ich bei der nächsten Lektüre bemerken,
daß ich ihm unrecht getan habe, werde ich Abhilfe schaffen.)
Es stellt wohl keinen allzu wagemutigen Abstieg in meinen Intimbereich
dar, wenn ich verkünde, daß ich das Papier immer viertele,
bevor ich es seinem zugedachten Verwendungszweck zuführe. Mich
treiben dabei wahrscheinlich irgendwelche diffusen Öko-Gedanken.
Außerdem wächst das Geld für die Klopapier-Packungen
einem alsbald über den Arsch. Zudem rollen in meinem Badezimmer
immer irgendwelche alten Papp-Röllekes herum, da ich ein
ausgesprochen saumseliger Entsorger bin. Das Vierteln erfolgt freilich
erst, sobald das Gröbste vom Groben beseitigt ist. Alles andere
läge auf der sprichwörtlichen Hand und wäre zutiefst
unelegant. Ein Viertel Klopapier reicht meistens auch! Sobald man den
Abfluß der Toilette überfordert, quillt meist
Unaussprechliches im Porzellan empor, und das will ja nun niemand
beseitigen!
Natürlich gibt es auch vereinzelt Sonderfälle, wo von der
Viertelungspraxis Abstand genommen werden darf. Etwa Leute mit haarigem
Hintern! Ich habe bereits in intensiven Psycho-Gesprächen mit
solchen Menschen von dieser Ungemach Kenntnis erlangt. Man kann da
nicht einfach mal drüberwischen, und aus ist´s mit dem Odeur
des Schreckens. Das dauert manchmal sehr lange, verwirrt die anderen
Besucher bei Gastlichkeiten und schafft manchmal schmerzende und
zutiefst peinigende Wunden, die sich nicht selten ins Gemüt kerben
können. Ich werde nie vergessen, wie der eben bereits
erwähnte Peter Blumenstock einmal über einen
ausländischen Kollegen prustend verkündete: "Der Soundso
(Name von der Redaktion getilgt, A.d.A.) stinkt nach Scheiße!"
Ich würde nie wollen, daß jemand so etwas über mich
sagt. Ich befleißige mich immer einer peinlichen Reinlichkeit,
wenn es um meine Rückfront geht. Wunden, die das Leben schlug,
sind mir bislang erspart geblieben. (Wie Helmut Berger mal singend in
einem Spiegel-TV-Interview zum launigen Besten gab: "Hämorrhidi,
Hämorrhidi!")
Dann wäre da natürlich die Sache mit dem Geruch. Wer seinen
Mitbewohnern oder Besuchern keinen braunen Dunst vormachen möchte,
ist zu Sorgfalt gezwungen. Nicht immer, wenn einen intensiver Kackreiz
übermannt, ist man gerüstet für eine Expedition in das
Menschlich-Allzumenschliche. Manchmal steht der Heizungsableser vor der
Tür und begehrt um Einlaß; manchmal ist es der Paketbote,
dem auf einmal der Darm zwackt. Es können auch irgendwelche
Freunde da sein, die dann Anstoß am übelriechenden
Badezimmer nehmen könnten. Man sitzt da wie Pik Sieben und kommt
sich wie ein Schwerverbrecher vor: "Was mache ich nur, was mache ich
nur?" In der Wohnung von guten Freunden stieß ich vor nicht allzu
langer Zeit auf eine überraschende Lösung -
Streichhölzer! Ich wußte im ersten Moment nicht, warum das
nette Pärchen über eine dicke Packung Streichhölzer an
diesem Ort verfügte, aber dann eröffneten sie mir den Grund:
Man entzünde ein Streichholz über den schamvollen
Gerüchen, und schon ist´s Essig mit der Nasenpein! Ich habe
ja schon einmal in Ingmar Bergmans FANNY & ALEXANDER gesehen, wie
sich ein betagter Mann vor den Augen von Kindern Fürze
anzündet, aber daß das vertraute Methan auch im Alltag auf
diese Weise entsorgt werden kann, war mir noch nicht bekannt. So
mancher Kanarienvogel in einer Kohlengrube kann mit Sicherheit ein Lied
davon singen... Ich habe das dann einmal ausprobiert, als mich die
Umstände zwangen, auf der Toilette eines Freundes meinen
Schließmuskel zu trainieren, aber das führte nur zur
Komödie - der Freund erblickte mich dann, wie ich mein Feuerzeug
fast feierlich über seiner Toilette schwenkte, was ihn zu
schallendem Gelächter veranlaßte. Da kann ich ihm kaum
böse sein. Ich werde aber Augen (und Nase) offenhalten, ob an
dieser speziellen Methode etwas dran ist...
Mir fällt da gerade eine weitere Anal-Anekdote ein: Frühere
Ruhrpott-Freunde berichteten mir von einer wundersamen Begebenheit, als
während eines geselligen Miteinanders ein Mitglied ihrer Runde
derbe defäzieren mußte. Er donnerte die Stuhlstatt zu,
daß es nur so eine Art hatte. Danach setzte er sich auf das Sofa,
das im Wohnzimmer des Gastgebers stand. Leider war die Magenlast noch
immer nicht beseitigt, weswegen jener Gast furzte und furzte. Nachdem
die Runde aufgelöst war, blieb der Gastgeber zurück mit einem
erbärmlich stinkenden Sofa. Das Sofa mußte dann entsorgt
werden.
Zum Thema der geräuschlichen Belästigung beim Entleeren des
Darmes möchte ich noch hinzufügen, daß es in Japan
Leute gibt, die sich spezielle Mikrochips kaufen, die bei Aktivierung
ein sprudelndes Wassergeräusch ertönen lassen, daß das
Pladdern der eigenkörperlichen Abwässer übertünchen
soll. Die Japaner scheinen ja noch mehr Probleme damit zu haben als
ich! (Was soll man auch von einem Land halten, in dem man gebrauchte
Schulmädchen-Slips in Automaten erstehen kann?) Auch war da diese
amerikanische Hausfrau, die sich angeblich dumm und dämlich
verdiente, weil sie eine spektakuläre Erfindung machte - eine
Polsterwindel für ihre Kloschüssel! Nicht alle Leute
schätzen nämlich stumpfes Schrubben nach erfolgter Kotabfuhr.
Man greift sich die olle Klobürste und schraddelt und schraddelt,
aber damit verlagert man das Problem natürlich nur. Man muß
dann die Bürste (wenn man möglichen Besuch nicht
desillusionieren möchte, was den eigenen Feingeist betrifft) in
einem ausgesuchten Winkel positionieren, um Kotfreie zu demonstrieren.
Wer hat nicht schon alles Klobürsten in fremden Haushalten
umgedreht, um zu entdecken, was für Schweineferkel ihre Gastgeber
tatsächlich sind? Das Auspolstern des Klos bringt aber nicht
wirklich was. Ich spreche da aus Erfahrung. Eine Steigerung des
Papierverbrauchs ist unausweichlich, aber der Kot findet immer einen
Weg zum Porzellan. Das ist ein Satz, der in Schulbüchern landen
sollte: Der Kot findet immer einen Weg zum Porzellan! Ich weiß
wirklich nicht, was man da machen soll. Fast 35 Jahre geballter
Lebenserfahrung haben mich nicht schlauer gemacht. Es läuft immer
auf das Gleiche hinaus: Der Kot findet immer einen Weg zum Porzellan.
Bei der preisgekrönten Erfindung der amerikanischen Hausfrau kann
es sich meines Erachtens nur um arglistige Täuschung gehandelt
haben.
Soll man Klobrillen hochklappen? Soll man das in Haushalten tun, wo
Frauen wohnen? Sind Sitzpinkler unmännlich? Nach Meinung des von
mir sehr geschätzten Jürgen Domian läßt sich
zumindest die letzte Frage eindeutig beantworten: Ja, sie sind! Ich
selber befleißige mich unglücklicherweise bereits seit
langen Jahren - ausgenommen natürlich sanitären Encontres in
Gasthäusern, Discos etc., wo einen fiese Monster in den Sack
beißen können - einer sitzenden Verrichtungspraxis. Ich
finde das gemütlicher - schließlich bade ich auch lieber,
als daß ich dusche. Die von Frauen wenig geschätzte Praxis
des Porzellan-Verfehlens läßt sich leicht vermeiden, denke
ich. Da müssen keine Ehen geschieden werden!
Womit wir schon beim Reinigen wären. Das ist ja nun mal der
ausgemachte Scheiß-Job! Beim Bund gab es auch immer irgendwelche
armen Säue, die die Latrinen reinigen mußten. Das ist mir
niemals widerfahren, aber allein dafür, daß ich da
hingegangen bin, hätte ich das eigentlich verdient... Auch im
gutbürgerlichen Single-Klo tummeln sich aber so mancherlei
Bazillen und Schleimlinge, die mit einer geballten Ladung Meister
Propper herausgepoppt werden wollen. Auch eine Portion Chlorix sollte
dann und wann für Frieden im Bakterienzoo des Klos sorgen. Den
Urinstein zu beseitigen, ist hingegen eine Aufgabe von geradezu
sadistischer Gemeinheit! Man sollte sich eigens eine Domina engagieren,
die einen zu dieser Tortur vergattert: "Los, Sklave - weg mit dem
Stein!" Knieend und gedemütigt vollführt man diese
Geißel des Menschengeschlechts. Notwendig wie die Natur -
lästig wie ein Schwenkeinlauf. Eventuelle Sprengel-Sprenkel
beseitigt man am besten mit Stahlwollzubehör, einem Bimsstein oder
Dynamit. Wenn ich eine Putzfrau beschäftigen würde (johoho,
ich kann mir nicht einmal die Wohnung leisten!), würde ich sie
für diese Fron fürstlich entlohnen...
Ich könnte jetzt noch einige weitere geschmacksunsichere
Wahrheiten über das Phänomen des Stuhlganges loswerden, aber
für das Erste muß das hier Gesagte genügen. Ich hoffe,
daß meine Eltern auch weiterhin ohne eine Tüte über dem
Kopf ihr Haus verlassen können. Vielleicht habe ich mit meinen
unverblümten Worten ja auch den Anstoß gegeben zu einer
neuen Kackkultur, in der der Stuhlgang den ihm gebührenden
Ehrenplatz im allgemeinen Miteinander einnehmen kann. Das Entleeren des
Darmes ist zwar an sich eine eher profane Tätigkeit, aber wenn man
ganz ehrlich ist, gehört es doch - auch abseits der Abgründe
koprophiler Gelüste - zu einem der erfreulichsten Momente des
Alltags: Man befreit sich von der Last der Zwänge, mit denen man
sich konfrontiert sieht, und man kann sogar nett dabei lesen, wenn man
ein entsprechendes Beistelltischchen besitzt. Ein dreifach Lob sei
deshalb hier der erfolgreich vollzogenen Verdauung, die ein
natürlicher Vorgang ist, der jedem zur Nachahmung empfohlen sei
und keinesfalls pönalisiert gehört. Aufgrund Scheißens
Geschaßte sollte man unverzüglich in die Gesellschaft
reintegrieren und stattdessen all die unfreundlichen Menschen
ausstoßen, die einem verkniffen und vergarstet den Alltag
verderben, draußen auf der Straße. Ich hoffe, daß ich
mit meinen Anmerkungen der Menschheit einen wertvollen Dienst erwiesen
habe. Vielleicht wird nun endlich ein Kapitel der Menschheit, das
bislang ins Dunkel des Abnormen verdrängt wurde, einer
Neubewertung zugeführt. Unter Umständen ergänze ich
diesen Text demnächst durch Anregungen für geeignete
Lektüre oder Tips und Tricks, die dem streßgeplagten Leser
den Weg durch das Dickicht des Alltages bahnen helfen können.
BACK