Strunk

Als mir neulich das Buch, dessen Cover direkt über diesem Satz prangt, empfohlen wurde, hatte ich von Heinz Strunk eingestandenermaßen noch nichts gehört. Ich lese nur sehr selten, und wenn, dann handelt es sich entweder um ausgesuchte Werke der Weltliteratur oder um Dan Shockers "Grusel-Krimis". Meine Lesegeschwindigkeit krankt nämlich an lamentabler Langsamkeit, da ich die Worte immer in Gedanken voll auskoste, und da ist schon mancher Nietzsche auf der Strecke geblieben. Während es sehr selten vorkommt, daß ich einen Film abbreche - und mag er auch noch so grottenschlecht sein -, besitzen Bücher bei mir keinen Welpenschutz und wandern bei Nichtgefallen in die Tonne. Da bin ich ganz schmerzfrei. Umso glücklicher bin ich, wenn ein Buch mir ganz tief ins Herz hineinpiekst. Wenn die Prosa mir lindernde Salbe auf die Kerben schmiert, die das Leben schlägt. Manch ein Buch verändert den Menschen, der es liest. Solch ein Buch ist "Fleisch ist mein Gemüse" von Heinz Strunk.

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Hat man von Heinz Strunk noch nie etwas gehört, so erfaßt einen bereits auf der ersten Seite großes Mitgefühl mit der Jugendgeschichte dieses Mannes, denn er schildert zwei essentielle Elende der Jugend - Rasenmähen und Akne. In Heinzens Falle beschränkte es sich nicht auf gelegentliche Pickeleien, sondern bedeutete den vollkommenen Ausschluß von Reinhäutigkeit. "Pusteln mit oder ohne Eiterhaube" spielen eine Hauptrolle in der Anfangspassage des Buches und werden ergänzt von anderen Drangsalen des Jungseins, etwa Libido ohne Abfuhr oder die spannende Frage: "Was mache ich nach der Schule?" Heinz ging das damals sehr entspannt an: "Wir trafen uns meist bei mir, tranken Bier und saßen einfach nur so rum. Wenn das Fernsehprogramm zu Ende war - damals gab es noch Sendeschluß -, hörten wir das Radionachtprogramm, bevorzugt das Südfunk-Tanzorchester Stuttgart unter der Leitung von Erwin Lehn, das uns mit heiteren, jedoch niemals banalen Klängen erfreute. Manchmal fingen wir aus heiterem Himmel hysterisch an zu lachen über das Schauspiel unserer traurigen Jugend, die da so sinnlos verstrich. Andere trampten nach Afrika, hingen in Diskotheken rum oder machten sonst wie was aus ihrem Leben. Und wir? Wir waren eben Privatpersonen. Kontakte zum anderen Geschlecht gab es auch nicht. Die einzige Frau, die ich jemals halbwegs nackt gesehen hatte, war Mutter gewesen. So schien es auch weiterzugehen." Wie man aus dieser kurzen Passage bereits erkennen kann, ist J.D. Salingers "Finger im Roggen" ein feuchter Kehricht dagegen. Wann immer in preisgekrönter Jugendaufarbeitung die einstige Zeit einer retrospektiven Betrachtung unterzogen wird, wird verklärt bis zum Gottserbarmen, und das Einfügen von realen oder (sehr viel wahrscheinlicher) fiktiven Exzessen macht sich da auch ganz gut. Nicht so bei Heinz Strunk. Das Aufwachsen in Harburg (=Provinzialität im Schatten der Metropole) erscheint bei ihm als das unerbittliche Aufeinandertürmen von Nichtigkeiten, das Pubertät und Postpubertät in der Regel ja auch darstellen. Das könnte extrem langweilig zu lesen sein, aber Strunk beschreibt das mit einem begnadeten Gespür für interessante Details und gute Beobachtung, so daß man als Leser gebannt auf seinen Pfaden wandelt. Zudem begeht er trotz einer Neigung zum trockenen Sarkasmus (und das Buch ist teilweise brüllend komisch) niemals den Fehler, die seichte Spaßroute zu bereisen. Er bleibt der grundsätzlichen Grausamkeit vieler Lebensumstände treu - so treu, daß man das Buch teilweise fast als Horrorroman beschreiben könnte. Nachdem er sich zur Sublimierung seiner privaten Mißstände die Welt der Musik ausgekuckt hat, versucht er sein Glück in einer Band, als Saxophonist. Und da in Harburg wohl damals nicht gut Rocken und Rollen war, landete er in einer Tanzkapelle. Der erste Auftritt mit "Tiffanys" wird von ihm als nüchterne Bestandsaufnahme abgehandelt, die einem die Schweißperlen auf die Stirne treibt. Das Moorwerdersche Schützenfest, sage ich nur. Schützenliesel, Tommy Steiner und Carolin Reiber, in pinkfarbenen Klamotten. "Hier sollte ein Mensch gebrochen werden." Man kann kaum weiterlesen. Ich habe manchmal gebrüllt vor Lachen, dann bin ich wieder in mich hineingesunken und schauderte. Man mag gar nicht glauben, daß es Menschen gibt, die bei solchen Festivitäten Spaß haben. Und doch gibt es sie. "Fressen, Ficken, Fernsehen - Zustandsbeschreibung einer Nation" lautet ein realexistierender Pornotitel, an den ich mich dabei erinnert habe. Der junge Heinz schwitzt sich durch den Gig, sammelt Lob ein und macht weiter. Und jede Kleinstadt im Umkreis wird abgeklappert, jeder Schlagerzombie auf die Bühne gehievt. Es werden viele Texte zitiert, von denen ich nicht alle kannte, aber alle flößten mir Ehrfurcht ein vor der gewaltigen Überwindung, die es kosten muß, so etwas Auftritt für Auftritt nachzuspielen. Das Buch erzählt nämlich einiges über die Natur dieser besonderen Art von Unterhaltung und beschränkt sich nicht auf ihre Diffamierung. Tanzmusik ist keine Genialität, keine Beschäftigung für kreative Tausendsassas, die den Großteil des Jahres mit dem Daumen im Hintern dasitzen und auf Eingebungen warten. Tanzmusik ist in erster Linie Knochenarbeit, harte Arbeit, bei der es nicht darauf ankommt, den richtigen Ton zu treffen und Virtuosität zu beweisen, sondern eher ein Gespür für die Gunst der Stunde zu entwickeln - genau den Gassenhauer rauszuboxen, den eine Horde von gelangweilten und notgeilen Alkoholmaniaken gerade braucht. Man bedient ein Bedürfnis, und das so unmittelbar wie anders kaum vorstellbar. Ein exzellentes Musikerbuch. Heinz Strunk kontrapunktiert diese Erlebnisse mit Abschnitten seines eigenen Lebens, die er zwar sehr ausführlich beschreibt, dabei aber nie zu intim wird, was ich auch unpassend gefunden hätte. Tatsächlich gibt es sogar zwei Stellen, bei denen ich sehr nasse Augen bekommen habe, da mir der Protagonist hier schon richtig ans Herz gewachsen war. Das Bemerkenswerte an dem Buch ist, daß es sich nicht bemüht, in eine bestimmte Richtung zu schreiben. War Herrn Strunks Tätigkeit vormals exklusiv darauf ausgerichtet gewesen, klar definierte Bedürfnisse zu befriedigen, so merkt man, daß er sich hier richtig den Klabaster von der Seele schreiben konnte. "Fleisch ist mein Gemüse" ist ungemein direkt, schielt nicht auf Pointen und Humtata, erzählt einfach drauflos. Und das ist sehr gut so.

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Während sich der Roman auf die Periode zwischen dem Rasenmähen und dem Ausstieg aus der Band beschränkt, ging das wirkliche Leben von Heinz Strunk weiter. Es führte ihn auf abenteuerliche Bahnen, die nicht nur dieses Buch einschlossen, sondern auch die Mitarbeit an dem mir allerdings auch schon vorher vertrauten Projekt "Studio Braun", an dem neben ihm noch King Rocko Schamoni (dessen "Dorfpunks" übrigens auch sehr lesenswert ist) und Jacques Palminger mitwirken. Wer sich über Heinz Strunk genauer informieren will, tut dies hier. Wer sich über "Studio Braun" genauer informieren will, tut dies hier. Wer sich wunderbar unterhalten will, kauft das Buch! "Fleisch ist mein Gemüse" - die perfekte Wahl für alle, die noch ein Weihnachtsgeschenk suchen oder andere Gründe haben, ihren Lieben eine Freude zu machen...

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