SPORT

"Mens sana in Campari Soda."

(Turnvater Jahnke)
 

Meine persönliche Sportgeschichte geht bis weit in meine Kindertage zurück. Damals, als kleiner Steppke, war ich hemmungsloser Körperertüchtigung durchaus nicht abgeneigt. Ich nahm teil an den ausgelassenen Spielen der Jugend, tollte mit den anderen Rackern durch die Saat und war auch dem Schulsport zugetan. Dann bekam ich irgendwann den Tennisball, mit dem wir immer herumkickten, so richtig satt in die Fresse. Da ich ein empfindsames Kind war, nahm ich das als Indiz dafür, daß eine Sportlerkarriere für mich nicht in Frage kam. Ich beschloß also, dem Sport nurmehr passiv zu huldigen und stattdessen meinen Verstand zu einer tödlichen Waffe zu formen.

Nun war es auch nicht so, daß ich ein vollkommen amorpher Klops gewesen wäre. Tatsächlich lächelt mir auf alten Fotos ein etwas babyspeckiger Balg entgegen, aber nachdem ich "geschossen" war, jagte ein sportliches Erfolgserlebnis das nächste, und von der andauernden Schul-3 gelangte ich sehr bald in das Pantheon der Einserklasse. Legendär etwa meine Leistungen beim Hochsprung, wo ich die Umstehenden nicht selten zu spontanen Beifallsbekundungen hinriß. Auch mehrere drastische Unfälle (Kopfverletzungen, genitale Abrasionen und diverse Verstauchungen, um nur die Spitze des Eisbergs anzukratzen) schreckten mich nicht ab. Es muß schon ein besonderer Tennisball gewesen sein, der mich schließlich auf den Pfad der glücklichen Ignoranz führte.

Übrigens nahm ich auch fast 2 Wochen am Training in einer Karateschule teil, wo man vorher immer Chuck-Norris-Videos (der Mann mit dem Kartoffelgesicht) anschaute. Der asiatische Lehrer war aber kein weiser Konfuzius, sondern ein garstiger Schleifer, und so kam mir die Tatsache, daß ich an Hepatitis erkrankte, durchaus zupaß. Spätere Versuche, im Sportstudio zu wirken, wurden durch die unmittelbare Gefahr, von den hektisch herumstrampelnden und heroisch schwitzenden Muskelgebirgen verprügelt zu werden (ich mußte andauernd lachen!), zunichte gemacht. Der Sport wollte mich nicht, und er sollte mich nicht bekommen!

Mein passives Sportinteresse läßt sich vielleicht auf den Umstand zurückführen, daß ich als Kind häufig allein "Yahtzee" bzw. "Kniffel" spielte. Ich holte mir hierzu die gesamte Besatzung der alpinen Sportlerriegen ins Wohnzimmer und kniffelte so mit berühmten Namen wie Ingmar Stenmark,  Franz Klammer, Francisco Fernandez Ochoa und anderen. Nicht auszuschließen, daß ich auch mit der späteren Frau unseres ehemaligen Finanzministers Waigel gewürfelt habe! (Sonst ist da aber nichts gelaufen - ich war noch ein Kind.)

Zum Fußball gelangte ich erst später. Zwar wurde ich von meinem Vater, der ständig Jahreskarten von seinen Klienten zugesteckt bekam, immer mal wieder ins Weser-Stadion mitgenommen, doch wußte ich den Trash-Charme dieser Events damals noch nicht zu schätzen. (Großartig die Kommentare der umsitzenden Puschen-Papis: "Brandgefährlich!" - "Haaahmlos!" - "Der Bode wird mal´n ganz Großer, denk´ an meine Wodde!") Meine früheste Erinnerung - möglicherweise die Initialzündung für meine Karriere als Fußballfan - ist der verschossene Elfmeter während einer WM, nach dem Uli Stieleke sein Gesicht im Boden vergrub. Ich spürte das menschliche Drama, das diesem Sport innewohnte, und in den Folgejahren nahm ich aktiv teil an dem Höhenflug "meiner" Mannschaft, Werner Bremen, die irgendwann deutscher Meister wurden und dann ins Niemandsland des Blah-Fußballs abdrifteten.

Verantwortlich hierfür war der Abgang des Fußballlehrers Otto Rehhagel zum verhaßten FC Bayern München. Wäre er noch ein paar Jahre in Bremen geblieben, hätte man ihm auf dem Marktplatz ein Denkmal errichtet, direkt neben dem Roland, oder wenigstens neben dem anderen Otto, dem Bismarck-Oddo. Aber nein, er ging zu den Milliardären um Beckenbauer und Hoeneß, die auch prompt nichts mit ihm anzufangen wußten und ihn peu-à-peu aus der Mannschaft dißten. In Bremen derweil nahm die Katastrophe ihren Lauf: Man verpflichtete den auch in Holland nicht sehr geliebten Aad de Moss (in Bremen liebevoll "Arsch de Moss" genannt), der eine komplett funktionsfähige Mannschaft übernahm - die im Vorjahr noch zweiter hinter Bayern wurde - und sie in Rekordzeit auf einen Abstiegsplatz herunterwirtschaftete. Dies bewerkstelligte er durch eine komplette Umstellung des fußballerischen Konzeptes, die aus Oddos berühmter "kontrollierter Offensive" einen neurotischen Hühnerhaufen machte. Auch der Einsatz des freundlichen Dixie Dörner schuf hier keine Abhilfe - das große "L" blieb an der Stirn der Werderaner haften. Stück für Stück dezimierte sich die Schar der alten Kämpen wie Votawa, Borowka ("Uuuuulli!!!") und wie sie alle hießen. Nur Superfriese Eilts und Marco Bode blieben. Die jämmerliche Zeit währte mehrere Jahre und verschliß noch mehrere Trainer, namentlich Wolfgang Sidka und Krisenspezialist Felix Magath. Dann kam Thomas Schaaf, der der Werder-Mannschaft das gab, was sie offenbar bitterlich vermißte: Statt preußischer Tugenden gab es auf einmal Pommes zu essen, und wie durch ein Wunder fing sich die Mannschaft kurz vor dem Abstieg. Unvergessen der Abend, an dem Werder im Pokalfinale ausgerechnet den FC Bayern München im Elfmeterschießen bezwang. Die verschossenen Elfer von Effenberg und Maddhäus besiegelten die Reanimierung von Werder - damals kreischte ich laut vor dem Fernseher, was selten vorkommt...

Der neue Werder-Sturm bestand aus den beiden Südamerikanern Pizarro und Kugelblitz Ailton, und während letzterer schon seit einiger Zeit mißmutig herumdümpelte, wurde auch er vom aufkeimenden Erfolg mitgerissen und entwickelte sich zu einem der besten Torschützen der Liga. Werder war wieder aus der Gruft hervorgekommen, und neues Selbstbewußtsein rötete die Wangen der Kicker. Seitdem macht es wieder richtig Spaß, den Leuten bei der Arbeit zuzuschauen! Zwar gibt es auch jetzt noch gelegentliche Torflauten (der Beginn dieser Saison war eine echte Geduldsprobe), aber rechtzeitig zum Schlußspurt haben sie sich wieder berappelt und geben Gas, bis die Drüsen qualmen! Ein UEFA-Platz ist auf jeden Fall in Griffweite...

Und was soll man zu Schalke sagen? Schalke-Fan zu sein zahlt sich momentan richtig aus! Gerade gestern habe ich das heroische 5:1 gegen Kaiserslautern miterlebt, das nicht nur geprägt war von zutiefst verunsicherten roten Teufeln, sondern auch von einer selbstbewußt aufspielenden Truppe in Blau-Weiß, die dieses Jahr reelle Chancen hat, den Pott in Händen zu halten... Schön war´s auf Schalke, und nächste Woche geht´s nach München - da geht´s um die Wurst!

Schalke war schon immer mein zweitliebstes Team. Früher zeichneten sie sich durch einen robusten Arbeiterethos aus - jeder packte mit an, und auch wenn die Kugel zeitweise nicht ums Verderben über die Torlinie wollte, so war das unspektakuläre und tüchtige Spiel doch immer eine Labsal für´s Auge! Auch Jess Franco hat sich bei seinem Deutschland-Besuch übrigens lobend über Schalke ausgelassen, die damals gerade im UEFA-Cup Barcelona naßgemacht hatten...

Jetzt, wo ich praktisch auf Schalke wohne, nehme ich natürlich jedes Spiel mit, zu dem ich mich freimachen kann. Die Jungs brauchen Unterstützung, und die sollen sie auch bekommen... Mein Herz ruht aber natürlich nach wie vor bei Werder, und es ist eine doppelte Freude, daß beide Mannschaften derzeit Fußball bieten, der Spaß macht.

Zu anderen Sportarten kann ich nur sagen, daß sie mich weitgehend kalt lassen. Boxkämpfe habe ich mir nur zwei angeschaut, und beim zweiten hat der Schläger Mike Tyson dem ungleich sympathischeren Evander Holyfield das halbe Ohr abgebissen. Bei der Formel 1 besteht immer die Gefahr, daß man Schumi zu sehen bekommt. Ich frage mich immer, wie das die Leute aushalten, die an den Seitenbanden stehen: Was finden die daran, alle zwei Minuten einige Wagen vorbeirasen zu sehen? VVVRRROOOM - weg... Da finde ich selbst Boxen noch vergleichsweise einleuchtend: Nacktes Fleisch drischt auf nacktes Fleisch, und Schweißperlen fliegen durch die Gegend. Trotzdem vermag ich den Aktivitäten von Leuten wie Razzia Rockygiani oder Henry Muskel nur mäßiges Interesse beizumessen. Wer´s mag.

Werder und Schalke rocken massiv!

Zum Schluß zwei Zitate. Das erste stammt von Jörg "Wonti" Wontorra, und erfolgte, als Werders Vorzeigechrist Wynton Rufer das Spielfeld verließ und einem spastisch zuckenden Rollstuhlfahrer sein verschwitztes Trikot vermachte: "Danke sagt dieser Behinderte!" Das zweite stammt von "Sir" Erich Ribbeck, und er gab es von sich, als sein FC Bayern damals im eigenen Stadion 2:5 hinten lag und er von einem dreisten Journalisten mit der dummen Frage belästigt wurde, ob er sich ärgere: "Aber nein, ich bin hocherfreut, daß wir 2:5 zurückliegen!"

In diesem Sinne.

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