REGEN IN DER NACHT
Mickey Spillane ist tot
"`Es war leicht´, sagte ich."
So lautet der letzte Satz von Mickey Spillanes erstem Roman, "Ich, der
Richter". Privatdetektiv Mike Hammer hat gerade jemandem eine Kugel in
die Eingeweide geschossen, der sein ganz persönliches
Gerechtigkeitsempfinden verletzt hatte. Dafür mußte diese
Person sterben. Für diesen Akt der Vergeltung braucht Hammer keine
intensiven Überlegungen, kein Aufwallen von Leidenschaft. Da ist
nur ein Mann, sein Revolver und eine Kugel. Alles weitere ergibt sich
aus dem natürlichen Ablauf der Dinge. An Kaltschnäuzigkeit
ist das Finale des Buches, das Mickey Spillane zum Liebling der Massen
und zum Haßobjekt der Literaturkritiker werden ließ, kaum
zu übertreffen. Mike Hammer sollte noch in einer Handvoll weiterer
Romane auftauchen und in zahlreichen Bearbeitungen für Film und
Fernsehen. Sein Schöpfer verstarb am 17. Juli 2006 im Alter von 88
Jahren.
Mickey Spillane zu
lesen, ist wahrhaftig ein schuldiges Vergnügen. Literarisch
gesehen sind seine Bücher "Edel-Pulp", echte Reißer, die
sich ihrer Groschenromanhaftigkeit nicht nur bewußt sind, sondern
sie regelrecht zelebrieren. Der Schriftsteller Spillane hatte damit
überhaupt kein Problem, sah er sich doch stets als "Gun For Hire",
der seine Wortblocks aus finanziellen Gründen herausstanzte. "Wenn
das Publikum dich mag, bist du gut" war sein Glaubenssatz, und Spillane
war in dieser Hinsicht wirklich gut, denn seine Bücher
gehören noch heute zu den meistverkauften amerikanischen Romanen.
Als er "Ich, der Richter" schrieb, baute er gerade sein erstes Haus und
brauchte Kohle. Wann immer er sich weiterfinanzieren wollte, ließ
er den hartgesottenen Killer mit Detektivausweis wiederauferstehen und
die Brötchen heranholen.
Wann immer ich zu
einem Spillane-Buch greife - und ich tue das recht häufig -, lese
ich mit Staunen und Ehrfurcht. Selten ist es mir so ergangen, daß
mir beim Lesen eines Krimis die Kinnlade herunterklappt, aber Spillane
schafft es immer wieder, mich zu beeindrucken. Das für die
Entstehungszeit der Bücher unerhört hohe Quantum an Sex und
Gewalt ist dabei weniger ausschlaggebend, gehören diese Elemente
doch heute fast zum Standard des Fernsehprogramms und haben den
grimmigen Realismus Spillanes darin schon weit übertroffen. Was
den Leser auch heute noch fesselt, ist die Simplizität von
Spillanes Romanhelden: Für Mike Hammer gibt es keine vorsichtigen
Erwägungen, keine Selbstzweifel. Hammer ist wie ein Haifisch, der
seine Natur vollzieht. In einem Gewimmel von verlogenen und
niederträchtigen Charakteren bleibt sich Hammer treu und schafft
seine Form von Gerechtigkeit. Er erscheint dabei nicht als Held, denn
er tut nur, was er tun muß. Etwas anderes kennt diese Figur
nicht. Auch gehen ihm alle rebellischen Tendenzen ab. Mike Hammer ist
Amerikaner durch und durch und steht zum System. Jedoch sieht er die
Algen, die sich im Aquarium gebildet haben, und er bürstet diese
Algen weg. In gewisser Weise hat er auch etwas von einem klassischen
Italowesternprotagonisten, der aus dem Nichts hereinreitet, ohne
Geschichte, ohne Persönlichkeit. Man weiß, daß Hammer
im Krieg gewesen ist und sich mit den verdammten Schlitzaugen
herumgeschlagen hat. Er hat dort Kumpels kennengelernt und
Freundschaft. Diese Freundschaft ist nun abwesend, und "Ich, der
Richter" beginnt nicht ohne Grund damit, daß ein alter
Kriegskumpel von ihm umgelegt worden ist. Was immer Hammer an
persönlicher Historie hatte, wird gleich zu Anfang beseitigt.
Hammer sieht nicht den Weg, den er vollzieht. Ein Geschick, das seine
Wege lenkt, ist ebenfalls nicht erkennbar. Hammer wacht auf, ißt,
schäkert mit seiner Sekretärin Velda herum (die diese
"Sachen" draufhat, die nur Frauen können!) Vielleicht telefoniert
er noch mit seinem Polizeibuddy Pat Chambers. Dann geht er nach
draußen und wird beschossen oder legt selber jemanden um. Abends
verbindet er seine Wunden und legt sich ins Bett. Was immer an
Reflexion in den Romanen vorkommt, erledigt Spillane in den recht
intensiven Beschreibungen der Umwelt. New York erscheint da als ein
lebendes Wesen, das den Menschen Böses will. Der Himmel ist grau
und entläßt Wasser in rauhen Mengen. Die Menschen haben alle
Beweggründe für ihr Tun: Habgier, Geilheit, Machthunger.
Hammer ist das alles fremd. Er wirkt einfach nur wie eine lebende
Abrißbirne und zieht seine Kreise, um Klarheit zu schaffen, wo
vorher Verwirrung herrschte.
Dem Leser, der
sich dem Werk Spillanes nähern möchte, empfehle ich
nachdrücklich eine chronologische Vorgehensweise, denn
tatsächlich ist die Lektüre der ersten Bücher
obligatorisch, um Hammers Wirken nachvollziehen zu können. "Ich,
der Richter" wirkt noch sehr roh und gelegentlich etwas posig, besitzt
aber eine atemberaubende Direktheit, die manchen der späteren
Romane abgeht. In der Tat hat sich Spillane hier augenscheinlich noch
keine Gedanken über den Literaturbetrieb gemacht oder über
den Wandel der Gesellschaft, wie er sich beispielsweise in seinen
Romanen aus den achtziger und neunziger Jahren niederschlägt. Er
hämmerte einfach alles in die Schreibmaschine, was ihm in den Sinn
kam, und das ist fesselnd, direkt und haut voll auf die Zwölf!
Diese Vorgehensweise erlaubt auch beim Lesen die faszinierende Frage,
inwieweit der Autor in die Gestaltung seines Protagonisten eingeflossen
ist. Hammer ist ein Kommunistenfresser reinsten Wassers und kann mit
dem ganzen weicheierigen Liberalengesoxe nichts anfangen. Frauen knien
sich auch mal gerne neben ihn und streicheln seinen Oberschenkel. Es
wird gerne betont, daß Hammer nicht gut ausschaut, aber trotzdem
stehen alle Frauen auf ihn, denn er ist echt, kein Wischiwaschi-Mann.
Wenn man ein Buch schreibt, ist es fast unvermeidlich, daß man
Vorstellungen in bezug auf die eigene Person mit in die Gestaltung der
Charaktere einfließen läßt. Bei Spillane hatte ich
immer den Verdacht, daß er seine eigenen Überzeugungen nahm
und einfach mal richtig die Sau rausließ. Man kennt das ja von
Diskussionen, in denen man sich erhitzt und die kühle Betrachtung
bald dem Furor der Verteidigungsrede weicht, bis man sich dann fragt:
"Ups - was rede ich hier eigentlich?" Spillane hatte mit diesem Furor
keine Probleme, sondern genoß es, dem Affen so richtig Zucker zu
geben. Wenn Mike Hammer zuschlägt, wächst kein Gras mehr.
Mike Hammer mag die Frauen, vor allem, wenn sie sich lasziv vor ihm
räkeln und ihre üppige Spezialausstattung (die meistens die
spärliche Bekleidung fast zum Platzen bringt) so arrangieren,
daß er fast die Beherrschung verliert. Hammer bleibt aber stets
Steuermann und kontrolliert die Anfechtungen des wütenden
Fleisches. "Kontrolle" ist im übrigen das Zauberwort, denn
brauchbare Männer begeben sich nicht in Abhängigkeit, weder
in die Abhängigkeit von Mobstern noch von politischen Systemen.
Gleichschaltung ist dem Hammer der Gerechtigkeit ein Dorn im Auge, und
so sind gerade die verdammten Kommunisten ein bevorzugtes Ziel von
Hammers inneren Monologen. In seinem wunderbaren Anti-Kommunismus-Roman
"Regen in der Nacht" läßt Spillane seinen Protagonisten an
geheimen KP-Sitzungen teilnehmen, die mich ein wenig an den AstA meiner
alten Uni erinnert haben. Wenn Hammer anfängt, über die
langhaarigen und sexuell ambivalenten Kommies abzulästern, gehen
ihm meistens die Gäule durch - da können Absätze schon
mal eine ganze Seite dauern. Schwule und Lesben kommen bei Spillane
ebenfalls vor, werden aber abfällig konnotiert. Hammer stellt auch
immer sofort klar, daß er selber damit überhaupt nichts am
Hut hat, was zwar unnötig, aber irgendwie süß ist.
Nein, Hammer ist eine ganze Menge, aber schwul ist er nicht. Er ist ein
Killer mit Dienstausweis, den ihm korrupte oder neidische
Staatsanwälte auch regelmäßig streitig zu machen
versuchen, aber diese Tünsel haben natürlich keine Chance.
Bestimmt waren es Tünsel von ganz ähnlicher Art, die
Spillanes Romane einst in Deutschland nur in gekürzter Form und
zumeist greulich übersetzt auf den Markt geworfen haben, wo sie
dann auch meistens auf dem Index landeten. Mittlerweile haben sich die
Wogen geglättet und die Zensurwut gelegt, und Spillanes wichtigste
Bücher liegen in ungekürzten deutschen Fassungen bei
"Rotbuch" vor. (Ausgerechnet, haha!) Die Übersetzungen von Lisa
Kuppler sind verdammt gut und liefern eine angemessene Entsprechung
für die direkte und knallige Sprache Spillanes - eigentlich die
einzigen Übersetzungen, die man sich zulegen sollte.
Literatur bietet
einem die Möglichkeit an, aus der eigenen Empfindungswelt in eine
ganz andere hineinzutauchen. Die Empfindungswelt von Mickey Spillane
und seinem Alter Ego Mike Hammer biedert sich nicht gerade an, aber ich
finde es schon sehr bezeichnend, daß ich so einige eher links
empfindende Mitmenschen kenne, die ganz gerne einmal ihre Nase in die
Bücher des Herrn Spillane stecken. Deshalb: "Get down with your
bad self and read his books. They are tough as dirt, they are
no-nonsense, and - they BITE!"
"Wer
auch immer in diesem Auto saß, er war fast verrückt vor
Angst. Eine irrwitzige Panik ließ ihn die Straße
hinunterschießen, ohne einen Gedanken an sein eigenes oder das
Leben anderer zu verschwenden. Vielleicht hatte er mein wildes Lachen
im Ohr, als ich ihm immer näher kam. Vielleicht konnte er sich
auch mein Gesicht vorstellen, die lodernden Augen im Jagdfieber, die
Zähne zusammengebissen und die Lippen aufgeworfen, so daß
ich jede Ähnlichkeit mit einem menschlichen Wesen verloren hatte.
Meine Muskeln hatten sich im ganzen Körper zu Knoten verkrampft,
und ich wurde von einer unbändige Wut geschüttelt, die nur
zerreißen und zerfetzen wollte. Ich konnte nicht atmen; ich
konnte nur Luft holen, sie solange wie möglich anhalten, und sie
dann mit einem flachen, zischenden Geräusch ausstoßen. (...)
Jede Sekunde brachte mich ihm näher, jede Sekunde häufte
weitere Kohlen auf das Feuer, das mir in der Seele brannte und das
alles in meinen Augen verschwimmen ließ, bis sich mein Sichtfeld
nur noch auf einen schmalen Tunnel beschränkte, an dessen Ende der
Wagen vor mir fuhr. (...) Er konnte mich aber nicht mehr abhängen,
weder jetzt noch später. Ich war der Gesell mit der Kapuze und der
Sichel. Ich hatte hundertvierzig schwarze Pferde unter mir und hielt
ein Stundenglas in der Hand. Ich lachte wie ein Besessener, bis mir die
Tränen über die Wangen rollten."
(Mickey Spillane,
Die Töchter der Nacht, übersetzt von Lisa Kuppler)
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