GRÜNES HOLZ BRENNT GUT

Die Videofilme der Firma Greenwood üben auf Vidioten immer einen besonders unnachgiebigen Reiz aus. Ich habe dies neulich im Kreise der www.filmexperten.de-Crew erörtert, und dabei ist herausgekommen, daß wir diverse Erfahrungsfacetten teilen. Tatsächlich ist es eine der wenigen Subkulturen, über die meines Wissens noch nie etwas geschrieben worden ist: Junge Menschen begeben sich in die entferntesten Winkel ihrer Städte und grasen die Videotheken nach alten Schätzen ab. Später dann, wenn die Droge ihren Reiz verloren hat, geht man zum harten Stoff über: Andere Städte müssen ran! Ich bin damals bis nach Osnabrück gefahren, um irgendwo noch kleine Dorfvideotheken zu finden, in denen sich aufregende Funde machen ließen. Das überwältigende Gefühl, vom Chef eines solchen Ladens in den Keller gebeten zu werden, wo Kartons voller alter Filme lagerten, konnten alle nachempfinden. Es wurden sogar bizarre Phantasien zur gewiß talkshowkompatiblen Wirklichkeit: Eine Kellerhalle tut sich auf, in der Tausende und Abertausende von alten Tapes auf einen Käufer hoffen, der sie zu würdigen weiß. (Ich habe das erlebt!) Als ich in jungen Jahren mit Sailor und Volker durchs Ruhrgebiet gehottet bin, hatten wir immer den Schnack drauf: "Ach, in der nächsten warten garantiert fünf `Rückkehr der Zombies´  von UFA, noch eingeschweißt..." Na, tatsächlich habe ich nie auch nur eines von diesen Tapes gesehen, aber dafür erinnere ich mich noch an eine Dorfvideothek, die in einem ehemaligen Schuppen untergebracht war, und Volker nahm sich ein Tape mit dem Namen "Der Zerstörer" (von Polaris, nicht die beschlagnahmte Version!) und fragte: "Ist der was wert?" 5 Mark wechselten ihren Besitzer... Ich erinnere mich an Videoläden, aus denen wir mit Bergen von Tapes herauskamen, die aussahen wie die Skyline von Manhattan! Those were the days... (Die anderen Boys hatten Geschichten von Dachböden mit staubigen Kassetten, die... Aber nein, ich fange an, zu weinen!)

Die Greenwood-Tapes haben Kultcharakter. Angeblich sind sie damals rausgekommen, ohne daß vorher Rechte eingeholt worden wären, was ihnen einen zusätzlichen Desperado-Charme verlieh. (Ein Teilhaber der Firma soll übrigens ein nichtgenannter deutscher Schlagerstar gewesen sein, hihi!) Sailor geht jedesmal kaputt, wenn er sich Achims Sammlung von Greenwoods anschaut, die einige umfaßt, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

Als ich mir damals SPASMO auslieh, erwartete ich ob des Titels eine Reise ins Reich des namenlosen Grauens. Der Film selbst enttäuschte mich sehr, denn er wurde dem Titel weiß Gott nicht gerecht. (Auf Greenwood ist ja auch der geil-langweilige Lattenkracher ALIEN - DIE SAAT DES GRAUENS KEHRT ZURÜCK, der schöne spanisch-italienische Geister-Giallo DAS HAUS IM NEBEL und der ekelhafte AUTOPSY herausgekommen...) Jetzt, nachdem mir die Jahre den nötigen Abstand und sittliche Reife aufgezwungen haben, kann ich den Film erneut bewerten...

Ein guter (wenn auch beziehungsloser) Prolog zeigt eine junge Frau, die mit ihrem Galan in die Büsche fährt, um dort Heidemariechen anzupflanzen und vor allem deftig zu bumsen. Eine aufgehängte Plastikpuppe läßt das Testosteron aber im Blut erstarren... Szenenwechsel. Der nette Christian (Robert Hoffmann) fährt mit seinem Gschpusi an den Strand, stolpert aber über eine reizende Frau, Barbara (Suzy Kendall), die ihn nachhaltig fasziniert. Er begleitet sie auf eine Yacht-Party, die von ihrem Lover Alex geschmissen wird. Alex geht allerdings leer aus, denn Christian (der Name verpflichtet!) schleppt die Gute selbstredend ab. Leider erscheint auf einmal der fiese Adolfo Lastretti auf der Matratze und droht mit der Wumme. Lastretti (ein Super-Gaunergesicht, bekannt aus vielen Polizeifilmen) beißt daraufhin ins Gras. Christian und Barbara verziehen sich daraufhin in die Villa einer Malerfreundin von ihr, wo allerdings diverse Leute auf sie warten. Der gediente Charaktermime Guido Alberti spielt Malcolm, und an seiner Seite hat er eine süße Französin mit einem zutiefst jugendgefährdenden Mund, Clothilde. Nach einigen komplett sinnlosen Szenen stirbt Malcolm, und auch Clothilde ist auf einmal vom Erdboden verschluckt. Christian sucht nach Barbara, aber auch Babsi glänzt durch Abwesenheit. Was für ein Glück, daß auf einmal Adolfo auftaucht, der mitnichten tot ist und im Gegenteil ziemlich sauer. Er hebt an, Christian in seinem eigenen Wagen über die Klippe springen zu lassen, aber Christian schaltet schnell, schmeißt Adolfo aus dem Wagen und fährt wiederholt über ihn drüber! Im Wagen geht jetzt Adolfo über die Klippe. Und siehe da, als Deus ex Machina erscheint Christians Bruder Fritz, gespielt von Old Adlerauge Ivan Rassimov. Fritz hat nämlich einen Plan ausgeheckt, um seinen Bruder vom Angesicht der Erde zu levitieren, macht er ihn doch verantwortlich für den Selbstmord des gemeinsamen Vaters, der an einer vererbbaren Nervenkrankheit gelitten hat. Doch, oje, es gibt da ein kleines Problem, und das führt zu einem komplizierten und überhaupt nicht fröhlichen Showdown, den ich hier nicht verraten will...

Auch beim wiederholten Betrachten entstand bei mir der Eindruck, daß es sich hier wirklich nicht um Umberto Lenzis besten Giallo handelt. Der Anfang ist sogar ziemlich diesig und nervt durch zahlreiche Versuche, die Narrative undurchschaubar und bizarr zu gestalten. Der im Mittelpunkt stehende Charakter, den Robert Hoffmann spielt, wird, stellvertretend für den Betrachter, zunehmend desorientiert, verliert den Boden unter den Füßen. Diese Grundidee und die damit verbundene Herangehensweise ist offensichtlich beatmet vom schwarzen Kriminalfilm der Franzosen, in denen es auch selten Helden gibt, die ohne eine fatale Altlast durchs Leben schleichen. Christian hat den Tod seines Vaters nie verwinden können und übertüncht diese persönliche Katastrophe durch ein Schwelgen im High-Society-Lifestyle. Aber wir wissen seit Franz Holbein: Der Tod kommt zu allen, ob reich, ob arm, und Christian ist mittendrin in einem Alptraumstrudel aus Kräften, die er nicht im Griff hat.

Dafür ist Robert Hoffmann, der wunderbare Österreicher, eigentlich nicht wirklich der passende Darsteller. Unter einem hervorragenden Regisseur wie Carlo Lizzani (FEUERTANZ - SVEGLIATI E UCCIDI) hat er Wunderdinge geleistet, auch in einer sehr schwierigen Rolle, aber er ist bei der verwirrenden Mise-en-scène von Lenzi ziemlich aufgeschmissen und sieht größtenteils wie ein beklommener Playboy aus. Tatsächlich war er am effektivsten, wenn er leicht gebrochene Strahlemänner spielen durfte, wie in Montaldos tollem AD OGNI COSTO (TOP JOB). Auch augenrollende Psychopathen kriegte er gut hin, wie in einem Giallo von Alfonso Brescia. In SPASMO ist er weitgehend alleingelassen von der Regie, und lediglich am Ende bekommt er wirklich interessante Sachen hin. Aber das liegt mehr am Drehbuch. (Robert wurde jüngst für die "Splatting Image" interviewt vom Uwe H. aus P. Klickt einfach hier!)

Suzy Kendall (deren richtiger Vorname Frieda ist!) war ein reizender Pop-Heartthrob aus der Zeit der Schlaghosen und Hippiehaare. Hier vermag sie ihre unkomplizierte Rolle angemessen auszufüllen, wie auch in Argentos L´UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO. Ivan Rassimovs Rolle wird weitgehend verschenkt, da er als Bruder während der ersten Stunde nur im Dialog erwähnt wird. Als er dann tatsächlich erscheint, ist es nicht die Überraschung, die es sein sollte, als er sich als böser Wicht zu erkennen gibt. (Ivan hat übrigens eine schöne Fansite von der süßen Stefania, und die findet Ihr hier!) Ansonsten sollte man noch den mysteriösen Tom Felleghy erwähnen, von dem mir Lenzi mal erzählt hat, er sei ein Amerikaner gewesen, der ständig in der Peripherie Cinecittàs herumturnte und nett nach Rollen fragte. Hier (wie in legendär vielen anderen Filmen) hat er eine kleine Rolle als Vater von Christian und Fritz, nur zu sehen in einem Super-8-Film, den sich Fritz zu Gemüte führt. (Sein sehr britisches Aussehen führte dazu, daß Felleghy meist in Anwalts- oder Doktorenrollen zu sehen war.)

Insgesamt wird der Film kompromittiert von der überaus lausigen Synchro, die bei anderen Greenwood-Tapes nicht viel ausgerichtet hat, aber da SPASMO ein eher anspruchsvolles Drehbuch beackert, sind Sätze wie "Es ist alles so absurd und sinnlos!" oder "Alles ist so banal!" im negativen Sinne inspirierend. Auch Albertis Bemerkung "Es klingt vielleicht seltsam, aber... wäre schön, wenn ich hier sterben würde!" klingt auf sehr unrealistische Weise prophetisch. Der Film erweckt den Eindruck, als hätte er mehr abgebissen, als er schlucken konnte. Und das ist schade, denn Lenzi inszeniert die einzelnen Szenen durchaus gut und effektiv. Doch das Drehbuch hätte schon mehr erfordert als einzelne Highlights. Das Drehbuch ist im übrigen kogeskriptet von Massimo Franciosa, der einst mit Pasquale Festa Campanile zahlreiche angesehene Drehbücher schrieb und auch Theaterstücke. In SPASMO wohnt mehr Ambition, als der fertige Film einlösen kann.

Eine Hilfe ist immerhin der Score von Ennio Morricone, der mittlerweile auch (zusammen mit dem zu Dallamanos DAS GEHEIMNIS DER GRÜNEN STECKNADEL) auf CD erschienen ist. Er enthält neben dem chorgesungenen Titelthema und einem elegischen Orgelstück im wesentlichen morriconeske Schrapekratz-Mucke der oberen Nerv-Liga, die in einer 18 Minuten langen Suite mit dem passenden Namen "Stress Infinito" zusammengefaßt ist.

Insgesamt kein Kracher, aber ein Hinweis darauf, daß Lenzi mal ein richtig guter Regisseur war, der wußte, wo man eine Kamera positioniert, um den maximalen Effekt zu erzielen.

Greenwood - Du bist unvergessen!

BACK