DIE SCHWARZEN HANTELN DES DR. PETZ
Der spanische Horrorfilm


Ursprünglich plagte mich ja die Absicht, einen Artikel über Sandalenfilme zu schreiben. Da mir aber meine Nachbarn in jüngster Zeit dermaßen auf den Sender gegangen sind, daß sich in mir sozial ganz und gar unverträgliche Aggressionen herangebildet haben, muß jetzt Blut fließen. Deshalb also an dieser Stelle der haarige Waldemar und seine munteren Rangen. Den ganzen Artikel lang habe ich mir nur Marilyn Manson, die Moist Boyz, Rammstein und andere Bands der Sparte "Ich hau' dir die Schnauze blutig, du Arschloch" angehört. Die daraus gewonnene sinnlose Brutalität habe ich in kreative Betätigung umgemünzt, was besser ist, als die Umwelt mit einer selbstgeschnitzten Axt in kleine Schnipsel zu zerteilen. Seht die folgenden Zeilen also als sozialen Akt, der zum Nachahmen anregen soll. Anders als Kriegsfilme, haben spanische Horrorfilme schon ganz doll, doll lange einen lauschigen Platz in meiner Wertschätzung. Da ich in dieser Kackbutze noch zwei Monate wohnen muß, werden das bestimmt zwei Teile. Bei der philologischen Durchforstung von literarischen Werken wird der Einfluß der Umwelt auf die kreative Arbeit leider viel zu wenig berücksichtigt. Marcel Proust hat sich, des Lärmes überdrüssig, seine Wohnung mit Kork ausgeschlagen. Und wenn Beethoven nicht taub gewesen wäre - wer hätte dann seine Symphonien geschrieben? Vielleicht Paul Naschy, und mit dem geht's jetzt los!

DER DEPPENJÄGER UND DIE HEXE

Ein Film, mit dem man einen Streifzug prima anfangen kann, ist der 1972 entstandene EL ESPANTO SURGE DE LA TUMBA, der bei uns als BLUTMESSE FÜR DEN TEUFEL lief und später dann aus naheliegenden Gründen in BLUTMESSE DER ZOMBIES umgetitelt wurde. (Mit gleichem Fug und Recht hätte man ihn zu anderer Zeit in BLUTMESSE DER ALIENS oder BLUTMESSE DER SAURIER umtiteln können...) Gleich zu Beginn feiern allerdings Inquisitoren eine Blutmesse: Der fiese Hexerich Alaric de Marnac (Naschy) wird zusammen mit seiner willfährigen Gespielin Mabille auf ausgesprochen unappetitliche Weise hingerichtet. Daß sein eigener Bruder dem Tribunal vorsteht, mindert seinen Zorn ganz und gar nicht. Er verspricht, LA MASCHERA DEL DEMONIO und THE WITCHFINDER GENERAL (die für diese Sequenz geplündert wurden) zu rächen und sich nicht nur ein Herz zu nehmen, sondern gleich ganz, ganz viele, der alte Schmecklecker. Zuerst einmal wird ihm aber mit henkerischer Wucht der Kopf vom Rumpf getrennt. Mit seiner Mätresse geht man nicht so zimperlich um: Man reißt ihr das Kleid vom Leibe (es handelt sich um Helga Liné alias Helga Lina Stern - janz Berlin ist eene Wolke!), hängt sie kopfüber auf und läßt dann den Vorspanntitel über sie drüber laufen!

Viele Jahre später: Der ehemalige spanische Meister im Gewichtheben (und zeitweilige Halter des Weltrekordes) Jacinto Molina Alvarez bekommt einen Anruf von einem befreundeten Produzenten, der gerne seine Firma Profilmes anstarten möchte. Auf die Frage, ob Molina - zu diesem Zeitpunkt bereits eine feste Größe im Horrorgewerbe unter seinem Pseudonym Paul Naschy - ein Drehbuch aus dem Boden stampfen könne, sagt Paul zu. Einziges Problem: Übermorgen beginnen die Dreharbeiten! Naja, da wirft man dann schon mal ein paar Tasskaff ein und läßt die Schreibmaschine nachts rattern. Da darf man keinen Ärger mit den Nachbarn haben... Anderthalb Tage später steht Paule dann mit Skript bereit. Als Regisseur schlägt er zunächst den gebürtigen Argentinier León Klimovsky vor, mit dem er bereits einige dolle Dinger gedreht hat. Da dieser nicht zur Hand ist, muß dessen Assistent, Carlos Aured Alonso, einspringen, dessen erster größerer Gig dies war.

Das Ergebnis ist mit ziemlicher Sicherheit Aureds bester Horrorfilm bis zum heutigen Tag, denn auch wenn der Regie nun beim besten Willen nichts Genialisches anhaftet - gotische Zweckmäßigkeit trifft's vielleicht am besten -, so ist der Film durchgehend unterhaltsam und serviert die schauderhaften Ereignisse mit guter Effektivität.

Was sind das für Ereignisse? Hugo, ein Nachfahre des bösen Alaric, bekommt bei einer Séance mit einigen Schickimickis Gelegenheit, seinen Urahn zu vernehmen. Aus wenig einleuchtenden Gründen beschließt man daraufhin, der Legende um den Zaubermaxen nachzuspüren und begibt sich in eine Gegend, die nichts mehr mit dem Spanien der Sommertouristik zu tun hat und sehr viel mit Transsylvanien. Nach milden Ungelegenheiten (zwei Straßenräuber versuchen, Hugo und Anhang zu meucheln und werden von der wenig komplizierten Landbevölkerung an Ort und Stelle gelyncht) gelangt man an Hugos Familiensitz, wo ein Hausmeister namens Gaston wartet, der in Gestalt von Emma Cohen (die süßeste Überraschung, seit es Paella gibt) eine schnieke Tochter hat. Dieser Umstand spielt eine Rolle, da spanische Horrorfilme in der Regel mit der Zusammenfügung von Sex und Horror keine großen Probleme haben. In jedem Molina-Skript darf sich der Protagonist mit mindestens einer der Darstellerinnen im Bette balgen. Ich finde, das hat er sich redlich verdient. Neben Emmchen gibt es noch die blonde Paula und die brünette Silvia; eine Bedienstete namens Chantal wird schon früh mit den harten Fakten des Sichelmißbrauchs konfrontiert - hier in Deutschland a bissele kürzer. Schon bald haben die Amateurforscher den Kopf des Magiers entdeckelt und wollen ihn jetzt (aus Jux + Dollerei) mit dem Torso wieder zusammenbringen - it's puzzle time!

Die kausale Verbindung der grausen Vorgänge gehorcht nicht den Gesetzen der Welt, wie wir sie kennen. Viel eher fühlt man sich von Form und Inhalt stark an die "Europa"-Hörspielplatten erinnert, die so manches späteren Horrorfans Ausbildungszeit entschieden versüßt haben. Tatsächlich gilt es für alle spanischen Horrorfilme dieser Jahre, daß sie stark vom Geist der alten "Universal"-Horrorfilme beatmet sind, in denen die gotische Gewandung eine sehr viel größere Rolle spielte als bei den stärker psychologisch orientierten "Hammer"-Spektakeln etwa eines Terence Fisher. Naschy jedenfalls ist erklärter Fan dieser alten Filme, und das sieht man seinen Produkten auch hundertprozentig an: Er greift in den Koffer mit Geschmeide und verteilt die Juwelen großzügig auf seine Filme, wie ein gutgelaunter Paella-Koch. Daß hierbei Begeisterung und Spaß an der eigenen Leistung häufig wichtiger sind als guter Geschmack - wer möchte es ihm verargen? Die Sache ist einfach die: Entweder man mag's oder man mag's nicht, da helfen keine Pillen. Naschys Filme sind fast alle eminent unterhaltsam. Nicht nur, weil er einfach eine unwiderstehliche Physiognomie hat, sondern auch, weil er mit vollem Herzen bei der Sache ist - der Mann ist Fan, vom Scheitel bis zur Sohle. Wer Kritik üben will, der kann's tun, aber er tut dies hoffentlich vor leeren Häusern. Wenn die beiden Schurken von EL ESPANTO wieder zum Leben erweckt werden, dann klatscht der Horrorfan in die Hände vor Vergnügen. Nicht, weil seine Geschmacksknospen von zahlreichen desensibilisierenden Stunden entstellt worden sind für wirklich schöne Dinge (wie dies Gegner des Genres argwöhnen mögen). Sondern, weil Naschy einfach deftigen Zirkus veranstaltet, der keine Wünsche offen läßt. Trivialität ist in diesen Filmen Trumpf - da fliegen die Kuttenmönche und Pappskelette nur so durch die Gegend.

EL ESPANTO hat tolle Momente. Die Szenen, in denen Alarics abgetrennter Kopf mit seinen diversen Hypno-Zombies so eine Art Aktionskunst im Freien veranstaltet, wollen genossen werden. Naschy darf mit dem Kopf aus einem Papp-Podest herauslugen und grimmig stieren, während nackte Frauen in Ketten ihr ungewisses Schicksal erwarten. Wenn dann auch die Helga wieder dabei ist, geht es wahrlich ab: Der Kopf wird dem Paule mit dem Prittstift auf den Stumpf gebrezelt, und die Dörfler dürfen sich gratulieren. Zwei Gauner etwa werden von der feschen Helga entherzt, wobei das die einzige Szene ist, die in der deutschen Fassung wirklich radikal gekürzt wurde. Super ist allerdings jede Szene mit der nackten Helga im Negligée - Berliner Luft an allen Fronten! Am Schluß verwandelt sie sich in ein Biologieskelett mit Perücke, das sehr stark an das aus dem letzten Schneider-Film erinnert. Das Blut (reichlich) sieht aus wie Nudelsauce Nr.7. Der Pappich mit der Sichel hat Sonne im Herzen. Und herumstalksende Zombies gibt es auch noch als Bonus!

Der Naschy wird in fast allen Filmen dieses Artikels irgendwo vorkommen, denn aus dem Genre des spanischen Horrorfilmes ist er sowohl qualitativ wie auch quantitativ nicht wegzudenken. Allein mit Aured machte er noch diverse gute Filme, etwa BLUE EYES FOR A BROKEN DOLL oder DIE TODESKRALLE DES GRAUSAMEN WOLFES. Aured ist immer noch fleißig am Kurbeln. Bei uns auf Video gibt es seinen tollen Thriller TEUFLISCHE MISSION zu entdecken, der eine Trash-Perle ersten Ranges darstellt (Hippie-Gangster im Manson-Stil, die Sachen singen wie "Ich bin der Cowboy aus Kurpfalz und reite durch den Wienerwald..." Ajajaj!), sowie den mittelmäßigen Achtziger-Thriller ATRAPADOS EN EL MIEDO (IN ANGST GEFANGEN), den ich der Vollständigkeit halber erwähne. Sein Entführungs-Porno APOCALIPSIS SEXUAL (mit Lina Romay und Ajita Wilson!) ist bei uns allerdings nicht veröffentlicht worden. Emma Cohen ist in vielen Exploitation-Filmen zu sehen gewesen und heißt eigentlich Emmanuela Beltrán Rabola. In Jess Francos AL OTRO LADO DEL ESPEJO hat sie 'ne besonders gute Rolle. Und Helga Liné habe ich das letzte Mal in Almodóvars DAS GESETZ DER BEGIERDE gesehen. Gerüchten zufolge hat sie reich geheiratet und lebt in Buenos Aires. Olé!

DAS SCHAF IM WOLFSPELZ

Der mit Abstand berühmteste Naschy-Charakter ist Waldemar Daninsky, der unglückliche Wolfsmensch. Gar zahlreich sind die Geschichten, die sich um diesen Charakter ranken, denn in jedem Film ist die Story etwas anders. In Naschys allererstem Horrorfilm, LA MARCA DEL HOMBRE LOBO (DIE VAMPIRE DES DR. DRACULA, 1967), der mit deutschen Geldern ermöglicht wurde und als Stammvater des (ernstgemeinten) spanischen Horrorfilmes gelten darf, wird die ausführlichste Erklärung für Waldemars Lykanthropie gereicht, in einem sehr ansehnlichen, ordentlich gefilmten Grusler: Ein Veteran unter den Werwölfen, Imre Wolfstein (!), beißt zuerst zwei Zigeuner (eine davon die schnuckelige Rossana Yanni) und dann den Gewichtheber, wobei sich das ganz gut trifft, denn Waldis Urahn hatte Imre einst den silbernen Dolch ins untote Herz gerammt. Zwei Freunde von Waldi rufen den einschlägig bewanderten Doktor Janos Soundso herbei, der sich leider als Vampir erweist: Man hat den Bock sozusagen zum Gärtner gemacht! Das Ganze entwickelt sich dann zu einem echten Klassenkampf (aristokratisches Lutschluder gegen Proletkult-Handarbeiter), in den auch deftiges Melodram der oberen Tränendrüsen-Liga eingearbeitet ist. Denn Waldemar Daninsky ist kein böser Schurke im Affenpelz, sondern ein vom Schicksal geknechteter Nettmensch, dem seine Liebe vom Teddybärdasein geraubt wird. Regisseur Enrique López Eguiluz hat gute Arbeit geleistet bei diesem Film. Wer die alte ITT-Kassette besitzt, hat echt Schwein bzw. einen Wolf, über den er sich freuen darf. Die deutsche Fassung soll hierbei die längste erhältliche sein. Gerüchte über eine 133-Minuten-Fassung sind fast mit Sicherheit Tinnef.

Der nächste Film der Serie war ein leider verschollener Film namens LAS NOCHES DEL HOMBRE LOBO, den ein französischer TV-Regisseur namens René Govar in Paris abdrehte. Nach dem Unfalltod besagten Regisseurs ging der Film in einem Meer von legalen Schwierigkeiten unter und ist vermutlich unwiderruflich verloren. Anders verhält es sich mit dem bizarren SF-Film LOS MONSTRUOS DEL TERROR (DRACULA JAGT FRANKENSTEIN) von Tulio Demicheli (und, ohne Credit, Hugo Fregonese), in dem Waldemar einen Gastauftritt absolviert. Der Film läuft ungefähr alle drei Wochen auf SAT-1. Dann kam LA FURIA DEL HOMBRE LOBO, einer der schwächsten Filme der Serie, mit dem Naschy auch vollkommen unzufrieden ist. Er führt dies auf den Regisseur zurück, der den gefeuerten Eguiluz ersetzte, José Maria Zabalza. Naschy erzählt, daß der Mann von Anfang bis Ende der Dreharbeiten stockbesoffen war und an einem Punkt sogar einen möglichen Käufer vergrault hat: Als der Finanzier anrückte, war das erste, was er im Lichtkegel seines Autos zu sehen bekam, ein Betrunkener, der vor ihm auf die Straße schiffte! Als er dann erfuhr, daß dies der Regisseur des Filmes war, den er sich ansehen sollte, verzichtete er dankend auf die Vorführung...

Und dann kam der Klassiker: LA NOCHE DE WALPURGIS (NACHT DER VAMPIRE, 1970) ist nicht nur der erste spanische Horrorfilm, den ich jemals gesehen habe, sondern möglicherweise auch der beste! Naschy selber bemerkt: "Was kann man zu dem Film sagen? Ob er nun gut ist, schlecht oder nur so mittel - er ist halt LA NOCHE DE WALPURGIS... Was den Film so bedeutsam macht, ist einfach die Tatsache, daß er das spanische phantastische Kino ins Rollen gebracht hat." Zu dem Film kann man auch sonst noch so einiges sagen, aber erst ein paar Informationen zu dem Regisseur.

León Klimovsky entstammte einer Familie, die von Kiew nach Argentinien ausgewandert war. Ironischerweise war der erste Beruf des späteren Vampirspezialisten der des Zahnarztes. Nach kurzer Zeit entdeckte er aber sein Herz für das Kino und unterhielt einen Cineclub, dem zeitweise auch Jorge Luis Borges angehörte. Seinen ersten eigenen Film drehte er 1947, eine Adaption von Dostojevskys "Spieler". Mitte der 50er siedelte er dann endgültig nach Spanien um, das für die jungen argentinischen Regisseure ungefähr eine ähnliche Bedeutung hatte wie die Vereinigten Staaten für arme Mexikaner. Er machte sich bald einen Namen mit Dramen und Komödien und inszenierte mit ELLA Y EL MIEDO den vermutlich ersten spanischen Thriller. Dann verlegte er sich auf Western, von denen die meisten aber tatsächlich wohl von Italienern stammen dürften. (DJANGO KENNT KEIN ERBARMEN z.B. stammt von Enzo Girolami, ANTRETEN ZUM BETEN von Marino, SANDOKID von Sergio Bergonzelli.) Zwei Kriegsfilme von ihm sind bei uns herausgekommen als Werke eines "Henry Mankiewicz". Richtigen Rum erlangte er erst, als er mit WALPURGIS (knapp 64-jährig) seinen ersten Horrorfilm drehte, auf der Grundlage eines Naschy-Drehbuchs. Mit ihm arbeitete er in der Folgezeit sehr häufig. Im Deutschland der frühen 70er war Klimovskys Name so sehr mit dem Horrorgenre assoziiert, daß Verleihe auch angelsächsische Ware als Klimovskys rausbrachten, etwa John Hayes' guten DIE GRUFT DES GRAUENS oder Tom Parkinsons DAS MONSTER MIT DER TEUFELSKLAUE. Ab 1979 hat Klimovsky keine Filme mehr gedreht. In Amando de Ossorios SERPIENTE DEL MAR (dt: HYDRA) spielte er einen Staatsanwalt. 1996, im Alter von 90 Jahren, starb er an Herzversagen.

LA NOCHE DE WALPURGIS war, wie so viele andere spanische Genrefilme, stark von den deutschen Koproduzenten mitgeprägt. Als ausführender Produzent zeichnete bereits hier José Perez Giner verantwortlich, der mit seiner Firma Profilmes später den Löwenanteil der Horrorfilme machen sollte. Das Drehbuch ist - wie von Naschy gewohnt - ein wilder Ringelreihen von knalligen Einfällen, die miteinander um Vorherrschaft streiten. Das sorgt für 90 zwar nicht sonderlich logische, aber äußerst unterhaltsame Minuten.

Die Anfangsszene präsentiert uns Friedhofswärter Barta Barry, der einen Arzt herumführt. Dieser soll eine Leiche obduzieren und hält nicht viel vom ländlichen Aberglauben: "Vampire und Silberkugeln... Die Menschheit rottet sich aus - großartig! Wir erobern den Mond, den Weltenraum, und die Dummheit feiert Triumphe..." Der Geist der Aufklärung hat gegen den aufgebahrten Naschy allerdings keine Chance und bekommt sofort die pelzige Klaue in die Visage. Auch der Barta B. wird abgeledert, daß die Kimme knarzt! Da kein spanischer Horrorfilm ohne nackerte Deutlichkeiten vor dem Vorspann auskommt, muß Naschy noch eine Art Rotkäppchen aufreißen - wildes Gegrunze und Blut auf den Knospen leiten dann den hübschen Werwolfbeat von Antonio Garcia Abril ein. Die eigentliche Handlung läßt allerdings zwei süße Mädel (Gaby Fuchs und Barbara Capell) durch die innere Walachei wandern, wo sie sich Impressionen für ihre Prüfungsarbeit erhoffen. Da aber auch sie keinen Ersatzkanister haben, stranden sie just vor einem grusligen Kloster. Direkt daneben wohnt...Waldemar Daninsky, Werwolf und Bonvivant! Jener ist entzückt über die hübsche Abwechslung, zumal außer ihm nur noch seine wahnsinnige Schwester Elisabeth die Gegend unsicher macht, und deren Gebrabbel von Werwölfen und Vampiren geht auch dem Gutwilligsten bald auf den Zeiger. Außerdem ist sie nicht ganz koscher: So fällt sie in einer Szene die Babsi an, reißt ihr die Bluse auf und würgt sie ein bißchen. Waldi und Gaby haben derweil die blendende Idee, das Grab der verfluchten Gräfin Wandessa zu öffnen; warum auch nicht. Deckel auf - der Spaß beginnt: eine antike Gruselmumie. Ja, da zieht man doch als allererstes das Silberkreuz heraus, das in ihrer Brust steckt! Gaby, blitzgescheit, leiert sogleich die Legende herunter, derzufolge das alte Modergerüst wieder zum Leben erwachen soll, wenn man ihm das Kreuz entfernt. Unverzüglich wird Gaby von einem Mönch mit Skelettgesicht überfallen, aber Waldi haut dem Klosterbruder das Kreuz in die Plauze, worauf er sich in dicke Luft auflöst.

Nachts dann wird Babsi von einer Schleiermamsell (Wandessa, gespielt von der Amerikanerin Patty Shepard) gerufen und gebissen: Umwölktes Lächeln versinnbildlicht die Freude des Vampirdaseins, unterstützt von Zeitlupenaufnahmen, in denen die Blutsaugerinnen mit Wallewallekleidern durch die Heide schweben - immer wieder schön.

Da mittlerweile Paules Schwesterlein verseucht ist, erweist sich dieser als Pfahlokrat und macht Schluß. Die Vampire greifen sich auch Paules Diener, wofür sie sich sogar des weltlich anmutenden Mittels einer Baumfalle bedienen. Zum Glück schafft Waldemar es rechtzeitig, Barbara zu erlösen, worauf auch die bereits angeknabberte Gaby wieder clean ist. Aber schon bald befindet sich nicht nur Gaby in der Gewalt der Vampirin, sondern auch Gabys herbeigeeilter Freund Marcel. Beide sollen in der Walpurgisnacht dem Herseibeiuns geopfert werden, wonach dann Radarfallen privatisiert werden sollen und überhaupt alles im Eimer ist. Beim Finale kommt es dann zum legendären Showdown zwischen Meister Petz und der untoten Lebedame, bei dem der Zuschauer mal spaßeshalber die Augen zumachen und der Tonspur lauschen sollte. Wandessa wird aber gekillt und zerfällt zu etwas, was Kaufhauserpresser gut in Joghurtbecher packen könnten. Auch Waldi wird dann erlöst von der Frau, die ihn liebt...bis zur nächsten Folge.
Ja, großer Spaß, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Auch bei dieser Kassette (von "Telerent") darf man einen Besitz begießen, denn selten gar ist ihr Vorkommen. Typisch für Naschy ist der zugrundeliegende Kampf zwischen Gut und Böse, der hier nicht nur zwischen den Protagonisten stattfindet, sondern auch symbolisch in seinem eigenen Werwolfcharakter, der sich selbst besiegen muß, um das Happy-End zu gewährleisten. Sein Charakter geizt auch hier nicht mit theatralischen Zeilen: "Furcht und Haß sind meine Begleiter!" Die Ballung von klassischen Monsterfiguren amüsiert auf sympathische Weise im besten Serialstil. Übrigens erzählt Waldemar hier, daß er in Tibet vom Wolf gebissen wurde, getreu dem 1935er WEREWOLF OF LONDON. Das Blut ist Schwartau Extra, wie üblich; man kann fast von "lustigem Blut" sprechen... Eine Sexszene mit Paul und der Gaby ist auch drin - alles echt, da gibt es nichts. Ja, mit diesem Film kann man eigentlich nichts verkehrt machen, viel Spaß!

Die nächste Ko-Arbeit von Klimovsky und Molina war der im Folgejahr entstandene DR. JECKILL Y EL HOMBRE LOBO (DIE NACHT DER BLUTIGEN WÖLFE), in dem der Drehbuchpaul äußerst mutig Legendentaumel praktizierte: Die Werwolflegende mit Stevensons unkonventionellem Schizoarzt zusammenzuwürfeln, verrät Mut und Freude am Spiel.

Bei einer Party reicher Leute vergrellt Henry Jekyll (im Film korrekte Schreibweise) diverse Schnösel, weil ihn deren geistloses Geschwafel nervt. Seine gute Freundin Justine plant derweil mit ihrem Gatten, Imre Kostas, einen Trip in die Karpaten, in sein Heimatdorf Waliwasta (oder so). Wie das in spanischen Filmen doch häufiger passiert, streikt der Automotor, so daß man sich gezwungen sieht, in Ehrfurcht vor der rauhen Schönheit der Landbevölkerung zu verharren. Das dauert ungefähr drei Minuten, und schon kommen drei Räuber aus dem Busch, stechen Imre ab und wollen mit Justine das Programm "Runter mit der Bluse" durchziehen. Bevor aber Ärgeres stattfinden kann, erscheint Waldemar Naschinsky und zerdellt die unglücklichen Ganoven. Justine darf daraufhin das Programm "Mit dem Kerzenleuchter durch Schloßkorridore" abspulen. Vom Leichnam auf dem Eßtisch ist sie aber hinreichend degoutiert, um zu flüchten, und zwar - logisch - in die Familiengruft, wo der bucklige Bela auf sie wartet. Der Bruder der Gemeuchelten bläst derweil zur Hatz auf den Petz. Treffpunkt: "Um Mitternacht am Galgenbaum!" Das geht dann aber trocken in die Hose, auch wenn Luis Induni nicht nur Bela, sondern auch noch Paules Haushälterin Mazurka (oder so) massakriert - ein toller Pappkopf für die Schöpfungsvitrine. Dann geht es Luis aber an die Datteln.

Um Paul zu helfen, schickt ihn Justine zu Dr. Jekyll, der eine sehr rudimentäre Bioplastik auf dem Tisch hat. Jack Taylor (der ihn verkörpert) hat hier einen Jürgen-von-der-Lippe-Bart und spielt ganz gut. Seine Assistentin, Mirta Miller, hat die längsten Wimpern von London und ist scharf auf den Doc, der jedoch Justinchen verfallen ist. Bevor dieser Umstand aber Früchte des Zorns gebären kann, kommt Paul ins topmoderne Hospital, das überall ist, nur nicht in London. (Ich glaube, das ist Graus "Manchester Morgue"...) Im Fahrstuhl verwandelt sich Waldi in einen Wolf und tranchiert ein Karbolmäuschen. Jackill schreckt das aber nicht ab; er will einen "Persönlichkeitsaustausch" versuchen, und zwar mit dem Massenmörder Hyde! (Jaul.) "Schwer zu erklären", erläutert er seine eigene Begründung, und da hat der Freund auch recht. Die Massenmörderanteile sollen mit den Vollmondkräften kollidieren, wer ist der Sieger, irgend sowas... Egal. Paul wird auf einen Tisch geschnallt, der in einem Labor steht, wo in jedem Reagenzglas Urinproben sind, da möchte ich wetten! Nach Jackills Worten verwandelt sich Paul in die "Inkarnation des absolut Bösen". Aus unersichtlichen Gründen ersticht Mirta den geliebten Jack, läßt Hyde frei und somit die Sau raus: Zusammen mit Paule (der ausschaut wie eine Mischung aus Iggy Pop und Klaus Dahlen) peitscht sie Justine justamente durch. "Und nun gib' es ihr richtig! Sie braucht es! Sie liebt es!" Ja, es ist eine Schier-Synchro. Wenn Hyde dann durch London strolcht, wirkt das wie Siegfried + Roy in Wanne-Eickel. Das London des Filmes liegt in der Nähe von Madrid, was aber auch gut ist, da man Naschy, wenn er so in der Stadt der Bobbies herumgelaufen wäre, sofort in die Zwangsjacke gesteckt hätte! In einer schönen Beat-Club-Szene verwandelt sich Hyde in den nun doch durchbrechenden Wolfsmenschen. Es kommt zur Schlußkonfrontation zwischen ihm und Justine...

Der Film ist ein ziemliches Absurdion, aber der Spaß, der ist erneut groß! Pauls Sweater als Wolf ist richtig schick. Das Blut spritzt hier und da meterweit, ist aber von echtem Blut leicht zu unterscheiden. Pauls Stimme ist hier Tommy Piper, und als Wolf ist er von "Alf" auch kaum zu unterscheiden. Das schockt!

Total in die Kiste mit dem Hundekot aus Gips griff Klimovsky mit LA REBELION DE LAS MUERTAS (DIE REBELLION DER LEBENDEN TOTEN bzw. BESCHWÖRUNG DES TEUFELS bzw. BLUTRAUSCH DER ZOMBIES, 1972), in dem echt alles aus ist! Mann, was hat der Paul da für ein Drehbuch zusammengetrümmert. Ungerührt verbindet er Hinduismus mit Voodoo, und zwar in einem diesmal echten London, wo der Gewichtheber einen Schickimickiguru namens Krishna spielt. ("Laßt uns bereit sein, uns zu reinigen!") Zusammen mit seiner ihm willfährig ergebenen Zuckerpuppe Mirta Miller führt er Zaubertricks der billigeren Preisklasse auf, wie z.B. Asche in die Hand gießen. Sein Bruder ist allerdings ein verbranntes Kind, das den Ofen scheut: Von bösen Kolonialisten ist Kantaka einst den Flammen überantwortet worden. Um sich zu rächen, bedient er sich finsterer Voodooriten, mit denen Tote zum Leben erweckt werden können. So soll die Irving-Familie mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.

Eine Irving hat es derweil dem Krishna so richtig angetan: Elvira folgt einer Einladung zum Landsitz des flotten Inders in Llangwell. (Walisisch für "Langeweile".) Schon auf der Hinfahrt wird sie von einem Narbenneger namens Tai abgeholt, der ständig so Sachen sagt wie "Schon geht ab das Wagen!" Während der Fahrt singt er sehr falsch "It's a long way to Tipperary"... Recht merkwürdiger Humor, der hier am Wirken ist. Eine Latzhose hat der Mann auch noch. Nachts träumt Elvira davon, daß sie in einen Keller voller Gummiknochen geführt wird, wo der Näsch mit Hörnern und Kinnbart auf sie wartet. Einen Höhepunkt erreicht der Film im nächsten Szenenkomplex, der in "Koogan's Cold Meat Industry" stattfindet, wo Aurora de Alba mit einem Hanswurst Ehebruch begehen will. ("Hast du den Buben etwa im Ärmel versteckt?") Die Musik, mit der die "Suspense"-Anteile unterlegt sind, steht auf keinem Blatt, und das ist vielleicht auch ganz gut so. Der verläßliche Abril glänzt hier leider durch Abwesenheit. Ein weiteres Opfer erleidet den Tod durch Getränkedose, was immerhin ungewöhnlich ist. Kantaka meint zu der Leiche: "Na, hat wehgetan, Oppa?" Held Vic Winner hat sich mittlerweile zu einer Zusammenarbeit mit Scot Landyard entschlossen, wo man mit seinen Stories erwartungsgemäß nicht viel anfangen kann. Die Bullen haben aber gute Sprüche, etwa: "Dann schicken wir unseren eisernen Gustav an die Front!" Am Schluß wirft der Schrumpelpaul eine schwarze Messe mit totem Huhn, bevor dann alle von Maria Kosti umgelegt werden, die von der Voodoo-Gewerkschaft kommt und Paules mißbräuchliche Verwendung der alten Riten für höchst unpassend hält. Unglaublich: Wenn die Satanisten tot zusammensinken, leiert auch die Filmmusik zu einem Stillstand: "Meeeeuuuuummm..."

Tja, ziemlich gelungener Trash, aus genannten Gründen. Der Film ist aber nicht so dolle, wobei die deutsche Fassung aber auch extrem schlecht ist. Das größte Manko ist die Musik, die ein Titelthema mit einem Chor hat, der ungefähr singt: "Daudata Dautadau". Der Film ist recht gschmackig, auf gewohnt lustige Art allerdings. An einer Stelle meint Krishna: "Wird der Körper vom Geist beherrscht, ist das keine Krankheit." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Nächster Klimovsky im Horrorland ist der im selben Jahr gedrehte LA SAGA DE LOS DRACULA, der bei uns nicht herauskam. Dies ist möglicherweise auf einen relativen Mangel an blutigen Schocks zurückzuführen. Da hier aber jemand anderes als Naschy das Drehbuch führte, ist auch der Stil des Filmes etwas gemäßigter. Man darf wohl daraus schließen, daß Klimovsky (anders als Selbstschreiber de Ossorio) kein Überzeugungstäter war. Während Naschys Filme in ihrer farbigen Spiellaune eher den serialesken "Universal"-Filmen ähnelten, hat LA SAGA einen Anspruch, der eher den "Hammer"-Produktionen entspricht. Die junge Berta (gespielt von einer guten Tina Sainz) reist zusammen mit ihrem Verlobten Hans durch die Pampa, um zum Schloß ihres Großvaters zu gelangen. Statt eines Autos bricht diesmal die Kutsche zusammen, so daß die beiden am Nabel der Welt verweilen müssen. Sie richten sich die Wartezeit gut ein und finden eine tote, nackte, leere Frau im Wald, die bald darauf wieder umgeht. Tina wird von bösen Träumen im Stummfilm-Format gemartert. Gabor, der schnieke Hausmeister der Draculas, kommt herbei und bittet die jungen Liebenden auf den Kutschbock.

Nach einem kurzen Besuch im Familienmausoleum (wo für alle Mitglieder der Familie bereits ein lauschiges Plätzchen parat steht) trifft man die Verwandten: Der Obervampir wird exzellent gespielt von Klimovskys altem Freund Narciso Ibanez Menta (dessen Sohn, Ibanez Serrador später den tollen QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO? drehen sollte; vgl. Teil 2 des Artikels), und seine junge Frau ist die fesche Helga Liné. Hans ist ein richtiger Hans-im-Glück, denn er wird nicht nur von Helga auf die Matte gezerrt, sondern auch von ihren beiden Töchterlein, Maria Kosti und noch jemand. In einem Dachstübchen sitzt noch Enkel Valerio, der alles hat, was ein Kind zum Glücklichsein braucht: einen Buckel, Schrumpelhaut und ein Auge auf der Stirn. Deshalb kommt er als Erbe der Draculas nur begrenzt in Frage. Tina soll's richten, und die hat von Hans bereits einen Braten in der Röhre.

Der Film ist, verglichen mit Naschys Horrorcomics, extrem ernsthaft gemacht und langsam aufgebaut. Je nach persönlicher Vorliebe kann man das als Makel oder als Tugend werten. Ich halte den Film aber für Klimovskys besten Horrorfilm. Der Schluß ist besonders gut: Tina wird langsam dull im Schädel und dämmert dahin. Nach der Geburt sieht es zunächst so aus, als sei der Filius tot. Sie reagiert etwas über und schlachtet die ganze Brut mit der Axt ab. Sie selber wird bei dem Amoklauf allerdings auch tödlich verletzt. Ohne es zu wollen, spendet sie ihrem mitnichten toten Sohn Blut und somit Nahrung...

Ebenfalls ganz gut ist der 1973 entstandene LA ORGIA NOCTURNA DE LOS VAMPIROS, in dem es Dianik Zurakowska (aus LA MARCA: lechz!) und einige Freunde nach Tolnia verschlägt. Daß auch hier der Bus, der sie woandershin bringen soll, stehenbleibt, ist klar, jedoch ist der Grund hier ein anderer: Der Busfahrer hat einen Herzkaschper. Tolnia ist nicht gerade belebt, aber eine Bar mit Bett hat man dort schon, auch für Fremde. Nachts kommen dann allerdings die Leute aus ihren Löchern und verlangen roten Lebenssaft. Das erinnert mich etwas an meinen letzten Besuch in Sottrum, aber sei's drum. Damit die Lusttröpfchen nicht so schnell verschorfen, latscht dann und wann der ungefähr sechs Meter große Fernando Bilbao durch die Stadt (Standardsatz: "I'm here on behalf of the Countess!") Meist setzt es dann was: Einem Axtschleifer hackt er undankbarerweise nach vollzogener Dienstleistung die Flossen ab! Nando ist wirklich der Hausmeister, den niemand mag. Jack Taylor läuft auch in dem Dorf herum, denn sein Wagen ist - oh nein! - leider verreckt. (Was stellen die da eigentlich für Autos her?) In einer Szene bespannt er die strippende Dianik durch ein Loch im Schrank. Der junge Held (keine Ahnung, wer das ist) wird von Gräfin Helga Liné‚ auf ihr Schloß eingeladen, damit er der schönen Frau Klassiker zitiert. Die sind natürlich nur ein Vorwand, und schon fliegt der Lendenschurz! Einem Freund von mir sind neulich einige vollkommen harmlose Bücher in Ohio vom Zoll beschlagnahmt worden. Angegebener Grund: "Suspicion of vampire pornography". DAS ist rechtliche Terminologie, wie ich sie richtig super finde! Dieser Film offeriert aber weder Pornographie mit Vampiren noch welche für Vampire, denn die Fassung von "Something Weird" sieht aus wie Klopapier. Gut perforiertes Klopapier, versteht sich. Es gibt in dem Film eine Anzahl durchaus gelungener Passagen, die nahelegen, daß man auch hier mit etwas mehr Sorgfalt durchaus was hätte erreichen können. Im Wege steht erneut eine sehr durchwachsene Musik, die teilweise an frühen Synthie-Rock erinnert. Der Schluß (Jack und Dianik machen Verschwindibus) gemahnt an Romeros Zombie-Filme. Auch der Gag am Schluß ist, wenngleich kaum originell, so doch zumindest effektiv.

Das läßt sich vom letzten Film, EL EXTRANO AMOR DE LOS VAMPIROS (BLUTSAUGER, 1975) nun beim besten Willen nicht mehr behaupten. Zu dieser Zeit war der Hauptstrom der spanischen Horrorwelle schon abgeschwollen. Emma Cohen spielt eine junge Frau, deren Schwester Vampiren zum Opfer gefallen ist. Graf Rudolf von Wienberg hat es allerdings auch auf sie abgesehen. Das Drehbuch versucht sich an einer klassischen, melancholisch gestimmten Bearbeitung des Vampirmythos, aber daran sind auch schon bessere Autoren gescheitert. In meinen Aufzeichnungen erscheint irgendwann die Bemerkung "Bohrende Langeweile" - weshalb auch immer. Emmchen sieht natürlich ganz schniek aus, aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Der Vampir macht eher den Eindruck eines gealterten Schlagersängers. Die Musik besteht aus kitschigem Archivmaterial, angeführt von einer nervigen Heavy-Metal-Version von "Spiel mir das Lied vom Tod". Einziger Höhepunkt des Filmes ist ein Vampirfest, bei dem ein Gast kopfüber aufgehängt und angestochen wird - oizapft is'! Das hatten wir aber auch schon in THE VAULT OF HORROR und dem zugrundeliegenden EC-Comic. Besser schlecht geklaut als hungrig zu Bette gegangen. Der Vampir blubbert Emma zu mit esoterischem Blabla. Sie gibt sich ihm schließlich hin - wohl, um ihn zum Schweigen zu bringen. Nach dem fatalistischen Finale wählt der Vampir den sonnigen Freitod und löst sich in Rauch auf. Der mit Abstand schwächste Klimovsky, der so oder so nicht funktioniert.

Kurz hinweisen möchte ich noch auf Klimovskys guten Giallo UNA LIBELULA PARA CADA MUERTO (TODESKREIS LIBELLE) mit Paul N. auf der Spur eines Psychos im Pseudo-Mailand dieses Filmes. Erika Blanc ist auch dabei. Und ULTIMO DESEO ist ein wirklich interessanter Endzeitfilm, wieder mit Paul, der geskriptet ist vom mittlerweile berühmten Vicente AMANTES Aranda.

LAICHENDE RATTEN

Den aus La Coruna stammenden Amando de Ossorio kennt man in erster Linie wegen seiner unterhaltsamen "Reitenden-Leichen"-Filme, nur echt mit den zeitlupig herumtapernden "Templern". Da diese Filme nicht nur zu den populärsten Horrorfilmen aus der hier behandelten Region gehören, sondern auch ausgesprochen unterhaltsam sind, soll hier etwas detaillierter auf sie eingegangen werden, wie auch auf die anderen Horrorfilme des Regisseurs.
Bevor er endgültig mit seinen Schockern assoziiert wurde, machte de Ossorio verschiedene andere Sachen, u.a. einige akzeptable Western, welche teilweise in italienischer Ko-Produktion entstanden. Auch sein erster Horrorfilm war solch eine Zusammenarbeit mit den Nachbarn: MALENKA, LA NIPOTE DEL VAMPIRO (1968) hat sogar einige Darsteller anzubieten, die man eher aus italienischen Produktionen kennt. Allen voran spielt Anita Ekberg eine junge Frau (kicher, kicher), die vor ihrer Verlobung mit dem jungen Arzt Gianni Medici noch schnell ein Erbe antreten will, das sie zur Schloßbesitzerin macht. Diverse Umstände komplizieren das Vorhaben, u.a. ihr vampirischer Onkel (Julian Ugarte, frisch aus LA MARCA DEL HOMBRE LOBO) und seine diversen Gespielinnen. Bevor Anita aber entweder in Vampirismus oder Wahnsinn getrieben werden kann, kommt Gianni herbei und läßt Julians böses Spiel auffliegen, das ganz und gar weltliche Motive verfolgt. Ein Schlußtwist ist dermaßen sinnlos und verwirrend, daß er fast von Wes Craven stammen könnte. Anita macht den Eindruck, als wäre sie vom Trevi-Brunnen direkt in den Hauptwaschgang geraten. Der einzige Schauspieler, der sich auszeichnen kann, ist Ugarte. Als hübsche Abwechslung gibt es aber die beiden Schankerwirtinnen Diana Lorys und Rossana Yanni zu bewundern. Julians Partnerin im bösen Spiel ist Adriana Ambesi. Im ganzen eine höchst hausbackene Angelegenheit, die durch Carlo Savinas teilweise aus LA CRIPTA E L'INCUBO geklauten Score entschieden aufgewertet wird. Trotzdem: Die Fangzähne sind wie Besteck im Flugzeug und schneiden höchstens ideell.

De Ossorios Galanummer kam 1971 mit dem unheimlichen LA NOCHE DEL TERROR CIEGO (DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN). "Jackpot!" mag Amando sich gedacht haben und bastelte noch drei Fortsetzungen hintendran, die aber durchaus unterschiedlich gelungen sind. Ich erinnere mich daran, daß ich den Film als 13-Jähriger mal gesehen habe und sehr beeindruckt war.

LA NOCHE beginnt mit einer schwarzen Messe: Grimmige Kreuzritter schleppen eine junge Frau in ein Kabuff, binden sie an ein Holzkreuz und gucken grimmig. Danach fallen sie über sie her und saugen sie zu Tode. Schon an dieser Szene ist mancherlei bemerkenswert: Die Templer tragen fast alle falsche Bärte; das Opfer hat in den Nahaufnahmen falsche Brüste, die überhaupt nichts mit den blutigen Detailshots zu tun haben; und die Pferde haben verhallte Hufe. Hier erklingt zum ersten Mal der unheimliche Chor von Antonio Garcia Abril, der die ganze Serie hindurch ertönen soll und wie eine Horde depressiver Mainzelmännchen auf halber Geschwindigkeit klingt. Ziemlich sadistisch, der Beginn, aber was soll man machen? Die Templer sind halt böse Buben, und ihre ohnehin bereits höchst dubiosen Tugenden aus Kreuzfahr-Zeiten sind eben noch mit diabolischem Beiwerk angereichert worden. In der hervorragenden "Redemption"-Uncut-Fassung (die längste erhältliche) befindet sich dieser Prolog übrigens in der Mitte, als Rückblende des Professors. (Peter hat die Opferfrau identifiziert als Franco-Darstellerin Britt Nichols, was durchaus angehen kann, da diese Portugiesin ist und LA NOCHE eine giesische Ko-Produktion. Tolle Laserdisc, auch wenn der Hinweis auf Amandos Ableben noch etwas vorzeitig ist.)

So richtig Vollgas gibt der Film gleich darauf, als sich in einem Badeort zwei gutaussehende Lesben mit grotesken Bikinis am Swimming-Pool treffen: Bella hat in der Nähe eine Fabrik für Schaufensterpuppen eröffnet, während Virginia umgesattelt und sich einen Freund zugelegt hat, der ihren Sinn für Humor beweist. Roger hat eine dieser tollen geometrischen Frühsiebziger-Badehosen, für die manche Menschen töten würden. Auch seine Badejacke ist richtig knuffig. "Hast du vergessen, was in der Schule zwischen uns war?" fragt Bella sinnierend, eine schöne Rückblende hervorkitzelnd, in der die beiden vor zwei religiösen Bildern zärtliche Stunden verleben, während irgendein Schöngeist Rauch vor die Kamera bläst! (Ich habe das erst für eine schmierige Scheibe gehalten, aber das ist wohl eher Rauch. Toll.) Gemeinsam geht man auf einen Campingtrip, aber Eifersucht zwingt die offenbar nicht blitzgescheite Ginny, vom Zug zu springen und durchs portugiesische Hinterland zu dackeln. (Die kausalen Verflechtungen sind nicht das starke Gewand von de Ossorios Drehbüchern.) Bei ihrer Landpartie stößt sie auf eine alte Abtei. Glückwunsch - es handelt sich um jene der verfluchten Templer, deren satanische Riten ihnen Exkommunizierung, Hinrichtung und von Krähen rausgepickte Augen gebracht haben. Dafür aber kennen sie "das Geheimnis des Untodes" und sind nach Mitternacht stramm auf Achse! Man mag hierbei Ginnys leichtfertige Reisetechnik geißeln, aber in Spanien kann einem ja so viel passieren - wenn einen nicht die EFTA erwischt, dann tut es bestimmt die ETA oder die Guardia Civil. Letzerer sollte man als blonde deutsche Touristin übrigens nicht nächtens über den Weg laufen. ("Äh, Entschuldigung, dondesta la Hotel Flamenco?") Na ja, hier quietschen auf jeden Fall sofort die Grabsteine, und Papphände aus Gummi schieben sich an die frische Luft. Die Hände erinnern an diese tollen Spardosen, aus denen ein Skelett rausgreift und die Groschen einsackt. Die mumifizierten Templer - Skelette mit Kutten und Kinnbärten - schwingen sich auf ihre Rappen - Pferde mit Tarnklamotten - und reiten in Zeitlupe durch die Gegend. Schon hier irritiert etwas die mäßige Geschwindigkeit der Monster. Es ist nicht einfach, die große Bedrohlichkeit der Mumien zu etablieren, wenn sie durch die Gegend schlurfen wie Tante Trude im Altenstift. Tatsächlich hat man, objektiv betrachtet, das Gefühl, die Templer würden in der Stadt nicht einmal sicher über die Straße kommen. Aber die Opfer rennen sich im besten Mumienstil gekonnt in Ecken fest, der Soundtrack singt "Oleoleoooo..." und die Templer machen das schon. In einem modernen Horrorfilm würde man die Plastikklauen sicherlich weglachen, aber es ist eine mißliche Entwicklung, daß man heutzutage meint, sich über alles lustig machen zu müssen. Das ist kein Humor, der da aufblitzt, sondern die nackte Angst vor dem Ernst des Lebens. Manisches Rumgejuxe hat mit Humor nichts zu tun, ja, ist sogar sein Todfeind. Wer die Templer nicht ernstnimmt, wird gefressen, kapiert?

Roger und Bella müssen ihre Freundin identifizieren. Auch diese Szene hat ihre Reize. Da wäre erst einmal die Deckenlampe, die fortwährend aufdringlich herumschunkelt, um unheimliche Atmosphäre zu suggerieren - das Foucaultsche Pendel ist nichts dagegen. Ungewohnter Comic Relief: Westernveteran Paco Sanz als sadistischer Leichenwart (mit einem Kanarienvogel namens Karlchen) sabbert fast vor Freude, daß er den beiden die tote Freundin zeigen darf. Zuerst zeigt er ihnen eine angegangene Ommama, nur so aus Spaß. Danach quält er einen Frosch, aber der Frosch wird gerächt, und zwar von Ginny, die zum Leben erwacht und Paco aller Sorgen entledigt.
Als nächstes begeben sich die beiden Hobbydetektive in ein Nest von Schmugglern, die verdächtigt werden, den faulen Zauber zu veranstalten, um ihre Aktionen zu tarnen. Man lernt dort den herben Charme der Landbevölkerung kennen, kann den Boß aber dazu überreden, mit zum Kloster zu kommen. Eine Nacht des Grauens bricht an...

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist dies der beste Film des Regisseurs, in dem er obendrein mit den Templern ausgesprochen pittoreske Monster in das Horrorkino eingeführt hat, deren Bedrohlichkeit zwar objektiver Untersuchung nicht standhält, aber die mit ihrer knochigen Omnipräsenz etwas ins Gedächtnis zurückrufen, was im modernen Kino mit seinen derangierten Psychokillern und den ständig perfekter werdenden Spezialeffekten zunehmend in Vergessenheit gerät: Der wahre Schrecken wird nicht von der Leinwand erzeugt, sondern wohnt bereits im kollektiven Busen. Horrorfilme stellen lediglich eine geeignete Projektionsfläche für diese Fantasien dar; sie katalysieren den privaten Angsthaushalt, machen Schnipp und lassen das Unterbewußtsein walten. Daß heutige Zuschauer davor Angst haben, auf dem Nachhauseweg von skelettierten Mönchen behelligt zu werden, ist unwahrscheinlich, aber hey, warum dieser Zwang zur Realität? Wäre es nicht ausgesprochen unterhaltsam, wirklich von solchen Mönchen behelligt zu werden statt von den üblichen banalen Alltagsgespenstern? Ich kenne ja eure Gespenster nicht, aber solche Kuttenonkel finde ich wirklich fesch. Das wäre doch einmal was. Und ja, ich finde den Film, trotz seiner etwas ungeschliffenen Direktheit, richtig charmant - das ist doch ein ganz anderer Schnack als der blöde Freddy Krueger. Mehr Mönche, weniger Massenmörder, und ungebrochener Mut zum Ernstnehmen potentiell lächerlicher Dinge. Nur dann kann man nämlich auch über ernste Dinge lachen, und darauf kommt es schließlich an. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Alles andere ist Mainz bleibt Mainz.

Der zweite Teil, EL ATAQUE DE LOS MUERTOS SIN OJOS (DIE RÜCKKEHR DER REITENDEN LEICHEN, 1973), ist nicht so dolle. Das heißt nicht, daß er vollständig ohne Meriten wäre. Er ist eher so mittel, und das ist ja eigentlich der undankbarste Job. In einem Prolog sind die ewigen fackelschwingenden Dörfler dabei, einige Templer zu killen. In direktem Widerspruch zu Teil 1 werden die Ritter mit Fackeln geblendet und sind deswegen als Mumien ihren Hörwerkzeugen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Tony Kendall (alias "Kommissar X") darf hier einen Feuerwerker spielen, der für Bürgermeister Fernando Sancho eine 500-Jahr-Feier des Sieges über die Templer ausrichten soll. Wie das so ist, trifft Tony seine frühere Flamme Esperanza Roy wieder, die jetzt für den dicken Sancho die Kastanien ins Feuer schiebt. Sancho ist nicht der einzige Western-Veteran in der Besetzung: Seine rechte Hand wird gegeben von Francisco Brana. Schon bei dieser Konstellation scheint sich anzudeuten, daß Ärger in der Luft liegt. Als dann aber auch noch die Jungs vom Templerorden auftauchen, mit dem janzen Jedöhnse (Hallhufe, Chorgesang, Zeitlupe), geht die Party dann endgültig richtig los - it's massacre time! Sancho profiliert sich nicht gerade als einwandfreier Charakter, als er ein Kind (dessen Vater er schon aus eigener Feigheit in den Tod gesandt hat) als Köder für die Zombies auf die Straße schickt. Das geht dann aber daneben. Brana versucht, Tonys Schnalle zu ferkeln, wird aber aufgespießt. Als Bonus gibt es noch einen debil grinsenden Dorftrottel, der aussieht wie ein quasimodesker Tomas Milian. Der Blutgehalt des Filmes ist entschieden niedriger als der seines Vorgängers. Der Belagerungszustand in einer Kirche erinnert an THE FOG (abzüglich der Seeleute); der Schluß (recht gut) an THE BIRDS, nur halt mit Mumien statt Vögeln. (Das wäre doch mal ein schöner T-Shirt-Aufdruck: "Mumien statt Vögeln".) Auch hier hat man es mit einer ordentlichen Grundidee zu tun, die nicht übermäßig variiert wird, aber angemessen funktioniert.

Teil 3 ist EL BUQUE MALDITO (DAS GEISTERSCHIFF DER SCHWIMMENDEN bzw. REITENDEN LEICHEN, 1974), und das ist der mit Abstand schwächste Teil der Reihe. Boah, dauert das lange, bis die Templer endlich kommen! Und wie ist Amando nur auf die Schnapsidee gekommen, die Schrumpelmänner auf ein Schiff zu packen? Österreicherin Maria Perschy spielt die Leiterin einer Werbeagentur, die von einem amerikanischen Werftchef und Politiker (Jack Taylor) engagiert wird, um einen ausgefallenen Werbegag zu landen: Zwei scharfe Häschen tun so, als ob sie schiffbrechen würden; ihre "Rettung" durch Unbeteiligte soll dann Wasser auf die Publicitymühlen gießen. Aber alles geht schief, eine Geisterbarke erscheint und die Mädels verschwinden im Nirvana. Freundin Barbara Rey (blond und süß) will wissen, was mit den beiden passiert ist. So greift man sich den debilen Professor Gruber und steuert direkt in den dicksten Schlamassel.
Echt, das dauert über 30 Minuten, bis die Hauptdarsteller auftauchen! Und dann sind die Jungs nicht einmal in Sarkophagen, sondern in Schiffstruhen, die sich auch nicht mit einem traditionellen Quietschen, sondern eher einem profanen Furzgeräusch öffnen! Dann schrauben sich erneut die Gummiflossen in die Kamera. In diesem Film wird die Schwierigkeit, es glaubhaft erscheinen zu lassen, wenn dünne Papphände mit offensichtlich übernatürlicher Kraft Leute durch die Gegend schleifen, sehr offenbar. Die einfachste Lösung ist natürlich, es einfach unglaubhaft zu belassen.

Der Film ist richtig rabenschlecht, wenn auch mit einem gewissen drolligen Charme ausgestattet. Jack Taylor erzählte mal, daß das Schiff in einem Studio von der Größe einer Garage untergebracht gewesen war, und der Regisseur, um den Nebel zu erzeugen, keine entsprechende Maschine benutzt hat, sondern ölgetränkte Lappen (solche aus Stoff) verbrannte. Das führte dazu, daß der Set gerochen haben muß wie die Umkleidekabine der Bayern nach dem 0:2 gegen Köln. (Professor Gruber: "Dieser Nebel ist kein Nebel, und dieses Schiff ist kein Schiff!") Die Geschichte ist einfach haarsträubend und stellt eine eher gewaltsame Vermählung vollkommen disparater Elemente dar. Auf dem Papier mag das ja noch originell gewirkt haben, aber es haut halt nicht hin. Super sind auch die Long Shots von der Geisterkogge: ein Flaschenschiff ohne Flasche, dafür mit Flaschen! Glücklicherweise sind da noch die Schauspieler: Die Perschy ist ohnehin immer wieder eine Bank, und die jüngeren Kolleginnen legen beherzt falsch Zeug ab wider ihren Nächsten - recht so! Jack Taylor hat seinen Walroßschnäuzer aus LA COMTESSE NOIRE und trägt auf hoher See einen Pullover, der von Ernies Bert stammen könnte. Als sie gerade an Bord des Gruselschiffs geklettert sind, steht der auch ganz genau so da, echt wahr!

Der große Clou von EL BUQUE MALDITO ist natürlich seine Beschlagnahme in diesem unserem Land, die nun endlich mal überhaupt keinen Sinn mehr ergibt. Ich persönlich glaube ja, daß sich die Staatsanwälte hier einfach mal einen internen Jokus erlaubt haben - "Machen wir das jetz' einfach mal!" Nicht einmal der katholische "Film-Dienst" hatte seinerzeit an der Gewalt des Filmes was auszusetzen, lediglich an der inhaltlichen Beschränktheit. Freigegeben ab 16, versteht sich. Es gibt eine einzige Goreszene (in der Blanca Estrada enthauptet wird), die dann auch brav im TV geschnitten war, wo der Film schon ein paar mal lief. Da hat man einen Bock geschossen, aber einen von karnevaleskem Zuschnitt. Am besten hat mir an dem Film das letztendliche Auftauchen der Templer aus dem Meer gefallen: Wie begossene Pudel stehen sie da, jeweils begleitet von herunterplatschendem Wasser wie eine Klospülung. Das wirkt nicht bedrohlich, oh nein. Man fragt sich auch, wo die ausgemusterten Klabautermänner jetzt ihre Pferde wieder herbekommen, aber es gibt mittlerweile ja wirklich Spezialzeitungen für alles - sogar ein Kontaktmagazin namens "Notdurft".

Aber die Papphände voller Kraft durften ja noch einmal zudrücken, und das taten sie im deutlich zweitbesten Film der Serie, LA NOCHE DE LOS GAVIOTAS (BLUTGERICHT DER REITENDEN LEICHEN, 1975). Hier wird sofort losgerockt - Black Masses bis zum Abwinken! Ein mittelalterliches Paar (das vage anachronistisch "unser neues Landhaus" sucht) wird für einen steinernen Götzen, der aussieht wie eine Henson-Kreation, entherzt und danach krustigen Krebsen vorgeworfen. Guter Anfang, bei dem man nicht dazu kommt, in die Küche zu gehen und sich ein Blutgericht zu kochen. Der eigentliche Film handelt dann von dem Arzt Victor Petit und seiner ängstlichen Frau Maria Kosti (bürgerlich Maria Soledad Mesa Pachón), die an seinen neuen Arbeitsplatz gereist sind. Der befindet sich unglücklicherweise im Einzugsbereich der Mumienreiter, denen pro Jahr sieben schöne Jungfrauen geopfert werden, was nicht nur die Frage aufwirft, wie die in einem Kaff von schätzungsweise 200 Seelen auf 7 solche Prachtwummen kommen (bereits im zweiten Jahr stünde da Tante Rosl mit der Warze auf der Oberlippe), sondern es tun sich auch Möglichkeiten auf, tolle Neglig‚es mit nackerten Miminnen darinnen vorzuführen. Das ist brav. Auch hier gibt es einen Dorftrottel, der einen brillanten ersten Auftritt hat ("Teddy will dir nichts tun!") und andauernd mit Steinen beworfen und Abhänge runtergeschmissen wird - der Teddy hat nichts zu lachen, der kriegt gut sein Fett ab! Überhaupt fragt man sich, warum man die unsympathischen Dörfler überhaupt vor den Zombies retten sollte - wenn schon jemand, dann doch bitte die! Als dann Victors Assistentin Luzie ("The doctor is in") geopfert werden soll, macht er den Dörflern einen Strich durch die Rechnung. Es kommt zu einer großen Belagerung, an deren Ende der Götze zergötzt wird und den Mumien daraufhin Enate-Rotwein aus der Visage kommt. Man fragt sich, wieso dieses kleine Kunststück niemandem vorher eingefallen ist, wie auch der plötzliche Exodus der Dörfler, als klar ist, daß die Mumien jetzt sauer sind, es rätselhaft erscheinen läßt, warum man all die Jahre lieber die eigenen Töchter geopfert hat, als, sagemermal, nach La Coruna zu ziehen? Na ja, wer solche Fragen stellt, der stößt sich auch an der Nahaufnahme, in der eine geopferte Schöne zwischen Riesenkrebsen liegt und gut am Abzucken ist - die hat keinen Bock auf die Krabbelviecher! Der Film ist konsistent unterhaltsam, hier und da hübsch spannend, und die Mumien sind ohnehin echt schau.

Soviel dazu. Im Folgejahr gab es noch einen Film, LA CRUZ DEL DIABLO, der auf der Grundlage eines Drehbuches von Jacinto Molina entstand, der von dem britischen Regisseur John Gilling aber rausgeschmissen wurde. Vermutlich, um den Film kommerzieller zu machen, wurde noch eine Rückblende reingepopelt...mit Templern! Den Film als fünften Teil der Serie zu bezeichnen, wie das so häufig geschehen ist, ist falsch. (Falscher zumindest als bei Jes-s Francos LA MANSION DE LOS MUERTOS VIVIENTES, in dem reichlich Templer herumgeistern.) Gillings "Hammer"-Filme sind deutlich besser, wie auch die meisten spanischen Grusler. Also - keine falsche Vergötzung! Die Botschaft von de Ossorios Filmen ist die Auflösung des Menschen in der selbstverschuldeten Unmündigkeit, und das kann man wirklich viel schlechter veranschaulichen als mit den schlurfenden Staubfängern! Jetzt aber zu des Regisseurs anderen Horrorfilmen, solchen ohne direkten Templerbezug!

FERKELEI MIT LORELEI

An dieser Stelle werde ich ein gewagtes literarisches Experiment versuchen: Heute abend spielt Iggy Pop. Den ersten Ossorio werde ich VOR Iggy Pop schreiben; den zweiten DANACH. Mal schauen, was dabei rauskommt.

LAS GARRAS DE LORELEI (1972) ist kein besonders guter Film. Wenn man sich mit diesem Umstand abgefunden hat, kann man aber einigen Spaß mit ihm haben, denn was Drehbuchschreiber Amando hier mit deutschem Mythentum anfängt, geht auf keine Kuhhaut, und wozu auch. Daß die Lorelei von der bildschönen Helga Liné gespielt wird, geht natürlich in Ordnung. Mein spärliches Wissen über die Legende der Wassernixe Lorelei verleitet mich aber zu der Mutmaßung, daß sie sich bei Vollmond NICHT in den bösen Watz verwandelt hat - was haargenau das ist, was in LAS GARRAS passiert. Hübsche junge Frauen werden unter unappetitlichen Umständen aufgefunden. Ein Herzsammler hat offenbar saftig zugeschlagen. Daß in dem spanischen Deutschdorf dieses Filmes sofort alle Leute panisch werden, ist klar. Nur ein blinder Geiger weiß kurioserweise Bescheid über Loddelei und ihre Umtriebe. Daß der blinde Bettler übrigens ein Lied als "Song of Lorelei" ausgibt, das man aus Mel Brooks' FRANKENSTEIN JUNIOR kennt, finde ich drollig. Ein Komponist ist für die Filmmusik nicht angegeben.
Super ist die Tatsache, daß sich in der näheren Umgebung dieses universalesken Pseudo-Deutschdorfes ein Mädcheninternat befindet, wo hübsche Drallinen in spärlicher Kleidung herumlaufen und Beatmusik hören. Da junge Frauen beschützt werden müssen, versichert man sich der sackkundigen Unterstützung des berühmten Jägers Sigurd (!), der mit Flinte auf einem Motorrad herbeigedüst kommt. Es handelt sich um Tony Kendall alias Luciano Stella. (Stöhn.) Dieser Playboy unter Deutschlands Forstmeistern wird auch zum Fokus der feuchten Träume der Miezies und Mollies. Auch er kann allerdings nicht verhindern, daß ein krallenbewehrtes Monster erbarmungslos aus dem Dunkel der Nacht zuschlägt. Auch der Geiger wird verhäckselt. Der ausgesprochen langweilige Professor von Lander, der Helga auf der Spur ist, bekommt eine Urinprobe ins Gesicht, die offensichtlich aus Tschernobyl stammt. Da sind Szenen drin - toll!
LAS GARRAS ist Ossorios mit Abstand blutrünstigster Film: Die rote Grütze fliegt nur so durch die Anrichte. In der holländischen "Sunrise"-Version bekommt man aber nicht allzuviel davon zu spüren, obwohl sie ungeschnitten ist, denn die Qualität ist keine wahre Freude. Trotzdem sollte man sich den Film nicht entgehen lassen, denn dann würde man nicht der Szene ansichtig werden, in der Tony zusammen mit Silvia Tortosa (hübsch) über den Rhein schippert und im Boot posiert. Der posiert auch noch in der Straßenbahn, jede Wette! (Kleiner Hinweis auf Massimos Interview mit ihm in der neuen "Draculina".) Als er den Professor besucht, will dieser ihm die Metamorphose der Lorelei erklären und legt zu diesem Behufe eine Gummihand auf den Tisch und bestrahlt sie so lange mit geheimnisvollen Strahlen, bis sie sich in einen Pelzhandschuh verwandelt ("Zellmutation zum Evolutionsanfang"). Dann sticht er einen radioaktiven Dolch in den Handschuh, der wieder zu Gummi zurückmutiert. (Jaul!) Wie kann man an so einem Film vorübergehen? Der persönliche Haussklave von Helga ist übrigens Westernspezi (und häufiger Franco-Mime) Luis Barboo, dessen hünenhafte Präsenz nichts daran ändert, daß er den berühmten Zwerg Alberich spielt! (Professor: "Any relation to the Nibelungen?" Jauljauljaul!) Das einzige Manko des Filmes besteht meines Erachtens darin, daß Helga sich nicht auszieht. Dafür darf man aber Loretta Tovar im Bade bewundern (häufig in Horrorfilmen) und zahlreiche andere Nixen, die es hinwegrafft. Der Schluß entführt uns dann in eine peplumartige Zauberwelt unter Wasser, wo der nordische Holperkurs dann ein explosives Ende nimmt. Das ist wirklich eine einzige Lorelei, was da abgeht! Lustiger Film.

So. Jetzt bin ich vom Konzert wieder zu Hause, und - als hätte ich es geahnt - ich habe mörderisch einen auf die Schnauze bekommen! Es gibt bei jedem Konzert einige Idioten, von denen man besser Abstand hält. In diesem Fall gelang das nur unvollkommen. Herr Pop war super - 50 Jahre und hüpft wie ein junges Reh. Auf die geplatzten Lippen und den wackelnden Zahn hätte ich allerdings gut verzichten können. Lorelei mitten in die Visage, echt geil.

Für den Film LA NOCHE DE LOS BRUJOS (WOODOO - ORGIE DES GRAUENS, 1973) begab sich de Ossorio in den Dschungel, genauer gesagt nach Bumbasa, was wohl ganz dicht bei Spongo Molongo liegen wird. Nach einem kurzen Augenblick ethnischen Gehampels schleppen aufgeputzte Medizinmänner eine weiße Frau herbei, der von einem zuschauerfreundlichen Akrobaten die Kleider vom Leibe gepeitscht werden. Danach fällt ihr Kopf zu Opferzwecken. Viele, viele Jahre später kommt eine muntere Expedition nach Bumbasa, um dort vom Aussterben bedrohte Tiere zu fotografieren. Die Synchro schenkt uns Zeilen wie: "Morgen werden wir das Tongogebiet verlassen und in den Dschungel vorstoßen!" Für sich betrachtet sind solche Sätze nicht so komisch. Äußert man sie jedoch in neuem Zusammenhang - etwa im Wartezimmer des Proktologen -, dann gewinnen die Worte eine schillernde Qualität und man wird bestimmt gerne vorgelassen.

Wer expediert da mit? Chef des Rudels ist mein Freund Jack Taylor, der den Pulli vom GEISTERSCHIFF, scheint's, überlebt hat. Sein direkter Untergebener ist Simon Andreu. Maria Kosti spielt eine reiche Göre, deren Vater den Trip finanziert und die deswegen allen Beteiligten auf die Nerven gehen darf. (Obwohl die in einem Golfclub wesentlich besser aufgehoben wäre als in...Bumbasa!) Simons eifersüchtige Freundin wird gespielt von der Kubanerin Kali Hansa (alias Marisol Hern ndez), die in ca. 10 Franco-Filmen mit von der Partie war, das letzte Mal im hardcorigen MÄDCHEN IM NACHTEXPRESS. Und schließlich ist da noch die rattenscharfe Loretta Tovar, die dem Orden der "Teufelsleoparden" als erstes zum Opfer fällt.

Zuerst mal baut man allerdings ein Zelt auf. Die Schwarzen, die sich das aus dem Busch mit ansehen, finden das augenscheinlich beeindruckend; für westliche Zuschauer ist das Spektakel möglicherweise nicht ganz so fesselnd. Kaum hat man diese Hürde mit Anmut genommen, stiefelt ein Mischling herbei und sagt: "Ich bin Timunga - ich handele mit Pelzen!" (Man sollte anmerken, daß der Regisseur unbewußten Rassismen nicht aus dem Wege geht und die Synchro diesem Eindruck nicht entgegensteuert.) Timunga gibt unverlangt die Legende der Hexen zum Besten. Auch hier ist der Vollmond verantwortlich für ausschweifende Festivitäten mit Opfercharakter. Da Loretta (alias Maria Dolores del Loreto Tovar) keine Angst hat vor "Geheimnissen abseits jeder normalen Logik", pirscht sie sich zur Zeremonie und wird von den Uga-Uga-Negern auch gleich zum Stargast gekürt. Bemerkenswert hierbei, daß die Hexen unter Haufen von Ziegeln begraben sind, die gerne nebelumkränzt den Eindruck von dampfenden Misthaufen machen. Auch nach ihrem Ableben wird uns noch eine denkbar unmotivierte Rückblende geschenkt, in der sie nackt ein Fußbad genießt. Amando weiß, was seinen Zuschauern Freude macht! Dann werden in loser Folge verschiedene Leute vampirisiert. Jack wird erst in einem Bottich mit Fotoentwickler ersäuft, dann mit einem Zelt beworfen und angezündet - dumm gelaufen! Der obligatorische Vergewaltigungsversuch (diesmal durch Timunga) hat seinen Platz im straffen Gefüge der Handlung. Der Schluß ist ein wenig lau.

Lob sei der Firma "Zentaur Video" für diese schöne deutsche Fassung. Eigentlich ist die Fassung gar nicht schön (doofe Synchro und dunkler Transfer hemmen die Erektionswirkung), aber besser so als gar nicht. Der Film gehört zu Ossorios besseren Übungen und hat mit dem Voodooplot auch eine milde Neuerung parat im Vergleich zu den sonstigen Europa-Gruslern der Zeit. Die Maderln sind schick anzusehen. Produktionsfirma Profilmes (die übrigens nach der Ko-Produktions-Flop des Joseph-Losey-Losers STRASSEN NACH SÜDEN das Zeitliche segnete) erstellte gerne mildere und deftigere Fassungen ihrer Horrorfilme. Dies hier ist eindeutig die derbe und läßt für das sogenannte "einschlägige Zielpublikum" (=uns alle) kaum Wünsche offen. Jacko ist im übrigen deutlich besser getroffen als in EL BUQUE MALDITO. Der Art Director bekommt im Vorspann den Credit "Sets and environment by..." Fahrt nach Bumbasa, da ist Action rund um die Uhr!

Ein echtes Leckerli ist LA ENDEMONIADA (DER EXORZIST UND DIE KINDHEXE, 1974) - zumindest in der deutschen Fassung. Man ahnt bereits, welcher Film hier mit Feingefühl und Takt abgeklatscht wird. Statt Schwarzen haben den entsprechenden Peter in diesem Film Zigeuner. Und Regisseur Ossorio macht sich nicht die Mühe, zwischen Sinti oder Roma zu unterscheiden, das ist mal sicher. Angehörige dieses Volkes sollen für eine Kindesentführung verantwortlich sein. Big surprise - sie sind's sogar! (Hui Buh...) Ein böser Dämon namens Askatua gibt sich alle erdenkliche Mühe, in die bedrückend häßliche Tochter eines Politikers zu fahren, die andauernd mit ihrem blöden Teddy labert, der aussieht, aus wäre er dem von der "Bärenmarke" aus dem Beutel gefallen. Ihr Vater meint zum Helden Pater Juan: "Heutzutage pumpen sich die jungen Leute voll mit Sex + Drogen auf der Flucht vor der Wirklichkeit!" Naja, stimmt schon irgendwie. Pater Juan ("Wir sind von teuflischer Gegenwart umgeben!") wird gespielt von Lone Fleming, der Knackwurst aus TERROR CIEGO. Sofort setzt es eine Zigeunerrazzia, unter sachkundiger Leitung von Kommissar Fernando Sancho. Mit der gefangenen Zigeuneroma (Supermakeup: lange Hippiehaare, Gummiglatze und Warze) springen die Bullen wenig zimperlich um. Als die Mutter des entführten Kindes die Alte anfleht, ihren Sohn zu retten, meint diese nur barsch: "Halt's Maul, du dumme Hure!" Den Sohn könne man nicht retten: "Er wird dem großen Schöpfer geopfert!" Na, besser als dem kleinen. Dann gröhlt sie "Askatua!" und hüpft aus dem Fenster.

Der nächste Kracher kommt, als Zigeunerin Kali Hansa der kleinen Susan als Ersatz für ihren doofen Teddy eine kleine Gruselmumie fürs Handschuhfach als Spielkameraden gibt: "Sie möchte deine Freundin sein!" Ja, genau. Susan beginnt daraufhin, rotzig und aufsässig zu werden, Unaussprechliches absondernd: "Du bist schrecklich und blöd! Ihr habt's getrieben wie Straßenköter!" Ganz klar, die Kleine muß ins Lattenheim zum Bodensee! Besonderes Vergnügen bereitet die Sprecherin des Kindes - nicht sehr professionell, die Gute.

Wie der Film endet, verrate ich allerdings noch nicht, denn etwas Spannung muß ja noch für Teil 2 übrigbleiben. In jenem werde ich über all die unbekannteren, aber darum nicht weniger verdienstvollen Filme aus Iberien referieren, z.B. DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN. So, und jetzt mache ich mir erstmal eine leckere Paella - bis dann!

Christian Keßler

(Erstmals veröffentlicht in der "Splatting Image" Nr. 34 im Juni 1998.)

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