FÜR EINE HANDVOLL WURST

Für meine Reise in das geheimnisumwitterte Land Hagen hatte ich mich gewappnet: Mehrere Klappmesser, eine Falt-Pumpgun und zwei Freunde, die stärker waren als ich. Motiviert bis in die Haarspitzen erschienen wir im "Louvre", einer sehr angenehmen Kneipe in Hagen-Wehringhausen, die bereits gesäumt war von Trauben abenteuerlich aussehender Mitmenschen. Es waren bemerkenswert viele Frauen da, und die meisten sahen ziemlich gut aus. Ach, es muß schön sein, wenn man Rockmusiker ist! Insgesamt war das Publikum ausgesprochen gemischt: Da waren traditionelle Punks, einige recht gotisch aufgebrezelte Mittzwanzigerinnen, auch Menschen ohne Haare mit grimmigen Mienen. Glücklicherweise wurde auch in dieser Kneipe Gerstensaft ausgeschenkt, und so war bereits ein angenehmer Mangel an Aggression spürbar. Wo sollte das hinführen?

Zuerst einmal führte es direkt zum Sittenstrolch, der wohl die peinlichen Fotos gesehen haben muß, die ich zwecks Selbstkasteiung auf der Website ausgestellt habe, denn er erkannte mich sofort. Ich bekam keine Prügel für meine teilweise sehr unzutreffenden Worte, sondern eine freundliche Hand. Der Sittenstrolch ist ein sehr freundlicher Mensch, der ein bißchen wie Gibby Haynes von den Surfers aussieht, nur besser. Mit dem wollte ich mich gerne noch später unterhalten. Zuerst wurde ich aber vom Marketing-Stand der Sons magisch angezogen und kaufte blindlings alle drei CDs, die dort auslagen. (Jetzt, da ich dies schreibe, bumpern sie im Hintergrund und schaffen Seligkeit im Herzen!) Reich mit Schätzen beladen ging ich zurück zu Ralf und Kai, die an Bieren nippten und reichlich platt waren. Sie hatten nämlich - genau wie ich - zu wenig Schlaf bekommen. Kai war auf irgendeinem mystischen Festival gewesen, das bei der sauerländischen Version von Stonehenge stattfand - LUCIFER RISING gesehen? Genau da. Er erzählte schöne Geschichten, u.a., daß er des Morgens von einer merkwürdigen Bewegung im Rücken geweckt wurde. Wie sich herausstellte, war das ein Maulwurf, der sich just unter seinem Zelt den Weg in die Freiheit bahnte! Das war der originale El Topo, wenn Ihr mich fragt...

Dann erschien der Eber. Ich muß gestehen, daß ich selten einen so liebenswerten Eber getroffen habe! Als die Sons noch The Lemming Project hießen, war er schon mit von der finsteren Partie, doch die wilden Händel der Tarantelsöhne hatten ihn verschlissen, und nun ist er nur noch passiver Beteiligter, zeichnet z.B. die schönen CD-Cover... Als Geschenk brachte er mir ein T-Shirt mit, auf dem eine vollkommen brillante Zeichnung mit den Aktivitäten des Onkels, des Kaspers und der anderen Haudraufs prangte: "Willkommen im Tula-Land!" Boaaahhh... Eber, ich liebe Dich!

Dann war aber schon die Vorband am Machen: Eine Combo mit dem beziehungsreichen Namen Flatus! Nach einer sehr hübschen Eingangszeremonie begann der Metal zu walten. Der Sänger steckte zu Anfang noch in einer Art Priesterkluft, die aber schon bald gelüftet wurde, um den ungezügelten Wildkeiler freizulegen! Es krachte gewaltig, und ein beeindruckend langer Set drosch auf die Zuschauer ein. Zwischendurch verabschiedete ich mich für eine Minute, um mir am Stand schnell auch noch die Flatus-CD zuzulegen! Zwischen wummerndem Speed Metal gab es auch schönen Punk, darunter eine gelungene Coverversion von "Denim Demon", einem der besten Songs der anbetungswürdigen norwegischen Band Turbonegro. (Haben sich gerade wiederformiert - jau!) Während ich bei vielen Support Acts häufig die Flucht ergreife und mein Heil im Bier suche, war ich hier von A bis Z anwesend und verpaßte so auch nicht das tolle Finale, "Flieg´ mit Flatus", wo der Sänger von einem Schotten mit langen roten Haaren im Verlaufe der Nummer in eine Mischung aus Bibo und Liberace verwandelt wurde! Dazwischen wurde mit Bier sattsam herumgeferkelt, aber wir wußten schon, warum wir uns feige im Hintergrund gehalten hatten... Es gab verschiedene Groteskerien mit zweckentfremdeten Schaufensterpuppen (eine wurde gepfählt!) und wunderbare Ansagen, die auch bei Kai und Ralf auf Gegenliebe stießen. Flatus waren richtig gut!

Dann kam eine Pause, wo man das eben Gesehene und Gehörte mit dem eigenen Wertgefüge in Einklang bringen konnte. Mir kniff mittlerweile der Sack, da ich mich nachts verlegen hatte, und auch der Besuch beim Radiologen am Vortag, wo ich meine Hoden in eine Art Gummi-Venusfliegenfalle sperren mußte, damit ich wider Erwarten von den Röntgenstrahlen doch nicht unfruchtbar werden würde, forderte seinen Tribut. War echt super, sich vor zwei gutaussehenden Arzthelferinnen auszuziehen und den Sack in Gummi zu zwängen! Ich erwähnte spaßeshalber, daß ein Freund von mir auf S+M steht und solche Sachen auch privat schätze - ob ich den Gonadenschutz (wie das hieß) nicht mitnehmen könne? Leider verstanden die beiden diese Art von Spaß nicht, und ich lief rot an, auch im Gesicht. Das gehört nicht hierher, aber ich empfehle den Besuch beim Radiologen! Verlangt nach dem Gonadenschutz - zahlt die Kasse!

Da wir uns sehr angeregt mit dem Eber unterhielten, verpaßten wir fast den Anfang der Sons-Darbietung. Der Hinterraum des "Louvre" war bereits vollgestopft mit Punks und Dotterklaubern, und mit gebremstem Schaum bahnte ich mir den Weg in die gesunde Mitte des Austragungsortes. Da standen sie - live, in Farbe und mördergeil! Also, wer war da? In der Mitte stand der Sittenstrolch, fett bemalt, mit abstehenden Obelix-Zöpfen, einem wolligen Vollbart vorm Gesicht und nackt vom Nabel an abwärts! Um seinen Hals baumelte ein Hundehaufen aus Plastik (hoffe ich zumindest!), und als Schambehaarung diente eine Art Nikolausbart... Wer der blondperückte Partner zur Linken war, weiß ich leider nicht, aber er war im weiteren Verlauf für Gesang und generelle Ausschweifungen verantwortlich. Wie beim Sittenstrolch, wippte auch sein Dödel im Wind. Auf der linken Seite stand ein Herr mit einer Rinderschädelmaske, der in Abwesenheit des Scheißers den Baß zupfte. Im Hintergrund promenierte am Schlagzeug der ehrenwerte Würger, der nun definitiv niemand ist, dem ich auf die Zehen steigen würde - der Mann versteht garantiert keinen Spaß und reagiert über, jede Wette! Ganz rechts lauerte der Kasper, der ein verschlagener Geselle ist und ein überaus grimmiger Kasper! Er will ja Papst werden, aber das wollen die anderen auch, und die Bitterkeit über diesen Umstand treibt ihn zu üblen Taten, nicht nur an der Gitarre!

Der Set begann mit den ersten Titeln von der "Hits mit Witz", bald angereichert durch Songs von den anderen Tonträgern. Was sich auf der Bühne abspielte, konnte ich nur zum Teil mitbekommen, denn Haare versperrten immer wieder meinen Weg, und es war seeehr voll! Es gab angedeutete Fellatio-Pantomimen (waren die angedeutet? ich weiß ja nun nicht...), die mich sehr an den großartigen Flier mit Traci Lords erinnerten, den ich irgendwann einmal ins Netz stellen werde, wenn die Jugendschutzgesetze gelockert worden sind. Kai schwört, eine Flüssigkeit aus Sittenstrolchs Gemächt hervortreten gesehen zu haben, aber die Diskussionen über die genaue Beschaffenheit dauern noch an... Spätestens bei "Die Sons ham eine Fete" rückte ich deutlich zurück, denn die härteren Bestandteile des Publikums pogten wild, und ich erinnerte mich des bedauerlichen Zwischenfalls während des Iggy-Pop-Konzerts, der mich fast einen Zahn kostete. Der Rest des Auftritts fand statt in einer beispiellosen Wolke menschlicher Körperausdünstungen, die die Sonne verdunkelten.

Danach war Party angesagt, und ich harrte da noch ein wenig aus. Neben dem Eber stieß auch der Sittenstrolch hinzu, und es wurde noch etwas gequackelt. Auch der Kasper in Zivil war mal da, aber ich kam nicht dazu, ihm meine Hochachtung zu zollen. (Ist ja mein geheimer Held!) Relativ bald düsten die Musiker ab, und es war gerade, als auch wir drei das Etablissement verließen, als der PKW der Sons abdüste. Eine anonyme Hand lugte aus dem Fenster, eine Faustfeuerwaffe zwischen den Fingern, und mehrere dröhnende Schüsse verließen den Lauf... Kai lachte sich schlapp, Ralf sah etwas schockiert drein, und ich dachte nur an meinen Kadett - ob der wohl noch da stand, wo ich ihn gelassen hatte?

Er stand, und wir fuhren dann noch nach Witten, zum sogenannten Giallo-Turm, der nachts in der Tat so aussieht, als stamme er aus einem Argento-Film... Interessanterweise tobte da bei unserem mitternächtlichen Eintreffen eine Polonäse, vor der wir flohen. Durch den finsteren Tann ging die Wanderung, direkt an PKWs mit heftig rödelnden Pärchen vorbei! Da wir vorher bereits einigen sehr rechts aussehenden Mitbürgern mit mindestens einem Kampfhund vorbeigekommen waren, bekam ich mächtig Bammel, denn Ralfs Haarschopf riecht doch deutlich nach Punk, und ich wollte nicht wirklich, daß sich die Beißer eines Pitbulls um meine just noch vom Gonadenschutz verschonten Körperteile schlössen... Wir schafften es aber mühelos zum Turm, und quatschten und rauchten da noch manch albernen Kram. Es wurde über die Sons philosophiert, über ihre lebensanschauliche Grunddisposition dem Guten und Schönen gegenüber, und natürlich über den Geschlechtsverkehr mit landwirtschaftlichem Nutzvieh. Wir faßten auch den Entschluß, daß es die LP "Kuschelrock 88" ist, was der Welt noch gefehlt hat. Wir fanden sowohl Friedman als auch Möllemann scheiße, sprachen von Beschneidung aus Langeweile, und davon, daß es eine ebenso praktikable wie sinnvolle Idee sei, sich zum nächsten Sons-Konzert einen entsprechenden Schriftzug in die Beine hineinzurasieren. Obwohl uns schon auf dem Hinweg einige stark nach Wiking-Jugend aussehende Saftnasen aufgefallen waren, die an Lagerfeuern fette Würste buken und Flaschen zertöpperten, kamen wir unbehelligt zurück zu den Autos.

Das war ein gelungener Abend!

Wer sich an den Sons-Jeremiaden verlustieren möchte, der wende sich bitte an den Sittenstrolch. Die Werke werden aber nur an Mitwürger über 18 vergeben - wer unter 18 ist, wird sofort dem Onkel überantwortet! Die Reste kriegen die Geier. (Nachtrag: Mittlerweile gibt es da auch die neue 18-Minuten-CD zu erstehen, und zwar für einen sensationell niedrigen Preis...)

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