DIE WURST IM HERZEN

Was habt Ihr am 27. Mai 2006 gemacht? Ich bin mit meiner Süßen und einer gemeinsamen Freundin zu einer Geburtstagsfeier gegangen. Genaugenommen handelte es sich um einen Doppelgeburtstag, da sowohl der Sittenstrolch wie der Rinderschädel von den Sons of Tarantula zur Feier luden. Als ich noch ein Kind war, feierte man Geburtstage, indem man Negerküsse schleckerte, Smartietorten vertilgte und sich in Klopapier einwickelte. Jedenfalls deuten dies die Bilder aus meinem privaten Fotoalbum an. Der fröhlichen Späße und Schabernacks war nie genug. Wenn ich auf fremden Feiern eingeladen war, habe ich mich meistens mit den Eltern unterhalten, da ich ja ein sehr intelligentes Kind gewesen bin. Man kann das gar nicht häufig genug betonen. Es gab auch Feiern, bei denen ich gar nicht eingeladen war, was mich sehr grämte, denn ich wollte ja gemocht werden. Die Kissen troffen vor untröstlichem Naß. Wenn ich mir die Bilder meiner alten Geburtstagsfeiern ansehe, so bin ich doch bestürzt, wenn ich bemerke, wie viele von den damals munteren Rangen, die sich in Klopapier einwickelten, jetzt zu ausgewachsenen Vollpfosten gereift sind. Ein paar davon sind recht wohlgeraten; kein Elend ist ja vollkommen. Zu einer veritablen Geburtstagsfete eingeladen zu werden, stimmte mich also froh und tätschelte den 37 Jahre alten Bauch des Kindes, das da in mir wohnt. Wie sieht nun der Geburtstag des Sängers und des Bassisten einer Rockgruppe aus, die das fürchterliche Thema des Kindesmißbrauchs in einem Lied wie "Lecker Prengel" besingen? Man durfte gespannt sein...

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Als Austragungsort der Geselligkeiten hatte man sich einen Rockerclub ausgesucht, der an den idyllischen Randbezirken von Hagen gelegen war. Wenn man Hagen verläßt, muß einem eigentlich alles idyllisch erscheinen, aber in diesem Falle war das sogar ganz wörtlich zu nehmen: Das Etablissement befand sich inmitten von dichten Wäldern, die die für Hagen charakteristische Hügelbildung schamgleich bedeckten. Wer immer ins Sauerland vorstoßen möchte, sollte in dieser Landschaft anfangen, denn ich fühlte mich wie Agent Dale Cooper in TWIN PEAKS, wenn er den Zauber der Douglastanne beschwört - Grün, wohin das Auge blickt. Leider wird dies vermutlich mein letzter Besuch dieses trefflichen Freudenspendeortes gewesen sein, denn der Club ist wohl privat und nur durch sehr persönliche Verbandelungen zugänglich gewesen. Den Rockern meine Hochachtung - der Wüste aus EASY RIDER ziehe ich diese wundervolle Landschaft jederzeit vor. Die Biker sind von der Sonne geküßt. Zu beneiden. Angeblich soll der Club auch keine fiese Rockergang sein, sondern freundlich. Ich weiß das ja von Bekannten im Thekengewerbe, daß die Metaller zu den angenehmeren Kunden gehören, während die wahren Flegel in den Reihen der Biedermänner und -frauen zu suchen sind, die wochenends die Sau rauslassen. Rocker sind meistens eher nette Bären, die nicht gerne angemacht werden, aber von sich aus auch selten andere anpöbeln. Dummspacken, die sich fern des Jobs die Kappe dichtgießen, neigen wesentlich eher zu aufdringlicher Dreistigkeit. Mögen die Bären den Dummspacken begegnen und die Bären obsiegen!

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Das musikalische Programm der Festivität wurde von insgesamt sechs Bands gestellt. Daß die Sons als letzte spielen würden, war irgendwie klar, und ich habe umständehalber auch nicht alle Bands mitbekommen. Man weiß ja, wie das ist: Man trudelt ein, quatscht sich fest, redet über Irrwege der Urologie, schleckert verbrecherisch leckere Würstchen und vergißt dann, worauf es wirklich ankommt. Die erste Band, die ich wirklich mitbekommen habe, waren die EmetiX, die wohl zum ersten Male live gespielt haben. Da sie den Sänger von Flatus hatten und ein nicht genanntes Mitglied der Sons ebenfalls mitspielte, war es keine Überraschung, daß sie mir prima gefielen. Ich bin kein großer Fan des Vorgruppen-Prinzips, da ich schon zuviele zutiefst demütigende Erlebnisse gehabt habe, die entweder Vorgruppe oder Hauptband unbillig schmälerten. Die EmetiX machten ihre Sache gut, unprätentiös und rockten wie Sau. Halt so die Art von Band, wo man sich hinstellt, nichts Großes erwartet und dann fröhlich mitpogt. Ich ging dann irgendwann pinkeln, schloß intensive Freundschaft mit einem Straßenbegrenzungspöller, und als ich zurückkam, spielte bereits eine Combo namens Querverkehr, die sehr erdhaften Punkrock "der alten Schule", wie das wohl heißt, zum Besten gab - das allerdings sehr schmissig, schnörkellos (ganz fieses Wort!) und ebenfalls zum Gliederverrenken animierend. Es wird Zeit für die ersten paar Meter auf der Bilderstrecke.

Emetics

EmetiX

Querverkehr

Querverkehr

Flatus

Flatus

Oh ja, Flatus. Die sind mir bereits auf dem Sons-Gig im mittlerweile wohl hingeschiedenen Hagener "Louvre" aufgefallen. Hervorragender Sänger, knallige Musiker, und ein Schlagzeuger, der - wie ich feststellen durfte - des öfteren in unserem Filmclub gastiert! Und sie hatten meinen persönlichen Lieblingssong von Turbonegro intoniert, "Denim Demon", was sie auch an diesem Geburtstagsabend taten. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Mitfahrenden bereits gut angetütert, während ich das Kreuz des Fahrers zu tragen hatte und mich in re Bier zurückhielt, was mich nicht übel verdroß. Ich sah die Farben um mich herum tanzen, nahm die Verhaltensweisen der Umstehenden wahr, war aber trotzdem irgendwie "draußen". Der eine oder andere mag das nachvollziehen können. Auf der Tanzfläche kam es derweil zu Ausschreitungen, die das Maß des Stattbaren überschritten. Man muß hierzu sagen: Pogen will gelernt sein. Es gibt die alte, ja sogar altehrwürdige Art des Pogens, bei der man wild umherschießt, ohne irgendjemanden zu gefährden. Meine Süße kannte sich aus, wie ich zum ersten Mal feststellen durfte. Sie rackerte wild umher, während um sie herum Begabte sowohl als auch Bewegungslegastheniker ihre Sprünge übten. Zu Anfang hatte ich ziemlich Bammel, aber später war mir doch klar, daß sie wußte, wo Bartel pogomäßig den Most holt. Ein anderer Mittänzer - in meinem Alter, sturzbetrunken und aggressiv - wußte das nicht und donnerte irgendwann unbeholfen auf die Tanzfläche, den Boden mit Blut vollsudelnd. Kurz darauf stand er schon wieder am Start, völlig tumb und wahrnehmungsunfähig, trotzdem hochgeschraubt und ehern wie ein Automat. Ein anderer Springinsfeld namens Kai donnerte wie ein Irrsinniger durch die Gegend, verschüttete so manches Bier, tat aber niemandem weh. Bei dem hatte ich bald gelernt, daß es reicht, den Unterarm vorzubiegen und ihn abfedern zu lassen - da droht keine Gefahr. Erneut: Pogen will gelernt sein.

Flatus

Kongreß der Flatologen

Tollwut

Als die Sons schließlich auftraten, hatten Cora und unsere Begleiter bereits diverse Würstchen durch und die Geheimnisse der Urologie (Medizinstudentin an Bord!) ausgelotet. Ich bekam beim Fotografieren erneut mit, daß ich kein guter Fotograf bin. Wäre ich ein guter Fotograf, wüßte ich jede Situation auf ihren optimalen Fotowert abzuschröpfen. Wenn eine Situation schön ist, möchte der Fotograf sie gerne festhalten, auf daß die Umwelt an der Illusion von Ewigkeit teilhaben mag. Tatsächlich macht man die Schönheit einer Situation damit meistens kaputt, und ich bin zu schüchtern oder zu weichkeksig, das zu tun. Ich habe das einige wenige Male gemacht und es immer bereut. Die wirklich in meiner Erinnerung bebenden Momente sind niemals festgehalten worden (zumindest nicht von mir). Vom Auftritt der Sons kenne ich nur noch die glänzenden Augen meiner Freundin, das zufriedene Gesicht ihrer Begleiterin, die fröhliche und gänzlich unaggressive Menge, den Jens, wie er den Verstärker von Papst Kasper umgepuckert hat, weil Kai ihn angepogt hat, und ein gänzlich unentschuldbares Zuviel an Alkoholmißbrauch, daß ich denn auch ganz entschieden geißeln möchte. Ich habe verschiedene Farne widrig benäßt, und ich habe noch nicht einmal viel getrunken. Andere Leute mögen gut gebechert haben. Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Ein weiteres Mal ist mir jedoch bewußt beworden, daß der wahre Adel in der Seele wohnt.

Geburtstagskinder

Wer bläst die Kerzen aus?

Nochmal

Lecker Tarantelwurst

Papst Kasper I.

"Ich bin der Bin Laden der Urologie!"

Drummer´s Delight

Stumme Sehnsucht

Moment der inneren Einkehr

Kinder

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