SNUFF ROAD

In Berlin kann man was erleben! Möchtet Ihr tolle Menschen kennenlernen aus aller Welt? Steht Euch der Sinn nach Abenteuern? Dann kommt in die Hauptstadt und seht, was die westliche Zivilisation zu bieten hat.

Als ich selbst vor ein paar Jahren in Berlin weilte, baute ich einen Auffahrunfall. Ein kurzer Blackout, einen Mercedes leicht touchiert, während ich den Falkplan auf meinen Knien schaukelte - sofort war die Maläse da. Ein dicker Architekt sprang aus dem Wagen und schrie mich völlig enthemmt zusammen, dabei verschiedene durchaus juristisch relevante Beleidigungen ausspeihend. Als er mich einige Tage später anrief, wollte er wissen, ob ich den Schaden privat oder per Versicherung abzuklären gedenke. Er wollte das wissen, bevor er den Wagen in die Werkstatt brachte. Das war wohl recht deutlich. Ich dachte mir, wenn ich dem jetzt sage, daß ich den Schaden selber bezahle - der mit freiem Auge nicht zu erkennen war -, stellt der mir auch den Ersatzreifen im Kofferraum in Rechnung. Hätte ich einen Studenten erwischt, wäre der vermutlich viel cooler gewesen. Aber nein - es mußte ein wohlhabender Architekt sein, der es gewohnt ist, Leute herumzukommandieren, anzuherrschen und zu bescheißen.

Man kann in Berlin aber noch viel unerfreulichere Leute kennenlernen.

Man kann in Berlin SEHR viel unerfreulichere Leute kennenlernen...

Snuff Road 1

Tim und Markus düsen mit ihrem Kameramann Daniel durch die Weltstadt. Sie wollen dort einen Film drehen, der im besten Cinema-Verité-Stil Eindrücke verarbeitet und das pralle Leben einfängt. Dabei haben sie nicht wirklich einen Plan, von was der Film handeln soll. Nur eins ist klar: Es soll was mit Horror und Mord zu tun haben. Im Handschuhfach des Autos befindet sich eine weiße Maske und ein riesiges Messer. Damit läßt sich schon einiges anfangen.

Dumm nur, daß die ersten Miezis, die sie ansprechen, mit dem Filmprojekt nichts zu tun haben wollen. Stets wird - nicht ganz zu Unrecht - gemutmaßt, daß die losen Lümmel nur ein paar heiße Weiber aufreißen wollen, um ihre Spätpubertät zu versüßen. Sie stellen sich dabei wenig geschickt an und gehen auch ihrer Barschaft verlustig. Erst, als sie auf die fesche Laura stoßen, scheint der Fall positiver zu verlaufen. Die junge Hübsche ist wesentlich zugänglicher als die Zeitgenossen, die sie vorher angeschnackt haben. Doch irgendwann wird auch ihr die Ziellosigkeit des Projektes und die Eigenheiten der Drei-Mann-Crew zu unheimlich: Sie will aussteigen. Zu diesem Zeitpunkt ist der kollektive Frust der Jungfilmer aber bereits auf dem Siedepunkt angelangt - sie wollen ihren Film machen, egal, wie. Und was als relativ unschuldige Übung in Cineastentum begann, wird auf einmal blutiger Ernst...

Als ich den komplett auf Digital-Video gedrehten SNUFF ROAD in die Finger bekam, dachte ich nur: "Auhauerha, wieder so ein doofer Splatterquatsch von Amateuren, die ihren Kick daraus bekommen, wenn sie einige Köpfe und Gliedmaßen abrasieren, ohne daß ihre Freunde darüber in schallendes Gelächter ausbrechen!" Nach Betrachten des Filmes war ich schlauer und um ein Erhebliches leiser. Denn SNUFF ROAD ist in der Tat ausgesprochen ernsthaft gemacht und gibt sich einige Mühe. Über filmisches Handwerk zu reden, ist dabei fehl am Platz, denn die teilweise sehr ruppig zusammenmontierten Videoszenen wirken wie das Tagebuch einiger kompletten Vollirren. Und damit wir uns recht verstehen: Das sind keine netten Debilos, sondern Bestien in Menschengestalt!

Regisseur Richard Stark (der nicht identisch ist mit dem literarischen "Alter Ego" von Donald E. Westlake!) schickte mir den Film mit der Ankündigung, daß ihn Roger Watkins´ berüchtigter Schocker LAST HOUSE ON DEAD END STREET inspiriert habe. Andere Inspirationsquellen sind sicherlich Wes Cravens grausiges Debüt LAST HOUSE ON THE LEFT, der semi-professionelle MAN BITES DOG und der stilistisch sehr kunstvolle FUNNY GAMES. Doch während bei allen Filmen außer DEAD END STREET eine gewisse Möglichkeit besteht, sich aufgrund der offenkundigen Bezüge auf Filmkonventionen vom Geschehen zu distanzieren, hält SNUFF ROAD voll drauf. Und er begeht nicht den Fehler, sofort auf Tempo zu machen. Die ersten 40 Minuten oder so dackeln die perversen Cineasten quer durch Berlin und versuchen ihr Glück bei der Stadtbevölkerung, wobei lobend zu vermerken ist, daß man teilweise wirklich ins Schlingern gerät: Sind das womöglich wirklich Dokumentaraufnahmen einiger unprofessioneller Möchtegerns, die mal "einen drauf machen wollen"? Die darstellerischen Leistungen sind für einen semi-professionellen Film wie diesen wirklich sehr gelungen: Nicolai Tegeler gibt einen schüchternen Nettie mit nervösem Zwinkern; Henning Fischer einen sehr viel aggressiveren Gegenpart; und Richard hängt unsichtbar hinter der Kamera und meldet sich nur dann und wann mit Off-Kommentaren. Als finales Opfer kommt später noch Karin Schilling hinzu, die ebenfalls ziemlich überzeugend ist.

Ich fühlte mich beim Betrachten etwas an den japanischen KICHIKU erinnert, der nach einem ruhigen Beginn, der die Charaktere und ihre sexuellen wie sonstigen Macken bloßlegt, den Zuschauer in ein Splatter-Gewitter hineinstürzt, das zwar Fans dieser Filmgattung behagt haben mag, mir aber den Film verdarb. Hatte man zuvor einigen Kontakt zu den (nicht sonderlich sympathischen) Figuren geknüpft, reduzierte sich die emotionale Beteiligung nach Losbrechen der Festivitäten nur noch auf eine vorzeigerische Spezialeffekte-Schau, die dazu führte, daß man eher von der Methode des Films angewidert war als von seiner Handlung.

SNUFF ROAD hingegen verzichtet auf solch zirzensische Einsprengsel. Das mag manchen verdrießen, der auf solcherlei Amüsement gehofft hatte. Gleichzeitig sichert es dem Film aber auch eine singulär unangenehme Wirkung, da es nun kaum eine Möglichkeit gibt, sich von den durchweg unerfreulichen Vorgängen zu distanzieren. Man sitzt mitten in den Freizeitaktivitäten einer Gruppe hochgradiger Neurotiker, die sich des Feuers, mit dem sie spielt, gar nicht bewußt wird. Teilweise kann man den Vorgängen kaum noch zusehen, so intensiv ist das Ganze. Den Akteuren muß einiges abverlangt worden sein. Gleichzeitig sollte allerdings dieses fast schon erwartungswidrige Verhalten der Macher dem möglichen Vorwurf der Gewaltverherrlichung vorbeugen, denn hier wird nicht ein sadistisches Spektakel als Kasperei dargeboten, sondern als frösteln machender blutiger Ernst. War man bis zu einem gewissen Grad sogar willens, den "Filmemachern" des Filmes bei ihren Eskapaden zu folgen, so wird der eigene Voyeurismus sehr bald zu einem schuldbewußten: "Äh, Leute, bis hierher und nicht weiter!" Der Film ist richtig unangenehm. Daß der Regisseur hier durchaus bewußt mit der Realität spielt, beweist sein fast völliger Verzicht auf gestalterische Mätzchen. Statt einer ausgeklügelten Inszenierung setzt er auf die Improvisationsgabe seiner Besetzung, auf irritierende Schnittmontage, dezente Autoradioeinsprengsel (z.B. Nachrichtenkatastrophen) und Originalschauplätze, die Berlin nicht nur von seiner schillerndsten Seite zeigen. Die verwendete Technik liegt irgendwo zwischen Gonzo-Porno-Video ("Excuse Me") und Amateurfilm, die - bis auf wenige Momente - die Illusion eines ernst gedrehten Privatvideos aufrecht erhält. Und - glaubt mir! - es ist kein Privatvideo, in dem man gerne mitmachen würde...

Was für ein Glück, daß Stark als Dreingabe auf der DVD ein "Making Of" eingefügt hat, das die Darsteller beim fröhlichen (und teilweise sehr lustigen) Herumflachsen zeigt. Besonders hübsch sind die harmlosen Passanten, die während des blutigen Finales vorsichtig herüberrufen, ob alles in Ordnung sei. Eine besonders mutige Passantin zeigt sogar Zivilcourage und dringt bis zu den blutüberströmten Akteuren vor, um nach dem Rechten zu sehen...

Wer Lust hat und in der Nähe von Nürnberg wohnt, hat beim traditionellen "Weekend Of Fear" Gelegenheit, den Film zu kucken. Mal schauen, wie das Publikum dort mit der ihm aufgezwungenen Täterrolle umgeht. Meine Erwartungshaltung - "Splatterquatsch von Amateuren" - wurde auf jeden Fall aufs Angenehmste/Unangenehmste durchkreuzt. Dieser mit einer kleinen Panasonic NV DSEG 15 (vom Pressebuch als die "Tatwaffe" annociert!) gedrehte Film ist ein Urlaubsvideo, das den Rahmen des für gewöhnlich von "Jungmutationen" Gewohnten sprengt und die Augen öffnet für die unerfreuliche Schattenseite des Alltages. Wie es Max Renn in VIDEODROME so schön in bezug auf eine Videokassette ausdrückte: "It bites!"

Interessenten können sich näher informieren unter  www.shockmovies.de.tk.

Das "Weekend Of Fear" findet statt am 5./6. März in den Metropolis-Kinos. Näheres unter  www.weekend-of-fear.com.

 Snuff Road 2

Waldesruh...


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