VON MÄUSEN UND MUSCHIS

Einige Höhepunkte des italienischen Sleaze-Films

PROLOG

Italien ist ein Land mit Kultur.
Diese Feststellung trifft natürlich nicht nur in Bezug auf liebenswerte Filme den Nagel auf den Kopf; auch die an allen Ecken und Enden durchscheinende Lebensphilosophie macht die Südeuropäer sehr sympathisch. Nur wer einmal ein gutes Restaurant in einem von Roms weniger von Touristen durchseuchten Bezirken genossen hat, hat eine Vorstellung von wahrer Gastlichkeit. Hat man sich einmal mit dem eigenen Automobil nach Roma, Milano oder Napoli gewagt, weiß man, daß sich der italienische und der deutsche Fahrstil entschieden unterscheiden. Und die Geschäfte haben auch alle länger auf...
Auch auf dem Sektor des Filmschaffens haben die Sonnenfreunde einiges vorzuweisen: Regisseure wie Fellini, Petri, Rosi, Tornatore, Damiani, Pasolini, Bertolucci haben zumindest den einen oder anderen Gaumenschmaus hingelegt, der Einsiedlerherzen zum Schmelzen bringt wie ein Cornetto im Hochofen.
Aber was ist mit den Filmen, die von den Kritikern nicht so ausgiebig gelobt worden sind? Die traurig und unerkannt in einem kleinen, modrigen Winkel Cinecittàs vor sich hinschmachten und unglücklich sind, daß niemand sie mag? Ist das etwa eine Art, wie man Filme behandelt? Auch Filme haben Gefühle! Und jede silbrig glitzernde Tränenspur, die an einem sich vor Einsamkeit verzehrenden Film herabkullert, ist nur ein weiterer Beleg für die herzlose Dünkelei, die sich gerade in Kritikerkreisen breitgemacht hat. Es ist so einfach, Lobenswertes über einen Streifen zu verlieren, über den man kluge Zeilen verfassen kann. Aber das Gold im Herzen Quasimodos aufzuspüren, ist eine Leistung, zu der sich die meisten Meßners dieser Erde nicht berufen fühlen...
Was ist denn an ein paar nackten Brüsten hier und da so Verwerfliches? Stößt sich etwa jemand an selbstzweckhaften Autoverfolgungsjagden? Und Explosionen - schaden die vielleicht einem?
Wer sich etwa einen Polizeifilm anschaut und dabei Rilke erwartet, wird vermutlich enttäuscht werden. Aber...kann man derartigen Enttäuschungen nicht vorbeugen, indem man seine Erwartungshaltung etwas modifiziert? Aber ja doch!

Was genau ist nun ein "Sleaze-Film"? Die Meinungen variieren von Fan zu Fan. Das englische Wörterbuch klärt uns darüber auf, daß "sleazy" zum einen "schäbig" bedeutet, zum anderen aber auch der Begriff "sleaze" auf aufgemotzte Zeitungssensationen anwendbar ist. Beides trifft hier, denke ich, zu.
Filmischer Sleaze setzt immer da ein, wo der gute Geschmack aussetzt. Ob die dargestellten Deviationen nun gewalttätiger oder gar sexueller Natur sind - stets wird der Fan entzückt durch eine lustvolle Abweichung von genormten Sehgewohnheiten. Nicht jeder gewalttätige Schrott, nicht jeder Hinterhofporno ist Sleaze. Es bedarf der Überschreitung einer gewissen Grenze, die im wesentlichen von den Erwartungshaltungen des individuellen Zuschauers bestimmt wird. Auch hier gilt also der Lehrsatz mit dem Spatz und der Nachtigall...
In meinen bisherigen Blattschüssen auf gutbewaldete Genres sind mir viele dieser Extrembeispiele durch die Finger geschlüpft. Bei den Polizeifilmen gab es PROVINZ OHNE GESETZ, bei den Giallos SCHÖN, NACKT UND LIEBESTOLL; den Barbarenfilm THOR habe ich mir nur verkniffen, weil in der Bäddie-Ecke schon so ziemlich alles über dieses Epos gesagt worden ist.
Aber das war noch nicht mal die Spitze des Eisbergs...
Zur Konsumierung dieser Meisterwerke empfehle ich die Gesellschaft einiger dekadenter Gleichgesinnter. Junk Food, wie Salzletten, Pizzakräcker oder Zigeunerchips, sollte im Zusammenhang mit solchen Filmen zur ersten Bürgerpflicht erhoben werden. Auch milde bis derbe Spirituosen oder sonstiges bewußtseinserweiterndes Naschwerk ist hier nicht gänzlich fehl am Platz. Alles in allem gilt für Sleazer, Sleazegurken oder Sleazegranaten dasselbe wie für alle Sendungen mit Ulla Kock.
Viel Spaß bei den Filmen...

DAME MIT BART

Man soll alles langsam angehen lassen. Der erste Film ist kein lupenreiner Sleaze-Diamant, vermag jedoch durch seine rückhaltlose Spekulation mit nacktem Fleisch im Rahmen einschlägigen Horrorgebalges Entzücken zu erzeugen: LA LUPA MANNARA (WEREWOLF WOMAN) von 1976!
Der Regisseur dieses Werkes kann mit Fug und Recht als Dr. Sleaze bezeichnet werden; gleich der erste Film von Rino di Silvestro war ein Gnadenhammer des "Frauen hinter Gittern"-Gewerbes und heißt auf Video "Heroin im Frauenlager 2"! (Wer von den Lesern Lust hat, ist herzlich dazu aufgefordert, Teil 1 zu drehen...) In dem schönen Aufarbeitungsdrama DEPORTED WOMEN OF THE SS darf John Steiner eine Frau vergewaltigen, die sich inwendig mit einem Rasiermesser geschmückt hat. Rinos beiden letzten Werke sind unter Pseudo erschienen, ANGEL IN THE DARK (Axel Berger) und DIE ORGIEN DER CLEOPATRA (Cesar Todd)... (Von letzterem distanziert er sich nach wie vor, scheint´s also denn doch nicht zu sein - schluchz!)
Wer einen Horrorfilm klassischer Prägung erwartet, der wird gleich zu Anfang mit Stockhieben belohnt: Die dralle Annik Borel tanzt schlüpfrig im Mondenschein, vollgeklebt mit Haarbüscheln und innerhalb eines Kerzenkreises. Dies mißfällt den fackelschwingenden Dörflern, denn man sieht ihre Schamlippen. Ein Unglückswurm bekommt eine Axt in den Schädel, und hektoliterweise Kunstblut spritzt durch die Flur. (Spätestens hier sollten Apologeten des guten Geschmacks auf die Privaten umgeschaltet haben.)
Da erwacht Annik im Bett, schweißgetränkt - ein Traum aus den Alpen oder eine Erinnerung an gelebtes Übel? Ihr Vater ist außer sich vor Verzweiflung und konsultiert einen Facharzt. Dieser hat einen schlimmen Fall von Schnurrbart und hält einen unglaublichen Monolog.
Hier muß ich dazwischenschieben, daß die Synchronisation zu der Sorte gehört, die durch ihre unglaubliche Inkompetenz Vergnügen reinsten Wassers bereitet. Die Sprecher machen gelegentlich den Eindruck, als hätten sie ihr Handwerk als Ausrufer auf dem Fischmarkt erlernt. Wunderbar, haucht der Weise und ergeht sich in Frischluft.
Zu Besuch kommt Schwester Irene mit ihrem flotten Stecher Fabian, der dem Axtopfer aus Akt 1 ähnlich sieht wie sein Ei dem andern. Wie flott Fabian ist, wird sofort demonstriert: In einer Sexszene sehen wir erstmals die Schamspalte der lieblichen Dagmar Lassander im Mondlicht gleißen. Außerdem gibt es für Connoisseure eine dieser Einstellungen, mit der am Anfang von BASIC INSTINCT kokettiert wird: Rittlings, von hinten zwischen die Backen linsend. Während bei Miss Stones Rittmeister alles hinreichend abgedunkelt ist, erhascht man hier einen Blick aufs Gemächt des flotten Fabian.
Nach dieser anatomischen Drastik ergeht sich auch Fabian an der Frischluft, was er hätte bleiben lassen sollen, denn er wird von Annik abgedeckt. Die Reste passen in ein Katzenklo.
Ein neuer Höhepunkt wird erreicht, wenn die delirierende Annik im Hospital erwacht und die beiden Ärzte einen steinerweichenden Dialog zum besten geben, der einen eindrucksvollen Einblick gewährt in die Tiefen medizinischen Fachjargons.
Natürlich gelingt Annik die Flucht, natürlich wird gemetzelt, daß die Speckschwarten krachen.
Nicht die Erweiterung des Zuschauerbewußtseins ist das erklärte Ziel des Filmes, sondern die Bedienung der niedersten Triebe. Annik Borel habe ich trotz ihrer unglaublichen Figur nicht mehr wiedergesehen; es ist nicht so, daß sie eine gute Schauspielerin wäre. Auch Dagmar ist, wie schon gesagt, eingehend zu bewundern, obwohl sie als Schauspielerin wirklich mehr auf dem Kasten hat als hier. Howard Ross alias Renato Rossini taucht erst nach 67 Minuten auf, als Stuntman, der sich in die Wolfsbraut verballert.
Wer hat Angst vor dem Mösenwolf (tra-la-la-la-laaa...)?

AFFEN RASEN DURCH DEN WALD

Als frischgebackener Abirent bin ich mit Eltern und Schwester im Handgepäck in den Dschungel gefahren. Und wer einmal den Ruf der Wildnis verspürt hat, der wird ihn bekanntlich auch nicht mehr los: Wenn ein Film in der grünen Hölle spielt, dann ist er meiner innigen Liebe sicher! Ob er nun LOHN DER ANGST heißt oder...nun ja...DSCHUNGELINFERNO...
Letzterer Film ist hierzulande von einer Winzfirma namens "Trend Video" herausgebracht worden. Zu behaupten, daß DSCHUNGELINFERNO voll im Trend läge, wäre nun etwas wagemutig. Aber er qualifiziert sich voll für diesen Artikel. Auch wenn die erste Viertelstunde mehr verheißt, als der Film letztlich liefert...Aber stehengelassen zu werden ist besser als gar kein Sex!
Verantwortlich für diesen Coitus Interruptus auf Zelluloid ist einmal mehr Roberto Bianchi Montero, dessen vorletzter Film dies war (O-Titel SAVANA VIOLENZA CARNALE, 1979). (Wundert mich eigentlich, daß dies nicht sein LETZTER gewesen ist...)
Der Film beginnt mit zwei professionellen Tiermördern (den Helden!), die zum Aufwärmen erstmal eine Raubkatze erlegen wollen. Als sie den mit Schlangengift vollgepumpten Aldo Sambrell vorfinden, gibt es kein Halten: Mit einer Machete wird im kurzerhand der Arm abgehackt. Dies geschieht ihm ganz recht, denn in einer nahegelegenen Hütte findet sich eine gekettete Schöne, die von Sambrell und Spießgesellen entführt und mißbraucht worden ist! Niemand braucht Angst zu haben, daß es der Film bei Andeutungen beläßt: Saftige Rückblenden machen klar Schiff, zu der groovigen Discomucke eines Komponisten namens El Macho übrigens. Außerdem bekommt ein Charakter kochendes Wasser in die Fresse und eine Machete in die Wampe: nicht sein Tag!
Nachdem der Film das erste Drittel in diesem Tenor straff durchgezogen hat, kommt eine überraschende Wendung: Er verwandelt sich in eine FURY-Episode! Die gebeutelte Deern fällt nämlich in Liebe mit dem älteren und häßlicheren ihrer Retter, Don Carlos, der sie mit auf seine Ranch nimmt. Dort will er mit seiner Stute Stella ein Dressurreitturnier (!) gewinnen.
Nachdem zahllose Pferde verlegen auf der Stelle getrippelt haben, kommt aber Sambrell und macht alles wieder gut: Erst kommt eine satte Ladung schlechter Italowestern (inklusive Vergewaltigung), dann ein mörderisches Finale mit Piranhas und einem Machetenduell.
Der Film ist tatsächlich ziemlich schlecht (und ich rede hier von der eher schlechten Seite von "schlecht"!), aber er hat mich maßlos verblüfft durch seine rapiden Stimmungswechsel und seine bedenkenlose Hingabe an die Vermarktung von Sex und Gewalt, was seine Erwähnung hier rechtfertigt.
Monteros letzter Film heißt übersetzt "Die geheimen Nächte der Lukrezia Borgia". Klingt gut. Ich wäre aber bereits sehr zufrieden mit dem 1977 herausgekommenen "Die heißen Nächte des Caligula" - weiß vielleicht jemand, ob das Kleinod bei uns auf Video rauskam?
Sambrell ist übrigens ein unschätzbarer Veteran aus zahllosen Western, der auch schon inszeniert hat, unter dem Pseudonym A.S.Brell! Seine letzte Rolle, in der ich ihn gesehen habe, war der Frauenlagerwärter in Lucchettis CAGED HEAT; in Eloriettas beachtlich spannendem LA NOCHE DE LA IRA (bei uns BLOOD HUNT) spielt er einen masturbierenden Hausmeister. In SAVANA bereitet er sich bereits auf diese enormen Herausforderungen vor.
Natürlich ist das alles nichts gegen eine Nacht am Amazonas mit einem Sachsen, der von seiner Safari Lodge erzählt und seiner Frau, die einen zahmen Papagei damit nervt, daß sie ihm "Viva el Peru" beizubringen versucht. Beide wären im DSCHUNGELINFERNO erst von Schlangen gebissen und dann von Sambrell vergewaltigt worden.
Ganz hartes Brot, der Film. Mein besonderer Dank an Herrn Z. und Herrn F. aus G., die den ganzen Film mit mir durchgestanden haben: Ihr seid die Härtesten!

UNENDLICHE WEITEN

Der Weltraum. Viele Lichtjahre von der Ehre entfernt dringt Alfonso Brescia mit LA BESTIA NELLO SPAZIO (DIE BESTIE AUS DEM WELTRAUM) so ziemlich ans Ende seiner filmischen Meßlatte vor, aus der der Qualm des Ätna dringt. Es gibt viele Möglichkeiten, den gigantischen Erfolg von George Lucas' Sternenkrieger-Saga abzuklatschen. "Al Bradley" hat sich insgesamt fünfmal daran versucht.
Um das kurz abzuhaken: COSMO 2000:BATTAGLIE NEGLI SPAZI STELLARI (BATTLE OF THE STARS) ist rabenschlecht und hat einen reichlich abgeholzten John Richardson in der Hauptrolle; LA GUERRA DEI ROBOT (KRIEG DER ROBOTER) ist hundsmiserabel und läßt Antonio Sabàto gegen Gluckerzombies antreten; SETTE UOMINI D'ORO NELLO SPAZIO (STAR ODYSSEY) ist ekelwürdig und demütigt Gianni Garko. Bleibt noch ANNO ZERO:GUERRA NELLO SPAZIO, der bei uns leider nicht rausgekommen ist.
LA BESTIA NELLO SPAZIO ist die unglaublichste und unterhaltsamste dieser Ausgeburten einer krankhaften Fantasie! Untermalt von der netten Musik von Pluto Kennedy (sie klingt genauso, wie er heißt) betritt Vassili Karis als extrem duller Corvetten-Kapitän eine schmierige Weltraumkneipe, in der sich sämtliche Schmierenchargen der Galaxis zusammengewürfelt haben. Die Deko-Sensation dieses Etablissements sind von der Decke baumelnde Plastikstreifen. Ich werde das jetzt mal kurz beschreiben: Der Karies kommt rein, haut sofort einem Händler ohne Grund aufs Maul, baggert dann ein Nuttchen an, wird von dem Händler aufgemischt und geht dann mit dem Nuttchen ins Bett. Jenes hört übrigens auf den Namen Sandra (Danni oder Steffi wäre auch nicht schlecht gewesen) und wird von Sirpa Lane gespielt, deren Zeit zwischen Vadim und Borowczyk auf der einen Seite und Brescia auf der anderen sichtbar auch von Exkursionen in den Hardcore-Sektor aufgelockert wurde. Da verwundert es nicht, daß es in der Sexszene derb zur Sache geht: Zu meiner großen Überraschung streift der Film den Pornobereich in einigen Einstellungen ganz entschieden.
Sleaze ist also da. Ab jetzt beginnt der Einlauf: Sandra hat Träume. Sie wird von einem Ungeheuer mit Ritterrüstung durch einen Wald verfolgt, der Erinnerungen an ihren Auftritt in LA BETE wecken soll. Um auch die Zuschauer zu wecken, leistet Pluto K. Schwerstarbeit, die Ohren bluten. Ihrem Lover erzählt sie dann, vor dem Hintergrund von Softcore-Einsprengseln, vollkommen irrelevanten Kram von einem "Wald voll Zauber und Poesie" mit scharlachrotem Himmel und blauen Bäumen, obwohl sie offensichtlich in einem Birkenwäldchen von einem Bollerofen geferkelt worden ist. Danach deliriert sie weiter Stuß zusammen, mit einem Schloß und einem Bankett... Das muß der Karies sein! Jener starrt ihr die ganze Zeit über auf die Titten. Sie bemerkt matt: "...und ich bräuchte soviel Liebe..."
Der Zuschauer auch. Und er bekommt sie! Der Watschenhändler vom Anfang (der übrigens von Venantino Venantini gegeben wird) hat eindeutig Autalium geladen, so eine Art Atomhammer, an dem Vassilis Regierung interessiert ist. Unser Held bricht auf in den Weltraum.
Zunächst läuft alles gut. Als dann aber Venantino mit seinem schnieken Händlerflitzer auftaucht und ihm vor den Bug ballert (einfach, weil er's braucht!), gerät Vassilis Schiff in den Sog des Planeten Lorigan (oder so). Dann fallen alle in Ohnmacht. Als sie wieder aufwachen, befinden sie sich in einem von unsäglichen Sitzkissen verschandelten Tafelsaal, in dem nicht nur getafelt, sondert auch heftig gekachelt wird. Der Herr der Lustbarkeiten ist ein gewisser Onaf, dessen geiler Satyrenblick die ungezähmte Wildsau verrät und der die solche auch gleich herausläßt. Das Ganze hat dann noch irgendwas mit so einem Riesencomputer namens Zockor zu tun, der alle versklaven und Sirpa bumsen möchte, aber wenn die Roboter mit den goldenen Haaren auftauchen, ist der Löffel eh schon in die Suppe gefallen.
Dieser Film ist das uneingeschränkte Meisterwerk des Artikels, vielleicht die größte Filmgranate, die ich jemals gesehen habe! Jeder Versuch, eine rationale Erklärung für dieses Tohuwabohu zu finden, ist Treibgut im Strom der Zeit. Man wischt sich die Augen und ist bereit, sämtlichen Rauschdrogen abzuschwören. Ein Auto, eine nette Frau, zweikommadrei Kinder und ein Reihenhaus erscheinen als das erstrebenswerteste der Ziele. Endlich Ruhe in einem von Wahnsinn geschüttelten Kosmos...
Ich liebe ALLES an diesem Film: Die schwarzen und die roten Badekappen, die die Weltallschiffer auf ihren Köpfen tragen; die Plastiksets, die Perry Rhodan in einen nichtendenwollenden Lachkrampf geschickt hätten; die Synchronisation, die uns Austäusche beschert wie: "Bring' mir eine Uranusmilch!" - "Okay, gebongt!"... Immer wieder wird die konventionelle Erzählstrategie aufgebrochen von guerillaartigen Schockmomenten, wie z.B. einem völlig unerwarteten Pferdekoitus, der die in Latexklamotten dastehenden Astronautinnen dazu animiert, sich lustvoll über die Möpse zu streicheln. (Vassili: "Hier fängt die Sache an, Ernst zu werden!") A propos Pferde: Italiens wohl enthusiastischste Pornodame, Marina Frajese, spielt eine Astro-Mieze namens Frieda Henkel! Besonders gelungen sind die Ausflüge ins Reich des Unfaßbaren, wenn die Akteure Sachen äußern wie "Ich habe das Gefühl..." oder "Mir ist, als ob..." - hier werden fast Momente von poetischer Behutsamkeit erreicht! (Soll ich noch den Faun erwähnen, in den Robert Hundar sich verwandelt, der in einer Einstellung mit seinem Halbmeterpimmel eine genitale Katastrophe verspricht, in der nächsten dann aber ein Brachland zur Schau stellt, von dem sich jede Fäunin vor mitleidigem Ekel abwenden würde?)
Während Sirpa dann doch noch abgeledert wird, daß die Dioden rattern, tritt der Planet "in die totale Havarie" ein...
Da Alfonso ein Recycling-Saurier ist, hat er die Sets, die Roboter und die Kostüme übrigens in ALL seinen SF-Heulern wiederverwendet. Es reicht aber, wenn man sich diesen deliriösen Sleaze-Superbowl zuführt, der auch in einer geschnittenen Fassung herausgekommen ist.
(Vassili: "Ich war eine Art Hampelmann...")

DA LACHT DER LANDWIRT!

Nachdem ich für Mario Bianchis PROVINZ OHNE GESETZ in einem anderen Artikel lobende Worte gefunden habe, muß ich nun notgedrungen ein anderes Stück aus seinem reichhaltigen Kanon exhumieren. Der Film trägt im Original den Titel LA DOTTORESSA DI CAMPAGNA (1980) und kam in der BRD nur auf Video heraus, als FRAU DOKTOR KANN'S NICHT LASSEN...
Es ist nicht ganz einfach, einem einigermaßen erlauchten Publikum eine matte Vorstellung von den Regionen zu verleihen, in denen sich der Witz dieses Filmes abspielt. Es ist recht wahrscheinlich, daß die meisten Leser dieses Magazins diese Regionen niemals kennenlernen werden, wenn sie gute Christenmenschen sind. Sagen wir einfach mal, ein Workshop für geistig Zurückgebliebene hätte sich zum Ziel gesetzt, ein besonders unmoralisches Stück des Ohnsorg-Theaters auf die Bühne zu bringen - eine ungefähre Näherung an das Niveau dieses Filmes...
Ach ja, das Niveau. Also, oberflächlich gesehen bewegt sich der Humor auf der Ebene von ins Wasser fallenden Menschen oder Menschen, die andere Menschen mit Gartenschläuchen naßspritzen, während sie versuchen, ihr Mittagessen zu sich zu nehmen. Da man ja allen Widrigkeiten zum Trotz immer noch Hoffnung in die menschliche Rasse setzt, nimmt man an, daß es das ja wohl noch nicht gewesen sein kann. Und ja: Es befinden sich Ansätze zur politischen Satire in diesem Werk! Wenn man wissen möchte, auf was für einem Niveau DIE sich abspielen, dann sollte man zur Kenntnis nehmen, daß derjenige, der die anderen mit dem Schlauch naßspritzt, der eine der beiden Politiker ist! (Gespielt von Aldo Sambrell...) Außerdem gibt es zahlreiche Anklänge an Bianchis eher unterleibszentrierten Filme, die er zu dieser Zeit produziert hat: Minutenlange Bettrödeleien, in denen Teigiges gewälzt wird; leider nicht in Mehl, dann würde man weniger sehen.
Laura Gemser spielt Fatima, eine heiße Ärztin, die einen Job auf dem Lande übernommen hat. Dort gibt es scheinbar fast nur Männer, und alle stecken scheinbar schwer in der Pubertät, wie alt sie auch im Einzelfall sein mögen. Da gibt es einen schleimigen Papagallo mit Aknebeulen auf dem Rücken, dessen Ehefrau einen Damenbart besitzt. (Was, glaube ich, bereits zur Heiterkeit animieren soll. Verstehe ich nicht, da diese Neigung doch gerade in südländischen Bereichen floriert; da sollte man doch wohl etwas Toleranz zeigen...Außerdem, Klaus Kinski stand drauf!) Er versucht, bei Frau Doktor zu landen, bekommt aber einen riesengroßen Korb. Viel glücklicher ist da schon der Sohn von Sambrell, Marcel, der aber seinerseits wieder ein süß Mägdelein heiraten soll...
Ich brauche das gar nicht wiederzugeben: Es wird nicht komisch! Es wird erst komisch, wenn man bereit dazu ist, sich in Humorgalaxien vorzuwagen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Dann ist aber endgültig alles vorbei: Frauen sind "süße Mäuse" oder "unerotische Schlampen". Ein Spasti mit Lederkäppi zockt das halbe Dorf ab, weil man von seinem Zimmer aus in die Dusche von Frau Doktor spannen kann. Eine falsche Blondine mit Sommersprossen sieht so fleckig aus, als wäre sie in den Dreck gefallen. Ein unter dem Pantoffel stehender Bürgermeister ("Du wandelnder Furz!") wird von seiner Frau in Reiterposition zusammengeschlagen. Und in einer besonders gelungenen Einstellung landet eine Fliege mitten auf der Nase eines Akteurs, was aber dringelassen wurde.
Als Lauras Stecher im Film fungiert übrigens ihr damaliger Ehemann, der mittlerweile leider verstorbene Gabriele Tinti (Videocover: "Gabi Tinti" - schade!). Er spielte eine seiner letzten Hauptrollen in Mario Bianchis 1989er Gore-Thriller NON AVERE PAURA DELLA ZIA MARTA! ("Habt keine Angst vor Tante Martha!"), der insgesamt der einzige Film von Bianchi bleibt, den ich einigermaßen gut gemacht finde. (Eine besonders eklige Szene aus diesem Film, in der einem 12-jährigen mit einer Motorsäge der Kopf abgefräst wird, findet sich übrigens in Fulcis NIGHTMARE CONCERT wieder, aber---ups, nicht in der deutschen Fassung, Überraschung!)
Bianchis Pseudonym in diesem Streifen ist übrigens Alan W. Cools; dasselbe verwendete er auch für seine Werke mit der schon erwähnten Marina Frajese, in denen ihr gebärfreudiges Becken schwersten Belastungen ausgesetzt wird.
Es gibt noch eine italienische Fassung von LA DOTTORESSA, in der ein depperter Pierino-Kaschper zu sehen ist, der sich fortwährend in Mülltonnen versteckt.
Aldo Sambrell: "Ich möchte ihn mit allem Nachdruck einführen!" Wie recht er doch hat - bunte Ausgelassenheit ohne Präser...Da mußte er doch gleich noch in einem weiteren Bianchi-Opus die Sau rauslassen. Der unglaubliche Titel: SCHNEEFITTCHEN (sic) UND DIE SIEBEN GLÜCKLICHEN ZWERGE! Was das Niveau angeht, keine Sorge. Die Zwerge etwa werden von der Synchro liebevoll als "die 7 Wichser" bezeichnet! Wo ist nur Heidi Kabel, wenn man sie braucht?

GEGEN BERGER GEIMPFT

Qualitativ betrachtet geht es jetzt wieder einen merklichen Schritt bergauf. LA BELVA COL MITRA (DER TOLLWÜTIGE) ist einer jener lupenreinen Sleaze-Diamanten, die man als Regisseur einfach nur hinbekommt, wenn man auf eine lange Karriere zurückblicken kann, die von weitgehend anspruchsloser, aber professionell gefertigter und stets unterhaltsamer Familienware bestimmt wurde. Robert Stevenson etwa, der viele hübsche Disney-Realfilme gemacht hat (wie z.B. MARY POPPINS oder EIN TOLLER KÄFER), wäre meines Erachtens genau der richtige Mann gewesen für einen Film über sexuellen Mißbrauch im Himalaya. "Yeti - the TRUE Story!"
Auch Sergio Grieco ist solch ein Mann für besondere Fälle. Nach seinen Anfängen als Dokumentarist (stark von Neorealisten wie dem frühen Visconti und de Santis beeinflußt) fertigte er eine Unmenge von Unterhaltungsprodukten; am bekanntesten bei uns vielleicht seine diversen James-Bond-Rip-Offs, die er unter dem Namen Terence Hathaway drehte. (AGENT 077: MISSION BLOODY MARY ist zum Beispiel ein ziemlicher Heuler!)
Der Mann hat also Routine. Und die bringt er bei LA BELVA ein, daß es raucht. Gleich der Anfang reißt einen von den Sitzen: Helmut Berger als Nanni Vitale bricht zusammen mit drei Spießgesellen aus der Herrenduschanstalt aus, prügelt eine Geisel noch im Wagen windelweich und rollt dabei mit den Augen. Als er keinen Bock mehr hat, auf den armen Wärter einzuknüppeln, schmeißt er den alten Mann kurzerhand aus dem fahrenden Wagen: ein unkomplizierter Mann.
Bereits der furiose Start macht klar, woher der Wind bläst: Helmut Berger ist vollkommen außer sich, der Mann ist der lallende Wahnsinn! Manchmal wird es fast beängstigend, ihm zuzusehen, wie er mit dem Mitgefühl einer Einrißbirne seine Opfer plattwalzt und dabei Markiges aus Weichkopfhausen jodelt. Man muß ihm zugutehalten, daß man wirklich Angst vor seiner Figur entwickelt; das mindeste, was man über seine Leistung in diesem Film sagen kann, ist, daß sie überzeugend ist. Ob es damals am Set zu Drogenmißbrauch gekommen ist, weiß ich nicht, aber Partien des Filmes legen die Vermutung nahe.
Wie ein rasender Derwisch übt Helmut erst Rache an einem Singvogel; dann plant er einen neuen Coup, der aber in die Hose geht. Um seine Haut zu retten, entführt er Vater und Schwester des untersuchenden Kommissars Santini (obwohl ich prinzipiell der Ansicht bin, daß jemand mit einem solchen Namen lieber einen Zirkus gründen sollte!). Auf dem Gelände einer alten Fabrik kommt es zu einer letzten Begegnung zwischen Anarchie und Staatsgewalt...
Ich bin im Nachhinein richtig glücklich darüber, daß diesen Stoff ein ordentlicher Regisseur in die Hände gekriegt hat; gerade den Kontrast zwischen einer gekonnten (in Details fast altbackenen) Inszenierung und solchen ungeheuerlichen Vorgängen finde ich reizvoll. Würde es sich hier um eine reine Sex-and-Violence-Nummer handeln, wäre det Janze ziemlich uninteressant: Pornographie stumpft irgendwann ab. (Außerdem muß man häufiger das Bettlaken wechseln.) Aber Grieco versieht die sadistische Mär mit einem wohlstrukturierten Spannungsbogen, der trotz der sehr minimalistischen Handlung einige beachtliche Höhepunkte erzeugt.
Tatsächlich wirkt der Film exzessiv hinterhältig. Während die Geschichte über weite Teile solide und konventionell ihre kriminalistischen Bahnen zieht (sehr im Stil der Polizieschi), läßt Grieco in den gewaltverarbeitenden Sequenzen vollkommen die Sau raus, ein Kastenteufel mit Vampirzähnen. Der Film ist seinerzeit ab 16 Jahren freigegeben worden, wie auch immer. Allein die Szene, in der der Belastungszeuge von Nanni bestraft wird, ist ein Reigen aus Geschmacklosigkeiten, die beachtlich effektiv verabreicht werden, wie ein gutes Klistier: Erst prügeln Nannis Schergen den armen Hund zusammen, während der Boß sich über dessen weibliche Begleitung hermacht. Da Nanni aber die Lust am Schänden verliert, zieht er sich einen Schlagring auf und schenkt dem mittlerweile stumpf abhängenden Prügelknaben seine Aufmerksamkeit. Beim Boxen nennt man den Zustand des Opfers, wenn es nicht mehr viel mitbekommt, wohl "Punch Drunk". Nun ja. Dann wird eine Grube gegraben, die Überreste werden hineingelegt. Nicht, daß das hier zu Ende wäre. Berger spricht die unsterblichen Worte: "Los, Bruno, hol' jetzt den Kalk!" Dann bekommt das Häufchen Elend literweise ungelöschten Kalk in die Fresse und ist glücklich. Unter seinem ständigen Kreischen wird er eingegraben. Ab 16, wie schon gesagt...
Der Polizist wird gespielt von Richard Harrison, nur ein Jahr vor PROVINCIA VIOLENTA, in welchem er einen wesentlich schüttereren Haarwuchs zur Schau trug. Es muß ein hartes Jahr gewesen sein. Die Gangstermolly wird gegeben von Marisa Mell, die leider inzwischen das Zeitliche gesegnet hat (nicht bevor sie in einem einschlägigen Magazin nochmal voll aufdrehen konnte: 100 Punkte und die "Goldene Dahlie"). Sergio Grieco ist seit 1982 tot. Helmut Berger lebt aber noch, auch wenn sein römisches Domizil neulich abgebrannt ist und er nur um Haaresbreite gerettet werden konnte. Harrison lebt noch, aber er dreht jetzt Actionfilme in den USA, und das ist schlimmer als der Tod.
Trotz der Freigabe ab 16 kein Film für zarte Nerven; großartige, sleazige Musik von Umberto Smaila. Eine schöne und sinnvolle Aufmerksamkeit für den Gabentisch, deren spiritueller Gehalt auch den Verhärteten unter Deutschlands Weihnachts-Mafiosi ein Glitzern warmer Seelensonne in die Augen zaubern dürfte...

DOSE AUF DOSE KLAPPERT

Ein Subgenre, das in einem Sleaze-Artikel nicht fehlen darf, ist selbstredend der Frauengefängnis-Komplex. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich an dieser Stelle einem repräsentativ-asozialen Vertreter seiner Art den Vortritt lassen sollte (wie z.B. Bruno Matteis LAURA 1 + 2), oder ob ich in Anbetracht des deprimierend niedrigen Qualitätslevels, den die meisten der hier besprochenen Filme vorlegen, nicht lieber einen gutgemachten bespreche. Da nachher noch ein sleazigerer Knastfilm kommt, hier also erstmal der Lorbeerkranz!
REVOLTE IM FRAUENGEFÄNGNIS (PRIGIONIERE DI DONNE) ist der mit Abstand bestgemachte Women-in-prison-Film, den ich kenne. Zwar setzt er sich mit seinen diversen Sexbalgereien weit ab von dem für die renommierte Kritik akzeptablen Maß an Unmoral; aber er erzählt eine wirklich interessante, packende Geschichte. Man ist geneigt, die Figuren ernstzunehmen, was mehr ist, als man etwa von Laura Gemsers Emanuelle bei Mattei sagen kann...
Zur Story: Die schöne Französin Martine ist Archäologiestudentin und tollt mit ihrer Freundin Natalie durch einige von Italiens aufregenderen Höhlen. Eine hätten die beiden allerdings auslassen sollen, denn hier lauert das Verhängnis in Gestalt einiger vollgedröhnter Hippies ("Ich habe Jesus gesehen..."), die auf bunten Decken hocken. Aha, denkt man gerade, wieder ein erneuter Versuch der faschistoiden Bürgerschichte, die sexuelle Revolution zu verunglimpfen. Aber es kommt anders und polizeiknüppeldick: Das Recht stürmt herbei und läßt die Schlagstöcke tanzen. Martine landet im Knast. Daß ihr eine Hippieschlampe ein Herointütchen zugesteckt hat, hilft ihrer Sache nicht.
Tja, und da sich auch die Richter und Anwälte ("Haben Sie Vertrauen; die Gerechtigkeit siegt immer!") als groteske Schwafelköppe erweisen, geht es ab in die Damenduschanstalt für Martine: Dumm gelaufen! Nach einer demütigenden Genitalinspektion lernt sie ihre neuen Zellengenossinnen kennen, die einer sozialen Schicht entstammen, die Martine bislang nicht auf ihren Parties kennengelernt hat: Alice im Wunderland. Natürlich gibt es auch hier eher burschikose Gestalten...(Auf Chauvi-Deutsch heißt so jemand "Kesser Vater", glaube ich...) Würde hier im Männer-Knastfilm die Furcht vor latenter Homosexualität das Geschehen diktieren ("Möchtest du deine Seife nicht aufheben?") und in anderen WIP-Filmen eine nicht enden wollende Kette lesbischer Gemeinheiten folgen, überrascht dieser Film mit einer eher milden Entwicklung: Die Frauen (Nutte, Engelmacherin und - oha! - linke Studentin) raufen sich trotz anfänglicher Mißverständnisse recht bald mit der Französin zusammen.
Alle sitzen im gleichen Boot. Der Feind ist der Staat. Selten gab es in einem solchen Film eine derartig artikuliert vorgetragene Systemkritik. Der anarchistische Anteil im netten "Grünen"-Wähler bekommt einen lustvollen Schluckauf und gleich darauf ein schlechtes Gewissen. Fast hätte ich es nicht mehr für möglich gehalten, daß es sowas gibt: einen linken Frauengefängnisfilm. Die Wunder werden nicht alle.
Regisseur Brunello Rondi hat übrigens, bevor er auf die schiefe Bahn geriet, einige Male mit Fellini zusammengearbeitet; z.B. an den Drehbüchern zu LA STRADA, 8 1/2, GIULIETTA DEGLI SPIRITI. Auch er hat sich zukünftigen Interviewversuchen leider vor knapp 5 Jahren entzogen (durch Tod). Sein ernsthafter Ansatz zum Thema ist übrigens kein ausgesprochener Feind von Exploitation-Beiwerk; auch in dieser Hinsicht wird einiges geboten. Die Sexszenen sind an und ab sogar recht erotisch. (Vergewaltigungen - sonst obligatorischer Bestandteil solcher Produkte - gibt es keine.) Freunde politischer Symbolik kommen voll auf ihre Kosten, ohne daß die komplexeren Fragen gruppendynamisch ausdiskutiert würden, versteht sich. Gelegentlich wird das Drama sogar mit trockenem Humor angereichert, etwa wenn der Direktor einer Gefängnisinsel ein fast schon intimes Verhältnis mit seinem Wachhund zu haben scheint.
Da fast nur Frauen mitspielen und Silikonimplantate damals noch nicht so weitverbreitet waren, gibt es natürlich eine Menge Schönes zu bewundern. Erfreulicherweise können die Darstellerinnen (darunter so bewährte Namen wie Martine Brochard, Marilù Tolo, Erna Schürer und Katia Christine) auch im darstellerischen Bereich überzeugen, da Rondi sich als sorgfältiger Arbeiter erweist. Ich finde das immer wieder erfreulich, wenn sich begabte Regisseure über Kritikerdünkel hinwegsetzen und auch Exploitationware mit Ernst und Respekt behandeln. Das Ergebnis ist in diesem Fall ein zwar spekulativer, aber wirklich fesselnder und streckenweise recht psychedelischer Knastfilm mit Frauen drin.
Ach ja: Wer es untalentiert und deftig mag, der sei an Bruno M. verwiesen; da gibt's Frauenkämpfe in Scheiße, der Gemsers rattenzernagte Beine und böse Lesben mit Schaum vorm Mund. Der zweite Teil ist auch ganz nett.

TURKISH DELIGHT

FIGHTING KILLER (QUEI PARACUL...PI DI JOLANDO E MARGHERITO, 1975) ist einer jener Filme, bei denen jeder durchschnittliche Thekenkunde, der irrtümlich von dem Titel überzeugt wird, es handle sich etwa um ein unbekanntes Steven-Seagal-Filmchen, komplett bescheuert wird, sich das Haar büschelweise ausreißt, um es hernach unter irrem Gelächter zu verspeisen. Möglicherweise der handwerklich schlechteste Gangsterfilm unter der Sonne, ist dies eine von den unglückseligen Ko-Produktionen, die Italien einst mit der Türkei veranstaltet hat.
Nun liegt es mir fern, etwas gegen die Türkei zu sagen: Das Land steckt voller toller Gegenden, und die Menschen sind von überwiegend lockerer Gesinnung. Die Filmproduktion des Landes, das darf hier aber nicht verschwiegen werden, steckt (verglichen mit dem westlichen Standard) eher in den Kinderschuhen. Und wenn der Regisseur auch noch Giulio Giuseppe Negri (aka Jerry Mason) heißt, dann bleibt einem der Falafel im Halse stecken...
Zum Film: Er beginnt recht gut (mit einem Gemetzel). Ein Fiesling mit einem knallroten Beatrolli namens Josef läßt sich zum neuen Paten küren und will aus irgendeinem Grunde Tony Tiger an den Kragen. Zu diesem Behufe kommandiert er vier fetthaarige Schergen ab, die Tonys Frau und Sohnemann frisch machen und sein Haus abbrennen. Dies alles muß Tony mitansehen, da er an vier Seilen waagerecht an die Decke gehängt wird. Tony der Tiger wird aber gerettet und ruft vier alte Kriegskameraden (tolle Rückblenden!) zusammen, mit denen er nun dem Syndikat in den Arsch tritt...
Leider fehlt mir der Überblick, ich weiß nicht, ob Tony Tiger in seinem Herkunftsland ein Star ist. Ich möchte jeden Film mit diesem Schauspieler sehen; seine Mimik ist umwerfend. (In einer Szene springt er zwei Widersachern gleichzeitig auf die Brust und levitiert sich saltomäßig rückwärts: Der Mann gibt Vollgas!) Überhaupt drückt, in bester türkischer Tradition, ausnahmslos jeder auf die Tube, bis der Bergbach rauscht. Selbst Richard Harrison und Gordon Mitchell werden von ihren ausländischen Kollegen mitgerissen und zu darstellerischen Glanzleistungen angespornt. Auf türkischer Seite gefällt mir am besten der Mime, der den Paten spielt: Ich habe ihn bereits in zwei türkisch koproduzierten Gotik-Horror-Krachern von Sergio Garrone bewundern dürfen (beide mit Klaus Kinski), in denen er u.a. den buckligen Butler machte. Auch Gordon hat einen fantastischen Moment, wenn er sich mit einigen Bäddies in einer Sauna eine Schlägerei liefert: Seine Züge sehen denen der Figuren von den Osterinseln zum Verwechseln ähnlich. Allein die Vorstellung, in der Sauna zu liegen, und auf einmal steht da Gordon Mitchell, nur mit einem Handtuch bekleidet, breitbeinig über einem und grollt: "Ich bin hier, um dir 'ne Massage zu geben!", sorgt für schlaflose Nächte...Die Keilerei mündet in eine Verfolgungsjagd quer durch Istanbul, immer noch im Lendenschurz. (Warum tragen die Akteure eigentlich Unterhosen unter den Handtüchern?)
Auch sehr schön ist ein Nachtklubschluchzer, der von einem türkischen Tingeltangler mit der Stimme von Dr.Mambo deklamiert wird: "Träume von einer verlorenen Liebe"! Mann, was labert der sich da zusammen...
Untermalt wird das ganze mit großartiger Beatmucke von Elsio Mancuso, die besonders die erheiternden Momente versüßt, in denen der Regisseur ambitioniert wird, z.B. wenn die alten Kameraden aus allen Himmelsrichtungen auf dem Gipfel eines Hügels zusammentreffen: fast Oliver Stone. Fast. Negri hat kaum andere Filme gemacht, ausgenommen mal das Begleitwerk LA POLIZIA ORDINA: SPARATE A VISTA, das hier nie herausgekommen ist (vermutlich, da Tony Tiger da einen Schnäuzer trägt!)...
Wer trotzdem noch Lust auf Filme mit anatolischen Bergbauern hat, dem empfehle ich die ungemein unterhaltsamen KARAMURAT-Heldenepen mit Publikumsliebling Cüneyt Arkin, etwa LION-MAN, in dem die Bösewichter ausnahmslos Christen sind mit dicken Kreuzen auf den Capes, die Kostümdesigner Kölle Alaaf mit LSD mischen und ganze Minuten verstreichen, in denen ununterbrochen die Assis was aufs Maul bekommen...Solche Filme könnten, gerade im derzeitigen Ausländer-raus-Klima, eine wichtige völkerverbindende Mission erfüllen.

DER GELBE TRAUM VON JEDEM

Der Ruhrpott ist schon mal eine Reise wert. Wird man bei einer Exkursion zu den Kohlenkumpeln dann auch noch mit dem wahrscheinlich schlechtesten Western aller Zeiten bekannt gemacht, dann kennt die Ekstase keine Grenzen: Die Ruhr tritt über die Ufer.
Der Film heißt I SETTE DEL GRUPPO SELVAGGIO und ist ein 1974 gedrehtes Werk des Schmalfilmzauberers Gianni Crea. Bei uns ist der Film unter dem Titel DER RITT ZUR HÖLLE herausgekommen, auch wenn auf der Cassette von DUELL IN DEN BERGEN die Rede ist. Macht nichts, in diesem Film spielen Ortsangaben keine Rolle, es geht am Ende immer in die Scheiße!
Der Anfang irritiert dadurch, daß er gar nicht SO schlecht gemacht ist; das soll nicht heißen, er wäre etwa gut gemacht, aber es klappt einem eben noch nicht die Kinnlade herunter. Wahrscheinlich stammt der Anfang eh aus einem anderen Film, da er nur lose mit dem Restgeschehen zusammenhängt: Eine blonde Maid erbt einen Haufen Gold, der ihr (zusammen mit ihrem Leben) von den bösen Räubern abgenommen wird.
Dann beginnt der Spaß: Ein besonders abgerissener Teil von Bad Segeberg, der mutig als Fort Worth ausgegeben wird, steht unter dem tödlichen Bannstrahl der Cooper-Bande, deren Mitglieder hausen wie die Axt im Walde. Wie schön, daß es noch echte Männer gibt: Dean Stratford (Dino Strano) etwa, der den Bruder von der hingemachten Maid aus der Anfangsszene verkörpert, und sein treuer Freund Tornado! Das klingt vermutlich noch ganz brauchbar; man sollte allerdings anmerken, daß Strano auch schon mal bessere Tage gesehen hat und hier den Eindruck einer kompletten Wurst vermittelt, was vom Fett in seiner Fresse noch unterstrichen wird. Der Tornado wird von Mario Brega gegeben, der unter seinem pinken T-Shirt (langärmelig) einen Pottwal spazierenführt, der einfach nur als "spektakulär" zu bezeichnen ist. Beide legen sich sofort mit den Coopers an; deren Obermufti sieht so ähnlich aus wie Michel Piccoli (als Teewurst verkleidet). Nachdem die Helden erst einmal ihren Standpunkt vertreten haben, baggert Dino seine Jugendliebe, die Hure (!) Rosy, an (Femi Benussi, auch schon etwas teigig, aber immer noch sehr ansprechend...) Im weiteren Verlauf kommt es dann zu zahllosen Schießereien, die alle mehr oder weniger nachvollziehbar sind.
Ja...was ist an diesem Film alles bemerkenswert? Erst einmal fällt der fehlende Enthusiasmus der Macher auf: Selbst vor lauter Action strotzende Ballerszenen sind beispiellos statisch und lahm gefilmt: Eine Szene, die sich in einem Canyon abspielt (=Sickergrube), ist teilweise in Supertotalen aufgelöst, die den Eindruck machen, als wäre hier nicht von einem Hochhaus gefilmt worden, sondern erstmals von einem speziell für diesen Film entwickelten Kamerasatelliten - man erkennt nichts! Auch die Prügeleien sind etwa so überzeugend wie ein Dackel ohne Beine. Die Schauspieler werden von der Regie so katastrophal im Stich gelassen, daß man einfach nicht anders kann, als sich über die Patzer zu belustigen. Allein die Bettszene zwischen Femi und dem abgehalfterten Spaghettikoch Dino (ist der auch für das Pornolabel zuständig? weiß das jemand??) überzeugt nicht restlos, da die Speckfalten Dinos lediglich dann verborgen sind, wenn er bedeutungsvoll (aber in dieser Situation gänzlich unangebracht) an die Wand starrt!
Was aber den Film von einem gewöhnlichen Bäddie zu einem rauschhaften Erlebnis werden läßt, sind die absolut unerklärlichen Fehler, die der Regie unterlaufen. So ist der schöne Moment, als eine Bande von Kunstschützen in die Stadt einreitet, um Terz zu machen, und einer der Outlaws mangels Geschick VOM PFERD FÄLLT, einfach dringelassen worden! Noch krasser (da mehr im Vordergrund) ist die Schießerei, während der zwei Leichen im Straßenstaub einfach anfangen, miteinander zu LABERN, während um sie herum die Kugeln pfeifen! (In der darauffolgenden Einstellung liegen sie dann wieder pflichtgemäß tot da.)
Als wären die Launen des wütenden Geschicks nicht schon erduldenswert genug, bastelt die deutsche Synchro noch einige Qualitätspunkte hinzu: Schwer zu sagen, was komisch gemeint ist und was nicht. Bestimmt ernst war im Original die Szene, in der während einer Ballerei die "innocent bystanders" anfangen zu laufen. Einer davon murrt seiner Schickse blitzschnell irgendwas zu. Erst beim Betätigen der Rückspultaste konnte sein Gebrabbel verstanden werden: "Kommwirgehnlieberbumsen!" Wer ganz genau hinhört, bekommt sogar noch die Antwort mit: "Au ja!"
Überhaupt, die Stadtleute! Im Grunde genommen sind sie Grund genug dafür, diesen Film als "Zombiefilm" einzustufen: Wie aufgezogene Spielzeugroboter laufen sie in jeder Totalen vollkommen sinnlos und stocksteif durch die Gegend, vom Regisseur wie erschreckte Ameisen ins Bild gejagt. "Auf los geht's los!" Selbst, als am Schluß Oberbösewicht Gordon Mitchell durch die Gegend brüllt, daß er den Helden gleich umlegen wird, hören die Leute nicht auf, durch die Gegend zu latschen wie sedierte Eichhörnchen: Die interessieren sich einen Scheiß für Gordon!
Es gibt noch viele andere Dinge, die man zu diesem Film sagen könnte, aber dann würde der Text nicht mehr ins Heft passen. Wenn sich Regisseur Crea beim Schlußduell in leonesker Detailbetrachtung übt, ist der Hase eh schon in die Grube gefallen. Ich bitte noch, auf die Tatsache zu achten, daß Brega irgendwann während der Schlußschießerei das Hemd wechselt, da er seine Plauze auf einmal in einem WEISSEN Kostüm herumschleppt. Der Epilog ist absolut sinnlos und lang und wird schließlich beendet von einem Lied, das den "yellow dream of everyone" besingt. Ja, das ist es wohl, worum es hier geht!

MILCH FÜR DIE WELT

Andrea Bianchi ist kein besonders guter Regisseur. Sein erstes Werk scheint eine SCHATZINSEL-Verfilmung mit Orson Welles gewesen zu sein, obwohl italienische Quellen ihm den früher entstandenen NIGHT HAIR CHILD mit Britt Ekland und Mark Lester zuschreiben. Da er die erste Hälfte der 60er Jahre in den USA verbracht hat (wo er zahlreiche Episoden einer populären SF-Serie mitgeskriptet hat; könnte THE OUTER LIMITS sein), halte ich diese angelsächsische Verquickung durchaus für möglich. Nach zahlreichen eher sexbetonten Sachen ging er dann Ende der 70er in medias res und versorgte die Herzen Einsamer mit Material zum Meditieren. Bei uns herausgekommen sind von diesen bauchlastigen Produkten mindestens DOUBLE DESIRE und DREI SCHWEDENMÄDEL IN PARIS. (Erschwert wird die Feldforschung hier durch die Tatsache, daß es noch einen zweiten Andrew White/Whyte gibt, schwedischer Abstammung, auch Ferkelfilme gebärend.) Am bekanntesten ist Andrea hierzulande natürlich durch sein Splatter-Opus DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES, das direkt an die Brust geht. Was er mittlerweile produziert, ist wirklich nicht so toll.
Sein bestgemachter Film ist dankenswerterweise eine totale Sleaze-Orgie! DIE RACHE DES PATEN (QUELLI CHE CONTANO) hat einen Rückschlag, der den Filmfan bis an die Gestade von Grönland katapultiert, wenn nicht gar ins nordische Eismeer. Gleich der Anfang macht zweierlei klar: 1. Es handelt sich um eine beschissene Vollbildfassung. 2. Hier werden keine Gefangenen gemacht. Ein Pärchen überquert nämlich die Grenze nach Italien und bekommt sofort die Baggerschaufel durch die Frontscheibe! Die verlieren keine Sekunde! Ein Kopf kullert durch die Gegend. Die Polizei stellt fest, daß die Bösewichter eine bis zum Anschlag mit Heroin gefüllte Kinderleiche mit sich führten! (Gehört das unter "Zollpflichtige Güter"?)
Solcherlei Schweinkram ist selbst den renommierten Mafiagrößen eine Spur zu unmoralisch: Man beschließt auf höchster Ebene, den dafür verantwortlichen Unmenschen (Don Ricuzzo) abzusägen. Um dies zu erreichen, muß aber ein Topmann her. Henry Silva (tosender Applaus) ist dieser Mann. Sein Tony Aniante ist ein in den Staaten ausgebildeter Kaputtmacher mit totaler Schwermetall-Garantie! Und er mag Italowestern, da er seine potentiellen Opfer dadurch verwirrt, daß er (WHISTLER-mäßig) eine unheimliche Melodie pfeift. Das danach erfolgende Pfeifen ist meist tödlich.
Da Tony nicht nur der Held des Filmes, sondern auch ein gewissenloser Schurke ist, erschleicht er sich das Vertrauen von zwei Gangsterbossen, die er dann gekonnt gegeneinander ausspielt: Es hagelt Holzwolle. Zwischendurch knallt er das nymphomane Betthäschen des einen Fieslings und macht sich sogar als Liebesengel für ein junges Paar erbötig!
Dieser Film ist nicht zu fassen! Erst einmal die Gesundheitswarnung: Nichts für zarte Gemüter, der Film ist härter als Kruppstahl. Es wird viel geblutet; eine Szene mit einer Motorsäge läßt das Gegenstück aus ALARMSTUFE ROT (Originalfassung) richtig heimelig aussehen. Auch gibt es viel Verstörendes von Freund Krafft-Ebing: Nachdem die Schlampe Margie den steinernen Tony zum Beischlaf erpreßt hat, fickt er sie anal mit dem Gesicht in eine offene Schweinehälfte hinein! Später dann schlägt er sie mit einer Gürtelschnalle mitten ins Gesicht, da er selber sexuell auch eher exotisch veranlagt ist: Da haben zwei sich gefunden.
Obwohl der Film sogar recht spannend zu betrachten ist, gibt es zahlreiche Juwelen aus dem sleazigeren Sektor des unfreiwilligen Humors: Als der fiese Fausto Tozzi mit Margie rödeln will, zwingt er sie dazu, ihm von sexuellen Eskapaden mit einem Neger zu berichten ("Bring' mich auf die Palme!"). Die offensive Direktheit seiner Mätresse entschuldigt er gegenüber Tony: "Man kann ihr nicht böse sein: Sie hatte eine schlechte Kindheit!"
Überhaupt Margie: Sie ist eine der unglaublichsten Rollen, die Barbara Bouchet (geborene Bärbel Gutscher) jemals mit ihrer reizenden Anwesenheit bereichert hat: Vollgas hoch zehn. In ihrer allerersten Szene versucht sie gleich, Silva anzuspitzen, indem sie sich Milch über Brüste und Schenkel gießt: ein mir bislang unbekanntes Balzritual von frappierender Wirkung. Silva ist sein übliches trockenes Selbst. Die beiden Gangsterbosse werden vom verläßlichen Fausto Tozzi und von Regisseur Mario Landi verkörpert. Letzteren wollte ich ursprünglich wegen seiner Granaten GIALLO A VENEZIA und PATRICK LEBT! in den Artikel einbeziehen, aber der Platz, der Platz...
In einer Szene wird Henry von Lebensmüden in einer Bar angemacht: "Ich glaube, der ist parfümiert, wie eine Hure!" Ho-ho-ho! Später dann verfährt er mit Killern, die auf ihn angesetzt waren, wie folgt: Er tötet sie und überfährt ihre leblosen Körper mit einer Dampfwalze! Ihm macht sein Beruf noch Spaß...
Abschließend sei noch angemerkt, daß die Musik von Sante Maria Romitelli deutlich über dem Durchschnitt liegt, und daß das Drehbuch von Papa Sleaze stammt, Piero Regnoli, dessen Arbeit mit Bianchi auch zu MALABIMBA geführt hat, über den gleich noch zu berichten sein wird!

DER KLÖPPEL IST DA!

Fernando di Leo begann seine Karriere als häufig vortrefflicher Drehbuchautor. Als er sich dann auf den Regiestuhl setzte, mendelte sich schon bald eine ausgesprochene Neigung zu sex- und gewaltbetonten Stoffen heraus. Zu seinen ansprechenderen Werken gehört das Juvenile-Delinquent-Drama NOTE 7; der gotische Slasher DER TRIEBMÖRDER mit Kinski; der unglaublich gute MILANO KALIBER 9 und seine Quasi-Fortsetzung DER MAFIA-BOSS; und das sleazige Gangsterdrama DER TEUFEL FÜHRT REGIE mit Henry Silva. Bevor er sich mit dem 08/15-Dschungelkrieg-Kracher RAZZA VIOLENTA (SÖLDNER ATTACK) 1983 aus dem Verkehr zog, fertigte er aber noch eine Trash-Granate an, die es in sich hat: VACANZE PER UN MASSACRO, unsinniger deutscher Videotitel: TOY.
Die Firma, die den Film herausgegeben hat, ist auch verantwortlich gewesen für die deutschen Fassungen von di Leos DER STACHEL und Cavaras KALIBER 45, beide mit miesen Kopien, Rotz-Vollbild und dilettantischen Synchros gestraft. Die Synchro von TOY wird am besten vom Radiosprecher repräsentiert, der an einer Stelle über den Äther schickt: "Dernet-Lanca! Es hilft sogar gegen Zahnschmerzen..."
Gäbe es in diesem Film keinen amoklaufenden Joe Dallessandro zu bewundern, müßte er trotzdem in diesen Artikel, wegen des unglaublich albernen John-Travolta-Plakates an der Wand der Hütte, in der der Großteil des Filmes spielt. Ja, und das ist schon die erste Überraschung: Es handelt sich hier um ein Sleaze-Kammerspiel. Im wesentlichen spielen nur 4 Charaktere mit, die sich gegenseitig auf der Pelle hocken in einem idyllisch gelegenen Landhäuschen, mitten im grünsten Marschland. Einer dieser vier ist der gerade entflohene Gewaltverbrecher Luigi Bressi (Joe), den wir bereits in der ersten Sequenz gesehen haben, wie er zwei Schmerbäuche in die Grube geschickt hat. (Der eine bekommt einen schweren Felsen aufs Haupt; der andere eine Mistgabel in die Wampe.) Da er seine Beute in besagtem Haus deponiert hat, bevor er in den Kahn gewandert ist, begibt er sich in gefährlich abgasfreie Landluft.
Hier wird sein Job entschieden kompliziert durch die Tatsache, daß das Haus belegt ist: Ein Dreigestirn aus der Stadt vertreibt sich dort die Zeit mit langweiligem Geschwafel. Ein blöder Schlipsträger namens Sergio ist der Herr im Haus ("Ich schaffe es! Ich habe es immer noch geschafft!" überzeugt er sich selbst.) Seine Frau heißt Lili; deren Schwester Paola ist auch dabei, und sie ist ein loses Früchtchen. (Normalerweise finde ich die Bezeichnung "Fotze" als Schimpfwort ebenso häßlich wie unelegant, aber im Hinblick auf Schwesterherz wäre der derb-bäuerliche Begriff endlich mal angebracht.) Sie fängt nämlich gleich am Eßtisch damit an, ihren Fuß im Schritt ihres Schwagers kreisen zu lassen. Ihr Männerbild erschüttert den Pseudo-Macho Sergio: "Wenn du nicht mehr bumsen kannst, taugst du zu gar nichts mehr!"
Während die dümmlichen Städter ihre albernen Beziehungshändel austragen, beobachtet Joe geduldig von draußen. Als am nächsten Morgen Sergio auf die Jagd geht (lächerliche Kampfsportübungen inbegriffen) und Lili in die Stadt fährt, geht Joe zum Angriff über: Er überwältigt Paola und beginnt am Kamin herumzugraben. Da Paola zwar ein Luder ist, aber nicht dumm, fängt sie an, ihn anzubalzen. Zunächst bleibt sie zwar erfolglos, aber als sie zu Spielchen im Bademantel greift, ist es um Joe geschehen: Er vergewaltigt sie kurzerhand. Sie, hinterher: "Du bist gar nicht schlecht im Bett!" Das hier dargestellte Frauenbild ist nicht ganz unproblematisch...Aber sie ist halt eine Schlampe, Punkt.
Spätestens nach dieser gewaltsamen Zusammenkunft darf man über das schöne Tattoo ("Joe") auf Luigis schwellendem Bizeps spekulieren: Hat der womöglich einen Liebhaber, der so heißt? Im Kontext des Filmes sehr rätselhaft, da hilft nur ein Gläschen Dernet-Lanca.
Na ja, dann kommen noch die anderen beiden dazu, es gibt Gerangel, Sergio versucht, seine Männlichkeit zu beweisen usw. Ich denke mir das alles so: Di Leo ging es gar nicht darum, ein Gangsterdrama zu machen - er wollte das Psychogramm eines Mannes zeichnen, den sein Selbsthaß (erzeugt durch seine Homosexualität) zu Agressionen sowohl gegen Frauen als auch gegen Vaterfiguren treibt! Nein, nicht wirklich.
Der wortkarge Film (dessen expositorische Nüchternheit etwas an einschlägige französische Krimikost erinnert) ist ein extrem spekulatives Sexdrama mit einigen brutalen Szenen, das niemals wirklich inspiriert, aber auch niemals langweilt. Der Sex ist schuldbewußt-schmuddelig und gelegentlich ziemlich happig. Die Cassette riecht auch ein wenig nach Bahnhof. Macht aber nichts: Wenn man die anderen genannten Filme gesehen hat, dann wird einem auch TOY nichts mehr anhaben können. TOY ist eine recht harte Packung für Ästheten. Für Fans von Lorraine de Selle (die Frau aus Lenzis DIE RACHE DER KANNIBALEN, die dem Begriff "Hängebusen" neue Bedeutung gegeben hat; das war jetzt ein Wortspiel) hingegen ist der Film alles.
Die im Hintergrund nudelnde Rockmusik stammt von der Gruppe OSANNA, wurde komponiert von Bacalov und fand bereits in MILANO KALIBER 9 und AUGE UM AUGE (auch von di Leo) Verwendung. Die CD ist in gutsortierten Plattenläden (im Bahnhofsviertel) erhältlich...

AFFEN RASEN DURCH DEN SCHWARZWALD

Wenn Fernando di Leos TOY bereits roch, dann ist Mario Sicilianos SCORTICATELI VIVI (HÄUTET SIE LEBEND) ein Infektionsherd, ach, was sage ich, ein Hafen...
Dieser Film ist der mit an Sicherheit grenzender Sicherheit rassistischste, sexistischste und scheißeste Söldnerfilm, der überhaupt vorstellbar ist. Er tritt bei seinen Bemühungen um herbe Samstagabendunterhaltung in so ziemlich jedes Fuchsloch, das sich ihm schüchtern darbietet. Nicht zu fassen.
Hatte ich bei Aristide Massaccesis DURI A MORIRE (DIE AASGEIER KOMMEN) schon schwer geschluckt ob des zur Schau getragenen Rassenbewußtseins (das sich im weiteren Verlauf dieses überraschend unterhaltsamen Kriegsfilmes übrigens als beabsichtigte Finte herausstellt), nahm der Schluckauf bei Siciliano gar kein Ende. Siciliano drehte bis zu seinem Ableben im Jahre 1987 (eine Infektion, schätze ich) einen munteren Haufen belichteten Zelluloids zusammen, der im besten Fall brauchbare Unterhaltung darstellte (sein zweiter Film, SETTE BASCHI ROSSI, der bereits Söldnerterritorium begeht) und im schlimmsten Falle totalen Müll, der häufig auch unter Pseudonymen stattfand wie Marlon Sirko oder Lee Castle. Seit den frühen Achtzigern hat er auch einige Pornos gedreht (z.B. ORGASMO ESOTICO oder L'AMANTE BISEX), die sich handwerklich nicht sonderlich von seinem Spätwerk abheben. Sein letzter Film ist das 1984 hergestellte Selbstjustiz-Opus ROLF (DER TAG DES SÖLDNERS), das einen Fabio-Frizzi-Titelsong hat, über den sich alle Zuschauer namens Rolf freuen dürfen...
HÄUTET SIE beginnt sehr vielversprechend in einem römischen Hinterhof, wo ein blondierter Hanswurst namens Rudi (!) von einer Wagenladung tumber Türsteher in den Arsch getreten wird, daß es rumst. Mit letzten Kräften schleppt er sich dann zu einer befreundeten Bordsteinschwalbe namens Evelyn, die eine besonders ekelerregende Warze auf der Oberlippe hat und ihm 500 Dollar borgt, damit er in den Sudan flüchten kann. Dort nämlich hat sich sein Bruder Frank als Söldner verdingt. Die beiden haben dann Sex miteinander. (Also, Rudi und Evelyn, meine ich!) (Bezüglich der Warze sollte ich anmerken, daß ich mir Gräfin Etepetete von der ersten HUI-BUH-Platte genauso vorgestellt habe wie Evelyn...)
Ab in den Sudan. Dort sehen wir einen Haufen Heimatvertriebener, die alle mit viel Spaß an der Freud Kriegsverbrechen begehen. Der Umgangston ist hart aber herzlich: "Nimm' du den schwarzen Pavian mit dem Gewehr!" (Kleiner Söldnerwitz. Ein Söldner zum anderen, der gerade eine schwarze Frau vergewaltigen will: "Laß' die Pische in Ruh'!" Dann vergewaltigt er sie selber. Wer hat da gelacht?) Überhaupt hat die Behandlung von Mitbürgern anderer Hauptfarbe etwas entschieden Türsteherhaftes - "schwarze Ameisen" oder "schwarze Wärmflaschen" ist da noch das mindeste.
Kurzes Interludium. Was man Regisseur Siciliano bei alledem ganz objektiv zugutehalten muß, ist, daß er davon absieht, die Söldner in üblicher Manier als Gruppe von "Teufelskerlen" und "Himmelhunden" zu zeichnen, deren wagemutige Kapriolen zur Nachahmung animieren könnten. Stattdessen sind die Söldner der Abschaum der Menschheit, ja, der Galaxie. Ihre mangelnde Kinderstube, die sehr anschaulich demonstriert wird, kennzeichnet sie unmißverständlich als Bösewichter. Leider begeht Siciliano den Fehler und baut einige eigenständige Rassismen ein - eine geile Schlampe etwa bekocht Rudi den Völler: "Traurig, Bwana? Soll ich dich machen lustig?"; oder: "Du nicht mögen kleine schwarze Mädchen?" Wieder einmal ist eine Möglichkeit, ein antirassistisches Lehrstück zu formen, den Bach runtergegangen...
Stilistisch ist anzumerken, daß Siciliano die Metzeleien mit nimmermüder Krisengebietskamera abfilmen läßt (Gino Santini), die dem Geballer eine zwar ungeschönte, aber auf die Dauer etwas ermüdende Rastlosigkeit zukommen läßt. Kontrapunktiert wird das Landserleben von schleimigen Sexszenen im Pornostil, die einem die letzte Mahlzeit in unvorteilhafte Erinnerung rufen. Auch Flashbacks mit der Warzendame sind da wenig hilfreich. Die beträchtliche Grausamkeit des Films wird in der deutschen Fassung durch Schnitte entschärft; auch so kommt das Anliegen von Mario aber herüber.
Der bereits erwähnte Pornoeindruck wird übrigens noch von Stelvio Ciprianis Musik verstärkt, deren brillantester Einfall eine Art Pornodisco-Variante von "In-A-Gadda-Da-Vida" darstellt - wenn jemand 10000 Mark übrig hat, dann kann er die ja herausbringen. Ein Käufer wäre ihm sicher. (Damit hätte es sich aber auch schon, fürchte ich...)
Insgesamt eine Art Wehrsportübung im Behindertenumfeld, mit lauter einleuchtenden Argumenten für eine friedliche Lösung jedweden Konflikts. Seid nett zueinander. Auch zu Leuten in Uniform.

KOLONIALE SÄFTE

DIE LIEBESHEXEN VOM RIO CANNIBALE (FEMMINE INFERNALI) ist einer meiner heimlichen Favoriten im Rennen um die Dornenkrone des Frauengefängnis-Genres. Im Jahre 1979 herausgebracht, ist er auch gleichzeitig Schlußpunkt der Karriere des gelernten Juristen und Journalisten Edoardo Mulargia (aka Edward G. Muller), der seine Zukunft bezeichnenderweise in einem Sumpf pornographischer Ware untergehen sah und zum TV überwechselte. Hierzulande kennt man ihn am besten wegen seiner harten, aber profilierten Western, in denen häufig Anthony Steffen herumtollte.
Nun, auch in LIEBESHEXEN tollt Anthony Steffen herum, und zwar nicht selten in weiblicher Begleitung! Er spielt (und das gar nicht mal schlecht) den versoffenen Arzt eines am Amazonas gelegenen Lagers für straffällig (oder mißliebig) gewordene Frauen. Sein Alkoholismus ist darauf zurückzuführen, daß er es nicht ertragen kann, mit welcher Willkür die weiblichen Straftäter von ihren sadistischen Schutzbefohlenen schikaniert und mißhandelt werden. Sein verlorenener Idealismus äußert sich in der verzweifelten Liebe zu einer Sammlung verkratzter Schallplatten mit klassischer Musik, zu deren Klängen er sich vollaufen läßt wie zwei Amtmänner.
Das Lageridyll wird empfindlich gestört, als der neue Kommandant eintrudelt, ein Mr. Warden ("The warden threw a party in the county jail..."), dessen ausgesprochener Reinlichkeitsfimmel akkurater Ausdruck seines Sinnes für Recht und Ordnung ist. (Jawohl, es wird mit Symbolen gearbeitet; der Bergman unter den WIPs.) Von den Kapriolen seiner Schergen wil der Warden nichts wissen. (Luciano Pigozzi brilliert wie gehabt.)
Und das sind vielleicht Herzchen! Da macht das Zuschauen Spaß. Erster Folterknecht ist ein fieser Glatzkopf namens Martinez. Zweiter Macker von the band ist ein fieser Schnäuzer namens Louie. Und die dritte Mordbubin ist eine fiese Lesbe namens Marika. Eine Menagerie zum Knuddeln und Liebhaben!
Auch unter den Gefangenen gibt es Charaktere mit Profil. Eine äußerst kratzbürstig eingestellte Schöne namens Kate, die sowas wie den Mittelsmann zur Leitung darstellt; sie wird nicht ganz so hart angepackt. Eine schwarze Kratzbürste namens Zaire, die sich mit Kate in der Stahlwolle hat. Ein Neuzugang namens Vivienne mit Kratzbürste, die hilflos dem Strudel von gleichgeschlechtlicher Passion zum Opfer fällt...Auch gibt es eine Beknackte, die ständig mit Puppe herumläuft und Schlaflieder singt. Es wird halt kein Klischee ausgelassen. Aber wer möchte das schon in solcher Umgebung?
Im weiteren Verlauf der Festivitäten gelingt es Vivienne, ins versteinerte Herz von Dr. Alk vorzustoßen, der eine sehr halluzinatorische Sexszene mit ihr hat. Steffens Nase dringt hier in Bereiche vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Von der guten Sache überzeugt, verabreicht er den Miezen eine Art Kotzmittel, das den Warden hinreichend von der Notwendigkeit einer Quarantäne überzeugt. Die Gelegenheit zu einer Flucht ist da. Doch es gibt natürlich Schwierigkeiten...
Zahllose bizarre Szenen geben sich ein Stelldichein: Mein Favorit ist natürlich die Szene, in der Ajita Wilson (Ex-Mann, deren gelegentliche Teilnahme an Pornos wohl als die ultimative Erfolgsmeldung ihrer Operation gewertet werden kann) von zwei Fiesen mit vorgehaltener Giftschlange zum Koitus gezwungen werden soll. Ajita hat darauf überhaupt keinen Bock, beißt der Schlange den Hals ab und spuckt ihn ihren Besatzern ins Gesicht! Fantastisch...Auch sehr gut gefällt mir die Szene, in der Mr. Warden (da keine Platten vom King zur Hand sind) die LPs von Steffen als Staffage für eine Folterei benutzt und dieser, schwer getroffen, seine Platten lieber eigenhändig zerbricht, als sie für solche Zwecke zur Verfügung zu stellen. Es gibt viel Brutales zu sehen. Die spekulative Grundhaltung ist auch in Bezug auf die Zurschaustellung nackten Fleisches durchaus gegeben. Fein. Den Germanisten in mir entzücken Sätze wie "ICH entscheide hier, wer mit wem lesbelt!"; den Sexisten in mir Szenen, die offensichtlich Hardcore gedreht wurden und auch in der deutschen Fassung noch recht saftig sind; den Südamerikafan in mir die Musik von Marcello Giombini.
Das Begleitwerk zu diesem Spektakel ist übrigens DAS FOLTERCAMP DER LIEBESHEXEN, dessen Sexgehalt noch saftiger ist als der von RIO CANNIBALE; selbst Luciano Rossi, der die Pigozzi-Rolle besetzt, hat (in der O-Fassung) eine Rammelszene! Auch wird auf die Revolutionspauke gehauen, was den Film sehr in Westernnähe rückt. Steffen auch dort mit von der Partie. Same goes for Ajita.
Beide Filme sind noch in anderen Fassungen erhältlich: FOLTERCAMP als SCHWARZE NYMPHOMANIN IM SKLAVEN-CAMP (was für ein Titel!) mit entschärfter Gewalt, aber zusätzlichem Material! LIEBESHEXEN hat man mit Linda-Blair-Gemurkse verknöpert und als SAVAGE ISLAND auf die Reise geschickt. Hier bin ich Schwein, hier darf ich sein...

SCHÖNE GEISTER VON SCHÖNGEISTERN

Ja, die Freuden des Fleisches sind etwas, dessen man im Schattenreich entbehren muß. Wie schön und trostreich ist es doch, daß es die Kunst gibt, die es dem Betrachter bekanntlich ermöglicht, sich über bestehende Mißstände zu erheben und den Naturgesetzen zu trotzen! Die diesbezügliche Hybris des Andrea Bianchi ist schon in DIE RACHE DES PATEN angedeutet worden; ihre Vollendung aber erfährt sie in KOMM UND MACH'S MIT MIR (MALABIMBA, 1980), dem vermutlich außergewöhnlichsten Film seiner Karriere. Eine tickende Zeitbombe.
MALABIMBA beginnt mit schöner Musik (von Berto Pisano, aus Massaccesis MÖRDER-BESTIEN geklaut!), die dann ohne Vorwarnung vom Vorspann zu einer Seance überleitet, der sämtliche Schneidezähne gezogen sind! Die verbleibenden Backenzähne mahlen auf einer göttlichen Zusammenstellung von Knallchargen herum, die alle bedeutungsvoll kucken und versuchen, Kontakt zur toten Daniela herzustellen. Das kulleräugige Medium (könnte das Demofilo Fidani sein? der macht jetzt so was...) beginnt aber mit fremder Zunge zu sprechen, die reichlich gespalten ist: Es hagelt Gossensprache.
Da die Kontaktnahme, scheint's, gescheitert ist, macht man sich intern Gedanken über die Zukunft des Familienclans. Der Witwer Andrea (alter ego des Regisseurs?) ist ein schnauzbärtiger Hanswurst, der keine Heiratsabsichten hat und Potenzprobleme. Sein Bruder Adolfo vegetiert nach einem Schlaganfall in der Gegend herum und wird von seiner Mischpoke liebevoll als "die Statue" bezeichnet. Dessen Frau Niz ist nymphoman, hat dicke Titten und wird von Patrizia Webley gespielt. In ihrer Funktion als Schlampe baggert sie Andrea an, der zwar schon Lust hätte, aber auch Angst vor der eigenen Blamage. Von allen vergessen, hausiert auch die minderjährige Wanja in einem Kinderstübchen voller grotesker Spielzeuge, bei denen JEDES Kind schwer einen an die Waffel bekommen würde. Sie hat derzeit sowieso mit Pubertätsgespenstern zu kämpfen. Und mit ganz konkreten, wie sich herausstellt, denn der Geist einer Urahnin, Lucrezia Borgia (!), ist in ihren knospenden Körper gefahren, und die war eindeutig TN! In Windeseile beginnen dann alle, den Gashahn aufzudrehen: Die Betten biegen sich und knirschen, daß es nur so eine Art hat.
Ach, ist das schön! Ich verehre diesen Film. Zwar ist er handwerklich eine ähnlich leere Hose wie die von dem Schnauzbart, aber er ist konsistent vergnüglich, vollgestopft mit unglaublichen Details und hat ein absolut geniales Sleaze-Drehbuch von Piero Regnoli, das sich die Mühe macht, seine Charaktere mit drolligen Motivationen auszustatten, die wirklich niemand erwartet hätte. Die geile Niz beispielsweise entpuppt sich als Klassenkämpferin, die etwa Borowczyks LA BETE zur Ehre gereicht hätte: "Ihr seid eine Bande von dreckigen Salonschweinen!" faucht sie ihren Verwandten am Eßtisch (wo sonst?) zu, die sie auch als "Heuchler" und "Parasiten" bezeichnet. Schlampes Mund tut Wahrheit kund.
Auch als Wanja die Räubertochter vom Tourette-Syndrom gepackt wird und unfreiwillig Obszönitäten absondert, daß die Schamschwelle glüht, wird das exorzistische Vorbild in gewisser Weise übertrumpft: Die betretenen Gesichter der aristokratischen Brut machen Freude und lassen einen das schmierige Spiel und die wackelnde Kamera vergessen.
Speaking of Spiel: Produzent Gabriele Crisanti, der seine damalige Freundin Mariangela Giordano in zahllosen Sleazern untergebracht hat wie GIALLO A VENEZIA und PATRICK LEBT, läßt sie hier die einzige wahrhaft dramatische Rolle übernehmen: die einer Nonne, die von den lüsternen Avancen des forschen Balgs in transzendentale Obdachlosigkeit gestoßen wird. Ihr Schicksal ist fürwahr tragisch. Fürwahr. Sehr reizend aber, die Dame.
Auch die Webley gibt Vollgas. Nachdem sie bei den ersten Versuchen, Andrea zu umgarnen, auf taube Nüsse gestoßen ist, muß er schließlich mit wehenden Hosen kapitulieren: Ihre Pracht ist zuviel für einen einzelnen Mann. Und dieser Mann...ja, Adolfo! Was meint Ihr wohl, wo der Gelähmte untergebracht ist? IM KELLER!!! Ein absolut genialer Schachzug des Filmes. Die Szene, in der die frühreife Nymphe eine sehr eigenwillige Art von Bewegungstherapie mit dem Blutsverwandten durchführt, gehört zu den wenigen erotischen Szenen, die Bianchi in seiner Laufbahn hinbekommen hat. Überhaupt sind die erotischen Szenen in fast schon francoesker Manier ausgewalzt bis zur völligen Erschlaffung und machen auch vor Hardcore-Inserts nicht halt, die der deutschen Fassung bizarrerweise vollständig erhalten geblieben sind! Man kann nur darüber spekulieren, ob das wirklich die Webley ist, leider. Auch der Mund in einer anderen Szene bleibt ins Dunkel der Anonymität gehüllt. Und...
Na ja, aber es geht uns ja mehr um die dramatische Wucht der Ereignisse! Und in dieser Hinsicht ist MALABIMBA ein Gnadenhammer! Die Synchronisation wurde von Uwe Schier übernommen, der uns fast alle italienischen Sexkomödien der späten 70er geschenkt hat, deren Sprecher hier auch wiederzuerkennen sind. Noch schöner wäre es freilich, wenn auch die gleichen Darsteller mitgemacht hätten, aber man kann nicht alles haben...
Übrigens wurde der Film 2 Jahre darauf quasi-neuverfilmt, echt wahr! Wieder Crisanti-produziert, wieder mit der Giordano, wieder mit Regnoli-Script. Wieder mit Hardcore. Titel: LA BIMBA DI SATANA. Regisseur:...na, na?...MARIO BIANCHI!!! Der Kreis schließt sich...

DAS LETZTE HAUS RECHTS

Ich habe schwere ideologische Wolken um die Ecke schieben müssen, um zu entscheiden, daß LA CASA SPERDUTA NEL PARCO (DER SCHLITZER) doch in den Artikel soll. Denn obwohl ich den Film ganz exzellent finde und sogar recht interessant, halte ich ihn doch für einen massiven Kotzbrocken. Und Ruggero Deodato (der diesen Film nicht so sehr schätzt) ist ein so guter Regisseur, daß ich endlich mal einen wirklich guten Film von ihm besprechen möchte. Na, vielleicht beim nächsten Mal...
Von Haus aus handelt es sich hier (ähnlich wie bei Aldo Lados großartigem NIGHT TRAIN MURDERS und Ferdinando Baldis trashigem HORRORSEX IM NACHTEXPRESS) um eine weitere Bearbeitung des besten Wes-Craven-Films. Mit LAST HOUSE ON THE LEFT teilt LA CASA den Hauptdarsteller David Hess, der seine Sleaze-Charaktere auch in zahlreichen Italo-Produktionen gegeben hat. (Ein sehr gutes Beispiel ist auch Festa Campaniles DER TODES-TRIP, ebenfals HOUSE-beeinflußt.)
Hier mimt Hess einen sozialen Underdog, der zusammen mit seinem geistig minderbemittelten Freund Ricky, der völlig unter seiner Fuchtel steht, nach einer Party sucht. Die Suche scheint von Erfolg gekrönt zu sein, als sie die Bekanntschaft von Tom und Annie machen, zwei "dumb rich kids", die Bekannte in New Jersey besuchen wollen. (Nein, nicht Bruce Springsteen. Obwohl das sehr lustig geworden wäre, wenn David diesem Working-Class-Verräter einen Ring durch die Nase gezogen hätte...) David und sein Freund lassen sich von den beiden Doofies kurzerhand einladen.
Erst einmal eingetroffen, werden die schlimmsten Erwartungen bestätigt: ein Alptraum geschmacklosen Vorstadt-Chics, steril und vor Überflüssigem strotzend. Die Reichen beginnen dann damit, Davids Freund zu veralbern, indem sie ihn sich gewaltig zum Horst machen lassen. David gefällt das überhaupt nicht; aber seine Libido lenkt ihn ab. Annie Belle hat nämlich ein Auge auf ihn geworfen, spitzt ihn an bis zum Umfallen und läßt ihn dann stehen. Als Ricky von den reichen Schnöseln noch beim Pokern ausgenommen werden soll, platzt Hess der Kragen: Er wird massiv. Erst haut er dem Macho-Crack der Gruppe ("Es macht einen Unterschied, ob man seine Kampfstärke auf der Straße oder beim Survivalist-Training im Fernsehen erworben hat!") die Schnauze blutig. Dann läßt er seinen lallenden Freund die Pokerspieler ausnehmen. Dann beginnt die Party.
Ja, was Drehbuchautoren Gianfranco Clerici und Vincenzo Mannino an Klassenkampfmaterial eingebracht haben, ist schon ganz beeindruckend. Auch schafft Deodato es mit einer sehr geschickten Inszenierung (viele handgehaltene Einstellungen, die mit den mondänen Plastik-Sets kollidieren), dem bereits reich detaillierten Drehbuch zusätzliche Spannung zu verleihen. Der Film ist streckenweise fast unerträglich enervierend.
Hier liegt auch mein persönlicher Vorbehalt gegen den Film: Er kostet die jeweiligen Grausamkeiten dermaßen ausgeklügelt aus, daß der Film seine Unschuld verliert und einen ziemlich gehässigen Ton anzunehmen beginnt. Das Thema tritt irgendwann in den Hintergrund, wird der Exploitation von Sex und Gewalt geopfert. Natürlich geht es genau darum in diesem Artikel, ja doch. Aber es geht eben auch darum, daß man diesen Filmen mit einem gewissen Maß an entwaffnender Distanz gegenübertreten kann. Und genau das ist bei LA CASA vollkommen ausgeschlossen: Er ist zu gut gemacht, seine selbstzweckhaft überbetonten Szenen haben keinen lustvollen Bahnhofsgeruch, sie tun wirklich weh. Anders etwa als bei NACKT UND ZERFLEISCHT, dessen ungeheure Grausamkeit immer ein Statement zu machen scheint (kein nettes), wird man von LA CASA schutzlos in den Krallen eines ekelhaften Wahnsinnigen allein gelassen. Um das Cover von BEAST CREATURES zu zitieren: "Die Schrecksekunden dauern minutenlang!" Und der Hess spielt überzeugend, der ist für diese Rollen geboren! (Sein Kumpel Ricky wird gespielt von dem gleichsam auf Psychorollen abonnierten Giovanni Lombardo Radice alias John Morghen, der ebenfalls die Sirenen heulen läßt!)
Mein Problem bei diesem Film ist, daß ich ihn einerseits sehr liebe (da ich ihn wirklich für gute Spannungsware halte), andererseits aber regelmäßig von ihm abgestoßen werde. Vielleicht ist das etwas unreflektiert, deshalb wollte ich ihn ja auch nicht in den Artikel packen. Aber es soll sich jeder seinen eigenen Eindruck von dem Film machen. Nur sollte er dann auch wissen, daß der Film Zähne besitzt.
Es ist lange her, daß ich die deutsche Fassung gesehen hab. Ich glaube, in ihr fehlt zum einen eine Anfangssequenz, in der Hess eine Frau vergewaltigt; auch ist eine äußerst unerquickliche Szene mit einem Rasiermesser stark gekürzt. Die expliziten Grausamkeiten beschränken sich auf nur wenige Szenen; diese hinterlassen aber einen Eindruck, der den ganzen Film über anhält. Die Schlußabrechnung mit Hess' Sadisten ist übrigens kein reines Abreagieren von im Zuschauer erzeugten Haßgefühlen, auch wenn das gerne behauptet wird; dazu werden die Reichen viel zu unsympathisch und rattenhaft gezeichnet. Ein sehr unbequemer Film, der keinen Spaß bereitet, aber nachhaltig beeindruckt.

THROUGH THE LOOKING-GLASS

FOLTERGARTEN DER SINNLICHKEIT ist einer jener Filme, die in der deutschen Fassung nicht mehr allzu viel mit dem Original gemein haben, das in diesem Fall lautet: EMMANUELLE E FRANCOISE: LE SORRELINE. Im Jahre 1975 entstanden, ist dies der erste einer langen Reihe von Sexfilmen und Pornos, die Aristide Massaccesi aka Joe d'Amato nur noch selten unterbrechen sollte. Vorher betätigte er sich in verschiedenen Genres, z.B. dem Western und dem Kriegsfilm. In dieser Zeit machte er auch seine beiden (wie ich finde) besten Filme: den superbizarren DIE MÖRDER-BESTIEN (ein Horrorfilm; das einzige Mal, daß Massaccesi mit eigenem Namen gezeichnet hat) und den teilweise surrealen CANTERBURY NO.2 (ein frivoler Episodenfilm in Anlehnung an Pasolini).
EMMANUELLE hat nichts zu tun mit der BLACK-EMMANUELLE-Reihe, die sowohl Laura Gemser als auch Massaccesi bekannt machen sollte. In diesem Film erzählt er die haarsträubende Geschichte eines Schwesternpaares, das durch den Selbstmord der einen auseinandergerissen wird. Francoise ist nämlich dem drittklassigen Machoschauspieler Carlo verfallen, der ihre Hörigkeit für eigene Zwecke ausnutzt. An ihr selber ist er kein bißchen interessiert; dafür hat er jede Menge Schulden. Als Francoise ihn dann auch noch mit einer anderen erwischt, ist das Maß voll: Sie wirft sich vor einen Zug.
Ihre Schwester Emmanuelle, die als emanzipierte Frau (hust!) vorgestellt wird, weiß um die Geschichte: Sie will die Blutwurst. Bewerkstelligen tut sie dies, indem sie sich dem maroden Mimen nähert, an seine Männlichkeit appelliert und dann zuschlägt. Erst betäubt sie ihn, dann schleppt sie ihn in ein schalldichtes Gefängnis, wo sie ihn ankettet, und foltert ihn dann auf maliziöse Weise mit seiner eigenen Potenz: Sie dreht den Spieß um, könnte man sagen...
Obwohl der erste Teil bereits recht gut erzählt wird, ist der Clou doch der horrible zweite Teil, in dem Massaccesi total die Sau rausläßt: surreale Alptraumbilder zuhauf. Leider ist die deutsche Fassung von Erwin C. Dietrichs Verleih essentiell verändert worden, indem man flugs ein paar (an Hardcore grenzende) Sexszenen dazubastelte und den horriblen Anteil entsprechend verminderte. In der Originalfassung taucht Brigitte Lahaie natürlich nicht auf. Dafür beginnt der gebrochene Macho Carlo irgendwann ganz böse zu delirieren. So gibt es im Original eine Szene, in der er sich vorstellt, wie er Emmanuelle umbringt: nur bizarre Einstellungen, schnelle Schnitte und grelle Ausleuchtung. Während eines Dinners, das Emma für reiche Freunde gibt, verwandelt sich das ekelhafte Schmatzen der Münder in Nahaufnahme, wie sie sich Hähnchenschlegel etc. durch die Visagen ziehen, in ein Massaker, in dem die Gäste an abgetrennten Gliedmaßen herumschlingen und -würgen. "The rich eat you!", einmal ganz anders! Massaccesi mal gesellschaftskritisch, es geschehen noch Zeichen und Wunder...
Auch hat der Film im Original andere Musik als die von Walter Baumgartner, die meist nach spätem Edgar Wallace klingt und den düsteren Vorgängen nun gar nicht gerecht werden will. Ebenso störend sind die andauernden "Scharfmacher"-Inserts, die in zahllose Szenen hineingeschnitten werden. Hauptdarstellerin Rosemarie Lindt bekommt da Körper zugeschustert...na ja. George Eastman, hier ohne Bart, gibt eine seiner besseren Leistungen zum besten. Am Schluß ist sein Charakter nur noch einen Kopf größer als ein Setzei. Überhaupt, der Schluß ist ein ziemlicher Schocker. In der deutschen Fassung wurde auch hier herumgepfuscht, aber die Pointe wird noch sonnenklar und ist hübsch abgründig.
Dieser Film, der auf Video auch unter dem Titel DIE LADY MIT DER PUSSYCAT (!) herausgebracht wurde, ist die Art von Film, wie Massaccesi sie heute nicht mehr herstellt. Mittlerweile ist er ja wieder zum Hardcore zurückgegangen, u.a. mit einem Film über die Sexabenteuer von Marco Polo! Ein anderer Film befaßt sich mit den libidinösen Scharmützeln des Lianenschwingers Tarzan, Titel: THARZHARD! Demnächst in dieser Videothek...

P.S.: Ich möchte noch darauf hinweisen, daß in den Vereinigten Staaten von Amerika eine 15-Minuten-Kassette herausgekommen ist, die die ehemalige Eiskunstläuferin Tonya Harding zusammen mit ihrem mittlerweile (aus Gründen, die der Fachpresse zu entnehmen waren) im Knast sitzenden Freund Jeff bei fröhlichen Freiübungen zeigt, die demonstrieren, daß es eindeutig ein Leben nach dem Tode geben muß. Der Titel dieses schönen Partytapes ist TONYA'S AND JEFF'S WEDDING NIGHT.
P.P.S.: Last but least noch ein schöner Pornotitel, der vielleicht eine schöne Anregung für die kommenden Festtage sein könnte: FRESSEN, FICKEN, FERNSEHEN - ZUSTANDSBESCHREIBUNG EINER NATION!

Frohes Fest! Allen Lesern dieses Magazines wünsche ich einen dicken Sack mit vielen Geschenken drinnen. Nehmt Euch vor alten Männern mit Rute in acht. Seht viele Filme, kauft Euch die "Butthole Surfers"-Weihnachtsplatte und zündet eine Kerze an für Tonya und Jeff.

Der Artikel wurde ursprünglich Dezember 1994 veröffentlicht in der Splatting Image Nr. 20.

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