WIR LEBEN IN DER SESAMSTRASSE

Einleitung

Wie viele Erwachsene mögen es wohl schon sein, die die Puppenwelt des Jim Henson als prägenden Einfluß für ihre Menschwerdung erkannt haben? Viele sicherlich, denn die schillernde Vielfalt der "Sesamstraße" hat es niemals schwer gehabt, sich in die Herzen der Menschlein und Menschleininnen hineinzuklamauken. Zehntausende sind es mit Leichtigkeit, die sich an die Beziehungprobleme des vielleicht berühmtesten Homosexuellenpaars des deutschen Fernsehens, Ernie und Bert, erinnern; an die Kapriolen des unersättlichen "Krümelmonsters"; an den nimmermüden Forschergeist des wagemutigen Professor Hastig!

Nicht nur der Erfolg der bald keimenden Merchandising-Produktion - tatsächlich kann die "Sesamstraße" als Pionier in diesem mittlerweile nicht mehr aus der Filmwelt wegzudenkenden Geschäftszweig gelten - läßt den ungeheuren Einfluß aufdämmern, den diese Vorschulserie auf die noch von geringer Weltkenntnis getrübten Gemüter unschuldiger Wesen ausgeübt hat. Die Liebe, die in den Augen derer aufschimmert, mit denen man sich über die bunten Freunde aus Kindertagen unterhält, spricht gewiß Bände. Schließlich sind es die ersten Einflüsse, die dem Menschen charakterlich den Weg ebnen für den schweren Gang durchs Leben.
Sicher, nur wenige Erwachsene beschäftigen sich mit der Serie noch in ihren reiferen Tagen. Viel erfolgreicher wird man da sein, wenn man nach erwachsenen (und halberwachsenen) Freunden der Entenhausen-Gang fahndet; die leicht wiederzuerkennende Realität in den Abenteuern von Donald, Dagobert und Konsorten wie auch der fehlende didaktische Zeigefinger machen die Entenschar zu einer wesentlich beliebteren Identifikationsquelle für Kinder im Geiste.

Aber letztlich ist es doch gerade diese auf Vorschulniveau zurechtgestutzte Scheinwirklichkeit, dieses Herumjonglieren mit vermeintlich wertvollen Zutaten für eine glückliche Kindheit, die aus der "Sesamstraße" nicht nur einen erzieherischen Leckerbissen werden läßt, sondern sogar ein surreales Reich der Träume, in dem sich - zwischen den Zeilen, sozusagen - die gesellschaftlichen Verhältnisse der Siebziger, Achtziger und nun sogar der Neunziger wiederfinden. Mit spielerischer Bedenkenlosigkeit werden hier die Sorgen und Nöte der Erwachsenen ebenso laut wie die privaten Obsessionen der Serienschöpfer. Daß diese schonungslose Preisgabe der eigenen Individualität häufig Züge einer ganz und gar nicht kindgerechten Unterhaltung annimmt, ist nur oberflächlich besorgniserregend, denn auch wenn die Kinder Persiflagen auf die Erwachsenenwelt sicherlich intuitiv erfassen, so scheint es doch eher fraglich, ob sie in der Lage sind, aus den munteren Späßen Erkenntnisse herauszufiltern, die für ihre Altersstufe von Nachteil sein könnten.

Selbstverständlich darf man auch nicht die populäre Erwachsenenvariante der Puppensendung vergessen, deren Etablierung in den späten Siebzigern einem ausgesprochenen Geniestreich Jim Hensons gleichkommt, der hier den Subtext der älteren Sendung an die Oberfläche treten läßt, was Möglichkeiten zur kritischen Auslotung anbietet. Die "Muppet-Show" ist also etwas, zu dem man sich als Erwachsener lieber bekennt als zu den unschuldigen Vorabendfreuden der trauten Kinderzeit.

In diesem Buch sollen einige der verdeckten Abgründe der "Sesamstraße" aufgehebelt werden. Danach wird versucht, die hierbei erreichten Erkenntnisse in den differenzierteren Kontext der "Muppet-Show" einzugliedern. Dieses Vorhaben soll aber keinen denunziatorischen Charakter besitzen; es entspringt lediglich der großen Liebe, die der Autor seit jeher für diese Puppen hegt, die die Entwicklung der modernen Gesellschaft sicherlich weit mehr gesteuert haben als etwa der ehrenwerte Herr Bettelheim. Und letztlich ist diese gründliche Ursachenforschung auch ganz im aufklärerischen Sinne der Sendung. Merke: "Wer nicht fragt, bleibt dumm!"

Erster Teil

WER, WIE, WAS

(oder: Sesam, öffne dich!)

1. ERNIE + BERT

Ohne Frage die ausgesprochenen Stars der Sesamstraße sind die kugelköpfige Stimmungskanone Ernie und sein karottenförmiger Mitbewohner Bert. Während irgendwelche Randtableaus der Sendung (wie etwa die unvermeidliche Susanne Klickerklacker oder das alte Spiel "Eins-von-diesen-Dingen-paßt-nicht-zu-den-andern") von den kindlichen Konsumenten meist nur mit fatalistischer Demut "mitgenommen" werden, sind es doch eher die Streiche des seltsamen Paares, die das Interesse des Publikums erregen und die Zuschauerschaft bei der Stange halten.

Es fällt schwer, zu sagen, was genau es ist, das die Ernie-Figur so attraktiv für Kinder macht. Impliziert in dieser Fragestellung ist natürlich bereits, daß es nicht Bert ist, der die Aufmerksamkeit fesselt. Aber nicht einmal der unseriöseste und nach billigen Sensationen schielende Trendpsychologe würde sich wohl ernsthaft zu der Behauptung versteigen, daß das Zentrum der Sketche der puschelköpfige Bert sei. Sein verdientes Schicksal wäre wohl in jedem Fall Gelächter und hernach die Vergessenheit.

Nein, Ernie ist der Macher, der "Doer". Ihm entspringt die Initiative, die viele der oftmals zu Klassikern gewordenen Sketche zu Kleinodien humoristischer Fernsehunterhaltung hat werden lassen. Sein (häufig gewollt erscheinendes) Fehlverständnis der Wirklichkeit und seine mangelhaften Kenntnisse der Naturgesetze zwingen den armen Bert nicht selten in zutiefst prekäre Situationen, in denen Ratio gegen Irratio in den Kampf zieht und Letztere nicht selten den Sieg davonträgt.
Es ist wohl nicht zu weit davongedacht, wenn man den gebeutelten Bert als Autoritätsfigur betrachtet, als Elternersatz, sozusagen. Daß diese Autorität nahezu machtlos ist gegenüber der fast schon subversiven Unvernunft Ernies, legt nur Zeugnis ab von der Zeit, in der diese Serie entstand. Als bekannt vorausgesetzt werden darf die Tatsache, daß Henson und seine Mitschöpfer Produkte der 68er-Generation sind: Der "Flower-Power"-Geist findet sich nicht nur in Gestalt der späteren "Muppet-Band" wieder (geleitet von dem vortrefflichen Dr. Goldzahn), sondern auch im ausgelassenen Umgang mit solchen Respektspersonen wie Eltern oder Polizisten. Wenn der "Rebell" Ernie seinen Freund zur Weißglut treibt, dann hat dieses Verhältnis etwas von einem trotzigen Kleinkind zu seinem genervten Vater, der viel lieber den Kulturteil der Sonntagszeitung studieren würde, als dem Produkt seiner Lenden zu zeigen, wie etwa ein Wankelmotor funktioniert.

Es ist freilich eine etwas gehässige, ja sogar leicht demagogische Idee, diesem Bert die schlechten Karten zu geben. Er ist, bei Lichte betrachtet, ein rechter Langeweiler. Seine Farblosigkeit spiegelt sich nicht nur in der totalen Humorlosigkeit, mit der er den extravaganteren Einfällen seines Kumpels begegnet, sondern auch in dem höchst geschmacklosen Stil seiner Kleidung. Während Ernies Äußeres meist von satten Rottönen dominiert wird (und somit auf eine dem Leben zugewandte Wesensart hinweist), lassen Berts labbrige Gelbtöne nur spießiges Zweckdenken erahnen. Ernies Natur, so entsteht der Eindruck, ist die eines Bohemiens, eines Weiter- und Querdenkers, der zwar häufig an die Grenzen der Konvention stößt, aber dafür auch mitten im Leben steht. Mit ihm möchte man gerne ein Glas Bier trinken gehen, während Bert als Trinkpartner denkbar ungeeignet erscheint: Er ist genau der Typ, der nach zehn Minuten anfängt, von seinen letzten Sommerferien in Finnland zu berichten. Ein Quadratkopf in Möhrenform.

So ganz frei von mitleidserzeugenden Eigenschaften ist bei aller Häme die Figur des Bert natürlich nicht. Es ist schon ganz bewundernswert, mit welcher Geduld dieser Durchschnittsbürger die Attacken des Dreikäsehochs Ernie erträgt. Nicht umsonst bleibt er so lange bei ihm wohnen. Doch: Ist diese Sturheit, dieses Ausharren auf längst verlorenen Schlachtfeldern, wirklich bewundernswert, ein edler Charakterzug? Oder handelt es sich hier nicht viel eher um eine angedeutete charakterliche Untiefe, die Bert für aufgeschlossene Zuschauer als moralisch zutiefst ambivalente Person enttarnen soll?

Obwohl Sexualität im Mikrokosmos Sesamstraße konsequent ausgeklammert wird - oberflächlich zumindest -, spielt sie doch in einer tieferen Betrachtung eine ganz entscheidende Rolle. Ob die Macher der Serie diese Zeichen bewußt gesetzt haben oder ob sie ihnen quasi unterbewußt entglitten sind, ist kaum zu entscheiden und spielt auch gar keine Rolle. Deutlich wird, wenn man das partnerschaftliche Verhaltensmuster von Ernie und Bert analysiert, daß ihre Beziehung eindeutig sadomasochistische Züge trägt!

Wenn man die Möglichkeit einer sexuellen Deviation einräumt, wird so vieles auf einmal sonnenklar: Etwa die bereits angesprochene Beharrlichkeit, mit der das ja von intensiven Spannungen gezeichnete Verhältnis der beiden die Zeitläufte überdauert. Oder auch die zutiefst unnatürliche Betonung von Fetischinstrumenten (wie etwa dem berühmten Quietscheentchen), die von Ernie bewußt eingesetzt werden, um dem farblosen Bert Emotionen zu entringen. Auch wenn diese Emotionen häufig zu nicht viel mehr führen als einem langanhaltenden nasalen Stöhnlaut von seiten Berts, so bedarf es doch keiner allzu legendären psychologischen Feinfühligkeit, um den Sturm der Gefühle auszumachen, der im Herzen des Möhrenmannes tost!

Vielleicht erscheint der schon wiederholt vorgekommene Vergleich Berts mit einer Möhre dem Leser als wenig stichhaltig. Möhren sind doch orange, könnte er etwa berechtigterweise einwenden. Trotzdem ist die Gestalt Berts unzweifelhaft die einer aufrecht stehenden Möhre, was vom Puschel auf seinem Haupt nur unterstrichen wird. Daß die Farbe eine andere ist, läßt sich nur auf einen Farbcode zurückführen, dessen sich die Puppenmacher bedient haben.

Wofür steht die Farbe Gelb? Nun, wenn man bereit ist, die Möglichkeit einer widernatürlichen Verbindung zwischen Ernie und seinem Zimmergenossen anzuerkennen, dann erscheint auch die Kluft zwischen Form und Farbe als durchaus überbrückbar. Noch subtiler kann man eine Deviation eigentlich nicht andeuten.
Daß freilich die gewählte Farbe Gelb ist und nicht etwa Blau oder Braun, läßt verschiedene Schlüsse zu:

1. Im englischen Sprachraum bezeichnet man Feiglinge gerne als "yellow". Die Farbe Gelb entspricht also Berts devoter Wesensart. Auch andere Konnotationen der Farbe sind fast durchweg negativ und finden ihre Entsprechungen in Berts Charakter. (Siehe auch Redensarten wie "gelb vor Neid sein" oder "mit Zitronen handeln".)
2. In Bezug auf die schon angedeuteten sexuellen Vorlieben Berts könnte man die Farbe als Konkretisierung eben dieser begreifen (NS).
3. Es besteht die Möglichkeit, daß Bert an der häufig mit Drogenkonsum assoziierten Krankheit Hepatitis (Gelbsucht) leidet. Dies würde u.U. auch seine gelegentlichen Anfälle apathienaher Schlaffheit erklären.
4. Bert hat einfach keinen Geschmack.

Vielleicht führt es aber auch zu weit, den Formen und Farben einen überwertigen Symbolcharakter zuzuschreiben. Es ist aber im Freizeitverhalten der beiden Fernsehstars nur allzu offenbar, daß diese widersprüchlichen Charaktere etwas bindet. das jenseits des rein Zwischenmenschlichen stattfindet. Mehr noch, es wäre sogar eine grobe Fahrlässigkeit gegenüber den eigenen Kindern - gerade eingedenk der Fragen, denen man sich als Erziehungsberechtigter ausgesetzt sehen könnte -, wenn man die offensichtlichen Vorgänge ignorieren würde. Man täte weder sich noch seinen Kindern hiermit einen Gefallen, wenn man den tiefergehenden Implikationen von Berts baumelnden Stummelarmen oder seiner eindeutig gehemmt-repressiven Aussprache aus falsch verstandener Dezenz aus dem Wege gehen würde.

In eigener Sache möchte ich gleich hinzufügen, daß es mir fern läge, Ernie und Bert für ihre gelebte Sexualität anzuprangern. Gerade in aufgeklärten Zeiten wie den heutigen ist es unsinnig, Bewertungen menschlichen Beisammenseins vorzunehmen. Vielleicht liegt sogar eine höhere Moral in dieser glücklichen Konstellation zweier gesellschaftlicher Außenseiter, eine Lektion, die seinen Kindern nahezubringen Freude und Stolz eines jeden Erziehungsberechtigten sein sollte. Statt Außenseiter zu schassen, sollte man sich lieber bemühen, über seinen eigenen Zaun hinwegzublicken und die Welt zu begreifen als das, was sie ist: ein Kaleidoskop von funkelnder, schillernder Pracht und Vielfalt. Nur fanatisierte Moralisten mit besonders engem Herzen könnten die Sesamstraße als dampfenden Sündenpfuhl mißverstehen.

2. KRÜMELMONSTER

Ein weiterer Favorit in der Zuschauergunst ist das berühmte Krümelmonster, im folgenden Krümel genannt. Dieses mit einem blauen Pelz ausgestattete Monster nicht feststellbaren Ursprungs tut sich vor allem durch seinen nicht stillbaren Hunger hervor. Dabei verlangt das Ungetüm nicht irgend etwas; es will Kekse.
Hier bietet sich ein weiterer Vergleich mit den Kollegen aus Entenhausen an: Während in Entenhausen sämtliche Einwohner Gattungsmerkmale populärer Tiersorten aufweisen - etwa Enten, Mäuse oder Hunde -, treiben sich in der Sesamstraße viele Mischlinge herum, die zoologisch nicht so ohne weiteres zuzuordnen sind. Im Falle Krümels hat es der Zuschauer mit einem amorphen Kompendium schlechter Eigenschaften zu tun. Allen voran die Freßlust.

Tatsächlich ist Krümels auf den ersten Blick eingleisig orientierter Charakter ein ausgesprochen komplexes Bündel moderner Mißstände, eine treffende Abbildung der sinnlosen Konsumprasserei im späten Kapitalismus. Seine Gefräßigkeit ist ein Primärimpuls, bei dem jedes Eingreifen zwecklos ist. Ja, der Störenfried, der sich ihm in den Weg stellt - so empfindet der Zuschauer - muß befürchten, selber der hemmungslosen Gier Krümels zum Opfer zu fallen. Daß das Monster hierbei durch relativ kuschelige Gestaltung auffällt - wohl im Hinblick auf das Zielpublikum - und kein nennenswertes Zahnwerk mit sich führt, sollte den Beobachter nicht beirren in seiner Beurteilung: Der nackte Konsumwahnsinn des enthemmten Monsters kennzeichnet es (ihn?) als moralischen Werten abhold.

Wichtig in dieser Hinsicht ist die besondere Limitierung, die sich das Wesen auferlegt. Denn Krümel ist nicht an allem interessiert, was ihm in die Quere kommt. Stattdessen verlangt es mit diktatorischer Monotonie, daß man ihm Kekse serviert. Daß er einer geregelten Arbeit nicht nachzukommen scheint, kennzeichnet ihn als asoziales Geschöpf, das seine Forderungen an die Umwelt in erster Linie erhebt, um seine Mitmenschen zu drangsalieren. Ihn interessieren nicht die Kekse; was ihn bewegt, ist ein unbedingter Herrschaftsanspruch, den er sozusagen kulinarisch formuliert.

Warum nur haben Henson und seine Leute solch ein Ungetüm auf die Menschheit losgelassen, noch dazu eines, das dermaßen frei zu sein scheint von allen bejahenswerten Zügen?

Nun ist es ja nicht so, daß Krümel an sich ein schlechter Mensch bzw. ein schlechtes Monster wäre! An der Oberfläche haften ihm sogar einzelne liebenswerte Züge an, wie z.B. seine Loyalität gegenüber Ernie (obwohl man nie das Gefühl hat, daß Krümel lange überlegen müßte, wenn er sich zwischen dem homophilen Kugelkopf und einer Packung Butterkekse zu entscheiden hätte!) oder seine zugegeben flauschige Erscheinung. Auch ist die wundervolle Baßstimme des mittlerweile leider verstorbenen Alexander Welbat ein echter Aktivposten im Ringen der Bestie um Menschlichkeit. Was jedoch nicht davon ablenken darf, daß Krümel das menschliche Volumen eines Mähdreschers besitzt. Als Vorbild für die heranreifende Jugend scheint er denkbar ungeeignet.

Aber ist das so? Oder könnten die Macher mit dieser Figur nicht vielleicht beabsichtigen, die Kinder vor dem Fernsehschirm mit sanften Mitteln auf eine grausame Umwelt einzustellen, in der darwinistische Prinzipien als Meßlatten für ein berufliches Fortkommen angesehen werden, in denen das gesellschaftliche Leben meist nur mehr lästiger Hemmschuh ist für eine Entwicklung, die nur einen unterstützt: den Einzelgänger, den Guerilla? Es ist unleugbar der Fall, daß der Gesellschaft wichtige Werte verlorengegangen sind. Das entstandene Vakuum wird mit nichtigem Tand zu füllen gesucht. Weil er das Ziel aus den Augen verloren hat, stürzt sich der desorientierte Mensch von heute mit fanatischer Entschlossenheit in eine ethische Wüste. Das Schmiermittel für seine blindwütigen Anstrengungen ist dabei der Konsum. Ungeachtet der womöglich katastrophalen Folgen, die sein Tun für seine Mitmenschen und für den ganzen Globus haben kann, schafft der moderne Mensch eine Hölle auf Erden, in der jeder sich selbst der Nächste ist.

Vielleicht will uns Henson das sagen.

Sicher ist immerhin, daß das sympathieheischende Augenkullern des Krümelmonsters das Tier über die präpubertäre Asozialität des Heranwachsenden hinweg als eindeutig psychopathisches Gemüt kennzeichnet. Die Unfähigkeit, die Augen richtig zu justieren, ist ein Symptom, das man nur bei ganz schweren Fällen von paranoider Schizophrenie feststellen kann. Krümel ist eine tickende Zeitbombe. Niemand weiß, wann er wohl explodieren wird. Man kann nur hoffen, möglichst weit von ihm entfernt zu sein, wenn dieser düstere Tag einmal kommen wird.

Es erscheint für eine Kindersendung vielleicht etwas gewagt, eine so zivilisationskritische Figur einzubauen. Aber man muß auch einräumen, daß es ein Tanz auf dem Pulverfaß wäre, eine Generation von jungen Menschen großzuziehen, die keine Ahnung davon hat, mit was für groben Zuständen sie in der Erwachsenenwelt zu rechnen hat. Die Kinder auf spielerische Weise an diese unschönen Wahrheiten heranzuführen, ist sicher eine edle Absicht, die es zu honorieren gilt. Wie gelungen nun das Endresultat ist, muß jeder für sich selbst entscheiden.

Fest steht, daß im Krümelmonster die Problematik des bedenkenlosen Konsumterrors versinnbildlicht wird, und zwar sowohl als emotional pathologische Entwicklung wie auch als asozialer Akt. Irgendwann, das weiß jedes Kind, wird es keine Kekse mehr geben, die Krümel fressen kann. Hier ist Wahrheit, spricht der Prophet.

3. OSKAR

Natürlich hat auch der Konsumrausch seine Schreckgespenster. Wenn man frißt und frißt und frißt, fürchtet man, sich irgendwann entweder im Armenhaus wiederzufinden oder aber zu platzen. Zumindest eine der beiden Ängste zeigt wunderbar die Figur des Oskar auf, einem grünen Wermutbruder unbekannter Abkunft, der seine Tage damit zubringt, in einem Abfalleimer herumzulungern und seinen Mitmenschen durch von Raucherhusten entstelltes Gekrächze auf den Geist zu gehen.

Alles andere als ein liebenswerter Charakter von sich aus, verrät seine Darstellung in der Sendung den Versuch der Macher, die Figur kauzig oder gar "knuddelig gegen den Strich" zu gestalten. Wer schon einmal versucht hat, jemanden zu umarmen, der den Großteil seiner Zeit in einer Mülltonne zubringt, weiß, daß dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist. Leichter noch fällt es, sich den griesgrämigen Meckerpott als grauenhafte Mutation in einem japanischen Horrorfilm vorzustellen, als Verkörperung allen Mülls auf der Welt etwa.

Freilich ist es nicht damit getan, es bei dieser oberflächlichen Verhaftung mit sowohl optisch wie geruchsmäßig Unerfreulichem zu belassen. Oskar ist mehr als der Müll, auf dem er hockt.

Es handelt sich bei diesem quengeligen Zeitgenossen nämlich um einen der komplexesten Bewohner der ganzen Sesamstraße, um eine beispielhaft ironische Konzeption, die die zwei Kehrseiten ein und derselben Medaille mit einschließt.

Zum einen erscheint Oskar als typischer Vertreter des Lumpenproletariats. Er ist die gebeutelte Kreatur, der es verwehrt geblieben ist, auf der Erfolgsleiter nach oben zu kommen, ja, nur eine Stufe zu erklimmen. Es darf nur gemutmaßt werden, welche tiefen Enttäuschungen dieses Monster auf die schiefe Bahn gebracht haben. Vielleicht war es ein lieber Angehöriger, der ein tragisches Ende gefunden hat. Vielleicht war es auch eine menschliche Enttäuschung kataklysmischen Ausmaßes, die den Müllkönig dazu gebracht hat, jedes Gefühl für menschliche Würde fahren zu lassen und fortan im Abfall der Zivilisation dahinzuvegetieren. Vielleicht mag er es ganz einfach.

Was auch immer die Gründe sind: Oskar selber gibt an, diesen mißlichen Umstand sogar zu mögen! In dem Lied "Ich mag Müll" liefert Oskar ein Selbstbekenntnis für diese alternative Form der Lebensführung; die Art und Weise, mit der er jeden Refrain mit beharrlicher Inbrunst auf einem starrsinnigen "Ich mag Müll" ausklingen läßt, legt aber für den geschulten Beobachter die Vermutung nahe, daß es sich hier nicht um eine ehrliche Gefühlsäußerung handelt, sondern vielmehr um einen kläglichen Versuch, das schiefgerückte Bild von der heilen Welt wieder ins Lot zu bringen. Was für ein ungeheures Maß an Selbstverleugnung diese Existenz für Oskar bedeuten muß. In ihm findet sich die tragischste Ausprägung des Kapitalismusopfers, insofern er sich nicht als Geschlagener zu erkennen gibt, sondern eine Alibilegende erfindet, die es ihm ermöglicht, sein schäbiges Leben unter dem Anschein von Würde zu fristen.

Daß diese an und für sich bemitleidenswerte Zurechtbiegung der Wirklichkeit nicht vollkommen zum tragischen Passionsspiel gerät, ist das Verdienst von Hensons genialem Kunstgriff, die Figur doppelschneidig anzulegen. So ist denn Oskar, der seinen Besitz mit derselben Inbrunst hortet, wie dies bei manchen wirklichen Vagabunden der Fall ist, gleichzeitig ein Zerrbild des modernen Kapitalisten. Was für Dagobert Duck sein Geldspeicher ist, ist für Oskar seine Mülltonne. Nicht nur befinden sich in dieser Tonne seine persönlichen Habseligkeiten (die ja eher kläglich sind), sondern auch seine Identität, seine Lebenslüge ist in diesem Behälter eingeschlossen wie in einen Kokon. Verliert Oskar seine Tonne, dann sitzt er nicht nur auf der Straße, sondern geht all dessen verlustig, was ihn in den Augen der anderen Straßenbewohner irgendwie auszeichnet. Oskar ohne seine Tonne ist nichts, ein Wurm.

Es ist vielleicht diese existentielle Tragik, die aus Oskar einen mehrdimensionalen Charakter werden läßt, eine Archetype für die Leute auf der Straße. Nicht wenige Menschen, die man in Großstädten auf der Straße antrifft, erinnern einen an den grünen Tonnenteufel, und man muß schon hart schlucken, um die Parallelen fortwischen zu können. Wenn es nun schon den Erwachsenen so schwer fällt, diesen Sündenbock des Kapitalismus leicht zu nehmen - ist ja doch eine Menge eigenes Schuldgefühl mit involviert, die stillschweigende Hinnahme des menschlichen Elends betreffend -, so ist dies für Kinder eine noch schwerer zu überwindende Hürde. Hier wird der Weg erleichtert durch die bereits angedeutete Doppelkonzeption, denn der direkte emotionale Zugang zu der an sich ja tragischen Figur wird durch die Einführung kapitalistischer (Un-)Tugenden relativiert.

Wenn Oskar auf seiner Mülltonne hockt und eifersüchtig sein Besitztum bewacht, dann haben wir hier den fetten, wohlhabenden Besitzbürger vor uns, der in einer abgeschiedenen, mit modernsten Alarm- und Selbstschußanlagen ausgestatteten Festung von Haus sein Besitztum überwacht. Oskar wird zu einem eiskalten Erfolgsmenschen, der, nachdem er sein finanzielles Fortkommen gesichert hat, sich vollkommen von der Welt zurückzieht und den Gott einen lieben Mann sein läßt. Das Schicksal der restlichen Bevölkerung interessiert diesen Auswuchs der Gesellschaft einen feuchten Dreck.

Wenn man diese zwei Gesichter des Oskar, diese schizoide Persönlichkeitsstruktur, als separate Wesenszüge interpretiert, dann ist die Konzeption, obwohl ungemein geschickt im Hinblick auf die Sympathievergabe, kaum mehr als gnädig im Hinblick auf die jungen Zuschauer. Sieht man sie aber als Bestandteil ein und derselben Gesellschaftsentwicklung, dann tun sich Abgründe auf, die zu erforschen selbst Erwachsenen zu unheimlich ist. Der psychologisch schwer zu fassende Zusammenhang von sozialer Verelendung der Arbeiterklasse und Selbstzerstörungsdrang im Besitzenden ist viel zu schmerzhaft, als daß sich viele seriöse Wissenschaftler mit ihm befaßt hätten.

Vielleicht ist es wirklich gut so, daß die weitreichenden Implikationen der Oskar-Gestalt von Kindern nicht wirklich erfaßt werden können, denn sie sind wahrhaft erschreckend. Oskar ist und bleibt eines der interessantesten Beispiele in der Populärkultur für die Todessehnsucht im kapitalistischen Besitzbürger. Wenigstens gilt Grün im deutschen Sprachraum als Farbe der Hoffnung, während sie bei den Amerikanern eher als Synonym für Geld verstanden wird. Eine hartherzige Welt.

4. GROBI

Eine eher schlichte Figur ist der blaufellige Müßiggänger Grobi, dessen gesellschaftliche Relevanz trotzdem nicht zu unterschätzen ist.

Von Haus aus präsentiert sich Grobi nicht als idealer Schwiegersohn. Seine Attitüde dem Leben gegenüber kann nur als "lässig" empfunden werden. Er hat den Sinn des Lebens nicht erfaßt und weigert sich standhaft, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Stattdessen tändelt und tirilliert er in den lieben langen Tag hinein mit einer Bedenkenlosigkeit, die vermuten läßt, daß er finanzielle Unterstützung von elterlicher Seite erhalte. Seine saumselige Lebensführung erweckt den Eindruck mangelnder Reife. Kein Wunder, daß ihn kaum jemand in der Straße respektiert.

Es ist leicht, Grobi als kompletten Nichtsnutz abzustempeln. Begreift man ihn als simple Erwachsenenfigur, so isi ihm das große "L" förmlich auf die Stirn tätowiert. Er macht den Eindruck eines Versagers. Man glaubt, ihm ohne weiteres in der Schlange vor dem Arbeitsamt begegnen zu können. Grobi ist "down-and-out".

Aber auch wenn ihm das Odium des totalen Deppen anhaftet, so wäre es doch eine gehässige Verkürzung, ihn diesen Vorurteilen preiszugeben. Denn Grobi ist mehr als die Summe seiner Teile. In seinem Handeln beweist er immer wieder, daß ein gutes Herz wichtiger ist als der scharfe Verstand. Eine Auffassung, die freilich nicht mit der vorherrschenden Überzeugung konferiert, daß die Macht des Geldes eine unumstürzliche Größe darstellt. Eine Auffassung, die viel zu idealistisch ist, als daß sie in den gegenwärtigen Zeiten transzendentaler Obdachlosigkeit Fuß fassen könnte.

Obwohl Grobi nach außen hin einen kurzgeschorenen Yuppie zu repräsentieren scheint - na ja, eher träfe wohl die Bezeichnung "Ganzkörper-Stoppelbart" den Kern -, ist er im Grunde seines Herzens der letzte Hippie, eine unumstürzliche Bastion alter "Flower-Power"-Ideale. Wie ist dies im Hinblick auf die Herkunft der Serienschöpfer auch anders vorstellbar?

Grobi verkörpert den Grobianismus in seiner konstruktivsten Ausprägung. Zwar sind gute Tischmanieren und Erfolgsdruck nicht seine Sache. Auch wird er vermutlich niemals eine verbesserte Auflage des Dudens herausbringen. Aber er wird niemals in einem Krieg eine Waffe gegen einen anderen Menschen erheben, das ist mal sicher. Seine Helden wohnen nicht in der Wall Street, sondern eher in Woodstock und Fillmore East, wo Tausende in trunkener Fröhlichkeit einem wunderbaren Traum nachhängen, dessen Ausführung die Welt zweifellos zu einem besseren Ort machen würde. (Zweifellos zu einem, der länger halten würde.)
Natürlich kann man sich in den heutigen Zeiten die Frage stellen: Was nützt es, wenn ich meinem Kind eine Figur mit Vorbildfunktion vorhalte, die so wenig mit der Schirmmützen-rücklings-aufsetz-und-los-geht's-Generation zu tun hat wie Grobi? Erschwere ich ihm damit nicht unter Umständen den Weg in die gesellschaftliche Integration? Die Antwort lautet natürlich: Mag sein, aber Sie erleichtern ihm mit Sicherheit den Weg zu sich selbst!

Grobi bringt mit seinen nicht selten realitätsfremden Ansichten die zynischen Wertgefüge seiner Mitwesen ins Wanken. Man möchte ihm manchmal fast die Hand schütteln, wenn seine unschuldige Tumbheit - die ihn manchmal fast an einen "Candide" der Neuzeit gemahnen läßt - die in Selbstgefälligkeit erstarrte Heuchelei seiner Umgebung in Scherben schlägt. Grobi ist ein Prophet der gewaltlosen Veränderung. Bei ihm wird der Fortschritt nicht erzielt durch einen Akt der Aggression, des gewaltsamen Konflikts. In ihm offenbart sich der wahre Weise, der seine Umwelt dazu bringt, sie durch gezielte Verwirrung zum Nachdenken über die eigenen Werte zu bewegen. Was unterm Strich dabei herauskommt, ist nicht viel weniger als eine Revolution.

Man fragt sich manchmal, ob ein Mensch (oder Monster) wie Grobi glücklich bei all dem sein kann. Es ist vielleicht seine verminderte Kapazität zu Selbstreflexion, die ihn vor übergroßem Kummer bewahrt. Seine Schlichtheit ist die Antwort Hensons auf eine überkomplizierte Welt, die stets nach der Wahrheit fahndet, ohne jedoch übermäßig an ihr interessiert zu sein. Die Suche zum Heil gerät oft zum Selbstzweck; man hat das Gefühl, daß die Wahrheitsfindung in Wirklichkeit höchst unerwünscht wäre. Genau, wie Ernie seine spießige Umwelt durch organisierte Akte subversiver Komik zur Reaktion provoziert, so erschafft sich Grobi sein eigenes Schlachtschiff in der monumentalen Beharrlichkeit, mit der er der Doppelmoral seiner Umwelt zu Leibe rückt. Unabsichtlich zwar, aber es ist nicht zuletzt das Übermaß an gefühlloser Berechnung, das diese Welt zur ungeeigneten Spielwiese für träumerisch veranlagte Idealisten wie Grobi werden läßt.

Der Verfasser fühlt sich bei Grobi immer wieder erinnert an eine Aussage, die der famose Schriftsteller Kurt Vonnegut über die merkwürdige Attraktivität der Komiker Stan Laurel und Oliver Hardy gemacht hat: Seiner Ansicht nach bestand sie darin, daß die beiden "niemals aufgegeben haben", egal, was für ein Schicksal sie auch immer heimsuchte. Es ist diese Haltung gegenüber dem Schicksal, die Grobi trotz - oder gerade wegen - seiner Tumbheit zu einem modernen Helden werden läßt, einer Gallionsfigur im Kampf gegen das Nichts.

5. KERMIT

Wer könnte sich des ganz speziellen Charmes von Kermit entziehen? Jenem grünen Bündel qualifizierter Energie, das sich so häufig um den Erhalt oder die Verbesserung der Sesamstraße verdient macht? Jenem Tausendsassa, das sich trotz seiner vermutlich einträglichen, aber doch zumindest zeitaufwendigen Nebenjobs als Moderator der "Muppet-Show" oder als "rasender Reporter" doch noch um seine häufig hilflosen Freunde kümmert und ihnen mit Weisheit zur Seite steht? Kermit ist fast zu gut, um wahr zu sein, sagt man sich.

Aber so ist es eben nicht. Kermit ist da, Kermit ist gut, Kermit ist der Erzieher, den man sich immer gewünscht hat! Ganz anders als der ineffiziente Bert, dessen bereits angesprochene Labbrigkeit ihn als Respektsperson untauglich macht, besitzt Kermit jene natürliche Autorität, die es nicht nötig hat, von drakonischer Strenge oder krötenhafter Freundlichkeit Gebrauch zu machen, um von den Kindern ernstgenommen zu werden. Obwohl seine Fähigkeiten als Didakt in ihrer unaufdringlichen Manier vorzüglich sind, gibt es keine Hinweise dafür, daß er jemals die Lehrerlaufbahn verfolgt hat. Aber bei einer Persönlichkeit wie Kermit sind solcherlei Referenzen auch unnötig. Kermit kann einfach alles.

Auch leuchtet es ein, daß Kermit einer der wenigen Bewohner der Sesamstraße ist, dessen Identität als Frosch gesichert ist. Kermit weiß, wer er ist.
Aber Kermit wäre eben nicht Kermit, wenn er sich in dieser - zugegeben ehrenvollen - Rolle als perfekter Erzieher erschöpfen würde. Er ist viel mehr.

Da wäre zum einen die Rolle der Medien, die Kermit mit großer Widmung und scheinbar ordentlichem Erfolg vertritt. (Man schanzt ihm regelmäßig die interessanten Fälle zu.) Er ist ständig am Ort des Geschehens, informiert seine Zuschauer, ohne dabei aber das Persönlichkeitsrecht des Interviewten in irgendeiner Form zu verletzen. Kermit ist im Umgang mit seinen Partnern stets fair, führt sie niemals vor, besonders, wenn besondere Umstände Takt und Anstand erfordern. Er ist, kurz gesagt, das genaue Gegenteil von der täglich praktizierten Wirklichkeit. Er ist ein idealisiertes Bild der Medienwelt, das als Mahnung dienen kann, sowohl für die gedankenlosen Konsumenten, deren Wahrnehmung der Wirklichkeit allmählich im "Reality-TV"-durchseuchten Gewimmel privater Kanäle verlorenzugehen droht, als auch für die schwarzen Schafe unter den Journalisten, die mit der Ethik von Serienmördern menschliches Leid auf das Niveau von melodramatischen Seifenopern reduzieren und damit die Beziehung des Zuschauers zu seiner Umgebung in bedrückendem Maße schizoidisieren.

Mit seinen leisen, gedankenvollen Reportagen zeigt Kermit, wie es gemacht werden sollte. Sein Beispiel zeugt von der Hoffnung der Puppenspieler, auch in dunkler Zeit fruchtbare Überzeugungsarbeit leisten zu können. (Ein Gegenentwurf, den Henson und Co. später nachgereicht haben, ist der unsympathische Nachrichtensprecher aus der "Muppet-Show", den man sofort wegkloppen möchte. Aber dazu später.)

Jenseits seiner Bedeutung als idealer Medienmensch geht die Bedeutung Kermits für die Welt aber noch weiter. In ihm bindet sich nämlich das gesamte Hoffen der Menschheit auf Erlösung aus der unerträglichen Wirklichkeit. Dieser quasi-mythologische Faktor ergibt sich aus der makellosen Unfehlbarkeit, mit der er irregeleitete Freunde auf den rechten Weg zurückführt, aus der Validität seiner Ratschläge. Die Konzeption der Figur läßt einen eventuellen Makel gar nicht erst zu: Sich vorzustellen, daß der Frosch einen Fehler begehen könnte, ist nahezu unmöglich. Fast schon zu perfekt gelingt Henson die Überhöhung der Frosch-Figur zu einem Element überirdischen Wirkens. Denn Kermit kann nicht von dieser Welt sein. Zu groß ist seine Perfektheit, die sich menschlicher Analyse entzieht. Er ist kein Frosch, wie man ihn kennt.

An dieser Stelle meldet sich der der Serienkonzeption zugrundeliegende Gedanke der sprechenden Tiere zu Wort. Während Henson diesen Einfall in der späteren "Muppet-Show" elaborierte und so in gewisser Weise entwertete, gelingt ihm hier der Coup, Kermit als das einzige Beispiel eines sprechenden Tieres zu präsentieren. Abgesehen davon, daß dieses Wundermotiv auf eine literarische Tradition verweist, in der der Mensch in bukolischer Eintracht mit der Natur lebt und somit dem Wunschdenken des Menschen entspricht, nicht jeden Bezug zur Natur zu verlieren, haben wir es natürlich mit einem eindeutig biblischen Element zutun, das die Menschwerdung des Frosches auf eine Stufe hebt mit der Belebung z.B. von Dornenbüschen. Man könnte sagen, daß es sich bei Kermit um einen umgekehrten Salomon handelt: Statt eines Menschen, der der Zunge der Tiere mächtig ist, haben wir es hier mit einem Tier zu tun, das sich mit großer Eloquenz und Ausdauer im menschlichen Umfeld bewährt, ja sogar, wie wir bereits festgestellt haben, die Menschen an Intelligenz um ein Beträchtliches überragt. (Hingewiesen sei hier auch auf die sprechenden Pferde aus Swifts "Gullivers Reisen", in denen die belebten Tiere zwar keinen so konkret religiösen Charakter besaßen wie der Frosch, aber immerhin als Zerrspiegel den Menschen vorgehalten werden, um ihnen ihre Unvollkommenheit zu demonstrieren. Das sprechende Tier überragt den sprechenden Menschen.)

Nimmt man diese religiösen Konnationen für bare Münze, wäre endlich auch geklärt, was jener mysteriöse grüne Halsring soll, dessen fransige Beschaffenheit mit ihrer karnevalesken Groteskheit bisher Rätsel aufwarf: Es handelt sich hier um einen angedeuteten Heiligenschein, der - womöglich als dezente Veralberung, aber vielleicht auch als Hinweis auf die letztendlich komische Hybris des Menschen, Gott ähnlich werden zu wollen - nicht über seinem Haupte schwebt, sondern ihm bis über den Hals hinabgerutscht ist und sogar bereits die für Frösche charakteristische Hautfarbe angenommen hat! Die Deutung ist einfach: Gott ist unter uns, aber er bedient sich vieler Verkleidungen, die nicht unbedingt ein edles Wesen niederspiegeln müssen, sondern u.U. nur einen Frosch.

Man darf aber nicht der Versuchung erliegen, zu viel in diese interessante Figur hineinzulesen. Es reicht bereits, wenn man konstatiert, daß Kermit vielleicht nicht Gott IST, aber doch zumindest Gottes Willen in allen Wesen und Dingen entspricht, der mit Milde und Güte über die seinen wacht. Nicht ein Gott der Rache ist es, den Henson für die religiöse Komponente der Sesamstraße verwendet, sondern ein Gott der Liebe und des Wohlwollens. Kermit ist nicht nur, im Hinblick auf seine journalistische Tätigkeit, der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit - er ist auch gleichzeitig eine Projektion der Hoffnungen der Menschen, des verzweifelten Strebens nach der verlorenen Unschuld. Man könnte sagen: Kermit ist das "letzte Einhorn" der Sesamstraße. Ein göttlicher Ratgeber, der sich selbst durch beharrlichen Dienst am Menschen als Tier transzendiert.

6. LULATSCH

Wer sich als Insel verkleidet und damit durchkommt, dem haftet eine gewisse menschliche Größe an.

Dem weniger bekannten Fusselmonster Lulatsch, dem eben dieser Verwandlungstrick in einem der extravaganteren Sketche der Kinderserie gelang, ist niemals eine größere Popularität vergönnt gewesen. Dies ist irgendwie bedauerlich, denn er ist trotz seiner Wermutbruder-Stimme eine durchweg freundliche Erscheinung, die trotz ihrer oberflächlichen Verwandtschaft zum Krümelmonster keine der asozialen Tendenzen dieses Kollegen aufweist. Auch die gefräßige Sexualität Krümels geht Lulatsch ab.

Stattdessen verkörpert Lulatsch, der in Übereinstimmung mit seinem Namen sehr lang ist, sich selbst zurücknehmende Höflichkeit, zuvorkommende freundliche Gesinnung und den Freund, den man als Kind immer haben wollte. Er ist groß, aber harmlos, vergleichbar etwa dem Typen des herumstolpernden "großen Kindes", wie er häufig in Gestalt des Dorftrottels Eingang in die Jugendliteratur nostalgischer Prägung findet.

Aber dieser Vergleich soll natürlich kein schlechtes Licht auf die Intelligenz des blauen Riesen werfen. Es gibt tatsächlich keine Anzeichen dafür, daß dieser Golem der Sesamstraße dümmer ist, als er tut. Vielleicht ist ein anderer Vergleich wesentlich glücklicher: der mit dem Frankenstein-Monster, wie Boris Karloff es 1931 in dem berühmten Film von James Whale einst entworfen hat. Weitab von der bedrohlichen Kreation späterer Filme, gelang Karloff hier die Verschmelzung grimmen Außenseitertums (bedingt durch eine zugegeben furchteinflößende Erscheinung) und intensiven menschlichen Erlebens. In der Brust des Monsters (wie auch in Lulatschens) schlägt ein großes Herz, das über die Angst, die sein Besitzer verbreitet, mehr als unglücklich ist. Freilich ist die erschreckende Komponente des Frankenstein-Mythos im Interesse der minderjährigen Zuschauerschaft entschieden zurückgenommen worden.

Wenn man nun Lulatsch als das Frankenstein-Monster der Sesamstraße begreift, so erhebt sich die Frage, wer denn nun der Frankenstein ist? Läßt man die bunte Puppenschar vor dem geistigen Auge Revue passieren, so macht sich ein Kandidat nicht auf Anhieb erbötig. Es erscheint ratsam, den wahren Schuldigen für die tragische Existenz Lulatschs außerhalb zu suchen.

Natürlich verfolgt Henson auch hier einen ehrenwerten Gedanken: Er versucht, die Kinder für die Problematik gesellschaftlicher Außenseiter zu sensibilisieren. Wie häufig hat man es schon erlebt, daß häßliche Kinder (oder solche, die nicht den Erfordernissen gesellschaftlicher Konventionen genügten) von ihren potentiellen Spielkameraden links liegengelassen wurden? Wie viele Tränen einsamer Heranwachsender sind bereits in den unbarmherzigen Staub der Kindergärten geflossen? Das muß nicht sein, meint Henson.

Lulatsch zieht sich bei alledem sehr geschickt aus der Affäre. Auch wenn seine turmhohe Erscheinung und sein polterndes Wesen häufig für Verstimmung oder Irritation sorgen, so bleibt er doch stets Mensch genug, um seinen Freunden nicht böse zu sein. Gleichzeitig bleibt er sich selbst treu: Lulatsch wird immer Lulatsch bleiben. Auch wenn sich dies als der schwerer gangbare Weg erweisen wird.

Wer ist nun der Schöpfer, lautet die Frage, die auch die Kinder intuitiv erfassen. Natürlich hat das Monster selber nichts damit zu tun, es ist kein Eigenprodukt. Wenn man von dem Gedanken der Selbstschöpfung (sowohl im konkret-physischen wie im übertragen-metaphysischen Sinne) abgeht, kann es nur noch den Schluß geben, daß das Ungetüm ein Produkt der Gesellschaft ist. Die Kinder begreifen so auf spielerische Weise eine der unangenehmsten Wahrheiten der modernen Zeit: Die Gesellschaft gebiert Ungeheuer, die sie dann selber für ihr Abweichlertum bestraft. (Hierfür ist wahrscheinlich ein unterbewußtes Schuldgefühl verantwortlich zu machen, oder auch ein panischer Versuch, die mögliche Verwandtschaft zu dem Monster durch Akte der stillen Grausamkeit zu kompensieren.) Wer über ein so ausgeprägtes Selbstbewußtsein verfügt wie Lulatsch, hat natürlich die Möglichkeit, sich über diese Problematik zu erheben, die eigene mißliche Situation quasi zu transzendieren. Diese Charakterstruktur ist aber eher die Ausnahme von der Regel, was auch die Kinder begreifen, so sie mit realen Beispielen für diese traurige Entwicklung konfrontiert werden.

Die Gesellschaft ist der Frankenstein, Lulatsch ist das Monster.

7. PROFESSOR HASTIG

Der Fortschritt des Menschen ist nicht selten auch ein Rückschritt. Dies mag die Botschaft sein, die Jim Henson dem ehrenwerten Professor Hastig mit auf den Weg gegeben hat.

Was ist der Professor, was ist die Wissenschaft? Bevor diese beiden Fragen beantwortet werden können, muß erst eine andere, weit essentiellere gelöst werden: Was ist der Mensch? Eine mögliche Antwort lautet: "Nur ein flüchtiger Gedanke, nicht zu greifen, nicht zu fassen; stets schweigend mit sich im Gespräch vertieft, sucht er sich, doch er findet sich nie." So drückt es jedenfalls Captain James T. Kirk von der "U.S.S. Enterprise" aus. Man mag einwenden, daß die Bezugnahme auf Trivialserien nur bedingt sinnvoll ist. Mir scheint aber aus diesen Worten eine tiefe Lebensweisheit hervorzugehen, die den Kern des Pudels in sich trägt: Wer A sagt, muß auch B sagen. Ende gut, alles gut.

Befaßt man sich mit dem Leben als einer metaphysischen Größe, so stößt man zunächst auf das Problem der schweren Faßbarkeit. Man kann Unvereinbares nicht unter einen Hut bringen, und die Faktensuche in der Welt, wie wir sie kennen, führt zu höchst unvereinbaren Resultaten. Es ist falsch - das bestätigen schon alte Philosophen wie Plautius oder Mercutius Sartrus -, dem Leben eine Frage stellen zu wollen. Stattdessen muß man das Leben als Antwort auf eine ungestellte Frage begreifen. (Mit dieser Problematik hat sich auch der Brite Douglas Adams auseinandergesetzt.)

Aber lassen wir das. Wie ist das nun mit der Wissenschaft? Sie gleicht "einem Spatz in der Hand eines hohläugigen Riesen"; so drückt sich der Flaubert-Zeitgenosse und Systemkritiker Adalbert Delachose (1667-1721) aus. Und tatsächlich: Der grauenhafte Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse hat zu der fürchterlichen Bedrohung der Atombombe geführt, der Geißel des zwanzigsten Jahrhunderts! Den Worten Delachoses rechtzugeben scheint auch die verheerende Entwicklung der ökologischen Zustände auf dem Planeten Erde, die letztlich eine Folge der durch wissenschaftliche Neuerungen gestützten Industrialisierung der Industrie ist. Jeder Filmbeitrag über eine neue Ölpest, den man im Fernsehen zur Kenntnis nehmen muß, ist ein neuer Beleg für die Unmenschlichkeit des Menschen dem Menschen gegenüber - homo homini lupus -, wie auch für die Worte Delachoses.

Der Mensch hat Schindluder getrieben mit der ihm vom Schöpfer überantworteten Intelligenz. Obwohl viele Erfindungen gemacht wurden, die dem Menschen das Leben erleichtern - z.B. Autos, Morphium und das Kettenkarussell -, kehren sich eben diese vermeintlich segensreichen Ausgeburten einer genialen Fantasie wie ein Damoklesschwert gegen ihn. Der Mensch hat die Potenz seiner Gedanken aus den Händen gegeben und ist jetzt hoffnungslos in den Händen der Geister, die er rief.
Keine Frage, daß auch diese Thematik Eingang in Hensons Mikrokosmos finden mußte. Doch wie integriert man das Schicksal der Menschheit auf spielende Weise in den Kontext einer Kinderserie? Frühere Versuche, dies zu tun, führten etwa zu den japanischen Monsterfilmen, die in ihrer Vielzahl bunter Drachen, die über Hafenstädte etc. herfallen, um sie dem Erdboden gleichzumachen, mannigfaltige Variationen auf die erfolgten Abwürfe von Atombomben auf japanischem Terrain enthielten. Die Furcht vor dem Dämon wurde kompensiert in einer kathartischen Realisierung des Undenkbaren in der Arena filmischen Spiels.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind niemals aus erster Hand mit den Auswirkungen solch einer Katastrophe belastet worden. Von den (meist reich publizierten) Atombombentests in den Wüsten Arizonas oder Nevadas abgesehen, lag die Beteiligung der Amerikaner eher auf dem Gebiet hemmungslosen Wettrüstens und wissenschaftlicher Innovation.

Wurde das Fundament für das Ungeheuer A-Bombe von Albert Einstein gelegt, so waren es amerikanische Wissenschaftler wie Oppenheimer, die die Türen zu einer neuen Dimension der Vernichtung aufstießen. Auch wenn vieles sicherlich nicht so gemeint war, ist das Ergebnis (die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki) in seiner schwer ermeßlichen Grauenhaftigkeit erschütternd.

Professor Hastig nun, dessen äußere Erscheinung ein wenig an den erwähnten Oppenheimer erinnert, ist natürlich ein friedfertiger Vertreter seiner Zunft, der sich im Rahmen der Sendung sicherlich nicht mit der Erschaffung katastrophaler Explosivkörper befaßt. Aber was macht er nach der Sendung? fragt man sich zu recht besorgt.

In seiner unmittelbaren Wirkung zehrt Hastig stark von dem Freundlicher-alter-Mann-Bonus, den sowohl der schüttere Haarkranz, der seine Denkerstirne umgibt, als auch seine programmatisch blaue Gesichtsfarbe unterstreichen. Aber wir alle wissen, was von freundlichen alten Männern zu halten ist, besonders wenn wir Kinder haben. Vielleicht stecken seine Hosentaschen voller Bonbons? Häufig sind es die unscheinbarsten Zeitgenossen, die das Grauen einer Zeit in die Welt setzen.
Nicht ohne Grund ist es meistens die Aufklärungslokomotive Kermit, die uns in den Wirkungskreis des greisen Gelehrten entführt. Kermit, wie wir bereits gelernt haben, ist ein aufrechter Vertreter der Journaille, seine Aufgabe ist die schonungslose Aufdeckung von Mißständen. Auch in seiner Funktion als Gott-Vertreter ist seine Anwesenheit bei Hastig aufschlußreich. Der Erlöser warnt seine Schafe vor dräuendem Übel.

Wodurch wird Hastig charakterisiert? Erst einmal dadurch, daß seine häufig sehr elaboraten Erfindungen (z.B. die populäre "Was-passiert-dann-Maschine") meistens keinem unmittelbaren Zweck zu dienen scheinen; sie sind selbstzweckhafte Verkörperungen akademischer Eitelkeit. Wir alle wissen, in welche grauenhaften Richtungen dieses verantwortungslose Verständnis von Wissenschaft führen kann. Nicht genug damit, daß Hastig nichts Produktives für das Weiterkommen des Menschen entstehen läßt - er ist nicht einmal in der Lage, mit seinen Freunden zu kommunizieren, ohne dabei einzuschlafen! Diese Unfähigkeit zur Sozialisation gemahnt an die vollkommene Abgehobenheit des Hastigschen Erlebens: Ohne Bezug zur "normalen" Menschheit erschafft er einen Golem nach dem anderen. (Möglicherweise, so kann man an dieser Stelle mutmaßen, ist er der gesuchte Vater von Lulatsch?) Es ist nicht auszuschließen, ja sogar wahrscheinlich, daß durch diesen nicht stattfindenden Austausch mit seiner Umwelt eine Menge unterdrückter Frustrationen und Agressionen mit in seinen Beruf hineinspielen. Vielleicht verachtet er die Menschheit insgeheim; vielleicht ist sein stetiges Wegdämmern während einer Konversation in Wirklichkeit nur eine Pose, das zur Schau getragene Desinteresse des Genius an den banalen Alltagswehwehchen seiner Mitmenschen.

In gewisser Weise ist Hastig der Vater der Atombombe. In dem unzutreffenden Namen "Hastig" offenbart sich der grauenhafte Zwiespalt der Figur, zwischen Anspruch und Wirklichkeit hin- und hergerissen zu werden. Dieser Zwiespalt kann nur zu seelischen Schäden führen, die sein wissenschaftliches Wirken entschieden mitbestimmen. Hastig ist nicht hastig, genau wie die Welt ihre offensichtlichen Probleme immer mehr ignoriert, unter der Tarnkappe eines Rund-um-die-Uhr-Eskapismus' verschwinden läßt...

Was für Dürrenmatt seine "Physiker", ist für Henson Professor Hastig. (Wenn man übrigens für einen Moment annimmt, daß Hastig wirklich der Vater der Atombombe ist, und nähme man ferner an, daß er gleichzeitig der gesuchte Vater von Lulatsch sei, so käme man zu dem Schluß, daß auch die Funktion des Monsters eine andere sein muß: Lulatsch wäre dann nicht mehr das Frankenstein-Monster, sondern die Atombombe. Oder die Atombombe wäre ein Frankenstein-Monster. Aber das würde wohl zu weit führen.)

8. SHERLOCK HUMBUG

In einer Zeit, in der die sehr realen Abenteuer amerikanischer Cops und deutscher Kripobeamter für die spannende Unterhaltung der Fernsehzuschauer sorgen, befindet sich der Beruf des Polizisten in einer ethisch wie logistisch problematischen Phase. Nie zuvor boomte das Gewaltverbrechen weltweit so wie heute. Trotz einer beeindruckenden Modernisierung der kriminalistischen Tätigkeit ist es den Gesetzeshütern heute oftmals nicht mehr möglich, der Sturzflut der Kriminalität Herr zu werden. Der Kampf Recht und Ordnung vs. kriminelle Aushöhlung des Staates ist im Zuge dieser bedrohlichen Entwicklungen all seiner romantischen und idealistischen Elemente entkleidet worden. Der Beruf des Polizisten erscheint so unattraktiv wie nie zuvor.

Für die breite Masse gibt es zwei Möglichkeiten, auf diesen Wechsel zu reagieren: a) Rückbesinnung auf die zweifelhaften "Tugenden" des Faustrechts und der Selbstjustiz, wie sie etwa von John Wayne und Charles Bronson propagiert werden; oder b) Rückbesinnung auf die hemmungslos idealisierte Form von Verbrechensbekämpfung, wie sie einst in den Kriminalromanen von Agatha Christie oder Sir Arthur Conan Doyle eingeführt wurde. Detektive wie Hercule Poirot, Miss Marple oder Sherlock Holmes brachten es allein auf Grundlage ihres überlegenen Verstandes auch ohne Computergehirne und Rasterfahndung fertig, den Bösewicht seiner verdienten Strafe zuzuführen. Die Welt war noch schön, ein paradiesischer Garten Eden, in der man eventuelle Schlangen ohne große Schwierigkeiten in ihre schöpfungsbedingten Schranken verweisen konnte.

Natürlich liegt es nahe, in einer Kindersendung eher die romantische Form der Verbrechensbekämpfung einzubeziehen als den herb-realistischen Alltag eines Streifenbeamten aus Brooklyn. Auch die Tatbestände als solche sind natürlich auf kindgerechtes Gardemaß zurechtgestutzt worden - es hat keinen Sinn, die heranwachsende Jugend mit dem Drogensumpf einer Großstadt zu konfrontieren, oder gar den fürchterlichen Folgen sexuellen Mißbrauchs von Kindern...

Vermischt mit einer gewissen hippie-bedingten Tendenz zum milden Spott über die Gesetzeshüter binden sich Recht und Ordnung der Sesamstraße zu der Person des Sherlock Humbug, eines vortrefflichen Vertreters des Kriminalistenberufes. Natürlich ist es nicht sein messerscharfer Verstand, der die oftmals kniffligen Fälle löst, die ihm überantwortet werden; die Fälle lösen sich meist von selbst. Aber seine Person wirkt als eine Art Katalysator. Man spürt: Ohne ihn würde keine Lösung erfolgen. Seine Anwesenheit ist das auslösende Moment für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Er ist ein Präsenzpolizist.

Selbstverständlich kann man an dieser eher passiven Darstellung des Polizeiapparates Anstoß nehmen, besonders, da ja in der Gestalt des dubiosen Schlemihl auch ein eindeutig kriminelles Subjekt die Sesamstraße unsicher macht. Aber solche Einwände schießen sicherlich über ihr Ziel hinaus, da sie ignorieren, daß bereits die wirkende Anwesenheit eines Gesetzeshüters dazu angetan ist, den Kindern Respekt vor der Obrigkeit einzuimpfen. Es wäre falsch, den Kindern falsche Illusionen zu machen über die Wirklichkeit, in der sie leben. Nein, die scheinbare Ineffizienz des Humbug erweist sich bei näherer Betrachtung als "höhere" Effizienz, da er dazu vonnöten ist, damit die Verhältnisse sich selbst klären. Übersetzt heißt das: Obwohl die Realität düster und bedrohlich erscheint, d.h. auch wenn der Polizist machtlos erscheint angesichts der Flut von Verbrechen, ist seine Anwesenheit gerade heute unbedingt notwendig. Es ist bemerkenswert, daß es Henson nicht bei einer hippieesken Verächtlichmachung der Staatsdiener beläßt. Sein Verantwortungsgefühl nimmt Rücksicht auf die Seele des Kindes.

Als Exempel für die "ineffiziente Effizienz" Humbugs könnte man den Fall mit den Krabbelkäfern anführen: Humbug erscheint am Orte des Verbrechens, einem durchaus normalen Reihenhaus des gehobenen Mittelstandes. Der Vorgarten ist besudelt von Unmengen achtlos weggeworfenen Bonbonpapiers. Auch einige Papierhüte und Schleifen entgehen nicht dem Auge des geschulten Kriminalisten. Obwohl der unbescholtene Betrachter eher den Eindruck gewinnen würde, hier habe sich die Geburtstagsfeier eines der in der Straße ja recht zahlreich vertretenen Kinder abgespielt, folgert Humbug messerscharf mit der ihm eigenen unnachahmlichen Theatralik (und seiner unverwechselbaren Erkennungsmelodie), daß hier Krabbelkäfer eine ihrer berüchtigten Krabbelkäferparties gefeiert haben. Natürlich wäre sein unvermeidliches Schicksal in der harten Realität Spott und Gelächter angesichts dieser Folgerung, aber die darauffolgende Nacht gibt ihm Recht: Krabbelkäfer, wohin das Auge blickt, in fröhlicher Ausgelassenheit durch die Peripherie tanzend und buntes Bonbonpapier achtlos verstreuend. Obwohl an der Oberfläche ein skurriler Narr, hat Humbug diesen Fall zum Wohle der Sesamstraße gelöst. Das Element der Selbstlosigkeit läßt auch die Eitelkeit verzeihen, mit der er meist zur Tat schreitet.

Sherlock Humbug ist ein interessanter Charakter, da er in seiner "ineffizienten Effizienz" eine zutiefst postmoderne Betrachtungsweise der Macher verrät, wie sie erst viel später in Mode kommen sollte. Nur ein Punkt, wo Henson seiner Zeit voraus war.

9. GRAF ZAHL

Wie singt Peter Murphy doch so richtig? "Bela Lugosi's Dead"... Trotz der empirisch belegbaren Richtigkeit dieser Aussage greift der "Bauhaus"-Sänger doch etwas zu kurz. Denn der berümteste Vampirgraf der Filmgeschichte lebt selbstverständlich weiter: in der Figur des blutsaugenden Rechenschiebers Graf Zahl! ("Alone in a darkened room---the count!!")

Ja, es ist natürlich jener Paradeungar des alten Hollywoodkinos, dessen Züge dem erst später zur Serie hinzugestoßenen Aristokraten verliehen wurden. Und auch wenn das ununterbrochene Deklamieren von Zahlen nicht gerade ein Erkennungszeichen Lugosis war, so werden seine Manierismen von der Puppe treffend übernommen.

Ein wesentlicher Unterschied, der natürlich nur Fachkennern der Materie bekannt sein dürfte, war die Opiumsucht, die Lugosi auf seinen letzten Wegen auf diesem Erdenrund begleitet und ihm das allmähliche Absinken in die Vergessenheit erleichtert hatte. Dem Grafen nun scheint man solch eine Abhängigkeit nicht nachsagen zu können; zu stark ist sein Enthusiasmus, keine Spur von der sonst mit dem Konsum von Opium assoziierten Lethargie. Stattdessen wirkt der "Count" wie ein unter Drogen ganz anderer Art gesetzter Nachfahre von Gauss und Kollegenschaft, etwa Kokain, Crack oder Ecstasy. Man darf vermuten, daß die übertriebene Geschäftigkeit, ja, Aufgekratztheit der Puppe nicht zufällig ist und ein geschickt gesetztes Bonmot von seiten Hensons darstellt. Eine Warnung vor exzessivem Drogenkonsum ist nicht auszuschließen, aber schwer festzumachen.

Viel mehr im Vordergrund steht freilich die adelige Abkunft des Grafen. Er ist der vermutlich letzte Sproß eines alten Geschlechts, das seinen Ursprung (wie auch Graf Dracula) in osteuropäischen Gebieten hat. Zu den ethnischen Implikationen gleich mehr. Hier soll als erstes interessieren, daß der Graf ein Relikt aus einer vergessen geglaubten Epoche europäischer Feudalkultur ist, ein entwurzelter Patriarch auf der Flucht vor seinen Ursprüngen. Daß diese Flucht ausgerechnet in die "Neue Welt" geführt hat, kann sehr leicht als bedenkenloser "Hurra-Patriotismus" Hensons mißverstanden werden. So, wie der Künstler seine Puppenschar präsentiert, ist diese Emigration aber nicht frei von einer tragischen Komponente.

Wir wissen nämlich nicht, welche Gründe den alten Grafen zu seinem Umzug veranlaßt haben mögen. Vielleicht mußte er sich dem Druck kommunistischer Apparatschiks beugen, denen er nur zu leicht als Volksfeind hätte erscheinen können. Möglicherweise standen auch Geldsorgen hinter dem Entschluß, die Tapeten zu wechseln. In jedem Fall ist es wahrscheinlich, daß die neue Ortswahl keine freiwillige gewesen ist, lediglich ein von den Umständen diktierter Exodus. Graf Zahl ist ein entwurzelter Mensch im traurigsten Sinne, der nicht nur aus seiner Heimat vertrieben worden ist, sondern auch die althergebrachten Traditionen und Lebensweisen in der alten Heimat hat zurücklassen müssen.

Vielleicht liegt die fanatische Hinwendung des Grafen zum Zählen in eben diesem Verzicht. Um nicht dem Wahnsinn zu verfallen, wendet sich der greise (eventuell schon etwas von Senilität umwitterte) Edelmann mit vollster Widmung einem neuen Steckenpferd zu. Daß das Objekt seiner obskuren Begierde so sinnlos ist wie das quasi-pawlowsche Herbeten von Nummern, macht seine Existenz doppelt tragisch: Ein einsamer Sonderling in einer Welt, die ihn l"ngst vergessen hat.
Aber was dachte sich Henson dabei, daß er den Kindern solch eine Identifikationsfigur vorsetzte? Die Parole "Seid nett zu Feudalherrschern" kann schwerlich als zeitgemäß erscheinen. Nein, seine Intentionen sind viel radikaler: Nicht umsonst gilt die ganze Liebe des Aristokraten den Zahlen. In der Figur des Grafen verkörpert sich der gesamte Umbruch der alten Feudalstrukturen zu den knallharten Gesetzen der freien Marktwirtschaft. Und wie kritisch Henson hier vorgeht! Mit einer für eine Kindersendung beispiellosen Härte dokumentiert er die wertelose Entmenschlichung im Zeitalter des Kapitalismus. Der Götze Mammon (symbolisiert von den Zahlen) verwandelt den Grafen in eine fast schon autistische Kreatur, die ihre zweifellos bemerkenswerten Fähigkeiten nur noch in den Dienst einer längst sinnentfremdeten Flut mathematischer Zeichen stellt, die freilich für den Selbstzweck moderner Marktbestrebungen steht. Die kindliche Faszination, die den Grafen in seinem Spiel mit der Numerik umweht, soll nicht davon ablenken, daß es gerade diese Verantwortungslosigkeit ist, die große Konzerne zur Ausbeutung kleiner Dritte-Welt-Länder befähigt. Der Graf ist der personifizierte Raubbau.

Aber bei all diesen bestürzenden Erkenntnissen darf natürlich nicht unter den Teppich gekehrt werden, daß der Graf natürlich auch seine Meriten als freundlicher alter Mann besitzt. Die Patina, die von alten Schwarzweißfilmen ausgeht, ist das Lebenselixir seiner Figur. Kinder nennen in Umfragen gerne ihn als ihren Favoriten.
Erziehungsberechtigte sollten sich wegen dieser Doppelbödigkeit des Grafen aber darüber im Klaren sein, daß er als Kuschelfigur und als Babysitter nur begrenzt tauglich ist. Er ist ein Charakter, der Tragik, Unmenschlichkeit und charmante Debilität in sich vereint; Regimegegner und Unterdrücker zugleich. Vielleicht liegt hier ein Hinweis darauf, daß die Freiheitskämpfer von heute häufig die Terroristen von morgen sind. Ein heißes Eisen, fürwahr. Man darf gar nicht darüber nachdenken.

10. SCHLEMIHL

Wenn in der Figur des Sherlock Humbug schon die Verbrechensbekämpfung Einzug in den Mikrokosmos Sesamstraße gehalten hat, muß das gleiche natürlich auch für das Verbrechen gelten.

Wie ein häßlicher Verwandter Kermits schaut er aus: der grüne, knubbelige Schieber Schlemihl. Und aus gutem Grund, denn er verkörpert den bösen Zwilling des perfekten Frosches. Wenn man die religiöse Argumentation bemühen will, handelt es sich bei Schlemihl nicht um irgendeinen kleinen Gangster, sondern um den gefallenen Engel, der, wie einst Maldoror, im positiven und auf die Verfolgung des Guten ausgerichteten Umfeld des Frosches nicht sein Heil fand und deswegen in eine Kriminellenlaufbahn förmlich gezwungen wurde. Auch er ist im Grunde genommen eine unglückliche Existenz, deren Tragik darin liegt, daß sie unter der früh induzierten Heimatlosigkeit leidet. Den verzweifelten Kampf gegen diese Heimatlosigkeit hat Schlemihl so verinnerlicht, daß er seinen Leidensweg später gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Was bleibt, ist sein grünes Gesicht, das er unter seinem schwarzen Schieberhut und dem beigen Trenchcoat zu verbergen trachtet. Das Frosch-Sein hat Schlemihl über dem Martyrium freilich abgelegt. Er ist die Kraft, die "stets das Böse will und stets das Gute schafft".

Es spricht sehr für Hensons liberale Gesinnung, daß er die Verbrechergestalt der Sesamstraße so ambivalent anlegt wie Schlemihl. Wie leicht hätte diese Puppe zu einer platt-demagogischen Denunziation sozial Minderpriviligierter mißraten können! Aber Henson deutet an, daß nicht alles an Schlemihl schlecht ist. Schlemihl begeht keine Akte körperlicher Gewalt, er hat noch niemanden umgebracht.

Worin bestehen seine Schandtaten? Im wesentlichen beschränkt sich sein Desperadotum auf das ungesetzliche Anbieten z.B. von Buchstaben. Dies erscheint wohl kaum als Verbrechen von bemerkenswertem Kaliber. Zum einen ist das Anbieten von Buchstaben nach dem StGB nicht strafbar (es kommt in der Realität denkbar selten vor). Zum anderen wurde in Nachkriegszeiten mit noch ganz anderen Gegenständen geschachert; sieht man solche Charaktere in Filmen, sind sie meistens positiv belegt und erscheinen eher als gefinkelte Lebenskünstler, wenn nicht gar als urige Originale.

Man spürt, daß der illegale Buchstabenverkehr auch in der Sesamstraße kein schweres Vergehen sein kann. Schlemihls Pantomime bei jedem Handel ("Psssst!....Genauuuu!") scheint aber große Vorsicht anzudeuten. Dies ist unverständlich, mindestens verschroben. Könnte es sein, daß er ganz genau weiß, daß nichts an seinem Tun gegen das Gesetz verstößt? Daß all sein Getue nur eine Charade ist, die einen Straftatsbestand andeuten soll, wo keiner ist? Ist sein Bemühen um Devianz von der sozialen Ordnung nicht ein Mitgefühl weckender Versuch der Rebellion, ein Versuch, der Zwangsjacke saturierter Feierabendnormalität zu entgehen?

Man ahnt, daß Schlemihl und Grobi sich gut verstehen müssen. Beide verachten im Grunde die sie umgebende Gesellschaft - Grobi auf eine spielerische, humorige Weise; Schlemihl in schicksalshafter Getriebenheit.

An dieser Stelle muß man sich wieder darüber Gedanken machen, was Henson mit dieser Figur bezweckt. Es erscheint erstaunlich, daß bis zum heutigen Tag noch keine Versuche unternommen wurden (etwa von Elternverbänden oder kirchlichen Vereinigungen), diese Figur aus dem Kader der Puppengesellschaft zu verdrängen, wie man dies ja mit den realen Pendants Schlemihls durchaus durchführt. Die Vermutung, den Kindern würde hier durch einen zu wenig entschlossenen Umgang mit Straftätern eine spätere Laufbahn als Krimineller schmackhaft gemacht, ist gar nicht so weit hergeholt, und der Zorn der Zuschauerschaft entzündet sich ja häufig, wie wir wohl wissen, an noch viel milderen Normabweichungen.

Tatsächlich hat Henson mit dem grünen Schwarzhändler einen zutiefst christlichen Charakter geschaffen. Wie auch Luzifer und die schwarzen Heerscharen unentbehrliche Bestandteile des christlichen Mythenpools sind, gibt Schlemihls Beispiel als moralisches Irrlicht dem weitgehend konventionell orientierten Wertgefüge Profil: Seine identitätslose Schattenexistenz läßt die Kinder vor dem Bildschirm erkennen, daß der Versuch, der aus dem Elternhaus bekannten Ordnung zuwiderzuhandeln, zum Scheitern verurteilt ist. Auch wenn Schlemihl beileibe nicht verzweifelt zu sein scheint, täuscht seine geschäftige Forschheit nicht darüber hinweg, daß sein Streben nach einer Alternativreligion in die falsche Richtung zielt - durch Bereicherung am Gut anderer verliert er seine Bedeutung als Archetype.
Gleichzeitig aber ist der Schlemihl-Charakter ein weiteres Element, mit dem um die Einbeziehung gesellschaftlicher Außenseiter geworben wird. In einer überaus geschickten Verquickung christlichen und liberalen Gedankentums wird den Kindern die Bedeutung der Begriffe "Vergebung" und "Barmherzigkeit" nahegebracht: Während Luzifer nicht vergeben werden kann, ist Schlemihl ein Sünder, den seine Fehltritte nicht in allzu schwefelhaltige Regionen geleitet haben. Schlemihl ist kein Satan. Genausowenig ist er ein Shylock, mit dem er - aufgrund der durch seinen Namen angedeuteten semitischen Abstammung - gerne verglichen wird. Die tragische Zerrissenheit des Shylock macht jenen am Schluß zu einem Schurken, der sich selbst zu Lebzeiten gerichtet hat. Der Richtspruch Schlemihls lautet einwandfrei auf "mildernde Umstände". Wenn Schlemihl gestochen wird, dann blutet er. Seine Transformation zu einem Un-Menschen ist noch nicht abgeschlossen. (Eventuelle Vorwürfe des Antisemitismus' sind in Anbetracht der erwiesenen humanistischen Gesinnung Hensons natürlich lachhaft.)

Wenn Grobi der Tagedieb in uns allen ist, so kann man Schlemihl zusammenfassend als den Taschendieb in uns allen bezeichnen. Seine Sünden sind nicht schlimmer als die eines Kindes. Er ist der fleischgewordene Erlösungsgedanke in Zeiten gnostischer Verknöcherung.

11. ROBERT

Kaum eine Kinderserie nimmt dermaßen intensiv Bezug auf die reale Welt - soviel sollte bereits klar sein. Daß die Realität auch das unmittelbare Umfeld des Fernsehgeschäfts aufnimmt und dabei kritisch durchleuchtet, liegt nahe.

Einer der subversivsten Bewohner der Sesamstraße ist zweifelsohne Robert. Schwer zu sagen, was dieser arrogante Fatzke eigentlich macht! Meist lungert er in der Gegend herum, versucht - häufig unter Zuhilfenahme plumper Vorwände - die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Ob sängerischer Ringelreihen oder dramatische Miniatur - Robert will den Eindruck erwecken, er wäre ein Alleskönner, der auf jedem Terrain zuhause ist. Hierbei muß er scheitern, denn seine Mittelmäßigkeit tritt bei diesem Geckentum herbe zutage.

Wenn man sich Robert anschaut, weiß man, daß sich das Fallgitter der Egozentrik vor diesem vermeintlichen Tausendsassa für immer geschlossen hat. Er ist alleiniger Hauptdarsteller auf einem Jahrmarkt der Eitelkeiten, ein fürchterlich deplaziert wirkender Popanz, dessen Intelligenz und Originalität in keinerlei Verhältnis stehen zu der Extravaganz seiner Prätention. Wenn Robert auftaucht, weiß man gleich, daß die Szene zu Ende ist, noch bevor sie überhaupt begonnen hat, denn dieser Aufmerksamkeits-Staubsauger wird die emotionale Beteiligung der Zuschauer aufsaugen wie ein Burgschauspieler, wird sie in den Eisenhütten seiner Selbstbezogenheit in billigen Treibstoff für sein arrogantes Wesen ummünzen und als Abfallstoff die kläglichen Rudimente einer Szene (eines Sketches, eines Liedes) wieder auswürgen, sehr zum Mißfallen des Publikums.

Und Robert sieht bestenfalls aus wie eine Null. Mit einem vor Mißgunst und Eitelkeit gelb geschwolllenen Gesicht benutzt er Grellheit, wo echte Substanz gefragt wäre. Mit einem lächerlichen Kantenkinn, das vielleicht eine (illusorische) kernige Männlichkeit andeuten soll, tritt er erbarmungslos in jedes denkbare Fettnäpfchen. Auch seine weit aufgerissenen Augen heischen panisch nach einer Bestätigung seiner neurotischen Persönlichkeit; ihre krampfhafte Starrheit legt, bei aller Grelle des Verhaltens, die Verwendung gewisser leicht erhältlicher Modedrogen nahe.

Aber man sollte die Physiognomie eines Menschen (oder einer Puppe) nicht zur Basis einer moralischen Anklage machen, selbst wenn sie so dümmlich ist wie die Roberts. Da wäre auch sein Gebahren. Wenn Robert auftritt, dann tut er dies selten allein. Meist schwimmt er im Fahrwasser seiner Bewunderer, die ihn im fälschlichen Gefühl der Sicherheit wiegen, seine schäbige Existenz wäre etwa erwünscht. Während also seine Mimik naturbedingt puppenhaft starr ist (und so auch einen Hinweis auf seine innere Hohlheit gibt), verrät seine exaltierte Gestik den neurotischen Nervenbold, der seine kranke Seele mit der Wucht einer Dampframme in die Umwelt absondert. Daß diese Umwelt häufig auch noch gewillt erscheint, diese seelischen Schorfkrümel in sich hineinzufressen, macht betroffen: Henson entwirft hier das Bild einer roboterhaft konditionierten Schar von Fernsehzombies, denen es völlig egal ist, welcher geklonte Suppenkasper ihnen heute die gefürchtete Freizeit stiehlt.

Ja, hier endet die lustvolle Zeichnung eines abstoßenden Charakters, wie sie extremer im Schaffen Hensons kaum vorkommt. Dafür beginnt eine Odyssee in das spannende Reich der autoreflexiven Sozialkritik. Henson sägt tollkühn an dem Ast, der ihn in der Luft trägt. Ohne Erbarmen skizziert er eine zerrbildhafte Spiegelung des Zuschauers auf dem Fernsehschirm, eine wenig schmeichelhafte Aufforderung zur Selbstbekrittelung. Wenngleich diese nahezu revolutionäre Vorgehensweise an die Kinder vermutlich verschwendet ist, werden Erwachsene begreifen, was Robert ist: ein moderner Rattenfänger von Hameln, dessen parfümierter Mittelmäßigkeit die gesamte Fernsehnation hinterhergaloppiert, wie ein Volk hirntoter Lemminge. Wenn seine Bewunderer den Rand des Abgrundes erreicht haben, das spürt man, wird Robert keine Skrupel haben, sie allein zur Befriedigung seiner monströsen Eitelkeit in den unvermeidbaren Tod stürzen zu lassen. Zwar hat er keine Flöte im wörtlichen Sinne, doch sein Lockmittel ist das Charisma eines gehypten Rockstars, der nur als Leerstelle fungiert, um die neo-mystische Begeisterung eines Millionenpublikums auf sich zu konzentrieren. Er ist ein Sektenführer, ein Halbgott für die Blinden. Auch wenn ihm seine Folgsleute eigentlich vollkommen egal sind, wird er ihnen ein Himmelreich vorgaukeln. Was er ihnen geben kann, ist nur der Tod.

Kurz und gut: Es gibt nichts Positives, was sich für dieses narzißtische Geschwür ins Feld führen ließe. Seine Verdammungswürdigkeit ist vollkommen. Seine Adepten sind unter uns. Er ist die schwärende Pocke auf dem Antlitz des modernen Verkabelungswahnsinns. Ein hanswurstiger Katalysator für die Todessehnsucht als gesellschaftliche Massenentwicklung. Irgendwann, wenn er nur noch aus Werbeblöcken besteht, wird er seine Zerstörung anerkennen müssen. Bis dahin müssen wir ihn ertragen.

12. SAMSON, TIFFI, HERR V. BÖDEFELD

Das Dreigestirn der deutschen Sesamstraße ist seit einigen Jahren die äußerlich stark unterschiedliche Mini-Familie bestehend aus dem Riesen Samson, dem kleinen Vogel Tiffi und dem dubiosen Herrn von Bödefeld. Dubios deshalb, weil bereits in seiner schweren Identifizierbarkeit (ist er ein Hund? ein kleiner Mann? oder gar ein Wesen aus dem Weltall??) ein Mysterium begründet ist, das dieser kaum durchschaubare Charakter mit eitlem Geschwätz zu verbergen trachtet. Ohne Erfolg - eine nähere Betrachtung läßt Schlüsse zu, die Sigmund Freud die Schamesröte ins Gesicht treiben würden!

An und für sich erscheint es als unwahrscheinlich, daß die deutsche Extension der Kinderserie ähnlich doppelbödige Charaktere einführen sollte wie die Ur-Fassung. Wenn man sich diese merkwürdig bourgeoise Versammlung ansieht (in der Regel unterstützt von menschlichen Sidekicks, wie "Lilo" Pulver oder "Manni" Krug), muß man feststellen, daß die sozialkritische Dichte des Originals mindestens erreicht, wenn nicht gar übertroffen wird.

Die drei Charaktere sind - das ist relativ leicht zu erfassen - eine Familie. Auch wenn Samson aufgrund seiner Erscheinung etwas aus dem Rahmen fällt (angeheiratet?), gibt es doch farblich wie biologisch offensichtliche Kongruenzen zwischen Tiffi und Herrn von Bödefeld.

Herr von Bödefeld erscheint auf Anhieb als unsympathische Wesenheit. Sein wichtigtuerisches Auftreten, seine quäkende Stimme, kennzeichnen ihn als geltungsbedürftigen Widerling vom Schlage Roberts. (Robert besitzt wenigstens noch eine imposante Körpergröße!) Aus der Art und Weise, wie er sich Tiffi gegenüber verhält, verrät er sich als typisch kleinbürgerlicher Vater der kleinen Vögelin. Mit diktatorischer Impertinenz versucht er, der Vogelfrau den Stempel seiner engstirnigen Anschauungen aufzudrücken. Dabei läßt er sich von logischen Argumenten nicht beeindrucken - ein zutiefst unsympathischer Zeitgenosse. Da er gelegentlich eine fast pinke Färbung aufweist, kann man auch latente Homosexualität vermuten, die er mit regressiver Wucht zu unterdrücken sucht.

Was genau Tiffi nun ist, ist schwer zu erraten. Ein Vogel schon, das scheint der Schnabel hinreichend zu dokumentieren. Wenn man aber herausfinden will, um was für ein Schnabeltier genau es sich handelt, stößt man auf unerbittliche Mauern. Mauern, die ein tiefes Kindheitstrauma errichtet zu haben scheint.

Hier kommt Herr von Bödefeld ins Spiel. Denn das Geheimnis, das Tiffi unter ihren vor Scham rosa gefärbten Rüschen verbirgt, ist unaussprechlich; kaum zu glauben, daß die Serienschöpfer vor dieser fast schon expliziten Einbeziehung des heiklen Themenkreises Kindesmißhandlung nicht zurückgeschreckt sind. Denn auch in einer aufgeklärten Gesellschaft wie der unsrigen gilt der Mißbrauch von Schutzbefohlenen unverständlicherweise als heißes Eisen, was angesichts der hohen Rate an ekelhaften Gewalttaten auf diesem Sektor als falsche Zurückhaltung erscheint. Die Gesellschaft errichtet ihre Tabus immer dort, wo sie am angreifbarsten ist.
Herr von Bödefeld hat sich am eigenen Fleisch und Blut vergriffen. Ob und wie häufig diese Verirrung seiner Gefühle ausagiert wurde, ist nur zu erahnen. Daß diese widerwärtige Tat aber einen irreparablen Schaden in der Seelenlandschft Tiffis verursacht hat, wird deutlich in ihrer Unfähigkeit, sich zu bewegen: Ständig auf die eigene Problematik zurückgeworfen, muß sie sich zwangsläufig einer existentiellen Stasis ergeben, die ihr Fortkommen in menschlicher wie in konkreter Hinsicht verhindert. Wenn man in die Augen Tiffis schaut, dann schreit da ein Kind. Und es ist nicht nur das konkrete Modell eines sexuellen Übergriffs, sondern es ist das Kind auch im erwachsenen Zuschauer, das hier mit medizinischer Präzision und Unnachgiebigkeit ans Tageslicht befördert wird. Die Botschaft der Puppenmacher ist klar: Auch wenn die Verhältnisse an der Oberfläche eitel Sonnenschein sind, legt eine tiefergehende Analyse häufig moralische Abgründe frei, die das Heile-Welt-Denken vieler Kinderserien zu banalem Eskapismus deklassieren. Was für eine wagemutige Entscheidung von seiten der Serienschöpfer, an diesem kritischen Punkt nicht haltzumachen und der ganzen verlogenen Bourgeoisie die Spießermaske vom syphilitisch entstellten Antlitz zu reißen.

An dieser Stelle kommt Samson ins Spiel, dessen Präsenz immer wieder überrascht: Was zieht diesen gigantischen Lumpensammler zu dem schicksalshaft verbundenen Duo hin? Kann es sein, daß Samson in Wirklichkeit eine Frau ist (womöglich mit stark maskulinen Tendenzen), Tiffis Mutter? Oder ist er nur ein einsamer Patron, der sein eigenes Unglück kompensiert, indem er sich an den Lebensscherben anderer Außenseiter reibt? In jedem Fall scheint ihm die problematische Einheit Tiffis und Herrn von Bödefelds nicht zu tangieren; dies macht ihn entweder zu einem sehr unsensiblen Zeitgenossen, oder aber...

Ja, vielleicht ist dieses Monster wirklich genau das, nämlich ein Monster! Jener wahrhaft deutsche Charakter, der immer am Rande steht, wenn irgendwo Unglücke passieren. Der passive Straftäter, der selber zu feige und unschöpferisch ist, um an der Zerstörung des traditionellen Gut/Böse-Schemas mitzuwirken (die er insgeheim ersehnt), und dafür den Gewalttätern begeistert Beifall spendet für ihre "mutige" Destruktivität. Samson ist nicht wirklich ein Samson, er ist der Gaffer, der während der Nazi-Herrschaft am Straßenrand stand, wenn Juden drangsaliert wurden; er ist der personifizierte Hoyerswerda-Applaudierer. Er ist eine durchweg feige Ratte, die sich am Unglück anderer ergötzt und daraus eine merkwürdige Art von Lustgewinn bezieht. Samson ist ein krankes Monster in einer kranken Welt.

Man könnte sagen, daß in diesen drei Figuren der marode Gesundheitszustand des modernen Deutschland aufgeschlüsselt ist: Tiffi und Bödefeld sind die Krankheit, Samson ist das Symptom. Leider ist mir nicht bekannt, ob diese Charaktere den Weg in die Vereinigten Staaten gefunden haben, aber es ist zu bezweifeln, daß sie dort verstanden werden würden. Die Drei sind zutiefst mit der deutschen Psyche verwurzelt: Die Schattenseite des traditionellen "Dichters und Denkers", der seine menschlichen Gefühle so lange ausgeklammert hat, bis sie zu einem unstillbaren Verlangen nach Brandschatzung pervertiert sind. Die deutsche Natur wird eben nicht nur von Goethe und Schiller repräsentiert; auch ein Fritz Haarmann ist das Produkt einer Gesellschaft, die verlernt hat, sich selbst zu verstehen. Ob sie gesunden kann, wenn sie noch rechtzeitig zu diesem Verständnis gelangt, ist fraglich. Der Grundstein wird immerhin von den aufklärerischen Bemühungen von Leuten wie Jim Henson gelegt.

13. NAMENLOSES MÄDCHEN

Am Schluß des ersten Teils muß noch ganz kurz ein Charakter Erwähnung finden, der zwar sekundär erscheint und nicht einmal einen Namen besitzt, aber der die Essenz der Serie in sich trägt, sowohl was den ungeheuerlichen Erfolg als auch was den hohen erzieherischen Wert der Serie angeht.

Die Rede ist von dem kleinen, blondbezopften Mädchen, das u.a. den "Mahna-Mahna"-Song einleitet und mit seiner piepsenden Stimme schon so manchen Sketch über den Zaun gehievt hat. Das besonders Reizvolle an dieser Gestalt ist ihre allegorische Vieldeutigkeit, da so gut wie keine näheren Angaben über ihren Charakter geliefert werden. Sie bleibt eine geheimnisumwitterte Blaupause, ein Shirley-Temple-Stereotyp, der stellvertretend für die kindliche Zuschauerschar steht, und zwar nicht nur auf klassische Weise, als Identifikationsangebot, sondern auch im konkreten Sinne, als Spiegelung der kindlichen Unschuld.

Frei von jeglicher neuzeitlicher Verdorbenheit, gelingt es diesem Mädchen, das Kind im Herzen auch der erwachsenen Zuschauer wiederzuerwecken. Hoffnungen nach einer vollkommenen Welt werden wach, in der eine natürliche Ordnung den Gang der Dinge überwacht, in der der Mensch noch nicht verlernt hat, seinen Mitmenschen zum Wohl zu sein. Ein universeller Verbrüderungswille ist es, den Henson mit dieser Figur im Betrachter erzeugen will. Dies ist schon lobenswert genug in Anbetracht der heranwachsenden Zuschauerschichte. Aber der Coup gelingt auch bei den Eltern, denen der Glanz der verschütteten Unschuld in ihrer reinsten Form mitten ins Herz dringt.

Und ja, es ist natürlich auch eine Unschuld im biologischen Sinne. Wie die phallische Figur des niedlichen Geschöpfes verrät, tickt auch in diesem unbestimmbaren Platzhalter eine Eieruhr, die den idyllischen Zustand irgendwann unwiderruflich zerstören wird: Der Mensch wird seine Unschuld einbüßen und aus dem Paradies vertrieben werden. Die kullernden Augen werden bittere Tränen der Desillusionierung vergießen, bevor sie schließlich in billigem Make-Up getränkt und einer neuen Bedeutung zugeführt werden. Das einstmals ursprüngliche Gesicht des Kindes wird sich in eine Maske verwandeln, einen Schutzwall, der die Verletzungen des Alltages vom Herzen fernhalten soll.

Die Sesamstraße wird erwachsen. Wie der Schmetterling seinen Kokon abstreift, um eine neue Existenz zu beginnen, so bleiben auch bei diesem Reifungsprozeß die Scherben der Unschuld zurück.

Die Sesamstraße muß sterben, damit die Muppet-Show leben kann.
 
 

Ende des ersten Teils

Versäumen Sie nicht:

Teil II

FRACK UND FUMMEL

oder

Die Puppen tanzen

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