DER POTT IS´ IM POTT !!!

Sicher, es war ein herber Nackenschlag, als Schalke vor knapp zwei Wochen die Meisterschaft um etwa 30 Sekunden verfehlte! Zwar möchte ich in die Verschwörungstheorien nicht einstimmen, die meine nähere Umgebung in bezug auf die Abpfifftaktiken des Zahnarztes Dr. Merk kundtut (schließlich hat er den Süddeutschen ein komplett reguläres Tor abgesprochen), aber es war einfach unfair, daß Schalke leer ausging. Die Champion´s League mögen sich die verhaßten Bayern redlich verdient haben - die Meisterschaft war reine Suppe, reines Glück, das dem Ruhrpott das Herz brach.

Doch der Pott lacht wieder, und während ich dies schreibe, quillt wildes mitternächtliches Gehupe und Gekreisch durchs Fenster und Alkqualm aus der Hosennaht - wie kann dies kommen?

Ganz einfach - Schalke ist Pokalsieger! In einem zwar nicht gloriosen, aber doch ansehnlichen Finalfight haben sie die Unionisten aus Berlin bezwungen, die sich damit trösten können, daß sie nicht nur aufgestiegen sind, sondern auch im europäischen Wettbewerb sitzen - das sollte ein ausreichendes Trostpflaster sein. Schalke hatte ein Trostpflaster mehr als nötig, denn diese beste Saison seit vielen Jahren brauchte ein Sahnehäubchen, schon aus dramaturgischen Gründen! Hatten Assauer, Stevens & Co. noch vor kurzem Rotz und Wasser geheult, in das fast das gesamte Revier einstimmte, so befindet sich Gelsenkirchen-Buer heute abend fest in blauweißer Hand. Hier ein kleiner Frontbericht:

Der frühe Abend begann ansprechend, denn in angenehmer Wärme ohne überflüssigen Sonnenbeschuß traf man sich in einer zünftigen Ballerklause. Das erste Bier fluppte weg wie ein feuchter Traum, und dann ging es schon los Richtung Parkstadion, das ja bald den Weg aller Stadien gehen wird... Die frisch geölten Schalkeflaggen glitzerten anmutig im werdenden Abend. Der allgemeine Konsens wollte es, daß Schalke souverän gegen die Union auftrumpfen würde, denn der Krampf der vermaledeiten Schlußphase der Liga war gewichen. Im Parkstadion wartete dann die erste Überraschung: Aus allen Nähten platzte die ehrwürdige Arena, gut 30.000 Kämpen hatten den Weg zur Großbildleinwand gefunden, die hier aufgestellt war. Was für Werder eine okayne Quote ist - hier fand sie sich zu einer bloßen Fernsehübertragung ein! Da die Karten für die Mitteltribüne bereits lange vergeben waren, quetschte man sich in den ganz harten Haufen auf der Südtribune - hier schlug das Schalker Herz in Reinkultur. Ein Bier zu ergattern, das den sportlichen Genuß versüßen sollte (keine Macht den Drogen? you bet, sailor!), gestaltete sich überaus kompliziert, da man eine (in Zahlen: 1!) lausige Bude geöffnet hatte. Ein schwerer organisatorischer Fehler, der zu wilden Scharmützeln beim Ausschank führte, doch wer ein Ralf K. in seiner Begleitung hat, braucht um das nötige Fingerspitzengefühl beim Bierkampf nicht zu fürchten. In Windeseile war man eingedeckt und harrte der Dinge, die da nicht kamen.

Denn erst einmal dominierten die Berliner und ließen den Schalker Kickern den Angstschweiß auf der Stirne gefrieren, die doch ziemlich krampfig in die Partie starteten. Hierzu muß man bedenken, daß von unserem Sichtplatz aus das Spielgeschehen auf der Leinwand in surreale Formen und Farben aufgelöst war, deren Dechiffrierung durch den fortgesetzten Biergenuß nicht erleichtert wurde. Doch Hopfen und Malz waren bei Schalke nicht verloren, und so berappelte sich die blauweiße Pracht recht bald und bekam das Spiel in den Griff, wenngleich die Union stets gefährlich blieb und u.a. einen Lattenkreuzkracher produzierte, der den Schalker Anhängern das Blut in den Adern erstarren ließ. Nichtsdestotrotz skandierte man ungebrochen den Chor des dräuenden Triumphes: "Steht auf, wenn ihr Schalker seid!" bzw. "Oh, ist das schöööön..." Was die Schalker Fans abzogen, war in der Tat eine bemerkenswerte Übung in standfester Vereinstreue. Gemeinsam schmetterte man das Team dem Erfolg entgegen, und was soll ich sagen: Auch ich Nordlicht schmetterte mit! Ich fürchte, die Assimilierung in den Pott ist bereits auf dem allerbesten Wege. War mir bei vorangegangenen Besuchen - die stets im Siegestaumel endeten - bereits mehr als deutlich geworden, daß das Ruhrpottherz eine Feierintensität an den Tag legt, die jene meiner geliebten Norddeutschen weit in den Schatten stellt, so war die allgemeine Jubelwucht hier so überbordend, daß sie nicht nur ansteckte, sondern jeden in seinen Grundfesten erschütterte. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, daß Schalke bis zur Halbzeitpause das Führungstor schuldig blieb, was alle Anwesend-Abwesenden zu ersten Zweifeln an der Unbedingtheit des erfolgreichen Ausganges trieb. Wenn die Union jetzt ein Tor reinboxt...? Nicht auszudenken. Manche Gedanken sind zu fürchterlich, um sie zu äußern. Wir knechteten uns trotzdem zur zweiten Halbzeit, und erneut war es Ralf K.´s erstaunliche Ellenbogengewandtheit, die uns ein weiteres kühles Helles bescherte...

Und Schalke wurde stärker, bei Gott, sie wurden stärker! Als der vergötterungswürdige Proll Jörg Böhme das 1:0 schoß, hüpfte die ganze Stadt Gelsenkirchen mindestens 5 Zentimeter in die Höhe - die Richter-Skala versagt kläglich bei der Erschütterung, die das gewaltige "Toooor!" im klopfenden Herzen des Ruhrgebietes auslöste! Der seit einigen Jahren nicht mehr im Stadion gewesene Stephan Z. rasselte mir mit einer Begeisterung in die Arme, auf die mich auch alte Stage-Diving-Zeiten von Punkkonzerten nicht vorbereitet hatten. Auch der seines Zeichens sehr ruhige und ausgeglichene Robert Z. brauste los wie die goldene Horde des Dschingis Khan. Wat soll ich sagen - Gelsenkirchen stand Kopf! Als nicht allzu lange danach irgendein Schalkerer - keine Ahnung, wer, ist mir auch wurscht! - den verhängten Elfmeter zielsicher zum entscheidenden 2:0 verwandelte, war dies fast ein Antiklimax, denn der Schalker Sieg war unter Dach und Fach, da gab es nichts... Trotzdem, die Zeit bis zum Abschlußpfiff ist immer eine grausame Übung, wenn auch hier nicht in Erwartung einer Spieldrehe, sondern einfach nur, weil man es nicht abwarten konnte, in frenetisches Jubeln auszubrechen. Als objektiver Betrachter muß man übrigens sagen, daß sich die Berliner wenigstens ein Gegentor verdient hätten, denn sie waren ein wackerer Gegner. Durch die blauweiße Brille gesehen ist das natürlich völlig egal, denn der Sieg war eine grimmig benötigte und ersehnte Bestätigung für die tolle Saison, mit der Schalke ihr Publikum verwöhnt hatten! Ein Schlußpunkt, aber auch ein Auftakt für eine sicherlich spannende neue Spielzeit, denn nicht nur fühlen sich die Spieler alle richtig wohl im Revier - auch werden die anstehenden Champions-Gegner Schalke wahrscheinlich unterschätzen und bei der kompakten Abwehr und dem Bombensturm ihr blauweißes Wunder erleben... Ob Real und Inter uns auf der Rechnung haben?

Im losbrechenden Schlußjubel löste sich dann die ganze Frustration der vergangenen Wochen - der Mythos lebt, alles wird gut! In einem einzigen Freudenmeer löste sich jede kritische Distanz und Betrachtung auf, und das war gut so, denn es fühlte sich einfach bärenstark an. Hatte ich beim letztminütigen Ausgleichstor der Bayern noch bittere Tränen vergossen (Stephan Z. schrie gar unter der Dusche das Haus zusammen!), so war die Vollkommenheit des Momentes jetzt nicht zu übertreffen. Gemeinsam begab man sich an den Fuß der Tribüne und erklomm die Absperrungen. Während der Stadionsprecher noch zur Ruhe mahnte, machten die Sicherheitskräfte alle Anstalten, den Fans das Überwinden der Barriere zu gewährleisten und zu erleichtern, um Verletzungen zu vermeiden - nicht zu glauben, was man nach intensivem Rauschmittelmißbrauch noch alles hinbekommt! Eins sein mit dem Strom - in ein wildes Getümmel stürzte man sich frohen Herzens, und ein halbherzig verkopfter Norddeutscher war einfach nur noch Treibgut im Strudel der Glückseligkeit. Ich umarmte Leute, die ich normalerweise unbarmherzig veralbern würde. Hier endet die Ironie, die Wahrheit ist einfach, daß alle, alle dasselbe wollen. Und heute abend hatten es zumindest die Blauweißen alle gekriegt. Ich habe das Rasenstück noch in meiner Tasche, das ich aus dem Feld des Triumphes riß, und werde es meinen Gästen in den nächsten Wochen stolz als den "Pokalrasen" präsentieren... Die Arme hochreißen, "Schalke" schreien... was ich bei den verdammten Bayern noch vor kurzem mit Reichstagsparaden verglichen habe, wurde mir hier eindeutig klar als gemeinsames Erlebnis, das wir alle heute viel zu selten haben und das wirklich nicht zu verachten ist. Da muß ich selbst der Hoeneß-Gang Abbitte leisten... Gut, wenn sich dieser Drang zum gemeinsamen Glücksgefühl in solchen freudigen Ereignissen ausdrückt und nicht in fiesen Zurschaustellungen kollektiver Windelweichheit. Die Bayern haben ihre verdiente Eurotrophäe und ihren glückbesohlten Meistertitel, sollen sie damit selig werden, aber wir haben den Pokal, verdammt, den Pokal, und das Feuerwerk explodierte nicht nur über dem bald gewesenen Stadion, sondern auch in den Herzen der Fans - es war einfach schön, dabei zu sein!

Danach trollte sich ein jeder seiner Wege, und den ganzen Fußmarsch nach Hause wurde gehupt, geschrien und gejubelt, wie man das scheinbar nur im Ruhrpott kann. Und ich hoffe, daß selbst die Dortmunder uns den Pokal nicht verargen, denn hier tobte das Revier. Hier war der gemütsvolle Widerpart zu meiner norddeutschen Coolness und zur freistaatlichen Großmannssucht. Liefen vor wenigen Tagen noch hemmungslos heulende Menschentrauben durch die Straßen, so regierte jetzt der überhaupt nicht verordnete Frohsinn, der so viel ehrlicher ist als alles, was uns das Fernsehen in seiner Quotennuttigkeit beschert. Das boxte sich einfach aus dem Bauch, das brach hervor wie ein gebrochener Damm, der den Schalkern viel zu lange aufgebürdet war. Mit Robert Z. bin ich danach noch ins "Zutz" gegangen, was hier direkt um die Ecke liegt, und während man in Bremen mit einem Fußballschal am Samstagabend vielleicht noch spöttisch beäugt werden würde, so war hier alles ein einziger Freudentaumel. Schalkelieder wurden mal um mal wiederholt, bis selbst ich sie auswendig konnte. Straßenköterblonde Proletarierschönheiten gröhlten ebenso mit wie eigentlich auf Coolheit getrimmter Voguerschicksen - es gab keinen Samstagabend mehr, es gab nur noch Schalke! Und wie lange ich auch brauchen werde, mich hier in die Mentalität der Leute einzufügen, aber diese grundsaftige Begeisterung habe ich geteilt und werde sie im Herzen bewahren. Im Ruhrpott heilen alle Wunden zu, und nächste Saison wird Schalke alles geben! Ich habe geschworen, eine Jahreskarte zu erwerben, und, boah ey, ich werde kein Spiel versäumen ohne triftigen Grund... Mag mein Herz auch für Werner Bremen schlagen, aber ich will verdammt sein, wenn ich nicht mein Bestes tun werde, um die Schalker zu nächsten Meisterschaft zu schreien! Und zur Einstimmung: "Pokal, Pokal, wir haben den Pokal..."

Yeah.

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