NACHRUF AUF ONKEL SAM

Ich habe gerade die Nachricht erhalten, daß mein lieber Freund Sam Stetson aus Arlington in Virginia am 27. Dezember an den Folgen eines Gehirntumors verstorben ist. Da ich Sam nicht nur unzählige Informationen für meine Texte verdanke, sondern auch viele schöne Stunden am Telefonapparat, möchte ich diesen Mann hiermit verewigen. In meinen bislang 37 Jahren habe ich nicht viele Menschen getroffen, von denen ich sagen würde, daß sie mein Wesen durch ihre bloße Existenz entscheidend mitgeprägt haben. Sam ist einer dieser wenigen. Ob es sich um das Filmgeschäft handelt oder um das wirkliche Leben - so richtig nette Menschen laufen einem selten über den Weg. Sams Spezialgebiet - Erotika von der Jahrhundertwende bis zum heutigen Tag - findet heutzutage seine Entsprechung in schummerigen Sexshops und den Regenmantelträgerecken unserer Videotheken. Pornofilme verbindet man mit billigen Reisen nach Osteuropa, wo soziales Elend ausgenützt wird, um hierzulande die Taschentücher zu füllen. Sam stand für eine ganz andere Art des Sex- und Pornofilms, die in einer Zeit stattfand, als AIDS noch kein Thema war und ein alles in allem erfreulicher Mangel an Professionalität den Weg diktierte. Als er später mit mir an einem Buch über den amerikanischen Pornofilm der siebziger Jahre zusammenarbeitete, zeigte er mir die Netten in der Branche. Vor den Deppen warnte er mich. Es zeigte sich, daß er mit seinen Ratschlägen Recht behalten sollte...

Angst vorm Fliegen?

Angst vorm Fliegen? No way! (Sam ist links)

Sam Stetson war kein geborener Cineast. Er war ein Fanboy alter Schule, der nach seiner Zeit bei der Luftwaffe anfing, Memorabilia zusammenzutragen. Dazu gehörten sogenannte "Tijuana Bibles" - schlüpfrige Bücher, die in den vierziger Jahren unter dem Ladentisch angeboten wurden - ebenso wie 8mm- und 16mm-Kopien alter "stag movies" (=Stummfilmpornos), von denen er bereits in den fünfziger Jahren einige hundert dem Kinsey-Institut vermachte. (Dort ist ihm zu Ehren eine Plakette angebracht.) In der Folgezeit sammelte er fleißig weiter und erlebte jene Zeit, die ich mir für das Buch mühsam erlesen und erkucken mußte, live mit, worum ich ihn immer noch beneide. In akribischer Kleinarbeit füllte er Zettelkasten um Zettelkasten mit Informationen und traf zahllose Leute, die zu jener Zeit (der BOOGIE NIGHTS-Zeit!) in der Industrie arbeiteten und erfuhr viele Insider-Geschichten. Sein immenses Wissen floß u.a. in Jim Hollidays verdienstvolles Nachschlagewerk "Only The Best" ein, das sicherlich bis zum heutigen Tag als das kenntnisreichste Buch gelten kann, das sich mit der Geschichte des US-Pornofilmes befaßt hat. Jim Holliday - der vor einigen Jahren starb - bezeichnete ihn im Vorwort des Buches als seinen "Mentor".

Ich lernte Sam vor knapp 15 Jahren kennen, als ich erstmals Pläne für ein Buch über das übel beleumundete Genre schmiedete. Graf Haufen aus Berlin meinte, er kenne da diesen Typen aus den Südstaaten, der mehr zum Thema wüßte als irgendjemand sonst. Ich setzte mich mit Sam in Kontakt, und hatte ich insgeheim befürchtet, einen schmuddeligen alten Mann zu treffen, der mich mit anzüglichen Zoten zutexten würde, so sah ich mich getäuscht: Sam erwies sich als ein überaus freundlicher und kooperationswilliger Gentleman, dessen Interessengebiet weit über das Feld des Exploitation-Kinos hinausreichte.

In unzähligen Telefonaten und Briefen erzählte mir Sam Schnurren aus seinem Leben, schickte mir Stadtkarten und historische Texte seiner Heimatstadt (er wohnte sozusagen beim "Weißen Haus" ums Eck!), ließ mich an seiner Abneigung gegen diverse Regierungen teilhaben (kein Bush-Fan, der Mann, oh nein!) und schickte mir Reproduktionen von Bildern, die ihm besonders am Herzen lagen. Auch habe ich noch irgendwo ein Tape mit alter Jazz- und Swing-Musik, die Sam sehr liebte. Artie Shaw, Harry James, selbst Spike Jones - die waren alle da drauf! Sam war ein ziemliches Faß ohne Boden, und obwohl er durchaus kein junger Hüpfer mehr war, ließ sein Gedächtnis ihn selten im Stich. Auch als Senior von 80 Jahren trotzte er den üblichen Alterserscheinungen (man lernt jedes Teil seines Körpers sehr gut kennen!) mit Humor und einem lebenstüchtigen Mangel an Selbstmitleid. Ich bekam von ihm einiges davon mit, was es heißt, älter zu werden. Wie das ist, wenn Freunde, die man lange gekannt hat, sterben. Wenn die Halle sich leert. Verheiratet war der Sam niemals, aber ich denke, allein war er auch nicht. Er hielt immer regen Kontakt zu Freunden, und dazu gehörten eben auch Jungspünde wie ich, damals.

Als ich empfindlichen Ärger mit meiner eigenen Gesundheit bekam (ich wäre fast an einer sehr schmerzhaften Nervenkrankheit abgekratzt!), gehörte er zu den wenigen meiner Freunde und Bekannten, die sich regelmäßig nach meinem Wohlbefinden erkundigten. Das rechne ich ihm sehr hoch an, denn wer jemals in einer richtig üblen Jauche gepaddelt hat, der weiß, daß man gute Freunde dann mit der Lupe suchen muß. Sam war für mich nicht irgendsoein Sonderling, der in Amiland sitzt und Pornofilme sammelt, sondern er war Familie. Er gehörte eindeutig zu dem, was Robert de Niro in MEET THE PARENTS immer so schön als "Kreis des Vertrauens" bezeichnet. Was die filmhistorische Seite seines Schaffens angeht, so war Sam ein Bindeglied zwischen den vielen Akademikern, die sich am Thema versucht haben, und der tatsächlichen Zielgruppe jener Filme. Sam betrachtete Pornos nicht als wissenschaftlichen Analysegegenstand - er kuckte die Dinger halt gern! Dabei wußte er Alex de Renzy (einen der bekennenden "dirty old men" der Pornoindustrie) häufig mehr zu schätzen als cineastisch ergiebigere oder "freakigere" Werke - die Eignung der Filme als Erotika stand bei ihm im Vordergrund. Dabei lehnte er Gewalt kategorisch ab, und auch die Produktionen des Videozeitalters gaben ihm meistens nicht so viel. Kein Wunder - wer die wilden Geschichten, die sich damals zugetragen haben, kennt, der wird deren sleazigen Charme in den meistens bedrückend lustlos heruntergekurbelten Hochleistungs-Ballerorgien von heute kaum noch wiederentdecken. Sam war in gewisser Weise "echt". Gleichzeitig war er aber ein sehr kultivierter und intelligenter Zeitgenosse, hatte Humor und ein gutes Herz. Das scheint dem Gegenstand seiner Passion zu widersprechen, so will es das Vorurteil. Wie ich bei meinen eigenen Interviews mit Veteranen später feststellen durfte, ist das Humbug: Da gab es sehr viele nette Leute, die sowohl Intelligenz als auch Herz mit ihm teilten.

Mitte des letzten Jahres wurde bei ihm ein Gehirntumor festgestellt. Wie ernst es tatsächlich war, habe ich gerade erst von einem gemeinsamen Freund erfahren. Sam hatte die Dramatik der Situation vor mir heruntergespielt. Mein letztes Telefongespräch mit ihm hatte ich Ende November, als er sprachlich bereits stark eingeschränkt war. Wenige Tage später ist er zu sich nach Hause verlegt worden, wo er von Freunden gepflegt wurde. In den letzten Tagen muß er sich wohl bereits in einem halbkomatösen Zustand befunden haben und war abwesend. Als Freund Charles eine Gene-Krupa-Platte anmachte, erwachte er aber noch kurz aus seinem Dämmer. Bald darauf war er tot.

Sam Stetson wurde 1989 in San Francisco zum "Associate Professor of Erotology at the Advanced Study of Sexuality" ernannt. Posthum wurde ihm vor einigen Tagen von Bill Margold für sein Lebenswerk der neugegründete "Jim Holliday Award" verliehen, der von der Filmwissenschaftlerin Linda Williams entgegengenommen wurde. Am 27. Dezember um 15.15 Uhr erlosch sein Lebenslicht. Ich liebe den Mann sehr und werde ihn nicht vergessen.

Requiescat in pace

Dr. Samuel E. Stetson (1923 - 2005)

A few hours ago I was informed that my dear friend Sam Stetson from Arlington, VA has passed away from brain cancer. Not only has Sam been of considerable help to my own studies, but he is also responsible for many wonderful hours I have spent on the telephone. The least I can do to pay him back for his friendship is an obituary that says how I feel about this great man. I have always been sort of hesitant when it comes to obituaries, especially when a lot of heart-felt grief is involved. People say many nice things about The Dear Departed, and even though they are well-meant, they usually draw a picture of the fellow down below that makes him or her seem like a visitor from outer space. Not the guy next door who goes through life like everyone else. Sam probably wouldn´t have been fond of this sort of balderdash, so I´ll try to stay with the facts.

Fact is that in the course of the 37 years I have spent on this planet, there weren´t too many people that have really given me something. Sam is one of the few. In filmdom or in real life, good people are a rarity. Sam´s special field - erotica from the early 1900s to the present - is not really overrun by good people. Today, many European producers go East to save a buck by profiting from poverty. Getting cheap Third World pussy to fill handkerchiefs all over the planet was not really Sam´s idea of adult film-making. When Sam lost his heart to the sweet cesspool of Sinema, AIDS was not a subject, and a refreshing and - sometimes - endearing lack of professionalism made for hot sex and lots of wild stories. When Sam helped me with my book on American porn movies from the "Golden Era", he showed me some of the knowledgable folks in the industry. His advice always turned out to be right.

Sam was not a born cinéaste. He was a fanboy of the old school, who, having been in the Army Air Forces for quite some time, started to collect memorabilia. These could be so-called "Tijuana Bibles" (pornographic comic books sold under the counter in tobacco shops in the 1940s) or 8mm/16mm stag movies, many of which were donated to the Kinsey Institute, where a plaque still honors the donor. His interest in collecting skin flicks always went with a hunger for more and more information on the people who made these films, many of which he contacted. Some are still his friends. His acribic work was of great importance when late film historian Jim Holliday produced his "Only The Best" - still THE most resourceful and insider-information-studded book on 70s adult movies. In the foreword, Holliday called Sam his "mentor".

When I got acquainted with Sam, I didn´t quite know what to expect. I was still  young and naive, when my friend Graf Haufen from Berlin told me he knew this guy from Virginia who knew more about the stuff I wanted to write about than anybody else. Around that time, I still had strange ideas of people who "know much about porn movies" - would he be the proverbial "dirty old man", spouting profanity and naughty jokes? Well, I was proven otherwise: Sam turned out to be a friendly and cooperative gentleman whose interests went far beyond the field of exploitation cinema. In countless telephone conversations, Sam told me many anecdotes from his life (like when he worked as a cabbie and one of his guests turned out to be Peter Lorre!) and shared with me his ideas on politics, culture and such. He sent this Kraut maps of his hometown (right around the corner of the "White House"!), reproductions of paintings he liked, historical texts and God knows what else. Oh yes, and I still have a tape with the old jazz and swing tunes that he adored - Artie Shaw, Harry James, even Spike Jones, you name it... Sam was quite a resourceful person, and even though he wasn´t a spring chicken anymore when I met him - in his seventies -, he had a very clear mind with a well-functioning memory. Even at 80, he dealt with the usual cruelties of old age (when you get to know every part of your body really well!) with grace and a considerable lack of self-pity. I learnt from him what it means to grow old. What it´s like to see old friends disappear under a tombstone. When the gang thins out. He never married, but, to the best of my knowledge, he also never was alone. This may have been partly due to his willingness to cooperate with young fans and students who came to him for help. Like myself.

When I encountered some health problems some years ago (almost got snuffed by a rather painful disease), he belonged to the very few people who called me up regularly to get informed on my condition. I really, really appreciate that. As everyone knows who has at one time or other experienced what it´s like when the excrement hits the air-conditioning, people just tend to go AWOL. They just tend to disappear. Good and reliable friends are rare. So I hope I have made my point: Sam wasn´t just this old guy from overseas  who collected X-rated flicks - he was family. He quite clearly belonged to what Robert de Niro calls in MEET THE PARENTS "the Circle of Trust". If film historians take a look at the wonder that was Sam Stetson, they will find that he was sort of a link between all those fancy academics who try to make sense of the crotch operas of days gone by and the target audience of said extravaganzas. For Sam, porn was not a subject for scientifical research - first and foremost, he dug those movies! When modern film scholars get off over the more artsy-fartsy way of porn film-making (you know, porn that is not really supposed to be porn, but penetrative art!) or the trash-film variety (that also allows for an ironically distanced view on what´s simply two or more people having fun together), Sam felt more at home with people like Alex de Renzy who celebrated sex for sex´ sake. Violence was always a no-no for him. Video-age porn also was not much his cup of tea-and-A. No wonder, as the sleazy and somehow innocent charm of  the "Golden Era" porn is so lamentably absent from today´s "shoot first, ask questions later" sort of skin cinema. Perfection does not always ensure good sex. Sam was genuine, in a way. He was a fanboy. At the same time, he was cultured, intelligent and had a good heart. For some people this may be a contradiction to the object of his desire, but - as I had the chance to experience during the interviews - that is utter nonsense: There are many nice people in the business, and Sam knew many of them.

Last year, a brain tumor was diagnosed. How truly serious his disease was, I only learnt a few hours ago. Sam had always played down his disease when he talked to me. When I had my last phone conversation with him a few weeks ago, he was already having trouble speaking. Soon later, he returned to his house. Some friends took care of him.

Sam Stetson was named Associate Professor of Erotology at the Advanced Study of Sexuality in San Francisco in 1989. He was posthumously given the very first "Jim Holliday Award" at friend Bill Margold´s "Legend of Erotica" convention. It was received by film historian Linda Williams. On December 27th at 3.15 p.m., Sam went away. I love this man. I will never forget him.

R.I.P.

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