HARALD "SACK" ZIEGLER

Auf der Suche nach einer neuen Lebensaufgabe ist mir einmal mehr der gute Hagen behilflich gewesen, der mir den Weg wies zu einem der Titanen der deutschen Wohnzimmermusik: Harald "Sack" Ziegler. Dessen Gesamtwerk zu sammeln, dürfte in der Tat mehr als ein Leben verschleißen, so zahlreich sind die bislang angefallenen Produkte!

Wer oder was ist Harald "Sack" Ziegler? Biographische Daten zu seinem menschlichen Werdegang zu sammeln, ist nicht ganz leicht. Sicher ist, daß er seit Anfang der 80er Jahre an der damals ja noch florierenden Kassettenszene partizipierte (siehe auch Text unter "Pissende Kuh Kassetten") und mit Erzeugnissen von schillernder Vielfalt und großer Eigenartigkeit aufwartete. Unter den unzähligen Titeln, die von ihm auf den Markt geworfen wurden, befinden sich solche Evergreens wie "Entartete Musik von Sack" (seine erste!), "Die Sackparade", "Versackt" und "Zehn Meter langes Regal kippte um".

Die Musik ist weitgehend unbeschreiblich. Die Miniaturen des Herrn Sack bestehen häufig aus wilden (nicht selten lärmenden) Passagen, die dann aber wieder mit bukolischer Harmonie verschmolzen werden. Dabei verwendet der Künstler nicht nur so gebräuchliche Instrumente wie Akkustikgitarre und Heimorgel, sondern holt auch schon mal das Waldhorn aus dem Futteral und schreckt auch vor dem bedingungslosen Gebrauch von Haushaltsgegenständen und Kinderinstrumenten nicht zurück. Hier eine gewisse Verwandtschaft zu den frühen Residents zu sehen, ist nicht ganz abwegig. Wie die kugelköpfigen Sanfranziskaner beschränkt sich "Sack" nicht darauf, grotesken Humor unter das Volk zu streuen - immer wird die Musik unterlaufen von verwirrenden, ja bisweilen beängstigenden Akzenten, die den Zuhörer stark verunsichern. Immer klingt heraus, daß "Sack" seiner ganz privaten Vorstellung von Schönheit huldigt und nicht nur ein Zerrbild darreichen will. Das merkt man an den vielen gefühlvollen Balladen, die sich auf den Kassetten einschleichen. Es ist schon ein eigenes Universum, das dieser Mann erzeugt. Kein Universum der Perfektion, aber ein Universum der ungebrochenen Kreativität und Spielwut.

Greift "Sack" zur Gitarre, dann kann es passieren, daß seine Balladen wüst ausarten - er klingt dann nicht selten wie eine Mischung aus Bob Dylan, Charles Manson und den Mainzelmännchen. Die Texte sind von bewußter Schlichtheit und besingen etwa Margeriten, Aquarien oder Bungalows, tun dies aber in einer dadaistischen Unberechenbarkeit, die staunen macht und für kurze Momente aus der eigenen Welt in die des Künstlers herüberführt. Man befindet sich bei den Sackophonien in ständiger Desorientiertheit, fühlt sich aber trotzdem pudelwohl, da seine Welt eine grundsympathische ist.

Von den vielen, vielen Veröffentlichungen besitze ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur ganz wenige. Mein persönlicher Liebling ist eine Split-LP, "Parp", die Sack (ich lasse das jetzt mal mit den doofen Anführungszeichen!) zusammen mit Doc Wör Mirran aufgenommen hat. Auf ihr befindet sich das erhabene "Lied der Königin", auf der Sack mit Inbrunst die Dudelsackkönigin besingt. Von leicht grungigem Gitarrenrock mutiert das Stück sehr bald zu einem sehr aggressiven Gebratze, das Sack mit Falsettgefiepe und Waldhornintermezzi anreichert. Auch toll das Lied von dem dicken Hai, der ein tonnenschweres Ei legt, wie auch das Stück über Sacks alleine Oma nachhaltig zu entzücken vermag. Die finale Miniatur vermeldet dann: "An der Cowboybar ist der Kaugummi, den man dort kaufen kann, kaum kaubar." Das war mir bisher nicht bekannt - leben und lernen, wie ich immer sage!

Das 15-Minuten-Tape "Knack" überflutet den Hörer mit zahlreichen Ministückchen, die gelegentlich von kurzen Poesieeinsprengseln aufgelockert werden. Das zentrale Stück ist hierbei sicher das live gespielte "Flat Frog", das zu Anfang noch unter fehlerhaftem Equipment leidet, dann aber sozialkritisch referiert über "Frösche, die auf der Straße kleben". Das Publikum bei dem Mitschnitt hat offensichtlich eine gute Zeit, und die überträgt sich mühelos auf den Käufer des Tapes... Bereits hier tauchen einige mysteriöse "WSfO"´s auf, doch dazu gleich mehr.

Als erste realexistierende Sack-LP scheint ein Werk mit dem kontroversen Namen "Sack heil" (1990) zu gelten, das mir die Gezeiten aber noch nicht an den Strand gespült haben. Wohl aber ist das der Fall bei der 1994 herausgekommenen "W.S.f.O. - Winzige Stücke für Orgel", auf der insgesamt 14 teilweise sakral anmutende, teilweise aber auch lustvoll melodramatische Orgeleien drauf sind, die von Axel Fischer auf einer Hannoveraner Kirchenorgel interpretiert werden und auch in quietischigen "Effekt"-Varianten aus Sacks Heimwerkstatt enthalten sind. Das Ganze klingt so, als würde man sich die Sesamstraße unter dem Einfluß von Stechapfeltee zu Gemüte führen - Marienerscheinungen sind nicht ganz ausgeschlossen!

Eher generischen Sack bietet das 1995 veröffentlichte Album "Brick", eine umwerfend vielfältige Ziegelei, die von einem versackten Tim (von "Tim und Struppi") auf dem Cover geziert wird. Wie immer geht es um Margeriten, die wie Spiegeleier aussehen, um getoastete Pyjamas und gebügelten Toast. Sehr innovativ finde ich die "Hin & Her"-Stücke, in denen Sack einfach zwischen zwei verschiedenen Musikstücken hin- und herschaltet und dadurch einen interessanten Effekt erzielt. Am meisten ans Herz gewachsen sind mir die Stücke um die Puppe "Sterntaler", die zwischendurch auch immer mit Puppenstimme zu vernehmen ist: "Hallo, ich bin deine beste Freundin!" Eine sehr hübsche Platte mit nur 49 Stücken, bei denen man nicht viel falsch machen kann.

Die neueste  Veröffentlichung, die ich von Sack besitze, ist seine erste Zusammenarbeit mit Frank Schültge alias "Blumm", namentlich die Single "Die 5. Dengelophonie", die von einem Gleichmaß getragen wird, das es fast scheinen läßt, als sei Philip Glass bei Toys´R´Us eingebrochen... Ausgesprochen hübsch - die anderen Sack-Blummesken werde ich mir wohl auch besorgen.

Wer Sack auch sehen möchte, der hat dazu Gelegenheit auf diversen Split- und Solovideos, die Titel haben wie "S(Bl)ack is beautiful" oder "Mit der Gitarre durch die Nacht". Sehr interessant klingen auch literarische und Comic-Erzeugnisse wie "Kommt Zeit, kommt -tung". Auch von einem Songbuch habe ich gehört...

Insgesamt handelt es sich bei Harald "Sack" Ziegler jedenfalls um eine echte Entdeckung, bei der sich die humorloseren Anhänger der Genialen-Dille-Tanten-Szene vermutlich zurückziehen werden, aber dann hat man umso mehr Platz im Herzen für den Do-it-yourself-Sonnenschein dieses Kölner Multitalents! Wer braucht den Dom, wenn er den Sack haben kann? Über meine anhaltende Sackforschung werde ich weiter berichten...

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