MUMIEN, MONSTREN, MUTATIONEN

Ein paar Betrachtungen zum Thema Romanheft

Vor langer, langer Zeit, als es nur drei Fernsehprogramme gab, die um die Gunst des Zuschauers buhlten...

- als Videokassetten noch 30 Mark pro Stück kosteten
- als sich der kleine Christian durch die sogenannte Orientierungsstufe schummelte
- als Haribo-Goldbären noch Farbstoff enthielten und auch Dolomiti noch schmeckte
- als Flugsaurier am Himmel kreisten

...vor sehr langer Zeit also begab es sich, daß ich in schlechte literarische Gesellschaft geriet.

Die Schauerromantik hatte schon immer eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Edgar Allen Poe, Algernon Blackwood, Ambrose Bierce, Montague Rhodes James und H.P. Lovecraft gehörten zu meinen frühen Verhexungen. Gelegentlich erreichten mich die Kurzgeschichten dieser Heroen nur in Form von sorgsam eingerichteten Versionen für Kinder, aber wann immer ich konnte, griff ich mir die deutschen Originalversionen. Lange vor Stephen King grub ich mir einen Weg durch Wertes und Unwertes, und während ich mir der literarischen Hoheit der Erzählungen eines Mr. Poe schon bewußt war, so liebte ich es ebenso, die Motive des "Gothic Horror" in akademisch weniger gebenedeiter Lesekost nachzuvollziehen. Z.B. erinnere ich mich noch daran, in einer Horrorserie des Bastei-Verlages die Romane eines Graham Masterton (DER MANITOU) förmlich verschlungen zu haben, der niveautechnisch zwar deutlich unterhalb von King rangierte, aber ich fand die Bücher halt sauspannend! Es gab da Sachen von denkbar unterschiedlichen Autoren: Dennis Wheatley, Robert Chetwynd-Hayes, Robert Bloch... Ich stellte mir das alles beim Lesen vor wie einen Film, den ich gerade betrachtete und gleichzeitig selber inszenierte. Das ging soweit, daß ich mir sogar Sprecher aussuchte, deren Stimmen ich aus dem Fernsehen kannte, um die einzelnen Figuren vor meinem geistigen Auge zum Leben zu erwecken. Nicht selten entwarf ich die Filmmusik gleich mit. Ich hätte Eintritt verlangen können! (Anm.: Für Larry Brent wie für John Sinclair "verwendete" ich als Sprecher Frank Glaubrecht, den ich damals mit Dave Starsky verband. Das ist recht bizarr, da ebenderselbe fast 20 Jahre später auf den neuen Hörspielen dem Geisterjäger die Stimme lieh...)

Meine Mutter betrachtete diese Hinwendung zum Unheimlichen und Morbiden immer mit einer gewissen Sorge, vermute ich. Gruselfilme durfte ich als Kind niemals sehen, auch die ganz alten nicht. Das hatte dann zur Folge, daß ich vor Angst fast starb, als ich mit ca. 8 Jahren im Kreise einiger Schulgenossen DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE im Fernsehen kuckte. Heutzutage treibt mir der Film die Lachtränen in die Augen, aber ich kannte solche Sachen halt noch nicht. Als ich noch klein war, mußte das Licht im Flur brennen, wenn ich schlafen sollte. Auch so hatte ich des öfteren Alpträume, die ihren Ursprung in Filmen hatten, etwa von der grüngesichtigen Hexe aus dem ZAUBERER VON OZ, die eines Nachts in meinem Zimmer stand. Mittlerweile bin ich fest davon überzeugt, daß jedes Kind über einen gesunden Angsthaushalt verfügt. Gewissermaßen lernt man auf diese Weise, mit den Ängsten der realen Welt umzugehen. Neulich las ich von einem kleinen Jungen, der ebenfalls von seinen Eltern von allen potentiellen Angsterregern ferngehalten wurde. In der Folge entwickelte der Steppke eine solch panische Angst vor der Werbefigur "Meister Proper", daß er in psychiatrische Behandlung mußte.

Ich besaß irgendwann Hörspielplatten der Firma "Europa", die einen deutlichen Horroreinschlag hatten - die fand ich richtig toll! "Das Gespenst im Schloßhotel" gab es damals (Ende der 70er), und als richtig spitze habe ich "Nessie, das Ungeheuer von Loch Ness" in Erinnerung, mit Horst Frank und seiner Frau Brigitte. Natürlich war auch allerlei futuristischer Kram dabei, wie "Perry Rhodan" oder "Commander Perkins", aber es mendelte sich doch sehr bald eine Vorliebe für den schauerromantischen Bereich heraus, mit alten Häusern, in denen geisterhafte Gestalten ihr Unwesen treiben, Kirchhöfen mit moosüberwucherten Grabsteinen und dergleichen mehr. Selbst heute gehören Spukhausfilme zu den wenigen Sachen, die mir wirklich Angst bereiten können. Blut und Eingeweide können literweise aus Leinwand oder Fernsehschirm spritzen - es juckt mich nicht. Aber wenn Sadako in dem japanischen Original von RING aus dem Brunnen steigt und langsam auf die Kamera zutrapst, dann wird mir gaaanz anders...

Zur selben Zeit entwickelte ich eine ausgeprägte Vorliebe für Romanhefte. Die fand ich ganz groß. Der Reiz dieser populären, von "seriösen" Kritikern meist belächelten Literaturgattung lag für mich in ihrer Kontinuität, sowohl in der realen wie der fiktiven Welt. Die Abenteuer von Figuren wie Larry Brent oder John Sinclair wurden regelmäßig fortgesetzt, und während ich Woche für Woche zum Bahnhofskiosk wetzte, um die neuesten Geschichten einzusacken, bekamen die jamesbondesken Heldenfiguren dieser Romane einen Vorbildcharakter für mich, den eine Lektüre der Romane Heinrich Bölls mit Sicherheit nicht erzielt hätte. Ich lebte mit diesen Figuren, mit meiner privaten Vorstellung dieser Figuren, und das Tolle war - es gab jede Woche neue Nahrung! Wie groß der poetische Wert und die literarische Hoheit der Erzählungen Mr. Poes auch war, aber diese sehr unmittelbare Bedeutung für mein Leben hat er niemals hinbekommen... Ich habe das Haus von Usher vor Augen, das Pferd aus "Metzengerstein", das Turmzimmer aus der gleichnamigen Geschichte von E.F. Benson, die verschwommene Gestalt in der M.R.-James-Geschichte "Pfeife und ich komme zu dir, mein Freund" - Larry Brent und John Sinclair hingegen lebten in mir.

Als erstes trat ein gewisser Dan Shocker in mein Leben, dessen Held Larry Brent (alias X-RAY-3) damals noch in einer Serie des "Zauberkreis"-Verlages zu finden war, die sich "Grusel-Krimi" nannte. Es gab innerhalb dieser Reihe eine ganze Menge Autoren - auf Anhieb fallen mir Bob Fisher, Marcus Mongo und Cater Saint Clair ein, und der von mir sehr geschätzte Hexer Stanley. Am häufigsten waren aber die Stories um Larry Brent, was mir auch sehr recht war, las ich sie doch mit einigem Abstand am liebsten! Ich kann mich noch an diverse Spanienurlaube mit meinen Eltern erinnern, in denen ich so manchen Planschspaß zugunsten mitgebrachter Trivialliteratur links liegen ließ. Ich erinnere mich an eine Azteken-Trilogie, dessen einer Teil "Die Totengeister von Uxmal" hieß. Während der Lektüre hörte ich auf meinem Kassettenrecorder (Walkmänner gab es damals noch nicht!) immer ein Stück aus dem James-Bond-Film THE SPY WHO LOVED ME. Das klingt zunächst etwas bizarr, unterstreicht aber den Heldencharakter, den Kunstfiguren wie Larry Brent damals für mich besaßen. Manche der Romane waren recht grausig. Ein Roman mit dem Titel "Das Höllenbiest" lauert z.B. noch in irgendeinem Teil meines Gehirns und hat, scheint´s, großen Eindruck hinterlassen. Auch war da "Ruine der Kopflosen", dessen Cover ich noch immer detailgenau vor Augen habe. Die gemalten Cover waren ohnehin ein Fall für sich und ergänzten aufs Trefflichste knallige Titel wie "Schrei, wenn dich der Hexentöter würgt" oder "Das Grauen schleicht um Bonnards Haus"... Später hat Mr. Brent noch eine eigene Serie bekommen, aber das entzog sich meiner Kenntnis, weil... Aber dazu gleich mehr.

John Sinclair (das literarische Kind von Jason Dark) bekam ich von Folge 1 an mit und sammelte ihn bis ca. Folge 100. Die stramm in der 1. Person verfaßten Romane kamen meiner Vorliebe für Ich-Erzählungen entgegen, die die Identifikation mit den todesmutigen, überlegenen Kämpfern gegen das Böse erleichterten. Verglichen mit Dan Shocker waren die Sinclairiaden eher noch eine Spur humorbetonter und mit Sicherheit weniger grausam, aber auch sie zogen mich in ihren Bann. Sowohl Mr. Shocker als auch Mr. Dark befleißigten sich einer sehr farbigen und anschaulichen Prosa, die meine kindliche Neigung, mir die Geschichten als Filme vorzustellen, sehr erleichterten. Die Dialoge waren meistens sehr lebendig. Na ja, wie bewerte ich das nach meinem Germanistikstudium? Dürrenmatt warnse sicher nich, aber "Die Physiker" haben mir auch nicht durch die Zeit der Präpubertät geholfen - das waren Mr. Brent und Mr. Sinclair! Auch im Nachhinein bewundere ich jedenfalls die Kunst dieser Autoren, auf regelmäßiger Basis Gruselgeschichten hinzulegen, die mit viel Einfallsreichtum und erzählerischem Geschick nicht nur die Fantasie des kleinen Christian mit einer schwarzen Feder kitzelten, sondern auch heute noch viele Fans besitzen. Mr. Poes alkgeschwängerte Alpträume und H.P. Lovecrafts Phantasmagorien hängen auch in der Bildergalerie in meinem Herzen, aber es sind mehr intensive Gemälde, die man sich auf einer Reise im ortsansässigen Museum anschaut, mit seinen eigenen Gespenstern vergleicht und schaudert. Mit Larry Brent und John Sinclair erlebte man den Horror in der ersten Reihe - man war mit dabei, man stritt ebenbürtig an der Seite der Heroen und genoß den Sieg des Guten über das Böse, Woche um Woche...

Meine Mutter ist nicht nur eine herzensliebe Person, sondern auch gesegnet mit intuitiven Gaben. Wann immer ich etwa in meiner Jugendzeit einen Horrorfilm anschaute, kam sie genau bei den heikelsten Stellen ins Zimmer geschneit. Selbst wenn der gesamte Film daraus bestanden hatte, daß zwei Männer an einem Tisch sitzen und über den Untergang des Abendlandes sinnierten - wenn Mann 1 am Schluß eine Axt zückte und sie in den Schädel von Mann 2 grub (dessen Geschwafel er wahrscheinlich nicht mehr ertragen konnte!), ging die Tür auf, und Mutter kam herein! Als mir das beim blutigen Finale von David Cronenbergs großartigem SCANNERS passierte, resultierte das fast in einem kompletten Videoverbot! Nun, eines Tages waren die Romanhefte weg. Mutter wußte von gar nichts. Ich hatte sie nicht sorgsam geordnet in einem Regal stehen, da ich niemals Sammler und Materialist gewesen war. Vielleicht waren sie wirklich aus Versehen im Altpapier oder beim Sperrmüll gelandet. Ich fraß das damals. Ich wendete mich anderen Dingen zu. Ich wurde hauptberuflich Filmfan, Filmjournalist in spe, vollendete meine Schule, verschwendete meine Zeit beim Bund, studierte und schrieb nebenbei ein paar Bücher. Jetzt bin ich endlich da angelangt, wo ich hinwollte - AM ANFANG! Ich will meine Hefte zurück...

Vor einigen Jahren war ich nämlich im Hause meiner Eltern und grub auf dem Dachboden herum. Zwischen lauter alten Schulbüchern und staubigen Winnetou-Platten befand sich ein alter Koffer. Den machte ich mal spaßeshalber auf, und voilà - es lachten die Zauberkreise und Basteien! Zunächst dachte ich nur: "Aha - der Mythenkoffer! Na, meiner Mama werde ich noch mal glauben..." Ich hatte aber zuviel schädliches Tun im Sinne, als daß ich die Hefte gleich wieder an ihren angestammten Platz zurückgeholt hätte.

Da meine Freundin Cora aber eine Vorliebe für Horrorhörspiele hat, sah ich mich nach entsprechenden Tonträgern um. Mit großer Überraschung stellte ich erst jetzt fest, daß es Anfang der 80er Jahre eine "Europa"-Hörspielreihe um Larry Brent gegeben hatte. Auch Dan Shockers Reihe "Macabros" wurde vertont. Was an John-Sinclair-Hörspielen herausgebracht worden ist, läßt sich kaum zählen. Tapes und digitale Tonträger schnurpselten in meinem Hifi-Equipment, und ich habe mich jetzt richtig eingehört in die Sachen. Natürlich ist das nicht der Zauber von einst, der da in tontechnisch mehr oder minder brillanter Qualität verewigt ist, aber das Anhören hat an einigen staubigen Kommoden gerüttelt, und Geister sind entfleucht. Die wachgewordenen Bilder haben mir einiges ins Gedächtnis zurückgerufen, was mir einst hoch und heilig war. Es war keine Kunst der Museen und der großformatigen Bildbände, aber eine Überlebenskunst, die mir geholfen hat, meine Fantasie wachzuhalten in einer Welt, in der die Totschlagemanier von Stumpfheit und allgegenwärtiger Rohheit allzuhäufig die Oberhand zu gewinnen droht. Ich habe das als unbeschwertes Kind noch nicht zu erkennen gewußt, aber schon damals lauerten die Schreckgespenster an allen Ecken. Sie waren grau und wächsern. Der schwarze Tod, Marotsch und all die anderen Gesellen waren knallig und farbig, und man konnte ihrer Herr werden, wie die Romane ein ums andere Mal bewiesen. Jugendpsychologen und Bundesprüfstellengesellen werden das nicht nachvollziehen können, aber der Kampf gegen solch illustre fiktive Feinde stumpft nicht ab, sondern schult den Blick für das Übel, das da tatsächlich ist. Das ist die Essenz der Horrorliteratur und -filmkunst. Larry Brent und John Sinclair schufen Bewegung, wo sonst grimmige Stasis drohte. Sie versahen meine frühjugendliche Psyche mit dem Konzept des Weitermachens, des Dagegenhaltens. Sie zeigten mir den Reiz der Schlangengrube, aber auch den Spaß, den es macht, auf dem Styx zu surfen. Man muß sich da manchmal selbst die Wellen machen, um das Kunststück zu schaffen, aber es lohnt sich!

Gestern habe ich mit Cora eine Hörspielkassette gehört, die Jugendschützern geeignet schien, herankeimende Menschen sozialethisch deszuorientieren und zu verrohen. Die hieß "Die Spargelköpfe des Dr. Goggo" oder so. (Den Titel darf ich natürlich nicht nennen!) Das Hörspiel war sehr unterhaltsam und enthielt einige wenige Passagen, die etwas gschmackig waren. Da wird u.a. eine Hand abgeschnitten von einem buckligen Scheusal, das nur Ärger mit Frauen gehabt hat. Cora meinte, das Indizierenswerteste seien die unerträglichen Familienangehörige des Autofahrers vom Anfang gewesen. Die waren wirklich garstig. Mir gefielen besonders gut die Theaterpassagen, in denen sehr viel Handbezogenes geäußert wird, bevor dann wirklich die abgetrennte Hand des Opfers Sarah als unerwartetes Bühnenrequisit gereicht wird... Sorry, aber so etwas so indizieren, halte ich für in seiner Unangemessenheit geradezu grotesk. Wer dieses kriminelle Hörspiel an einen 17-jährigen Jugendlichen weiterreicht, riskiert eine Freiheitsstrafe! Hmmh, könnte es da nicht wichtiger sein, die Kiddies davon abzuhalten, die Rebellion gegen ihre arschigen Eltern in Form von chemischen Drogen auszutragen? Nicht das Problem der Prüfstelle, und glücklicherweise nicht meines! "Dr. Gurgel" (oder so) wird demnächst in entschärfter Form neu erscheinen. Die anderen Larry-Brent-Hörspiele sind schon neu auf CD erhältlich. Das gilt auch für die mindestens ebensoguten Macabros-Aufnahmen, in denen dem Helden Björn Hellmark die Stimme geliehen wurde von Douglas Welbat, dem Sohn des Krümelmonsters! Von John Sinclair sind etwa 110 Hörspiele auf Tape erschienen. Die sogenannte "Edition 2000" (qualitativ deutlich besser als die alten Sachen) ist auf CD erhältlich und umfaßt auch schon ungefähr 25 Titel.

Demnächst besuche ich meine Eltern. Da werde ich mir den Koffer auf dem Dachboden nochmal ganz genau ansehen...

Sei kein Frosch!

Linx:

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