Hallo!

Als ersten virtuellen Leckerbissen habe ich hier mal einen kleinen Auszug aus meinem bald erscheinenden Buch über den amerikanischen Hardcorefilm der siebziger Jahre, das neben einem detaillierten Überblick über die wichtigsten, wildesten und obskursten Werke dieser Periode auch eine Reihe von Interviews mit Fachmännern und -frauen enthalten wird, darunter Annette Haven, Gerard Damiano und Jamie Gillis. Über das Erscheinungsdatum demnächst mehr!

Jetzt erst einmal mitten hinein ins Samenglück!

ANGEL ON FIRE

Roberta Findlay gehörte zu den faszinierendsten Sexploitationfiguren der sechziger Jahre. Zusammen mit ihrem Mann Michael drehte sie sehr exotische Werke, die sich auch durch eine besondere Betonung von morbiden und häufig brutalen Details hervortaten. Am berühmtesten ist sicherlich ihre FLESH-Trilogie. Aus ihrem billigen Manson-Horrorfilm THE SECT wurde später der berüchtigte SNUFF. Während ihrem Gatten ein ebenso ungewöhnliches wie furchtbares Geschick beschieden war (er wurde 1977 bei einem Hubschrauberunglück auf dem Dach des PanAm-Gebäudes enthauptet!), machte sie sich 1974 an die Produktion der mittlerweile schwer boomenden Hardcorefilme. Auf diesem Sektor war sie einigermaßen fleißig, und während ihre Filme selten über eine echte erotische Ausstrahlung verfügten, handelt es sich doch um gut gemachte Produkte mit einem unverkennbaren Stil, der nicht selten in Bereichen stromert, die für das Pornogenre gemeinhin als unbekömmlich empfunden wurden. Ihr erster Porno, ANGEL ON FIRE (aka ANGEL NUMBER NINE), legt noch am ehesten Zeugnis davon ab, daß es sich bei ihr um die erste weibliche Pornoschöpferin der Ostküste handelte. Die Handlung orientiert sich deutlich an den Himmelskomödien der 40er (unter denen mein Liebling A MATTER OF LIFE AND DEATH von Powell und Pressburger ist!) und macht auch deutliche Anleihen bei THE DEVIL IN MISS JONES: Ein junges Paar hat Krach miteinander, weil sie ihm gestanden hat, schwanger zu sein. Der Mann, Steven (Alan Marlowe), ist genau der Mackertyp, vor denen uns die Talkshows immer gewarnt haben, und schmeißt sie kurzerhand raus. Da Busfahrer Marc Stevens infolge eines Fellatios in seiner Navigationsfähigkeit entschieden beeinträchtigt ist, findet Stevens Leben ein jähes Ende. Im Jenseits erscheint ihm die paradiesische Registraturbeamtin Jennifer Jordan (Engel Nr.9), die nicht findet, daß sein mieses Verhalten ihn für den Himmel prädestiniert. Stattdessen beschließt sie, ihn im Körper einer Frau wieder zur Erde zu schicken, damit er mal spitz kriegt, wie toll das ist, wenn man von einem rücksichtslosen Lutscher wie ihm abgezogen wird. Nach einer ersten Sexerfahrung mit Marc Stevens ("Meiner war etwas länger!") und einem lesbischen Encontre mit seiner ehemaligen Geliebten gerät "Stephanie" an den Fotografen Jamie Gillis, der ihr so lange Honig um den nicht mehr vorhandenen Bart schmiert, bis sie sämig zerschmilzt. Natürlich ist Jamie ein Schlemihl und betrügt und demütigt sie nach Strich und Faden. Am Schluß wird die jammernde Stephanie/Steven wieder in den Himmel gelassen, und da er seine Lektion gelernt hat, darf er fürderhin an Engelsharfen zupfen... Eine hübsche Grundidee also, die Roberta mit sanfter Hand inszeniert hat, vollkommen frei von den unschönen Klängen späterer Filme. Darby Lloyd Rains spielt Stephanie, und die deutsche Kinosynchro versieht ihre den neuen Körper betreffenden Beobachtungen mit feinfühligen Kommentaren wie: "Was hängt, hängt. Aber manche Männer mögen das..." Der Film hängt auch etwas, zumindest in der Dramaturgie, aber insgesamt handelt es sich um einen durchaus lobenswerten frühen Pornie, für den sich Frau Findlay nicht zu schämen braucht. Bei "Alpha Blue" gibt es auch den netten ROSEBUD, in dem Jamie Gillis sich das Abschiedstonband seiner Frau Darby Lloyd Rains anhört. Die Gute hat sich nämlich umgebracht, da sie mit ihrer verzweifelten Liebe zum eigenen Vater nicht fertig wurde. Dieser möglicherweise sogar noch vor ANGEL gedrehte Film war vermutlich hart, aber der vorliegende Torso läßt darüber nur Vermutungen zu. Immerhin war der melancholische Romantizismus schon eher im Einklang mit späteren Entwicklungen in der Findlayschen Karriere. Aus der ganz albernen Ecke sind Filme wie NEW YORK CITY WOMAN (der offensichtlich aus zwei Pornos zusammengeschnibbelt ist und von "Harold Hindgrind" ko-inszeniert ist) und RAW FOOTAGE (von "Walter F. Roberts", in dem Frau Findlay auftaucht als verhärmte Putzfrau mit Feudel und Eimer!). SLIP UP ist ein sehr amüsantes Exemplar der absurden Klamaukfilme, die mit ihren surrealen Einfällen eine New Yorker Spezialität waren. (Diese "Robert Walters"-Filme stammen offenbar zumindest teilweise noch von Ehemann Michael.) In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts sind besonders A WOMAN´S TORMENT und MYSTIQUE bemerkenswert. Der erstere ist ein regelrechter Horrorfilm und schildert die blutige Rache einer vergewaltigten Frau, die im Wahn diverse Mannsbilder abschlachtet und im Strandhaus herumliegen läßt. MYSTIQUE spielt im selben Strandhaus, wo Georgina Spelvin als todkranke Künstlerin ihre letzten Tage verleben will (in der aufmunternden Gesellschaft von Mahlers "Kindertotenliedern"!) und einer geheimnisvollen Frau (Samantha Fox) verfällt, die möglicherweise nur in ihrer Einbildung existiert. Ihren späteren Krimi THE TIFFANY MINX von 1981 habe ich an anderem Ort ausführlicher besprochen.

PLAYGIRLS OF MUNICH

Anfang der 70er war man hierzulande ja ganz hin und weg von den in Bayern spielenden Trachten-Sexfilmen. Die jodelnden Dirndl und sündigen Bauern werden heutzutage natürlich höchstens noch belacht. Was aber kaum jemand weiß, ist, daß auch die Amerikaner einen Film gedreht haben, der sich direkt in der Tradition der geilen Almöhis befindet: PLAYGIRLS OF MUNICH (auf UVG herausgekommen als MUNICH MADNESS). Eigentlich ist dieses erhabene Werk die zweite Folge einer geplanten Serie, in der Regisseur Navred Reef die Fantasien schildert, mit denen die beiden Tagediebe Chuck und Barney ihre Existenznöte kompensieren. Die erste, DUTCH TREAT, ließ Roger Caine und Zebedy Colt in die Heimat der Windmühlen vorstoßen, wo sie Frau Antje unter die Holzpantinen schielten. In MUNICH MADNESS liest Chuck (ein gutaussehender Proll) immer noch seinen Reiseführer "Sexy Europe", der die Vorzüge unseres Heimatlandes preist. Ihr Brötchenerwerb führt sie zum Flughafen, wo die beiden ein kleines Motorflugzeug warten sollen. Durch widrige Umstände schlafen sie im Gepäckraum ein, wo sie erst entdeckt werden, als sich der Flieger bereits in hohen Lüften befindet. Da die Crew auf blinde Passagiere sehr unleidig reagiert, schmeißt man sie kurzerhand raus. An Fallschirmen segeln die beiden, Vögeln gleich, zu Boden und landen - im Münchner Olympiastadion! Ja, dieser Film ist tatsächlich in Bayerns Hauptstadt gedreht worden, und die beiden fangen sofort damit an, den Freistaat umzukrempeln. Als erstes laufen sie der bezaubernden Gretchen über den Weg, die sie im Bräuhaus ihres Vaters unterbringt. Die Unfähigkeit von Chuck und Barney führt aber zu Streithändeln mit den Eingeborenen, weswegen sie die Flucht ergeifen müssen. Als Leibwächter von "Miss Bavaria" erleben sie erneut die überschäumende Gastfreundschaft des deutschen Südens, wobei Barney (der Clown des Duos) von einer übergewichtigen Dame vergewaltigt wird. In einem von Gangstern betriebenen Nachtclub läßt sich Chuck unwissentlich mit der Frau des Chefs ein, was die Boys nur knapp überleben. (In dieser Szene, wie auch in anderen Szenen des Films, wird die deutsche Sprache des Originals von Untertiteln ins Englische übersetzt. Hier lautet ein deutschsprachiger Untertitel: "Komm Mädchen, ich fich bich!") Nachdem sie in einem Bordell fremden Verkehr genossen haben, führt sie ihre Odyssee zur Zugspitze, wo sie Gretchen wiedertreffen, die sie zu einer Orgie mit Swimming-Pool einlädt. Leider treffen sie dort auch den Gangsterboß, doch bevor sich gröbere Untaten zutragen können, wacht Chuck in seinem Auto auf - das Ganze war nur ein Traum. Allerdings führt sie (à la DEAD OF NIGHT) ihr nächster Auftrag zum Flughafen, wo sie eine Maschine warten sollen... Der recht kurze Film war für mich eine große Überraschung, denn den deutschen Zuschauer erwartet ein großartiges Partytape, das ein Bild der hiesigen Früh-70er-Realität entwirft, das an Groteskheit kaum zu überbieten ist. Roger und Zebedy funktionieren recht gut als "straight man/funny man"-Doppel und haben das Glück, eine recht gelungene Synchro geschenkt zu bekommen. Die deutschen Aktricen sind im Vorspann mit tollen Namen bedacht, wie z.B. Gretchen Kolber, Karen Hapsburg, Ilsa Hofkarr, Liselotte Gruber etc. Zu der Zeit durfte bei uns ja noch kein Hardcore gedreht werden, aber die Damen sehen mit Leichtigkeit hübscher aus als die meisten Darstellerinnen in frühen deutschen Pornos. Der Höhepunkt der Filmmusik ist für mich eine tolle Beatorgelversion von Black Sabbaths "Paranoid"! Leider wurde aus den späteren Reisen der Tagträumer nichts, doch MUNICH MADNESS sollte man sich nicht entgehen lassen. Zebedy drehte übrigens vorher mit Regisseur Navred Reef (das Pseudo ist ein Anagramm für den holländisch klingenden richtigen Namen des Mannes) den unglaublich sleazigen SHARON, in dem er den Vater von Superblondine Jean Jennings spielt und bei einer Ejakulation den Dialogsatz hat: "This is the stuff that made you" - uärrchzzz! (Lest das Interview!) PLAYGIRLS ist dagegen sehr locker, freundlich und kurzweilig, und seine Disneyland-Darstellung der BRD (Kuckucksuhren, Bier und Sauerkraut) sollte so manchem ein wohlwollendes Lächeln auf die Lippen zaubern...

HAPPY DAYS

Ein weiteres Beispiel für den nostalgischen Porno, in dem die Filmemacher Erinnerungen (oder Wunschvorstellungen!) aus ihrer eigenen Jugend aufgearbeitet haben, ist der heute mäßig bekannte HAPPY DAYS. Dessen Regisseur, Beau Buchanan, begann einst als Darsteller in Richard Brooks´ THE BLACKBOARD JUNGLE (SAAT DER GEWALT). Nachdem er Brooks bei einem späteren Werk assistiert hatte und für zahlreiche Werbefilme verantwortlich war, drehte er mit PORNOGRAPHY IN NEW YORK eines jener Dokumentarfilmprodukte, die den Übergang vom weichen zum harten Sexkino einläuteten. Auch ist er der Mensch, der den drolligen HIGH PRIESTESS OF SEXUAL WITCHCRAFT (a.k.a. DEVIL´S DUE) drehte, in dem Georgina Spelvin debütierte. HAPPY DAYS nun bedient sich eines Treffens von Freunden, die den 20. Jahrestag von Wayne und Debbie feiern. Da wird eine Menge getrunken und getratscht, und alle Anwesenden geben ihre sexuellen Premieren zum Besten. Story 1 zeigt zwei Teenie-Pärchen, die nach ausgiebig durchzechter Nacht in einer Garage landen und dort zaghaften Sparsex veranstalten. Das Gelage findet ein abruptes Ende, als eine der jungen Damen mit dem Fuß im Steuerrad steckenbleibt. Das darauffolgende Hupkonzert läßt bei den Grünhörnern jeden Gedanken an knospende Sinnlichkeit verschwinden. Mehr Glück hat das Mädchen aus der zweiten Geschichte, die als Kellnerin arbeitet und den französischen Kellner Sonny Landham verführen möchte. Das gestaltet sich kompliziert, weil dieser nur in seiner Muttersprache parliert, aber alle Hürden werden genommen und das Jungfernhäutchen macht "Au revoir"! Ein extrem bemitleidenswerter Psychiater erlebt seine Initiation unter Zuhilfenahme von Hypnose. Nachdem es ihm schon nicht gelungen ist, seinen Hasen zu beeindrucken (!), erweist sich das Zimmermädchen als erheblich empfänglicher. Dann gibt es ein Kellerpetting, dessen brodelnder Liebesdunst verpufft, als Großmutter auftaucht. Eine extrem verhascht wirkende Schwarze bekommt einen "backstage pass" von einer Rockband, die zwar schlecht singt, aber gut vögelt. Und schließlich (in der deutlich besten Episode) erzählen Wayne und Debbie (die Stiefgeschwister sind), wie sie zueinander gefunden haben: Wayne (gespielt vom tapsigen Levi Richards) hilft Debbie mit dem Bikini, und aus dem Stiefbruder wird ein Steifbruder. Bei einem nächtlichen Besuch macht Debbie dann klar Schiff, und der Heirat steht nicht mehr im Wege. Allerdings verrät ihr jetzt der Gatte zum ersten Mal, daß ihm ihre leibliche Mutter (Georgina Spelvin - yippie!) zuvor schon Unterricht in Liebesdingen erteilt hat. Auch diese Eröffnung kann der Party aber nichts mehr anhaben. Alle Episoden werden (im AMERICAN GRAFFITI-Stil) von Rock´n´Roll-Songs und Radiogeplapper untermalt. Angeblich existiert auch ein Soundtrack-Album. Buchanan zeigt sich sehr zurückhaltend, was die expliziten Details angeht - Ejakulationen verkneift er sich etwa völlig -, was für jene interessant sein dürfte, die allzu drastische Deutlichkeiten unappetitlich finden. Auch gibt es beim schlechtesten Willen keine Szenen, die man als ruppig oder frauenfeindlich deuten kann - hier waltete ein zartes Wesen. Dieses zarte Wesen war aber dramatisch abwesend, als Buchanan seinen nächsten Film drehte: CAPTAIN LUST (1976). In diesem Piraten-Porno gibt es eine Vielzahl schöner obszöner Seemannslieder zu bestaunen und diverse Splatter-Einlagen. Auch eindrucksvoll der seltene Auftritt von "Veri Knotty", die ihren Lieblingstrick vorführt - einen Knoten in der Labia! (Autsch...) Nach einem weiteren Porno (AMERICAN SEX FANTASY) zog sich Buchanan dann aufs alte Teil zurück und träumt vielleicht noch heute von Richard Brooks: Happy Days!

THE SEDUCTION OF LYN CARTER

Neben seinem häufigsten Pseudonym, Anthony Spinelli, verwendete Sam Weston auch diverse andere Namen, an denen man ein wenig die Natur des jeweiligen Filmes ablesen kann. Die Arbeiten, die er als "Wes Brown" zeichnete, gehören meist zu den ruppigeren, und der beste dieser Filme, THE SEDUCTION OF LYN CARTER, ist eine überaus gelungene Reise in die ganz abgründigen Regionen der Psyche... Lyn Carter (Andrea True) ist knapp über dreißig und seit 15 Jahren mit dem Mann verheiratet, der sie auch freigeschwommen hat. Obwohl in ihrer Ehe eigentlich alles stimmt, fragt sich Lyn manchmal, ob da nicht irgendetwas ist, was sie vielleicht niemals kennengelernt hat. Das wird ihr zum Verhängnis, als sie im Wartezimmer ihres Arztes den angehenden Sexualpsychologen Jamie Gillis kennenlernt, der sie auf ausgesprochen raffinierte Art umgarnt. Zu Anfang noch zögernd, läßt sie sich von ihm in ein Lokal einladen. Danach geht es rauf in sein Appartment zu einer Runde Whisky mit Sofa. Nicht aber Gänseblümchensex erwartet Lyn, denn Sean erweist sich als fieser Dominus, der der verklemmten Hausfrau den reichhaltigen Schatz seiner Erfahrungen auf die grobe Tour beibiegen will. Anstatt ihn jedoch von sich zu weisen, genießt Lyn die entwürdigende Prozedur in vollen Zügen, auch wenn sie sich am nächsten Tag richtig dreckig fühlt. Wieder und wieder kehrt sie zu ihm zurück, angezogen von der Tatsache, daß er ihr eine Seite ihrer Persönlichkeit enthüllt, die ihr Mann niemals auch nur angekratzt hatte. Nach mehreren "Sündenfällen" kehrt ihr Mann schließlich von seiner Geschäftsreise zurück. Sie beichtet ihm ihre Verfehlungen, worauf er mit gekränkter Würde reagiert. Er meint, er könne möglicherweise vergessen. Aber das trifft nicht auf Lyn zu, denn sie steht bei ihrem Peiniger wieder auf der Matte... THE SEDUCTION OF LYN CARTER wird manchmal mit Adrian Lynes Hollywood-Schmonzette 9 1/2 WEEKS verglichen, aber außer den thematischen Ähnlichkeiten besteht zwischen beiden Filmen ein himmelweiter Unterschied: Während Lynes Übung in "Schöner wohnen"-Devianz bei allen provokativen Bemühungen absurd und steril bleibt, gelingt es LYN CARTER, die sexuelle Kraft, die die Protagonistin in ihre Hörigkeit treibt, nachfühlbar zu gestalten. Der Film dampft förmlich vor Sex, und dem Zuschauer wird manchmal arg zugesetzt. Man schämt sich manchmal fast ein wenig, daß die vorgeführten Erniedrigungen die eigene Libido ansprechen, sei es in Erregung oder in Abscheu. Aber als erstklassig gefilmtes Stück Sexualpathologie ist Spinellis Arbeit schwerlich zu übertreffen. Dabei gibt der Film niemals vor, mehr zu sein als ein Porno, was ihn für am 18.4. Geborene (damit beziehe ich mich auf einen Paragraphen im StGB!) sicherlich höchst bedenklich machen würde. Die kontroverse Wirkung des Filmes liegt aber auch an seiner Qualität - man kann sich der unangenehmen Faszination des Dargestellten kaum entziehen. Daß dem so ist, liegt auch an den beiden glänzenden Hauptdarstellern: Jamie Gillis brilliert erneut in einer Rolle, die ihm sowohl abstoßende als auch anziehende Charakteristika abverlangt. Seine wunderbare Stimme spielt dabei eine Hauptrolle, und sie ist selten besser eingesetzt worden als hier. Als Beispiel mag die Szene im Restaurant gelten, bei der Jamie der noch unentschlossen-ängstlichen Lyn durch charmierendes Selbstbewußtsein Stück für Stück ihrer Reserve abluchst. Auch Andrea True wirkt vollauf überzeugend in ihrer nicht unkomplizierten Rolle, was für eine ungelernte Schauspielerin eine beachtliche Leistung ist. Frau True gehört zu dem alten Stamm der New Yorker Garde von Pornodarstellern. Ihre nicht mehr ganz junge, aber atemberaubend attraktive Art erinnert ein wenig an Jennifer Welles, wobei Andrea hier sicherlich wesentlich besser spielt als die Welles in allen ihren Filmen. Andrea hatte Ende der 70er sogar einen veritablen Disco-Hit: "More, More, More". (Vielleicht erinnert sich noch der eine oder der andere an dieses Kleinod aus der "K-Tel"- und "Arcade"-Zeit.) Der Schlüssel zu ihrem Charakter ist, daß sie niemals wirklich Herrin über ihr inneres Wesen geworden ist und gar nicht ahnt, was da so schlummert. Deshalb hat der erfahrene Sean solch unselige Macht über sie. Auch die Szenen zwischen Andrea und ihrem Mann sind vollkommen überzeugend. Insgesamt alles andere als ein durchschnittlicher Sadomaso-Heuler. Der Film weiß ganz genau, welch kompliziertes Terrain er da beschreitet. Im darauffolgenden Jahr drehte "Wes Brown" noch einen weiteren kontroversen Film, NIGHT CALLER, der von einem obszönen Anrufer handelt. Spinellis nächste Geniestreiche kamen aber erst 1976, mit CRY FOR CINDY und PORTRAIT OF A SEDUCTION. Ob man LYN CARTER erotisch findet, obliegt wie üblich der eigenen Einschätzung, aber es ist ein erstaunlich ernsthafter Film zu einem schwierigen Thema, der heutzutage so undenkbar wäre wie ein Schwein mit Flügeln.

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