PUNK UND SO FORT...Wie man nun als Gymnasiumszögling aus gutbürgerlichem Hause eine grundlegende Sympathieäußerung zur Punkbewegung legal über die Rampe tragen kann, ist mir noch etwas unklar. Den Versuch möchte ich trotzdem wagen. In Anlehnung an einen klassischen Ausspruch des Omegisten Franz möchte ich sagen, daß ich auch "gerne hart höre". Jedoch ist mir der Heavy Metal zeit meines Lebens ein Buch mit sieben siebten Siegeln geblieben. Nicht wenige von meinen Idolen sind massiv von Metallern beeinflußt worden, und doch konnte ich mit dem humorlosen Fransengetue nie so recht harmonieren. Wie Jello Biafra es in bezug auf Metallkonzerte formulierte: "Kein Sportlehrer könnte so viele Leute auf einmal dazu bringen, sich zu uniformieren." Ganz anders verhält es sich mit dem ehemals verbutzelten und heute in alle Bereiche des modernen Lebens eingeflossenen Punkethos, in dem sich ein grundlegender Bruch mit den Idealen der Hippiezeit artikulierte. Die aus den Fugen geratene Welt mit all ihren Schwindeleien und Schönfärbereien führte zu einer Ästhetik des Widerstandes, die sich teilweise einfach in einer Abkehr von traditionellen Schönheitsidealen und Verhaltensweisen formulierte (totale Verweigerung), teilweise aber auch zu einer kreativen Lust am Unfug und an subversiven Streichen führte. Persönliche Meinung: Während sich die erste Gruppierung meines Erachtens etwas in die Tasche log, da letztlich jeder ganz persönlichen Idealen und Moralkonzepten folgt, hatte die zweite Fraktion humorbegabter Punks die innewohnende Absurdität begriffen, durch eine Negierung jeder Form und Moral letztlich auch sich selbst zu negieren. Hier startet der Humor: Nicht nur gehässig über andere lachen, sondern sich selbst in die absurde Betrachtungsweise mit einbeziehen - das schafft nicht unbedingt glückliche Menschen, aber zumindest ehrlichere! (Schon wieder der blöde Ätna im Fernsehen - können die den doofen Vulkan nicht einfach stilllegen?)
Punkrock entstand so etwa 1975/1976 in Großbritannien, wo immer mehr zerrissen aussehende Gestalten zu Konzerten tigerten, die in kleinen Kaschemmen oder Kellergewölben stattfanden und so gar nicht dem pompösen Stil entsprachen, mit dem der Post-Hippie-Rock seine Kopfgeburten zelebrierte. Während der Progressivrock mit bewußter Virtuosität des Spiels und intellektuellen (oder pseudointellektuellen) Inhalten zu beeindrucken versuchte, war die musikalische Realität der Punkrocker eine andere: Sich die Birne zuknallen, in die Kleinkunstbühne der eigenen Gefühlswelt einbrechen und dort mit drei Akkorden lustvoll marodieren, während Gesinnungsgenossen in ähnlich berauschter Bewußtseinslage um einen herumpogen - kaum eine sozial verantwortungsbewußte Maßnahme, aber in jedem Fall großer Spaß für Jung und Alt! Während The Clash um den wunderbaren Joe Strummer eher politisch gefärbte Ambitionen verrieten, waren die Urpunkband sicherlich die Sex Pistols, die die Punkbewegung mit einer für die Medien ausgesprochen lohnenden Neigung zum Zirkus übermittelten. Während die Kapriolen, die Johnny Rotten und seine Kollegen an der Öffentlichkeit vollzogen (etwa das Flußkonzert, das zum Geburtstag von Königin Elizabeth stattfand und zu satter Prügel erzürnter Monarchisten führte), die Band auch in Deutschland zu einem Bürgerschreck werden ließen, der Zappa und die Mothers weit im Hintergrund verschwinden ließ, wurde das absurde Ethos von dem Produzenten Malcolm McLaren gestrickt und in Julien Temples brillanter Satire "The Great Rock´n´Roll Swindle" 1977 filmisch verarbeitet. Jeden, aber auch wirklich jeden Idealismus hinter sich lassend, wurde die Schöpfung und Vermarktung der Gruppe Sex Pistols hier als ein strategischer Plan zur Abzockung eines Käuferpotentials geschildert, der wie eine Verballhornung des kapitalistischen Ethos´ anmutet. (Ironischerweise erwies sich dieses Konzept als reizlos für den nicht gerade kopflastigen Russ Meyer, der die Arbeit an dem Film begann...) Dieser zynische Ausblick auf die Punkbewegung korrespondiert auch auf vielsagende Weise mit den damaligen Bestrebungen führender Kaufhausketten und Modehäuser, von der neuen Welle zu profitieren - das modische Rüstzeug für den jungen Punk von morgen war auf einmal bei Karstadt zu erwerben!
Die meisten Bands verzichteten aber auf eine derartige Intellektualisierung ihres Tuns und beschränkten sich auf eine Hardcore-Show, die ihre Vorbilder in Gruppen wie den Stooges und den MC5 hatte. Häufig aus den abgerissensten Ecken der Großstädte stammend, bastelten Bands in Deutschland an denkbar simpel strukturierten Songs, die dem Bestreben der Altrocker um Qualität und Überhöhung ein ernüchterndes Slumleben entgegensetzten, in dem sich die Punks wesentlich eher wiederfanden als in der Zauberwelt der Klänge, die von Kunst und Kommerz ersonnen wurde. In dem informativen Buch "Der große Schwindel???" von Jürgen Stark und Michael Kurzawa wird zwischen drei Phasen unterschieden: der Phase der britischen Ur-Punks, der Phase der Imitationen in allen möglichen Ländern, und schließlich einer erneuten Rückbesinnung auf den ursprünglichen Ethos, der zu einer interessanten Spaltung in mehrere Lager führte: diejenigen, die nur generischen, "authentischen" Punk gelten ließen, und diejenigen, die Punk für ihre eigenen Zwecke verwendeten. Aber dazu gleich!
Zu den ersten deutschen Bands zählten die Hamburger Big Balls + The Great White Idiot, die einen wahrlich schweren Stand bei der Musikpresse und der Anhängerschaft besaßen, da sie nur auf englisch sangen ("nicht originell"!) und mit ihrer ersten LP bereits zu dem Major-Label Teldec stießen ("Verrat"!) Außerdem gerieten sie ins Kreuzfeuer der PC-Geier, die schon damals Punk mit Rechtsradikalismus zu verbinden suchten. (Vollkommen abstrus, war doch meist das genaue Gegenteil der Fall!) Interessanterweise wurde das Cover ihrer LP von Teldec zensiert: Der Hitlerbart des früheren Sängers Baron Adolf Kaiser wurde gelassen, seine Blindenbinde aber retuschiert! Eine nicht genannte Plattenfirma wollte sie später in Nazikluft mit dem Namen "Stalingrad" auf Tournee schicken, wogegen sich die Musiker verwahrten... Interessant, wie auch die Firmen versuchten, vom Böse-Buben-Image der Gruppen zu profitieren. Während viele Punks im Stile der Sex Pistols Hakenkreuze und andere Nazi-Paraphernalien zweckentfremdeten, so geschah dies in der Regel doch nur, um eine Protesthaltung gegen die allgegenwärtige Heuchelei einzunehmen - wie sonst kann man in Deutschland wirkungsvoller provozieren? Andere Hamburger Hardcorebands waren die Coroners, die Buttocks, die Razors oder Cocksuckers and Prince. Später kamen noch die Abwärts um Sänger Frank Z. hinzu, mit denen dann auch schon die Zickzack-Geschichte beginnt... Aber dazu später.
Früher noch als in Hamburg boten sich in Berlin Auftrittsmöglichkeiten für Punkgruppen. Stärker aber als in anderen Großstädten war hier die Fraktion der ernsthaften, militanten Punks vertreten. So wurde das Szenelokal SO 36 (benannt nach dem Postzustellbezirk), in dem viele frühe Punk- und Avantgardegruppen auftraten, von einem "Kommando gegen den Konsumterror" überfallen, dem die hohen Eintritts- und Getränkepreise sowie die gegen einige Punks verhängten Hausverbote ein Dorn im Auge waren. Sie nahmen den Laden kurzerhand auseinander. Auch ansonsten war die Kreuzberger Szene Krawallen durchaus nicht abhold. Bands der ersten Stunde waren etwa PVC, die FFurs, Wall oder die Stuka Pilots. Das Problem der Hardliner mit der zunehmenden Verwässerung des Hardcore wurde noch zusätzlich angeheizt durch den Umstand, daß gerade in Berlin eine zunehmende Vielzahl von Bands den Punkhabitus aufgriffen und in ihre eigenen Kunstprodukte einfließen ließen, die häufig eher vom Jazzrock und von kopflastiger Experimentalmusik beatmet waren - wenn man so möchte, der Todfeind des klassischen Punks! So gab es etwa das Zensor-Label von Burkhard Seiler, auf dem viele der Bands veröffentlichten, die sich eher als New Wave empfanden denn als bodenständige Punkrocker.
In Hamburg war es der ehemalige Filmverleiher Alfred Hilsberg, der zum Sprachrohr des Punk in der Journaille der Hafenstadt wurde, besonders in der "Sounds", die alles andere als ein Punkblatt war und zu Beginn wohl starke Anpassungsschwierigkeiten an den neuen Trend aufwies. Als sich aber immer mehr abzeichnete, daß der Einfluß der Punkmusik auf die deutsche Musikszene ein wirkungsreicher war, verpunkte auch Sounds immer mehr und hypte Hardcore- wie auch New-Wave-Bands nach Leibeskräften. Ich kann sehr gut nachvollziehen, daß Urpunks die Zeitschrift verfluchen, aber viele junge Menschen (auch meine Wenigkeit) wurden durch sie mit einer Musik konfrontiert, die weit über den Dreck hinausging, der damals den Äther verseuchte! Hilsberg organisierte verschiedene Konzerte in der Markthalle, darunter die beiden im Jahre 1979, die auf den Samplern "Into the Future" und "In die Zukunft" dokumentiert werden. Auf ihnen finden sich frühe Zeugnisse von "echten" Punkbands wie den Buttocks, Male, ZK, S.Y.P.H., Hans-A-Plast und neuen Crossoverartisten wie den Geisterfahrern oder der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft. Von den beiden Samplern hat "In die Zukunft" die deutlich bessere Soundqualität, aber sie sind einfach unentbehrlich, wenn man etwas in die damalige Musiklandschaft hineinschnuppern möchte. Wer die ZK-Version von Freddy Quinns Schluchzer "Heimweh" nicht gehört hat, vermißt etwas in seinem Leben. Auch toll das später gecoverte "Folter für Travolta" vom KFC, wo der Sänger noch gar nicht nach Tommi Stumpff klingt... Sollte mir da was verborgen geblieben sein?
Hilsberg bastelte alsbald das Label ZickZack zusammen, das im Frühjahr 1980 seine Pforten öffnete und eine Operationsbasis für eine Vielzahl junger Bands bot, von denen einige (nicht unbedingt die besten!) den Sprung zu großen Plattenfirmen schafften. Ich bin immer noch dabei, die ZickZack-Platten komplett zu sammeln, aber das ist wohl noch so eine Lebensaufgabe... Für viele Puristen war Hilsberg ein rotes Tuch, stellte er für sie doch den Ausverkauf (sprich: die Kommerzialisierung) des Punks dar. Ich sehe das freilich etwas anders, denn für mich war Punk immer mehr eine Art, das Leben und seine Kapriolen zu betrachten, kein Dogma. Natürlich bin ich auch nur ein verwöhntes Bürgersöhnchen, während Punk für viele andere aus einem sehr tief empfundenem Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit heraus resultierte, mit der ich wohl nie konfrontiert gewesen bin. Trotzdem, ich bleibe dabei: Ob man Humor hat oder nicht, hat nichts mit den sozialen Umständen zu tun, sondern ist eine Eigenschaft, die man entweder hat oder nicht. Hat man sie, so erschwert sie eine Weltsicht, die sich vollkommen auf ein sattes Schwarzweiß beschränkt und die das Leben somit entschieden vereinfacht. Eine funktionierende Moral zu entwickeln (oder eine funktionierende Unmoral, was das angeht), ist einfach, wenn Gut und Böse im eigenen Erleben fest verankert sind. Doch genauso, wie die doofen Atheisten meist die gläubigsten Menschen im Ort sind, so habe ich ein entschiedenes Problem mit Leuten, die meinen, über eine Moral erhaben zu sein. Ein Zungenkuß mit Nietzsche ist einfach, denn er dauert nur Sekunden - das Leben dauert länger. Wie die späteren NDW-Bands (und die meisten waren einfach dumme Suppenkasper!) ihre Lehrstunden im unüberschaubaren Gewimmel des Pogos bezogen hatten und eine Welt erlebten, die so gar nichts von kopfgesteuerter Absolutheit besaß, so dräuselten sich auch die Punkbands durch den zarten Widerspruch zwischen kreativer Intuition und galliger Gefühlsäußerung. Es ist eh meine persönliche Ansicht, daß echte Künstler ihre Sachen aus dem Bauch heraus machen und nicht aus intellektuellem Kalkül. Sam Peckinpah wollte auch keine revisionistische Ansicht der amerikanischen Geschichte anbieten, sondern einfach nur seine persönliche Weltsicht ausdrücken, die dann halt so einiges einschloß, was gelehrte Akademiker nicht zu Unrecht in seine tollen Filme hineindeuten können, aber am Anfang steht der Bauch! ("Erst kommt der Futon, dann die Moral!") Viele von den Platten, die auf ZickZack herauskamen, sind ultimative Flitzekacke (das sieht auch Alfred nicht anders, glaube ich), aber es sind auch zahllose Juwelen dabei - Sachen von Leuten, die wirklich eine sehr individuelle Vision gehabt haben, und wenn die sich nicht ganz mit dem Gusto von vielen Punks gedeckt hat, so ist dies bedauerlich, aber irgendwie auch vollkommen in Ordnung! Toll ist der Sampler "Geräusche für die 80er", der ein Konzert in der Markthalle dokumentiert, das vermutlich hauptsächlich vor Punks stattfand. Interessant ist die Unterschiedlichkeit, mit der die Bands vom Publikum quittiert werden: Abwärts und die Razors haben keine großen Schwierigkeiten, während die avantgardistischen Liebesgier (der nette Butzmann, Gudrun Gut und noch ein paar andere) fast von der Bühne gebuht werden... Die Gelsenkirchener Salinos (deren ehemaliges Hauptquartier ich vor ein paar Tagen besucht habe, liegt es doch nur ein paar Hausnummern entfernt!), die aus der "Küchentheater"-Gruppe hervorgegangen sind, sind zwar nicht wirklich Punks, aber doch so komisch, daß sie die anwesenden Punks ("Rosa, Rosa!") für sich gewinnen können. Am Schluß laden die Coroners ("Herr Jesus, die Drecksau, ist heute geboren...") auch die Liebesgierigen mit ein, so daß ein harmonischer Ausklang gestattet ist. Zwei Bands fehlen bei dem Mitschnitt, PVC (Probleme mit dem Equipment) und Rotzkotz, doch wer diese Platte nicht klaut (denn auf Börsen kostet sie gar zu viel), ist selbst schuld...
Zum No Fun-Label aus Hannover habe ich schon einiges im Hans-A-Plast-Text fallenlassen. Soweit ich weiß, war Sängerin Annette auch mit an der Labelführung beteiligt, die im übrigen in den fähigen Händen eines gewissen Hollow Skai lag. Daß Hans-A-Plast der Firma auch den dicksten Verkaufserfolg bescherte, war klar, aber unter der Aegis des Herrn Skai hatten einige mehr oder weniger verdienstvolle Punkbands Gelegenheit, ihr Vinyl in die Läden zu bringen. Den Start machte die Dokumentation eines Konzertes, auf dem sowohl Hans-A-Plast als auch die im Kosmonautentext angesprochenen Der Moderne Man promenierten. ("Haste was, biste was!") Außerdem tauchen noch spätere No Funner wie Kaltwetterfront, die Cretins oder Daily Terror auf, sowie eine Combo mit dem dubiosen Namen Schwanz kann´s. Auch der werte Herr Rosa gibt Gas. Insgesamt ein sehr hübscher Sampler, der einen vermutlich akkuraten Überblick über die Punkbands der Hannoveraner Szene gewährt. Der zweite Sampler, "Zu Gast bei No Fun", erschien lange später und stellte eine Gemeinschaftsproduktion mit der David Volksmund Produktion dar. So ertönen auch Ton Steine Scherben mit einem ihrer weniger bedeutsamen Lieder. Überhaupt stellte dieser Sampler bereits den Übergang von No Fun zu einem eher new-wave-orientierten Label dar und bietet einige schauerliche NDW-Aussetzer und einen zwar wohl ironisch gemeinten, aber trotzdem irregeleiteten Intro-Reigen, der zu dicht an der grausigen Realität orientiert ist, als daß ich darüber hätte lachen können. Das beste Stück ist die Coverversion von "DNS" von Bärchen und ihren Milchbubis.
Was das LP-Sortiment angeht, so ist mein uneingeschränkter Favorit "80 Tage auf See" von Ziggy und seinen Modernen Manen - möglicherweise die eigenständigste Produktion, die auf dem Label herauskam. Zeitgenössische Stimmen murmeln ja immer, daß man die Band hätte live erleben sollen, aber uns Zuspätgeborenen muß dieses Dokument reichen, und das tut es, oh ja! Später hat der Mattus den Gesang übernommen, und auch wenn die späteren Man-Sachen noch nett sind, so lassen sie doch die Exzentrizität vermissen, die Ziggy den Vorgängen beisteuerte. Das war doch ein ganz annern Schnack. Bärchen und die Milchbubis haben mit ihrer LP auch einen großen Schräg-NDW-Klassiker gelandet, der zwar nicht wirklich mehr Punk ist, aber m.E. besser als ihre rein punklastige Single "Jung kaputt spart Altersheime". Der zweiten Annettes schräger Gesang paßte, finde ich, besser in einen Underground-Pop-Kontext und griebelt herzzerreißend Lieder wie "Hab´ doch keine Angst, mein Kind!" Ich hoffe, die Frau ist gut verheiratet - warum nicht mit mir? Die erste Annette und ihre Frauen und Mannen bastelten mit den ersten beiden LPs richtige Punkklassiker. Die Abschiedsplatte gefällt mir nicht mehr so dolle, da der herbe Humor hier etwas fehlt. Mann, was war ich in die Sängerin verballert! Nicht verballert war ich in Emilio Winschetti, der mit seinen Mythen in Tüten weitere No Fun-Akzente setzte. Emilio wechselte später zu The Perc Meets The Hidden Gentleman und machte da bessere Sachen, wie ich meine. Sein heutiges Plattenlabel heißt Hidden Records und hat schöne Sachen herausgebracht, u.a. Max Goldt. Dann gab es eine Menge Punksachen auf No Fun, darunter die Cretins mit "Samen im Darm", das ja auch anmutig von den Ärzten gecovert wurde. UnterRock waren eine Frauencombo, die live - so wurde mir erzählt - vor einem rein weiblichen Publikum gespielt haben. Das finde ich, mit Verlaub, etwas doof, aber sie waren - erneut m.E. - besser als die Düsseldorfer Östro 430. Femi-Punk geht mich denn wohl auch etwas weniger an als den weiblichen Teil des Publikums, aber ich finde doch, daß Frauen über die Torheiten von Männern erhaben sein sollten, und somit auch über solche irritierenden Maßnahmen. Nu ja. Cuius regio eius religio, oder wie das heißt. Kaltwetterfront hatten ein tolles Cover, das an alte 68er-Tugenden gemahnte. Richtig toll fand ich noch die Platte von den 39 Clocks, "Pain It Black". Die Leute spielten etwas, das sich "Psychotic Beat" nannte und in der Tat an düsteren Spät-60er-Beat erinnert. Ihr "DNS" habe ich eben schon erwähnt. Schöne Platte, die häufig bei mir läuft. Auch nett die "Frisch + fruchtig" von Phosphor, deren Singles (speziell die erste) mehr punklastig sind. Phosphor bestanden im wesentlichen aus zwei Leuten. Der eine ging später zum Modernen Man und spielt jetzt Gitarre bei Gigantor. Der andere gründete mit seinem Bruder Index Sign, die eher traditionelle Rocksachen machten.
Wer auf Holgers/Hollows eigene Skaipage gehen will, den "Skaichannel", der tue dies hier. Ihn erwartet eine nicht No-Fun-bezogene, aber immens unterhaltsame Kutschfahrt in das Herz der heutigen Kultur. Ein GIF habe ich mir auch geklaut - ich hoffe, er ist nicht böse!
Kommen wir nun ins Ruhrgebiet, wo mein Herz ruht und rußt. Die älteste Punkband dort waren wohl (so will es die Legende, so wollen sie es selber!) Male, die um 1976 als Schülerband begann und den Klassiker "Zensur + Zensur" hinlegte, der u.a. den Refrain enthält: "Rolltreppe, Rolltreppe, Eisen und Stahl, Rolltreppe, Rolltreppe, sinnlos brutal!" Ja, was soll man da noch sagen? Robert Fripp, friß´ Blei! Jürgen Engler gab nicht nur eine Party, sondern gründete - auf dem Umweg über Vorsprung - auch die Krupps, wohin auch Begleit-Maler Bernward Malaka mit hinüberwechselte. Wie sich jeder selbst überzeugen kann, hat sich die musikalische Beschaffenheit vollkommen gewandelt, aber erfolgreich sind sie ja nun doch... Der frühere Synthie-Bastler Ralf Dörper verkruppste ebenfalls. Daß sich Wandlungen immer vollziehen, sieht man auch an den über alle Maßen lustigen ZK, deren Frühwerk fast lückenlos auf Fabsis Weser-Label-CD-Kollektion "Auf der Suche nach dem heiligen Gral" vorhanden ist, darunter die LP "Eddie´s Salon" und zahlreiche Samplerstücke, darunter das berückende "Nieder mit dem Weihnachtsmann". Campino und Trini Trimpop gingen dann zu den Toten Hosen, deren Geschichte man auf ihrer Webpage nachlesen kann, die in meiner Linksammlung zu finden ist... Zu den gleichfalls sehr frühen Charly´s Girls (seit 1976!) und ihren Protagonisten Hein, Bielmeier und Schwebel ist vieles auf meiner Mittagspause-Seite zu lesen - lest da! Franz Bielmeier gründete auch das Rondo-Label, auf dem diverser obskurer Kram herausgekommen ist, darunter auch so schöne Kleinodien wie die Aqua-Velva-Single und die tolle "Der starke Mann"-Single von Padeluun, der mittlerweile internetten Ruhm erlangt hat - siehe auch HIER ! Die zweite Single von Padeluun war auch gleichzeitig die letzte Rondo-Veröffentlichung - "Keine Platte" lieferte genau das, was der Titel versprach, nämlich - keine Platte! (Hihi - na, ist das subversiv?)
Und da wäre doch auch noch Harry Rags "Pure Freude"-Label, das nicht nur die Platten seiner tollen Band S.Y.P.H. verlegte (siehe auch meinen diesbezüglichen Text), sondern diverse Kleinodien von anderen Gruppen.
KFC - na, siehe dort, woll!
Kommen wir nun nach München. Allzuviel schien da in punkto Punk nicht zu laufen, aber das ist auch nur die Meinung eines viel zu spät geborenen Außenseiters, der von nix eine Ahnung hat, davon aber wirklich. Die bekannteste Band sind mit Leichtigkeit die Marionetz (bzw. Marionettes), die ich schon einmal in meinem FSK-Text erwähnt habe. Und tatsächlich atmet der Punk der Gruppe auch jenen spezifisch Münchner Humor, der wenig Respekt hat vor künstlerischer Hermetik und eben jenen dogmatischen Sperenzien, die mir bei vielen Polit-Bands so großes Kopfzerbrechen bereiten. (Na, eigentlich kein Kopfzerbrechen: Ich höre sie einfach nicht!) Ihre Platte "Jetzt knallt´s!" beginnt mit einem quasi-hippieeskem Jammergesang und leitet dann über zu dem quiekigen Sermon der Maus Anatol, der bereits andeutet, daß das keine Punkplatte wird wie alle anderen... Es folgt ein wilder Parforceritt durch die Klassiker der Band, wie etwa "Susi Schlitz" oder ihren Tribut (na ja) für den TSV. Mein Lieblingsstück besingt einen gewissen Gustav Glück, der einen Zeitgenossen besingt, der weiß Gott den Bogen raus hat, denn er lebt im Irrenhaus! Viel Spaß für wenig Geld. Der Leadsänger Siggi Pop gründete viele Jahre später auch das Punklabel "Schlecht und Schwindelig", wo nicht nur Sachen von den Marionetz herauskamen, sondern auch u.a. die LP von der Politpunk-Band ZSD, "Ehre und Gerechtigkeit". Co-Gründer des Labels waren das Urgestein Charly Reuter und Alfi von den FKK Strandwixern, denen meine besondere Liebe gehört! Leckmichamarsch, sind die gut! Ich erinnere mich noch, wie mir die Punkmamsell aus dem Bremer Spezialshop die Single ans Herz legte, als ich 13 war (!), und sie hat mich lange Jahre verfolgt. Diese Jahre verliefen wixerlos, da meine Mutter die Single (vermute ich) irgendwann ohne mein Zutun entsorgt hat... (Bolshoi-Ballett hin oder her, das war schebbig!) Doch jetzt ist sie wieder an meine Ohren gelangt, denn der ganze Rattenschwanz von "Freiheit 81"-EPs ist auf einer gleichnamigen CD neu aufgelegt worden! So kann man braatzige Kleinodien wie "Mit mir möchte ich nicht mal selbst befreundet sein" und "Tote Omas fliegen tief" neu erleben. Ein Stück heißt gar "Herr von Kühnheim, in den BMW-Werken regiert das Rockertum"! Alfi hat mich dem bayrischen Dialekt durch seinen Vortrag entschieden näher gebracht ("Kruzifixnochamai!") und hat wohl - wenn ich mich an ein TV-Special recht entsinne - das Mikro auch gerne bis tief in den Mund genommen. Die dadaistische Punkpracht findet sich auch auf dem teilweise Meinecken(FSK)-verantworteten "Reifenwechsel"-Sampler, als "Die Nacht der leitenden Reichen", dessen Text von einem Klo-Graffiti gestellt wird. Unglaublich aber wahr: Die Strandwixer haben 1999 sogar eine neue Single herausgebracht: "Killerquallen greifen meine Kniescheiben an". Hierauf werden einige Oldies mit neuem Material neu zusammengewurschtelt, mit Titeln wie "Die Rückkehr der Schaben und Asseln" und "Das Leben und das Sterben eines gemeinen Bandwurms". Mein Lieblingstitel ist aber mühelos "Wenn die Papageien plappern, dann schweigen die Adler"! Das Bild von Alfi...na, das werde ich unten einlinken! Grüße nach München... Sobald die Webpage von Schlecht + Schwindlig auf Sendung geht, wird sie auf dem Bild eingelinkt - versprochen!
So, das war jetzt ein kleiner Punktext! Nicht böse sein, liebe Hardcorepunx, wenn das nicht ganz Euren Geist trifft, aber das einzig Schöne am Leben sind für mich die Vielfalt der Dinge und die Gemeinsamkeiten, die sich häufig aus ihnen ableiten lassen! Mein Hauptanliegen war, den subversiven Spaß etwas zu vermitteln, den solche Sachen verkörpern, und der Impetus zur Rebellion ist meist fester Bestandteil des etablierten Repertoires - das zeigt sich nicht nur in den Infotainmentmuschis, deren magersüchtige Dreistigkeit häufig den Wunsch nach einer fetten Portion abgrundtief ekelhaften Leberkäses erblühen läßt, sondern auch in den Beinen, die sich die Deppen häufig selber stellen. Vielleicht ist mein Text ja ein Bestandteil dieser Regel, aber wenn, so wäre es auch nicht so schlimm, denn Regeln, die sich selbst bestätigen, die wohnen tief im Herzen. Wenn der Damm in den Rocky Mountains bricht, dann hören selbst die Waltons Punk, und im Widerspruch, das sollte klar geworden sein, da wohnt die Anarchie. Und wenn die keinen Spaß macht, dann ist Hopfen und Malz verloren... Ich möchte noch die tollen, tollen Boxhamsters aus Linden erwähnen! So, ich bin jetzt endgültig schweinebreit! Hier endet der Text - Wohlsein!
![]()
Hier bald S+S!!!