PROSPEROS WUORST

Libretto zu einer Oper nach W. Shakespeares "The Tempest"

Personen:

PROSPERO - ein dicker Metzger (Bass)
MIRANDA - seine Tochter (Sopran)
CALIBAN - sein Lieblingsschwein (verzaubert) (Tenor)
ALONSO - Chef der Lebensmittelkontrolle (Tenor)
ARIEL - die Geisterwurst (Bass)
Sebastian - das Verhältnis von Alonso (Falsett)
Antonio - Prosperos schurkischer Bruder (Bass)
Gonzalo - Alonsos Buchhalter (Tenor)
Ferdinand - Alonsos adoptierter Sohn (Tenor)
Prostata - Prosperos tote Frau (Alt)
Stephano - betrunkener Kellner (Sopran)
Trinculo - der Dorftrottel, genannt "diu wuorst" (Wuorst)

sowie diverse Geister
 

Schauplatz: Prosperos verfallender Schlachthof
 

Aus dem Altenglischen übertragen von Christian Keßler

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I. Akt, 1. Szene-
Prospero, der dicke und behaarte Metzger, sinniert unter Tränen seinen Glanztagen nach, als er noch Alleinlieferant einer ganzen Kette von namhaften Höfen und Palästen gewesen war. In der Einleitungsarie "Ez gât umbe deme wuorst" läßt er sich zudem kritisch über verbrecherische Marktstrategien aus und erzählt von der ruchlosen Intrige, die seinen Niederfall verursachte, bei dem er sich auch einen nie ganz verheilten Leistenbruch zuzog, der ihn in den Rollstuhl zwang. An dieser Stelle wird das Harmonieschema der Eingangsarie gebrochen: Seine bittere Arie "Der stuol, der stuol" ist unverfälschte Zwölftonmusik.

2. Szene-
Hier hat Miranda, seine Tochter, ihren ersten Auftritt. Mit ihrer Begrüßungsarie sprengt sie herkömmliche Prinzipien altenglischen Minnegesangs: In einem geradezu genialen Einfall des Komponisten beginnt der Gesang im Indogermanischen, um dann sämtliche Schwundstufen bis ins Altenglische/Mittelhochdeutsche durchzumachen. (Diese zeitlose Tonschöpfung heißt "myin fatha, eszßt slâhtofferit!") Durch des Vaters barsche Reaktion, der sie mit einer westfälischen Fleischwurst zum Schweigen bringt, wird seine Verbitterung über das ihm zugeteilte Geschick deutlich.

3. Szene-
Hier haben Stephano und Trinculo ihren ersten komischen Auftritt. In seiner überzeugend im Sopran vorgetragenen Arie "duo wuorst" verhöhnt Stephano den unglücklichen Dorftrottel Trinculo, der sich tatsächlich für eine Wurst hält, deswegen als komische Figur überaus geeignet ist. Gerade er hat in seiner Arie "ih bin diu wuorst!" einige Momente wahrhaft großen Possenreißens. Den Höhepunkt erreichen die beiden, als sie auf Prosperos Lieblingsschwein Caliban treffen (das fast so dick ist wie er selbst), den Eber aber im Rausch für eine Sau halten. Dies führt zu kränkenden Sticheleien ("duo tschwuoln!"), worauf Caliban den betrunkenen Stephano zu Tode beißt.

II. Akt, 1. Szene-
Prospero ruft die Geisterwurst Ariel an, um mit ihrer Hilfe Rache an seinen Widersachern zu üben. (Unheimliche Arie: "ouh wuorst!") Tragische Akzente werden gesetzt durch Miranda, die versucht hat, das schwarzmagische Spiel ihres Vaters zu unterbinden und sich nun völlig ihrer Verzweiflung hingibt. Um sich für ihr Versagen zu bestrafen, kasteit sie sich mit einer gigantischen Teewurst.

2. Szene-
In die Tragik dieser Szene hinein treffen Alonso, Sebastian und Antonio - Prosperos Widersacher - vor dem Schlachthof ein. Von einer überirdischen Macht dorthin geführt, beginnen alle enthemmt aufeinander einzudreschen. Gonzalo tritt auf, sieht das Unheil und singt darüber das bekannte Volkslied "Fuks, duo hazt deme wursti stuoln", was dem Geschehen eine tragikomische, beinahe lächerliche Note gibt. Das satanische Lachen Prosperos, das sich im Hintergrund dazugesellt, unterstreicht den bösen Einfluß. Über der Prügelei erscheint auf einmal eine riesige, leuchtende Wurst: Ariel! Voller Grauen ergreifen alle Anwesenden die Flucht.

3. Szene-
Prospero triumphiert und singt zusammen mit Caliban, dem Schwein, das schmetternd-optimistische "gewuorst, gewuorst". Um von dem grausen Geschehen verschont zu bleiben, schließt sich Miranda in ihrem Schlafzimmer ein, wo sie auf Ferdinand trifft, den Sohn Alonsos. In einer herzzerreißenden Trauerarie gesteht ihr Ferdinand, daß er in Wirklichkeit nur adoptiert wurde, da sein Vater homophil veranlagt ist. ("muoter war mir keyne") Hals über Kopf verliebt sich Miranda in den schönen Jüngling und schläft mit ihm, um ihn zu trösten. In der dabei gesungenen Arie "Bettespil" singt sie träumerisch-versponnen: "nit wînen, nit wînen, ik byn so allînen".

4. Szene-
In dieser Szene werden keine handlungstragenden Elemente transportiert. Als lustige Auflockerung endet hier der II. Akt mit einem scherzhaften Duett von Trinculo und Caliban, das eine Variation auf das vorher intonierte "ih bin diu wuorst" darstellt: "wir sint diu wuorst!"

III. Akt, 1. Szene-
In dieser ans Surreale grenzenden Szene feiern die Wurstgeister die Anrufung Ariels, welcher im Hintergrund thront und von ihnen als Wurstgott angebetet wird. In der Originalpartitur findet sich für dieses vollkommen textlose Ballettintermezzo zwar kein Titel; gemeinhin bezieht man sich unter Kennern auf diese Szene aber mit der einem späteren Dialog entlehnten Zeile: "diu wüerstel, sy syngan".

2. Szene-
Alonso sucht mittlerweile seinen Sohn (ergreifend: "min suon, ik suoch dier schuon"), während der von Ariel besessene Gonzalo in einem Identitätswahn ("Ik bin Galonzo!") den unglücklichen Sebastian, Liebhaber von A., mit einer gigantischen Salami pfählt. Dies versucht er vor den beiden anderen zu vertuschen, indem er behauptet, Sebastian sei ein Vampir gewesen, er habe so handeln müssen, aber natürlich wird ihm nicht geglaubt: Antonio erdrosselt ihn mit einer Wurstpelle.

3. Szene-
In dieser kontrapunktisch eingefügten heiteren Szene belustigt uns Trinculo durch ein drolliges Spielchen: In seinem Wahn, eine Wurst zu sein, versucht er sich selbst auf eine Stulle zu schmieren. ("deme wuorststuolln sin lekar") Man vermutet, die Szene sei später hinzugefügt worden, da sie keine wesentliche Funktion erfüllt: Ihr Weglassen hinterläßt keinen Riß im Handlungsgefüge. Das erwähnte Scherzlied aber wurde gern in fröhlichen Trinkliedern der Zeit zitiert.

4. Szene-
In Miranda wird der nunmehr verschärfte Zwiespalt nahezu unerträglich: In ihrer Arie "mâmi mâmi salâmi nie" schreit sie sich ihre ganze Unzufriedenheit mit dem Männergeschlecht vom Leibe. Ferdinand, der beschlossen hat, sie zu heiraten, steht erschüttert daneben. Als sie sich wieder beruhigt hat, gesteht sie ihm unter Tränen, daß sie ihrem Vater einst versprochen hat, nur einen gelernten Metzger zu ehelichen. Ferdinand stürzt mit gebrochenem Herzen von dannen. ("ouh, waeh izt mir!")

IV. Akt, 1. Szene-
Prospero, bis zu diesem Zeitpunkt im Hohegefühl ausgelebter Rache, wird vom Geist seiner toten Frau Prostata heimgesucht, die ihn dazu überreden will, von seiner Rache abzusehen. In einem beim besten Willen etwas rührseligen Duett erinnern sich beide an vergangene Tage. ("die zît däere wüersti itzt vorbey"). Prospero ist kurz davor, einzulenken, als auf einmal Alonso und Antonio auf einer riesigen Geisterwurst herbeischweben. Sie schlafen. Prosperos Rachedurst entflammt von neuem. Seine Frau wirft die Arme hoch und verblaßt zu einem Schemen.

2. Szene-
Alonso und Antonio träumen. Sie sind zwei Würste und liegen in einem riesigen Kühlhaus voller Würste. Auf einmal bewegen sich die Würste und entpuppen sich als die Wurstgeister aus III,1. Ariel hat ein Solo und singt "eyne wuorst hat nimmer duorst", worauf Alonso und Antonio anfangen zu weinen wie Kinder.

3. Szene-
Alonso und Antonio erwachen. Nunmehr ist es Alonso, der von Ariels Geist besessen ist: Er verführt Antonio (Prosperos Bruder) und vergewaltigt ihn mit einer riesigen Knackwurst, worauf Antonio mit seinem Schlußgesang "wuorst, nit wuorst" verstirbt. Als Alonso klar wird, was er getan hat, bricht er in ein nichtendenwollendes Gelächter aus, das den ganzen Akt hindurch anhält.

4. Szene-
Wagemutig wird auch diese tragische Szene abgelöst von sprudelnder Heiterkeit, als sich auch Prospero als homophil erweist und versucht, mit Ariel anzubandeln. Diese Verirrung scheitert aber bald, da Prospero seine Grenzen einsieht: "eyn diggen wuorst, biz daz duo knuorrst". Auch diese Szene ist inhaltlich gesehen mehr oder weniger redundant, wird aber häufig herangezogen, um die sexualpathologischen Implikationen des Stoffes zu beleuchten.

V. Akt, 1. Szene-
Die große Schlußszene. Hier stehen sich Ferdinand, Miranda, Prospero und Alonso gegenüber. Prospero schäumt vor Wut und stürzt sich auf Alonso. Jener aber hat mit Ariel einen teuflischen Pakt geschlossen und verwandelt Prospero in eine Wurst. Jener singt daraufhin traurig eine weitere Variation von "ih bin diu wuorst" (gerade wegen der Vielfältigkeit der angesprochenen Gefühlsregungen und der Komplexität der Emotionalstruktur eine wirkliche Herausforderung für einen guten Regisseur!) und stirbt vor Scham. Voller Haß stürzt sich Ferdinand auf seinen Vater und stopft ihm die Prospero-Wurst in einem ungeheuerlichen Finale in den Mund. Bevor Alonso aber qualvoll erstickt, ist er noch in der Lage, dem Sohn die Wahrheit zu sagen: Ferdinand war in Wirklichkeit ein junger Schlachter, der Alonso mittels Gehirnwäsche gefügig gemacht wurde. So gibt er im Tode Ferdinand und Miranda den Weg frei in ein gemeinsames Glück.

2. Szene-
Als eine Art Epilog fungiert hier eine Schlußarie von Caliban, dem Schwein, in der es nach dem Sinn des Seins fragt und einige der Grundfragen menschlicher Daseinsproblematik anreißt. Seine Arie "oynk, oynk" ist als Resümee des Stückes und des auslaufenden Mittelalters zu betrachten und endet folgerichtig auf einer existentialistischen Note: "bin ih wuorst?/ ih haf duorst!"

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