DIE LÄUFIGE LEINWAND

Während sich ein heutiger Spaziergang in den Regenmantelträgerteil der Videothek meist zu einer wenig inspirierenden Pilgerfahrt in öde und gschmackige Gefilde entwickelt, gab es doch in den siebziger Jahren durchaus aufregende Versuche, wirklich erotische Filme mit nicht gespieltem Sex zu machen. Das Hauptproblem bei der Ablichtung von Sex war für mich immer ein ästhetisches: Hält man einfach mit der Kamera drauf, sehen die menschlichen Geschlechtsorgane nicht wesentlich attraktiver aus als radioaktives Gemüse aus dem Weltall (Moers!) Resultat: Langeweile und rasch einsetzende Übersättigung mit Darbietungen, die nur dann wirklich animierend sind, wenn man selbst daran beteiligt ist. Das Kunststück, diese Illusion in einem Film zu erzeugen und die eigenen Fantasien mit den angebotenen Fantasien kollidieren zu lassen, war aber meistens den Herstellern weniger expliziter Filme vorbehalten. Und doch gab es eine Phase, in der die sogenannte sexuelle Revolution es möglich machte, daß viele lustbetonte und abenteuerfreudige Menschen sich auf dem Sektor des Hardcorefilms versuchten. Nicht selten waren es Regisseure, die später in den "seriösen" Hollywoodfilmen die Lektionen verwerteten, die sie im Sündenbabel von der Pike auf gelernt hatten. Ich habe in diesem Buch versucht, die Geschichte des übel beleumundeten Genres nachzuvollziehen und einen Streifzug durch den expliziten Sexfilm der USA zwischen 1970 und 1985 anzubieten, in dem all die Komödien, die Tragödien und die Extravaganzen der Industrie aufgezeigt werden. Mich hat besonders die menschliche Seite interessiert, und um hier mehr zu erfahren, habe ich diverse Interviews mit damals beteiligten Regisseuren, Produzenten und Darstellern gemacht, darunter Annette Haven, Gerard Damiano, Jamie Gillis, Howard Ziehm, Dave Friedman usw... Es war sehr faszinierend, was mir diese Leute zu erzählen hatten, und ich habe versucht, ihre Geschichten möglichst wahrheitsgetreu und respektvoll zu präsentieren. Ich habe kein idealisiertes, aber auch kein dämonisiertes Porträt der "Boogie Nights"-Periode gezeichnet, sondern einen kleinen Einblick in eine untergegangene Welt, in der sich die Träume und die Alpträume einander die Hand reichten und zu einem Tanz baten, der vielen noch heute die Röte ins Gesicht treibt, aber kaum jemanden unberührt läßt. Es geht um Filme, die heutzutage kaum noch zu bekommen sind, die aber zeigen, was hätte sein können und was ja vielleicht irgendwann noch einmal sein wird... Ich bin äußerst gespannt auf die Reaktionen.

In eigener Sache: Wer meine SI-Artikel kennt, weiß, daß dieses Projekt bereits vor einigen Jahren in Angriff genommen wurde. Genaugenommen ist es etwa 10 Jahre her, daß ich die Arbeit daran aufnahm. Nach dem Horror- und dem Westernbuch war ich bester Dinge und überzeugt davon, daß das Projekt in schnellster Zeit über die Bühne zu bringen sei. Es setzte dann allerdings eine Vielzahl von Schwierigkeiten mit Verlagen, die das Buch machen wollten, dann wieder nicht, bereits in der Planungsphase über den Jordan gingen, etc. Es war alles recht entmutigend, so daß das Projekt für einige Jahre ruhte. In dieser Zeit war ich mit vielen anderen Dingen befaßt. Bei einer Buchpräsentation habe ich allerdings einen Berliner Verleger kennengelernt, der für das Thema Feuer & Flamme war, so daß nun doch noch Anlaß zur Hoffnung besteht, das Buch könne die Untiefen meines Rechners verlassen und ein hoffentlich schwungvolles Eigenleben aufnehmen. Geplant ist der späte Herbst/ frühe Winter diesen Jahres. Ob es rechtzeitig klappt, liegt an den schwer berechenbaren Entwicklungen im Verlagsgeschäft, von denen ich mittlerweile eine sehr viel realistischere Vorstellung habe als noch vor einigen Jahren. Wenn det Dingen rauskommt, wird es voraussichtlich auch Lesungen im ganzen Bundesgebiet geben, auf denen jeder die Gelegenheit bekommen wird, mich mit Tomaten und Eiern zu beschmeißen. Ich werde das dann wohl koppeln mit einer (leicht entschärften) Pornorolle, die einen Eindruck von den eigentümlichen Produktionen geben wird, die damals hergestellt wurden. Eigentlich überflüssig, es zu erwähnen, aber ich freue mich darauf wie ein Schneekönig!

Hier findet man einen kurzen Auszug aus dem Rezensionsteil des Buches. Es sei aber angemerkt, daß es sich dabei um einen nicht überarbeiteten Rohtext handelt...


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