DER PINGUIN IST MEIN FREUND

Keßlers Tierleben
 

Erwachsene Männer, die sich mit Kuscheltieren umgeben, genießen in unserer Gesellschaft einen Sonderstatus. Es ist dies ein Sonderstatus, der sie nicht auf eine Stufe hievt mit Personalities auf "Goldene Blatt"-Niveau, sondern im Gegenteil eine verhärmte Schattenexistenz erzeugt, die nicht selten in der vollständigen sozialen Verwahrlosung resultiert. Gerade erst neulich habe ich von einem ungefähr 40 Jahre alten Sozialamtsbediensteten gelesen, den man aus seiner Wohnung geborgen hatte. Er lag dort bereits seit mehreren Wochen und setzte Moos an. Der völlig vereinsamte Mann fiel durch den strengen Geruch auf, den nicht nur sein langsam verwesender Leichnam verströmte, sondern auch jene von insgesamt fünf Schoßtieren, die sein erbärmliches Schicksal teilten. Neben diesen mumifizierten Lieblingen fand man in der Wohnung auch einen ganzen Haufen bunter Plüschtiere - na klar! Inzwischen sind zumindest die Plüschtiere sicherlich in diversen unterbudgetierten Kinderhorten verschwunden, wo sich zarte Kinderseelen an ihnen orientieren...

Auch Jürgen Domian hat Kuscheltiere wiederholt geschaßt und für Personae Non Graeter erklärt, zumindest in den Wohnungen gereifter Mitmenschen. Nun ist der verdienstvolle Mann - dessen "Meine Lieben"-Anrede ich mir schon häufig ausgeborgt habe - allerdings auch jemand, der sich Geweihe von geschlachteten Hirschen (oder sogar Hirschkühen) an die Studiowand hängt. Ich setze einmal voraus, daß die Hirsche geschlachtet worden sind und nicht im doppelten Wortsinne faul hinter der Studiowand herumhängen und Fliegen ziehen...

Also, ich bekenne es, im besten A.A.-Jargon: "Ich heiße Christian, und ich bin Kuscheltierhalter!" Ach du Scheiße, werden nun manche denken. Ja, ich weiß, es ist sehr desillusionierend, aber die Wahrheit muß raus, sie quillt durch die Ritze: Mein Bett wird flankiert von zahlreichen bepelzten Freunden, deren mildtätige Stille mir den Nachtschlaf versüßt... Daß ich zwischen die Beine der Gipsbüste meiner Ex-Freundin einen Biber positioniert habe, wird den zarteren unter den Lesern sauer aufstoßen, aber der Biber ist ein verdienstvolles Tier, und seine Nagezähne haben mit ihrer unnachgiebigen Mahlkraft schon so manchen Damm zum Einsturz gebracht. Ein Vorbild für uns alle...

Wann begann das alles? Als Kind hatte ich einen grotesken Zwerg, den ich mit Inbrunst an mich schmiegte. Das lehrte mich bereits in frühem Alter, nicht nach dem Augenschein zu urteilen, sondern die inneren Werte zu schätzen. Was aus dem Zwerg geworden ist, weiß ich nicht wirklich. Vielleicht ist er über irgendein CARE-Programm bei dem vermoosten Sozialamtsbediensteten gelandet... Ich hoffe das aber nicht, denn die mumifizierten Schoßtiere hätten ihn zu Lebzeiten sicherlich fürchterlich zerkratzt!

Auch wachte ein Bär über mein kindliches Wohl, und dieser Bär existiert noch heute, ist - anders als ich - nicht wesentlich älter geworden, wenngleich die Weisheit, die aus seinen Augen strömt, auch heute noch mein Gemüt erleuchtet. Er ist ein ziemlicher Crack und hat sich durch sein Leben geboxt, das er übrigens einige Jahre in einem gelben Sack gefristet hat, aus dem ich ihn erst vor einigen Jahren befreite. Er war nicht sauer, und das rechne ich ihm hoch an. Der Bär ist sehr cool und der unangefochtene Senior unter meinen Tieren.

Die nächsten 20 Jahre kam ich weitgehend ohne Plüschtiere aus. Ich vermißte ihre Anwesenheit nicht wirklich und beschritt mühelos die Leiter, die mir das Leben in den Weg gestellt hatte.

Dann kam eine Zeit, wo an mir der Ehrgeiz fraß, mir ein Haustier anzuschaffen. Nun ist es ja so, daß Tiere gut abkötteln, wenn man sie in gutbürgerliche Etagenwohnungen hineinsperrt. Ich schwor mir, wenn ich eines Tages meinen lange gehegten Wunsch verwirklichen würde, auf einen original Bauernhof zu ziehen, dann wäre der Weg frei für eine Schar von Bremer Stadtmusikanten, die munter auf dem Anwesen herumdackeln würden. Diesen Wunsch hat mittlerweile mein Bruder verwirklicht, und ich hause immer noch in trauter Alleinigkeit, die von keinem wie auch immer gearteten I-A oder Miau aufgebrochen wird... (Naja - oben sind ja immerhin zwei Katzen, die sich bisweilen mit meinen Zuneigungsbekundungen ohne Hilfe eines Tierpsychiaters auseinandersetzen müssen!)

Da ich immer ein ausgemachter Kindskopf gewesen bin, war nun die Zeit für die Steiff-Front gekommen: In buntem Wechsel holte ich mir eine Schar von garantiert köttelfreien Lieblingen heran, deren glasige Blicke angenehm frei waren von Bestätigung oder Vorwurf. Sie flankierten meine Bemühungen um Menschwerdung auf eine anmutige Weise, die mir zum Vorbild gereichte.

Als erstes stieß Pingo zu mir, ein halbmetergroßer Pinguin, der mich durch seine schüchterne Tapsigkeit beeindruckte, die von einem deutlichen Bemühen um Würde eingerahmt wurde. Pingo sieht niemals ganz glücklich aus, aber das schweißt ihn mir irgendwie mehr ans Herz als ein ständig grinsendes Honigkuchenpferd. Wenn ich so etwas sehen will, schalte ich den Fernseher ein! Pingo gründete dann - anders als ich - eine glückliche Familie, mit einer etwas grantig dreinschauenden Gattin und einem fürchterlich aufmüpfigen Lausebengel von Sohn, der sich überall rumtreibt...

In der Beziehung zu einer mir nicht ganz unwichtigen Frau (sie war Italo-Fan!) schaffte ich Gigi, die Zauberente, an. Gigi war mörderisch teuer, sah aber einfach megageil aus! Er war geradezu unmenschlich keck, fotogen aus jedem Winkel und quiekste tückisch, wenn man ihn drückte. Der kleine Pirat war immer dabei, wenn ich und meine damalige Freundin gerade kuschelten. Wenn einer von uns sich auf ihn setzte, meckerte er und wurde nicht selten herzlos beiseite geschoben. Beklagte er sich? Kündigte er uns seine Verbundenheit auf? Nein! Gigi war darüber erhaben und behielt die Gemütsruhe eines wahren Souveräns bei. Er prangt noch immer an meiner Tür, und wo immer in Italien sich meine Exxe gerade herumtreibt, so hoffe ich, daß Gigi sie begleitet. Einen gelben Sack hat der Bursche nicht verdient.

Piggy war ein etwas komplizierterer Fall. Er stammt aus einer schlechten Familie, die ihn verstoßen hat, und wurde hernach von bösen Menschen übel in der Gegend herumgestoßen. Mit einem verzagten Greinblick schraubte er sich in mein Leben, und seine anfängliche Reserviertheit verwandelte sich im Hafen meines Tier-Wunderlands zu einer vormals nicht gekannten rückhaltlosen Teilnahme am Leben. Wie es der frühere Pornostar Harry Reems, dem es richtig dreckig gegangen ist, nach mehreren Jahren glücklicher Ehe sagte: Er fühlte sich zum ersten Mal in seinem Dasein richtig geborgen.

In der Zwischenzeit sind noch viele andere Tiere hinzugestoßen. Eine Giraffe, z.B., die ich eigentlich der Lebensgefährtin meines Bruders vermachen wollte, ließ sich nicht mehr loslösen und verblieb in meinem Garten. Bei "Ikea" - dem Möbelgeschäft, in dem es auch einen Teppichschoner namens "Kolon" gibt, was der medizinische Ausdruck für "Mastdarm" ist! - erstand ich eine riesenlange Schlange, die ich natürlich Kaa taufte und die immer noch die Pfosten meines schmiedeeisernen Bettes flankiert... Doc Pinky , der rosa Hase mit dem Riesenpimmel, wurde mir vom Omegisten Steinie verehrt und sollte auf dieser Seite schon mal eine Lebensberatungsseite leiten. Die Seite wurde dann gekippt, weil er Besseres zu tun hatte! (Hihi...)

Man merkt also, es liegt viel Daseinsbewältigung in diesen stummen Kollegen. Ob man will oder nicht - es wird vieles aus der eigenen Gefühlswelt auf die Racker projiziert. Und ja, als ich einmal mit einer Psychologin schnackte, riet sie mir, doch mal mit den Tieren laut zu sprechen. Ich habe ihnen dann aus dem "Zauberberg" vorgelesen, aber wir sind auf Seite 323 steckengeblieben, da sie das Gelaber nicht mehr ertragen konnten... Nein, aber Spaß beiseite - ich habe einige Leute getroffen, die sich traut mit ihren Stofftieren unterhielten, und es waren keine sabbernden Narren, die dies taten. Manchmal hatten sie einfach nur viel Fantasie...

Also, Domian in Ehren, aber auf meine Tiere lasse ich nichts kommen! Wenn amerikanische Steinmetze den Charakterköpfen vergangener Staatsoberhäupter ein Denkmal schaffen können, das sogar Hitchock inspirierte, dann, verflucht noch eins, kann ich das auch!
 

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