BENUTZT UND WEGGEWORFEN

LA RAGAZZA DAL PIGIAMA GIALLO (1977) ist einer jener Filme, bei denen man sich darüber Gedanken macht, ob man es hier mit einem sehr sexistischen Werk zu tun hat oder einem Vertreter des Genres, der den dem Giallo innewohnenden Sexismus kritisch beleuchtet. Tatsächlich wird in mehreren Szenen sehr deutlich klargestellt, was für arme Würstchen die männlichen Charaktere sind, und das ist, denke ich kein Zufall...

Der in Australien spielende Film beginnt mit einem Idyll, das sehr schnell zum Alptraum gefriert: Ein kleines Mädchen mit Puppe und Regenschirm findet in einem ausgebrannten Autowrack die verkohlte Leiche einer jungen Frau. Obwohl er bereits seit geraumer Zeit seinen Ruhestand genießt, gelingt es dem verschrobenen Inspektor Timson (Ray Milland), seinen Vorgesetzten zu beschwatzen: Er möchte seine Nase in die Angelegenheit stecken, auch wenn dies den untersuchenden Kollegen alles andere als recht ist...

Neben der kriminalistischen Forschungsarbeit spielt sich ein Beziehungsdrama ab: Die niederländische Einwanderin Glenda (Dalila di Lazzaro - schön wie die Sünde!) unterhält eine Beziehung zu dem italienischen Barbesitzer Antonio (Michele Placido), der ihr vollkommen verfallen ist. Das ist nicht gut, denn sie schläft auch mit Roy (Howard Ross), einem guten Freund von Antonio. Außerdem hält sie es noch mit einem vitalen Professor (Mel Ferrer), der zwar mehr Stil hat als das junge Gemüse, aber letztlich auch nur das eine will. Die Sache wird richtig kompliziert, als Glenda feststellt, daß sie schwanger ist. Der Zuschauer hat zu diesem Zeitpunkt bereits messerscharf geschlossen, daß sie die Leiche vom Anfang und diese Liebesgeschichte eine Rückblende ist, die das Verbrechen in seiner Entstehung aufschlüsselt. Daß einer der drei Männer der Täter ist, ist so klar wie Kloßbrühe. Die Polizei hat sich jedoch einen armen Perversen geschnappt, aus dem man mit einigen Handkantenschlägen flink ein Geständnis herausprügelt. Inspektor Timson ahnt, daß in diesem Fall Untiefen lauern, doch er bezahlt diese Ahnung mit seinem Leben...

Ja, das war schon ein ziemlicher Schock, daß Ray Milland schon nach einer Stunde den Löffel abgibt! Tatsächlich wird der Film aber erst danach richtig gut: War er vorher ein leidlich unterhaltsamer Krimi, weiß das Drama, das unaufhaltsam dem tragischen Höhepunkt entgegensteuert, wirklich zu packen, und der Schluß ist Regisseur Flavio Mogherini sogar richtig toll gelungen!

Flavio Mogherini gehört zu den angesehensten Szenografen des italienischen Nachkriegsfilms. Häufig war er für die Bauten wirklich anspruchsvoller Filme verantwortlich. Seine eigenen Regiearbeiten (ab 1972) waren fast ausnahmslos triviale Komödien, nicht selten mit viel frivolem Beiwerk. LA RAGAZZA sticht aus seinem Gesamtwerk heraus, ist der Film doch ein sehr ernsthaft und gelegentlich schlau geskripteter Film über das Rollenverhalten von Mann und Frau - hier, wie so häufig, eine Rolle rückwärts!

Daß der Anfangsteil des Filmes viele komödiantische Einsprengsel aufweist, liegt vor allem an Ray Milland, der seinen kauzigen Polizeikater, der das Mausen nicht lassen kann, vollkommen als Parodie auf diesen häufig verwendeten Typus angelegt hat. So ist es doppelt kraß, wenn er unter die Räder kommt. Schon vorher leistet sich Milland aber einige echte Ausfälle: Als sie einen Verdächtigen in dessen Wohnung aufsuchen, ist dieser gerade dabei, aus dem Fenster zu schauen und wild zu masturbieren. Milland kann es nicht lassen und meint beim Hinausgehen, eine obszöne Handbewegung machend: "Sie müssen mal die Hand wechseln!" Und das Hemd auch, wie ich hinzufügen möchte...

Die schöne Dalila (spricht sich DAlila di LAzzaro aus) war hier bereits an einem Zeitpunkt ihrer Karriere angelangt, an dem sie sich nur noch selten für die Kamera entblätterte. Auch hier werden in ihrem Fall meistens Körperdoubles eingesetzt. Ihre Glenda ist nicht wirklich das Flittchen, für das sie von den meisten Männern des Filmes gehalten wird. Sie versucht, sich irgendwie durchzubeißen. Es ist keine "gerechte" Strafe, die sie trifft, sondern ein abscheuliches Verbrechen. In dieser Hinsicht ist der Film freier von moralisierenden Zutaten als der Klappentext der deutschen Videokassette, in dem es z.B. heißt: "Die Ermordete fiel ihrem lockeren Lebenstil zum Opfer." Ja klar, zu gut deutsch: Das geile Stück hat es gar nicht anders verdient! Antonio ist ein recht lascher Tropf, der dafür, daß es sich um einen italienischen Film handelt, ziemlich unbarmherzig gezeichnet wird. Er kriegt beziehungstechnisch gar nichts auf die Reihe, ist eifersüchtig und unsicher, und kriegt scheinbar nicht mal in der Kiste was auf die Reihe. Warum sonst sollte sie sich mit dem Bodybuilder Roy abgeben, der ein geborener Frauenschläger ist? Der Vorstadtpenner Quint mit seinen exzentrischen Onaniergewohnheiten ist auch nicht gerade ein Stück Mann, das man sich gerne in den Vorgarten stellen möchte...

Auch die Polizei ist wenig sympathisch gezeichnet. Während die Verhörgewohnheiten schon für die italienische Polizei eher ruppig wären, begibt sich der Inspektor, der den Fall offiziell bearbeitet hat, nach der Verhaftung Quints zu einem Urlaub nach Bangkok! "Ich wünsch´ dir einen recht schönen Bumsurlaub!" meint Timson spöttisch - ujujuj! In der besten und morbidesten Szene des Filmes wird der nackte Körper der Toten (mitsamt ekligen Verbrennungen) der Öffentlichkeit präsentiert, zu Identifikationszwecken. Der Körper wird in einer Art Museumsvitrine präsentiert, während die Gaffer sich die Nase am Glas plattdrücken und sich offensichtlich aufgeilen... (Einer versucht sogar, ein Foto zu schießen.) Der Franco-Schauspieler Luis Barboo ist auch kurz zu sehen.

Eugene Walter (der Priester aus LA CASA DALLE FINESTRE CHE RIDONO) hat einen exzentrischen Kurzauftritt als schwuler Zeuge, der in einem Kabäuschen voller Vogelzwinger haust. Sein Lover, Bobo, kommt auch kurz vorbei und sieht aus wie der Hauptdarsteller der Serie "Hair Crimes"...

Die Musik stammt von Riz Ortolani und nudelt gefällig vor sich hin. Eine LP kam heraus, auch eine Single, auf der Amanda Lear zwei Songs brummt. In der BRD kam der Film zum einen bei "Present-Video" unter dem auch nicht ganz unsexistischen Titel EINE FRAU AUS ZWEITER HAND heraus, sowie auf "Action" als BLUTIGER ZAHLTAG - wenn mir jetzt auch nicht ganz klar ist, wer hier was bezahlt bekommt!

Flavio Mogherini hatte seinen blutigen Zahltag 1994, aber im selben Jahr kam noch sein letztes Werk heraus, das tatsächlich ein Thriller war: DELITTO PASSIONALE. Für seine Entstehungszeit (in der solche Filme meistens direkt auf Video oder im TV landeten) ist der Film sogar relativ ansprechend und hat mit Luigi Kuveiller einen hervorragenden Kameramann. In Rußland wird die Frau eines bekannten Schauspielers abgemurkst, nachdem sie ein außereheliches Schläferstündchen genossen hat. Zu den Verdächtigen gehören Fabio Testi, Serena Grandi und Florinda Bolkan, und das ist natürlich bereits Grund genug, den Film zu schauen. Simmung, Sex und gute Laune!!!

BACK