PEIN - EINER GEHT NOCH REIN!

- Meine 15 Minuten beim Film... -

Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, mitten im Scheinwerferlicht zu stehen, auf den Brettern, die die Welt bedeuten? Ich nicht, denn soviel Einsicht muß sein: Ich besitze das Schauspieltalent einer Dose Ölsardinen! Als vor etwa zehn, elf Jahren die Chefredakteure von "Splatting Image" bei mir anriefen (Sven B. und Thomas S.) und mir antrugen, die Hauptrolle in einem Kurzfilm zu übernehmen, sagte ich trotzdem zu. Verblendung und Selbstüberschätzung zogen mich in ihren Strudel, und voller Flausen im Kopf fuhr ich nach Berlin!

In dem Werk (das eine Art Remake von einem anderen Film darstellt) geht es um einen Yuppie, der sich nach einem aufreibenden Arbeitstag in seine sparsam und modern eingerichtete Behausung zurückzieht. Dort überfällt ihn der "Horror Vacui", der Schrecken des Staubsaugers: Niemand will ihn sehen, niemand interessiert sich für ihn. Die soziale Abfederung geht diesem seelischen Napfkuchen ziemlich ab, und als schließlich noch so eine Art Mephisto bei ihm auftaucht und ihm krausen Kram erzählt (meine Lieblingszeile: "Die Zigarette ist dein einziger Freund, aber sie geht mit deinem Leben fremd!" - johoho, wie wahr!), kriegt er einen Durchdreher und bringt sich um. Ich habe so Gelegenheit gehabt, vor der Kamera unter Krämpfen zu sterben, und das ist ja eigentlich auch der einzige plausible Grund, weshalb jemand Filmschauspieler werden möchte - ich habe es bereits getan!

Und ich habe es schlecht getan... *GRÖHL* Meine darstellerische Leistung ist zutiefst unausgewogen und dilettantisch. Gelegentlich erscheint mir noch heute Stanislawski in meinen Träumen und lacht schallend. "Das ist keine Spielastik, jungerrr Frreund, das ist eherrr Spastik!" meinte er einmal, wofür ich ihm aber eine scheuerte, denn ich bin fast einen Kopf größer als er. Lee Strasberg ist auch einmal in einem Traum aufgetaucht, aber als der Vater des "Actor´s Studio" sich über mich lustig machte und ich auf ihn losgehen wollte, erschien Marlon Brando, und zwar nicht der muskulöse Marlon Brando von damals, sondern die Wanderdüne von heute. Im Traum, wie gesagt.

Na ja, nun will ich hier mal keine Selbstabwertung betreiben: Für einen Erstlingsversuch war das ganz okay, und gedreht haben wir an insgesamt zwo Tagen. Der Stil des Filmes war nicht ganz der meine - das werden alle wissen, die mich persönlich kennen. Tatsächlich habe ich während der Dreharbeiten reichlich herumgealbert, was die beiden Regisseure nicht selten verdroß. Sven und Thomas sind beides sehr nette Leute, aber ich fürchte, bei diesem Dreh habe ich sie manchmal etwas brüskiert. Ich habe irgendwo noch Outtakes rumfliegen, wo ich etwa zu grausiger Industrial-Mucke krumm tanze (war das Throbbing Grizzel?) oder mir mit einem Odol-Mundspray einen intravenösen Schuß versetze. Das widersprach etwas dem Grundtenor des Filmes, aber in der Tat scheint im Endprodukt von den Ausgelassenheiten nichts mehr durch: Der Film ist grau, grauer, am grauesten...

Und der namenlose Protagonist kann nicht einmal rauchen! Ich hatte für eine Nahaufnahme eine Fluppe zu konsumieren, und zu jenem Zeitpunkt war meine Lunge noch jungfräulich. Wie ich den Glimmstengel zwischen meinen Fingern halte - also, so hält den wirklich kein Mensch! Zwischen den Takes haben wir dann auch mal den Aschenbecher in die Kamera gehalten, und der war randvoll, denn die Szene mußte etwa hundert Mal wiederholt werden...

Toll war auch die Sache mit der Masturbation! Ich hatte nämlich in einer Szene über einer "Neue Revue"-Zeitung zu onanieren. Am Schluß breche ich nach erfolgtem Abgang schluchzend zusammen. Bereits für Sir Laurence Olivier hätte das eine thespische Herausforderung von einigen Gnaden dargestellt - ich als Laie erlitt komplett Schiffbruch. Die Fliege, die bei dem psychotischen Selbstbefleckungsakt mehrfach durchs Bild saust, spielt mich mühelos an die Wand. Was Masturbationen angeht, war das etwas überchargiert - das muß man selbstkritisch zugestehen. Süß fand ich immerhin, daß unser netter Kameramann Boris Bürgel vor der Szene besorgt fragte, ob wir das jetzt in echt drehen wollten. Ich versicherte ihm, daß ich für einen namhaften Betrag jederzeit meine Hosen lüften würde, nicht aber für lau, im Angesicht der Schande.


Ein weiteres Highlight war jener Moment, in dem der Mephisto-Thomas mich von einem Stuhl trat, auf daß ich einen steilen Hügel herunterkollerte. Sven und Thomas haben wirklich prima Arbeit geleistet, aber dies ist der einzige Moment, wo sie gepfuscht haben: Die Kamera wurde nämlich am Fuße des Hügels aufgestellt. Das Problem nun war, daß ich dreimal mein Leben aufs Spiel setzte und den verdammten Abhang herunterkollerte, dies aber im Print aussah wie eine ebene Fläche! Das war saugefährlich, und beim zweiten Mal kam ich vom Weg ab und donnerte mit meinem Schädel um ein Haar auf einen Baumstumpf. In den Outtakes sieht man mich, wie ich völlig geschockt auf den Stumpf glotze und mehrfach mit meiner Handfläche daraufklatsche, um anzudeuten, wes ich da gerade entronnen war.

Am Schluß schaut kurz eine Arbeitskollegin von Sven oder Thomas rein, sagt mir: "Glaubst du, DICH will irgendjemand sehen?" (oder sowas), worauf ich den Abdreher bekomme. Dabei jaule ich laut und herzerweichend und trommele meinen Schädel gegen die Wand. Das Jaulen klingt eigentlich ganz fesch, aber beim Headbanging merkt man doch, daß ich sehr vorsichtig zu Werke ging dabei. Niemand riskiert gerne eine Metallplatte im Kopf! Dann durfte ich lauter Vitamin- und Traubenzuckertabletten schlucken und an ihnen zuckend verenden. Die harmlosen Tabletten sind für das geschulte Auge natürlich deutlich als solche zu erkennen - ein Manko, das von dem Rotzfaden, der höchst realistisch von meiner Nase hängt, aber mehr als ausgeglichen wird! Als Splatter-Dreingabe durfte ich mir noch eine Packung Puszta-Salat einfahren, die dann höchst pittoresk auf den Kachelfußboden gespien wurde. Man mag über den Rest meiner Darstellung sagen, was man will, aber ich sterbe wirklich sehr anmutig. Körperflüssigkeiten sind hier kein Fremdwort, und auch debiles Gegurgel ist eine Selbstverständlichkeit.

Die Zusammenarbeit mit Sven und Thomas war ein reines Vergnügen, und sie haben auch mein Gekasper mit Sportsgeist toleriert. Der Kameramann Boris Bürgel hat sich in einem Interview auch über diesen Film ausgelassen und mich lobend erwähnt, wofür ich mich wärmstens bedanke! Das Interview findet man hier. Meine Überraschung war riesengroß, als dieser Film auf DVD herauskam (bei CMV), als eines der zahlreichen Beiprogramme von Svens und Thomas´ Splatterfilm BLUT FÜR DIE GÖTTER. (Boris´ eigener DIE KILLERKUSCHELTIERE ist auch vertreten, und den finde ich richtig süß!)

Falls sich also jemand darüber gewundert haben sollte, daß meinereiner mal in einem Film mitgespielt hat und dann nie wieder, so ist das Geheimnis hiermit gelüftet.

P.S.: Allerdings möchte ich nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß ich schon einmal einen Gastauftritt in Stephan Lenzens Erstlingswerk ZANDER gehabt habe, wo es um einen Unsympathen geht, der in einer Telefonzelle steckenbleibt und tagelang nicht mehr rauskommt. Stephan (ein sehr netter Mensch und Italowesternfan!) war damals im selben Horrorfilm-Club wie ich. Damals war ich höchstens 20 und spiele einen Suppenkasper, der mit einer Spiegelbrille an der Zelle vorbeijuppt und den hektisch hampelnden Stephan natürlich nicht sieht. Ein Fuß-Double war ich auch in dem Film.

P.P.S.: An Jess Francos TENDER FLESH fungierte ich als "Line Producer". Mein Freund Peter Blumenstock (mit dem ich unzählige Reisen nach Rom und Paris unternahm) überredete mich, etwas Geld in das Unterfangen zu pumpen. Von diesem Geld sah ich keinen Heller wieder, was auf das Geschäftsgebahren einiger anderer Beteiligter zurückzuführen war. Immerhin hatte ich so Gelegenheit, Herrn Franco in Deutschland zu erleben, und das war schon eine Schau: Wir haben mit ihm seine eigenen Filme geglotzt bis zum Abwinken. Um 1.30 h machte ich schlapp und ging schlafen. Um 4.30 h war Peter an der Reihe. Franco drückte sich noch zwei schwarze Kaffee rein und gab sich FRAUEN FÜR ZELLBLOCK 9 - der Mann ist ein Regenerationswunder!

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