MIKE PATTON

Die Geschichte beginnt vor sehr, sehr langer Zeit. Damals kaufte ich mir die erste Platte einer Band namens Faith No More, die damals mit "We Care A Lot" einen kleinen Hit hatte. Ich hörte mir zwei oder drei Lieder an, dachte mir "Na ja", und die Geschichte moderte viele Jahre im Schrank.

Vor einigen Monaten stieß mich der Absurd-Ralf auf die Band Mr. Bungle. Als ich hörte, daß der Frontmann ein gewisser Mike Patton sei, der früher Faith No More gemacht habe, dachte ich erneut: "Na ja." Das Erlebnis, die Platte zu hören, war in etwa vergleichbar mit dem ersten Orgasmus. Ich war vollkommen von den Socken! Seitdem habe ich das Versäumte weitgehend nachgeholt.

Mike Patton wurde im selben Jahr wie ich geboren, 1968. Er wurde mit gerade mal 21 Jahren neuer Leadsänger von Faith No More, nachdem der vormals dort beschäftigte Chuck Mosely gegangen worden war. Während das erste Album unter seiner Beteiligung, "The Real Thing", noch eine relativ konventionelle Angelegenheit war, sollte sich das im Laufe der Zeit ändern: Unter seiner Einwirkung begann die Gruppe, immer komplexere und bizarrere Sachen zu produzieren, beginnend mit der wunderschönen "Angel Dust" (1992), auf der sich nicht nur das sehr gefällige "Midlife Crisis" befindet, sondern auch so vollkommen abgedrehte Sachen wie "Crack Hitler" oder das ungeheuer aggressive "Jizzlobber". (Supertitel übrigens - schlagt mal nach, wenn Ihr´s findet!) Den Schluß dieser ausgesprochen fetzigen Platte markieren zwei leichte, aber geniale Coverversionen, nämlich Lionel Richies Schluchzer "Easy" und das Titelthema des Filmes "Midnight Cowboy"... Zur gleichen Zeit kam auch eine Maxi heraus, "Songs To Make Love To", die die beiden letztgenannten Songs enthält, den Beitrag zum Dead-Kennedys-Tributalbum, "Let´s Lynch the Landlord", und ein unglaubliches Stück, "Das Schützenfest", das in nicht einwandfreier Aussprache Feinheiten deutscher Kultur veralbert...

Die 1995 veröffentlichte "Fool For A Lifetime" hat sich mittlerweile zu meinem Lieblingsalbum der Gruppe entwickelt und enthält 14 Rocksongs mit "was extra". Mittlerweile hatte sich Mike Patton bereits zu einem höchst nuancierten und virtuosen Sänger entwickelt, der ohne Furcht vor falschen Tönen und Disharmonie alle Paletten der Gefühlswelt aus sich herausdrückt und sie dem Publikum vor die Füße donnert. Ich habe selten einen Rocksänger erlebt, der dermaßen aus sich herausgeht und die Kontrolle zeitweise zumindest zu verlieren scheint - der Mann gibt Vollgas! Wann immer ich mir die Scheibe anhöre, bekomme ich automatisch einen Energieschub, der mich wieder auf die andere Straßenseite trägt...

Kleiner Exkurs: Ich habe Patton vor kurzem mit "Mr. Bungle" live in der "Zeche" in Bochum gesehen. Er erschien auf der Bühne, breitete die Arme aus und meinte völlig unvermittelt in beschwörerischem Ton: "Schweineficker!!!" Deutsch kann er also auch... Er erzählte, daß er am selben Tag auf dem "Bizarre"-Festival gewesen sei ("...a fucking kindergarten...") und tobte sich in den folgenden anderthalb Stunden den Frust vom Leib. Tja, ich habe schon eine Menge Konzerte gesehen, aber der Mann hat mich wirklich schwer beeindruckt. Ähnlich wild grimassierend wie Jello Biafra tobt er wie ein Derwisch über die Bühne, hält sich diverse "speech devices" vor die Nase und gibt alles. Mein persönlicher Eindruck war, daß der Mann wahrscheinlich nicht sonderlich sympathisch, aber dafür hochintelligent und -begabt ist. Sehr extrem, mit einem Hauch von Irrsinn. Das war nicht das getürkte Gekasper, das man von vielen Posern geboten bekommt - das war echt. Boah, was für eine Präsenz...

Zurück zu "Fool": In "The Gentle Art of Making Enemies" reicht seine Bandbreite von leisem Wispern zu enthemmtem Kreischen, in "Ugly in the Morning" drückt er genau das aus, was ich schon immer gedacht habe, und in dem teilweise portugiesisch gesungenen (er spricht mehrere Fremdsprachen) "Caralho Voador" singt er so sämig, daß man vor Rührung fast zerfließt... Bettina meint ja immer, Marilyn Manson sei Gott, aber ich denke das eher von Mike Patton. Nur daß es sich um einen zornigen Gott handelt, um einen, mit dem man sich nicht anlegen möchte, weiß Gott...

In das letzte Faith-Werk (die Gruppe löste sich 1998 in Wohlgefallen auf), "Album of the Year", habe ich mich noch nicht angemessen eingehört, deshalb erbitte ich eine Schonzeit. Immerhin wird Orson Welles´ F FOR FAKE zitiert - nur einer von zahlreichen Hinweisen, daß Patton Filmfan ist.

Das wurde überdeutlich, als er 1990 Mr. Bungle beitrat. Der Stil der Gruppe ist förmlich unbeschreiblich. Am ehesten fühlte ich mich noch an John Zorns geniale Naked-City-Arbeiten erinnert, da auch sie Musikstile aller Couleur wild durcheinanderschmeißen, um etwas ganz Neues daraus zu formen. Der egozentrische Gesamtkünstler Patton macht das auch, ganz nach seiner eigenen Facon, nur daß seine Werke etwas mehr Zusammenhang haben und möglicherweise erträglicher für unschuldige Ohren sind. Wie dem auch sei, produziert wurde das Album von Zorn, und verschiedene Saxquäkereien werden wohl auch von dem Maestro stammen. (Patton ist auch auf dem gerade erschienen zweiten Morricone-Tributalbum des Jazzmeisters anwesend!) Was sich hier auf gerade mal 75 Minuten abspielt, ist ein Wirbelsturm, der einen bis in die Grundfesten verwüstet. Dabei nimmt Patton nicht einmal die Drohgebärde ein - er weiß ganz genau, daß man mit einem gezielten Witz mehr Fundamente destabilieren kann als mit Donnerhall und starken Worten. Ralf hat die Musik charakterisiert als "böse Zirkusmusik", und in der Tat betätigt sich Patton als Zirkusmeister, der seine Formen und Farben wild durcheinanderwirbelt: Von regelrechten Zirkusakkorden über Barjazz bis in das wildeste Noise-Inferno wütet seine Wucht, Reggae kommt ebenso an den Mast wie seduktiver Porno-Beat. Dabei singt er über relativ unscheinbare Sachen, über Jahrmärkte, seinen Kindheitswauwau, Pornodarsteller, Sex und kulinarische Verirrungen... Das Leben wird bei ihm zu einem grellen, grausamen Cartoon, nur das die Zeichentrickcharaktere wild um sich schießen, genau wie die Clowns auf den Coverzeichnungen.

Die zweite Mr. Bungle, "Disco Volante", erschien erst 1995 und entstand ohne die direkte Einfühlungnahme von Zorn. Der mittlerweile gereifte Patton (verdammt, der war erst 27!) lieferte die mit Abstand krachigste und am schwersten verdaubare Bungelei überhaupt, stark durchzogen von Free-Jazz-Akzenten, die aber immer wieder in zirzensische Attraktionen münden, so daß man niemals ganz den Boden unter den Füßen verliert. Stellvertretend für das Chaos kann man das Schlußstück "Merry Go Bye-Bye" nennen, das mit einem netten Country-Schubiduh beginnt, dann unvermittelt in einen Mittelteil übergeht, der aus derbstem Grindcore besteht, um am Schluß wieder zur Ballade zurückzufinden... Es gibt ein rein italienisches Stück (Pattons Frau ist Italienerin), "Violenza Domestica", dann eine Art Liebeserklärung an seine Mama, dann das vollkommen abgedrehte "Desert Search for Techno Allah", das vom Titel wirklich gut geneug beschrieben wird. Auch wirbeln "Carnival of Soul"-eske Harmoniumklänge durch den Saal, donnernde Metaleinschläge vernarben die Landschaft, und zahlreiche Anleihen bei der Filmmusik der 70er vervollständigen das Bild. (Ein festes Regular bei Bungle-Konzerten ist Morricones "Metti una sera a cena".) "Ma meeshka mow skwoz" schließlich offeriert das tödlichste Schock-Ende, das ich jemals gehört habe - da sollte man die Lautstärke nicht unnötig laut stellen, sonst sind die Trommelfelle dran!

Der dritte Streich war auch der bisher letzte: 1999 erschien "California" und machte alles wieder gut! Das bislang kommerziellste (und beste) Bungle-Album war den Bossen von Warner immer noch zu weird, um eine Singleauskopplung zu wagen. Die LP beginnt mit schlunzigem Seventies-Schmalzrock à la Chicago oder Styx, arbeitet sich dann durch Swing und Rockabilly hindurch, durch pervertierten Beach-Boys-Surfsound ("The Air-Conditioned Nightmare", das beste Stück aller Zeiten!), durch jüdische Klezmermucke in "Ars moriendi", durch Nino Rota in "Golem II The Bionic Vapour Boy", durch Boy-Group-Geknödel in dem kreuzunheimlichen "Vanity Fair" und schließlich durch brasilianisch beeinflußte Italo-Soundtrack-Musik in "Goodbye Sober Day", das auf einmal zu einem Metal-Gedonner der ganzen schlimmen Sorte wird... Jau, nüchtern wird man da sofort, das ist mal sicher!

Neben diesem Bungle-Projekt mischte Patton auch an zahlreichen Fremdprojekten mit und gründete so nebenbei die Plattenfirma "Ipecac". (www.ipecac.com) Außerdem holte er sich einige Musiker zusammen (namentlich King Buzzo von den Melvins und den ehemaligen Slayer-Drummer Dave Lombardo) für ein neues Projekt, Fantomas, auf dem die Leute ein wieder sehr zorn-eskes Gemisch von film- und sonst musikalischen Einflüssen in den Schredderwolf werfen. Diese Zweckentfremdungen fremder Musik sind übrigens niemals parodistisch oder ironisch, sondern bringen das zugrundeliegende Material zu ganz neuem Effekt - ein Trick, den auch Zorn brilliant beherrscht. Die anstehende zweite LP von Fantomas wird übrigens zur Gänze aus Filmmusik bestehen, darunter so schöne Schoten wie "Spider Baby" oder "Carnival of Souls".

Egal, Patton hat so viel gemacht, daß Ihr Euch bei Interesse bitte die unten eingelinkte Webpage zu Gemüte führt, die Pattons sämtlichen Aktivitäten gewidmet ist und zu den informativsten ihrer Art gehört, die ich jemals gesehen habe. Auch kann man sich dort die Lyrics ausdrucken, und das ist gerade bei Mr. Bungle überaus lohnend...

Begnadeter Irrsinn - weiter so!

                                                                                                         The Man (Click for fun!)

BACK