IN KALKGEWITTERN(Ich entkam der Hölle des Altenstiftes St. Bitter in den Feldern!)
Beim Müllraustragen hat sich neulich eine lustige Begebenheit zugetragen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte! Beim Müllraustragen lernt man ja so manches...
Zuerst einmal muß ich aber feststellen, daß es Samstagmorgen um drei ist und ich gerade von einer Festivität im Dortmunder "Cosmotopia" zurückgekommen bin, wo die zwei perückenbewehrten DJs Martini und Lefty mit schmissiger Musik den Krötenpfuhl in einen Harem wackelnder Froschschenkel der Güteklasse 1a verwandelten... Mir war mau im Magen, weswegen ich mich nicht ins Getümmel stürzte, sondern es vorzog, mir im Schneidersitz meine Klöten von den Schwingungen der Baßlautsprecher durchmassieren zu lassen, was insgesamt auch ein schönes Erlebnis ist! Dabei wurde viel geraucht, viel zu viel, aber das Vielzuviel ist halt manchmal ein essentieller Bestandteil der gepflegten Daseinsbewältigung... Lustig war´s. Weniger lustig war, daß ich mich an die Lichtorgelwand lehnte und diese ungewollt zum Einsturz brachte. Die Plastikverschalung donnerte dabei auf den Schädel nicht nur eines, sondern gleich zweier mulmig vor sich hinglasender Nachthechte, die mir aber netterweise nicht böse waren. (Das Ganze hätte auch in einem Disaster à la DAS OMEN enden können...) Der Boß des Tanzschuppens brachte die Maläse wieder in Ordnung, aber ich spürte, daß ein Damoklesschwert über meinem Haupt schwebte... Ein falscher Blick von mir hätte die Lautsprecherwand zusammenkrachen lassen können, und, um es mit dem Cartoonisten Waechter zu sagen: "Pfarrer stürzte von Kanzel und erschlug zwo." So zog ich es vor, dazusitzen, nett mitzuwippen und im übrigen auf die physische Olympiade der schönen Tanzdamen (der Busen ist eigentlich die Stelle ZWISCHEN den Brüsten, wie die Olympiade die Periode zwischen den olympischen Spielen ist, remember?) zu achten, die mir Stoff satt für Andacht bot. Manchmal ist das Leben doch sehr einfach. Eine weitere denkwürdige Begebenheit des Abends: Zwei würdevoll Herumstehende ließen in mir die Überzeugung reifen, daß es sich um Charlotte und Eric handeln könnte, doch bevor ich die beiden dummdreist anschnacken konnte, erwies es sich, daß hier eine Verwechslung vorlag. Wie schon gesagt: So einfach kann das Leben sein.
Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht erzählen. Sprechen wir vom Müll: Als ich die Restbestände meiner Altwohnungsmagazine zum Papiercontainer brachte und die Spreu vom Weizen trennte, erschienen auf einmal zwei grimmig aussehende Omis, von denen zumindest eine die inoffizielle Meisterin des gelben Sacks bzw. die Aufseherin der neuen Müllordnung war. Ihre lurchigen Augen spähten in meine Richtung, um eventuelle Missetaten zu sichten. Gab es aber nicht. Stattdessen kam ein junger, schüchterner Mann des Weges und deponierte einen überaus gelben Sack auf dem Haufen, der sich gen Himmel schob. Da keifte die Rentnerin: "Sind das Windeln? Die sind ja gar nicht ausgewaschen! Unverschämtheit!" Der Mann war offensichtlich zu nett, um der Seniorin den verdienten Stinkefinger in ihr Leben zu rammen. Stattdessen zog er rasch Leine, ein wütendes "So können Sie nicht gehen!" hinter sich herziehend... Ich hockte nur da, sortierte Magazine und grinste ein - wie ich meinte - deutlich sichtbares und konkret unverschämtes Grinsen.
Der Besuch der alten Dame währte aber an. Zu Unrecht in mir einen Spießgesellen ihres entsetzlich spießigen Tuns wähnend, wendete sie sich an ihre Stiftschwester und meinte: "Sieh mal, der junge Mann da, der macht es richtig!" (Ich zerriß gerade den Behältniskarton in Einzelteile, um sie in den Container zu stopfen.) Mein breites Grinsen fiel zusammen und machte der Scham Platz. Dann hinkte sie mit ihren Thrombosestrümpfen auf mich zu und lurchte: "Ja, dafür werden Sie bestimmt einen Orden kriegen!" Und das Mutterkreuz, ergänzte ich in Gedanken. "Aber von wem?" sinnierte sie weltgescheit, mich in eine Idealkategorie konservativer Jungmänner einordnend, vor der es mir graute. Ich hätte an dieser Stelle dem bösen Spuk ein Ende machen und ihr stecken können, daß sie für mich eine Mischung aus Ilse Koch und "Oma Pervers im Natursektland" darstellte - wie erbärmlich ereignislos muß ein Leben sein, das einen Menschen dazu zwingt, sich zum Herrscher über den Müll aufzuschwingen? Ich hatte ja schon häufig gehört von alten Säcken, die sich mit einem Notizblock bewaffnen und alle Falschparker in der Umgebung anzeigen. Die Polizisten auf dem Revier lieben diese guten Bürger, die mit einem ganzen Block voller Anzeigen anwatscheln, denn dieser Stuß muß natürlich aufgenommen werden und beschert vollkommen sinnlose Arbeit. Das hätte ich der Horroroma stecken können, aber ich hatte einfach keine Lust dazu. So lächelte ich sie stumm von der Seite an und schenkte ihr damit eine freudige Aufwallung, die sie hoffentlich in der Nacht danach um die Ecke gebracht hat... TANTE DANIELLE ist einer meiner Lieblingsfilme - ich halte ihn nicht für einen Haßgesang auf alte Menschen, sondern im Gegenteil für eine Anleitung zur korrekten Behandlung derselben. Wenn man die alten Leutchens ins Heim oder in die Bedeutungslosigkeit abschiebt, muß eben so ein mißgünstiges Ranzteil dabei herauskommen. Man hat die Menschen genauso zu behandeln wie alle anderen auch. Dafür sollte man ihnen aber auch keinen fehlenden Respekt nachsehen müssen. Wer darauf besteht, ein grimmiger alter Sack zu werden, trifft diese Entscheidung selbst. Bei den jungen Menschen achtet auch niemand darauf, wenn sie verkommen. Familie sollte Familie sein, und wer in alten Tagen zu einer wandelnden Krätze wird, der hat entweder siffige Kinder in die Welt gesetzt, die ihnen im Alter nicht den gebürtigen Respekt zukommen lassen, oder ist einfach bereits früher zum Dummdeppen geronnen. Ich kenne viele alte Menschen, die den Bogen super raus haben und einfach echte Vorbilder sind. Wenn sie griesgrämig zu einem sind, sollte man ihnen das entsprechend erwidern - wer der Müllwächter des gelben Sackes wird, haßt sich selbst so sehr wie die anderen.
Das alles hätte ich sagen können, war aber zu langweilig in jenem Moment.
Ich hätte sie übrigens auch darauf hinweisen können, daß das Magazin, das ich zuoberst zur weiteren Verwendung ausgesondert hatte, ein Special über den Film CANNIBAL HOLOCAUST war... Dann hätte sie aber vielleicht das Wort "Holocaust" mit ihrer eigenen Wählervergangenheit verbunden und mich womöglich noch adoptiert.
Horroromis, Ihr habt keinen Blankoscheck auf Widerwärtigkeit. Macht etwas aus Eurem Leben, und wenn Eure Kinder dumm sind wie Stulle, dann macht Euch auf und erschließt neue Horizonte!
Ja, so etwas kann man lernen, wenn man den Müll rausträgt - coole Story, gelle?
Da hier noch dringend ein Foto reinmuß, weise ich darauf hin, daß mein alter Freund Gordon Mitchell - der ein Pfundskerl von einem alten Mann ist! - jetzt tatsächlich zu einem Maler geworden ist und demnächst eine Druckausgabe seiner Werke erfahren wird - ist das nicht geil? Er hat schon ganz viele Bilder verkauft, eines davon an Arnold Schwarzenegger!
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