Michael NymanDie klassische Musik ist mir nicht gerade in die Wiege gelegt worden. Tatsächlich bin ich auf dem Umweg über die Filmmusik zu ihr gelangt, und während ich bestimmte Komponisten sehr zu schätzen weiß (Beethoven, Stravinsky, Sibelius, Mahler etc.), so bin ich doch weit davon entfernt, wirkliches Fachwissen zu besitzen. Freilich: Auch der Stallbursche kann, so ihm die Zunge am Gaumen haftet, den Reiz einer Gourmetspeise durchaus nachempfinden...
Michael Nyman - eine echte Gourmetspeise - wurde mir von Peter Greenaway geschenkt, zu dessen Filmen ich immer eine besondere Affinität besaß. Mir gefiel an ihnen der sehr trockene Humor, der durch zahlreiche Bezugnahmen Geschichts- und andere Wissenschaften vom Podest der Wichtigkeit hievte und aus dem Los der Menschen - das ja ein schweres ist - ein ästhetisches Puzzlespiel zauberte. Den Vorwurf der Prätentiösität, der ihm häufig gemacht wurde, kann ich zumindest im Hinblick auf die Filme nicht nachvollziehen. (In bezug auf seine Person schon eher...)
Nyman nun paßte zu diesen Filmen wie die besamthandschuhte Faust aufs Auge. Während seine Musik stets sehr präzise und formalistisch angelegt war (die Besessenheit mit repetitiven Strukturen zieht sich ja durch sein Gesamtwerk), erzeugt sie doch ganz außerordentlich intensive Gefühle im Zuhörer. Dieses Miteinander von Mathematik und Emotion empfand ich immer als ungeheuer faszinierend, werden hier doch zwei scheinbar unvereinbare Gegensätze miteinander vereint.)
Auch tritt in seiner Musik immer wieder eine weitere Doppelbödigkeit an den Tag: Der gleichmäßige Aufbau seiner Werke - nicht selten eine direkte Bezugnahme auf kanonische Strukturen der Barockzeit - erinnert frappierend an modernen Minimalismus. Gelegentlich erhält die Musik sogar einen extrem poppigen Anstrich, und die atonalen Passagen legen sogar den charakterlichen Vergleich mit New Wave und Punk nahe...
Ein Faß ohne Boden, das ich einfach mal öffnen möchte: Nachdem Nyman lange Zeit als Musikrezensent und Verleger gewirkt hatte und 1974 das Buch "Experimental Music: John Cage and Beyond" herausgebracht hatte (das gerade wiederveröffentlicht worden ist), wurde er von einem Freund darum gebeten, dessen Bearbeitung eines Goldoni-Stückes mit zeitgenössischen venezianischen Songs zu untermalen. Hierzu stellte Nyman die Campiello Band zusammen, aus der dann später die Michael Nyman Band wurde.
Die ersten filmischen Gehversuche unternahm er im Zusammenspiel mit Greenaway, der ihn zuerst einige seiner Kurzfilme und den drei Stunden langen Fake-Dokumentarfilm "The Falls" untermalen ließ. Dabei griff Nyman auf viel vormals komponiertes Material zurück. Von der "Falls"-Musik ist leider nur der "Bird-List Song" in einer Instrumentalversion auf dem "Virgin"-Livealbum erschienen, sowie einige kurze Exzerpte auf Morgan Fishers endlos genialem "Miniatures"-Sampler, die bereits stark an "Drowning By Numbers" erinnern.
1982 kam Greenaways internationaler Durchbruch, "The Draughtsman´s Contract", der von Nyman mit einem wunderschönen Soundtrack versehen wurde, der sich sowohl beim Barockkomponisten Henry Purcell als auch bei Mozart bedient. Die Stücke werden auf der LP mit leicht ironischen Filmzitaten dargereicht, wie z.B. "Bravura in the Face of Grief" oder "Chasing Sheep Is Best Left to Shepherds", und rufen trotz ihrer unverbindlich dahinträllernden Fröhlichkeit sehr zwiespältige Gefühle hervor. "Bei "Bravura" wird im Film beispielsweise der Maler geblendet und umgebracht, was dann natürlich gar nicht mehr fröhlich trällert.
"A Zed and Two Noughts" (1985) ist mein absoluter Liebling, und zwar sowohl von Greenaway wie von Nyman. Die monströse Geschichte um zwei Zerfallsforscher, die sich in eine einbeinige Frau verlieben und irgendwie die Symmetrie wiederherstellen müssen, hat als Titelstück das großartige, vom Cembalo getragene "Angelfish Decay", zu dessen stimmungsvollen Akkorden im Film immerzu Tiere im Zeitraffer vergammeln! Andere zumeist feierlich klingende Stücke charakterisieren Greenaways Nebenthemen, wie den Ursprung des Lebens, flämische Malerei und Schnecken. Bei der Schlußdurchführung des Titelstückes erklingt zum ersten Mal das unwahrscheinlich hohe Register der Sängerin Sarah Leonard, das fast schon synthetisch klingt - ist es aber nicht! Sie und Nyman sollten noch häufiger zusammenarbeiten.
"Drowning By Numbers" (1988) ist die ebenfalls schwer mathematische Geschichte um drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen, die alle ihre Ehemänner umbringen. (Bravo!) Um diese Mär angemessen zu untermalen, griff Nyman auf "The Falls" zurück, für den er sich bereits bei Mozart bedient und aus dessen "Sinfonia Concertante" er verschiedene Akkorde ausgebaut und in neuem Kontext wieder zusammengedröselt hatte. Diese Art von musikalischem Kostümwechsel auf Zahlenbasis findet ihre Entsprechung im Film, wo alle Todesfälle kühl und methodisch durchnumeriert werden. Bei Nyman resultiert das erneut in einem höchst stimmungsvollen Score, der fröhliche Romanzen à la "Trysting Fields" mit düsteren Schicksalsklängen ("Great Death Game") verbindet.
In "The Cook, The Thief, His Wife and Her Lover" (1989) wird der Soundtrack beherrscht von dem wuchtigen "Memorial", einem 12-Minuten-Stück, das ursprünglich als Trauermarsch für die getöteten Juventus-Fans bei der Katastrophe im Heysel-Stadion entstanden war. (Ja, Nyman ist Fußballfan! Siehe auch seine Fußballplatte, "After Extra Time"...) Bei Greenaway wird daraus ein Grabgesang für den zivilisierten Menschen, der in Gestalt des Liebhabers vom verkommenen Besitzer eines Feinschmeckerrestaurants getötet wird. (Der Mörder bekommt dann aber auch sein Fett...und seine Kruste!) Das andere unglaubliche Stück auf der Platte ist ein gleichfalls ellenlanger "Miserere"- Chorgesang, der noch lange mit einem umgeht... Auf dem Memorial bestreitet erneut Sarah Leonard den Schlußteil.
Die letzte Zusammenarbeit von Greenaway und Nyman (vor einer saftigen Meinungsverschiedenheit) stellt "Prospero´s Books" dar, Greenaways überbordende Version von Shakespeares "Der Sturm". Alle Lieder aus der Vorlage werden von Nyman wunderschön vertont und angereichert mit Material aus seinem erhabenen "La Traversée de Paris" ( = vielleicht insgesamt meine Nyman-Lieblingsplatte), das einst eine Exposition zur 200-Jahres-Feier der französischen Republik begleitete. Die Shakespeare-Songs wurden später zum Bestandteil von "Songbook", einem von Ute Lemper (!) vorgetragenen Liederreigen, der auch Texte von Paul Celan, Mozart und Rimbaud vertonte und von Volker Schlöndorff schlicht und wirkungsvoll verfilmt wurde. Frau Lemper findet sich auch in "Prospero´s Books" wieder, wo sie u.a. neben Sarah Leonard auftritt.
Internationale Berühmtheit erlangte Nyman durch seinen vielfach prämierten Score zu Jane Campions schööönem "The Piano", der sich aufteilt in kleine Pianoliedchen und orchestrale Durchführungen ihrer Themen. Es fällt auf, daß die Musik einen deutlich romantizistischeren Ansatz hat als seine Greenaway-Arbeiten, deren Humorigkeit der postmodernen Verspieltheit des Regisseurs entsprach. Bei "The Piano" fällt es schwer, die Taschentücher im Schrank zu lassen. Daß er diesen Gefühlsoverkill ohne Kitsch und ohne allzu überladene Passagen hinbekommt, spricht für sein künstlerisches Talent ebenso wie die Tatsache, daß er sich nach diesem überwältigenden Erfolg nicht auf diesen Stil festmachen ließ und tapfer weiter seine eigenen Ziele verfolgte. (Allerdings arbeitete er die Filmmusik noch zu einem "Piano Concerto" um.)
Etwa um diese Zeit rief Nyman mal bei mir an. Das kam so: Ich hatte mal seiner Agentin gefaxt, um ein Interview zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt studierte ich noch in Göttingen. Eines Tages klingelt das Telefon, ich gehe nichtsahnend an die Muschel, und auf einmal ertönt es: "This is Michael Nyman!" Ich wäre fast in die Knie gegangen - so dicht sind Sublimes und Alltägliches manchmal miteinander verknüpft... Aus dem Interview wurde dann leider nichts, weil keine Filmzeitschrift Interesse daran hatte, aber ich hatte trotzdem Gelegenheit, mit meinem Idol zu plaudern. Das war geil! (Ich möchte in diesem Zusammenhang nicht vergessen, die freundliche Redakteurin der Klassik-Zeitschrift "fonoforum" zu erwähnen, deren gerümpfte Nase ich durch den Telefondraht hindurch spüren konnte: "Nyman? Das ist doch der mit diesen Filmmusiken?" Ein dreifach Trullala der bornierten Frau.)
1993 komponierte er den leichten und romantischen Score zu einem meiner Lieblingsfilme, "Le mari de la coiffeuse" von Patrice Leconte, auf dem sich seine Stücke mit afrikanischen Rai-Sachen abwechseln, was einen ganz wilden Effekt gibt. (Nyman hat sich des öfteren afrikanischer oder indischer Einflüsse bedient, wie man u.a. auf seiner schönen Live-CD auf "Virgin" hören kann.) Auch untermalte er Diane Kurys´ Beziehungsdrama "A la folie" von 1995, bei dem es sich auch lohnt, Beschneuzbares griffbereit zu haben...
Ganz bizarr wurde es 1995, als er eine japanische Zeichentrickversion von "The Diary of Anne Frank" bearbeitete. Bei dem Gedanken sträuben sich mir wahrlich die Haare, und auch die abgedruckten Bilder sehen etwas wie Heidi im Konzentrationslager aus, aber die Musik (nur als japanische CD erschienen) ist angenehm zurückhaltend und weitgehend für Soloklavier.
Für Christopher Hamptons sehr britischen "Carrington" (1995) griff Nyman auf sein 3. Streichquartett zurück und komponierte noch einiges Neue hinzu. Ohnehin sind seine Streichquartette (die ersten drei auf einer CD) uneingeschränkt zu empfehlen, auch wenn ein ehemaliger Freund von mir mal lästerte: "Das klingt wie die Beatles gespielt vom London Symphony Orchestra!" Na, das ist ja auch ein ehemaliger Freund... Wer ein zukünftiger Freund werden möchte, der kaufe sich die CD und finde sie hübsch!
Antonia Birds wunderbarer Mega-Flop "Ravenous", der schon thematisch einen schwer zu beschreibenden Eiertanz zwischen blutigem Horrorstoff und (wirklich komischer) schwarzer Komödie verkörperte, erhielt eine äußerst ungewöhnliche Arbeit von Nyman, die dieser zusammen mit Damon Albarn von Blur (!) zusammenbastelte. Ironisch verleierte Folkklänge werden von ihm mit charakteristischen Nyman-Passagen verknöpert, die dann auf synthetische Perkussivelemente stoßen. Sehr wild und sehr hörenswert - ich mutmaße, daß die beiden Komponisten viel zusammengearbeitet haben und sich die Stücke deshalb nicht so einfach unterteilen lassen. 75 Minuten Faszination.
Andere Arbeiten galten Andrew Niccols sehr eindrucksvoller Antiutopie "Gattaca" (1997), Neil Jordans Taschentuchfilm "The End of the Affair" (1998) und den beiden jüngsten Filmen von Michael Winterbottom, "Wonderland" (1999) und "The Claim" (2000). Gerade bei letzterem...ich würde mich ja schwer wundern, wenn das nicht Sarah Leonard ist!
Jene sang auch eine der Hauptrollen in "The Man Who Mistook His Wife for a Hat" (1987), einer sehr gewieften Kammeroper, die Nyman nach einer Geschichte des Neurologen Dr. Oliver Sacks gemacht hat. In ihr geht es um die Untersuchung eines rätselhaft erkrankten Musikprofessors, der zwar körperlich keine Defekte aufweist, aber nicht mehr in der Lage ist, seine Beobachtungen in Beziehung zu seiner Umwelt zu setzen und somit eine ganz eigene Vision entwickelt hat, die sich vollständig an der Mathematik der Musiktheorie orientiert. Ein toller einstündiger Einakter, der von nur drei Sängern gegeben wird und als CD das vollständige Libretto enthält. (=sehr wichtig)
Eine weitere sehr ungewöhnliche Arbeit ist sein 1999 veröffentlichtes Werk "The Commissar Vanishes", das zu einer Multimedia-Arbeit gehörte, die auf dem gleichnamigen Buch von David King basierte. Das Buch befaßt sich mit der Retuschierung historischer Bilder im Rußland der Stalin-Ära, wo man bestimmte Köpfe einfach aus den Bildern verschwinden ließ und so die Geschichte nach Belieben veränderte... Die Komposition ist als Doppel-CD erhältlich und enthält auch das 10 Jahre früher geschaffene Tanzstück "The Fall of Icarus", das Nyman für "Commissar" bearbeitet hat. Das Opus erinnert vom Charakter her gelegentlich an seine früheren Arbeiten und ist insgesamt eine der lohnenderen Anschaffungen.
Überhaupt ist der Ausstoß seines Schaffens so umfangreich, daß ich hier bei meiner kleinen Huldigung (grins!) nicht alles erfassen möchte. Empfohlen sei aber noch unbedingt sein Album "The Kiss and Other Movements" (1985), auf dem man u.a. einen von Frau Leonard gesungenen Auszug aus einer Oper nach Laurence Sternes "Tristram Shandy" zu hören bekommt, den "Nose-List Song", dessen Text eine Aufzählung der Bemerkungen darstellt, die über die Nase einer Figur gemacht werden, die gerade aus dem Königreich der Nasen zurückgeritten kommt... "The Kiss" war ursprünglich eine weitere Multimedia-Geschichte und besitzt als Sängerin die reizende Schweizerin Dagmar Krause, die früher mal bei Henry Cow war und jetzt (immer noch) bei Slap Happy. "Tango Between the Lines" verwendet Material aus dem Score zu dem Film "The Cold Room" und ist ziemlich erhaben. Und ein Auszug der berühmten "Water Dances" bildet ein majestätisches Finale.
Neben der erwähnten Live-CD sind "Water Dances"-Auszüge auch auf der Solo-Piano-CD "Taking a Line for a Second Walk" zu hören, auf der Nyman auch das eindringliche Titelstück spielt.
Dann gibt es noch das tolle Cembalokonzert, und, ach... Es ist zuviel! Wer Nyman mag, wird viele der hier angesprochenen Sachen schon kennen. Wer ihn noch nicht mag, sollte sich beeilen, denn irgendwann ist die Flut nicht mehr zu bewältigen!
Für die Interessierten habe ich seine offizielle Webpage verlinkt, wo bald auch Soundbeispiele zu hören sein werden.
P.S.: Mittlerweile habe ich (von einem freundlichen Namensvetter) die erste offizielle Platte der Michael Nyman Band bekommen, die 1981 erschien, und siehe da: Ich hatte mich getäuscht! Die Platte besteht fast vollständig aus Aufnahmen zu "The Falls" und enthält nicht nur die gesungene Version des "Bird-List Songs", sondern eine Reihe anderer Knaller, die - einzig im Werk Nymans - auch E-Gitarre und synthetische Instrumente enthalten! Das großartige "M Work", das fast die gesamte zweite Seite einnimmt, alterniert zwischen pompösen, langsamen, stark an 70er-Progressivrock gemahnende Passagen und launigen Trällereien, die klingen, als habe der frühe Mike Oldfield versucht, Philip Glass zu interpretieren... Boah, ich bin fast umgefallen! Christian hat mir obendrein noch "Decay Music" von 1976 zugespielt, auf der das Cage-eske "1 - 100" enthalten ist, das die Zerfallszeiten unterschiedlicher Pianoakkorde beleuchtet (auch auf einer CD des "Piano Circus" neu interpretiert), sowie ein langes Stück für Glockenwerk... Da hört man wahrlich die Glocken läuten!