NUDE PER L´ASSASSINO
Die Nacht der blanken Messer
Wer üppig budgetierte Filme sehen möchte, in denen
hochklassige Schauspieler in mondäner Umgebung schillernde
Dialogzeilen im Munde führen, die den begabten Händen
literarisch beleckter Drehbuchschreiber entsprungen sind, war bei
Andrea Bianchi noch niemals an der richtigen Adresse. Viel eher werden
bei Nennung seines Namens die Augen feucht bei Liebhabern des
italienischen Exploitationfilmes, ist er doch für so manchen
Schwartenkracher aus dem Reich des finstersten Sleazes verantwortlich.
Sein Meisterwerk ist und bleibt vermutlich DIE RACHE DES PATEN (QUELLI
CHE CONTANO): Profikiller Henry Silva, der seinen Beruf so liebt,
daß er nach erfolgreicher Füsilierung einiger
Unglücklicher in eine Dampfwalze steigt und noch mal über die
Leichname drüberbügelt; Barbara Bouchet, die sich in einer
komplett sinnlosen Szene Milch über die nackten Brüste
gießt und später von Silva in eine aufgehängte
Rinderhälfte hineingepimpert wird; der aufsehenerregende Beginn
mit dem appen Kopf - so was sieht man nicht alle Tage! Der bekannteste
Film von Bianchi bleibt sicherlich der berüchtigte DIE
RÜCKKEHR DER ZOMBIES, dessen Schebbigkeit ebenfalls schwer zu
übertreffen ist, wenn es sich dabei auch um den m.E.
langweiligsten Zombiefilm seit Erfindung der Filmspule handelt. Wer
kennt und liebt nicht MALABIMBA (KOMM UND MACH´S MIT MIR), dem
klassenkämpferischen Traktat, in dem der Geist von Lucrezia Borgia
in den Schoß einer minderjährigen Adeligen fährt? Wer
war glücklich genug, den Porno-Giallo MORBOSAMENTE VOSTRA zu
verpassen, der Karin Schubert in das Pornoland einführte und bei
uns von der beliebten polnischen Entertainerin Teresa Orlowski
herausgebracht wurde?
Weniger bekannt, aber mitnichten weniger brisant war da
Andreas Giallo NUDE PER L´ASSASSINO, der einstmals bei uns als
DER GEHEIMNISVOLLE KILLER auf Video erschien. Als ich den Film auf
italienisch sah, fiel mir bereits die Kinnlade herunter. Meine
Güte - ist das ein Schmuddel! Tatsächlich könnte es sich
hier um einen der sleazigsten Gialli handeln, die ich jemals erblickt
habe. Der Film beginnt bereits eminent schmierig: In irgendeiner miesen
Abtreibungsstube liegt eine nackte Frau - Kamera gerade außerhalb
der Vaginalansicht -, die bei einem unsachgemäß
ausgeführten Abort den Löffel gereicht hat. Weder der Arzt
noch seine Gehilfen fühlen sich an den Eid des Hippokrates
gebunden und verwischen alle Spuren auf die Untat... Einige Zeit
später: In einem Fotostudio räkeln sich dralle
Schönheiten vor der permanent beschlagenen Linse halbseidener
Fotografen. Einen davon lernen wir sofort kennen: Kantengesicht Nino
Castelnuovo (aus DER ENGLISCHE PATIENT!) reißt in einer
Badeanstalt eine bikinibewehrte Schönheit auf und nötigt sie
unter den fadenscheinigsten Kommentaren, die man sich vorstellen kann,
zum Beischlaf! Ha, was für eine Macho-Sau, möchte man
ausrufen, aber dann merkt man - die sind ja alle so in dem Film...
Aber auch die anderen sind nicht von Pappe: Es gibt die übliche
fiese Lesbe als Chefin (nur echt mit Lesbentaille!); es gibt ihren
grotesk fetten Ehemann, der so gerne einmal Sex mit einer Frau haben
möchte (Argento-Freund Franco Diogene in einer unsäglich
diffamierenden Rolle); es gibt einen der fast schon liebgewonnenen
tuckigen Make-Up-Artisten (der gar nichts ist gegen den lieben Silvio
Laurenzi - der ist am Set von FATAL FRAMES fast davongeflogen!); und
die üblichen Knallchargen im Umfeld. Und Nino hat ja noch seine
Freundin, die Chef-Fotografin: Edwige Fenech! Und abgesehen davon,
daß Edwige allen Grund hätte, sämtliche
Schönheiten des Foto-Studios in Grund und Boden zu metzeln
(schließlich schläft ihr Männe mit allem, was nicht
schnell genug auf die Bäume kommt!), beweist sie auch noch
vorzüglichen Sportsgeist, indem sie sich mehrfach auszieht und
ihren Alabasterkörper der gaffenden Zurschauerschaft darbietet.
Was will man mehr?
Man will Morde! Und die sind blutig und stilvoll in Szene gesetzt vom
Fachmann Ihres Vertrauens, Andrea B.! Untermalt von der Musik von Berto
Pisano (der auch Joe d´Amatos MÖRDER-BESTIEN einheizte),
wird hier ausgelassen mit phallischen Instrumenten penetriert, was den
sexuellen Unzulänglichkeiten von uns Zuschauern Rechnung tragen
soll, aber wir Zuschauer sind mal nicht so... Im psychologischen Sinne
geht das hier volle Kanne gegen die "Vagina Dentata", gegen die "Femme
Castratrice". Die Angst vor der Aufbrechung des ödipalen
Konfliktes wird mit Stahl aus Solingen geschlichtet. Im selben
Maße, wie die Fetischisierung des weiblichen Körpers in
erotischen Filmen einer finster vor sich hinbubbernden unreifen
Männerschaft zur Konfliktbewältigung gereicht, steigt der
Adrenalinpegel in schwindelerregende Höhen. Hier wird mit
infantiler Ausgelassenheit eine Reduktion der Frau betrieben,
während als Alibi eine Knechtung des männlichen Chauvinismus
vorgegaukelt wird. Und wenn dann noch eine Schier-Synchro angeboten
wird, die auch schon DAS GRAUEN KOMMT NACHTS zu einem der wahren
Highlights der Italo-Subkultur gemacht hat ("Ich habe einen
instinktiven Verdacht metaphysischen Charakters!") - sollen wir das gut
finden?
Also, ob Ihr das gut findet, weiß ich ja nicht, aber ich finde
das GEIL!!! Vor langer Zeit habe ich meine erste X-Rated-DVD erstanden
(eine der ersten!) und fand sie nicht so dolle. Nach langer Zeit
besorgte ich mir die nächsten, und, was soll ich sagen - was der
Andreas jetzt herausbringt, gefällt mir ziemlich klasse! Abgesehen
davon, daß es kaum ein anderes deutschsprachiges Label gibt, das
die Kostbarkeiten der italienischen Exploitationkunst in akzeptabler
Qualität herausbringt, hat er mittlerweile eine ordentliche Anzahl
echter Juwelen zutagegefördert. (Man bedenke etwa seine
Veröffentlichung von Mingozzis FLAVIA, Martinos TORSO oder Caianos
KNOCHENBRECHER IM WILDEN WESTEN.) NUDE PER L´ASSASSINO
gehört zu den echten Schätzchen und offeriert den Film in
für seine Entstehungszeit beeindruckender Qualität. Und
während die meisten alten Video-Fassungen der Anfangssequenz
komplett entbehren (die selbst in meiner italienischen blau
eingefärbt war), ist sie hier erstmals in allen Farben des
Farbspektrums zu bewundern! Den Film gibt es sonst nirgendwo auf DVD,
und nach dem alten Tape muß man schon recht fleißig
graben... Das kleine Manko, daß die englische Tonspur ziemlich
lausig ist, ist leicht zu verschmerzen, denn die englischen
Exportsynchros (selbst zu Argento-Filmen) sind, bis auf wenige
Ausnahmen, wirklich lausig. In diesem Fall ist die enorm trashige
Germanensynchro hundertfach vorzuziehen und hat ´nen sauberen
Sound.
Bevor ich´s vergesse: Unter den Schönheiten, die in dem Film
zu bewundern sind, finden sich Femi Benussi, Solvi Stübing und
Erna Schürer. Erstere war schon weit von ihren Anfängen bei
Pasolini entfernt und mittlerweile in jeder Beziehung recht vollmundig.
(Wobei man anmerken sollte, daß sie in Gianni Creas nicht lange
vorher erschienenem Disaster-Western RITT ZUR HÖLLE noch aussah
wie eine Preßwurst, während man hier die dritten Zähne
in ihren ausladenden Hüften vergraben möchte!) Die Deutsche
Solvi Stübing wurde in Italien bekannt als erste Werbefee für
das bekannte "Peroni"-Bier, wie man etwa hier nachschlagen
kann...
Ich wünsche mir inständ(er)igst, daß Andreas noch viele
meiner Lieblingsfilme herausbringen möge - mit DIE NACHT DER
BLANKEN MESSER ist ihm schon ein großer Wurf gelungen, der in
seiner unschuldigen Dreistigkeit und seiner Hingabe an spekulative
Elemente auch vielen anderen Zuschauern Freude bereiten wird!
P.S.: Und was den Schluß angeht... Psychologisch gesehen
problematisiert er die Freud´sche "Analdressur", die
Entwöhnung des Kindes von der Windel durch die Mutter, aber ich
weiß jetzt nicht so, ob sich der Bianchi das so gedacht hat... ;)
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