NomeansnoKanada ist auch so ein Land. Bevor es durch South Park Weltruhm erlangte, gab es dort fast nur eishockeyspielende Elche, die sich gegenseitig auf französisch Gemeinheiten an den Sechsender schmissen. Darüber wurden sie ganz schwermütig und lungerten in den immer saurer werdenen Mischwäldern herum, von denen - wie ja jeder weiß - ganz Kanada überzogen ist.
Das war aber nur so lange, wie es Nomeansno nicht gab, denn die Musik dieser beiden Hockeyfans macht das düstere Herumlungern schier unmöglich, und das, obwohl ihre ambitionierten Punksongs ein wenig anheimelndes Weltbild entwerfen. Bevor ich sie das erste Mal live sehen durfte, vermutete ich auch existentialistische Düstermänner, aber weit gefehlt: Fröhliche Holzfäller sind´s, die mit massiver Physis und massivem Gemüt stundenlang über die Bühne toben können, ohne einen Herzinfarkt zu bekommen. Das erste von insgesamt drei Konzerten in Bremen (die ich alle gesehen habe!) dauerte insgesamt drei Stunden. Zu Anfang kam Drummer John als Heino verkleidet auf die Bühne und sorgte für Unruhe im Schlachthof-Publikum. Dann nahm er die Perücke ab, und alles wurde schön. Ich rechne ja immer mit anderthalb Stunden inklusive Zugaben, aber die beiden fingen nach dieser Dauer erst richtig an. Und jung sind sie ja eigentlich auch nicht mehr...
Nomeansno begannen Ende der 70er als brüderliches Duo, John (Jethro) und Rob Wright. Ihre anfänglich noch recht zurückhaltende Musik bestand im wesentlichen aus Baß, Schlagzeug und Gesang, mit ein wenig Piano hier und da, und wird demonstriert von ihrer ersten LP "Mama" (1984), deren CD-Veröffentlichung auch die erste 7´´ enthält. Mit der Platte habe ich mich bis zum heutigen Tag nicht anfreunden können, aber der Erwartungsdruck war denn auch zu groß... Ganz anders sah das aus bei "Sex Mad" (1985), auf dem sich die Brüder so präsentieren, wie man sie kennt und schätzt - mit einem nervösen Gemisch aus Punkrock und höchst überraschenden musikalischen Einflüssen, die andeuten, daß man es hier nicht mit gewöhnlichen Punkdreschern zu tun hat. Die Platte geht ab wie zehn Zäpfchen, und das, obwohl die beiden Kanadier (hier schon ergänzt von Gitarrist Andy Kerr) keine Komplikationen scheuen - statt mit Sechsendern hat man es hier mindestens mit SechZEHNendern zu tun! Dabei geht Energie hier noch eindeutig vor Virtuosität, die Musiker überholen sich ständig gegenseitig im Ringen um Volldampf. Nach dem bahnbrechenden Titelstück kommt das berühmte "Dad", vielleicht das "normalste" Punkstück der LP, in dem desolate Familienverhältnisse geschildert werden. Hier möchte man nicht mit seiner Schrankwand einziehen - ein Gefühl, das man bei den Gebrüdern Wright häufig bekommt... "Love Thang" tüdelt ein wenig mit dem Liebesattentat auf den Präsidenten zu tun, mit dem ein Irrer mal Jodie Foster imponieren wollte. (Was mag die arme Sau nur gedacht haben, als rauskam, daß sie eine Fraufrau ist? Hihi...) "Dead Bob" deutet an, daß Selbstmord im Falle einiger Zeitgenossen vielleicht doch nicht die schlechteste Lösung ist. In den Texten der LP klingt heraus, daß durchaus nicht alles für bare Münze genommen werden muß, was Nomeansno uns vertellen. Sie verwenden zahlreiche Masken in ihren Stücken und sprechen sehr selten direkt zu ihrem Publikum, am ehesten wohl noch in den Balladen. "Revenge" etwa wird aus der Sicht eines verbitterten Typen geschrieben, der eine Menge Haß gebunkert hat und die Menschheit dafür leiden lassen will. Ironie ist kein Fremdwort für die Wrights, und es ist vielleicht die schwärzeste des ganzen Punkgenres, die hier mitzunehmen ist. Auf der CD von "Sex Mad" befindet sich außerdem die nachfolgende Maxi "You Kill Me", die nicht ganz so dolle ist und als Prunkstück eine tolle Coverversion von Jiminy Hendrix´ "Manic Depression" enthält, mit Leichtigkeit eines der besten Rockstücke aller Zeiten. (Oder nicht?)
Dann kamen die Maxi "The Day Everything Became Nothing" und die LP "Small Parts Isolated and Destroyed" (beide zusammen auf CD), die ein so hemmungslos düsteres Bild der Welt malen, daß man es nach Anhören des digitalen Kunststoffbatzens Dead Bob durchaus nachmachen möchte... Auf der Maxi dominieren die fetzige Titelnummer und ein langes ruhiges Sprechstück, "Brother Rat/ What Slayde Says", und auch die anderen Teilnehmer bieten ein buntes Bukett lachender Frühlingsblümchen. Wasserfälle unbeschwerten Gelächters auch auf "Small Parts", dessen Titelsong sich nicht nur mit der konsumfreudigen Jugend befaßt, sondern auch mit Nomeansnos Zielpublikum. Relativ lange und schwierige Lieder diesmal, die das Hineingraben aber lohnen. Vollkommen großartig das zynische "Real Love", und mein geheimer Favorit ist natürlich "Victory", das uns zuzuflüstern scheint: "Verliert nicht die Hoffnung - es ist alles verloren!" "In defeat victory", wie es die netten Eishockeynarren ausdrücken. Mit die schwierigste und anstrengendste Veröffentlichung.
Und auf "Wrong" (1989) gibt es den Puck mitten in die Fresse! Das nach wie vor beste aller Nomeansno-Werke strahlt mehr Sicherheit und Geschlossenheit aus, als das vormals der Fall gewesen ist, und auch die Präsentation hat jetzt die zynische Betrachtungsweise endgültig zum Thema gemacht: "Be strong - be wrong!" heißt es auf dem Cover, und von ähnlicher abgründiger Ironie sind auch die Texte, die zu diesem Zeitpunkt vieldeutiger und weniger festlegbar geworden waren. Einigermaßen repräsentativ sind Titel wie "All Lies" und "The End of All Things", wobei die Lattenkracher mit Sicherheit das lange "The Tower" und "Big Dick" sind. Mit "Oh No, Bruno" bekommt man noch einen schnellen Punksong geschenkt, und dann san´s all zufrieden, gell? "Wrong" donnert 45 Minuten nahtlos durch und zaubert trotz der Weltuntergangstexte ein seliges Lächeln auf das Gesicht des gewogenen Hörers. Keine Ahnung, wo die beiden Bonus-Tracks auf der CD herkommen, aber in das unsäglich langsame "I Am Wrong" habe ich mich total verliebt - Philosophie! Auch schon vermerkt ist der Satz "I really do believe all the things I say to you, it´s just that none of them are true", was mit Kurt Vonnegut harmoniert, der zu seinem Meisterwerk "Cat´s Cradle" bemerkte, dieses Buch sei ungeeignet für Leser, die nicht verstünden, daß eine perfekt verwendbare und nützliche Religion auf Lügen aufgebaut sein kann. (Eine Szene aus jenem Buch: Der Albert-Schweitzer-Arzt legt seinem Sohnematz den Arm um die Schultern und kommentiert die sie umgebenden Leichenhaufen mit den Worten: "Mein Junge - eines Tages wird das alles dir gehören!"
"0 + 2 = 1" (1991) beginnt sehr aufgekratzt mit dem hitparadenverdächtigen "Now", das damals in unserer Indie-Disco auch gerne geschrammelt wurde. Doch merke: Man tanzt zu Nomeansno nicht ungestraft! In diesem Fall hat man es mit einigen rhythmischen Breaks und Tempoverminderungen zu tun, bei denen man sehr schnell das Gleichgewicht verliert - sehr sinnig im Hinblick auf die Texte. Die Musik erzeugt einen energischen Punk-Sog, der dann aber häufig ins Nichts führt - ätschbätsch! In "The Fall" gibt es dann mehr vom selben. Die launigen Punknummern der Platte sind "Valley of the Blind" und "Joyful Reunion", während der Rest wieder ziemlich freistilmäßig durch die Botanik hüpft, bis hin zum laaangen und durchweg ernsthaften "Ghosts": "You think you have time - you got no time!" Eine weitgehend unterschätzte Platte, die ihrerzeit ein wenig unterging, wohl wegen des doofen Covers und der Tatsache, daß sie einfach kopflastiger geraten ist als die gefeierte "Wrong".
Ganz plattgemacht wurde das nächste Produkt aus dem Hause Wright, "Why Do They Call Me Mr. Happy?" (1993), eine LP, die beim ersten Anhören in der Tat nicht sonderlich attraktiv anmutet, aber eine Menge zischender Klapperschlangen enthält. Zu diesem Zeitpunkt mußten sich die echten Fans der Gruppe schon vom Pogopublikum getrennt haben, denn für letzteres stellt "Mr. Happy" eine massive Belastungsprobe dar. Mit mehr Jazzeinflüssen als vorher nudelt sich das Album durch sonnige Stücke wie "Madness and Death" oder das sehr balladeske "The River", mit dem Sänger Rob erstmals die Richtung andeutete, in die spätere Nomeansno-Erzeugnisse gehen sollten - ernsthafter Lierdermacherpunk will ich das mal in Ermangelung besserer Bezeichnungen nennen. Das zentrale "Kill Everyone Now!", das auf dem Cover einem zufriedenen Freddy Krueger in den Mund gelegt wird, ist wieder so eine Maskensache und läßt ein vollkommen vereinsamtes und vergrämtes Individuum zum Schluß kommen, und zwar zum absoluten. Daß simpler Nihilismus aber nicht die Sache der fröhlichen Wrongs ist, demonstriert das unglaubliche Finale "Cats, Sex and Nazis", in dem sie unter anderem bemerken: "I defy you to see through me - nothing is all that you will see!" Wenn der erzählende Alter Egon dann gefragt wird, warum er so verdammt glücklich dabei sei, sagt er nur trocken: "Because I´m so fucking smart!" Uffa... Das Stück und die Platte verabschieden sich dann mit deutscher Marschmusik und dem berühmten Gitarrenanfang von "Smoke on the Water".
Damit die spaßorientierteren Fans nicht vollständig verzweifeln mußten, gab es 1992 "Gross Misconduct", das erste Album der Hanson Brothers, auf dem John und Rob ihrer Vorliebe für die Ramones freien Auslauf gewähren: 14 knallige Pogostücke, deren Gesamtbotschaft von dem T-Shirt zusammengefaßt wird - "Total Goombah"! In Form von Eishockey-Sammelkarten werden die vier Musiker präsentiert, die posieren als perfekte Debil-Proleten. Mein Lieblingsstück der seeehr eingängigen Platte ist "Jack Off", das sich natürlich mit den Gefahren uneingeschränkt genossener Selbstbefriedigung auseinandersetzt. Auf der CD ist noch die Single draufgepackt, auf der die Hansons "Blitzkrieg Bop" von den Ramones verwursten. Eine weitere Single enthielt "Brad", eine neue Version von "Dad". 1996 sollte noch ein weiteres Hanson-Album folgen, "Sudden Death" (tolles Cover!), das die Hitsongs "You Can´t Hide the Heino" und "She Don´t Care About Hockey" besitzt.
Aber auch Nomeansno blieben weiß Gott nicht untätig! Während die meisten der vorangegangenen LPs auf Jello Biafras alternativen Tentakeln herausgekommen waren, gründeten die Wrongs jetzt ihr eigenes Label, "Wrong Records", auf dem auch die halbwegs anonym gehaltene "Mr. Right and Mr. Wrong" auftauchte, auf dem Rob in der faschistischen Priestersoutane von "Wrong" und Johnny als weißer Engel posieren! Neben diversen neuen Songs gibt es auch einen Einblick in das Generalarchiv der Brüder, das auch steinalte Songs enthält, die bis 1979 zurückreichen. Keine aufregende Platte, aber eine nette Ergänzung, auf der auch die Hanson Brothers einen Gastauftritt haben...
1995 kam dann "The Worldhood of the World (As Such)", mit einem Cover, für das die Brüder offenbar einen Onkel von mir verpflichtet haben... Neben "Wrong" ist das entschieden meine Lieblingsplatte, die gleich mit dem hansonesken "Joy" den Ton angibt, sich durch das milde misanthropische "Humans" thrasht, um bei "He Learned How to Bleed" bei einem wunderbaren Überlebenssong zu landen. Die besten Stücke sind das herbe "My Politics", das verzweifelte "Lost" und das fröhliche "Tuck It Away" - eine Mischung wie ein Stechapfelcocktail! Dies ist ein Schierlingsbecher, der Philosophen nicht tötet, sondern abhärtet, und das mit einem dicken Lächeln auf dem Gesicht!
"Dance of the Headless Bourgeoisie" ist dann ein deutlicher und erfolgreicher Schritt in die Richtung von langen und kompakten Rocksongs, die die ohnehin schon vorhandene Tendenz zum Erzählen von Geschichten mit Stücken wie "The World Wasn´t Built in a Day" und "The Rape" kultivieren. Höhepunkt ist der Titelsong, der von einigen Terroristen erzählt, die nacheinander verschiedene Mitglieder einer reichen Familie entführen und das mit politischen Zielen begründen. Am Schluß wird die Maske fallengelassen: Sie gehen dem Kapitalisten direkt an die Gurgel, denn: "There´s just one thing that motivates us - we hate your fucking guts!"Das flapsige und zynische "I´m an Asshole" wirkt fast wie ein Fremdkörper zwischen all den schweren Rocknummern, aber der Ton macht halt die Musik...
Nach einer kleinen Maxi mit dem häufig auf Konzerten erprobten Residents-Cover "Would We Be Alive?" setzte es die bislang letzte Nomeansno-Platte, "One" (2000), auf dem die Musiker das Rezept von "Bourgeoisie" weiterführen und mit leichter Hand Schweres zaubern. Die Songs sind wieder ellenlang, besonders das zentrale "Bitch´s Brew", eine tolle Coversion des Miles-Davis-Stücks. Auch eine Version von "Beat on the Brat" gibt es, nur daß die Wrights den alten Ramones-Klassiker so langsam wie eben möglich abspulen...
Nomeanso sind eine der besten Punkgruppen überhaupt. Ihre Kultivierung des trügerischen Autoverkäufergrinsens als Sinnbild für eine verdammt wertelose Zeit täuscht niemals darüber hinweg, daß in ihrer komplexen Musik weit mehr verborgen ist als die häufig aufgesetzte Narrenkappe. Ihre Plattenfirma hatte bis vor einiger Zeit eine Webpage, www.wrongrecords.com, aber die scheint derzeit inaktiv zu sein. Ich führe sie trotzdem mal auf, für den Fall, daß sie wieder freigeschaltet wird. Versucht Euer Glück, und kauft Euch die Platten! Kanadische Kartoffeln schmecken am besten...
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