DIE RUTE IM HERZEN, DEN ENGEL IM GENICK

Rest 2010 und später



NEWSTICKERARCHIV






170212

Ein paar Stunden zu früh verfaßt, aber ich stelle den Text mal trotzdem ein:

Eine durchweg degoutante Affäre steuert nun ihrem wohlverdienten banalen Ende entgegen. Der Bundespräsident wird scheiden, und zwar nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern. Auch wenn die ihn begleitende Meute nicht das bekommen sollte, was sie sich am sehnlichsten wünscht – neue kompromittierende Enthüllungen und einen Schuldspruch mit Karzer, Wasser und Brot –, so wird unterm Strich dasselbe herauskommen: Er wird zurücktreten müssen. Sei es, um eventuell anstehenden Enthüllungen zuvorzukommen, sei es, um weitere Belastungen von sich und seiner Familie abzuwenden. Schloß Bellevue wird einen neuen Namen am Klingelschild tragen.

 Wie korrupt auch vorangegangene Kollegen von ihm gewesen sein mögen – an Christian Wulff haben sich die Gemüter erhitzt wie an keinem zweiten. Ob er tatsächlich so viel mehr verbrochen hat als andere vor ihm, vermag ich mangels Insiderkenntnissen nicht zu beurteilen. Ich glaube fest daran, daß Macht den Charakter verdirbt. Man gewöhnt sich an die Privilegien, die man sich aufgrund von harter Arbeit verdient haben mag oder auch nicht. Dann werden einem Zusatzvergünstigungen zuteil, die man auch mal so mitnimmt. Das erste Mal tut immer am meisten weh, und selbst dann befindet man sich vermutlich bereits auf einer sachten Wolke aus Novocain. Es wird mit Sicherheit immer leichter bei den darauffolgenden Malen, und einer Schuld ist man sich vermutlich in den meisten Fällen nicht bewußt. Man durfte das bei zahllosen anderen Kanonen bereits verfolgen, und viele von diesen Leuten erfreuen sich bereits wieder hoher gesellschaftlicher Anerkennung.

 Ob Wulff Dinge getan hat, die rechtlich relevant oder auch nur unmoralisch sind, hätte man im Rahmen einer nüchternen Untersuchung und Analyse feststellen und gegebenenfalls die angemessenen Konsequenzen einleiten sollen. Dies wurde versäumt. Das lag auch zum Teil an Wulffs eigener Ungeschicklichkeit im Umgang mit dieser ganzen Angelegenheit. Als Bundespräsident hat er sich für mich durch seinen eklatanten Mangel an Souveränität disqualifiziert, den er an den Tag gelegt hat. Ich wäre nicht unbedingt souveräner gewesen, aber ich bin ja auch schließlich kein Bundespräsident, sondern nur Frittenkoch. Wulff ist ein Vier-Sterne-General und hat es in der Vergangenheit nicht versäumt, die moralischen Verfehlungen anderer an den Pranger zu stellen. Mein Mitgefühl hält sich somit in Grenzen.

 Was mich an der ganzen Causa Wulff aber so richtig angewidert hat, ist das Verhalten meiner Mitmenschen. All der fackelschwingenden Dörfler, die sich seit Anbeginn dieser leidigen Geschichte dem Wulff an die Fersen geheftet haben, um ihn zur Strecke zu bringen. Von Wulff-Verteidigern wurde in den unzähligen Talkshows gerne von einer „Kampagne“ gesprochen, von einer „Hetzjagd“. So ganz unrecht haben jene natürlich nicht, denn wer ernsthaft meint, sowohl Medien als auch Publikum hätten diesen Kackeregen nicht mit einem gewissen wohligen Gefühl im Bauch absolviert, hat eine sehr blauäugige Sicht der Dinge. Fakt ist, daß die Causa Wulff und ihre Medienrezeption schlicht voneinander zu trennen sind. Es handelt sich um völlig unterschiedliche Sachverhalte. Wenn Wulff Mist gebaut hat, muß er gehen, Punkt. Ob man sich als Verfolger aber komplett zum Jockel macht, zum moralisierenden Säulenheiligen, der trotz Belferei in seinem Privatleben einem „Upgrading“ durchaus nicht abgeneigt wäre und Vorteile gerne mitnähme, das liegt wahrlich bei einem selber. Ich habe selten dermaßen viele Hügel aus ersten Steinen gesehen wie im Zusammenhang mit dieser Affäre.

 Die Medien sind mit gutem Beispiel vorangegangen und haben ein Dauerfeuerwerk entzündet, das einem besonders umfangreichen Exkrement glich, das in den Ventilator geworfen wird. Abseits der völlig ehrbaren und wichtigen Arbeit der Investigativjournalisten, die Mißstände aufdecken und benennen und Konsequenzen einleiten, gab es täglich einen Knüppel aus dem Sack, völlig gleichgültig, ob etwas Neues passiert war oder auch nicht. Das Nachrichtenmagazin, das ich täglich konsumiere – Spiegel-Online –, brachte es manchmal auf 5 neue Artikel pro Tag, geschickt über alle Ressorts verteilt: Schlagzeilenmeldung, Politik, Kommentar, Kolumne, Kultur („Komödie über Wulff geplant“), Netzwerk („Verb Wulffen erobert das Internet“) oder Sport („Boris Becker über Wulff“). Auf Wissenschaft habe ich umsonst gewartet. („Wulff-Gen entdeckt: BILD-Chefredakteure beleidigen vererbbar“ oder so was...) Wer das für eine angemessene, nüchterne Analyse hält, glaubt vermutlich auch an den Weihnachtsmann. Fakt ist aber, daß die Medien so funktionieren. Jeder frei dilettierende Politanfänger weiß das, und Wulff hatte sich lange genug der BILD-Zeitung bedient, um es besser zu wissen. Mich persönlich hat es nicht überrascht, wenngleich ich schon baff war ob der Plattheit und Uneleganz, mit der dies erfolgte. Man denkt ja immer, irgendwann schlucken die Leser es nicht mehr, aber das ist ein Trugschluß. Leser schlucken alles, mit Angelleine und Haken. Daß SpOn sich so bereitwillig auf das Niveau der Niederungen des Boulevardjournalismus begibt, zeugt wenigstens von einer gewissen Aufrichtigkeit.

 Was einem in den Leserkommentaren, der Stimme des sogenannten „Mannes von der Straße“, entgegenrief, war aber kein Zorn, sondern richtiger Haß, bei dem ich mich nur erschreckt fragte, wo er denn herkommt. Na klar, es gibt in jedem Land eine Fraktion, die schäumend nach Wiedereinführung der Todesstrafe geifert – laß´ das Verbrechen nur abscheulich genug sein, und der Mensch wird wieder zum Tier. Mir scheint es aber in meiner direkten Umgebung, unter all den Menschen, die auf der Straße herumlaufen, ein gruseliges Potential für Haß zu geben. Teilweise wird das generiert worden sein durch das Versagen der politischen Klasse, die die Weltbevölkerung durch unermüdliche Lobbyarbeit in eine beispiellose Wirtschaftskrise hineinlaviert hat. Teilweise wird auch der immer weiter angestiegene Leistungsdruck und das gnadenlose „Haste was, biste was!“ des letzten Jahrzehnts, das auch an den Schulen und Unis immer bedenkenloser Kinder und Heranwachsende versaut und zu Einzelkämpfern macht, sein Scherflein zu dieser mißlichen Entwicklung beigetragen haben. Wenn Politiker sich als Hanswursten entpuppen, entpuppen sie sich zuallererst mal als Menschen. Menschen neigen zu Fehlern. Das macht sie komisch. Sie sind dann gegebenenfalls nicht mehr dafür geeignet, Führungspositionen einzunehmen (außer in der Wirtschaft, wo Unehrlichkeit traditionell belohnt wird), aber mit ersten Steinen sollte man sich als nachdenkender Zeitgenosse eigentlich zurückhalten.

 Mir ist Wulff so egal wie Schnee auf dem Himalaya, aber die ganze Häme, die Bereitschaft zur Gehässigkeit, die immer nur einen Schritt entfernt zu sein scheint von Gewaltbereitschaft, finde ich ekelhaft! Wie soll man seinen Kindern beibringen, daß Respekt vor den Mitmenschen seine Früchte trägt und letztlich die sinnvollere Lösung ist, wenn allerorten mit Schmackes die große Freude des Kackewerfens abgefeiert wird? Wenn die Leute so offensichtlich desinteressiert sind an einer sachgerechten Aufarbeitung, haben sie nur genügend Knüppel zum Draufdreschen im Handgepäck? Die Menschen haben das schon immer gut gekonnt, auch in den dunklen Perioden nicht nur unserer Geschichte. Zu feiern wäre doch einzig ein Lernprozeß, eine Hinbewegung zu zivilisiertem Verhalten. Von diesem Lernprozeß kann ich aber nichts erkennen. Was man erkennen kann, ist das Gesetz des Mobs, das Bellen im Rudel: Wuff, Wulff, Wuff! Der Seiber fließt in Strömen, und ob die Gesellschaft genügend Serum gegen eventuelle Tollwutviren parat hält, weiß ich nicht so recht.

 Was genau bei der nun vermutlich folgenden Untersuchung herauskommen wird, ist mir relativ egal. Wulff war für mich als Bundespräsident schon aufgrund seiner Behandlung der ganzen Affäre verbrannt. Wie soll so jemand noch glaubhaft über Medienfreiheit etc. referieren und als moralischer Trendsetzer der Nation wirken können? Die Attitüde, die man ihm und sogar seiner Frau gegenüber an den Tag gelegt hat, empfinde ich allerdings als niedrig und überdenkenswert. Das Amt des Bundespräsidenten ist für diese Gesellschaft relativ bedeutungslos, vergleicht man es mit der Bedeutung, die der alltägliche Umgang mit Mitmenschen für jeden haben sollte. Auch für jene, die es vorziehen, bei jeder Steinigung in der ersten Reihe zu stehen und fröhlich mitzuschmeißen. Gerade für die. Es könnte einen irgendwann auch mal selber treffen.

160911



120911

Der nächste Stargast im "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega" - jetzt am Samstag!

220811



Nachrufe sind immer eine gruselige Angelegenheit. Der Gedanke, der hinter solchen Übungen in Fruchtlosigkeit steht, wenn man das Leben von jemandem in einen knapp bemessenen Text hineinpacken will, scheint der Irrglaube zu sein, daß die menschliche Existenz sich auf einen Staffellauf von der Wiege bis zur Bahre zusammenfassen ließe. Man zieht dann ein Lebensfazit, wie ein Buchhalter. Das sind die Ausgaben, und hier sind die Erträge. Unterm Strich eine hübsche, runde Summe. Oder diese Geschichte mit der Lebensleistung: Wenn einem Gott oder Gaia oder Gigi die Zauberente eine bestimmte Lebensfrist geschenkt hat, dann hat man gefälligst was Ordentliches damit anzufangen. Los! Mach´! Jetzt aber! Ein Film muß einen Anfang, eine Mitte und einen Schluß haben, am besten nicht alles auf einmal. Auf die Leistung kommt es an. Schließlich handelt es sich ja um einen Staffellauf.

Die meisten Existenzen verlaufen bezaubernd formlos, und wann immer man meint, sein Leben so richtig durchplanen zu können und im Griff zu haben, so stößt man irgendwann an Grenzzäune, über die man nicht mit einem eleganten Schwung hinwegsetzen kann. Humor hat sehr viel mit eben diesen Grenzen zu tun, mit jenem häufig herzzerreißenden Widerspruch zwischen dem, was man sich vorstellt, und dem, was tatsächlich ist. Es ist das ewige Kreuz von Humorbegabten, daß es nicht sonderlich glücklich macht, die Unvollkommenheiten der menschlichen Natur zu sehen. Wenn man sogar Humorschaffender ist, zahlt es sich aus, Kabarett zu machen, denn dann kann man die eigene Verflechtung mit dem, was man verlacht, häufig durch eine saftige Dosis Besserwisserei und Fingerzeigen unkenntlich machen. Doch tief in sich drin weiß jeder, daß er eine Knollennase hat. Und sei es nur im Herzen. Deshalb gibt es auch so viele depressive Komiker.

Eine echte Ausnahme scheint mir der Herr von Bülow gewesen zu sein. Von seinem Privatleben gab er nur wenig Preis. Wenn man an ihn denkt, geben sich Begriffe wie „dezent“ und „stilvoll“ die Klinke in die Hand. Er wirkte stets ausgeglichen, sanft und nachsichtig. Nicht zu glauben, daß er in den 50er Jahren, als er seine Knollennasenmännchen erstmals veröffentlichte, aggressiv angefeindet wurde, da er die Menschheit nach Meinung so einiger in einem unvorteilhaften Licht zeigte. Auch die späteren Fernsehsachen, die ihn so beliebt machen sollten, zehren von der tiefempfundenen Einsicht, daß der Mensch – entgegen allen anderslautenden Gerüchten – nicht die Krone der Schöpfung ist, sondern über seine Schwächen tagtäglich stolpert. Die Höflichkeit und Liebenswürdigkeit, die er in seinen Präsentationen zur Schau stellte, halfen vielleicht, seine Beobachtungen zugänglicher zu machen. Dabei half ihm viele Jahre lang die grandiose Evelyn Hamann, die die kleine Loriot-Familie vervollständigte. Ob bei den Hoppenstedts oder den vielen anderen Paarungen des Loriot´schen Schaffens – die Zuschauer mochten sich mit dieser Familie identifizieren. Es gab keinen anderen Humoristen, der sich eines dermaßen breiten Zuspruchs erfreuen konnte. Das sanfte Lächeln des Herrn von Bülow – rätselhafter als jenes der Mona Lisa – fand Eingang in die Herzen nicht nur meiner Generation und trieb dort schöne Blüten.

Ich bin gar nicht so traurig, daß der Herr von Bülow nun nicht mehr ist. Es ist tragisch, wenn ein Mensch sterben muß, bevor er seine Wünsche realisiert hat. Wenn ein junger Musiker, Schauspieler, Schriftsteller sich an den Grenzen den Kopf einrennt oder ihm einfach keine lange Lebenszeit vergönnt ist. Loriot hat keine klar abgrenzbare Lebensleistung vorzuweisen, und es ist auch kein Fazit zu ziehen, denn seine den Menschen betreffenden Beobachtungen sind überall. Sie werden noch ganz lange die Menschen beeinflussen, ihnen Freude schenken, ihnen Trost spenden – kurz, einen Sinn für Schönheit und Wahrheit vermitteln. Wenn ich an Vicco von Bülow denke, so tue ich dies mit der größten Hochachtung und tiefer Dankbarkeit. Er zeigt in seinen Werken, daß das Leben trotz aller Grimmigkeiten eine leichte und spielerische Angelegenheit sein sollte, und daß es halt nicht darum geht, eine Staffel von Hüh nach Hott zu schleppen. Er tut dies mit Anmut und Klugheit. Seine Kinder hüpfen alle lustig in der Gegend herum, und ich hoffe, daß sie niemals erwachsen werden.  

130411

Der Starruhm ist nicht mehr aufzuhalten...

120411 c

Ich möchte auf dreierlei hinweisen: a) den netten Text von Benjamin auf "Spiegel Online", b) das nette Radiointerview von Anja vom WDR und c) den Bericht über das Hamburger Event von Thorsten auf Cinema 8.

120411 b

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Dies gilt besonders für Reisen, die die Dienste der Deutschen Bahn beanspruchen. Aber auch die österreichischen Kollegen sind immer für eine muntere Schnurre gut und wärmen das Herz des Referierenden an Tagen des äußeren oder inneren Frostes. „Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht, wenn Teich´ und Seen krachen“, wie das bei Matthias Claudius heißt. Der alten Schnapsnase.

Wie üblich setzte ich mich viel zu spät ins Taxi, denn ich bin ein Letzter-Drücker-Mann. Durch ein mittleres Wunder erreichte ich gerade noch rechtzeitig den Zug. Eine Reise von immerhin 11 Stunden Dauer will gut geplant sein. Dies liegt unter anderem an den Reservierungen, die man kurz vor Beginn der städteverbindenden Gleispoliererei nicht mehr tätigen kann. Früher gab es da mal so Täfelchen am Fensterplatz, in welche die Reservierungen keß hineingeschoben wurden. Da die Bahn mit der Zeit geht, funktioniert mittlerweile alles automatisch, und die Täfelchen schieben Frust und müssen sich mit ihrem neuen Dasein als nostalgische Deko-Elemente anfreunden. Die neuen Reservierungsanzeigen funktionieren allerdings nicht immer, und wenn die digitale Tafel schwarz bleibt, lebt der saumselige Fahrgast in der steten Angst vor Vertreibung: „Sie, das ist mein Platz, auf dem Sie sitzen! Würden Sie bitte aufstehen?“ Einfach kann halt jeder. Mit Glück erhascht man einen Platz, auf dem man in Frieden einnicken kann, sollte man in der Nacht kein Auge zugetan haben, wie nicht genannte Hobbyautoren mit Österreichwunsch.

Etwa 6 Umsteigevorgänge und 11 Stunden Fahrt später kam ich an und stieg ab in einem Hotel, das einen hochfahrenden Namen trug. Die Ehre der Namensnennung will ich dem Etablissement aber nicht zukommen lassen. Mit einem rätselhaften Grinsen bekam ich ein Zimmer namens 19 zugeteilt, das weder über ein WC verfügte noch über eine Dusche. Über 11-Stunden-Zugfahrten sollte man nämlich folgendes wissen: Man möchte danach in Ruhe kacken. Das sogenannte „Mist-Telefon“, für das auf allen Wiener Abfallkübeln Werbung gemacht wird, ist nämlich nicht für jeden Dreck zuständig. Immerhin kann man auf diese Weise sogleich Kontakt aufnehmen zu anderen Touristen. („Dauert´s noch lange?“) Das Zimmer des Hotels „Königskübel“ (sinngemäß, Name der Redaktion bekannt) erfreute das Herz aber durch andere Schmankerln, wie etwa die ausladende Handtuchkralle, die etwa in Augenhöhe angebracht war und mich fast in einen Zyklopen verwandelte. Am nächsten Morgen schacherte ich erbittert mit der Rezeption, die mich flugs in einem neuen Zimmer unterbrachte. Dies besaß ebenfalls kein Klo, hatte dafür aber einen Ausblick auf einen etwa 2 mal 2 Meter messenden Innenhof, der einem Kaminschacht aus alten Dickens-Novellen glich und einen dazu anhielt, am hellichten Tage das Licht einzuschalten. Was soll´s, ich wollte ja Wien kucken. Also raus. Wien beeindruckte durch exzellente Flaniermeilen, weltberühmt bei allen Flanierraupen. Ich bin traditionell desinteressiert an historischen Steinhaufen, an den klassischen Touristenattraktionen. Sieht man einmal von wirklich eindrucksvollen Ausnahmen ab, etwa der Indianerstadt Machu Picchu, sehen solche Gebilde meistens fesch aus, sind nett zu fotografieren, aber die Fotografien sind bereits beim Ankucken leblos und öde. Viel lieber kucke ich mir die Leute an, nehme ihren Rhythmus in mich auf. Es gibt auch tatsächlich noch viele echte Wiener in Wien. Der Wiener dünkt mir recht entspannt. Vorbildcharakter besitzt seine Schmerzfreiheit an überfüllten Ampeln: Selbst wenn dort 30 Menschen oder mehr brav vor dem roten Mann stehen, stolziert er gern mitten über die Straße, die Anwesenden mit Verachtung strafend. Selbst Mütter mit kleinen Kindern machen das, um den Jungsprotten bereits früh den Weg zur Selbstbestimmung zu ebnen (oder zu einem Grab). Die bevorzugte Flanierhaltung erfordert übrigens eine Hand in der Hose, will sagen, der Hosentasche, sonst wird man verhaftet.

In den Auslagen der DVD-Geschäfte liegen keine Schwarzenegger-Metzeleien, sondern auch schon mal morbide Außenseiter-Produktionen wie HAPPINESS von Todd Solondz. Begeistert hat mich ein Hotel namens Kummer, das stolz in den Himmel ragte. Der war übrigens nonstop sonnig und angenehm, während warmer Wind in Orkannähe toste. Pollenflug war hier kein Fremdwort, aber ich hatte ja Taschentücher dabei. Nur das Anzünden der Zigaretten gestaltete sich schwierig. Ich möchte übrigens eine Lanze brechen für die österreichische Frau: Weibliche Schönheit ist in durchaus beeindruckender Quantität wahrnehmbar. Woran das liegt, weiß ich nicht. Ich möchte allen österreichischen Frauen nahelegen, mich zu besuchen, denn im Ruhrgebiet werden sie sich fühlen wie Schönheitsköniginnen! Ich selber sah leider aus wie ein Kaminschacht aus alten Dickens-Novellen, aber da kann man nichts machen.

Der Kaminschacht hievte sich zum Veranstaltungsort. Der hieß „Folge Eins“, und man konnte sich dort auch die Haare schneiden lassen, denn es handelte sich um einen Frisiersalon mit kulturellen Ereignissen. Wäre ich Wiener, würde ich dort andauernd hingehen, denn der Laden gefiel mir wirklich prima! Dasselbe gilt für Juli (=Inhaberin) wie auch Alex (=Juli-Freund und Keßler-Einlader), die sogleich anfingen, mich mit Kaffee und Nettigkeit zu verwöhnen. Das Publikum träufelte bald ein, und so hauchte ich bald ein „Hallo, Wien!“ ins Mikrofon. „...ist am 31. Oktober!“ sagte zum Glück keiner, denn dumme Wortspiele sind ja mein Gewand. Die in dieser Beziehung äußerst dankbare Ähnlichkeit der Worte „Leinwand“ und „leiwand“ verkniff ich mir, denn ich wollte ja keine Schläge beziehen. Ich hatte Gelegenheit, mit vielen netten Leuten zu schnacken, und hernach begaben sich Alex & Juli, ein nettes Freundespaar und andere sympathische Leute mit mir in eine Kneipe, wo dem Gerstensaft und anderen sinnvollen Flüssigkeiten zugesprochen wurde. Schön war´s in Wien!

Erstaunlicherweise gelangte ich rechtzeitig zum Zug und machte mich auf nach München. Erneut genoß ich die schöne Aussicht, denn draußen setzte es den ganzen Aussichtskram, also Berge, Bäume und Wiesen. Angemerkt sei, daß die Zugstrecke auf der Höhe von Linz direkt an einem Friedhof vorbeiführt, wo´s nichts ist mit ewiger Ruhe. Und dann begann auch schon bald die Affäre Salzburg. Kurz vor Salzburg kam nämlich eine Durchsage, daß alle Anschlußzüge bereitstünden. Auf dem Salzburger Bahnhof (der infolge eines jüngst erfolgten terroristischen Anschlages eine einzige Baugrube ist) bekam man dann aber zu hören, daß der Zug nach München „aufgrund von Verspätungen“ leider entfiele. Sonst nix. Päng! Bahnmitarbeiter suchte man vergebens, sieht man von einem stark an Rick Moranis in GHOSTBUSTERS („Ich bin der Schlüsselmeister!“) erinnernden Vollhonk ab, der von nichts eine Ahnung hatte und somit nur als Watschenmann für die erzürnten Reisenden zugegen war. Ich setzte mich hin und rauchte. In meinen Gedanken scharrte das verwaiste Münchener Publikum mit den Füßen und schärfte die Stilette. Immerhin gab es ausladende Rauchzonen, keine kleinen gelben Quadrate wie in Köln oder Frankfurt. (Warum nicht mal Dreiecke, liebe Bahnhofsplaner?) Salzburg beeindruckte durch die Salzburger Tauben, die von seltener Farbenpracht sind, was man auch von ihren Ausscheidungen behaupten kann. Nach wenigen Stunden bekam ich einen Anschlußzug, dessen Atmosphäre entschieden aufgelockert wurde von einem betrunkenen Spaddel mit Akkordeon, der die Reisenden in Rosenheim mit volkstümlichen Weisen begeisterte. Ich vergrub mich im Sitz. Erwähnt werden sollte auch das Kind mit Piepsmaus, das für sich gesehen sehr niedlich war. Eltern, die Kindern Piepsmäuse schenken, sollten sich aber darüber im klaren sein, daß sie sich diese Piepsmäuse dann stundenlang anhören dürfen. Kinder sind sehr monomanische Piepsmausbenutzer. Auch einige chinesische Kinder gefielen durch extreme Niedlichkeit. Mir fiel aber erstmals auf, daß chinesische Kinder offenbar Kiemen besitzen, denn sie können stundenlang singen, ohne Luft zu holen. Das wünsche ich mir auch manchmal!

In München begab ich mich direkt zum Hotel, genauer die Pension „Gärtnerplatz“ in der Klenzestraße, die ich mal nennen will, denn sie war wirklich toll! Ein Zimmer, das vor Gastlichkeit dampfte, ein Rauchereckchen im Innenhof, und eine Bar direkt im Haus, in der es gegrillte Sandwiches gab, die den Begriff „Sandwich“ weit hinter sich ließen und zur Köstlichkeit wurden. Die Leute im nahegelegenen Werkstattkino (Legende!) waren ebenso nett wie die Freunde in Wien, und das Publikum erwies sich als sehr pornointeressiert und begeisterungsfähig. Der Aufführung einer 35mm-Kopie von THE OPENING OF MISTY BEETHOVEN konnte ich aufgrund der Reisemüdigkeit und der vielen tollen Gesprächspartner nicht mehr beiwohnen. Ich weise aber darauf hin, daß im Werkstattkino noch die ganze Woche über Ferkeleien laufen, die man sich nicht entgehen lassen sollte!

Meine sterblichen Überreste saßen am nächsten Morgen wieder im Zug. Es gab wieder viel Landschaft zu kucken. Sollte ich mal drei Töchter haben, so nenne ich sie Caspar, David und Friedrich. (Oder – Uraltkalauer! – Johann, Sebastian und Bach. Die dritte hat halt Pech.) Mitreisende mit großem Erinnerungswert hatte ich keine, wie etwa die angeknusperte Grünenwählerin aus dem Frankenland, die auf der Hinfahrt mit lauter Stimme über ihr ergonomisch geformtes Schuhwerk informierte. Zu essen gab es erneut eingeschweißte Schmierkäsedreiecke mit Senf-Honig-Soße. Bumsfallera!

Insgesamt eine sehr anstrengende Reise von hohem erzieherischem Nährwert, doch die angenehmen Veranstaltungen und vor allem die netten Leute, die ich dort treffen durfte, machten die Sache kostbar. Vielen Dank an die Veranstalter!


Der Fremde im Zug (fröhlich)


Das schöne Gesicht des Fremdenverkehrs


Verwackelt, aber fesch: "Folge Eins"!


Salzburger Taube von unten: "Jetzt geht´s lo-hos, jetzt geht´s lo-hos!"



120411

Köln ist eine Stadt, in der ein Dom steht. Den bin ich mal hinaufgeklettert und hätte mir an einer metallenen Baustrebe (was immer man sich darunter vorstellen mag) fast die Nasenwurzel gebrochen. Es hat aber sehr wehgetan. Das war die intensivste Erinnerung, die mich mit Köln verband, der Hauptstadt des Karnevals und der Narren.

Als ich am letzten Donnerstag erneut nach Köln fuhr, um dort meine fragwürdige Kunst vorzutragen, gelang mir die Hinfahrt vorbildlich und reibungslos. Erst in Köln bekam ich Probleme. Viele Einbahnstraßen, ein straßenbauliches Geschlängele, das mich an Köln-Nippes vorbei direkt in die Untiefen eines anderen Stadtteiles führte. Ich war verzweifelt, wurde vermutlich sogar einmal geblitzt. Verdammt.

Solchermaßen vorbelastet, gelangte ich zum „King Georg“, einem Tanzlokal, das an der ehemaligen Wirkungsstätte äußerst unbedenklicher Damen errichtet wurde. Man nennt das „Laufhaus“, glaube ich. Die Sünden von einst, die ja eigentlich keine Sünden sind, wie z.B. Waffenhandel oder Banküberfälle mit Geiselnahme, sollten nun durch geschwungene Tanzbeine exorziert werden, was ja eine vortreffliche Sache ist. Bei mir sollten allerdings keine Tanzbeine geschwungen werden, zumal ich nicht gut bei Stimme war. Einen ersten Dämpfer erlitt mein Enthusiasmus, als beim Soundcheck ein Feedback reingedroschen wurde, das meine eustachische Röhre nahezu pulverisierte. Hokus Pokus, Tinnitus. Es sollte allerdings bei diesem ersten Dämpfer bleiben. Die Betreiber des Clubs erwiesen sich als sehr nett, und was die Location angeht, so möchte ich mal sagen, daß sie mir für einen Tanzclub feat. lecker Getränkeausschank sehr lohnend erscheint. Ein freundlicher junger Mann, der für ein Radio arbeitet, wollte ein Interview machen. Für diesen Zweck wurde uns eine „Künstlergarderobe“ offeriert, in der mich vor allem ein einsamer und scheinbar bezugloser Damenschuh faszinierte. Danach strömten die Millionen: Über 70 Leute kamen zusammen, um mich zu hören. Da mußte ein Irrtum passiert sein. Waren irgendwelche DSDS-Heinis angekündigt worden? Sei es drum, ich legte mal los. Um mich herum saßen dicht gedrängt die ganzen Leute. Es war ziemlich voll, zumal die Verhältnisse beengt waren. Ein paar Leute kannte ich von früher, ein paar Leute von Facebook, und Thilo und Eric waren auch irgendwo an der Bar.

Was dann passierte, weiß ich nicht mehr. Ich trug vor. Dazwischen setzte es merkwürdige Filmausschnitte. Am Schluß gab es einen langen, langen Applaus. Der machte mich verlegen. Ich verneigte mich in alle Richtungen, außer natürlich in die Richtung der Leinwand. Ein paar Bücher wurden auch noch signiert, von mir, meine ich. Die Resonanz war sehr freundlich, und das war mir auch sehr wichtig, denn selbst wenn ich natürlich viele 1000 Mark mit den Lesungen verdiene, ach was, zehntausende, so mache ich es doch nicht für das Geld. Ich genieße es sehr, daß jede Lesung einen komplett neuen Rahmen hat, neue Zuschauer und neue Überraschungen. Am Schluß drängelten sich die Discobesucher bereits ungeduldig im Hintergrund, aber ich hoffe, daß sie der Ausschank von hochgeistigen Getränken etwas entschädigt hat für das Warten auf den fröhlichen Hupf. Danach redete ich noch etwas mit den Leuten und trollte mich dann, ein glücklicher Klumpen Kohlehydrate.

Am nächsten Tag bin ich noch einmal nach Köln gefahren, da eine sehr nette Radiojournalistin mit mir ein Interview machen wollte. Vermutlich bin ich noch einmal geblitzt worden. Da ich zu früh zum Interview erschienen war, setzte ich mich ein wenig in die Kölsche Sonne. Eine Bank leistete mir vortreffliche Dienste, eine zum Sitzen. Ich saß da so, rauchte eine Zigarette und ließ mir die Sonne auf den struppichten Bart knallen. Und fühlte mich wohl.


Werbung steht und fällt mit geschickt gewählter Plazierung der Hinweistafeln


Das einsame Los des Alleinunterhalters

210311

Da ich mir extra für diese Tour eine Bahncard gekauft hatte, entschloß ich mich dazu, meinen Ostbesuch mit dem Zug zu begehen. Ich setzte mich früh in Bewegung, drömelte zweitklassig eingekeilt einige Stunden vor mich hin und erreichte schließlich den Ostbahnhof. Lang war´s her, daß ich in Berlin gewesen war. Dort baute ich einst den einzigen komplett selbstverschuldeten Autounfall meines Lebens. Ich hatte den überaus guten Geschmack, den Mercedes eines reichen Architekten zu ramponieren. Aber das gehört nicht hierher. Am Bahnhof empfing mich kein reicher Architekt, sondern der mir aus dem Internet bestens bekannte Herr Groh, der eigentlich haargenau so wirkte, wie ich ihn mir immer vorgestellt hatte – fast zwei Meter Freundlichkeit auf Beinen. Ich hatte gutes Wetter mitgebracht – es regnete Katzen und junge Hunde. Wir schwommen zum Veranstaltungsort, dem Kultursalon Roderich. Dort fühlte ich mich sogleich wie zuhause: Von allen Seiten lugten interessante Filme hervor, da es sich um eine Bar mit integrierter Videothek handelt, deren Zusammensetzung den guten Geschmack der Inhaber widerspiegelt. Wäre ich Berliner, wäre ich Stammgast. Und wäre meine Oma ein Autobus, dann könnte sie hupen. Auch Cafégäste waren bereits da. So langsam troddelten dann auch Leute herbei, die der „Lesung“ beizuwohnen gedachten. Einige davon kannte ich bereits aus dem Internet und war sehr gespannt, sie mal in natura zu treffen. Die Zusammensetzung des Publikums ist ohnehin einer der spannendsten Punkte dieser Tour, denn jedes Publikum ist komplett unterschiedlich. Handelt es sich um Cineasten, Film-Nerds, zwielichtige Pornohändler aus dem Ostblock, Partyhopper und Nachtschwärmer, wunderschöne Frauen, die mich schon immer kennenlernen wollten, um mit mir ein Traumkind zu zeugen? Man weiß es vorher nie so genau, und je häufiger ich das mache, umso gewandter werde ich auch im Eingehen auf die Bedürfnisse der anwesenden Millionen. Da ich ja nicht mit dem Auto erschienen war, durfte ich auch einige Geselligkeitsbiere zischen, was mir ein Vergnügen war. Mit dabei war der werte Herr Buttgereit, der ohnehin zu den nettesten Leuten zählt, die ich auf dem Filmsektor jemals kennenlernen durfte. Mein Verleger, der rührige und großartige Herr Schmitz, kam auch bald vorbei. Als die ganze Sache schließlich begann, waren ca. 50 Leute anwesend, die auch größtenteils blieben. Die Unglücklichen, die nicht anwesend waren, können sich den großen Teil der Veranstaltung im Netz anschauen, da der werte Herr Höltgen seine Kamera mitgebracht hatte, um mein Gestammele für die Nachwelt festzuhalten. Ich werde mir das beizeiten mal kritisch anschauen, auch wenn ich mich etwas davor grusele. Was ich übrigens erzähle, variiert von Vorstellung zu Vorstellung, wie ich auch die gezeigten Filmausschnitte regelmäßig durchmixen werde. So mußte Berlin u.a. auf den vorzüglichen SOUPERMAN verzichten, in dem Pornodarsteller Marc Stevens ein völlig bekifftes TV-Interview gibt, das improvisiert und völlig sinnfrei ist. („Yeah, Fred, I don´t fight crime anymore because... crime didn´t pay!“) Auch eine Szene aus der Pornofassung von Dickens´ „Weihnachtsgeschichte“ mußte weichen, in der Carol Scrooge vom Geist der verkommenen Weihnacht besucht wird... Die Vorstellung verlief erfreulich. Mir ist immer am wichtigsten, daß ich das Gefühl habe, die Zuschauer sind zufrieden und bereuen es nicht, mir beigewohnt zu haben. Ich durfte noch einige Autogramme malen, was für mich sehr wichtig ist, da ich ein eitler Fatz bin. Ich gebe mir auch Mühe und denke mir alle möglichen Sachen aus. Einem der Gäste malte ich einen FLESH GORDON-Roboter mit Bohrer-Penis in sein Buch. Das bringt auf eBay jetzt bestimmt einen Euro mehr als vorher! Jörg Buttgereit bekam natürlich einen Godzilla mit Ständer, den man aber nur mit sehr viel gutem Willen erkennen kann, da meine zeichnerischen Fähigkeiten überschaubar sind. Aber der Wille ist es, der zählt! (=eine meiner Lieblingslügen, hihi...) Gemeinsam mit den Inhabern des Salons und dem Mann mit dem erigierten Lurch gingen wir noch in eine Bierschwemme. Im Gedächtnis haften geblieben sind mir die sehr sauberen Toiletten des Lokals.



Nach einer kühlen Nacht ging es dann auch schon bald weiter – mein erster Besuch im gebeutelten Osten unseres Landes stand bevor! Wie würde es dort aussehen? Graugesichtige, grimmige Menschen ohne Zukunft und Vergangenheit, die – ausländerfeindliches Gedankengut brabbelnd – durch die Straßen schlurfen, gewaltbereit und ausgegrenzt? Nicht so: Leipzig ist eine wunderschöne Stadt mit ungewöhnlich netten Bewohnern! Ich war begeistert! Die Leute auf der Straße sprechen einen überaus merkwürdigen Dialekt, der wohl was mit der Region zu tun haben wird. Die Taxifahrer sind gesprächig und erzählen einem unaufgefordert und nonstop Anekdoten aus der Wendezeit, interessanterweise aber mit hohem Unterhaltungswert. Ich bin normalerweise jemand, der seine Taxifahrten schweigend absolviert und auf maximale Diskretion der Chauffeure baut. Hier machte das Rundumprogramm aber richtig Spaß, denn die Leipziger sind spitze! Der Veranstaltungsort nannte sich „Ilses Erika“ und war ein Tanzcafé im Kellerambiente, das sehr retro eingerichtet war und u.a. zwei schöne alte Fotos von großmütterlichen Frauen im Barraum hängen hatte. Wer von beiden Ilse und wer Erika war, weiß ich nicht. Die eine schaute grimmiger und dominanter. Es dürfte sich bei ihr also um Ilse handeln. Aber vielleicht verhält es sich auch genau umgekehrt – man weiß das ja nie so genau... Da ich einige Stunden zu früh kam, haute ich mich einfach auf ein Sofa, umgeben von zerborstenen Bierflaschen vom Vorabend, die noch nicht weggräumt waren, was ich kolossal bequem fand, da es mich an meine Jugendjahre in Punkschuppen erinnerte. Die Betreiber dieses tollen Ladens waren sehr relaxed und freundlich, spendierten mir die bisher leckerste Tour-Pizza („Hot Scampi“) und bereiteten mich darauf vor, daß die Büchermesse Publikum bringen oder auch fortziehen könnte. Um ein Langes kurz zu machen: Bei mir zog sie fort. Es waren vielleicht fünf oder sechs Leute, die vor mir saßen. Da es sich um eine relativ kleine Tanzfläche handelte, auf der ein hilfreicher Geist Stühle aufgebaut hatte, fiel das aber nicht so ins Gewicht. Ich besiegte meinen inneren Schweinehund und beschloß, mir selber Spaß zu machen, was immer das Beste ist, wenn man auf eine Bühne geht. Und tatsächlich troddelten im Laufe der Vorstellung immer mehr Leute ein, bis das eine richtig nette Zahl war. Das Publikum reagierte ungewöhnlich wohlwollend. Auf der Liste der Städte, in die ich irgendwann mal umziehen will, rückte Leipzig weit nach oben. Danach quasselten ich und Herr Schmitz noch mit dem sehr netten Chef von Ilse und Erika, wobei ich relativ bald schlappmachte und um 3 Uhr bereits bettwärts ging. Ich war ziemlich durch. Am nächsten Morgen wurde ich dann unstet und bestellte mir bereits um 7 einen der sensationellen Taxifahrer, der mir von einem Ex-Spion erzählte, den er mal chauffiert hatte, und von zahllosen anderen Dingen. Merke: Der Leipziger ist bereits um 7 Uhr morgens frisch und vor positivem Geist vibrierend. Ich vibrierte Richtung Bahnhof (der größte Europas, übrigens; ein richtiges Prunkstück!) und erfreute mich an den sehr jungen Gothic-Frauen, die dort überall herumliefen und sächselten. An die Zugfahrt kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kam irgendwie wieder in den Pott, lief dort als allererstes dem Herrn Steinbeck über den Weg, der gerade vom „Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega“ kam, und setzte mich vor den Fernseher, um bei Werders wichtigem Auswärtssieg einzuschlafen. Fazit: Zwei schöne Städte besucht, zwei Auftrittsorte abgecheckt, die beide toll waren, und viele nette Leute kennengelernt bzw. wiedergetroffen. War sehr anstrengend, aber das ganze Leben ist anstrengend, und wenn der innere Fotograf viele schöne Fotos schießen darf, dann hat es sich gelohnt! In Köln geht es weiter.



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200311

Nürnberg ist eine Stadt, die einst von einem Magier aus Lebkuchen erbaut wurde. Ich bin vor Äonen durch sie hindurchgegeistert, als ich regelmäßig einen Freund besuchte, der in Magic Schwabach wohnte, eine der rockendsten Städte der Welt, wenn man auf fränkische Exzentrizitäten steht. Denn im Dunkeln munkelt es sich meistens besonders anmutig. Ich kaufte in Nürnberg einmal eine 70er-Jahre-Hörspiel-Pornokassette mit dem kryptischen Titel „Operation Casablanca - Der Pimmel muß ab“, eine Darbietung, die von einer Geschlechtsumwandlung handelte und wohl zur Sinnlichkeit animieren sollte. Ein gewisser Doktor Lamambo setzte das Messer an und schuf Frieden im Geschlechterkampf. Meine Fahrt Richtung Nürnberg gestaltete sich weitgehend harmonisch. Erst ab Würzburg heizten die Autofahrer wie die Blöden, wurden unleidig und hektisch, droschen die Lichthupe rein und benahmen sich wie Bundeswehrrekruten auf dem Weg ins Bordell. Ein unwürdiges Schauspiel. Ich floß in Nürnberg hinein und genoß die ersten Regungen meines frisch erstandenen Handys. Als langjähriger Handyverweigerer waren das ungewohnte Klänge, und so reagierte ich nicht. Auch in den nächsten Jahren wird es die Hauptaufgabe meines Handys sein, in meiner Jackentasche zu verweilen und gelegentlich Geräusche von sich zu geben. Ich werde es generell nur dann verwenden, wenn ich selber es zu verwenden gedenke. Wenn mir Zeitgenossen eine Gruß-SMS oder mulmige Nachrichten zudenken wollen, so bitte ich schon jetzt um Verständnis dafür, wenn ich nicht abnehme. Ich will das nicht lernen. Kontakt sollte direkt sein und nicht auf der Basis von merkwürdigen und gänzlich stillosen, das unmittelbare Erleben unterbrechenden Geräuschkundgebungen erfolgen. Ich fand aber irgendwie zum Zielpunkt. Das war nicht einfach, zumal Lebkuchentürme in finsterer Nacht an mir vorbeiflogen. In der Innenstadt fragte ich unverzagt nach dem KommKino, aber alle radebrechten mir nur entgegen, daß sie „nikt spreken deutsch, nikt von hier“. Die originalen Lebkuchenbäcker schienen ausgestorben. Selbst im Gebäude, in dem das Kino untergebracht war, konnte man mir nicht weiterhelfen. Ich fand das rätselhafteste Kino Deutschlands aber schließlich doch noch. Die Betreiber erwiesen sich als sehr nette Zeitgenossen, und so fand die Lesung statt, wenngleich auch nur vor knapp über 10 zahlenden Franken. In einem italienischen Restaurant hatten wir vorher versucht, Pasta in uns hineinzuschlingen, aber bevor eine einzige Nudel meinen Mund betreten konnte, war der in den Programmzeitschriften angekündigte Zeitpunkt bereits gekommen. Mit komplett nüchternem Magen betrat ich die Bühne des kleinen Kinos. Im Vorfeld hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, daß genau nebenan gerade eine Frauenkinowoche stattfand, und so wäre es durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen, daß ich von grimmigen Damen einen auf die Nase bekommen würde. Aber diese Gedanken stammten von einer echten Mimose von Mann. Die Besucher waren freundlich, wohlgesittet und vertrauten auf meinen nicht wirklich frauenfeindlichen Vortrag. Da ich - auf nüchternen Magen - vorher bereits ein Bier getrunken hatte und die Veranstalter die gastronomische Weitsicht besaßen, mir während der Show diverse Biere zukommen zu lassen, geriet der Vortrag sehr flüssig. Die Vorträge sind übrigens lustig. Mittlerweile gibt es ja sogar einen davon im Netz (minus Ausschnitte). Da ich das Format des freien Vortrags gewählt habe, also quatsche, wie mir die Zunge gewachsen ist, klettert alles an einem Skelett von vorgedachten Gedanken entlang, aber es passieren ständig neue Sachen, die von den jeweiligen Veranstaltungsorten beeinflußt werden. Mein erster Vortrag dauerte ja saftige 3 Stunden lang. Ich lerne jedesmal dazu, versuche, die Reaktionen des Publikums in meine Planung für die nächste Veranstaltung einzubeziehen. Da ich nicht wirklich Geld (im Sinne von Geld!) damit verdiene, ist das eigentlich der wirkliche Kick, den mir solche Gelegenheiten offerieren. Manchmal zahle ich sogar drauf. Ich bin ein ziemlicher Egoist und denke erst einmal daran, was für einen Spaß ich selber damit haben kann. Alle weitere Erwägungen spielen sich irgendwo im Hintergrund ab. Wenn die Besucher auch noch Geld bezahlen müssen, will ich ihnen natürlich auch was bieten, aber ohne den eigenen Spaß ist das nicht wirklich möglich. In Nürnberg reagierte das spärliche Publikum auf jeden Fall sehr erfreulich, und es machte Spaß, auf der Bühne herumzuhampeln. Die Veranstalter nahmen mich danach noch mit ins Kinobüro, wo wir miteinander plauschten bis um 4 Uhr morgens. Ein paar Worte seien aber noch dem Hotel gewidmet, in dem ich untergebracht wurde: Es hätte prima in SUSPIRIA hineingepaßt. Man konnte nicht einfach hineingehen, sondern mußte sich über eine Funksprechanlage mit dem grimmigen Rezeptionisten verständigen, der einem eventuell einen Fahrstuhl hinunterschickte. Hatte etwas von einem Drogendeal. Der Rezeptionist war eine Frau, aber sie hatte einen erloschen aussehenden Mann an der Seite, der gelegentlich auch mal einen Satz äußerte, aber der klang dann immer wie ein Sommerhit von vor 10 Jahren. Die mutmaßliche Tochter kam zu einem Zeitpunkt von der Seite an mich heran und kreischte: „Ach, oh, Sie sind der Gast?“ Ich meinte nur verdattert: „Ja, ich bin der Gast...“ Auf dem sehr, sehr langwierigen Weg zum Zimmer stellte ich fest, daß die Beleuchtung bewegungsaktiviert war, und auf einigen Passagen durch das Labyrinth von Knossos funktionierte das Licht nicht wirklich. Ich habe mir den Weg zum Schlafgemach eher so ertastet. Als ich mich am nächsten Morgen auscheckte (vorgeschriebene Zeit: 11 Uhr; ich verpißte mich schon um 10!), erschien mir wieder die debile Tochter und tremolierte: „Die Katze! Die Katze!“ Eine Katze lief mir durch die Beine. „Die darf nicht zur Tür hinaus!“ Ich zählte innerlich bis 10 und schritt dann langsam den Treppengang hinab, auf dem Weg in die Freiheit. Wenn mir unten noch der mutmaßliche Vater der mutmaßlichen Tochter über den Weg gelaufen wäre, wäre ich schreiend aus der Stadt geflüchtet. Es sind exakt solche intensiven Erfahrungen, die mir mein Alltag nicht bieten kann. Ich habe nicht die Frau meines Lebens getroffen, auch keinen reichen Mäzen, aber ich kann meinen Enkelkindern noch davon erzählen. Wenn mir bei den nächsten Gigs ungnädige Feministinnen, die mich für einen frauenschindenden Saubold halten, einen auf die Nase geben, dann wissen die nicht, was das Vortragsbereitstellerleben beeinhaltet. Auf dem Rückweg geriet ich in zahlreiche Staus. Mein Lieblingsstau führte mich direkt hinter einen Lastwagen, auf dem in großen Buchstaben „Sperma“ stand. Vielleicht gibt es doch einen Gott. Geschehen am 11. März 2011.





050311



"Der Glaube ist wie ein Leuchtfeuer in einem Meer der Nichtigkeiten..."

Hamburch ist immer eine Reise wert! Während es auch so einige deutsche Großstädte gibt, die ich gerne besuche, so ist die großmächtige Hansestadt doch die einzige, in der ich auch gerne wohnen würde. Mal schauen, vielleicht ergibt sich da ja mal irgendwas... Als ich jedenfalls am Donnerstag mit meinem Franken-Astra Richtung Elbe schraddelte, fühlte ich mich frei wie der Fisch und war gespannt ob der Dinge, die meiner harrten. Was im Stadtteil Altona meiner ganz entschieden nicht harrte, war ein Parkplatz. Ich muß mich erst einmal wieder an das Großstadt-Parken gewöhnen. Wagen reihte sich in den kleinen Gassen, durch die ich mußte, an Wagen. Ich glaube, die Autos standen schon immer dort. Schließlich quetschte ich mich in eine Lücke und schulterte meinen Klumpatsch.

Das Lichtmeß-Kino erwies sich als ehemalige Seifensiederhalle der Firma Dralle. Das dezente Kapellen-Feeling gefiel mir auf Anhieb. Auf der Seite, die der Leinwand zugewandt war, lugte schelmisch ein güldener Engel vom Firmament. Die Stühle waren hölzern und stammten aus den Restbeständen eines Planetariums. Der Betreiber spielte früher in einer Punkband und erwies sich als super-supernett! Da ich das Kino vorher nicht kannte und nur den Namen vorliegen hatte, befürchtete ich insgeheim, in einer Filiale des CVJM zu landen oder irgendeiner anderen religiös motivierten Feingeisterei. Tatsächlich handelt es sich aber um ein Erwachsenenkino, in dem alternative Filme gezeigt werden, halt jene, die man in den großen Multiplex-Gemeinheiten nicht zu sehen bekommt. Schön war´s, und nach Geplauder mit dem Scheffe und seiner netten Freundin und lecker Essen trudelten auch schon bald die ersten Gäste ein. Insgesamt waren es etwas über 50, womit ich in Anbetracht des Nischen-Appeals meiner Vorführung auch sehr zufrieden war. (Tatsächlich wurde zu jenem Zeitpunkt direkt vor dem Kino gerade eine Folge von „Bella Block“ gedreht, weshalb alles weiträumig abgesperrt war. Umso froher war ich, daß Leute erschienen!) Nach einer schönen Einleitung von Freund Fabse jing et dann los. Die Vorstellung lief sehr anständig, wenngleich mir wieder einige Fehler auffielen, die ich bei Folgeveranstaltungen abzustellen gedenke. Mit der Zeit kam ich einigermaßen hin und übertrat die 2-Stunden-Grenze nur unwesentlich. Die meisten Gäste blieben, wofür ich ihnen erneut sehr dankbar bin! Zu den Fehlern, die ich machte, gehört zum einen der Umstand, daß ich auf den meisten Action-Fotos, die ich bisher gesehen habe, aussehe wie ein derangierter Laienprediger aus dem „Bible Belt“. Mal lächeln tut nicht weh, Herr Keßler! Um es klarzustellen: Im Hintergrund spielte keine dräuende Orgelmusik, sondern fröhliche Pornomucke, „Muckefuck“, wie ich die CD mittlerweile nenne... Nach der Vorstellung plauderte ich noch ein wenig mit den Veranstaltern, dem erneut zugegenen Martin Schmitz und anderen netten Zeitgenossen. Meine liebe Schwester war da und schoß einige Fotos. Fabian hatte noch Wolfgang Büld mitgebracht, was zu einem überaus angenehmen Wiedersehen führte. Ich hatte Gelegenheit, einigen Facebook-Freunden mal in natura zu begegnen. Mit zweien davon – dem Herrn U. und der Frau F. – bin ich danach noch in eine Kneipe gegangen zum Kopflangsamwiedervollquatschen und –trinken. Herr Bammel stieß auch noch dazu. Ein richtig feiner Abend! So wünsche ich mir alle Auftritte...

Wider Erwarten bekam ich am nächsten Morgen meinen Wagen wieder aus der Lücke heraus und trat den Heimweg an. Da begann das Grauen: Ein Megastau! Wie sich schließlich herausstellte, war die A1 komplett gesperrt, und so brauchte ich allein bis Bremen – normalerweise eine coole Einstunden- bzw. Anderthalbstunden-Fahrt – sechs Stunden... Ich hatte Gelegenheit, alle Schlagzeugstile an meinem Steuerrad durchzuprobieren, von Gene Krupas synkopischem Stil bis zu Eberhard Krutzenhagens dreihändigem Stil. Eine Stunde lang stand ich auf der Höhe von Zeven neben einer Sandgrube und dachte an all die Halbweltleute, die dort im Laufe der Jahrzehnte wohl verbuddelt worden sein müssen. Allein damals, im blutigen Herbst 69, als Don Terrasini mit der Uhlenhorst-Familie aufräumte... Es regnete blutige Tränen! Die Umleitung führte mich u.a. durch das Kaff Sottrum, in dem ich mal auf einer Videothekentour vor 20 Jahren einem Treckerfahrer über den Weg gelaufen war. Auf meine Frage, ob es hier irgendwo ´ne Videothek gäbe, meinte er: „Ist das da, wo es die Pornos gibt?“ Das ist Sottrum. Die Fahrt von Bremen nach Pott gestaltete sich hingegen problemlos, auch wenn ich schon ziemlich in den Seilen hing. Das war Hamburg, dridder Dridder!



Billy Graham auffer Arbeit

Danke an meine Schwester für die Bilder!

Hier übrigens beschwert sich eine radiohörende BILD-Leserin über den Rücktritt von Dr. zu Guttenberg. Ein Vergnügen!

280211

Vorgestern hatte ich die Gelegenheit, im Rahmen des „Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega“ schon einmal meine Buchpräsentation anzutesten. Das war eine für mich überaus spannende Angelegenheit, hat mir aber schon einmal angedeutet, warum ich mich auf die nun kommenden Monate freue wie Bolle! Trotz des frühen Starttermines – am Samstagmorgen liegen viele ja noch in ihren Betten, kuscheln sich in ihren Teddy oder verprügeln das Bettgestell – hatten tatsächlich so einige Leute zur Schauburg gefunden. Euch allen ein dickes, dickes Dankeschön! Ihr seid die Besten, Schönsten, Tollsten etc... Das ist natürlich eine Sache, die ich niemals vorausplanen kann. Man kann nicht überall davon ausgehen, daß die Millionen strömen. So werde ich denn meinen Shtick abziehen müssen, ob da nun 5 Leute im Zuschauerraum sitzen oder Hunderte. Auch werde ich mich darauf einstellen müssen, daß immer Unwägbarkeiten stattfinden, etwa mit dem Equipment. So war ich gestern eine halbe Stunde vor Beginn noch dabei, die DVDs auszuprobieren, ob die zu zeigenden Filmausschnitte überhaupt laufen. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich alles auf der Bühne nachspielen müssen, was mir nicht recht gewesen wäre, denn ich bin ja sehr schamhaft. Auch neige ich dazu, eine halbe Stunde vorher Lampenfieber zu bekommen. Dieses Lampenfieber ist übelst und verfliegt exakt in jenem Moment, in dem die ganze Geschichte anfängt. Nicht, daß ich mißverstanden werde: Das Lampenfieber gehört dazu. Ich grusele mich nicht davor – es ist ein integraler Bestandteil des Spaßes, den mir solche Aktionen bereiten. Nur bin ich vorher kaum ansprechbar. Nach dem Gig – im gestrigen Falle hieß das: nach drei Stunden! – bin ich dann total ausgebombt, mein Kopf ist leer, „Der Kopf wird leicht, der Geist entweicht“, wie das bei Clever & Smart heißt. Dann bin ich meistens sehr erleichtert, aber man sollte mir bitte nachsehen, wenn ich nicht mehr parliere wie Immanuel Kant, die alte Aufklärungslokomotive. Das hört sich alles an wie eine Menge Streß, was es vermutlich auch ist, aber es ist gleichzeitig auch immens interessant, eine neue Herausforderung jedesmal. Vorm Fernseher sitzen ist langweiliger, das ist mal sicher.

Der Buio-Gig bot mir die Chance, die sieben Sachen, die ich in meinem Kulturbeutel führte, mal auszuprobieren. Was funktioniert, was ist zu lang etc. Ich werde für Hamburg verschiedene der Ausschnitte beispielsweise rigoros zusammenkürzen, teilweise miteinander zusammenmontieren, so daß ich insgesamt auf etwas mehr als eine Stunde Filmmaterial komme. Den Rest der Zeit werde ich reden, und während ich gestern einigermaßen wild drauflosimprovisiert habe, werde ich bei den Auftritten vor neutralem Publikum (also einem solchen, das meine generelle Wirrheit noch nicht gewohnt ist) etwas fokussierter vorgehen müssen. Ich muß auch mit einplanen, daß viele Leute vielleicht keine Hardcore-Cineasten sind, sondern sich vielleicht einfach nur nett unterhalten lassen möchten. Ergo werde ich näher darauf eingehen, wie solche Filme damals hergestellt wurden, damit eine plastische Vorstellung vom Thema entsteht. Das bedeutet dann natürlich auch, daß weniger Ausschnitte gezeigt werden können. (Gestern waren das fast zwei Stunden Ausschnitte, von denen ich drei Beispiele bereits weglassen mußte, da wir ansonsten noch abends in der Schauburg gesessen hätten...) Für die Erlebnishungrigen werde ich aber immer Da-Capo-Ausschnitte mitnehmen, die ich bei Bedarf noch hinten dranhängen kann. Das scheint mir das Schlaueste zu sein. In jedem Fall war das Ganze gestern wirklich sehr toll. Mein bester Dank noch einmal an die unermüdlichen Besucher (von denen die meisten bis zum Schluß dageblieben sind, trotz Schalke), an die Clubberer, an die Kinobetreiber und an meinen lieben Verleger und seine Teuerste, die extra aus Berlin gekommen waren. Donnerstag geht´s weiter, in Hamburch!

Link zu Artikel in der WAZ


100211

Tscha, jetzt hat es doch 11 Tage länger gedauert, als zunächst anvisiert, doch was lange währt, wird endlich gut! Und gut ist es geworden. Ich bin sehr zufrieden mit der Druckqualität, dem knalligen Cover, dem angenehm unglatten Papier. Was jetzt passiert, steht in den Sternen. Obwohl... Manches steht auch im Terminkalender, denn ab März werde ich zu einer kleinen Tournee aufbrechen, auf der ich die erfreuliche Gelegenheit bekomme, Deutschland in Sachen Ferkelfilm so richtig durchzuinformieren. Beginnen werden wir in Hamburch am 3. März, und dann geht das los. Nähere Einzelheiten über die März-Termine sind auf der Seite des Verlages zu finden, wo man das Buch übrigens auch ganz prima bestellen kann, wenn man den rührigen Schmitz-Verlag unterstützen möchte. Ich freue mich auf diese Präsentationen sehr. Ursprünglich plante ich mal, eine simple Lesung zu veranstalten. Dann kam mir aber in den Sinn, daß eine Autorenlesung aus einem quasi Nachschlagewerk nicht ganz so prickelnd wäre. Außerdem habe ich bereits mehrere erwiesene Lesungs-Koryphäen live erleben dürfen - Robert Gernhardt, Max Goldt, Douglas Adams -, und wie brillant die einzelnen Herrschaften auch immer sein mochten, so schien mir der direkte Vortrag doch immer die passendere Methode zu sein, die Zuschauerschaft bei der Stange zu halten und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Am 26. Februar werde ich bereits Gelegenheit haben, dies ausprobieren zu dürfen, da mir die Freunde vom "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega" an jenem Tage die Bühne zur Verfügung stellen, um mich dort auszutoben. Wie bei den späteren Live-Events wird es viele Filmausschnitte zu sehen geben, bei denen ich allerdings eine gewisse Dezenz walten lassen werde, da Pornoszenen einem "normalen" Abendpublikum (bei Buio: Morgenpublikum!) nicht zuzumuten sind. Generell lautet der Konsens: Abrasierte Köpfe und tanzende Innereien, ja - Penisse und Vaginae, nein. Warum das so ist, das weiß womöglich die katholische Kirsche. Präsident Ahdeminidschad (oder wie der Heini heißt) mag das auch ahnen. Ich ahne es nicht.  Jugendfrei werden die Vorstellungen nicht - das wäre mir in Anbetracht des Themas des Vorsichtigen denn doch zuviel -, aber ich werde Rücksicht nehmen, denn ich möchte nicht, daß sich so mancher Zuschauer und so manche Zuschauerin womöglich ungemütlich fühlt. Das Beiprogramm der verschiedenen Shows wird von Verunstaltungsort zu Veranstaltungsort variieren. So will es das Gesetz, so wollen es die Propheten.

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Habe ich eigentlich erwähnt, wie GLÜCKLICH ich bin? Moment, ich zeige Euch das mal: YIPPPPPPIIIIIEEEEE!!! Acht Jahre frustrierenden Wartens finden jetzt endlich ein Ende, und das Buch hat sogar einen stabilen Einband! Manche meiner Interviewpartner von einst sind mittlerweile verstorben, nur die Härtesten haben überlebt, aber hier bin ich, hier seid Ihr, hier ist das Buch! Einer der letzten Buchtermine war ja noch vor Weihnachten. Als die Mail kam, daß das vor Weihnachten nichts mehr werden würde, habe ich vor dem Computer gesessen und geflennt wie ein kleines Kind. Fakt ist, daß - hätte Martin (Schmitz) nicht von sich aus Interesse bekundet, wäre aus dem Buch nichts geworden. Meine früheren Erfahrungen und die nachfolgende Ochsentour, nachdem die verschiedenen anfänglichen Optionen geplatzt waren wie heiße Ballons, waren so demoralisierend, daß ich das Ding in den Eingeweiden meines Rechners versenkt hatte wie in einem Baggersee.  An eine Veröffentlichung hatte ich nicht mehr geglaubt. Ich hatte mir außerdem geschworen: Nie, NIE mehr mache ich etwas ohne Geld! Wer unprofessionell zu Werke geht, wird dafür bestraft. Das ist das harte Gesetz des Lebens. Zumindest das der Menschen. Ich hatte das Buch damals mehr oder weniger aus der hohlen Hand heraus begonnen - in mehr als einer Hinsicht, hähä! -, hatte mündliche Zusagen und vage Schulterschlüsse als Pfand. Dabei hatte ich mich gründlich verspekuliert. Es ist ebenso sicher, daß man auf diese Weise Schiffbruch erleidet, wie es sicher ist, daß alles, was am Boden liegt, irgendwann zertreten wird. Wer schlau ist, hält Ordnung; ansonsten jammere er nicht!  Ich habe das Buch jetzt hier liegen, und es geht ein trostspendender Einfluß von ihm aus. Ich werde es vermutlich in den nächsten 6 Monaten nicht unter eine Lautsprecherbox schieben. In unregelmäßigen Abständen erweitere ich meinen bereits verlinkten Blog, in dem nicht nur ein Fünftel des ursprünglichen Buches gelandet ist, sondern auch schon zahlreiche Zusatzreviews. Ich habe mittlerweile mein Interview mit Gerard Damiano exhumiert und angefügt. Georgina Spelvin und Robert Kerman werden bald folgen, wie ich auch ein Interview mit einem sehr interessanten New Yorker Mimen aus der Zeit gemacht habe, Jeff Hurst, der in meinem Buch des öfteren Erwähnung findet.

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Ich bin in den letzten Jahren älter geworden. Was klingt wie eine typische Fußballeraussage, ist tatsächlich bittere Wahrheit. Ich sehe jetzt aus wie etwa 100. Inge Meysel könnte meine Tochter sein, vor allem, seitdem sie tot ist. Tiefe Krähenfüße haben sich in mein Gesicht gegraben, die Tränensäcke hängen mir bis zu den Knien, und ich habe das Bindegewebe von Wim Thoelke. Und doch bin ich happy! Denn seit dieses alberne Buch raus ist, zwitschern wieder Spatzen vor meinem Fenster. Ey, Digger, isch sach dir, isch schwör´s! Ich bin jetzt 42 Jahre alt. So alt wird kein Schwein. Als bekennender Douglas-Adams-Fan weiß ich aber, daß 42 ein ganz besonderes Alter ist, und ich gedenke, per Anhalter durch die ganze Galaxis zu segeln. Mein Handtuch habe ich dabei, und das ist ja immer das wichtigste. Als erste Zwischenstationen sind Hamburg, Nürnberg, Berlin, Leipzig und München eingeplant, aber es wird mehr Zwischenstops geben. Ich hoffe, dort zahlreiche neue Leute kennenzulernen, denn für die Penunze mache ich den ganzen Kohl nicht. Es wird auch blöde Erfahrungen geben - dessen bin ich mir ganz sicher -, aber ich sehe das Leben so, daß die blöden Erfahrungen ein fester Bestandteil des großen Ganzen sind, aus dem sich der Mensch herausdrechselt. Irgendwann gibt man den Löffel ab und wird ein Traum unter vielen, aber man gibt jeden Tag den Menschen einen Klumpen Irgendwas mit auf den Weg, ob als Verwandter, als Freund oder auch als Feind. Lediglich für Zyniker und für kranke Trottel, die ihre eigenen Fallstricke anderen zum Geschenk machen wollen, habe ich einfach keine Zeit. Da werde ich immer andere Termine haben, selbst wenn es sich nur um das Frühstücksbrötchen handelt. Ich mache mir auch manchmal Gedanken darüber, ob ich nicht vielleicht besser Bankangestellter geworden wäre, aber ich denke, daß jeder seine Richtung intuitiv zu einem frühen Zeitpunkt wählt. Mit Schangs ist es eine gute Richtung. Wenn ich mal gefrustet bin, sehe ich mir Phoenix an (den Fernsehsender), und sofort geht es mir besser. Der Kopf macht wirklich relativ wenig, da mache ich mir keine Illusionen mehr. Jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Melodie, und Worte sind meistens nicht zur Verdeutlichung da, sondern zur Tarnung. Auch deshalb freut es mich, mit dem Buch auf Walz zu gehen. Wenn man in einer aufgeklärten Zeit wie der unsrigen noch Gemüter erhitzen kann, dann ist das gut, denn das einzige, was verläßlich tötet, ist der Stillstand.

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Ich werde Leser wie Leserin auch in den nächsten Wochen regelmäßig darüber informieren, wie die kleinen Abenteuer in meinem Leben verlaufen sind. Ich bin selber sehr gespannt.

160111



221210

So, ein weiteres Jahr schraubt sich unwiderruflich seinem Ende entgegen. Je älter man wird, umso schneller vergeht die Zeit. Gestern noch war ich in den Ardennen, Ernst Jünger saß auf meinem Schoß, und Geschoßgarben und Schrapnellsplitter sausten lustig um meine Ohren. Jetzt sitze ich in meiner Luxusvilla am Stadtrand von Biaritz und höre den gefrorenen Zikaden zu beim Zirpen unter dem Eis. Auch höre ich die Kassen klingeln, die Kassen in meiner Fantasie! Das Buch verspätet sich zwar leider aufgrund einiger drucktechnischer Probleme, aber es wird wohl schon fertig sein und frisch nach Druckertinte duften, wenn die letzten Neujahrsraketen am Sternenhimmel verglommen sind und die letzten Trottel ihre weggesprengten Finger aufgesammelt haben. Damit meine Leser aber über die Feiertage nicht ganz im Eisregen stehengelassen werden und sich aus lauter Frust mit gebrannten Mandeln Kummerspeck anfressen müssen, habe ich schon mein Ergänzungs-Blog online gestellt, "Das läufige Blog". Hier finden sich deutlich über 100 zusätzliche Reviews, ein dicker Klöben an Worten, der in den Folgemonaten angereichert werden wird durch weitere Texte und Interviews. Ich wünsche allen Lesern ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest! Vielleicht sieht man sich ja im nächsten Jahr, denn dann wird es so einige Live-Termine geben, für die ich mir noch so manches Schöne einfallen lassen werde... Wohlsein!

171210

Nachruf auf Jean Rollin

071210

Verdammt, schon wieder zwei Monate vorbei! Wo geht sie nur hin, die Zeit? Je älter man wird, umso schneller vergeht sie, das ist mal sicher.

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Da es am 1.1 ja zu einer rechtlichen Neuerung kommt, habe ich für meine Facebook-Seite mal einen kleinen Text verfaßt, den ich hier auch hinterlegen möchte. Er heißt:

Internett oder interböse? Am 1.1. wissen wir Bescheid!

Ab dem 1.1. 11 wird im deutschen Internet alles anders. Oder nicht? In den letzten zwei Wochen gab es eine Menge Brimborium, Geraune und generelles Paranoia-Geschiebe, das den nunmehr abgesegneten neuen Jugendmedienstaatsvertrag zum Thema hat. Nach diesem Vertrag müssen demnächst alle, die im Internet Inhalte anbieten, für eine genaue Kennzeichnung ihrer Elaborate sorgen. Für welche Altersgruppen sind die angebotenen Inhalte geeignet, welche Inhalte sind geeignet „die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu beeinträchtigen“? Da stehste nun!

Grundgedanke dieser neuen Regelung ist, daß besorgte Eltern ihren Familiencomputer mit einem Filterprogramm ausstatten können, das es ermöglicht, die für ihre Kinder nicht geeigneten Webinhalte auszublenden. Das ist an sich kein schlechter Gedanke. Allerdings auch kein guter. Es wäre in einer Parallelwelt (nennen wir sie mal „Deutschland plus“!) zumindest ein guter Ansatz, da man so Pornographie, Gewaltdarstellung etc. von Kindern fernhalten könnte. Wir leben allerdings nicht in „Deutschland plus“, sondern in einer Welt, die zum großen Teil aus Ausland besteht. Und überall da draußen werden Webinhalte ins Netz gepfeffert. Da man hierzulande seit geraumer Zeit für deutsche Erwachsenenprogramme bereits zu Paßkontrollen oder ähnlichen Sperenzien verpflichtet ist, weichen die Kunden solcher Angebote ohnehin bereits zu einem großen Teil auf den ausländischen Markt aus, wo man einfach so drankommt. Der kleine Fritz und die kleine Lisa wissen das mit ziemlicher Sicherheit besser als ihre Eltern. Die deutsche Regelung ist somit also schon mal in dieser Hinsicht völlig gaga. Hokomoko. Komplett bluna. „Wir tun was!“

Außer der Kennzeichnung gibt es noch zwei andere Möglichkeiten: 1) Man kann eine vermutlich kostenpflichtige Ausweiskontrolle über die ganze Seite bügeln. 2) Man kann Sendezeitbeschränkungen einführen, wie immer das auch gehen soll. „Wie immer das auch gehen soll“ ist gut – die meisten Blogger – mich selbst eingeschlossen – werden mit der technischen Umsetzung dieser Optionen völlig überfordert sein. Bleibt also die Kennzeichnung.

Wenn man der Meinung ist, beanstandenswertes Material internett zur Schau zu stellen, muß man entweder einzelne Passagen oder das ganze Blog entsprechend kennzeichnen. Es sollen angeblich kostenfrei Fragebögen bereitgestellt werden, wo man draufkritzeln kann, was man so auf der Seite hat. Wenn man Lust und viel Zeit hat. Ich kann mir so etwa vorstellen, wie das bei dem Rezensions- und Interviewblog aussieht, den ich für mein neues Buch angelegt habe: „Was findet man auf Ihrer Seite?“ – „Texte zu Pornofilmen, höhöhö, sabber...“ – „Alles klar, ab 18. Nächster!“ Daß Sekundärtexte zu problematischen Produkten nicht automatisch mit diesen Produkten gleichzusetzen sind, wird wohl kaum Beachtung finden, da sich niemand die Mühe machen wird, sich für die Klassifizierung alle die Millionen Seiten mal genauer anzusehen. Wenn man möchte, kann man sich vermutlich freiklagen, aber das ist Zores, den keiner braucht. Warum was schreiben? Dann setzt man sich lieber auf seinen Po und konsumiert brav, was man konsumieren darf.

Während Computerexperten und Juristen den neuen Staatsvertrag als unrealistische Luftnummer bewerten, solle man sich – so hört man – mal keine Sorgen machen. Gewisse Regeln in jugendschutzrechtlicher Hinsicht gibt es schon seit einigen Jahren. Viel getan hat sich da nicht. Bis auf wenige Ausnahmen ist das stumm ignoriert worden. Wie das allerdings nach der neuen Gesetzeslage aussieht, ist ungewiß. Mir ist bekannt, daß es unzählige Anwälte gibt, die sich auf sogenannte Abmahnverfahren spezialisiert haben. Das läuft dann so, daß Herr X ein Anwaltsschreiben bekommt, in dem ihm ein Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz vorgeworfen wird, der ja sogar vorliegen mag – hat der mal einen Song von Led Zep runtergeladen, der Drecksack. Herr X wird dazu aufgefordert, einen Betrag von 3000 Euro zu bezahlen (Arbeitskosten). Zuwiderhandelnden wird dann mit einem Prozeß gedroht, bei welchem die Streitsumme irgendwas zwischen 50000 und 3 Fantastillionen Euro beträgt. Die Kanzleien, die so etwas machen, spekulieren natürlich darauf, daß Herr X bezahlt, da im letzteren Falle existenzbedrohende Unkosten ihr dräuend Haupt erheben. Nicht selten entbehren solche Abmahnbescheide jeder rechtlichen Grundlage. So wurde Kumpeln von mir eine Frist von 2 Tagen gesetzt (über das Wochenende hinweg!) – einen eigenen Anwalt zu konsultieren, wäre da kaum möglich gewesen. Bei jeder Abmahnwelle kommt so ein hübsches Sümmchen zusammen. Die fraglichen Künstler sehen davon vermutlich keinen Pfennig. Aber egal.

Was Blogger nun bei der wenig klaren Rechtslage befürchten, liegt auf der Hand: Daß sie, wenn sie die neuen Maßregeln nicht befolgen, in einen magengeschwürverdächtigen und existenzbedrohenden Prozeß hineingezogen werden – Ärger, den kein Mensch braucht. Da macht man sein Blog lieber dicht. Und, liebe Freunde und Landsleute, es sind nicht die Pornoanbieter und die Betreiber der Webseite „Blutgeil 69“, die ihre Seiten dichtmachen werden. (Die werden sie höchstens ins Ausland verlagern, so sie das nicht schon lange getan haben.) Es werden vornehmlich die privaten Blogger sein, die keine Lust haben, mit ihren Elaboraten richtigen Ärger zu bekommen. Man muß für eine „Ab 18“-Seite übrigens auch einen Jugendschutzbeauftragten benennen, der mit Anschrift und eMail für Anfragen parat steht. Ob es sich bei diesem Jugendschutzbeauftragten einfach nur um irgendeinen armen Jochen handelt, der für Eure Blogs jederzeit bereitzustehen hat, oder ob man sich da einen fachlich kompetenten Menschen bestellen muß (Geld?), ist nach der derzeitigen, noch sehr schwammigen Rechtslage unsicher. Ich habe eine klare Antwort auf diese Frage jedenfalls bisher noch nicht gelesen.

Spinnen die? Wo soll ein normaler Blogger einen Jugendschutzbeauftragten herzaubern? Und was für einen Sinn soll das ergeben, wenn das theoretisch der Onkel Heiner von ums Eck machen darf? Ich selber wäre jederzeit dazu bereit, meine Seite ab 18 einstufen zu lassen, da mir nicht so wichtig ist, ob Minderjährige auf meiner Seite herumturnen. Ich möchte einfach sagen können, wonach mir ist! Das darf ich auch, aber – wie es aussieht – nur mit einem Jugendschutzbeauftragten. Wenn ich mir dafür allen Ernstes jemanden mieten muß, breche ich meine Internetpräsenz ab. Ersatzlos. Und das ist haargenau das, was von unzähligen anderen privaten Webanbietern zu erwarten ist. Nicht von den kommerziellen, um die es ja angeblich geht. Aber wer, bitteschön, geht denn das Risiko ein? Noch dazu bei so einem sinnlosen Unterfangen wie diesem „Deutschland gegen den Rest der Welt“-Papier?

Das Resultat dieser Spinnerei wird sein, daß es ab dem 1.1. für Blogger extrem leicht werden wird, vogelfrei zu werden. Es wird sehr leicht werden, auf einmal in einem Atem mit Pornoseiten etc. genannt zu werden. Der Verbreitung von Information ist das alles andere als förderlich. Als Ausnahmen gelten übrigens Erzeugnisse, an denen ein „berechtigtes Interesse“ besteht. Gemeint sind damit vorwiegend Nachrichtenseiten. Die „Bild“ kann also auch weiterhin Tittenbilder mit Nachrichtenbeilage drucken, ohne ein Risiko einzugehen. Aber welches Blogerzeugnis ist von „berechtigtem Interesse“? Hallo? Kommt das noch jemand anderem gefährlich vage und willkürlich vor? Ein übergroßes Risiko werde ich mit Sicherheit nicht fahren. Wenn mir ein Gerichtstermin droht, werde ich mich rechtzeitig vorher daran erinnern, daß ich noch nicht weiß, wie ich die Miete für diesen Monat zusammenbringen soll. Da werde ich sehr handzahm reagieren und kuschen.

 Was werden die Folgen sein? Wenn die rechtlichen Bestimmungen auch weiterhin ignoriert werden, wird nicht viel passieren, aber dann weiß ich auch nicht, was der Vertrag überhaupt soll, außer daß sich einige Mandatsträger damit wichtigmachen wollen. Wenn es strikt durchgesetzt wird, dann droht der Bundesrepublik ein blogmäßiger Kahlschlag, denn niemand wird sich Ärger einhandeln wollen, den er nicht braucht. Das Leben ist so schon schwer genug. Gegensätzliche Meinungen werden so mehr und mehr ein Risiko für den Meinungsinhaber. Wenn z.B. Schüler für ein bestimmtes Thema recherchieren, werden sie nur noch jene Informationen finden, die sie finden sollen, denn die anderen sind ja mit Porno- und Ekelseiten gleichgesetzt worden. Selbst der unten verlinkte RA Udo Vetter, der in seinem Text vor unnötiger Paranoia warnt, sieht es so, daß das „damit geplante Label-System in Verbindung mit standardisierter und somit zentral lenkbarer Filtersoftware (...) zweifellos ein solides Fundament für eine spätere Zensurinfrastruktur“ darstelle. Das alles auf Grundlage eines Vertrages, dessen hehre Ziele im Angesicht der schnöden Wirklichkeit einen simplen Pfeifentraum darstellen!

Für die Umsetzung all dieser schönen Dinge bleiben den Webseiten- oder Blogbetreibern übrigens noch drei Wochen Zeit, aber an den Feiertagen hat man ja eh nichts zu tun. Kommt es vielleicht noch jemandem merkwürdig vor, daß a) die genauen Einzelheiten in bezug auf die technische Umsetzung des Vertrages so vage gehalten werden, b) die möglichen Folgen, von Ignoranz bis existenzbedrohender Abmahnung, so vage gehalten werden und c) die Zeit, das alles umzustellen, so lächerlich gering ist? Offiziell gibt es im Moment eine Menge Bohei um Datenschutz, bis an die Zähne bewaffnete Bundespolizisten stehen auf Weihnachtsmärkten herum, und die Borussia wird demnächst Meister – wer kümmert sich da noch darum, ob private Meinungen – so sie abweichlerisch sind – im Internet demnächst verflucht riskant werden?

Lesepflicht für alle: 17 Fragen zum neuen JMStV (Thomas Schwenke)

Blogger können leidlich gelassen bleiben (Udo Vetter)

Die Technik des neuen Jugendschutz-Labels - Deutschland will die Welt verändern (Sven Dietrich)

Übrigens: JMStV ablehnen!

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Ansonsten ist nicht so viel passiert. Das Buch befindet sich gerade in der Druckerei. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Für mein provisorisches Internet-Blog, das das Erscheinen des Buches begleiten wird, habe ich bereits fast so viele Zusatzreviews geschrieben wie für das Buch selbst. Wie lange diese online bleiben werden, wird die Zukunft zeigen. Sollte es Ärger geben, werde ich halt vor Gericht einen Präzedenzfall schaffen müssen, mit Perry Mason an meiner Seite. Geld genug habe ich ja. Und, sollte es hart auf hart kommen, werde ich nicht davor zurückschrecken, meinen fünften Ferrari zu verkaufen! Und kein Mensch braucht mehr als drei Hochseeyachten... Allen Interessenten sei gesagt: Filmjournalismus ist ein Handwerk mit goldenem Hoden. Ich kann nur jedem dazu raten, Filmjournalist zu werden, denn wenn einem die Mitbürger von allen Seiten Kamellen zuwerfen, schmeckt der Kaviar mindestens doppelt so gut. Und wer einmal in einem original französischen Himmelbett aus der Zeit des Sonnenkönigs wachgeworden ist, der wird nie wieder von ehrlicher Arbeit leben wollen. Morgen werde ich mein erstes Zusatz-Interview führen, mit einem Schauspieler der New-York-Region, der in den 70er Jahren aktiv war und einfach supernett ist. Geplant ist ein Interview mit einer tollen schwarzen Dame, die bereits an Melvin van Peebles´  grandiosem SWEET SWEETBACK´S BADASSSS SONG mitgewirkt und auch einiges zu erzählen hat. Und heute habe ich gerade ein weiteres Interview klargemacht mit einem New Yorker Künstler, der ebenfalls damals unglaubliche Sachen erlebt hat. Demnächst auf meinem Outlaw-Blog.

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Gestern ist übrigens der bekannte P-Film-Darsteller und -Regisseur John Leslie verstorben. Kein gutes Jahr für die Leute, die mein Buch bevölkern. Das Jahr kostete auch schon Jamie Gillis, Joe Sarno, Juliet Anderson und Erica Boyer das Leben. Zwei davon habe ich kennengelernt. RIP

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Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen wieder mal etwas Persönliches schreiben. Es hat sich soviel angehäuft in diesem Jahr. Man muß da immer hochnotpeinlich zensieren, was dem Menschen draußen etwas gibt und was nur selbstgenügsamer Schmonzes ist, der alle anderen überfordert. Es gehört aber zu einem lebenden, atmenden Menschen für mich dazu, daß er oder sie nicht immer professionell ist, nicht immer nur nach Makellosigkeit strebt, nicht immer nur das persönliche Fortkommen im Kopf hat. Menschen sind irrational, Menschen sind zuerst einmal Gefühl. Fehler machen alle, und zwar jeden Tag. Und ich möchte nicht irgendwann einmal auf die Überreste dieses Newstickers schauen und feststellen, daß da wirklich nur noch unpersönliches Gewäsch wohnt, Termine und Daten für den Informations-Nußknacker. Man muß den Mut haben, auch mal am Ziel vorbeizuschießen. Ständig unriskant leben - möchte man das wirklich? Wenn man einen Stein in einen Teich wirft, wird der nie wieder so ruhig wie vorher (sagt man, auch wenn ich das nicht glaube). Das Leben ist aber ein sehr dauerhafter Steineschmeißer, und was könnte da an dem Wunsch verkehrt sein, mal ein paar Steine zurückzuschmeißen?

Wohlsein.

051010

Da es derzeit offenbar keine wirklich wichtigen Themen gibt, denen man sich mit unbestechlicher journalistischer Neugier widmen könnte, hat eine beliebte deutsche Tageszeitung zu einem heißen Eisen gegriffen, das Eltern im ganzen Bundesgebiet schon seit Jahr und Tag auf den Nägeln brennt: Wie bekommen wir unsere Kinder dümmer? Wie halten wir sie gehorsam, fröhlich und stubenrein?

Im FSK-Siegel wohnt der Teufel! Agraaah - das geht uns alle an! Deutsche, achtet auf Eure Kinder! Hysterisch dröhnt es im besten BILD-Stil - und damit bin ich aus juristischen Gründen noch sehr zurückhaltend! - in die Zimmer von Kindern jeden Alters. Im jüngst erschienenen dritten Teil der Fortsetzungsposse um die kindgerechte Zurichtung des Nachwuchses hat sich nun auch noch ein Kommentator zu Wort gemeldet, der sich verfolgt wähnt "von all den miesen, fiesen, grauenhaften Filmszenen, der Fäkal- und Gossensprache", die heutzutage unter dem 12er-Siegel in die Wohnstuben wandern. Abgesehen davon, daß kein 12-Jähriger, der etwas auf sich hält, Filme kuckt, von denen Erwachsene meinen, sie seien für sein Alter geeignet - geht´s noch? Wie verzweifelt muß man sein, wenn man sein Geld damit verdient, daß man einen solchen Sturm im Wasserglas heranzüchtet?

Ganz einfach - man muß nur Journalist sein. Journalisten - solche, die des Schreibens kundig sind, wie auch solche, bei denen das nicht der Fall ist - leben meistens vom Polarisieren. Einen Popanz errichten, demonstrativ darauf herumpömpeln und den angerichteten Schaden dann ignorieren ist halt einfacher als die nüchterne und ausgewogene Betrachtung eines realen oder vorgeblichen Mißstandes. Wie es auch einfacher ist, sich ein Kind als leicht gängelbare Projektionsfläche für die eigenen Pimpeleien zu halten und es nicht als individuelle Persönlichkeit zu begreifen, auf die man sich als Erwachsener einzustellen hat. Journalistische Integrität geht so: Einfach etwas behaupten, möglichst aus jedem Kontext gerissen, darauf ein Gebäude der Entrüstung hochziehen, einen Feind erzeugen - hier: die FSK -, ihm Inkompetenz und Bestechlichkeit vorwerfen und nach Bestrafung und möglichst noch öffentlicher Demütigung schreien. Wenn man sich verrannt hat, kann man hinterher immer noch arglos dreinkucken, als wäre man gerade in New York gewesen - "Wer, ich?" -, denn man hat es doch nur gut gemeint. Auf eines können sich solche Journalisten verlassen: Irgendwer wird den übelmeinenden Schwurbel schon schlucken. Denn die Leute stecken so voller Haß und sind so überfordert mit ihrem eigenen Klimbim, daß sie nur zu willig sind, sich einen neuen Popanz vorsetzen zu lassen. Hier, da, da steckt der Bösewicht! Die Welt wird schöner ohne den Bösewicht! Nö, wird sie nicht. Wenn der eine Bösewicht weg ist, kuckt man sich den nächsten aus. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Abgesehen davon, daß es derzeit genügend wirklich interessante Themen gibt, denen man sich nähern könnte - zum Beispiel Polizeibeamte, denen befohlen wird, auf Minderjährige draufzukloppen, und die das dann auch noch machen -, aber das Böse, das in Til Schweigers KEINOHRHASEN wohnt, ist dann doch ein dankbarerer Kunde. Denken sich auch die Politiker, die prompt auf diesen unseligen Kahn aufhüpfen. Klar, kaum ist die Enttäuschung darüber verflogen, daß man bei den letzten jugendlichen Schadbären - Stichwort: Amokläufer - keine gewaltverarbeitenden Medien gefunden hat, widmet man sich dem nächsten Butzemann, denn man darf so häufig Fehler begehen, wie man möchte, gerade als öffentliche Person. Wenn man den erwachsenen Kunden - den Wählern oder den Lesern - später ein Leckerli liefert, dann vergessen die schnell. 

Eigentlich sollte man Kunden wie besagten Schreiberlingen und den Politikern, die die Vorlage zum gefahrlosen Punkteschießen dankbar aufnehmen, eine Schlangengurke, einen Pinsel und eine Dose Vaseline reichen, und damit hätte sich das. Nimmt man den Blödsinn für einen Moment ernst, so muß man sich doch fragen: Was halten diese Kanonen denn für kindgerecht? Eine Mischung aus Teletubbies und Lebertran? Glücksbärchis und Thomas Gottschalk? Sediertes Schnullerbackentum, zumindest so lange, bis die Brut aus dem Haus ist? Noch deutlicher könnte man es nicht machen, daß man im Grunde nur die Angst vor der eigenen Verantwortung exorzieren möchte. Mein Ratschlag lautet heuer: Ein gutes Pferd verweigert nicht, und darum sollten Eltern das auch nicht tun! Einem Kind oder einem Heranwachsenden die Welt so nahezubringen, wie man sie sich wünscht, ist falsch, F-A-L-S-C-H! Kinder sind nämlich nicht generaldoof. Die merken das, wenn Papi oder Mami sich was zusammenspinnen. Was Kinder auf lange Sicht honorieren, ist Ehrlichkeit. Wenn Papi oder Mami aus ihrem Herzen keine Räuberhöhle machen und sich der eigenen Verantwortung stellen, anstatt sie auf andere abzuwälzen. Dazu gehört natürlich erst einmal die Fähigkeit, die Kinder ernstzunehmen. Das ist, zugegebenermaßen, eine schwere Übung. Das gelingt einem ja bei vielen Erwachsenen schon nicht. Wie soll man das erst bei einem Erdenbürger schaffen, den man einst gewindelt hat? Geht aber nicht anders. Ansonsten züchtet man sich einen kleinen Zombie. Tausende von Bettelheim-Büchern gewälzt, um ja ein Hochleistungselter zu sein und wenigstens einmal alles richtig zu machen, und dann kommt der kleine Rabauke mit "Mein Kampf" unterm Arm nach Haus! Tränen! Zerknirschung! Maßlose Enttäuschung! Dann wird man Leserbriefschreiber oder Ärgeres.

Aus dem jüngsten Kommentar der vorzüglichen Postille lerne ich, daß neue Regisseure nur "Rammelsex" könnten und daß das FSK-Siegel selbst jugendgefährdend sei, was immer das bedeuten soll. Eine Schamgrenze, die sich "doch gerade" in der Pubertät herausbilde, werde brutal eingerissen. Selbst jener Anteil des Flitzpiepengewäsches, der nicht auf reinen Unterstellungen basiert oder bis zur Unverständlichkeit überformuliert wurde, ist schlicht Mumpitz. Scham wird nicht in der Jugend in den Menschen installiert, sondern in der Kindheit. Sie basiert auf Ängsten, denen man sich nicht gestellt hat, auf Lernprozessen, die man nicht durchlaufen hat. Scham ist so überflüssig wie eine zweite Nase und kein Ersatz, wenn es um die um Objektivität bemühte Auseinandersetzung mit einem Thema geht. Allerdings ist es auch die Scham, die Zeitungen verkauft, die mit der Errichtung von Popanzen schachern. Scham gebietet dem Leser, auch den gröbsten Unrat zu schlucken, wenn eine persönliche Läuterung dabei herauslugt. Ein klares Weltbild, feste Konstanten - durchstarten in den neuen Tag!

In diesem Sinne: Shame on!

270910

Hier ein kleiner Ankündigungstext für mein bald erscheinendes Buch "Die läufige Leinwand"!

180910

Heute nacht habe ich von Thilo Sarrazin, Günter Grass und Wolf Biermann geträumt, die alle fürchterlich geweint haben, weil ihnen jemand die Schnurrbärte abrasiert hat. Ich hoffe, daß mir dieser Traum niemals erklärt werden wird.

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Thilo Sarrazin und Erika Steinbach könnten wunderbar die Hauptrollen in einem ZDF-Viertelnachacht-Melodram spielen, das von zwei einsamen Menschen handelt, die sich bei einem Kontaktbörsendate kennenlernen und feststellen, daß sie einander schon nach zwei Minuten nichts Interessantes mehr zu sagen haben. Selbst der Karpfen auf dem Tisch kuckt ganz traurig.

170910

Ich habe, als vor kurzem der von mir sehr verehrte Christoph Schlingensief starb, auf Facebook einen kleinen Text online gestellt, den ich noch in der selben Nacht verfaßte. Ein Nachruf ist das nicht so recht, aber er faßt meine Gefühle in bezug auf Christoph recht gut zusammen,  und deshalb möchte ich ihn hier auch noch hinterlegen.

Zum Tode von Christoph Schlingensief

Einen Nachruf zu verfassen, ist immer ein riskantes Geschäft. Nachrufe auf Knopfdruck, aus Profession, gehen schon mal gar nicht. Schlimm wird´s dann, wenn einem der Verstorbene wirklich etwas bedeutet hat. Echte Trauer läßt sich nicht in Worte fassen. In der Regel macht man die Gefühle billig, oder man bastelt sich die Gefühle zurecht. Als ob man ein Gebäude hochzieht. Das ist bis zu einem gewissen Grade auch in Ordnung, finde ich, da man so natürlich versucht, bei einer Sache, die man nicht zu fassen bekommt, Greifbarkeit zu simulieren. Das ist eine Schutzfunktion. Seine Gefühle bei so etwas zur Schau zu stellen, finde ich immer sehr gruselig. Was man fühlt, geht keinen etwas an. Professionelle Klageweiberei ist eklig.

Christoph Schlingensief war für mich immer ein Wundertier. Er konnte reden wie ein Buch, konnte selbst komplexeste Zusammenhänge in wenigen Worten so zusammenfassen, daß sie für jedermann leicht greifbar wurden. Er konnte die kontroversesten Dinge anpacken und dabei so charmant bleiben wie der perfekte Schwiegermutterschwarm. Man konnte ihm nie böse sein.

 Im Unterschied zu vielen anderen Teilnehmern im Kulturbetrieb konnte er aber viel mehr als nur reden. Er schien mir immer getrieben von einem inneren Zwang, der aus seiner eigenen Überzeugung resultierte, wie die Welt zu sein hätte, wo sie doch so anders war. So hätte ich früher einen Moralisten definiert. Ein Moralist ist freilich jemand, der von absoluten Werten wie Gut oder Böse ausgeht, die religiös konnotiert sind. Schlingensief – der sich mit Verfechtern solcher Moralbegriffe ständig in der Wolle hatte – war wohl eher praktisch orientiert, an durchführbaren Methoden, diese Welt für möglichst viele Menschen erträglicher zu gestalten. Dabei benutzte er seine sehr eigene Vorstellung von Schönheit, die eben auch im bewußt herbeigeführten Zusammenprall aufschien. Ohne solch einen Zusammenprall gibt es bekanntlich keinen Fortschritt. Der Umstand, daß seine Kunst häufig sperrig war und schwer zugänglich, beweist, daß er nicht an der leichten Lösung interessiert war. Für jede publikumswirksame Aktion gab es auch recht verschlüsselte Projekte wie EGOMANIA oder MENU TOTAL, die sich dem Massenpublikum nicht gerade anwanzten. Als ich seine Kunst kennenlernte, geschah dies über den Horrorfilm. DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER wurde damals als großer deutscher Trashfilm verwurstet. Der Reiz, den gerade jener populäre Film auf viele ausübte, war seine Berserkerattitüde, seine brachiale Ablehnung der deutschen Politik, die von TERROR 2000 dann entsprechend fortgeführt wurde. Mein Eindruck war immer der, daß Schlingensief zu schlau und zu sensibel war für diese Reduzierung seiner Arbeit auf generelles Anti-Gehabe. Mir ist das damals aufgefallen, als ich seine hübsche Talkshow TALK 2000 sah, die vor einem Publikum von kulturbeflissenen Tausendsassas in der Berliner Volksbühne stattfand. Erinnert Ihr Euch noch an die Folge mit Ingrid Steeger? Diese Folge war mir damals fürchterlich unangenehm. Mittlerweile sehe ich sie als die wichtigste an, die im Rahmen der Sendung aufgenommen wurde. Frau Steeger wurde von einigen plumpen Zwischenfragen aus dem kulturbeflissenen Publikum – die hämisch und gemein waren – zum Heulen gebracht. Die Fragen kamen von Fragern, die Schlingensief gründlich mißverstanden hatten. Schlingensief folgte Frau Steeger bis zur Garderobe, versuchte, die erzürnte und bis ins Mark gekränkte Frau zu beruhigen. Meine Reaktion war intensiv. Mich widerte dieses Vorführen von menschlichen Schwächen damals an. Beim wiederholten Anschauen gewann ich aber mehr und mehr den Eindruck, daß die Beteuerungen Schlingensiefs ganz und gar nicht zynischen Charakter hatten, sondern von Herzen kamen. Wie so vieles in seiner Kunst war auch diese Meta-Talkshow ein Experimentierkasten, wo auch er selbst nicht immer wußte, was da so alles zum Vorschein kommen würde. Eine große Stärke von seinen Arbeiten ist ihre Direktheit, ihr Mut zum Schabernack und zum herbeigeführten Exzeß. Was passiert, wenn ich Gotthilf Fischer und Kitten Natividad zusammenbringe? Was passiert, wenn ich ein Bildungsbürgerpublikum von sich selbst als links empfindenden Spießern mit Adolf Hitler konfrontiere, der mit Kacke Bilder an die Wand malt? Das waren gar nicht mal so sehr die konservativen Feindbilder der Linken, mit denen sich Schlingensief anlegte, sondern eben diese Denkfäule im Lager jener, die es besser wissen sollten, es aber häufig nicht tun. So wurde ein Kino in Berlin, das TERROR 2000 zeigte, von sich selbst als links empfindenen Autonomen kurzerhand auseinandergenommen.

 Vielleicht waren seine Werke doch nicht so verschlüsselt. So eloquent und gebildet sich Schlingensief in Interviews erwies, wenn es um seine Arbeit ging, so unmittelbar und unkalkuliert wirken seine Werke. Wie vieles von ihm einem Spaß am Draufhalten, am „Sehen, was da so passiert" zu entspringen scheint, so definieren sich viele Filme und Kunstprojekte von ihm weniger am Vorgegebenen (Drehbuch o.ä.), sondern am Effekt, den sie im Zuschauer erzeugen. Als er z.B. sein FREAKSTARS-Projekt in die Tat umsetzte, schlugen die Wellen hoch. Seine Gästebuchseite, entsinne ich mich, quoll damals über vor haßerfüllten Vorwürfen, er würde Behinderte verunglimpfen. FREAKSTARS – das ich für eines seiner besten und nachhaltigsten seiner Projekte halte – war das genaue Gegenteil von Behindertenverunglimpfung. Natürlich erlaubten die Reihe und der aus dem Material gewonnene Film auch ein primitives „Höhö!" über die Spaddel und Spaddelinen. Ich selber saß nur wie gebannt davor und wunderte mich über die Zartheit, mit der Schlingensief diese kompromittierten und von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen dazu brachte, sich selbst zu genießen. Ich fand das unendlich schön und keine Sekunde diskriminierend. Diskriminiert haben sich m.E. nur die Idioten, die da vermutlich ihr eigenes Unbehagen, ihre eigenen Berührungsängste bezüglich behinderter Menschen in diesen Haßkaskaden auf Schlingensief projizierten. Und der Umstand, daß die Filme auch Behindertenwitz-Fans Material zur Belustigung offerierten, arbeitete für mich Hand in Hand mit der oft erprobten Arbeitsmethode Schlingensiefs, die das Sensible mit dem Rohen verband. Schlingensief hat nicht doziert, er hat erzeugt und anschaulich vorgeführt. Er ist aufgrund der dadurch entstandenen „Skandale" von den ganz Dummen im Feuilleton immer zum Provokateur auf Lebenszeit gestempelt worden. Aber das war Teil seines Jobs, die ganz Dummen mit den Sensiblen und Klugen zusammenzubinden. Eintracht wollte er keine erzeugen. Er wollte einen Zusammenprall entstehen lassen, der die Dinge in Bewegung bringt. Und der die Welt letztlich zu einem Ort macht, in der es möglichst vielen Leuten möglichst gut geht. Seine schließlichen Bemühungen in Afrika sind in einer Linie mit seinen früheren Arbeiten zu sehen. Zwischen den Exzessen liegt nämlich viel Sehnsuchtsvolles und Schönes. Den Leuten den Zeigefinger vorzuhalten, bringt rein gar nichts. Man muß die Gefühlswelt der anderen Leute dazu bringen, für sich zu funktionieren, ohne den Kopf um Rat zu fragen. Der Kopf muß organisieren. Ohne Organisation auch keine Kunst. Aber das Interessante an jeder Kunst liegt eben in den Reaktionen, die sie in den vielen unterschiedlichen Menschen hervorkitzelt. Schlingensief war ein Experimentator. Er war ein Kind am Chemiebaukasten.

 Ich habe Christoph niemals persönlich kennengelernt, was ich sehr bedauere. Es gibt kaum einen Menschen im Kulturbetrieb, der mir so ans Herz gewachsen ist, wie er es war. Ich bewundere ihn dafür, daß er in seinen gerade einmal 49 Jahren so viele Projekte in die Tat umgesetzt hat in einer Umwelt, in der vieles mit Luft auf Luft geschaffen wird. Da ich kein Christ bin, glaube ich nicht an ein ewiges Leben im wortwörtlichen Sinne. Aber ich glaube daran, daß alles, was wir tun, seine Spuren hinterläßt. Was wir in unseren Mitmenschen bewirken, wird weitergetragen. Es ist alles ein lustiger Fluß. Christoph hat sehr viele Menschen in diesem Sinne beeinflußt, und dafür bewundere ich ihn. Und ich habe beschlossen, jetzt nicht mehr traurig zu sein. Lieber sehe ich mir morgen noch einmal MUTTERS MASKE an. Oder TUNGUSKA. Oder TERROR 2000.

++++

Am 24. August schrieb ich ebendort folgenden Text:

Wer ist der Taliban?

In der bislang strunzpatriotischen Computerspielreihe "Medal Of Honor" - die sich in der Vergangenheit meistens mit dem 2. Weltkrieg befaßt hatte - ist es nun zu einem interessanten Problem gekommen. Die neueste Folge befaßt sich nämlich auch mit dem Afghanistan-Konflikt. Die interessante Frage nun lautet: Wer ist der Taliban? Diese Frage stellt sich nur in der Mehrspieler-Variante des Shooters. Ein "Electronic Arts"-Exec formulierte das wie folgt: "Die meisten von uns machen das schon, seit wir sieben Jahre alt waren. Wenn jemand der Gendarm ist, muss ein anderer der Räuber sein, jemand muss der Pirat sein, das Alien. Im Multiplayer-Modus von 'Medal of Honor' muss jemand der Taliban sein."

 Irgendjemand muß der Taliban sein! Ich gebe zu, beim „Räuber und Gendarm"-Spielen immer lieber der Räuber gewesen zu sein. Bei Cowboy-Spielen war ich lieber der Indianer. So war das halt damals. Aber der Konzernmokel hat schon recht – ohne einen Bösewicht kommt man nicht aus. Der muß anwesend sein, und er sollte Vampirzähne haben.

 Ich habe mich früher immer als Moralisten bezeichnet. So auch am Wochenende, als ich in netter Runde mit Leuten beisammen saß. Ein Gesprächspartner, der schlauer war als ich, runzelte die Stirn und erklärte, daß ich da wohl etwas anderes meine. Ich ging etwas ins Detail: Meiner Ansicht nach sollte es das Ziel der Politiker sein, die Welt zu einem Ort zu machen, an dem möglichst viele Menschen mit möglichst vielen anderen Menschen möglichst gut zusammen leben können. Da meinte er, das wäre ein ethischer Wunsch, kein moralischer. Moral ginge ja immer von absoluten Werten aus: Gut und Böse. Das ist nicht Wissenschaft, sondern Glauben. „Gott ist mit uns, er haßt die Yankees!", wie Eli Wallach es in dem Western ZWEI GLORREICHE HALUNKEN ausdrückt. Clint Eastwood knirscht ihn daraufhin an: „Gott ist nicht mit uns, er haßt Idioten wie dich!" Wenn man nun einen Krieg legitimieren will, braucht man eine moralische Begründung: Der eine ist gut, der andere ist böse.

 Diese Legitimation ist natürlich ausgesprochen dünn. Denn neben den bluttrinkenden Taliban gibt es in Afghanistan auch unzählige Zivilisten, die – wie alle Menschen – in erster Linie an der Erhaltung ihrer eigenen Unversehrtheit interessiert sind. In Nazi-Deutschland gab es nicht nur mordende Schlächter, sondern auch unzählige Zivilisten, deren Interessenlage nicht wesentlich anders gewesen sein wird als jene ihrer afghanischen Kollegen. An Krieg ist niemand interessiert, außer jenen, die damit Geld und Macht einheimsen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin sehr dafür, daß die Alliierten den Nazis damals in den Arsch getreten haben, denn wäre dies nicht geschehen – die Folgen wären grauenhaft gewesen, auch für die deutsche Bevölkerung. Ein unbedingter Pazifist bin ich also nicht. Doch beweist dieser Gedankengang auch, daß es unlauter ist, einen Krieg moralisch erklären zu wollen. Man muß ihn aber moralisch erklären, will man ihn den Soldaten und der eigenen Bevölkerung schmackhaft machen. Sonst rumst es nämlich auch zu Hause, wie damals zur Zeit des Vietnamkrieges. Die Strategen des Gemetzels haben somit ein echtes Problem zu stemmen.

 Daran gemessen ist das Problem der Computerspiel-Hersteller überschaubar: Irgendwer muß der Taliban sein. Ich bezweifele, daß sich das Spiel auch mit der Nachbereitung des Krieges befaßt, Wiederaufbau, Neustrukturierung der Gesellschaft und so fort. In der Realität haben die obwaltenden Kräfte in dieser Hinsicht ziemlich versagt, moralisch wie ethisch. Im Computerspiel geht es nur darum, wer jetzt den Bösewicht macht. Man könnte die Taliban im Mehrspieler-Modus natürlich vom Computer steuern lassen. Die künstliche Intelligenz könnte man dann im Vorfeld festlegen – möchte man doofe Taliban, möchte man schlaue Taliban? Die Gegner wären somit Roboter, wie in BLACK HAWK DOWN und ähnlichen Hetzfilmen. Das ist genau die Grundhaltung, die man als Soldat braucht, denn ansonsten wird man im Einsatz wahnsinnig. Auch wenn es natürlich falsch ist – der Gegner ist niemals ein Roboter. Ohne es zu merken, hat uns „Electronic Arts" hier einige wichtige Einsichten über das Wesen des Krieges beschert. Ob er nötig ist, der Krieg, oder unnötig, das weiß ich selber nicht. Begeht man ein Unrecht, um ein noch größeres Unrecht zu vermeiden? Jack Bauer weiß das besser als ich. Fakt ist aber, daß es falsch ist, einen Krieg moralisch zu legitimieren. Wie sehr dies Politiker und Medien auch immer versuchen.

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Ebenfalls dort  erschien folgender Absatz am 15. September:

Ich habe mir mal darüber Gedanken gemacht, ob es statthaft oder, im Gegenteil, rechtlich bedenklich wäre, wenn ich eine Person des öffentlichen Lebens wie den Herrn Sarrazin mit Unflat überzöge. Wenn ich - rein theoretisch - diesen Mann wegen seines Aussehens oder seiner Äußerungen ehrabschneidend kommentieren würde.  Im privaten Rahmen - z.B. allein vor dem Fernseher, bei Burschenschaftsveranstaltungen oder bunten Abenden meines Swingerclubs - darf ich ihn beleidigen, demütigen und schurigeln. Ich darf ihn z.B. einen doofen Biffbaff nennen oder einen ganz Ollen. Das Internet hingegen gilt ja wohl als öffentlicher Raum. Das ist so, als stiege man im Adamskostüm auf eine Seifenkiste und träte für kontroverse Standpunkte ein. Wenn ich ihn da der Ollenhaftigkeit zeihen würde, könnte er mich vor den Kadi zerren. Das würde er vermutlich nicht machen, aber er könnte sich abends mit einem Glas Demeter-Brottrunk und einer leckeren Salamistulle hinsetzen und sich im Bewußtsein sonnen, die rechtliche Handhabe dafür zu besitzen. Rein theoretisch. Außerdem bestünde ja auch die Möglichkeit, daß Thilo Sarrazin verliebt in mich ist. Man stelle sich das vor: Er, der große Finanzmagnat, ist ein großer Fan von europäischen Exploitationfilmen! Auch Pornos aus den 70er Jahren sind bei ihm gern gesehene Gäste! Meine Texte verschlingt er seit Jahren, genau wie die leckere Salamistulle. Tatsächlich möchte er mich heiraten, ein tief in ihm bubbernder Wunsch, dem die Erfüllung von der grausamen Natur verwehrt bleibt. Eine Liebe, die nicht werden darf. Nun komme ich und nenne ihn ehrabschneidend einen doofen Biffbaff und einen ganz Ollen! Und das noch im öffentlichen Raum! Ganz klar, daß ihm quasi der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Er landet im Loch, in der transzendentalen Obdachlosigkeit. Er entgleist. Vielleicht wird er tatsächlich nackend durch die Innenstadt laufen, mit einem lustig bimmelnden Glöckchen am Beutel. Vielleicht läuft er auch Amok. Tatsächlich würde er mich zumindest auf Rücknahme des Ollen verklagen. Davon muß man leider ausgehen. Deshalb werde ich mich hüten, ihn hier zu dissen. Der Text wird auch in hundert Jahren nicht lustig.

Ich habe übrigens auch sonst ein paar Dinge zu dem unbrisanten Mann geschrieben, die alle rechtlich unbedenklich waren. In den letzten Wochen sind aber bereits dermaßen viele Werbesendungen für sein neues Buch zu sehen gewesen, daß mir meine eigenen kleinen Gedanken zu dem Thema überaus löschenswert erschienen. Seine Methode ist völlig genial, und dafür bewundere ich den Mann sogar ein kleines bißchen: Wenn man wirklich mitreden möchte, muß man das Buch gelesen, es also erst einmal gekauft haben. Ein Nachdenken über den Zustand unserer Gesellschaft wird also erst möglich durch einen Obolus in den Klingelbeutel dieses vermutlich nicht unvermögenden Mannes. Hut ab - Chapeau! Da ich gerne von den Besten lerne, sollte ich, wenn mein P-Buch herauskommt, vielleicht eine ähnliche Strategie andenken. Ich müßte dann meine eigentlich recht unkontroversen Texte über die Geschichte des amerikanischen Pornokinos der 70er Jahre gewaltig aufblasen, mit tendenziös zurechtgebogenen Statistiken anreichern - ich wüßte nicht, wofür Statistiken sonst da sein sollten! -, das Ganze dann mit einigen sexistischen Bonmots anreichern und voilà - der neue Skandal ist da! Bei Thilo S funktionierte das ganz simpel, und ich wundere mich sehr, daß ganz Deutschland so überaus willens war, den Köder samt Angel zu schlucken: Einen relativ alten Hut aus dem Ärmel zaubern, sich so gerieren, als wäre das Thema noch niemals zuvor diskutiert worden (Integrationspolitik? Wie bitte?), im besten Stammtischstil mit der Faust auf den Tisch hauen und "Das muß doch mal gesagt werden dürfen in diesem Lande!" brüllen, ein bißchen den Medien-Opferhannes geben und dann stillhalten und kassieren... Während ich Eva Herman zubillige, daß sie wirklich arglos in die selbst errichtete Falle hineingetappt ist (ihr Meisterstück war wirklich der Love-Parade-Katastrophentext, in dem sie von höheren Mächten schwafelte, die die dort getöteten Kinder quasi bestraft hätten!), so halte ich Thilo S für wirklich intelligent. Warum sollte ein intelligenter Mann, dem es wirklich um die Zustände in unserem Land bestellt wäre, seine diesbezüglichen Gedanken mit biologistischem Geraune über Juden-Gene etc. anreichern, bei dem doch wohl jedem mit einem IQ über 50 klar sein sollte, was für ein Bohei das dann gibt? Wenn es ihm nicht primär um das Bohei geht? Bei Politikern nenne ich das immer "die Hitler-Karte ziehen" - wenn man so gar nichts Sinnvolles mehr ins Feld zu führen weiß, vergleicht man einfach mal z.B. Bush mit Hitler - was natürlich völliger Blödsinn ist -, und sofort brodelt der Sud, und unverdiente Aufmerksamkeit suppt einem entgegen. Ich stelle mir das in meinem Falle so vor: Ich lasse einige Journalistenfreunde entsetzt darüber schreiben, daß sie sich von mir Pottsau distanzieren wegen der schlimmen Dinge, die ich in meinem neuen Buch schreibe. Wie ich denn Frauen so beleidigen könne. Abgesehen davon sei das Thema ja auch so was von. Also wirklich so was von. Ich lasse einige getürkte Interviews durchsickern, in denen ich Sachen sage wie: "Ob ich was gegen die Frauenbewegung habe? Nö, wäre doch scheiße, wenn sich die Weiber beim Vögeln nicht bewegen würden, höhö!" Ich dürfte nicht vergessen, Alice Schwarzer zu beleidigen (obwohl die das derzeit ja schon selber besorgt, höhö, oh, jetzt fange ich schon damit an...), und um ganz sicher zu gehen, daß es auch bestimmt einen Eklat, wenn nicht sogar einen Eclair gibt, sollte ich einige getürkte Feministinnen mieten, die bei Lesungen Halligalli machen. Im Lesesaal lasse ich ganz unauffällig Kisten mit reifen Tomaten deponieren und warte auf den Ketchup. Den Ketchup wasche ich ab, setze mich stumm grinsend an den Rand und kassiere die Kohle. Wenn ich nicht jeden Morgen in den Spiegel kucken müßte, würde ich das ganz bestimmt so machen... Wohlsein!

090910

Nach langer, langer Zeit habe ich endlich mal wieder einen Gästebucheintrag bekommen! Ist das nicht schön? In diesem Gästebucheintrag werde ich darauf hingewiesen, daß hier nichts mehr los sei. Da könne ich den Kappes auch dichtmachen. Hmmh. Okay. Das stimmt schon - hier ist wirklich nicht mehr viel los. Woran das liegt? Danke der Nachfrage. Also, das liegt daran, daß ich ein eigenes Leben führe. Dieses Leben - eine nicht enden wollende Butterfahrt in den Glamour! - eignet sich nicht immer zur Verdichtung. Soll heißen, es passiert nix, und wenn was passiert, lohnt es keine Meldung. Dem Passierenden wohnt kein sittlich-moralischer Nährwert inne. Man kann das aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten: Vielleicht bin Ich ja barmherzig, weil ich den Leuten nicht allen deprimierenden Talmi zumute, der sich in meiner Existenz zuträgt. Vielleicht genieße ich für einen kurzen Moment - der durchaus Jahre dauern darf, wenn er möchte - auch das befreiende Gefühl, von meiner Leserschaft ganz falsch wahrgenommen zu werden - als erfolgreicher Starautor, als mulmige Randexistenz, als armes Würmchen, das weinend in seiner Wohnung hockt und greint: Mami, ich versinke im Müll! Wir alle spielen ja Rollen, und in der Regel kriegen wir gar nichts davon mit. Wenn ich in den knapp 10 Jahren, die ich jetzt mit dem Internet vertraut bin, etwas gelernt habe, dann doch den Umstand, daß ausnahmslos jeder, der sich dort produziert, eine Rolle spielt. Das reicht vom verpickelten 16-jährigen Soziopathen in Ausbildung, der sich "Whitemaster88" oder so nennt und in Foren auf die Kacke haut, bis zum blumigen Erweckungsprediger, der mit dem Honigeimer umherzieht und die Wahrheit verbreitet. Vielleicht bin ich ja mal für eine gewisse Zeit etwas ernüchtert und konzentriere mich auf mein Leben, näch. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur faul! Mit absoluter Sicherheit aber bin ich jemand, der für den Großteil seiner Aktivitäten keine Kohle bekommt. Ich finanziere mich fast ausschließlich über Waffengeschäfte, Drogen und weißen Sklavenhandel. Ein positives Echo auf mein Gekritzel habe ich ausgesprochen selten erhalten. In der Regel waren da nur teils fordernde, teils gekränkte Mails, die sich darüber beklagten, daß ich die TV-Woche habe einschlafen lassen. Kennt Ihr noch Kunta Kinte? Aus "Roots"? Diese TV-Serie über eines der düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte? Also, ich bin nicht Kunta Kinte noch verspüre ich eine übergroße Lust, es zu werden! Daß jetzt ausgerechnet eine Wortmeldung, die meine Texte geringschätzig als "Kappes" bezeichnet, zu einem Lebenszeichen meinerseits führt, hat damit zu tun, daß sie diese respektlose Tendenz, zu konsumieren, ohne was wiederzugeben, ziemlich auf den Punkt bringt. Das ist kein internetspezifisches Phänomen, aber erst seit dem Siegeszug des Internet erfuhr es höchstes Raffinement. Um das klarzustellen: Ich fühle mich geschmeichelt, wenn man meine Texte liest und ihnen auch etwas abgewinnen kann. Ich denke, daß das der einzige Grund ist, weshalb man überhaupt öffentlich etwas produziert - man möchte andere Leute beeinflussen. Man möchte etwas von dem eigenen Sinn für Schönheit weitergeben. Das ist einerseits etwas überheblich, denn man weiß natürlich nicht, ob die jeweiligen Äußerungen nach Käsfuß und ungelüfteter Unterhose riechen. Vielleicht liegt man ja auch komplett falsch. Andererseits steht am Ende des Lebens der Tod, und das Wurmfutter in spe kann - so es nicht an Engel mit Flügeln und bärtige Männer mit Donnerpfeilen in der Hand glaubt - nur auf diese Weise sinnreich wirken - indem man andere beeinflußt. Manch einer macht das auf sehr praktische Weise, z.B. als Schuster oder Bäcker. Die Welt kann ohne meine Texte leben, aber nicht ohne die Schuhe oder die leckeren Brötchen! Wenn ich Mußezeit habe, treibe ich mich häufig auf fremden Webseiten rum, ich lümmele mich herum, ich streune von Tür zu Tür, und überall dort, wo es mir gefällt, sauge ich etwas auf und lasse mich beeinflussen. Ich liebe es, mich beeinflussen zu lassen! Wenn es ein Beeinflussungsventil gäbe, so würde ich es volle Kanne aufdrehen. Nicht aber treibe ich mich dort herum, wo es mir nicht gefällt. Ich habe früher mal einzelne Haßmails bekommen von Leuten, die offensichtlich einen ziemlichen Hals auf mich hatten, warum auch immer. Ich unterstelle mal, daß die in Wirklichkeit einen Haß auf ganz wen anders hatten und sich dachten: Na ja, der Mann ist so dick, auf den kann man das gut projizieren. Das ist ja auch in Ordnung. Nur, was mich faszinierte: Aus den vor Verachtung triefenden Äußerungen ging zweifelsfrei hervor, daß sich diese Leute sehr eingehend mit meiner Seite beschäftigt hatten. Die hatten Texte gelesen, von denen ich schon gar nicht mehr wußte, daß sie noch auf der Seite waren! Analog dazu gibt es - u.a. auf Facebook, wo ich jetzt meistens herummeiere - viele Menschen, die sich auf eine fremde Seite begeben, wo der Betreiber gerade einen Film, ein Buch, ein leckeres Essen hochleben läßt, und schreiben dahin: "Ich finde das SCHEISSE!" Warum haben die Leute so ein großes Vergnügen daran, auf fremden Türschwellen Kackhaufen zu hinterlassen? Eine Auseinandersetzung, fein, fetzen macht Spaß. Gehaltvolles Fetzen zwingt aber dazu, sein Gegenüber zumindest zu respektieren, als Menschen wahrzunehmen. Ist dies nicht der Fall, handelt es sich zweifellos um eine nicht an die solchermaßen angepflaumte Person gekoppelte Zwangshandlung, von der ich nicht weiß, was das soll. Ehrlich - ist marsianisch für mich! Ich ärgere mich darüber nicht einmal mehr, ich schüttele nur verwirrt den Kopf. Ich lasse das jetzt mal mit dem Kappes. Das alles nur als Erklärung dafür, weshalb ich mich hier so rar gemacht habe. Wenn ich wichtige Dinge zu vermelden habe, werde ich mich auch wieder häufiger melden. Es ist immer und zuallererst eine Frage der Lust.

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Ich bin immer noch für den "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega" tätig und mache mich dort wichtig. Als Beleg dafür mag dieser kurze Bericht über unser Spezial-Event "Motel Madness" dienen. Auf YouTube habe ich ein kurzes Video eingestellt, das die mit diesem Event zusammenhängende "Modenschau" dokumentiert. Im Moment bereiten wir uns seelisch auf Blut und Gedärme vor, da der dritte Teil unserer Doktor-Trilogie u.a. Udo Kier in einem von Andy Warhol präsentierten Klassiker beeinhaltet.

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Mein Buch über amerikanische P-Filme der 70er steht offenbar kurz vor der Vollendung! Ich habe vorgestern die ersten Schriftproben vorbeigeschickt bekommen. Es ist immer ganz was Besonderes, wenn man den eigenen Text auf einmal fertig gelayouted sieht. Schneuz. Sieht so aus, als würde jetzt doch noch etwas aus dem Projekt werden. Fein! Anvisiert hat der Verleger den Oktober. Ob das klappt, wird man sehen. Ich werde aber überall - sogar hier! - die Posaunen erschallen lassen, wenn det Dingen geschlüpft ist, Popo gepudert, frisch gewickelt, die janze Chose. Für die Veröffentlichung mußte übrigens aus Platzgründen etwa ein Fünftel der Rezensionen weichen. Einen Teil der "Outtakes" werde ich zu einem Artikel für die "Splatting Image" umfunktionieren. Die gesamten Restbestände werde ich aber an geeignetem Ort online stellen, worüber ich noch informieren werde. Ich plane die Errichtung eines Porno-Paradieses mit zahlreichen Neuzugängen, die sich im Laufe der letzten Monate ergeben haben. Außerdem plane ich einige Interviews mit Leuten, die ich seitdem kennengelernt habe, z.B. einer tollen Frau, die nicht nur am ersten "Blaxploitation"-Porno der Filmgeschichte beteiligt war, sondern auch an Melvin van Peebles´ großartigem SWEET SWEETBACK´S BADASSS SONG. Es wird wohl auch eine Lesetour geben, auf der ich aber weniger aus meinem Buch vortragen werde, sondern eher eine Vorlesung über die Pornogeschichte anstrebe, mit Filmbeispielen, die ich aber einigermaßen züchtig halten werde. Niemandem ist mit einem lüstern schnaufenden Vortragenden gedient! Außerdem werden mich nach Erscheinen des Buches eh alle für Graf Porno halten, obwohl ich mir seit einigen Jahren keinen einzigen mehr ausgeliehen habe. Das wird lustig!

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Da es mit Sicherheit viele Leute gibt, die weder auf Facebook noch auf Myspace aktiv sind, habe ich eine weitere Galerie angefügt, in der die Verheerungen zu studieren sind, die die letzten Jahre meinem Gesicht haben angedeihen lassen. Wohlsein!


Kappes reloaded

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