170212
Ein paar Stunden zu früh
verfaßt, aber ich stelle den Text mal trotzdem ein:
Eine durchweg
degoutante Affäre steuert nun ihrem wohlverdienten banalen Ende
entgegen. Der Bundespräsident wird scheiden, und zwar nicht mit
einem Knall, sondern mit einem Wimmern. Auch wenn die ihn begleitende
Meute nicht das bekommen sollte, was sie sich am sehnlichsten
wünscht – neue kompromittierende Enthüllungen und einen
Schuldspruch mit Karzer, Wasser und Brot –, so wird unterm Strich
dasselbe herauskommen: Er wird zurücktreten müssen. Sei es,
um eventuell anstehenden Enthüllungen zuvorzukommen, sei es, um
weitere Belastungen von sich und seiner Familie abzuwenden.
Schloß Bellevue wird einen neuen Namen am Klingelschild tragen.
Wie korrupt
auch vorangegangene Kollegen von ihm gewesen sein mögen – an
Christian Wulff haben sich die Gemüter erhitzt wie an keinem
zweiten. Ob er tatsächlich so viel mehr verbrochen hat als andere
vor ihm, vermag ich mangels Insiderkenntnissen nicht zu beurteilen. Ich
glaube fest daran, daß Macht den Charakter verdirbt. Man
gewöhnt sich an die Privilegien, die man sich aufgrund von harter
Arbeit verdient haben mag oder auch nicht. Dann werden einem
Zusatzvergünstigungen zuteil, die man auch mal so mitnimmt. Das
erste Mal tut immer am meisten weh, und selbst dann befindet man sich
vermutlich bereits auf einer sachten Wolke aus Novocain. Es wird mit
Sicherheit immer leichter bei den darauffolgenden Malen, und einer
Schuld ist man sich vermutlich in den meisten Fällen nicht
bewußt. Man durfte das bei zahllosen anderen Kanonen bereits
verfolgen, und viele von diesen Leuten erfreuen sich bereits wieder
hoher gesellschaftlicher Anerkennung.
Ob Wulff Dinge
getan hat, die rechtlich relevant oder auch nur unmoralisch sind,
hätte man im Rahmen einer nüchternen Untersuchung und Analyse
feststellen und gegebenenfalls die angemessenen Konsequenzen einleiten
sollen. Dies wurde versäumt. Das lag auch zum Teil an Wulffs
eigener Ungeschicklichkeit im Umgang mit dieser ganzen Angelegenheit.
Als Bundespräsident hat er sich für mich durch seinen
eklatanten Mangel an Souveränität disqualifiziert, den er an
den Tag gelegt hat. Ich wäre nicht unbedingt souveräner
gewesen, aber ich bin ja auch schließlich kein
Bundespräsident, sondern nur Frittenkoch. Wulff ist ein
Vier-Sterne-General und hat es in der Vergangenheit nicht
versäumt, die moralischen Verfehlungen anderer an den Pranger zu
stellen. Mein Mitgefühl hält sich somit in Grenzen.
Was mich an der
ganzen Causa Wulff aber so richtig angewidert hat, ist das Verhalten
meiner Mitmenschen. All der fackelschwingenden Dörfler, die sich
seit Anbeginn dieser leidigen Geschichte dem Wulff an die Fersen
geheftet haben, um ihn zur Strecke zu bringen. Von Wulff-Verteidigern
wurde in den unzähligen Talkshows gerne von einer „Kampagne“
gesprochen, von einer „Hetzjagd“. So ganz unrecht haben jene
natürlich nicht, denn wer ernsthaft meint, sowohl Medien als auch
Publikum hätten diesen Kackeregen nicht mit einem gewissen
wohligen Gefühl im Bauch absolviert, hat eine sehr blauäugige
Sicht der Dinge. Fakt ist, daß die Causa Wulff und ihre
Medienrezeption schlicht voneinander zu trennen sind. Es handelt sich
um völlig unterschiedliche Sachverhalte. Wenn Wulff Mist gebaut
hat, muß er gehen, Punkt. Ob man sich als Verfolger aber komplett
zum Jockel macht, zum moralisierenden Säulenheiligen, der trotz
Belferei in seinem Privatleben einem „Upgrading“ durchaus nicht
abgeneigt wäre und Vorteile gerne mitnähme, das liegt
wahrlich bei einem selber. Ich habe selten dermaßen viele
Hügel aus ersten Steinen gesehen wie im Zusammenhang mit dieser
Affäre.
Die Medien sind
mit gutem Beispiel vorangegangen und haben ein Dauerfeuerwerk
entzündet, das einem besonders umfangreichen Exkrement glich, das
in den Ventilator geworfen wird. Abseits der völlig ehrbaren und
wichtigen Arbeit der Investigativjournalisten, die Mißstände
aufdecken und benennen und Konsequenzen einleiten, gab es täglich
einen Knüppel aus dem Sack, völlig gleichgültig, ob
etwas Neues passiert war oder auch nicht. Das Nachrichtenmagazin, das
ich täglich konsumiere – Spiegel-Online –, brachte es manchmal auf
5 neue Artikel pro Tag, geschickt über alle Ressorts verteilt:
Schlagzeilenmeldung, Politik, Kommentar, Kolumne, Kultur („Komödie
über Wulff geplant“), Netzwerk („Verb Wulffen erobert das
Internet“) oder Sport („Boris Becker über Wulff“). Auf
Wissenschaft habe ich umsonst gewartet. („Wulff-Gen entdeckt:
BILD-Chefredakteure beleidigen vererbbar“ oder so was...) Wer das
für eine angemessene, nüchterne Analyse hält, glaubt
vermutlich auch an den Weihnachtsmann. Fakt ist aber, daß die
Medien so funktionieren. Jeder frei dilettierende Politanfänger
weiß das, und Wulff hatte sich lange genug der BILD-Zeitung
bedient, um es besser zu wissen. Mich persönlich hat es nicht
überrascht, wenngleich ich schon baff war ob der Plattheit und
Uneleganz, mit der dies erfolgte. Man denkt ja immer, irgendwann
schlucken die Leser es nicht mehr, aber das ist ein Trugschluß.
Leser schlucken alles, mit Angelleine und Haken. Daß SpOn sich so
bereitwillig auf das Niveau der Niederungen des Boulevardjournalismus
begibt, zeugt wenigstens von einer gewissen Aufrichtigkeit.
Was einem in
den Leserkommentaren, der Stimme des sogenannten „Mannes von der
Straße“, entgegenrief, war aber kein Zorn, sondern richtiger
Haß, bei dem ich mich nur erschreckt fragte, wo er denn herkommt.
Na klar, es gibt in jedem Land eine Fraktion, die schäumend nach
Wiedereinführung der Todesstrafe geifert – laß´ das
Verbrechen nur abscheulich genug sein, und der Mensch wird wieder zum
Tier. Mir scheint es aber in meiner direkten Umgebung, unter all den
Menschen, die auf der Straße herumlaufen, ein gruseliges
Potential für Haß zu geben. Teilweise wird das generiert
worden sein durch das Versagen der politischen Klasse, die die
Weltbevölkerung durch unermüdliche Lobbyarbeit in eine
beispiellose Wirtschaftskrise hineinlaviert hat. Teilweise wird auch
der immer weiter angestiegene Leistungsdruck und das gnadenlose „Haste
was, biste was!“ des letzten Jahrzehnts, das auch an den Schulen und
Unis immer bedenkenloser Kinder und Heranwachsende versaut und zu
Einzelkämpfern macht, sein Scherflein zu dieser mißlichen
Entwicklung beigetragen haben. Wenn Politiker sich als Hanswursten
entpuppen, entpuppen sie sich zuallererst mal als Menschen. Menschen
neigen zu Fehlern. Das macht sie komisch. Sie sind dann gegebenenfalls
nicht mehr dafür geeignet, Führungspositionen einzunehmen
(außer in der Wirtschaft, wo Unehrlichkeit traditionell belohnt
wird), aber mit ersten Steinen sollte man sich als nachdenkender
Zeitgenosse eigentlich zurückhalten.
Mir ist Wulff
so egal wie Schnee auf dem Himalaya, aber die ganze Häme, die
Bereitschaft zur Gehässigkeit, die immer nur einen Schritt
entfernt zu sein scheint von Gewaltbereitschaft, finde ich ekelhaft!
Wie soll man seinen Kindern beibringen, daß Respekt vor den
Mitmenschen seine Früchte trägt und letztlich die sinnvollere
Lösung ist, wenn allerorten mit Schmackes die große Freude
des Kackewerfens abgefeiert wird? Wenn die Leute so offensichtlich
desinteressiert sind an einer sachgerechten Aufarbeitung, haben sie nur
genügend Knüppel zum Draufdreschen im Handgepäck? Die
Menschen haben das schon immer gut gekonnt, auch in den dunklen
Perioden nicht nur unserer Geschichte. Zu feiern wäre doch einzig
ein Lernprozeß, eine Hinbewegung zu zivilisiertem Verhalten. Von
diesem Lernprozeß kann ich aber nichts erkennen. Was man erkennen
kann, ist das Gesetz des Mobs, das Bellen im Rudel: Wuff, Wulff, Wuff!
Der Seiber fließt in Strömen, und ob die Gesellschaft
genügend Serum gegen eventuelle Tollwutviren parat hält,
weiß ich nicht so recht.
Was genau bei
der nun vermutlich folgenden Untersuchung herauskommen wird, ist mir
relativ egal. Wulff war für mich als Bundespräsident schon
aufgrund seiner Behandlung der ganzen Affäre verbrannt. Wie soll
so jemand noch glaubhaft über Medienfreiheit etc. referieren und
als moralischer Trendsetzer der Nation wirken können? Die
Attitüde, die man ihm und sogar seiner Frau gegenüber an den
Tag gelegt hat, empfinde ich allerdings als niedrig und
überdenkenswert. Das Amt des Bundespräsidenten ist für
diese Gesellschaft relativ bedeutungslos, vergleicht man es mit der
Bedeutung, die der alltägliche Umgang mit Mitmenschen für
jeden haben sollte. Auch für jene, die es vorziehen, bei jeder
Steinigung in der ersten Reihe zu stehen und fröhlich
mitzuschmeißen. Gerade für die. Es könnte einen
irgendwann auch mal selber treffen.
160911
120911
Der nächste Stargast im "Geheimnisvollen
Filmclub Buio Omega" - jetzt am Samstag!
220811
Nachrufe sind immer eine gruselige Angelegenheit. Der Gedanke, der
hinter solchen Übungen in Fruchtlosigkeit steht, wenn man das
Leben von jemandem in einen knapp bemessenen Text hineinpacken will,
scheint der Irrglaube zu sein, daß die menschliche Existenz sich
auf einen Staffellauf von der Wiege bis zur Bahre zusammenfassen
ließe. Man zieht dann ein Lebensfazit, wie ein Buchhalter. Das
sind die Ausgaben, und hier sind die Erträge. Unterm Strich eine
hübsche, runde Summe. Oder diese Geschichte mit der
Lebensleistung: Wenn einem Gott oder Gaia oder Gigi die Zauberente eine
bestimmte Lebensfrist geschenkt hat, dann hat man gefälligst was
Ordentliches damit anzufangen. Los! Mach´! Jetzt aber! Ein Film
muß einen Anfang, eine Mitte und einen Schluß haben, am
besten nicht alles auf einmal. Auf die Leistung kommt es an.
Schließlich handelt es sich ja um einen Staffellauf.
Die meisten Existenzen verlaufen bezaubernd formlos, und wann immer man
meint, sein Leben so richtig durchplanen zu können und im Griff zu
haben, so stößt man irgendwann an Grenzzäune, über
die man nicht mit einem eleganten Schwung hinwegsetzen kann. Humor hat
sehr viel mit eben diesen Grenzen zu tun, mit jenem häufig
herzzerreißenden Widerspruch zwischen dem, was man sich
vorstellt, und dem, was tatsächlich ist. Es ist das ewige Kreuz
von Humorbegabten, daß es nicht sonderlich glücklich macht,
die Unvollkommenheiten der menschlichen Natur zu sehen. Wenn man sogar
Humorschaffender ist, zahlt es sich aus, Kabarett zu machen, denn dann
kann man die eigene Verflechtung mit dem, was man verlacht, häufig
durch eine saftige Dosis Besserwisserei und Fingerzeigen unkenntlich
machen. Doch tief in sich drin weiß jeder, daß er eine
Knollennase hat. Und sei es nur im Herzen. Deshalb gibt es auch so
viele depressive Komiker.
Eine echte Ausnahme scheint mir der Herr von Bülow gewesen zu
sein. Von seinem Privatleben gab er nur wenig Preis. Wenn man an ihn
denkt, geben sich Begriffe wie „dezent“ und „stilvoll“ die Klinke in
die Hand. Er wirkte stets ausgeglichen, sanft und nachsichtig. Nicht zu
glauben, daß er in den 50er Jahren, als er seine
Knollennasenmännchen erstmals veröffentlichte, aggressiv
angefeindet wurde, da er die Menschheit nach Meinung so einiger in
einem unvorteilhaften Licht zeigte. Auch die späteren
Fernsehsachen, die ihn so beliebt machen sollten, zehren von der
tiefempfundenen Einsicht, daß der Mensch – entgegen allen
anderslautenden Gerüchten – nicht die Krone der Schöpfung
ist, sondern über seine Schwächen tagtäglich stolpert.
Die Höflichkeit und Liebenswürdigkeit, die er in seinen
Präsentationen zur Schau stellte, halfen vielleicht, seine
Beobachtungen zugänglicher zu machen. Dabei half ihm viele Jahre
lang die grandiose Evelyn Hamann, die die kleine Loriot-Familie
vervollständigte. Ob bei den Hoppenstedts oder den vielen anderen
Paarungen des Loriot´schen Schaffens – die Zuschauer mochten sich
mit dieser Familie identifizieren. Es gab keinen anderen Humoristen,
der sich eines dermaßen breiten Zuspruchs erfreuen konnte. Das
sanfte Lächeln des Herrn von Bülow – rätselhafter als
jenes der Mona Lisa – fand Eingang in die Herzen nicht nur meiner
Generation und trieb dort schöne Blüten.
Ich bin gar nicht so traurig, daß der Herr von Bülow nun
nicht mehr ist. Es ist tragisch, wenn ein Mensch sterben muß,
bevor er seine Wünsche realisiert hat. Wenn ein junger Musiker,
Schauspieler, Schriftsteller sich an den Grenzen den Kopf einrennt oder
ihm einfach keine lange Lebenszeit vergönnt ist. Loriot hat keine
klar abgrenzbare Lebensleistung vorzuweisen, und es ist auch kein Fazit
zu ziehen, denn seine den Menschen betreffenden Beobachtungen sind
überall. Sie werden noch ganz lange die Menschen beeinflussen,
ihnen Freude schenken, ihnen Trost spenden – kurz, einen Sinn für
Schönheit und Wahrheit vermitteln. Wenn ich an Vicco von
Bülow denke, so tue ich dies mit der größten
Hochachtung und tiefer Dankbarkeit. Er zeigt in seinen Werken,
daß das Leben trotz aller Grimmigkeiten eine leichte und
spielerische Angelegenheit sein sollte, und daß es halt nicht
darum geht, eine Staffel von Hüh nach Hott zu schleppen. Er tut
dies mit Anmut und Klugheit. Seine Kinder hüpfen alle lustig in
der Gegend herum, und ich hoffe, daß sie niemals erwachsen
werden.
130411
Der Starruhm
ist nicht mehr aufzuhalten...
120411 c
Ich möchte auf dreierlei hinweisen: a) den netten Text
von Benjamin auf "Spiegel Online", b) das nette Radiointerview
von Anja vom WDR und c) den Bericht über
das Hamburger Event von Thorsten auf Cinema 8.
120411 b
Wenn einer eine
Reise macht, dann kann er was erzählen. Dies gilt besonders
für Reisen, die die Dienste der Deutschen Bahn beanspruchen. Aber
auch die österreichischen Kollegen sind immer für eine
muntere Schnurre gut und wärmen das Herz des Referierenden an
Tagen des äußeren oder inneren Frostes. „Wenn Stein und Bein
vor Frost zerbricht, wenn Teich´ und Seen krachen“, wie das bei
Matthias Claudius heißt. Der alten Schnapsnase.
Wie üblich
setzte ich mich viel zu spät ins Taxi, denn ich bin ein
Letzter-Drücker-Mann. Durch ein mittleres Wunder erreichte ich
gerade noch rechtzeitig den Zug. Eine Reise von immerhin 11 Stunden
Dauer will gut geplant sein. Dies liegt unter anderem an den
Reservierungen, die man kurz vor Beginn der städteverbindenden
Gleispoliererei nicht mehr tätigen kann. Früher gab es da mal
so Täfelchen am Fensterplatz, in welche die Reservierungen
keß hineingeschoben wurden. Da die Bahn mit der Zeit geht,
funktioniert mittlerweile alles automatisch, und die Täfelchen
schieben Frust und müssen sich mit ihrem neuen Dasein als
nostalgische Deko-Elemente anfreunden. Die neuen Reservierungsanzeigen
funktionieren allerdings nicht immer, und wenn die digitale Tafel
schwarz bleibt, lebt der saumselige Fahrgast in der steten Angst vor
Vertreibung: „Sie, das ist mein Platz, auf dem Sie sitzen! Würden
Sie bitte aufstehen?“ Einfach kann halt jeder. Mit Glück erhascht
man einen Platz, auf dem man in Frieden einnicken kann, sollte man in
der Nacht kein Auge zugetan haben, wie nicht genannte Hobbyautoren mit
Österreichwunsch.
Etwa 6
Umsteigevorgänge und 11 Stunden Fahrt später kam ich an und
stieg ab in einem Hotel, das einen hochfahrenden Namen trug. Die Ehre
der Namensnennung will ich dem Etablissement aber nicht zukommen
lassen. Mit einem rätselhaften Grinsen bekam ich ein Zimmer namens
19 zugeteilt, das weder über ein WC verfügte noch über
eine Dusche. Über 11-Stunden-Zugfahrten sollte man nämlich
folgendes wissen: Man möchte danach in Ruhe kacken. Das sogenannte
„Mist-Telefon“, für das auf allen Wiener Abfallkübeln Werbung
gemacht wird, ist nämlich nicht für jeden Dreck
zuständig. Immerhin kann man auf diese Weise sogleich Kontakt
aufnehmen zu anderen Touristen. („Dauert´s noch lange?“) Das
Zimmer des Hotels „Königskübel“ (sinngemäß, Name
der Redaktion bekannt) erfreute das Herz aber durch andere Schmankerln,
wie etwa die ausladende Handtuchkralle, die etwa in Augenhöhe
angebracht war und mich fast in einen Zyklopen verwandelte. Am
nächsten Morgen schacherte ich erbittert mit der Rezeption, die
mich flugs in einem neuen Zimmer unterbrachte. Dies besaß
ebenfalls kein Klo, hatte dafür aber einen Ausblick auf einen etwa
2 mal 2 Meter messenden Innenhof, der einem Kaminschacht aus alten
Dickens-Novellen glich und einen dazu anhielt, am hellichten Tage das
Licht einzuschalten. Was soll´s, ich wollte ja Wien kucken. Also
raus. Wien beeindruckte durch exzellente Flaniermeilen,
weltberühmt bei allen Flanierraupen. Ich bin traditionell
desinteressiert an historischen Steinhaufen, an den klassischen
Touristenattraktionen. Sieht man einmal von wirklich eindrucksvollen
Ausnahmen ab, etwa der Indianerstadt Machu Picchu, sehen solche Gebilde
meistens fesch aus, sind nett zu fotografieren, aber die Fotografien
sind bereits beim Ankucken leblos und öde. Viel lieber kucke ich
mir die Leute an, nehme ihren Rhythmus in mich auf. Es gibt auch
tatsächlich noch viele echte Wiener in Wien. Der Wiener dünkt
mir recht entspannt. Vorbildcharakter besitzt seine Schmerzfreiheit an
überfüllten Ampeln: Selbst wenn dort 30 Menschen oder mehr
brav vor dem roten Mann stehen, stolziert er gern mitten über die
Straße, die Anwesenden mit Verachtung strafend. Selbst
Mütter mit kleinen Kindern machen das, um den Jungsprotten bereits
früh den Weg zur Selbstbestimmung zu ebnen (oder zu einem Grab).
Die bevorzugte Flanierhaltung erfordert übrigens eine Hand in der
Hose, will sagen, der Hosentasche, sonst wird man verhaftet.
In den Auslagen
der DVD-Geschäfte liegen keine Schwarzenegger-Metzeleien, sondern
auch schon mal morbide Außenseiter-Produktionen wie HAPPINESS von
Todd Solondz. Begeistert hat mich ein Hotel namens Kummer, das stolz in
den Himmel ragte. Der war übrigens nonstop sonnig und angenehm,
während warmer Wind in Orkannähe toste. Pollenflug war hier
kein Fremdwort, aber ich hatte ja Taschentücher dabei. Nur das
Anzünden der Zigaretten gestaltete sich schwierig. Ich möchte
übrigens eine Lanze brechen für die österreichische
Frau: Weibliche Schönheit ist in durchaus beeindruckender
Quantität wahrnehmbar. Woran das liegt, weiß ich nicht. Ich
möchte allen österreichischen Frauen nahelegen, mich zu
besuchen, denn im Ruhrgebiet werden sie sich fühlen wie
Schönheitsköniginnen! Ich selber sah leider aus wie ein
Kaminschacht aus alten Dickens-Novellen, aber da kann man nichts
machen.
Der Kaminschacht
hievte sich zum Veranstaltungsort. Der hieß „Folge Eins“, und man
konnte sich dort auch die Haare schneiden lassen, denn es handelte sich
um einen Frisiersalon mit kulturellen Ereignissen. Wäre ich
Wiener, würde ich dort andauernd hingehen, denn der Laden gefiel
mir wirklich prima! Dasselbe gilt für Juli (=Inhaberin) wie auch
Alex (=Juli-Freund und Keßler-Einlader), die sogleich anfingen,
mich mit Kaffee und Nettigkeit zu verwöhnen. Das Publikum
träufelte bald ein, und so hauchte ich bald ein „Hallo, Wien!“ ins
Mikrofon. „...ist am 31. Oktober!“ sagte zum Glück keiner, denn
dumme Wortspiele sind ja mein Gewand. Die in dieser Beziehung
äußerst dankbare Ähnlichkeit der Worte „Leinwand“ und
„leiwand“ verkniff ich mir, denn ich wollte ja keine Schläge
beziehen. Ich hatte Gelegenheit, mit vielen netten Leuten zu schnacken,
und hernach begaben sich Alex & Juli, ein nettes Freundespaar und
andere sympathische Leute mit mir in eine Kneipe, wo dem Gerstensaft
und anderen sinnvollen Flüssigkeiten zugesprochen wurde.
Schön war´s in Wien!
Erstaunlicherweise
gelangte ich rechtzeitig zum Zug und machte mich auf nach München.
Erneut genoß ich die schöne Aussicht, denn draußen
setzte es den ganzen Aussichtskram, also Berge, Bäume und Wiesen.
Angemerkt sei, daß die Zugstrecke auf der Höhe von Linz
direkt an einem Friedhof vorbeiführt, wo´s nichts ist mit
ewiger Ruhe. Und dann begann auch schon bald die Affäre Salzburg.
Kurz vor Salzburg kam nämlich eine Durchsage, daß alle
Anschlußzüge bereitstünden. Auf dem Salzburger Bahnhof
(der infolge eines jüngst erfolgten terroristischen Anschlages
eine einzige Baugrube ist) bekam man dann aber zu hören, daß
der Zug nach München „aufgrund von Verspätungen“ leider
entfiele. Sonst nix. Päng! Bahnmitarbeiter suchte man vergebens,
sieht man von einem stark an Rick Moranis in GHOSTBUSTERS („Ich bin der
Schlüsselmeister!“) erinnernden Vollhonk ab, der von nichts eine
Ahnung hatte und somit nur als Watschenmann für die erzürnten
Reisenden zugegen war. Ich setzte mich hin und rauchte. In meinen
Gedanken scharrte das verwaiste Münchener Publikum mit den
Füßen und schärfte die Stilette. Immerhin gab es
ausladende Rauchzonen, keine kleinen gelben Quadrate wie in Köln
oder Frankfurt. (Warum nicht mal Dreiecke, liebe Bahnhofsplaner?)
Salzburg beeindruckte durch die Salzburger Tauben, die von seltener
Farbenpracht sind, was man auch von ihren Ausscheidungen behaupten
kann. Nach wenigen Stunden bekam ich einen Anschlußzug, dessen
Atmosphäre entschieden aufgelockert wurde von einem betrunkenen
Spaddel mit Akkordeon, der die Reisenden in Rosenheim mit
volkstümlichen Weisen begeisterte. Ich vergrub mich im Sitz.
Erwähnt werden sollte auch das Kind mit Piepsmaus, das für
sich gesehen sehr niedlich war. Eltern, die Kindern Piepsmäuse
schenken, sollten sich aber darüber im klaren sein, daß sie
sich diese Piepsmäuse dann stundenlang anhören dürfen.
Kinder sind sehr monomanische Piepsmausbenutzer. Auch einige
chinesische Kinder gefielen durch extreme Niedlichkeit. Mir fiel aber
erstmals auf, daß chinesische Kinder offenbar Kiemen besitzen,
denn sie können stundenlang singen, ohne Luft zu holen. Das
wünsche ich mir auch manchmal!
In München
begab ich mich direkt zum Hotel, genauer die Pension
„Gärtnerplatz“ in der Klenzestraße, die ich mal nennen will,
denn sie war wirklich toll! Ein Zimmer, das vor Gastlichkeit dampfte,
ein Rauchereckchen im Innenhof, und eine Bar direkt im Haus, in der es
gegrillte Sandwiches gab, die den Begriff „Sandwich“ weit hinter sich
ließen und zur Köstlichkeit wurden. Die Leute im
nahegelegenen Werkstattkino (Legende!) waren ebenso nett wie die
Freunde in Wien, und das Publikum erwies sich als sehr
pornointeressiert und begeisterungsfähig. Der Aufführung
einer 35mm-Kopie von THE OPENING OF MISTY BEETHOVEN konnte ich aufgrund
der Reisemüdigkeit und der vielen tollen Gesprächspartner
nicht mehr beiwohnen. Ich weise aber darauf hin, daß im
Werkstattkino noch die ganze Woche über Ferkeleien laufen, die man
sich nicht entgehen lassen sollte!
Meine
sterblichen Überreste saßen am nächsten Morgen wieder
im Zug. Es gab wieder viel Landschaft zu kucken. Sollte ich mal drei
Töchter haben, so nenne ich sie Caspar, David und Friedrich. (Oder
– Uraltkalauer! – Johann, Sebastian und Bach. Die dritte hat halt
Pech.) Mitreisende mit großem Erinnerungswert hatte ich keine,
wie etwa die angeknusperte Grünenwählerin aus dem
Frankenland, die auf der Hinfahrt mit lauter Stimme über ihr
ergonomisch geformtes Schuhwerk informierte. Zu essen gab es erneut
eingeschweißte Schmierkäsedreiecke mit
Senf-Honig-Soße. Bumsfallera!
Insgesamt
eine sehr anstrengende Reise von hohem erzieherischem Nährwert,
doch die angenehmen Veranstaltungen und vor allem die netten Leute, die
ich dort treffen durfte, machten die Sache kostbar. Vielen Dank an die
Veranstalter!

Der Fremde im Zug
(fröhlich)

Das schöne Gesicht
des Fremdenverkehrs

Verwackelt, aber fesch:
"Folge Eins"!

Salzburger Taube von
unten: "Jetzt geht´s lo-hos, jetzt geht´s lo-hos!"

120411
Köln ist
eine Stadt, in der ein Dom steht. Den bin ich mal hinaufgeklettert und
hätte mir an einer metallenen Baustrebe (was immer man sich
darunter vorstellen mag) fast die Nasenwurzel gebrochen. Es hat aber
sehr wehgetan. Das war die intensivste Erinnerung, die mich mit
Köln verband, der Hauptstadt des Karnevals und der Narren.
Als ich am
letzten Donnerstag erneut nach Köln fuhr, um dort meine
fragwürdige Kunst vorzutragen, gelang mir die Hinfahrt vorbildlich
und reibungslos. Erst in Köln bekam ich Probleme. Viele
Einbahnstraßen, ein straßenbauliches Geschlängele, das
mich an Köln-Nippes vorbei direkt in die Untiefen eines anderen
Stadtteiles führte. Ich war verzweifelt, wurde vermutlich sogar
einmal geblitzt. Verdammt.
Solchermaßen
vorbelastet, gelangte ich zum „King Georg“, einem Tanzlokal, das an der
ehemaligen Wirkungsstätte äußerst unbedenklicher Damen
errichtet wurde. Man nennt das „Laufhaus“, glaube ich. Die Sünden
von einst, die ja eigentlich keine Sünden sind, wie z.B.
Waffenhandel oder Banküberfälle mit Geiselnahme, sollten nun
durch geschwungene Tanzbeine exorziert werden, was ja eine
vortreffliche Sache ist. Bei mir sollten allerdings keine Tanzbeine
geschwungen werden, zumal ich nicht gut bei Stimme war. Einen ersten
Dämpfer erlitt mein Enthusiasmus, als beim Soundcheck ein Feedback
reingedroschen wurde, das meine eustachische Röhre nahezu
pulverisierte. Hokus Pokus, Tinnitus. Es sollte allerdings bei diesem
ersten Dämpfer bleiben. Die Betreiber des Clubs erwiesen sich als
sehr nett, und was die Location angeht, so möchte ich mal sagen,
daß sie mir für einen Tanzclub feat. lecker
Getränkeausschank sehr lohnend erscheint. Ein freundlicher junger
Mann, der für ein Radio arbeitet, wollte ein Interview machen.
Für diesen Zweck wurde uns eine „Künstlergarderobe“
offeriert, in der mich vor allem ein einsamer und scheinbar bezugloser
Damenschuh faszinierte. Danach strömten die Millionen: Über
70 Leute kamen zusammen, um mich zu hören. Da mußte ein
Irrtum passiert sein. Waren irgendwelche DSDS-Heinis angekündigt
worden? Sei es drum, ich legte mal los. Um mich herum saßen dicht
gedrängt die ganzen Leute. Es war ziemlich voll, zumal die
Verhältnisse beengt waren. Ein paar Leute kannte ich von
früher, ein paar Leute von Facebook, und Thilo und Eric waren auch
irgendwo an der Bar.
Was dann
passierte, weiß ich nicht mehr. Ich trug vor. Dazwischen setzte
es merkwürdige Filmausschnitte. Am Schluß gab es einen
langen, langen Applaus. Der machte mich verlegen. Ich verneigte mich in
alle Richtungen, außer natürlich in die Richtung der
Leinwand. Ein paar Bücher wurden auch noch signiert, von mir,
meine ich. Die Resonanz war sehr freundlich, und das war mir auch sehr
wichtig, denn selbst wenn ich natürlich viele 1000 Mark mit den
Lesungen verdiene, ach was, zehntausende, so mache ich es doch nicht
für das Geld. Ich genieße es sehr, daß jede Lesung
einen komplett neuen Rahmen hat, neue Zuschauer und neue
Überraschungen. Am Schluß drängelten sich die
Discobesucher bereits ungeduldig im Hintergrund, aber ich hoffe,
daß sie der Ausschank von hochgeistigen Getränken etwas
entschädigt hat für das Warten auf den fröhlichen Hupf.
Danach redete ich noch etwas mit den Leuten und trollte mich dann, ein
glücklicher Klumpen Kohlehydrate.
Am
nächsten Tag bin ich noch einmal nach Köln gefahren, da eine
sehr nette Radiojournalistin mit mir ein Interview machen wollte.
Vermutlich bin ich noch einmal geblitzt worden. Da ich zu früh zum
Interview erschienen war, setzte ich mich ein wenig in die Kölsche
Sonne. Eine Bank leistete mir vortreffliche Dienste, eine zum Sitzen.
Ich saß da so, rauchte eine Zigarette und ließ mir die
Sonne auf den struppichten Bart knallen. Und fühlte mich wohl.

Werbung steht und
fällt mit geschickt gewählter Plazierung der Hinweistafeln

Das einsame Los des
Alleinunterhalters
210311
Da ich mir extra für diese Tour eine Bahncard gekauft hatte,
entschloß ich mich dazu, meinen Ostbesuch mit dem Zug zu begehen.
Ich setzte mich früh in Bewegung, drömelte zweitklassig
eingekeilt einige Stunden vor mich hin und erreichte schließlich
den Ostbahnhof. Lang war´s her, daß ich in Berlin gewesen
war. Dort baute ich einst den einzigen komplett selbstverschuldeten
Autounfall meines Lebens. Ich hatte den überaus guten Geschmack,
den Mercedes eines reichen Architekten zu ramponieren. Aber das
gehört nicht hierher. Am Bahnhof empfing mich kein reicher
Architekt, sondern der mir aus dem Internet bestens bekannte Herr Groh,
der eigentlich haargenau so wirkte, wie ich ihn mir immer vorgestellt
hatte – fast zwei Meter Freundlichkeit auf Beinen. Ich hatte gutes
Wetter mitgebracht – es regnete Katzen und junge Hunde. Wir schwommen
zum Veranstaltungsort, dem Kultursalon Roderich. Dort fühlte ich
mich sogleich wie zuhause: Von allen Seiten lugten interessante Filme
hervor, da es sich um eine Bar mit integrierter Videothek handelt,
deren Zusammensetzung den guten Geschmack der Inhaber widerspiegelt.
Wäre ich Berliner, wäre ich Stammgast. Und wäre meine
Oma ein Autobus, dann könnte sie hupen. Auch Cafégäste
waren bereits da. So langsam troddelten dann auch Leute herbei, die der
„Lesung“ beizuwohnen gedachten. Einige davon kannte ich bereits aus dem
Internet und war sehr gespannt, sie mal in natura zu treffen. Die
Zusammensetzung des Publikums ist ohnehin einer der spannendsten Punkte
dieser Tour, denn jedes Publikum ist komplett unterschiedlich. Handelt
es sich um Cineasten, Film-Nerds, zwielichtige Pornohändler aus
dem Ostblock, Partyhopper und Nachtschwärmer, wunderschöne
Frauen, die mich schon immer kennenlernen wollten, um mit mir ein
Traumkind zu zeugen? Man weiß es vorher nie so genau, und je
häufiger ich das mache, umso gewandter werde ich auch im Eingehen
auf die Bedürfnisse der anwesenden Millionen. Da ich ja nicht mit
dem Auto erschienen war, durfte ich auch einige Geselligkeitsbiere
zischen, was mir ein Vergnügen war. Mit dabei war der werte Herr
Buttgereit, der ohnehin zu den nettesten Leuten zählt, die ich auf
dem Filmsektor jemals kennenlernen durfte. Mein Verleger, der
rührige und großartige Herr Schmitz, kam auch bald vorbei.
Als die ganze Sache schließlich begann, waren ca. 50 Leute
anwesend, die auch größtenteils blieben. Die
Unglücklichen, die nicht anwesend waren, können sich den
großen Teil der Veranstaltung im Netz anschauen, da der werte
Herr Höltgen seine Kamera mitgebracht hatte, um mein Gestammele
für die Nachwelt festzuhalten. Ich werde mir das beizeiten mal
kritisch anschauen, auch wenn ich mich etwas davor grusele. Was ich
übrigens erzähle, variiert von Vorstellung zu Vorstellung,
wie ich auch die gezeigten Filmausschnitte regelmäßig
durchmixen werde. So mußte Berlin u.a. auf den vorzüglichen
SOUPERMAN verzichten, in dem Pornodarsteller Marc Stevens ein
völlig bekifftes TV-Interview gibt, das improvisiert und
völlig sinnfrei ist. („Yeah, Fred, I don´t fight crime
anymore because... crime didn´t pay!“) Auch eine Szene aus der
Pornofassung von Dickens´ „Weihnachtsgeschichte“ mußte
weichen, in der Carol Scrooge vom Geist der verkommenen Weihnacht
besucht wird... Die Vorstellung verlief erfreulich. Mir ist immer am
wichtigsten, daß ich das Gefühl habe, die Zuschauer sind
zufrieden und bereuen es nicht, mir beigewohnt zu haben. Ich durfte
noch einige Autogramme malen, was für mich sehr wichtig ist, da
ich ein eitler Fatz bin. Ich gebe mir auch Mühe und denke mir alle
möglichen Sachen aus. Einem der Gäste malte ich einen FLESH
GORDON-Roboter mit Bohrer-Penis in sein Buch. Das bringt auf eBay jetzt
bestimmt einen Euro mehr als vorher! Jörg Buttgereit bekam
natürlich einen Godzilla mit Ständer, den man aber nur mit
sehr viel gutem Willen erkennen kann, da meine zeichnerischen
Fähigkeiten überschaubar sind. Aber der Wille ist es, der
zählt! (=eine meiner Lieblingslügen, hihi...) Gemeinsam mit
den Inhabern des Salons und dem Mann mit dem erigierten Lurch gingen
wir noch in eine Bierschwemme. Im Gedächtnis haften geblieben sind
mir die sehr sauberen Toiletten des Lokals.
Nach einer kühlen Nacht ging es dann auch schon bald weiter – mein
erster Besuch im gebeutelten Osten unseres Landes stand bevor! Wie
würde es dort aussehen? Graugesichtige, grimmige Menschen ohne
Zukunft und Vergangenheit, die – ausländerfeindliches Gedankengut
brabbelnd – durch die Straßen schlurfen, gewaltbereit und
ausgegrenzt? Nicht so: Leipzig ist eine wunderschöne Stadt mit
ungewöhnlich netten Bewohnern! Ich war begeistert! Die Leute auf
der Straße sprechen einen überaus merkwürdigen Dialekt,
der wohl was mit der Region zu tun haben wird. Die Taxifahrer sind
gesprächig und erzählen einem unaufgefordert und nonstop
Anekdoten aus der Wendezeit, interessanterweise aber mit hohem
Unterhaltungswert. Ich bin normalerweise jemand, der seine Taxifahrten
schweigend absolviert und auf maximale Diskretion der Chauffeure baut.
Hier machte das Rundumprogramm aber richtig Spaß, denn die
Leipziger sind spitze! Der Veranstaltungsort nannte sich „Ilses Erika“
und war ein Tanzcafé im Kellerambiente, das sehr retro
eingerichtet war und u.a. zwei schöne alte Fotos von
großmütterlichen Frauen im Barraum hängen hatte. Wer
von beiden Ilse und wer Erika war, weiß ich nicht. Die eine
schaute grimmiger und dominanter. Es dürfte sich bei ihr also um
Ilse handeln. Aber vielleicht verhält es sich auch genau umgekehrt
– man weiß das ja nie so genau... Da ich einige Stunden zu
früh kam, haute ich mich einfach auf ein Sofa, umgeben von
zerborstenen Bierflaschen vom Vorabend, die noch nicht weggräumt
waren, was ich kolossal bequem fand, da es mich an meine Jugendjahre in
Punkschuppen erinnerte. Die Betreiber dieses tollen Ladens waren sehr
relaxed und freundlich, spendierten mir die bisher leckerste Tour-Pizza
(„Hot Scampi“) und bereiteten mich darauf vor, daß die
Büchermesse Publikum bringen oder auch fortziehen könnte. Um
ein Langes kurz zu machen: Bei mir zog sie fort. Es waren vielleicht
fünf oder sechs Leute, die vor mir saßen. Da es sich um eine
relativ kleine Tanzfläche handelte, auf der ein hilfreicher Geist
Stühle aufgebaut hatte, fiel das aber nicht so ins Gewicht. Ich
besiegte meinen inneren Schweinehund und beschloß, mir selber
Spaß zu machen, was immer das Beste ist, wenn man auf eine
Bühne geht. Und tatsächlich troddelten im Laufe der
Vorstellung immer mehr Leute ein, bis das eine richtig nette Zahl war.
Das Publikum reagierte ungewöhnlich wohlwollend. Auf der Liste der
Städte, in die ich irgendwann mal umziehen will, rückte
Leipzig weit nach oben. Danach quasselten ich und Herr Schmitz noch mit
dem sehr netten Chef von Ilse und Erika, wobei ich relativ bald
schlappmachte und um 3 Uhr bereits bettwärts ging. Ich war
ziemlich durch. Am nächsten Morgen wurde ich dann unstet und
bestellte mir bereits um 7 einen der sensationellen Taxifahrer, der mir
von einem Ex-Spion erzählte, den er mal chauffiert hatte, und von
zahllosen anderen Dingen. Merke: Der Leipziger ist bereits um 7 Uhr
morgens frisch und vor positivem Geist vibrierend. Ich vibrierte
Richtung Bahnhof (der größte Europas, übrigens; ein
richtiges Prunkstück!) und erfreute mich an den sehr jungen
Gothic-Frauen, die dort überall herumliefen und sächselten.
An die Zugfahrt kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kam irgendwie
wieder in den Pott, lief dort als allererstes dem Herrn Steinbeck
über den Weg, der gerade vom „Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega“
kam, und setzte mich vor den Fernseher, um bei Werders wichtigem
Auswärtssieg einzuschlafen. Fazit: Zwei schöne Städte
besucht, zwei Auftrittsorte abgecheckt, die beide toll waren, und viele
nette Leute kennengelernt bzw. wiedergetroffen. War sehr anstrengend,
aber das ganze Leben ist anstrengend, und wenn der innere Fotograf
viele schöne Fotos schießen darf, dann hat es sich gelohnt!
In Köln geht es weiter.

Weblink gefällig? Klickst Du hier!
200311
Nürnberg ist eine Stadt, die einst von einem Magier aus Lebkuchen
erbaut wurde. Ich bin vor Äonen durch sie hindurchgegeistert, als
ich regelmäßig einen Freund besuchte, der in Magic Schwabach
wohnte, eine der rockendsten Städte der Welt, wenn man auf
fränkische Exzentrizitäten steht. Denn im Dunkeln munkelt es
sich meistens besonders anmutig. Ich kaufte in Nürnberg einmal
eine 70er-Jahre-Hörspiel-Pornokassette mit dem kryptischen Titel
„Operation Casablanca - Der Pimmel muß ab“, eine Darbietung, die
von einer Geschlechtsumwandlung handelte und wohl zur Sinnlichkeit
animieren sollte. Ein gewisser Doktor Lamambo setzte das Messer an und
schuf Frieden im Geschlechterkampf. Meine Fahrt Richtung Nürnberg
gestaltete sich weitgehend harmonisch. Erst ab Würzburg heizten
die Autofahrer wie die Blöden, wurden unleidig und hektisch,
droschen die Lichthupe rein und benahmen sich wie Bundeswehrrekruten
auf dem Weg ins Bordell. Ein unwürdiges Schauspiel. Ich floß
in Nürnberg hinein und genoß die ersten Regungen meines
frisch erstandenen Handys. Als langjähriger Handyverweigerer waren
das ungewohnte Klänge, und so reagierte ich nicht. Auch in den
nächsten Jahren wird es die Hauptaufgabe meines Handys sein, in
meiner Jackentasche zu verweilen und gelegentlich Geräusche von
sich zu geben. Ich werde es generell nur dann verwenden, wenn ich
selber es zu verwenden gedenke. Wenn mir Zeitgenossen eine
Gruß-SMS oder mulmige Nachrichten zudenken wollen, so bitte ich
schon jetzt um Verständnis dafür, wenn ich nicht abnehme. Ich
will das nicht lernen. Kontakt sollte direkt sein und nicht auf der
Basis von merkwürdigen und gänzlich stillosen, das
unmittelbare Erleben unterbrechenden Geräuschkundgebungen
erfolgen. Ich fand aber irgendwie zum Zielpunkt. Das war nicht einfach,
zumal Lebkuchentürme in finsterer Nacht an mir vorbeiflogen. In
der Innenstadt fragte ich unverzagt nach dem KommKino, aber alle
radebrechten mir nur entgegen, daß sie „nikt spreken deutsch,
nikt von hier“. Die originalen Lebkuchenbäcker schienen
ausgestorben. Selbst im Gebäude, in dem das Kino untergebracht
war, konnte man mir nicht weiterhelfen. Ich fand das
rätselhafteste Kino Deutschlands aber schließlich doch noch.
Die Betreiber erwiesen sich als sehr nette Zeitgenossen, und so fand
die Lesung statt, wenngleich auch nur vor knapp über 10 zahlenden
Franken. In einem italienischen Restaurant hatten wir vorher versucht,
Pasta in uns hineinzuschlingen, aber bevor eine einzige Nudel meinen
Mund betreten konnte, war der in den Programmzeitschriften
angekündigte Zeitpunkt bereits gekommen. Mit komplett
nüchternem Magen betrat ich die Bühne des kleinen Kinos. Im
Vorfeld hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, daß genau
nebenan gerade eine Frauenkinowoche stattfand, und so wäre es
durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen, daß ich von
grimmigen Damen einen auf die Nase bekommen würde. Aber diese
Gedanken stammten von einer echten Mimose von Mann. Die Besucher waren
freundlich, wohlgesittet und vertrauten auf meinen nicht wirklich
frauenfeindlichen Vortrag. Da ich - auf nüchternen Magen - vorher
bereits ein Bier getrunken hatte und die Veranstalter die
gastronomische Weitsicht besaßen, mir während der Show
diverse Biere zukommen zu lassen, geriet der Vortrag sehr flüssig.
Die Vorträge sind übrigens lustig. Mittlerweile gibt es ja
sogar einen davon im Netz (minus Ausschnitte). Da ich das Format des
freien Vortrags gewählt habe, also quatsche, wie mir die Zunge
gewachsen ist, klettert alles an einem Skelett von vorgedachten
Gedanken entlang, aber es passieren ständig neue Sachen, die von
den jeweiligen Veranstaltungsorten beeinflußt werden. Mein erster
Vortrag dauerte ja saftige 3 Stunden lang. Ich lerne jedesmal dazu,
versuche, die Reaktionen des Publikums in meine Planung für die
nächste Veranstaltung einzubeziehen. Da ich nicht wirklich Geld
(im Sinne von Geld!) damit verdiene, ist das eigentlich der wirkliche
Kick, den mir solche Gelegenheiten offerieren. Manchmal zahle ich sogar
drauf. Ich bin ein ziemlicher Egoist und denke erst einmal daran, was
für einen Spaß ich selber damit haben kann. Alle weitere
Erwägungen spielen sich irgendwo im Hintergrund ab. Wenn die
Besucher auch noch Geld bezahlen müssen, will ich ihnen
natürlich auch was bieten, aber ohne den eigenen Spaß ist
das nicht wirklich möglich. In Nürnberg reagierte das
spärliche Publikum auf jeden Fall sehr erfreulich, und es machte
Spaß, auf der Bühne herumzuhampeln. Die Veranstalter nahmen
mich danach noch mit ins Kinobüro, wo wir miteinander plauschten
bis um 4 Uhr morgens. Ein paar Worte seien aber noch dem Hotel
gewidmet, in dem ich untergebracht wurde: Es hätte prima in
SUSPIRIA hineingepaßt. Man konnte nicht einfach hineingehen,
sondern mußte sich über eine Funksprechanlage mit dem
grimmigen Rezeptionisten verständigen, der einem eventuell einen
Fahrstuhl hinunterschickte. Hatte etwas von einem Drogendeal. Der
Rezeptionist war eine Frau, aber sie hatte einen erloschen aussehenden
Mann an der Seite, der gelegentlich auch mal einen Satz
äußerte, aber der klang dann immer wie ein Sommerhit von vor
10 Jahren. Die mutmaßliche Tochter kam zu einem Zeitpunkt von der
Seite an mich heran und kreischte: „Ach, oh, Sie sind der Gast?“ Ich
meinte nur verdattert: „Ja, ich bin der Gast...“ Auf dem sehr, sehr
langwierigen Weg zum Zimmer stellte ich fest, daß die Beleuchtung
bewegungsaktiviert war, und auf einigen Passagen durch das Labyrinth
von Knossos funktionierte das Licht nicht wirklich. Ich habe mir den
Weg zum Schlafgemach eher so ertastet. Als ich mich am nächsten
Morgen auscheckte (vorgeschriebene Zeit: 11 Uhr; ich verpißte
mich schon um 10!), erschien mir wieder die debile Tochter und
tremolierte: „Die Katze! Die Katze!“ Eine Katze lief mir durch die
Beine. „Die darf nicht zur Tür hinaus!“ Ich zählte innerlich
bis 10 und schritt dann langsam den Treppengang hinab, auf dem Weg in
die Freiheit. Wenn mir unten noch der mutmaßliche Vater der
mutmaßlichen Tochter über den Weg gelaufen wäre,
wäre ich schreiend aus der Stadt geflüchtet. Es sind exakt
solche intensiven Erfahrungen, die mir mein Alltag nicht bieten kann.
Ich habe nicht die Frau meines Lebens getroffen, auch keinen reichen
Mäzen, aber ich kann meinen Enkelkindern noch davon erzählen.
Wenn mir bei den nächsten Gigs ungnädige Feministinnen, die
mich für einen frauenschindenden Saubold halten, einen auf die
Nase geben, dann wissen die nicht, was das Vortragsbereitstellerleben
beeinhaltet. Auf dem Rückweg geriet ich in zahlreiche Staus. Mein
Lieblingsstau führte mich direkt hinter einen Lastwagen, auf dem
in großen Buchstaben „Sperma“ stand. Vielleicht gibt es doch
einen Gott. Geschehen am 11. März 2011.
050311

"Der Glaube ist wie ein
Leuchtfeuer in einem Meer der Nichtigkeiten..."
Hamburch ist immer eine Reise wert! Während es auch so einige
deutsche Großstädte gibt, die ich gerne besuche, so ist die
großmächtige Hansestadt doch die einzige, in der ich auch
gerne wohnen würde. Mal schauen, vielleicht ergibt sich da ja mal
irgendwas... Als ich jedenfalls am Donnerstag mit meinem Franken-Astra
Richtung Elbe schraddelte, fühlte ich mich frei wie der Fisch und
war gespannt ob der Dinge, die meiner harrten. Was im Stadtteil Altona
meiner ganz entschieden nicht harrte, war ein Parkplatz. Ich muß
mich erst einmal wieder an das Großstadt-Parken gewöhnen.
Wagen reihte sich in den kleinen Gassen, durch die ich mußte, an
Wagen. Ich glaube, die Autos standen schon immer dort.
Schließlich quetschte ich mich in eine Lücke und schulterte
meinen Klumpatsch.
Das Lichtmeß-Kino erwies sich als ehemalige Seifensiederhalle der
Firma Dralle. Das dezente Kapellen-Feeling gefiel mir auf Anhieb. Auf
der Seite, die der Leinwand zugewandt war, lugte schelmisch ein
güldener Engel vom Firmament. Die Stühle waren hölzern
und stammten aus den Restbeständen eines Planetariums. Der
Betreiber spielte früher in einer Punkband und erwies sich als
super-supernett! Da ich das Kino vorher nicht kannte und nur den Namen
vorliegen hatte, befürchtete ich insgeheim, in einer Filiale des
CVJM zu landen oder irgendeiner anderen religiös motivierten
Feingeisterei. Tatsächlich handelt es sich aber um ein
Erwachsenenkino, in dem alternative Filme gezeigt werden, halt jene,
die man in den großen Multiplex-Gemeinheiten nicht zu sehen
bekommt. Schön war´s, und nach Geplauder mit dem Scheffe und
seiner netten Freundin und lecker Essen trudelten auch schon bald die
ersten Gäste ein. Insgesamt waren es etwas über 50, womit ich
in Anbetracht des Nischen-Appeals meiner Vorführung auch sehr
zufrieden war. (Tatsächlich wurde zu jenem Zeitpunkt direkt vor
dem Kino gerade eine Folge von „Bella Block“ gedreht, weshalb alles
weiträumig abgesperrt war. Umso froher war ich, daß Leute
erschienen!) Nach einer schönen Einleitung von Freund Fabse jing
et dann los. Die Vorstellung lief sehr anständig, wenngleich mir
wieder einige Fehler auffielen, die ich bei Folgeveranstaltungen
abzustellen gedenke. Mit der Zeit kam ich einigermaßen hin und
übertrat die 2-Stunden-Grenze nur unwesentlich. Die meisten
Gäste blieben, wofür ich ihnen erneut sehr dankbar bin! Zu
den Fehlern, die ich machte, gehört zum einen der Umstand,
daß ich auf den meisten Action-Fotos, die ich bisher gesehen
habe, aussehe wie ein derangierter Laienprediger aus dem „Bible Belt“.
Mal lächeln tut nicht weh, Herr Keßler! Um es klarzustellen:
Im Hintergrund spielte keine dräuende Orgelmusik, sondern
fröhliche Pornomucke, „Muckefuck“, wie ich die CD mittlerweile
nenne... Nach der Vorstellung plauderte ich noch ein wenig mit den
Veranstaltern, dem erneut zugegenen Martin Schmitz und anderen netten
Zeitgenossen. Meine liebe Schwester war da und schoß einige
Fotos. Fabian hatte noch Wolfgang Büld mitgebracht, was zu einem
überaus angenehmen Wiedersehen führte. Ich hatte Gelegenheit,
einigen Facebook-Freunden mal in natura zu begegnen. Mit zweien davon –
dem Herrn U. und der Frau F. – bin ich danach noch in eine Kneipe
gegangen zum Kopflangsamwiedervollquatschen und –trinken. Herr Bammel
stieß auch noch dazu. Ein richtig feiner Abend! So wünsche
ich mir alle Auftritte...
Wider Erwarten bekam ich am nächsten Morgen meinen Wagen wieder
aus der Lücke heraus und trat den Heimweg an. Da begann das
Grauen: Ein Megastau! Wie sich schließlich herausstellte, war die
A1 komplett gesperrt, und so brauchte ich allein bis Bremen –
normalerweise eine coole Einstunden- bzw. Anderthalbstunden-Fahrt –
sechs Stunden... Ich hatte Gelegenheit, alle Schlagzeugstile an meinem
Steuerrad durchzuprobieren, von Gene Krupas synkopischem Stil bis zu
Eberhard Krutzenhagens dreihändigem Stil. Eine Stunde lang stand
ich auf der Höhe von Zeven neben einer Sandgrube und dachte an all
die Halbweltleute, die dort im Laufe der Jahrzehnte wohl verbuddelt
worden sein müssen. Allein damals, im blutigen Herbst 69, als Don
Terrasini mit der Uhlenhorst-Familie aufräumte... Es regnete
blutige Tränen! Die Umleitung führte mich u.a. durch das Kaff
Sottrum, in dem ich mal auf einer Videothekentour vor 20 Jahren einem
Treckerfahrer über den Weg gelaufen war. Auf meine Frage, ob es
hier irgendwo ´ne Videothek gäbe, meinte er: „Ist das da, wo
es die Pornos gibt?“ Das ist Sottrum. Die Fahrt von Bremen nach Pott
gestaltete sich hingegen problemlos, auch wenn ich schon ziemlich in
den Seilen hing. Das war Hamburg, dridder Dridder!

Billy Graham auffer Arbeit
Danke an meine Schwester
für die Bilder!
Hier
übrigens beschwert sich eine radiohörende BILD-Leserin
über den Rücktritt von Dr. zu Guttenberg. Ein Vergnügen!
280211
Vorgestern hatte ich die
Gelegenheit, im Rahmen des „Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega“ schon
einmal meine Buchpräsentation anzutesten. Das war eine für
mich überaus spannende Angelegenheit, hat mir aber schon einmal
angedeutet, warum ich mich auf die nun kommenden Monate freue wie
Bolle! Trotz des frühen Starttermines – am Samstagmorgen liegen
viele ja noch in ihren Betten, kuscheln sich in ihren Teddy oder
verprügeln das Bettgestell – hatten tatsächlich so einige
Leute zur Schauburg gefunden. Euch allen ein dickes, dickes
Dankeschön! Ihr seid die Besten, Schönsten, Tollsten etc...
Das ist natürlich eine Sache, die ich niemals vorausplanen kann.
Man kann nicht überall davon ausgehen, daß die Millionen
strömen. So werde ich denn meinen Shtick abziehen müssen, ob
da nun 5 Leute im Zuschauerraum sitzen oder Hunderte. Auch werde ich
mich darauf einstellen müssen, daß immer Unwägbarkeiten
stattfinden, etwa mit dem Equipment. So war ich gestern eine halbe
Stunde vor Beginn noch dabei, die DVDs auszuprobieren, ob die zu
zeigenden Filmausschnitte überhaupt laufen. Wenn es nicht geklappt
hätte, hätte ich alles auf der Bühne nachspielen
müssen, was mir nicht recht gewesen wäre, denn ich bin ja
sehr schamhaft. Auch neige ich dazu, eine halbe Stunde vorher
Lampenfieber zu bekommen. Dieses Lampenfieber ist übelst und
verfliegt exakt in jenem Moment, in dem die ganze Geschichte
anfängt. Nicht, daß ich mißverstanden werde: Das
Lampenfieber gehört dazu. Ich grusele mich nicht davor – es ist
ein integraler Bestandteil des Spaßes, den mir solche Aktionen
bereiten. Nur bin ich vorher kaum ansprechbar. Nach dem Gig – im
gestrigen Falle hieß das: nach drei Stunden! – bin ich dann total
ausgebombt, mein Kopf ist leer, „Der Kopf wird leicht, der Geist
entweicht“, wie das bei Clever & Smart heißt. Dann bin ich
meistens sehr erleichtert, aber man sollte mir bitte nachsehen, wenn
ich nicht mehr parliere wie Immanuel Kant, die alte
Aufklärungslokomotive. Das hört sich alles an wie eine Menge
Streß, was es vermutlich auch ist, aber es ist gleichzeitig auch
immens interessant, eine neue Herausforderung jedesmal. Vorm Fernseher
sitzen ist langweiliger, das ist mal sicher.
Der Buio-Gig bot mir die Chance,
die sieben Sachen, die ich in meinem Kulturbeutel führte, mal
auszuprobieren. Was funktioniert, was ist zu lang etc. Ich werde
für Hamburg verschiedene der Ausschnitte beispielsweise rigoros
zusammenkürzen, teilweise miteinander zusammenmontieren, so
daß ich insgesamt auf etwas mehr als eine Stunde Filmmaterial
komme. Den Rest der Zeit werde ich reden, und während ich gestern
einigermaßen wild drauflosimprovisiert habe, werde ich bei den
Auftritten vor neutralem Publikum (also einem solchen, das meine
generelle Wirrheit noch nicht gewohnt ist) etwas fokussierter vorgehen
müssen. Ich muß auch mit einplanen, daß viele Leute
vielleicht keine Hardcore-Cineasten sind, sondern sich vielleicht
einfach nur nett unterhalten lassen möchten. Ergo werde ich
näher darauf eingehen, wie solche Filme damals hergestellt wurden,
damit eine plastische Vorstellung vom Thema entsteht. Das bedeutet dann
natürlich auch, daß weniger Ausschnitte gezeigt werden
können. (Gestern waren das fast zwei Stunden Ausschnitte, von
denen ich drei Beispiele bereits weglassen mußte, da wir
ansonsten noch abends in der Schauburg gesessen hätten...)
Für die Erlebnishungrigen werde ich aber immer Da-Capo-Ausschnitte
mitnehmen, die ich bei Bedarf noch hinten dranhängen kann. Das
scheint mir das Schlaueste zu sein. In jedem Fall war das Ganze gestern
wirklich sehr toll. Mein bester Dank noch einmal an die
unermüdlichen Besucher (von denen die meisten bis zum Schluß
dageblieben sind, trotz Schalke), an die Clubberer, an die
Kinobetreiber und an meinen lieben Verleger und seine Teuerste, die
extra aus Berlin gekommen waren. Donnerstag geht´s weiter, in
Hamburch!
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in der WAZ
100211
Tscha, jetzt hat es doch 11 Tage länger gedauert, als
zunächst anvisiert, doch was lange währt, wird endlich gut!
Und gut ist es geworden. Ich bin sehr zufrieden mit der
Druckqualität, dem knalligen Cover, dem angenehm unglatten Papier.
Was jetzt passiert, steht in den Sternen. Obwohl... Manches steht auch
im Terminkalender, denn ab März werde ich zu einer kleinen Tournee
aufbrechen, auf der ich die erfreuliche Gelegenheit bekomme,
Deutschland in Sachen Ferkelfilm so richtig durchzuinformieren.
Beginnen werden wir in Hamburch am 3. März, und dann geht das los.
Nähere Einzelheiten über die März-Termine sind auf der Seite des
Verlages zu finden, wo man das Buch übrigens auch ganz prima
bestellen kann, wenn man den rührigen Schmitz-Verlag
unterstützen möchte. Ich freue mich auf diese
Präsentationen sehr. Ursprünglich plante ich mal, eine simple
Lesung zu veranstalten. Dann kam mir aber in den Sinn, daß eine
Autorenlesung aus einem quasi Nachschlagewerk nicht ganz so prickelnd
wäre. Außerdem habe ich bereits mehrere erwiesene
Lesungs-Koryphäen live erleben dürfen - Robert Gernhardt, Max
Goldt, Douglas Adams -, und wie brillant die einzelnen Herrschaften
auch immer sein mochten, so schien mir der direkte Vortrag doch immer
die passendere Methode zu sein, die Zuschauerschaft bei der Stange zu
halten und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Am 26. Februar werde ich
bereits Gelegenheit haben, dies ausprobieren zu dürfen, da mir die
Freunde vom "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega" an jenem Tage die
Bühne zur Verfügung stellen, um mich dort auszutoben. Wie bei
den späteren Live-Events wird es viele Filmausschnitte zu sehen
geben, bei denen ich allerdings eine gewisse Dezenz walten lassen
werde, da Pornoszenen einem "normalen" Abendpublikum (bei Buio:
Morgenpublikum!) nicht zuzumuten sind. Generell lautet der Konsens:
Abrasierte Köpfe und tanzende Innereien, ja - Penisse und Vaginae,
nein. Warum das so ist, das weiß womöglich die katholische
Kirsche. Präsident Ahdeminidschad (oder wie der Heini heißt)
mag das auch ahnen. Ich ahne es nicht. Jugendfrei werden die
Vorstellungen nicht - das wäre mir in Anbetracht des Themas des
Vorsichtigen denn doch zuviel -, aber ich werde Rücksicht nehmen,
denn ich möchte nicht, daß sich so mancher Zuschauer und so
manche Zuschauerin womöglich ungemütlich fühlt. Das
Beiprogramm der verschiedenen Shows wird von Verunstaltungsort zu
Veranstaltungsort variieren. So will es das Gesetz, so wollen es die
Propheten.
****
Habe ich eigentlich erwähnt, wie GLÜCKLICH ich bin? Moment,
ich zeige Euch das mal: YIPPPPPPIIIIIEEEEE!!! Acht Jahre frustrierenden
Wartens finden jetzt endlich ein Ende, und das Buch hat sogar einen
stabilen Einband! Manche meiner Interviewpartner von einst sind
mittlerweile verstorben, nur die Härtesten haben überlebt,
aber hier bin ich, hier seid Ihr, hier ist das Buch! Einer der letzten
Buchtermine war ja noch vor Weihnachten. Als die Mail kam, daß
das vor Weihnachten nichts mehr werden würde, habe ich vor dem
Computer gesessen und geflennt wie ein kleines Kind. Fakt ist,
daß - hätte Martin (Schmitz) nicht von sich aus Interesse
bekundet, wäre aus dem Buch nichts geworden. Meine früheren
Erfahrungen und die nachfolgende Ochsentour, nachdem die verschiedenen
anfänglichen Optionen geplatzt waren wie heiße Ballons,
waren so demoralisierend, daß ich das Ding in den Eingeweiden
meines Rechners versenkt hatte wie in einem Baggersee. An eine
Veröffentlichung hatte ich nicht mehr geglaubt. Ich hatte mir
außerdem geschworen: Nie, NIE mehr mache ich etwas ohne Geld! Wer
unprofessionell zu Werke geht, wird dafür bestraft. Das ist das
harte Gesetz des Lebens. Zumindest das der Menschen. Ich hatte das Buch
damals mehr oder weniger aus der hohlen Hand heraus begonnen - in mehr
als einer Hinsicht, hähä! -, hatte mündliche Zusagen und
vage Schulterschlüsse als Pfand. Dabei hatte ich mich
gründlich verspekuliert. Es ist ebenso sicher, daß man auf
diese Weise Schiffbruch erleidet, wie es sicher ist, daß alles,
was am Boden liegt, irgendwann zertreten wird. Wer schlau ist,
hält Ordnung; ansonsten jammere er nicht! Ich habe das Buch
jetzt hier liegen, und es geht ein trostspendender Einfluß von
ihm aus. Ich werde es vermutlich in den nächsten 6 Monaten nicht
unter eine Lautsprecherbox schieben. In unregelmäßigen
Abständen erweitere ich meinen bereits verlinkten Blog, in dem
nicht nur ein Fünftel des ursprünglichen Buches gelandet ist,
sondern auch schon zahlreiche Zusatzreviews. Ich habe mittlerweile mein
Interview mit Gerard Damiano exhumiert und angefügt. Georgina
Spelvin und Robert Kerman werden bald folgen, wie ich auch ein
Interview mit einem sehr interessanten New Yorker Mimen aus der Zeit
gemacht habe, Jeff Hurst, der in meinem Buch des öfteren
Erwähnung findet.
****
Ich bin in den letzten Jahren älter geworden. Was klingt wie eine
typische Fußballeraussage, ist tatsächlich bittere Wahrheit.
Ich sehe jetzt aus wie etwa 100. Inge Meysel könnte meine Tochter
sein, vor allem, seitdem sie tot ist. Tiefe Krähenfüße
haben sich in mein Gesicht gegraben, die Tränensäcke
hängen mir bis zu den Knien, und ich habe das Bindegewebe von Wim
Thoelke. Und doch bin ich happy! Denn seit dieses alberne Buch raus
ist, zwitschern wieder Spatzen vor meinem Fenster. Ey, Digger, isch
sach dir, isch schwör´s! Ich bin jetzt 42 Jahre alt. So alt
wird kein Schwein. Als bekennender Douglas-Adams-Fan weiß ich
aber, daß 42 ein ganz besonderes Alter ist, und ich gedenke, per
Anhalter durch die ganze Galaxis zu segeln. Mein Handtuch habe ich
dabei, und das ist ja immer das wichtigste. Als erste Zwischenstationen
sind Hamburg, Nürnberg, Berlin, Leipzig und München
eingeplant, aber es wird mehr Zwischenstops geben. Ich hoffe, dort
zahlreiche neue Leute kennenzulernen, denn für die Penunze mache
ich den ganzen Kohl nicht. Es wird auch blöde Erfahrungen geben -
dessen bin ich mir ganz sicher -, aber ich sehe das Leben so, daß
die blöden Erfahrungen ein fester Bestandteil des großen
Ganzen sind, aus dem sich der Mensch herausdrechselt. Irgendwann gibt
man den Löffel ab und wird ein Traum unter vielen, aber man gibt
jeden Tag den Menschen einen Klumpen Irgendwas mit auf den Weg, ob als
Verwandter, als Freund oder auch als Feind. Lediglich für Zyniker
und für kranke Trottel, die ihre eigenen Fallstricke anderen zum
Geschenk machen wollen, habe ich einfach keine Zeit. Da werde ich immer
andere Termine haben, selbst wenn es sich nur um das
Frühstücksbrötchen handelt. Ich mache mir auch manchmal
Gedanken darüber, ob ich nicht vielleicht besser Bankangestellter
geworden wäre, aber ich denke, daß jeder seine Richtung
intuitiv zu einem frühen Zeitpunkt wählt. Mit Schangs ist es
eine gute Richtung. Wenn ich mal gefrustet bin, sehe ich mir Phoenix an
(den Fernsehsender), und sofort geht es mir besser. Der Kopf macht
wirklich relativ wenig, da mache ich mir keine Illusionen mehr. Jeder
Mensch hat seinen eigenen Rhythmus und seine eigene Melodie, und Worte
sind meistens nicht zur Verdeutlichung da, sondern zur Tarnung. Auch
deshalb freut es mich, mit dem Buch auf Walz zu gehen. Wenn man in
einer aufgeklärten Zeit wie der unsrigen noch Gemüter
erhitzen kann, dann ist das gut, denn das einzige, was
verläßlich tötet, ist der Stillstand.
****
Ich werde Leser wie Leserin auch in den nächsten Wochen
regelmäßig darüber informieren, wie die kleinen
Abenteuer in meinem Leben verlaufen sind. Ich bin selber sehr gespannt.
160111
221210
So, ein weiteres Jahr schraubt sich unwiderruflich seinem Ende
entgegen. Je älter man wird, umso schneller vergeht die Zeit.
Gestern noch war ich in den Ardennen, Ernst Jünger saß auf
meinem Schoß, und Geschoßgarben und Schrapnellsplitter
sausten lustig um meine Ohren. Jetzt sitze ich in meiner Luxusvilla am
Stadtrand von Biaritz und höre den gefrorenen Zikaden zu beim
Zirpen unter dem Eis. Auch höre ich die Kassen klingeln, die
Kassen in meiner Fantasie! Das Buch verspätet sich zwar leider
aufgrund einiger drucktechnischer Probleme, aber es wird wohl schon
fertig sein und frisch nach Druckertinte duften, wenn die letzten
Neujahrsraketen am Sternenhimmel verglommen sind und die letzten
Trottel ihre weggesprengten Finger aufgesammelt haben. Damit meine
Leser aber über die Feiertage nicht ganz im Eisregen
stehengelassen werden und sich aus lauter Frust mit gebrannten Mandeln
Kummerspeck anfressen müssen, habe ich schon mein
Ergänzungs-Blog online gestellt, "Das läufige Blog".
Hier finden sich deutlich über 100 zusätzliche Reviews, ein
dicker Klöben an Worten, der in den Folgemonaten angereichert
werden wird durch weitere Texte und Interviews. Ich wünsche allen
Lesern ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest! Vielleicht
sieht man sich ja im nächsten Jahr, denn dann wird es so einige
Live-Termine geben, für die ich mir noch so manches Schöne
einfallen lassen werde... Wohlsein!
171210
Nachruf auf Jean Rollin
071210
Verdammt, schon wieder zwei Monate vorbei! Wo geht sie nur hin, die
Zeit? Je älter man wird, umso schneller vergeht sie, das ist mal
sicher.
****
Da es am 1.1 ja zu einer rechtlichen Neuerung kommt, habe ich für
meine Facebook-Seite mal einen kleinen Text verfaßt, den ich hier
auch hinterlegen möchte. Er heißt:
Internett oder interböse?
Am 1.1. wissen wir Bescheid!
Ab dem 1.1. 11 wird im
deutschen Internet alles anders. Oder nicht? In den letzten zwei Wochen
gab es eine Menge Brimborium, Geraune und generelles
Paranoia-Geschiebe, das den nunmehr abgesegneten neuen
Jugendmedienstaatsvertrag zum Thema hat. Nach diesem Vertrag
müssen demnächst alle, die im Internet Inhalte anbieten,
für eine genaue Kennzeichnung ihrer Elaborate sorgen. Für
welche Altersgruppen sind die angebotenen Inhalte geeignet, welche
Inhalte sind geeignet „die Entwicklung von Kindern oder Jugendlichen zu
einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen
Persönlichkeit zu beeinträchtigen“? Da stehste nun!
Grundgedanke dieser neuen
Regelung ist, daß besorgte Eltern ihren Familiencomputer mit
einem Filterprogramm ausstatten können, das es ermöglicht,
die für ihre Kinder nicht geeigneten Webinhalte auszublenden. Das
ist an sich kein schlechter Gedanke. Allerdings auch kein guter. Es
wäre in einer Parallelwelt (nennen wir sie mal „Deutschland
plus“!) zumindest ein guter Ansatz, da man so Pornographie,
Gewaltdarstellung etc. von Kindern fernhalten könnte. Wir leben
allerdings nicht in „Deutschland plus“, sondern in einer Welt, die zum
großen Teil aus Ausland besteht. Und überall da
draußen werden Webinhalte ins Netz gepfeffert. Da man hierzulande
seit geraumer Zeit für deutsche Erwachsenenprogramme bereits zu
Paßkontrollen oder ähnlichen Sperenzien verpflichtet ist,
weichen die Kunden solcher Angebote ohnehin bereits zu einem
großen Teil auf den ausländischen Markt aus, wo man einfach
so drankommt. Der kleine Fritz und die kleine Lisa wissen das mit
ziemlicher Sicherheit besser als ihre Eltern. Die deutsche Regelung ist
somit also schon mal in dieser Hinsicht völlig gaga. Hokomoko.
Komplett bluna. „Wir tun was!“
Außer der Kennzeichnung
gibt es noch zwei andere Möglichkeiten: 1) Man kann eine
vermutlich kostenpflichtige Ausweiskontrolle über die ganze Seite
bügeln. 2) Man kann Sendezeitbeschränkungen einführen,
wie immer das auch gehen soll. „Wie immer das auch gehen soll“ ist gut
– die meisten Blogger – mich selbst eingeschlossen – werden mit der
technischen Umsetzung dieser Optionen völlig überfordert
sein. Bleibt also die Kennzeichnung.
Wenn man der Meinung ist,
beanstandenswertes Material internett zur Schau zu stellen, muß
man entweder einzelne Passagen oder das ganze Blog entsprechend
kennzeichnen. Es sollen angeblich kostenfrei Fragebögen
bereitgestellt werden, wo man draufkritzeln kann, was man so auf der
Seite hat. Wenn man Lust und viel Zeit hat. Ich kann mir so etwa
vorstellen, wie das bei dem Rezensions- und Interviewblog aussieht, den
ich für mein neues Buch angelegt habe: „Was findet man auf Ihrer
Seite?“ – „Texte zu Pornofilmen, höhöhö, sabber...“ –
„Alles klar, ab 18. Nächster!“ Daß Sekundärtexte zu
problematischen Produkten nicht automatisch mit diesen Produkten
gleichzusetzen sind, wird wohl kaum Beachtung finden, da sich niemand
die Mühe machen wird, sich für die Klassifizierung alle die
Millionen Seiten mal genauer anzusehen. Wenn man möchte, kann man
sich vermutlich freiklagen, aber das ist Zores, den keiner braucht.
Warum was schreiben? Dann setzt man sich lieber auf seinen Po und
konsumiert brav, was man konsumieren darf.
Während Computerexperten
und Juristen den neuen Staatsvertrag als unrealistische Luftnummer
bewerten, solle man sich – so hört man – mal keine Sorgen machen.
Gewisse Regeln in jugendschutzrechtlicher Hinsicht gibt es schon seit
einigen Jahren. Viel getan hat sich da nicht. Bis auf wenige Ausnahmen
ist das stumm ignoriert worden. Wie das allerdings nach der neuen
Gesetzeslage aussieht, ist ungewiß. Mir ist bekannt, daß es
unzählige Anwälte gibt, die sich auf sogenannte
Abmahnverfahren spezialisiert haben. Das läuft dann so, daß
Herr X ein Anwaltsschreiben bekommt, in dem ihm ein Verstoß gegen
das Urheberrechtsgesetz vorgeworfen wird, der ja sogar vorliegen mag –
hat der mal einen Song von Led Zep runtergeladen, der Drecksack. Herr X
wird dazu aufgefordert, einen Betrag von 3000 Euro zu bezahlen
(Arbeitskosten). Zuwiderhandelnden wird dann mit einem Prozeß
gedroht, bei welchem die Streitsumme irgendwas zwischen 50000 und 3
Fantastillionen Euro beträgt. Die Kanzleien, die so etwas machen,
spekulieren natürlich darauf, daß Herr X bezahlt, da im
letzteren Falle existenzbedrohende Unkosten ihr dräuend Haupt
erheben. Nicht selten entbehren solche Abmahnbescheide jeder
rechtlichen Grundlage. So wurde Kumpeln von mir eine Frist von 2 Tagen
gesetzt (über das Wochenende hinweg!) – einen eigenen Anwalt zu
konsultieren, wäre da kaum möglich gewesen. Bei jeder
Abmahnwelle kommt so ein hübsches Sümmchen zusammen. Die
fraglichen Künstler sehen davon vermutlich keinen Pfennig. Aber
egal.
Was Blogger nun bei der wenig
klaren Rechtslage befürchten, liegt auf der Hand: Daß sie,
wenn sie die neuen Maßregeln nicht befolgen, in einen
magengeschwürverdächtigen und existenzbedrohenden
Prozeß hineingezogen werden – Ärger, den kein Mensch
braucht. Da macht man sein Blog lieber dicht. Und, liebe Freunde und
Landsleute, es sind nicht die Pornoanbieter und die Betreiber der
Webseite „Blutgeil 69“, die ihre Seiten dichtmachen werden. (Die werden
sie höchstens ins Ausland verlagern, so sie das nicht schon lange
getan haben.) Es werden vornehmlich die privaten Blogger sein, die
keine Lust haben, mit ihren Elaboraten richtigen Ärger zu
bekommen. Man muß für eine „Ab 18“-Seite übrigens auch
einen Jugendschutzbeauftragten benennen, der mit Anschrift und eMail
für Anfragen parat steht. Ob es sich bei diesem
Jugendschutzbeauftragten einfach nur um irgendeinen armen Jochen
handelt, der für Eure Blogs jederzeit bereitzustehen hat, oder ob
man sich da einen fachlich kompetenten Menschen bestellen muß
(Geld?), ist nach der derzeitigen, noch sehr schwammigen Rechtslage
unsicher. Ich habe eine klare Antwort auf diese Frage jedenfalls bisher
noch nicht gelesen.
Spinnen die? Wo soll ein
normaler Blogger einen Jugendschutzbeauftragten herzaubern? Und was
für einen Sinn soll das ergeben, wenn das theoretisch der Onkel
Heiner von ums Eck machen darf? Ich selber wäre jederzeit dazu
bereit, meine Seite ab 18 einstufen zu lassen, da mir nicht so wichtig
ist, ob Minderjährige auf meiner Seite herumturnen. Ich
möchte einfach sagen können, wonach mir ist! Das darf ich
auch, aber – wie es aussieht – nur mit einem Jugendschutzbeauftragten.
Wenn ich mir dafür allen Ernstes jemanden mieten muß, breche
ich meine Internetpräsenz ab. Ersatzlos. Und das ist haargenau
das, was von unzähligen anderen privaten Webanbietern zu erwarten
ist. Nicht von den kommerziellen, um die es ja angeblich geht. Aber
wer, bitteschön, geht denn das Risiko ein? Noch dazu bei so einem
sinnlosen Unterfangen wie diesem „Deutschland gegen den Rest der
Welt“-Papier?
Das Resultat dieser Spinnerei
wird sein, daß es ab dem 1.1. für Blogger extrem leicht
werden wird, vogelfrei zu werden. Es wird sehr leicht werden, auf
einmal in einem Atem mit Pornoseiten etc. genannt zu werden. Der
Verbreitung von Information ist das alles andere als förderlich.
Als Ausnahmen gelten übrigens Erzeugnisse, an denen ein
„berechtigtes Interesse“ besteht. Gemeint sind damit vorwiegend
Nachrichtenseiten. Die „Bild“ kann also auch weiterhin Tittenbilder mit
Nachrichtenbeilage drucken, ohne ein Risiko einzugehen. Aber welches
Blogerzeugnis ist von „berechtigtem Interesse“? Hallo? Kommt das noch
jemand anderem gefährlich vage und willkürlich vor? Ein
übergroßes Risiko werde ich mit Sicherheit nicht fahren.
Wenn mir ein Gerichtstermin droht, werde ich mich rechtzeitig vorher
daran erinnern, daß ich noch nicht weiß, wie ich die Miete
für diesen Monat zusammenbringen soll. Da werde ich sehr handzahm
reagieren und kuschen.
Was werden die Folgen
sein? Wenn die rechtlichen Bestimmungen auch weiterhin ignoriert
werden, wird nicht viel passieren, aber dann weiß ich auch nicht,
was der Vertrag überhaupt soll, außer daß sich einige
Mandatsträger damit wichtigmachen wollen. Wenn es strikt
durchgesetzt wird, dann droht der Bundesrepublik ein
blogmäßiger Kahlschlag, denn niemand wird sich Ärger
einhandeln wollen, den er nicht braucht. Das Leben ist so schon schwer
genug. Gegensätzliche Meinungen werden so mehr und mehr ein Risiko
für den Meinungsinhaber. Wenn z.B. Schüler für ein
bestimmtes Thema recherchieren, werden sie nur noch jene Informationen
finden, die sie finden sollen, denn die anderen sind ja mit Porno- und
Ekelseiten gleichgesetzt worden. Selbst der unten verlinkte RA Udo
Vetter, der in seinem Text vor unnötiger Paranoia warnt, sieht es
so, daß das „damit geplante Label-System in Verbindung mit
standardisierter und somit zentral lenkbarer Filtersoftware (...)
zweifellos ein solides Fundament für eine spätere
Zensurinfrastruktur“ darstelle. Das alles auf Grundlage eines
Vertrages, dessen hehre Ziele im Angesicht der schnöden
Wirklichkeit einen simplen Pfeifentraum darstellen!
Für die Umsetzung all
dieser schönen Dinge bleiben den Webseiten- oder Blogbetreibern
übrigens noch drei Wochen Zeit, aber an den Feiertagen hat man ja
eh nichts zu tun. Kommt es vielleicht noch jemandem merkwürdig
vor, daß a) die genauen Einzelheiten in bezug auf die technische
Umsetzung des Vertrages so vage gehalten werden, b) die möglichen
Folgen, von Ignoranz bis existenzbedrohender Abmahnung, so vage
gehalten werden und c) die Zeit, das alles umzustellen, so
lächerlich gering ist? Offiziell gibt es im Moment eine Menge
Bohei um Datenschutz, bis an die Zähne bewaffnete Bundespolizisten
stehen auf Weihnachtsmärkten herum, und die Borussia wird
demnächst Meister – wer kümmert sich da noch darum, ob
private Meinungen – so sie abweichlerisch sind – im Internet
demnächst verflucht riskant werden?
Lesepflicht für
alle: 17 Fragen zum neuen JMStV (Thomas Schwenke)
Blogger
können leidlich gelassen bleiben (Udo Vetter)
Die
Technik des neuen Jugendschutz-Labels - Deutschland will die Welt
verändern (Sven Dietrich)
Übrigens: JMStV ablehnen!
++++
Ansonsten ist nicht so viel passiert. Das Buch befindet sich gerade in
der Druckerei. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.
Für mein provisorisches Internet-Blog, das das Erscheinen des
Buches begleiten wird, habe ich bereits fast so viele Zusatzreviews
geschrieben wie für das Buch selbst. Wie lange diese online
bleiben werden, wird die Zukunft zeigen. Sollte es Ärger geben,
werde ich halt vor Gericht einen Präzedenzfall schaffen
müssen, mit Perry Mason an meiner Seite. Geld genug habe ich ja.
Und, sollte es hart auf hart kommen, werde ich nicht davor
zurückschrecken, meinen fünften Ferrari zu verkaufen! Und
kein Mensch braucht mehr als drei Hochseeyachten... Allen Interessenten
sei gesagt: Filmjournalismus ist ein Handwerk mit goldenem Hoden. Ich
kann nur jedem dazu raten, Filmjournalist zu werden, denn wenn einem
die Mitbürger von allen Seiten Kamellen zuwerfen, schmeckt der
Kaviar mindestens doppelt so gut. Und wer einmal in einem original
französischen Himmelbett aus der Zeit des Sonnenkönigs
wachgeworden ist, der wird nie wieder von ehrlicher Arbeit leben
wollen. Morgen werde ich mein erstes Zusatz-Interview führen, mit
einem Schauspieler der New-York-Region, der in den 70er Jahren aktiv
war und einfach supernett ist. Geplant ist ein Interview mit einer
tollen schwarzen Dame, die bereits an Melvin van Peebles´
grandiosem SWEET SWEETBACK´S BADASSSS SONG mitgewirkt und auch
einiges zu erzählen hat. Und heute habe ich gerade ein weiteres
Interview klargemacht mit einem New Yorker Künstler, der ebenfalls
damals unglaubliche Sachen erlebt hat. Demnächst auf meinem
Outlaw-Blog.
++++
Gestern ist übrigens der bekannte P-Film-Darsteller und -Regisseur
John Leslie verstorben. Kein gutes Jahr für die Leute, die mein
Buch bevölkern. Das Jahr kostete auch schon Jamie Gillis, Joe
Sarno, Juliet Anderson und Erica Boyer das Leben. Zwei davon habe ich
kennengelernt. RIP
++++
Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen wieder mal etwas
Persönliches schreiben. Es hat sich soviel angehäuft in
diesem Jahr. Man muß da immer hochnotpeinlich zensieren, was dem
Menschen draußen etwas gibt und was nur selbstgenügsamer
Schmonzes ist, der alle anderen überfordert. Es gehört aber
zu einem lebenden, atmenden Menschen für mich dazu, daß er
oder sie nicht immer professionell ist, nicht immer nur nach
Makellosigkeit strebt, nicht immer nur das persönliche Fortkommen
im Kopf hat. Menschen sind irrational, Menschen sind zuerst einmal
Gefühl. Fehler machen alle, und zwar jeden Tag. Und ich
möchte nicht irgendwann einmal auf die Überreste dieses
Newstickers schauen und feststellen, daß da wirklich nur noch
unpersönliches Gewäsch wohnt, Termine und Daten für den
Informations-Nußknacker. Man muß den Mut haben, auch mal am
Ziel vorbeizuschießen. Ständig unriskant leben - möchte
man das wirklich? Wenn man einen Stein in einen Teich wirft, wird der
nie wieder so ruhig wie vorher (sagt man, auch wenn ich das nicht
glaube). Das Leben ist aber ein sehr dauerhafter Steineschmeißer,
und was könnte da an dem Wunsch verkehrt sein, mal ein paar Steine
zurückzuschmeißen?
Wohlsein.
051010
Da es derzeit
offenbar keine wirklich wichtigen Themen gibt, denen man sich mit
unbestechlicher journalistischer Neugier widmen könnte, hat eine
beliebte deutsche Tageszeitung zu einem heißen Eisen gegriffen,
das Eltern im ganzen Bundesgebiet schon seit Jahr und Tag auf den
Nägeln brennt: Wie bekommen wir unsere Kinder dümmer? Wie
halten wir sie gehorsam, fröhlich und stubenrein?
Im FSK-Siegel
wohnt der Teufel! Agraaah - das geht uns alle an! Deutsche, achtet auf
Eure Kinder! Hysterisch dröhnt es im besten BILD-Stil - und damit
bin ich aus juristischen Gründen noch sehr zurückhaltend! -
in die Zimmer von Kindern jeden Alters. Im jüngst erschienenen
dritten Teil der Fortsetzungsposse um die kindgerechte Zurichtung des
Nachwuchses hat sich nun auch noch ein Kommentator zu Wort gemeldet,
der sich verfolgt wähnt "von all den miesen, fiesen, grauenhaften
Filmszenen, der Fäkal- und Gossensprache", die heutzutage unter
dem 12er-Siegel in die Wohnstuben wandern. Abgesehen davon, daß
kein 12-Jähriger, der etwas auf sich hält, Filme kuckt, von
denen Erwachsene meinen, sie seien für sein Alter geeignet -
geht´s noch? Wie verzweifelt muß man sein, wenn man sein
Geld damit verdient, daß man einen solchen Sturm im Wasserglas
heranzüchtet?
Ganz einfach -
man muß nur Journalist sein. Journalisten - solche, die des
Schreibens kundig sind, wie auch solche, bei denen das nicht der Fall
ist - leben meistens vom Polarisieren. Einen Popanz errichten,
demonstrativ darauf herumpömpeln und den angerichteten Schaden
dann ignorieren ist halt einfacher als die nüchterne und
ausgewogene Betrachtung eines realen oder vorgeblichen
Mißstandes. Wie es auch einfacher ist, sich ein Kind als leicht
gängelbare Projektionsfläche für die eigenen Pimpeleien
zu halten und es nicht als individuelle Persönlichkeit zu
begreifen, auf die man sich als Erwachsener einzustellen hat.
Journalistische Integrität geht so: Einfach etwas behaupten,
möglichst aus jedem Kontext gerissen, darauf ein Gebäude der
Entrüstung hochziehen, einen Feind erzeugen - hier: die FSK -, ihm
Inkompetenz und Bestechlichkeit vorwerfen und nach Bestrafung und
möglichst noch öffentlicher Demütigung schreien. Wenn
man sich verrannt hat, kann man hinterher immer noch arglos
dreinkucken, als wäre man gerade in New York gewesen - "Wer, ich?"
-, denn man hat es doch nur gut gemeint. Auf eines können sich
solche Journalisten verlassen: Irgendwer wird den übelmeinenden
Schwurbel schon schlucken. Denn die Leute stecken so voller Haß
und sind so überfordert mit ihrem eigenen Klimbim, daß sie
nur zu willig sind, sich einen neuen Popanz vorsetzen zu lassen. Hier,
da, da steckt der Bösewicht! Die Welt wird schöner ohne den
Bösewicht! Nö, wird sie nicht. Wenn der eine Bösewicht
weg ist, kuckt man sich den nächsten aus. Das ist so sicher wie
das Amen in der Kirche.
Abgesehen davon,
daß es derzeit genügend wirklich interessante Themen gibt,
denen man sich nähern könnte - zum Beispiel Polizeibeamte,
denen befohlen wird, auf Minderjährige draufzukloppen, und die das
dann auch noch machen -, aber das Böse, das in Til Schweigers
KEINOHRHASEN wohnt, ist dann doch ein dankbarerer Kunde. Denken sich
auch die Politiker, die prompt auf diesen unseligen Kahn
aufhüpfen. Klar, kaum ist die Enttäuschung darüber
verflogen, daß man bei den letzten jugendlichen Schadbären -
Stichwort: Amokläufer - keine gewaltverarbeitenden Medien gefunden
hat, widmet man sich dem nächsten Butzemann, denn man darf so
häufig Fehler begehen, wie man möchte, gerade als
öffentliche Person. Wenn man den erwachsenen Kunden - den
Wählern oder den Lesern - später ein Leckerli liefert, dann
vergessen die schnell.
Eigentlich
sollte man Kunden wie besagten Schreiberlingen und den Politikern, die
die Vorlage zum gefahrlosen Punkteschießen dankbar aufnehmen,
eine Schlangengurke, einen Pinsel und eine Dose Vaseline reichen, und
damit hätte sich das. Nimmt man den Blödsinn für einen
Moment ernst, so muß man sich doch fragen: Was halten diese
Kanonen denn für kindgerecht? Eine Mischung aus Teletubbies und
Lebertran? Glücksbärchis und Thomas Gottschalk? Sediertes
Schnullerbackentum, zumindest so lange, bis die Brut aus dem Haus ist?
Noch deutlicher könnte man es nicht machen, daß man im
Grunde nur die Angst vor der eigenen Verantwortung exorzieren
möchte. Mein Ratschlag lautet heuer: Ein gutes Pferd verweigert
nicht, und darum sollten Eltern das auch nicht tun! Einem Kind oder
einem Heranwachsenden die Welt so nahezubringen, wie man sie sich
wünscht, ist falsch, F-A-L-S-C-H! Kinder sind nämlich nicht
generaldoof. Die merken das, wenn Papi oder Mami sich was
zusammenspinnen. Was Kinder auf lange Sicht honorieren, ist
Ehrlichkeit. Wenn Papi oder Mami aus ihrem Herzen keine
Räuberhöhle machen und sich der eigenen Verantwortung
stellen, anstatt sie auf andere abzuwälzen. Dazu gehört
natürlich erst einmal die Fähigkeit, die Kinder
ernstzunehmen. Das ist, zugegebenermaßen, eine schwere
Übung. Das gelingt einem ja bei vielen Erwachsenen schon nicht.
Wie soll man das erst bei einem Erdenbürger schaffen, den man
einst gewindelt hat? Geht aber nicht anders. Ansonsten züchtet man
sich einen kleinen Zombie. Tausende von Bettelheim-Büchern
gewälzt, um ja ein Hochleistungselter zu sein und wenigstens
einmal alles richtig zu machen, und dann kommt der kleine Rabauke mit
"Mein Kampf" unterm Arm nach Haus! Tränen! Zerknirschung!
Maßlose Enttäuschung! Dann wird man Leserbriefschreiber oder
Ärgeres.
Aus dem
jüngsten Kommentar der vorzüglichen Postille lerne ich,
daß neue Regisseure nur "Rammelsex" könnten und daß
das FSK-Siegel selbst jugendgefährdend sei, was immer das bedeuten
soll. Eine Schamgrenze, die sich "doch gerade" in der Pubertät
herausbilde, werde brutal eingerissen. Selbst jener Anteil des
Flitzpiepengewäsches, der nicht auf reinen Unterstellungen basiert
oder bis zur Unverständlichkeit überformuliert wurde, ist
schlicht Mumpitz. Scham wird nicht in der Jugend in den Menschen
installiert, sondern in der Kindheit. Sie basiert auf Ängsten,
denen man sich nicht gestellt hat, auf Lernprozessen, die man nicht
durchlaufen hat. Scham ist so überflüssig wie eine zweite
Nase und kein Ersatz, wenn es um die um Objektivität bemühte
Auseinandersetzung mit einem Thema geht. Allerdings ist es auch die
Scham, die Zeitungen verkauft, die mit der Errichtung von Popanzen
schachern. Scham gebietet dem Leser, auch den gröbsten Unrat zu
schlucken, wenn eine persönliche Läuterung dabei herauslugt.
Ein klares Weltbild, feste Konstanten - durchstarten in den neuen Tag!
In diesem
Sinne: Shame on!
270910
Hier ein kleiner
Ankündigungstext für mein bald erscheinendes Buch "Die
läufige Leinwand"!
180910
Heute nacht
habe ich von Thilo Sarrazin, Günter Grass und Wolf Biermann
geträumt, die alle fürchterlich geweint haben, weil ihnen
jemand die Schnurrbärte abrasiert hat. Ich hoffe, daß mir
dieser Traum niemals erklärt werden wird.
++++
Thilo
Sarrazin und Erika Steinbach könnten wunderbar die Hauptrollen in
einem ZDF-Viertelnachacht-Melodram spielen, das von zwei einsamen
Menschen handelt, die sich bei einem Kontaktbörsendate
kennenlernen und feststellen, daß sie einander schon nach zwei
Minuten nichts Interessantes mehr zu sagen haben. Selbst der Karpfen
auf dem Tisch kuckt ganz traurig.
170910
Ich
habe, als vor kurzem der von mir sehr verehrte Christoph Schlingensief
starb, auf Facebook einen kleinen Text online gestellt, den ich noch in
der selben Nacht verfaßte. Ein Nachruf ist das nicht so recht,
aber er faßt meine Gefühle in bezug auf Christoph recht gut
zusammen, und deshalb möchte ich ihn hier auch noch
hinterlegen.
Zum
Tode von Christoph Schlingensief
Einen Nachruf zu
verfassen, ist immer ein riskantes Geschäft. Nachrufe auf
Knopfdruck, aus Profession, gehen schon mal gar nicht. Schlimm
wird´s dann, wenn einem der Verstorbene wirklich etwas bedeutet
hat. Echte Trauer läßt sich nicht in Worte fassen. In der
Regel macht man die Gefühle billig, oder man bastelt sich die
Gefühle zurecht. Als ob man ein Gebäude hochzieht. Das ist
bis zu einem gewissen Grade auch in Ordnung, finde ich, da man so
natürlich versucht, bei einer Sache, die man nicht zu fassen
bekommt, Greifbarkeit zu simulieren. Das ist eine Schutzfunktion. Seine
Gefühle bei so etwas zur Schau zu stellen, finde ich immer sehr
gruselig. Was man fühlt, geht keinen etwas an. Professionelle
Klageweiberei ist eklig.
Christoph
Schlingensief war für mich immer ein Wundertier. Er konnte reden
wie ein Buch, konnte selbst komplexeste Zusammenhänge in wenigen
Worten so zusammenfassen, daß sie für jedermann leicht
greifbar wurden. Er konnte die kontroversesten Dinge anpacken und dabei
so charmant bleiben wie der perfekte Schwiegermutterschwarm. Man konnte
ihm nie böse sein.
Im
Unterschied zu vielen anderen Teilnehmern im Kulturbetrieb konnte er
aber viel mehr als nur reden. Er schien mir immer getrieben von einem
inneren Zwang, der aus seiner eigenen Überzeugung resultierte, wie
die Welt zu sein hätte, wo sie doch so anders war. So hätte
ich früher einen Moralisten definiert. Ein Moralist ist freilich
jemand, der von absoluten Werten wie Gut oder Böse ausgeht, die
religiös konnotiert sind. Schlingensief – der sich mit Verfechtern
solcher Moralbegriffe ständig in der Wolle hatte – war wohl eher
praktisch orientiert, an durchführbaren Methoden, diese Welt
für möglichst viele Menschen erträglicher zu gestalten.
Dabei benutzte er seine sehr eigene Vorstellung von Schönheit, die
eben auch im bewußt herbeigeführten Zusammenprall aufschien.
Ohne solch einen Zusammenprall gibt es bekanntlich keinen Fortschritt.
Der Umstand, daß seine Kunst häufig sperrig war und schwer
zugänglich, beweist, daß er nicht an der leichten
Lösung interessiert war. Für jede publikumswirksame Aktion
gab es auch recht verschlüsselte Projekte wie EGOMANIA oder MENU
TOTAL, die sich dem Massenpublikum nicht gerade anwanzten. Als ich
seine Kunst kennenlernte, geschah dies über den Horrorfilm. DAS
DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER wurde damals als großer
deutscher Trashfilm verwurstet. Der Reiz, den gerade jener
populäre Film auf viele ausübte, war seine
Berserkerattitüde, seine brachiale Ablehnung der deutschen
Politik, die von TERROR 2000 dann entsprechend fortgeführt wurde.
Mein Eindruck war immer der, daß Schlingensief zu schlau und zu
sensibel war für diese Reduzierung seiner Arbeit auf generelles
Anti-Gehabe. Mir ist das damals aufgefallen, als ich seine hübsche
Talkshow TALK 2000 sah, die vor einem Publikum von kulturbeflissenen
Tausendsassas in der Berliner Volksbühne stattfand. Erinnert Ihr
Euch noch an die Folge mit Ingrid Steeger? Diese Folge war mir damals
fürchterlich unangenehm. Mittlerweile sehe ich sie als die
wichtigste an, die im Rahmen der Sendung aufgenommen wurde. Frau
Steeger wurde von einigen plumpen Zwischenfragen aus dem
kulturbeflissenen Publikum – die hämisch und gemein waren – zum
Heulen gebracht. Die Fragen kamen von Fragern, die Schlingensief
gründlich mißverstanden hatten. Schlingensief folgte Frau
Steeger bis zur Garderobe, versuchte, die erzürnte und bis ins
Mark gekränkte Frau zu beruhigen. Meine Reaktion war intensiv.
Mich widerte dieses Vorführen von menschlichen Schwächen
damals an. Beim wiederholten Anschauen gewann ich aber mehr und mehr
den Eindruck, daß die Beteuerungen Schlingensiefs ganz und gar
nicht zynischen Charakter hatten, sondern von Herzen kamen. Wie so
vieles in seiner Kunst war auch diese Meta-Talkshow ein
Experimentierkasten, wo auch er selbst nicht immer wußte, was da
so alles zum Vorschein kommen würde. Eine große Stärke
von seinen Arbeiten ist ihre Direktheit, ihr Mut zum Schabernack und
zum herbeigeführten Exzeß. Was passiert, wenn ich Gotthilf
Fischer und Kitten Natividad zusammenbringe? Was passiert, wenn ich ein
Bildungsbürgerpublikum von sich selbst als links empfindenden
Spießern mit Adolf Hitler konfrontiere, der mit Kacke Bilder an
die Wand malt? Das waren gar nicht mal so sehr die konservativen
Feindbilder der Linken, mit denen sich Schlingensief anlegte, sondern
eben diese Denkfäule im Lager jener, die es besser wissen sollten,
es aber häufig nicht tun. So wurde ein Kino in Berlin, das TERROR
2000 zeigte, von sich selbst als links empfindenen Autonomen kurzerhand
auseinandergenommen.
Vielleicht
waren seine Werke doch nicht so verschlüsselt. So eloquent und
gebildet sich Schlingensief in Interviews erwies, wenn es um seine
Arbeit ging, so unmittelbar und unkalkuliert wirken seine Werke. Wie
vieles von ihm einem Spaß am Draufhalten, am „Sehen, was da so
passiert" zu entspringen scheint, so definieren sich viele Filme und
Kunstprojekte von ihm weniger am Vorgegebenen (Drehbuch o.ä.),
sondern am Effekt, den sie im Zuschauer erzeugen. Als er z.B. sein
FREAKSTARS-Projekt in die Tat umsetzte, schlugen die Wellen hoch. Seine
Gästebuchseite, entsinne ich mich, quoll damals über vor
haßerfüllten Vorwürfen, er würde Behinderte
verunglimpfen. FREAKSTARS – das ich für eines seiner besten und
nachhaltigsten seiner Projekte halte – war das genaue Gegenteil von
Behindertenverunglimpfung. Natürlich erlaubten die Reihe und der
aus dem Material gewonnene Film auch ein primitives „Höhö!"
über die Spaddel und Spaddelinen. Ich selber saß nur wie
gebannt davor und wunderte mich über die Zartheit, mit der
Schlingensief diese kompromittierten und von der Gesellschaft
ausgeschlossenen Menschen dazu brachte, sich selbst zu genießen.
Ich fand das unendlich schön und keine Sekunde diskriminierend.
Diskriminiert haben sich m.E. nur die Idioten, die da vermutlich ihr
eigenes Unbehagen, ihre eigenen Berührungsängste
bezüglich behinderter Menschen in diesen Haßkaskaden auf
Schlingensief projizierten. Und der Umstand, daß die Filme auch
Behindertenwitz-Fans Material zur Belustigung offerierten, arbeitete
für mich Hand in Hand mit der oft erprobten Arbeitsmethode
Schlingensiefs, die das Sensible mit dem Rohen verband. Schlingensief
hat nicht doziert, er hat erzeugt und anschaulich vorgeführt. Er
ist aufgrund der dadurch entstandenen „Skandale" von den ganz Dummen im
Feuilleton immer zum Provokateur auf Lebenszeit gestempelt worden. Aber
das war Teil seines Jobs, die ganz Dummen mit den Sensiblen und Klugen
zusammenzubinden. Eintracht wollte er keine erzeugen. Er wollte einen
Zusammenprall entstehen lassen, der die Dinge in Bewegung bringt. Und
der die Welt letztlich zu einem Ort macht, in der es möglichst
vielen Leuten möglichst gut geht. Seine schließlichen
Bemühungen in Afrika sind in einer Linie mit seinen früheren
Arbeiten zu sehen. Zwischen den Exzessen liegt nämlich viel
Sehnsuchtsvolles und Schönes. Den Leuten den Zeigefinger
vorzuhalten, bringt rein gar nichts. Man muß die Gefühlswelt
der anderen Leute dazu bringen, für sich zu funktionieren, ohne
den Kopf um Rat zu fragen. Der Kopf muß organisieren. Ohne
Organisation auch keine Kunst. Aber das Interessante an jeder Kunst
liegt eben in den Reaktionen, die sie in den vielen unterschiedlichen
Menschen hervorkitzelt. Schlingensief war ein Experimentator. Er war
ein Kind am Chemiebaukasten.
Ich
habe Christoph niemals persönlich kennengelernt, was ich sehr
bedauere. Es gibt kaum einen Menschen im Kulturbetrieb, der mir so ans
Herz gewachsen ist, wie er es war. Ich bewundere ihn dafür,
daß er in seinen gerade einmal 49 Jahren so viele Projekte in die
Tat umgesetzt hat in einer Umwelt, in der vieles mit Luft auf Luft
geschaffen wird. Da ich kein Christ bin, glaube ich nicht an ein ewiges
Leben im wortwörtlichen Sinne. Aber ich glaube daran, daß
alles, was wir tun, seine Spuren hinterläßt. Was wir in
unseren Mitmenschen bewirken, wird weitergetragen. Es ist alles ein
lustiger Fluß. Christoph hat sehr viele Menschen in diesem Sinne
beeinflußt, und dafür bewundere ich ihn. Und ich habe
beschlossen, jetzt nicht mehr traurig zu sein. Lieber sehe ich mir
morgen noch einmal MUTTERS MASKE an. Oder TUNGUSKA. Oder TERROR 2000.
++++
Am
24. August schrieb ich ebendort folgenden Text:
Wer ist der Taliban?
In
der bislang strunzpatriotischen Computerspielreihe "Medal Of Honor" -
die sich in der Vergangenheit meistens mit dem 2. Weltkrieg
befaßt hatte - ist es nun zu einem interessanten Problem
gekommen. Die neueste Folge befaßt sich nämlich auch mit dem
Afghanistan-Konflikt. Die interessante Frage nun lautet: Wer ist der
Taliban? Diese Frage stellt sich nur in der Mehrspieler-Variante des
Shooters. Ein "Electronic Arts"-Exec formulierte das wie folgt: "Die
meisten von uns machen das schon, seit wir sieben Jahre alt waren. Wenn
jemand der Gendarm ist, muss ein anderer der Räuber sein, jemand
muss der Pirat sein, das Alien. Im Multiplayer-Modus von 'Medal of
Honor' muss jemand der Taliban sein."
Irgendjemand
muß der Taliban sein! Ich gebe zu, beim „Räuber und
Gendarm"-Spielen immer lieber der Räuber gewesen zu sein. Bei
Cowboy-Spielen war ich lieber der Indianer. So war das halt damals.
Aber der Konzernmokel hat schon recht – ohne einen Bösewicht kommt
man nicht aus. Der muß anwesend sein, und er sollte
Vampirzähne haben.
Ich
habe mich früher immer als Moralisten bezeichnet. So auch am
Wochenende, als ich in netter Runde mit Leuten beisammen saß. Ein
Gesprächspartner, der schlauer war als ich, runzelte die Stirn und
erklärte, daß ich da wohl etwas anderes meine. Ich ging
etwas ins Detail: Meiner Ansicht nach sollte es das Ziel der Politiker
sein, die Welt zu einem Ort zu machen, an dem möglichst viele
Menschen mit möglichst vielen anderen Menschen möglichst gut
zusammen leben können. Da meinte er, das wäre ein ethischer
Wunsch, kein moralischer. Moral ginge ja immer von absoluten Werten
aus: Gut und Böse. Das ist nicht Wissenschaft, sondern Glauben.
„Gott ist mit uns, er haßt die Yankees!", wie Eli Wallach es in
dem Western ZWEI GLORREICHE HALUNKEN ausdrückt. Clint Eastwood
knirscht ihn daraufhin an: „Gott ist nicht mit uns, er haßt
Idioten wie dich!" Wenn man nun einen Krieg legitimieren will, braucht
man eine moralische Begründung: Der eine ist gut, der andere ist
böse.
Diese
Legitimation ist natürlich ausgesprochen dünn. Denn neben den
bluttrinkenden Taliban gibt es in Afghanistan auch unzählige
Zivilisten, die – wie alle Menschen – in erster Linie an der Erhaltung
ihrer eigenen Unversehrtheit interessiert sind. In Nazi-Deutschland gab
es nicht nur mordende Schlächter, sondern auch unzählige
Zivilisten, deren Interessenlage nicht wesentlich anders gewesen sein
wird als jene ihrer afghanischen Kollegen. An Krieg ist niemand
interessiert, außer jenen, die damit Geld und Macht einheimsen.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin sehr dafür,
daß die Alliierten den Nazis damals in den Arsch getreten haben,
denn wäre dies nicht geschehen – die Folgen wären grauenhaft
gewesen, auch für die deutsche Bevölkerung. Ein unbedingter
Pazifist bin ich also nicht. Doch beweist dieser Gedankengang auch,
daß es unlauter ist, einen Krieg moralisch erklären zu
wollen. Man muß ihn aber moralisch erklären, will man ihn
den Soldaten und der eigenen Bevölkerung schmackhaft machen. Sonst
rumst es nämlich auch zu Hause, wie damals zur Zeit des
Vietnamkrieges. Die Strategen des Gemetzels haben somit ein echtes
Problem zu stemmen.
Daran gemessen ist das Problem der
Computerspiel-Hersteller überschaubar: Irgendwer muß der
Taliban sein. Ich bezweifele, daß sich das Spiel auch mit der
Nachbereitung des Krieges befaßt, Wiederaufbau, Neustrukturierung
der Gesellschaft und so fort. In der Realität haben die
obwaltenden Kräfte in dieser Hinsicht ziemlich versagt, moralisch
wie ethisch. Im Computerspiel geht es nur darum, wer jetzt den
Bösewicht macht. Man könnte die Taliban im Mehrspieler-Modus
natürlich vom Computer steuern lassen. Die künstliche
Intelligenz könnte man dann im Vorfeld festlegen – möchte man
doofe Taliban, möchte man schlaue Taliban? Die Gegner wären
somit Roboter, wie in BLACK HAWK DOWN und ähnlichen Hetzfilmen.
Das ist genau die Grundhaltung, die man als Soldat braucht, denn
ansonsten wird man im Einsatz wahnsinnig. Auch wenn es natürlich
falsch ist – der Gegner ist niemals ein Roboter. Ohne es zu merken, hat
uns „Electronic Arts" hier einige wichtige Einsichten über das
Wesen des Krieges beschert. Ob er nötig ist, der Krieg, oder
unnötig, das weiß ich selber nicht. Begeht man ein Unrecht,
um ein noch größeres Unrecht zu vermeiden? Jack Bauer
weiß das besser als ich. Fakt ist aber, daß es falsch ist,
einen Krieg moralisch zu legitimieren. Wie sehr dies Politiker und
Medien auch immer versuchen.
++++
Ebenfalls dort erschien folgender
Absatz am 15. September:
Ich habe mir mal
darüber Gedanken gemacht, ob es statthaft oder, im Gegenteil,
rechtlich bedenklich wäre, wenn ich eine Person des
öffentlichen Lebens wie den Herrn Sarrazin mit Unflat
überzöge. Wenn ich - rein theoretisch - diesen Mann wegen
seines Aussehens oder seiner Äußerungen ehrabschneidend
kommentieren würde. Im privaten Rahmen - z.B. allein vor dem
Fernseher, bei Burschenschaftsveranstaltungen oder bunten Abenden
meines Swingerclubs - darf ich ihn beleidigen, demütigen und
schurigeln. Ich darf ihn z.B. einen doofen Biffbaff nennen oder einen
ganz Ollen. Das Internet hingegen gilt ja wohl als öffentlicher
Raum. Das ist so, als stiege man im Adamskostüm auf eine
Seifenkiste und träte für kontroverse Standpunkte ein. Wenn
ich ihn da der Ollenhaftigkeit zeihen würde, könnte er mich
vor den Kadi zerren. Das würde er vermutlich nicht machen, aber er
könnte sich abends mit einem Glas Demeter-Brottrunk und einer
leckeren Salamistulle hinsetzen und sich im Bewußtsein sonnen,
die rechtliche Handhabe dafür zu besitzen. Rein theoretisch.
Außerdem bestünde ja auch die Möglichkeit, daß
Thilo Sarrazin verliebt in mich ist. Man stelle sich das vor: Er, der
große Finanzmagnat, ist ein großer Fan von
europäischen Exploitationfilmen! Auch Pornos aus den 70er Jahren
sind bei ihm gern gesehene Gäste! Meine Texte verschlingt er seit
Jahren, genau wie die leckere Salamistulle. Tatsächlich
möchte er mich heiraten, ein tief in ihm bubbernder Wunsch, dem
die Erfüllung von der grausamen Natur verwehrt bleibt. Eine Liebe,
die nicht werden darf. Nun komme ich und nenne ihn ehrabschneidend
einen doofen Biffbaff und einen ganz Ollen! Und das noch im
öffentlichen Raum! Ganz klar, daß ihm quasi der Boden unter
den Füßen weggezogen wird. Er landet im Loch, in der
transzendentalen Obdachlosigkeit. Er entgleist. Vielleicht wird er
tatsächlich nackend durch die Innenstadt laufen, mit einem lustig
bimmelnden Glöckchen am Beutel. Vielleicht läuft er auch
Amok. Tatsächlich würde er mich zumindest auf Rücknahme
des Ollen verklagen. Davon muß man leider ausgehen. Deshalb werde
ich mich hüten, ihn hier zu dissen. Der Text wird auch in hundert
Jahren nicht lustig.
Ich habe übrigens auch sonst ein
paar Dinge zu dem unbrisanten Mann geschrieben, die alle rechtlich
unbedenklich waren. In den letzten Wochen sind aber bereits
dermaßen viele Werbesendungen für sein neues Buch zu sehen
gewesen, daß mir meine eigenen kleinen Gedanken zu dem Thema
überaus löschenswert erschienen. Seine Methode ist
völlig genial, und dafür bewundere ich den Mann sogar ein
kleines bißchen: Wenn man wirklich mitreden möchte,
muß man das Buch gelesen, es also erst einmal gekauft haben. Ein
Nachdenken über den Zustand unserer Gesellschaft wird also erst
möglich durch einen Obolus in den Klingelbeutel dieses vermutlich
nicht unvermögenden Mannes. Hut ab - Chapeau! Da ich gerne von den
Besten lerne, sollte ich, wenn mein P-Buch herauskommt, vielleicht eine
ähnliche Strategie andenken. Ich müßte dann meine
eigentlich recht unkontroversen Texte über die Geschichte des
amerikanischen Pornokinos der 70er Jahre gewaltig aufblasen, mit
tendenziös zurechtgebogenen Statistiken anreichern - ich
wüßte nicht, wofür Statistiken sonst da sein sollten!
-, das Ganze dann mit einigen sexistischen Bonmots anreichern und
voilà - der neue Skandal ist da! Bei Thilo S funktionierte das
ganz simpel, und ich wundere mich sehr, daß ganz Deutschland so
überaus willens war, den Köder samt Angel zu schlucken: Einen
relativ alten Hut aus dem Ärmel zaubern, sich so gerieren, als
wäre das Thema noch niemals zuvor diskutiert worden
(Integrationspolitik? Wie bitte?), im besten Stammtischstil mit der
Faust auf den Tisch hauen und "Das muß doch mal gesagt werden
dürfen in diesem Lande!" brüllen, ein bißchen den
Medien-Opferhannes geben und dann stillhalten und kassieren...
Während ich Eva Herman zubillige, daß sie wirklich arglos in
die selbst errichtete Falle hineingetappt ist (ihr Meisterstück
war wirklich der Love-Parade-Katastrophentext, in dem sie von
höheren Mächten schwafelte, die die dort getöteten
Kinder quasi bestraft hätten!), so halte ich Thilo S für
wirklich intelligent. Warum sollte ein intelligenter Mann, dem es
wirklich um die Zustände in unserem Land bestellt wäre, seine
diesbezüglichen Gedanken mit biologistischem Geraune über
Juden-Gene etc. anreichern, bei dem doch wohl jedem mit einem IQ
über 50 klar sein sollte, was für ein Bohei das dann gibt?
Wenn es ihm nicht primär um das Bohei geht? Bei Politikern nenne
ich das immer "die Hitler-Karte ziehen" - wenn man so gar nichts
Sinnvolles mehr ins Feld zu führen weiß, vergleicht man
einfach mal z.B. Bush mit Hitler - was natürlich völliger
Blödsinn ist -, und sofort brodelt der Sud, und unverdiente
Aufmerksamkeit suppt einem entgegen. Ich stelle mir das in meinem Falle
so vor: Ich lasse einige Journalistenfreunde entsetzt darüber
schreiben, daß sie sich von mir Pottsau distanzieren wegen der
schlimmen Dinge, die ich in meinem neuen Buch schreibe. Wie ich denn
Frauen so beleidigen könne. Abgesehen davon sei das Thema ja auch
so was von. Also wirklich so was von. Ich lasse einige getürkte
Interviews durchsickern, in denen ich Sachen sage wie: "Ob ich was
gegen die Frauenbewegung habe? Nö, wäre doch scheiße,
wenn sich die Weiber beim Vögeln nicht bewegen würden,
höhö!" Ich dürfte nicht vergessen, Alice Schwarzer zu
beleidigen (obwohl die das derzeit ja schon selber besorgt,
höhö, oh, jetzt fange ich schon damit an...), und um ganz
sicher zu gehen, daß es auch bestimmt einen Eklat, wenn nicht
sogar einen Eclair gibt, sollte ich einige getürkte Feministinnen
mieten, die bei Lesungen Halligalli machen. Im Lesesaal lasse ich ganz
unauffällig Kisten mit reifen Tomaten deponieren und warte auf den
Ketchup. Den Ketchup wasche ich ab, setze mich stumm grinsend an den
Rand und kassiere die Kohle. Wenn ich nicht jeden Morgen in den Spiegel
kucken müßte, würde ich das ganz bestimmt so machen...
Wohlsein!
090910
Nach langer,
langer Zeit habe ich endlich mal wieder einen Gästebucheintrag
bekommen! Ist das nicht schön? In diesem Gästebucheintrag
werde ich darauf hingewiesen, daß hier nichts mehr los sei. Da
könne ich den Kappes auch dichtmachen. Hmmh. Okay. Das stimmt
schon - hier ist wirklich nicht mehr viel los. Woran das liegt? Danke
der Nachfrage. Also, das liegt daran, daß ich ein eigenes Leben
führe. Dieses Leben - eine nicht enden wollende Butterfahrt in den
Glamour! - eignet sich nicht immer zur Verdichtung. Soll heißen,
es passiert nix, und wenn was passiert, lohnt es keine Meldung. Dem
Passierenden wohnt kein sittlich-moralischer Nährwert inne. Man
kann das aus den unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten:
Vielleicht bin Ich ja barmherzig, weil ich den Leuten nicht allen
deprimierenden Talmi zumute, der sich in meiner Existenz zuträgt.
Vielleicht genieße ich für einen kurzen Moment - der
durchaus Jahre dauern darf, wenn er möchte - auch das befreiende
Gefühl, von meiner Leserschaft ganz falsch wahrgenommen zu werden
- als erfolgreicher Starautor, als mulmige Randexistenz, als armes
Würmchen, das weinend in seiner Wohnung hockt und greint: Mami,
ich versinke im Müll! Wir alle spielen ja Rollen, und in der Regel
kriegen wir gar nichts davon mit. Wenn ich in den knapp 10 Jahren, die
ich jetzt mit dem Internet vertraut bin, etwas gelernt habe, dann doch
den Umstand, daß ausnahmslos jeder, der sich dort produziert,
eine Rolle spielt. Das reicht vom verpickelten 16-jährigen
Soziopathen in Ausbildung, der sich "Whitemaster88" oder so nennt und
in Foren auf die Kacke haut, bis zum blumigen Erweckungsprediger, der
mit dem Honigeimer umherzieht und die Wahrheit verbreitet. Vielleicht
bin ich ja mal für eine gewisse Zeit etwas ernüchtert und
konzentriere mich auf mein Leben, näch. Vielleicht bin ich aber
auch einfach nur faul! Mit absoluter Sicherheit aber bin ich jemand,
der für den Großteil seiner Aktivitäten keine Kohle
bekommt. Ich finanziere mich fast ausschließlich über
Waffengeschäfte, Drogen und weißen Sklavenhandel. Ein
positives Echo auf mein Gekritzel habe ich ausgesprochen selten
erhalten. In der Regel waren da nur teils fordernde, teils
gekränkte Mails, die sich darüber beklagten, daß ich
die TV-Woche habe einschlafen lassen. Kennt Ihr noch Kunta Kinte? Aus
"Roots"? Diese TV-Serie über eines der düstersten Kapitel der
amerikanischen Geschichte? Also, ich bin nicht Kunta Kinte noch
verspüre ich eine übergroße Lust, es zu werden!
Daß jetzt ausgerechnet eine Wortmeldung, die meine Texte
geringschätzig als "Kappes" bezeichnet, zu einem Lebenszeichen
meinerseits führt, hat damit zu tun, daß sie diese
respektlose Tendenz, zu konsumieren, ohne was wiederzugeben, ziemlich
auf den Punkt bringt. Das ist kein internetspezifisches Phänomen,
aber erst seit dem Siegeszug des Internet erfuhr es höchstes
Raffinement. Um das klarzustellen: Ich fühle mich geschmeichelt,
wenn man meine Texte liest und ihnen auch etwas abgewinnen kann. Ich
denke, daß das der einzige Grund ist, weshalb man überhaupt
öffentlich etwas produziert - man möchte andere Leute
beeinflussen. Man möchte etwas von dem eigenen Sinn für
Schönheit weitergeben. Das ist einerseits etwas überheblich,
denn man weiß natürlich nicht, ob die jeweiligen
Äußerungen nach Käsfuß und ungelüfteter
Unterhose riechen. Vielleicht liegt man ja auch komplett falsch.
Andererseits steht am Ende des Lebens der Tod, und das Wurmfutter in
spe kann - so es nicht an Engel mit Flügeln und bärtige
Männer mit Donnerpfeilen in der Hand glaubt - nur auf diese Weise
sinnreich wirken - indem man andere beeinflußt. Manch einer macht
das auf sehr praktische Weise, z.B. als Schuster oder Bäcker. Die
Welt kann ohne meine Texte leben, aber nicht ohne die Schuhe oder die
leckeren Brötchen! Wenn ich Mußezeit habe, treibe ich mich
häufig auf fremden Webseiten rum, ich lümmele mich herum, ich
streune von Tür zu Tür, und überall dort, wo es mir
gefällt, sauge ich etwas auf und lasse mich beeinflussen. Ich
liebe es, mich beeinflussen zu lassen! Wenn es ein Beeinflussungsventil
gäbe, so würde ich es volle Kanne aufdrehen. Nicht aber
treibe ich mich dort herum, wo es mir nicht gefällt. Ich habe
früher mal einzelne Haßmails bekommen von Leuten, die
offensichtlich einen ziemlichen Hals auf mich hatten, warum auch immer.
Ich unterstelle mal, daß die in Wirklichkeit einen Haß auf
ganz wen anders hatten und sich dachten: Na ja, der Mann ist so dick,
auf den kann man das gut projizieren. Das ist ja auch in Ordnung. Nur,
was mich faszinierte: Aus den vor Verachtung triefenden
Äußerungen ging zweifelsfrei hervor, daß sich diese
Leute sehr eingehend mit meiner Seite beschäftigt hatten. Die
hatten Texte gelesen, von denen ich schon gar nicht mehr wußte,
daß sie noch auf der Seite waren! Analog dazu gibt es - u.a. auf
Facebook, wo ich jetzt meistens herummeiere - viele Menschen, die sich
auf eine fremde Seite begeben, wo der Betreiber gerade einen Film, ein
Buch, ein leckeres Essen hochleben läßt, und schreiben
dahin: "Ich finde das SCHEISSE!" Warum haben die Leute so ein
großes Vergnügen daran, auf fremden Türschwellen
Kackhaufen zu hinterlassen? Eine Auseinandersetzung, fein, fetzen macht
Spaß. Gehaltvolles Fetzen zwingt aber dazu, sein Gegenüber
zumindest zu respektieren, als Menschen wahrzunehmen. Ist dies nicht
der Fall, handelt es sich zweifellos um eine nicht an die
solchermaßen angepflaumte Person gekoppelte Zwangshandlung, von
der ich nicht weiß, was das soll. Ehrlich - ist marsianisch
für mich! Ich ärgere mich darüber nicht einmal mehr, ich
schüttele nur verwirrt den Kopf. Ich lasse das jetzt mal mit dem
Kappes. Das alles nur als Erklärung dafür, weshalb ich mich
hier so rar gemacht habe. Wenn ich wichtige Dinge zu vermelden habe,
werde ich mich auch wieder häufiger melden. Es ist immer und
zuallererst eine Frage der Lust.
++++
Ich bin immer noch für den "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega"
tätig und mache mich dort wichtig. Als Beleg dafür mag dieser kurze Bericht über unser
Spezial-Event "Motel Madness" dienen. Auf YouTube habe ich ein kurzes Video
eingestellt, das die mit diesem Event zusammenhängende
"Modenschau" dokumentiert. Im Moment bereiten wir uns seelisch auf Blut
und Gedärme vor, da der dritte Teil unserer Doktor-Trilogie u.a.
Udo Kier in einem von Andy Warhol präsentierten Klassiker
beeinhaltet.
++++
Mein Buch über amerikanische P-Filme der 70er steht offenbar kurz
vor der Vollendung! Ich habe vorgestern die ersten Schriftproben
vorbeigeschickt bekommen. Es ist immer ganz was Besonderes, wenn man
den eigenen Text auf einmal fertig gelayouted sieht. Schneuz. Sieht so
aus, als würde jetzt doch noch etwas aus dem Projekt werden. Fein!
Anvisiert hat der Verleger den Oktober. Ob das klappt, wird man sehen.
Ich werde aber überall - sogar hier! - die Posaunen erschallen
lassen, wenn det Dingen geschlüpft ist, Popo gepudert, frisch
gewickelt, die janze Chose. Für die Veröffentlichung
mußte übrigens aus Platzgründen etwa ein Fünftel
der Rezensionen weichen. Einen Teil der "Outtakes" werde ich zu einem
Artikel für die "Splatting Image" umfunktionieren. Die gesamten
Restbestände werde ich aber an geeignetem Ort online stellen,
worüber ich noch informieren werde. Ich plane die Errichtung eines
Porno-Paradieses mit zahlreichen Neuzugängen, die sich im Laufe
der letzten Monate ergeben haben. Außerdem plane ich einige
Interviews mit Leuten, die ich seitdem kennengelernt habe, z.B. einer
tollen Frau, die nicht nur am ersten "Blaxploitation"-Porno der
Filmgeschichte beteiligt war, sondern auch an Melvin van Peebles´
großartigem SWEET SWEETBACK´S BADASSS SONG. Es wird wohl
auch eine Lesetour geben, auf der ich aber weniger aus meinem Buch
vortragen werde, sondern eher eine Vorlesung über die
Pornogeschichte anstrebe, mit Filmbeispielen, die ich aber
einigermaßen züchtig halten werde. Niemandem ist mit einem
lüstern schnaufenden Vortragenden gedient! Außerdem werden
mich nach Erscheinen des Buches eh alle für Graf Porno halten,
obwohl ich mir seit einigen Jahren keinen einzigen mehr ausgeliehen
habe. Das wird lustig!
++++
Da es mit Sicherheit viele Leute gibt, die weder auf Facebook noch auf
Myspace aktiv sind, habe ich eine weitere
Galerie angefügt, in der die Verheerungen zu studieren sind,
die die letzten Jahre meinem Gesicht haben angedeihen lassen. Wohlsein!