AMOK, KILLERSPIELE UND DER SCHWARZE
SEPTEMBER
Richtung
Weihnachten 2009
171209
Als kleinen Tip für den Gabentisch habe ich einen Werbetext
für Wenzel Storchs formidables Buch "Der
Bulldozer Gottes" verfaßt.
011209
Wie mir erst jetzt zugetragen wurde, ist am Wochenende unser Freund
Tony Kendall verstorben. Und heute nacht ist auch noch Paul Naschy von
uns gegangen.
Muß ich jetzt erst einmal verdauen.
131109
In Ghana muß die Videotechnik wohl zumindest zeitweise einen
Ersatz für echte Filmtheater dargestellt haben. Für diese
besondere Form des Wanderkinos wurden ortsansässige Künstler
damit beauftragt, Plakate für die Aufführungen zu gestalten.
Das sah dann etwa so aus:
Naive Kunst wird ja gerne belächelt. Abseits des
Amüsement-Faktors finde ich aber die Umgestaltung des
Nicht-Dritte-Welt-Seienden absolut faszinierend. Daß die
kulturellen Erzeugnisse Afrikas den jeweiligen Bedürfnissen
entsprechend umgestaltet werden, ist ja nichts Neues. Man denke an
musikalische Leihgaben oder an afro-amerikanisches Kunsthandwerk, ganz
zu schweigen vom Dritte-Welt-Schangel, der seit der Hippie-Zeit
kursiert und dem Träger den Hauch des Kosmopolitentums verleihen
soll. Wir sind eine Welt. Hier wird der Spieß einmal umgedreht
und Roger Moore zu einem schwarzen Bomber im Smoking gemacht. (Man
fragt sich, wie wohl das Plakat zu LEBEN UND STERBEN LASSEN ausgesehen
haben mag...) Auch toll die Barbara Bach, die hier etwas nach Eartha
Kitt ausschaut. Sieht man einmal von dem Lamborghini ab, der irgendwie
zwischen Kubismus und Dali anzusiedeln ist, beeindruckt mich am meisten
der kecke Fisch mit Bart, der aus so einer Art Blumentopf
herauszukommen scheint. Sein Gesichtsausdruck entspricht in seiner
Abgeklärtheit dem Fazit, das ich aus 41 Jahren Erdenbürgertum
ziehe. Wer noch ein paar andere dieser Bilder sehen möchte (u.a.
einen brillanten CUJO!), kann mal hierhin
reisen...
(DDR-Plakat...)
121109
Wollte mir gerade einen Tonträger kaufen. Hat aber nicht geklappt.
111109
Ich bin immer noch sehr verstört. Robert Enke, Torhüter des
Fußballclubs Hannover 96, hat sich im Alter von 32 Jahren das
Leben genommen. Erst einmal ein Whopper in die Magengrube. Es macht
immer ratlos, wenn man von jemandem hört, daß er seinem
Leben ein Ende gesetzt hat. Bei Schauspielern und anderen
Künstlern rechnet man irgendwie eher damit als ausgerechnet bei
Fußballstars. Von Enkes Privatleben hatte ich keine Ahnung. Sein
Auftreten erschien mir immer sehr robust, eher bundeswehrartig. In
einer exponierten Position wie der seinen darf man nach außen hin
wohl auch keine Schwächen zeigen. Der Konkurrenzkampf ist
groß, gerade in seinem Fall war er das. Daß man bei aller
Professionalität nicht mehr dazu kommt, auf die eigenen
Empfindsamkeiten achtzugeben, Schicksalsschläge aufzuarbeiten,
sich Schwächen nachzusehen, liegt nahe, denn die
Öffentlichkeit der eigenen Person ist eine Hypothek, der
wahrscheinlich nicht jeder gewachsen ist. Was in seinem speziellen Fall
den Ausschlag gegeben hat, ist unbekannt, und es ist auch
müßig, darüber zu spekulieren. In diversen Foren halten
sich bei den Fußballfans der Schock und die harsche Ablehnung von
Enkes Entschluß die Waage. Es wird erneut viel über den
Egoismus von Suiziden geschrieben, die Leiden, die anderen Menschen
dadurch unverdient aufgedrückt werden. Das ist sicherlich bis zu
einem gewissen Punkt richtig. Meiner eigenen Erfahrung nach zwingt aber
jeder Leidensdruck einen Menschen in eine egozentrische
Betrachtungsweise hinein, und wenn man auch nur das kleinste
bißchen depressiv veranlagt ist, fühlt man sich bald
komplett auf das Leiden zurückgeworfen, als einsamster Mensch der
Welt. Die Selbsttötung ist die letzte Konsequenz, das Nonplusultra
des Egoismus. Das moralisch bewerten zu wollen, ist völlig
sinnlos. "Bevor du Dummheiten machst, ruf´ mich an!" ist ein
beliebter Spruch, den man depressiven Freunden oder Bekannten mit auf
den Weg gibt, aber das ist natürlich Kappes: Wenn sich jemand
umbringen will, dann macht er das auch, Ende, aus, Apfel. Der ruft dann
nicht mehr irgendwo an. Ich gehe davon aus, daß Enkes
Entschluß ein spontaner war, aus einem Moment der Verzweiflung
heraus. Von ihm zu erwarten, er hätte zuerst an seine
Angehörigen oder an den Lokführer denken sollen, ist
sicherlich nachvollziehbar, aber eben auch unrealistisch. Wer sich da
voller Verachtung über den Mann äußert, thront offenbar
auf einem Hügel aus ersten Steinen und beweist damit exakt jene
Respektlosigkeit vor den Belangen anderer, die er Enke vorwirft. Ich
habe für das Geschehene keine Worte, mit Sicherheit keine
bewertenden. Es zeigt einmal mehr, daß man nicht vom
Äußeren auf den Menschen schließen darf. Es ist sehr,
sehr traurig. In den Medien wird in den nächsten Tagen ein
fröhliches Rätselraten über Enkes Motive stattfinden.
"11 Freunde" hat dazu einen exzellenten Text
veröffentlicht. Enkes Motive sind aber sehr persönlich und
gehen nur ihn und die direkt Betroffenen etwas an. Mein Beileid den
Hinterbliebenen.
RIP
061109
So, Halloween ist nun ins Land gegangen! Ich habe das zu diesem Behufe
angesetzte Besäufnis überlebt, wenn auch nur knapp. Man wird
ja an allen Ecken und Enden darauf gestoßen, daß man keine
20 mehr ist...
++++
Mein Prachtvolumen über die Abgründe des amerikanischen
Pornokinos der 70er Jahre, "Die läufige Leinwand", geht nunmehr
seiner Vollendung entgegen. Die letzten Wochen über habe ich mich
noch mit der Anbereitung von Illustrationsmaterial befaßt,
das sich weitgehend auf Plakatmotive beschränken wird.
Herausragende Genitalien wird der Leser nicht zu befürchten haben.
Dies wäre allenfalls ein Thema gewesen, wenn wir den Schmöker
als Pop-Up-Buch angelegt hätten. (Das wäre für eine
spätere Auflage allerdings eine ganz entzückende Idee...)
Schwellungen im Kopf sind beim Lesen meiner Zeilen aber überaus
erwünscht!
++++
Schwellungen im Kopf spielten wohl auch die Hauptrolle beim letzten
Spiel meines FC St. Pauli gegen Hansa Rostock, bei dem erneut einiges
aus dem Ruder lief. Mit viel Glück und einem beachtlichen
Schlußsprint gewann die von mir favorisierte Mannschaft das
Match, und abgesehen von einigen idiotischen Zündeleien nach dem
ersten Tor ging es vergleichsweise friedlich zu. Sollte man meinen.
Nach dem Spiel war dann aber Achterbahn, und die Deppen beider Clubs
keilten sich nach Herzenslust, bedauerlicherweise nicht nur mit
ihresgleichen. Ich hätte grundsätzlich nichts dagegen, wenn
die kampfwilligen Jungmänner sich an freien Orten verabreden
würden, um dort ihren Adrenalinüberschuß abzureagieren.
Vorbild hierfür sollte das Finale von Takashi Miikes CROWS ZERO
sein. Alle könnten sich dann ordentlich einen auf die Mappe geben,
und Außenstehende würden nicht behelligt. Das wäre doch
mal was. Stattdessen wurden erneut zahlreiche Polizisten aktiviert, die
weiß Gott für sinnvollere Dinge eingesetzt werden
könnten (z.B. meine Pornobuch-Lesungen abzusichern!) Viele der
Polizisten wurden obendrein verletzt, was nicht nur
überflüssig, sondern ekelhaft ist. Schade, daß es auch
während des Spieles Mißklänge gab, wenn man genauer
hinsah: Da war die unschöne Hals-ab-Geste des Stürmers Naki,
als jener das glorreiche 2:0 versenkte. Ich war erbost, wenngleich mein
Zorn verrauchte, als ich davon hörte, er sei von Rostocker Fans
mit rassistischen Beleidigungen eingedeckt worden. So spaltet sich
meine Auffassung von dem Vorfall in einen Gutfind- und einen
Schlechtfind-Sektor. Wenn mich jemand während eines
Fußballspieles (eines Spieles, verdammt noch mal!) als "Kanake"
beschimpfen würde, würde ich noch ganz andere Gesten machen.
Das sähe dann vermutlich eher aus wie Cantonas legendäre
Kickbox-Aktion. Das Dumme ist nur, daß man solche spontanen
Aktionen leider nicht offiziell sanktionieren darf, denn ansonsten
wäre Feierabend mit Fairplay, und die Deppen hätten gewonnen.
Die Dreispielesperre finde ich moderat und angemessen. Persönlich
finde ich Nakis Aussetzer aber unter diesen Umständen völlig
verständlich. Wesentlich verständlicher als den
widerwärtigen Jux mit der Gummipuppe, die einige Rostocker Fans
von der Tribüne warfen, in Anspielung auf den Pauli-Fan, der vor
kurzem fast zu Tode gekommen wäre. Ich finde es aber gut,
daß der Verein St. Pauli sich eher mit den Aussetzern der eigenen
Fans befaßt, als auf die Verfehlungen der anderen hinzuweisen
oder dem DFB Doppelmoral vorzuwerfen, da mein Schalker Lieblingsspieler
einst bei einem ähnlichen Vergehen straffrei ausging. Beweisen
läßt sich der Milderungsgrund eh nicht. Ich denke, daß
die Verantwortlichen beider Vereine im Grunde ähnlich denken, nur
daß es halt nicht jene sind, die sich bei den Nordderbys
regelmäßig kloppen. Beim nächsten Aufeinandertreffen
der beiden Vereine möchte ich aus irgendeinem Grund nicht
persönlich vor Ort sein... Wie man das vermeiden kann? Nun, ich
denke, man hätte die Geldstrafe(n), die Naki aufgebrummt worden
sind, sinnvoll verwenden und in eine Werbekampagne stecken können,
die den Blitzbirnen beider Vereine zumindest etwas das Wasser
abgräbt. Es ist auch jetzt nicht zu spät dafür,
wenngleich mir solche "Mein Freund, der Ausländer"-Nettigkeiten
normalerweise etwas auf den Senkel gehen. (Wir wissen leider, wie die
Realität aussieht, gelle?) Hier ginge es aber nicht darum, dem
Fußball ein menschliches Antlitz zu verleihen
(Pracht-Kitschformulierung! Ein Fußball mit Antlitz? Zum
Reintreten? Toll!), sondern um die akute Vermeidung anstehenden
Gerangels. Man dürfte da auch gerne den kleinsten gemeinsamen
Nenner mobilisieren, denn jener soll ja auch angesprochen werden. Wie
wäre es zum Beispiel mit folgender Fernsehwerbung: Spielbeginn.
Links die Spieler des FC St. Pauli. Rechts die Spieler von Hansa
Rostock. Harte Mienen, grimmige Gesichter. Haß blitzt aus den
Augen. Leichtes Gegenlicht, metallische Actionfilm-Farben,
dräuender Dampf im Hintergrund. Wie diese beknackten
"ran"-Werbungen. Die Ruhe vor dem Sturm. Gleich werden sie
übereinander herfallen. Dann: ein Pfiff! Beide Teams laufen
aufeinander los, Schweiß spritzt, Muskeln werden geflext, und
dann... klatschen sich die Spieler ab, Friede, Freude Eierkuchen!
Irgendwie sowas... Das wäre zwar Tinnef, aber es wäre
effektiver Tinnef, und womöglich könnte man den einen oder
anderen Hanswurst dazu bewegen, den Rambo in der Hose zu lassen und
sich auf das Spiel zu konzentrieren. Darüber hinaus wäre es
auch gut für das Image der Clubs. Wäre schön, wenn man
da mal aktiv werden würde. Zähne wachsen so überaus
langsam wieder
nach.
++++
Ich habe einige Sachen auf YouTube ins Netz gestellt, die meistenteils
den Proberaumexzessen der letzten Jahre entsprungen sind. Darunter sind
die damalige Version von "Teddy Bear", das
dazugehörige Instrumental,
ein Schlesierlandlied,
ein Videobandhüllenlied,
eine Live-Version von Presleys "Fever", eine
Version von "Hound
Dog" und eine von "Are You Lonesome
Tonight". Die Live-Versionen sind irgendwann 2003 passiert.
300909
Ich habe über das Buio-Omega-Event vom letzten Wochenende einen
launigen Text mit einigen Fotos ins Netz gestellt - findet Ihr hier! So war das nämlich alles...
++++
Für Freunde der Lyrik habe ich einen Soundfile produziert, auf dem
ich das berühmte Gedicht "The
Conqueror Worm" von Edgar Allan Poe vortrage, und zwar mit einer
Fernbedienung im Mund.
290909
Seit dem Wahlergebnis habe ich eine Menge Unkenrufe und
„Ohjeohje“´s mitbekommen. Gelbschwarz – der Satan hat obsiegt!
Ich spüre da eine Menge masochistisches Potential, das mir von
unpolitischen Jammerern meines Umfeldes wohlvertraut ist. Ich bin
diesen Jammerern sehr dankbar für ihre
Unmutsäußerungen, denn sie haben mir die Augen geöffnet
für die Neigung des Menschen zum willigen Strecken der Waffen,
wenn eine zünftige Passionspantomime winkt. Wenn man sich in
wohligem Schaudern abwendet, alle Viere von sich streckt und dem
Butzemann die nackte Kehle darbietet zum Darüberratschen.
„Raff´ mich hinweg, Sensenmann!“ hauchte der
Gerechtigkeitskämpfer von einst und zog blank. Ist es das, was man
als Mensch lernen soll? Ich denke, man sollte vor allen Dingen Mumm
lernen und den Spaß am Widerstand entwickeln. Lust am
kalkulierten Aufeinanderprall, an der geplanten Havarierung. Ich habe
in meinem privaten Umfeld niemals ein Hehl daraus gemacht, daß
die Entscheidung der SPD, Steinmeier zum Kanzlerkandidaten zu machen,
einem Bekenntnis zur Todessehnsucht gleichkommt. Ich halte den Mann
für tüchtig, und vermutlich war er als Außenminister
wesentlich besser besetzt als Westerwelle, aber als Kanzlerkandidat –
noch dazu in Krisenzeiten – war er eine komplette Fehlbesetzung. Nun
haben wir die Merkel und Westerwelle. Was auch immer in der Welt
passiert ist in den letzten Monaten, wie sehr auch immer die FDP mir
widerstrebt, aber Westerwelle war derjenige der Politiker, der sich in
den letzten Jahren am meisten verändert hat. Er hat Lockerheit
dazugewonnen, er hat Geschick dazugewonnen – auch wenn er es mit dem
Humorfaktor noch etwas übertreibt; das ist nicht sein Forte -, er
kokettiert sogar mit seiner Homosexualität. Das wäre
früher nie passiert. Ich habe immer gesagt: Der wird punkten wie
bekloppt! Steinmeiers Lebender-Stein-Darstellungen waren zum Scheitern
verdammt, und Frau Merkel hat sich aus dem Wahlkampf weitgehend
rausgehalten und damit vergleichsweise wenig Verluste eingefahren. Nun
haben wir eine einigermaßen kompromittierte Fraktion von
Christdemokraten am Hacken und stolzgeschwollene FDP´ler, die
professionell genug sind, sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu
lassen. Unterm Strich winkt uns geballter Neo-Con-Andrang, neoliberale
Großmeiergebärden, die zwar die Wirtschaftskrise nicht
wirklich bekämpfen werden, aber gut auf dem Papier ausschauen. Und
darum geht´s. Die Opposition hat versagt. Die SPD, die
Grünen und die Linken sind jetzt zum ersten Mal seit langem in der
Lage, am gemeinsamen Strang zu ziehen, die Gemeinsamkeiten auszuloten
und – bei allem moralischen Schluckauf – die vorgefundene Wirklichkeit
daraufhin abzutasten, ob sie wirklich so ist, wie sie sich das
wünschen. Ich wette mal, daß das nicht der Fall ist! An
dieser Stelle offenbart sich die einmalige Chance, wieder am Punkt Null
anzufangen. Die SPD und teilweise die Grünen haben sich durch
Regierungsbeteiligung und hinzugewonnene „Professionalität“ von
ihrer Basis entfernt und mehr oder weniger die Quittung bekommen. Die
Sozis waren mal eine Partei, die auf dem Papier die Rechte der Arbeiter
vertreten sollte. Die Grünen standen für Umweltschutz und
Pazifismus. Von diesen ursprünglichen Ansprüchen ist nicht
mehr viel übriggeblieben. Es gibt aber unzählige Leute, die
genau hier ansetzen wollen. Die den Parteien wieder zu ihrer
Identität und ihrer Glaubhaftigkeit zurückverhelfen wollen.
Das nennt sich „Basis“, und wie gewieft und wie machtorientiert sich
die obwaltenden Großkopfeten auch gewähnt haben, sie sind
mit ihrer Strategie auf die Nase gefallen und sollten den Weg
freimachen für neue Leute, die der jeweiligen Partei ein
glaubhaftes Profil zurückerobern wollen. Es wird sehr viel arme
Menschen geben in diesem Lande, auch schon ab diesem Jahr. Sich nur dem
Mittelstand und den Reichen anzubiedern, wird nicht fruchten. Im Moment
glauben die Leute noch, daß sie aus ihren maroden Fondspaketen
Pfennige herauspressen können, aber das ist der fromme Glaube.
Hilf´ dir selbst, dann hilft dir Gott, wie es so schön
heißt! Man muß etwas Eigeninitiative aufbringen. Wenn man
den momentanen Elendsverwaltern vertraut, dann kann man sich auf die
Hiobsbotschaften einstellen, die uns in jedem kommenden Monat erwarten
werden. Erneut: Wir werden neokonservativen, neoliberalen Pfriemel
serviert bekommen, bis die Chimäre der wohllöblichen
Grundversorgung und der Sozialleistungen zerbricht im Angesicht
dringlicherer Tagesordnungspunkte. All das Geseiere über
Bürgerrechte wird nur bis zum Punkt des geringsten Widerstandes
reichen. Abgezielt wird auf die Verwerter, nicht auf die Urheber. Das
wird überall der Fall sein. Und bis dahin werden salbungsvolle
Weisen den zunehmenden Verfall unseres Sozialsystems begleiten, damit
der verbrutzelte Leichnam der Jeanne d´Arc zumindest noch
für Nebeltaktiken zu gebrauchen ist. Eine Optimismussymphonie wird
uns begleiten. Wenn jetzt nicht der Ansatz gegeben ist für eine
starke Linke, für eine lebensverbundene Alternative, dann
weiß ich wirklich nicht! Franz-Josef Strauß hat zum Gegner
getaugt, da er mit draller Stimme in die Kamera gedröhnt hat. Er
hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Er war offen und
von allen Seiten einschaubar. Für Helmut Kohl galt in etwa das
Gleiche. Die „Große Koalition“ hat vielen Bürgern dieses
Landes Sinn und Lust ausgetrieben, den Widerstand zu proben. Merkel und
Steinmeier haben dieses Land eingeschläfert, wie dies geschickte
Fußballmannschaften manchmal zu tun vermögen. Es gab auf
einmal nur noch die Wahl zwischen ähnlichen Parteien und den von
allen geschaßten „Linken“, deren Außenseiterstatus von
Minute zu Minute bröselt. Ich mag die „Linken“ beispielsweise
keine Sekunde, da sie mit ihrer Historie immer noch nicht abgeschlossen
haben, aber der Umstand, daß es keine andere verdammte Partei
gibt, die eine Alternative anbietet, ist schon bedauerlich. Die
Grünen haben nur dann eine Chance, wenn sie ihr Profil wieder
entsprechend aufpolieren, die Regierungsverantwortung von einst
vergessen und wieder der verdienstvolle Sporn in der Seite der
Mächtigen sein wollen, der sie einst waren. Die „Piraten“ zeigen
schon einmal den Weg, aber es bleibt abzuwarten, ob die
größeren Parteien bereit sind, die Lektion zu lernen. Fakt
ist, daß WIR in der Scheiße stecken. Fakt ist, daß
WIR uns dessen bewußt werden müssen. Und Fakt ist, daß
WIR die entsprechenden Gegenmaßnahmen ergreifen müssen.
Gefragt sind nicht Mollis und Pflastersteine, nicht alles zukleisternde
„Professionalität“, nicht geheuchelter Optimismus, sondern
Aufrichtigkeit und Mumm. Authentischer Idealismus, der von kompetenten
Personen geschickt kommuniziert wird, damit die Leute mal wieder
GLAUBEN, und nicht nur grübeln. Damit sie Spaß daran haben,
am politischen Entscheidungsvorgang aktiv teilzuhaben, nicht nur in
sich auslodernd in der Ecke zu sitzen. Das Für und Wider
abzuwägen, ohne den Mut zur Veränderung in sich zu tragen.
Den Spaß am kreativen Widerstand zu entdecken. Denn das ist es
genau, was wir hier in Deutschland brauchen: kreativen Widerstand! Wir
werden jetzt eine Menge Bullshit in den Schoß gegossen bekommen.
Wollen wir uns das gefallen lassen? NÖ! Warum denn?? Wir sollten
genau jetzt losballern, mit allen Gehirnzellen, die uns das lustige
Leben gelassen hat. Wir sollten der Verzagtheit die Stirn bieten, dem
Gejammere in den Arsch treten, und zwar JETZT! Wir haben jetzt eine
Regierung der Streber, der Blender und der Spaßmobilapologeten.
Wir können jetzt etwas dagegen tun, indem wir uns jeden Tag
unseres verdammten Lebens publikumswirksame, attraktive Alternativen zu
den angebotenen Dumpfiaden einfallen lassen. Und das sollte ja nicht so
schwer sein! Ich bin dieses Gejammere leid, hohoho,
schwarzgelb, jaul. Wäre das mit Schwarzrot anders gekommen? Ich
bin mittlerweile der Meinung, daß es viel schlechter gekommen
wäre, denn der Widerstandswillen wäre komplett versackt! Nun
gibt es eine genaue Marschroute, und die Marschroute – das sollte man
ihr zugestehen – ist ehrlich, sie ist leicht verständlich und sie
sollte motivieren! Also, bitte, kein Jammerjammerjammer mehr, sondern
Gehirnschmalz, Humor und Freude am zivilen Ungehorsam! Fühlt Euch,
so Ihr entnervt seid, motiviert und bastelt an Hunderten von guten
Gegenaktionen, die unseren Zuvördersten zeigen, daß
Menschlichkeit, Interesse am Gemeinwohl und Mut zur Wahrhaftigkeit
nicht ausgestorben sind! Tut dies geschickt, also
auf rechtlich einwandfreiem Boden, aber tut es massiv und
überzeugt. Ansonsten signalisiert Ihr den
Verantwortungsträgern, daß Ihr mit allem einverstanden seid,
was diese tun. Daß Deutschland gerne eine von stumpfen
Bürokraten verwaltete Masse werden soll, die den Weg des
geringsten Widerstandes nicht scheut, sondern sucht. Wenn man sich
einfach nur auf den Podex setzt und jammert, wird sich nichts
verändern. Dann heult man sich nur den eigenen Zynismus zurecht,
die Hinnahme des eigentlich Verabscheuten. Wem das Wahlergebnis nicht
schmeckt, dem ist nicht das Genick gebrochen worden – der hat jetzt ein
neues Ziel, so deutlich wie selten zuvor. Das erfordert
Kreativität, und die ist nicht eine Last, sondern ein
Vergnügen!

Selbst geschossen!
170909
Bevor ich den Thread im perfekten Schmusekolumnen- und
Bussibär-Stil weiterführe, um einen angemessenen Kontrast zum
Titel zu erzielen, möchte ich einige Worte zu den darin
angerissenen Themen verlieren. Heute hat es wieder einmal einen
Amoklauf gegeben. Schauplatz war eine Schule in Bayern, genauer: in
Ansbach. Ansbach ist eine beschauliche Kleinstadt in Mittelfranken mit
gerade mal 40.000 Einwohnern. Zum Vergleich: Buxtehude hat
ungefähr 30.000 Einwohner. Daß es heute nicht einige
Einwohner weniger gibt, ist entweder dem beherzten Eingreifen der
Polizei geschuldet oder aber dem Zufall. Vermutlich beidem. An
Informationen ist noch nicht allzuviel durchgesickert. Das wird sich
bis heute abend vermutlich geändert haben. Schon jetzt ist das
Medien-Bohei wieder sondernormen. Und es wird nach "den Schuldigen"
gefahndet. Zweifelt irgendjemand daran, daß man einige böse
Computerspiele bei dem jungen Mann finden wird? Ich nicht. Wird es sich
um richtige Shooter-Spiele handeln, in denen man in Ego-Perspektive
extraterrestrische Finsterlinge füsiliert oder Gangsterkriege
ausficht? Oder wird es sich um irgendeinen Fantasy-Rollenspielkram
handeln, der dann von den Medien sozusagen zum Killerspiel ehrenhalber
ernannt wird? Man wird sehen.
Leichte Lösungen sind medienkompatibel, leichte Lösungen sind
ein Selbstläufer, wenn Politiker nach Wählerstimmen heischen.
Killerspiele sind ein Selbstläufer, denn sie sehen unscheinbar
aus, haben einen Ruf wie Donnerhall, sind weitverbreitet und bedienen
all die gläubischen Ängste, die Eltern in ihrer Unsicherheit
beuteln mögen. Aus Killerspielen tropft das Böse heraus wie
schwarzer Honigseim! Da ist der Deifel drin! Kein Mensch, der seine
sieben Sinne beisammen hat, wird argumentieren, daß
gewaltverarbeitende Medien - ob nun entsprechende Computerspiele, Filme
oder Musiktitel - der natürlichen Entwicklung eines labilen
Menschen zuträglich sind. Sie heilen keine Neurosen, sie
lösen keine Probleme. Man kriegt auch keine Warzen damit weg. Wenn
ich ein 12-jähriges Kind hätte, wäre es mir auch nicht
lieb, wenn es den Großteil des Tages damit verbringt, auf
Pixelanhäufungen zu ballern. Dies hätte allerdings weniger
mit dem gewalttätigen Charakter des Filius oder der Filiusine zu
tun. Ich halte es ohnehin nicht für zuträglich, wenn sich
Kinder vor dem Bildschirm vergraben und die Maus bluten lassen. Sie
sollen im Idealfall draußen mit Gleichaltrigen herumhüpfen
und den Frühling herbeirufen, so wie ich das als Jungsprotte auch
getan habe. Zur "gesunden" sozialen Entwicklung unter männlichen
Kids gehörte übrigens auch schon damals ein spielerischer
Umgang mit Konfliktsituationen und anderen potentiellen Angststiftern.
"Räuber und Gendarm" nannte sich das damals bzw. bei mir "Starsky
& Hutch". Wir sind damals wie die Berserker durch die Büsche
getobt und haben uns gegenseitig totgeschossen. Hätte dies ein
Kinderpsychologe miterlebt, hätte er fraglos mißbilligend
den Kopf schiefgelegt und gedacht: "Wehret den Anfängen!" Oder
aber, wenn er ein GUTER Kinderpsychologe gewesen wäre, hätte
er dieses Verhalten als völlig normale Methode interpretiert, mit
dem für Kinder nicht erfaßbaren Phänomen des Todes oder
einfach schlimmen Verletzungen umzugehen. Ich erinnere mich daran, wie
ich als kleiner Bub mit einer Lupe auf dem Fußboden
herumgekrochen bin und Ameisen abgefackelt habe. Das gab immer ein
lustiges "Zisch", wenn die kleinen Racker ihrem Schöpfer
gegenübertraten. Der erste Kinderpsychologe würde vermutlich
sofort den Amok-Notruf betätigen. Sofort käme eine
GSG9-Sondereinheit mit dem Hubschrauber herbeigesegelt,
unterstützt von einem kompetenten Psychoteam und Frau von der
Leyen im Handgepäck. Daß Kinder nun per Computer die
Gelegenheit haben, realistische Tötungssimulationen nachzuspielen,
empfinde auch ich nicht als unproblematisch. Diese Spiele sind für
Erwachsene konzipiert und in den deutschen Fassungen zumeist
entschärft. Es liegt in der Natur des Internets, daß man
sich trotzdem ungeschnittene Versionen der jeweiligen Spiele besorgen
kann. Jeder Anfänger kriegt das ohne große Vorkenntnisse
hin. Dies ist aber ein Problem, das sich nicht allein auf
gewalttätige Medien erstreckt. Man hat Zugang zu jedem abseitigen
Müll, den sich Mensch ausdenken kann. Auch wenn Frau ZensUrsel und
ihre Kollegen mit Allzweckmitteln locken, die diesen Umstand zu
bekämpfen vorgeben - man wird das nicht verhindern können.
Das ist so klar wie ein Gebirgssee. Der einzige Lösungsansatz
wäre somit, Kindern wie Erwachsenen einen
verantwortungsbewußteren Umgang mit den Medien anzudienen.
"Medienkompetenz" lautet das Zauberwort. Man wird dies nicht mit
restriktiven Maßnahmen erreichen können, die letztlich nur
dem Herold die Botschaft vergelten. Diese Placebo-Therapie versperrt
nur den Zugang zu realistischen Lösungsansätzen, deren Ziel
eine verbesserte Medienkompetenz sein muß, die es immer
unwahrscheinlicher macht, daß aus Kindern und Jugendlichen
Unholde werden, die später rechtsradikale Deppen wählen oder
Ausländer zusammendreschen. Oder eben Amok laufen.
Der Amoklauf an sich ist - gleich dem Suizid - die letzte Stufe der
Egozentrik. Man kümmert sich einen Scheißdreck um die
Belange der anderen, ignoriert das Recht des Umfeldes auf
körperliche Unversehrtheit und stülpt der Umwelt seine eigene
Problemwelt über. Alle Unzulänglichkeiten der anderen werden
auf einmal in infantiler Weise personalisiert, als Angriff auf die
eigene Person wahrgenommen. Die schnöde Wahrheit, daß die
Umwelt einen im Regelfall nicht einmal wahrnimmt, geschweige denn einem
etwas Böses will, wird ersetzt durch eine spannende
Gangsterfantasie, eine Gott/Teufel-Konzeption, in der man selber
"God´s lonely man" (TAXI DRIVER) ist, die letzte Bastion im Kampf
gegen das Übel. Mister Wichtig Popichtig empfindet sich dann
vermutlich als Heiliger Georg, der dem Drachen in den Arsch tritt.
Daß unter der sensationellen Oberfläche nur simple
Selbstverachtung wohnt, daß man die Ignoranz der Umgebung willig
angenommen hat, geht dann unter im Donnerhall des Jüngsten
Gerichts. Am Schluß stehen Scherben und eine unsägliche
Jämmerlichkeit, abgesehen von den unschuldigen Opfern, die solche
Aufführungen mit sich bringen. Daß diese Aufführungen
für seelische Napfkuchen so überaus attraktiv sind, liegt
freilich nicht zuletzt am doppelzüngigen Medienecho, das
Amokläufe gemeinhin begleitet. Ich erinnere mich noch an Erfurt,
an die Rundumbeschallung mit "letzten Neuigkeiten" (die wirklich das
Letzte waren!), an geifernde Vor-Ort-Berichte, an J.B. Kerner mit
seinem tollen Mikro, an "Tötet Mrs. Tingle"-Clips, die als
Endlosschleife abgespult und ins Bewußtsein nicht zuletzt der
jungen Zuschauer hineingedroschen wurden. Hätte es ein Live-Video
der Sauerei gegeben, wäre das für die
Investigativjournalisten der Jackpot gewesen. Das wäre noch
häufiger gelaufen als die Flugzeuge von 9/11. Geil! Schockierend!
Die kommende Sache! Wehret den Anfängen! Und Betroffenheit wird
natürlich auch immer geäußert von den Verkäufern
der Sensation und ihren Steigbügelhaltern. Komisch: Früher
wurde immer beklagt, die Medien seien die Steigbügelhalter der
Politiker - heute erscheint es fast umgekehrt... Die grobe Heuchelei,
die dieser Symbiose innewohnt, geht natürlich auch nicht spurlos
vorbei an jungen Menschen, die - unterstelle ich jetzt mal - für
glaubhafte Wertvorstellungen und Alternativen zur vorgefundenen
Wirklichkeit sehr ansprechbar wären. Stattdessen setzt es als
Nachbereitung immer nur den gewohnten Zinnober. Beim letzten Amoklauf
servierte uns ein Kabelsender als großes "Highlight" den
Todesschuß, der dem Leben des Amokläufers ein Ende setzte.
Geil! Schockierend! Gerecht! Wo sollen die Jugendlichen (gerade die
Denkbegabteren unter ihnen) denn glaubhafte Werte hernehmen? An der
Schule wird ihnen in erster Linie beigebracht, daß sie
reibungslos zu funktionieren haben, da sie sich sonst die Zukunft
versauen. Und selbst wenn sie ihre Sache gut machen, winkt ihnen als
Belohnung die vermutliche Arbeitslosigkeit. Die leistungsorientierte
Eintänzer-Mentalität, die im Zentrum des Schulsystems steht,
steht im direkten Widerspruch zu den Werten, die von den zunehmend
verzweifelten Lehrern vermittelt werden sollen. Wir erleben, wie der
Bildung immer mehr Gelder entzogen werden, Lehrern immer mehr Arbeit
aufgeknüppelt wird, und dann erwarten wir, daß als Resultat
gesunde Erwachsene dabei herauskommen - das darf doch nicht wahr sein!
Was alle Amokläufer gemeinsam hatten, war, daß sie soziale
Außenseiter waren, die nicht wußten, wohin sie mit ihren
Ängsten gehen sollten. Von den Lehrern zu erwarten, daß sie
andauernd auf Alarmsignale achten und sich in einfühlsamer und
kompetenter Manier um die vermeintlichen Problemfälle kümmern
sollen, ist unrealistisch. Kein Lehrer hat hundert Arme. Die meisten
sind einfach überfordert. Auch ein Mehr an sogenannten
Vertrauenslehrern halte ich für wenig effektiv, zumal es bereits
bei Erwachsenen in der Regel sehr lange dauert, bis sie Fremdhilfe in
Anspruch nehmen. Die einzige Lösung wäre wohl, im Unterricht
glaubhafte Alternativen anzubieten, gesellschaftliche
Mißbildungen zu thematisieren. Den Jungsprotten das Gefühl
nahezubringen, daß sie in der Tat nicht nur für die Schule
(bzw. den beruflichen Fortgang) lernen, sondern in erster Linie mal
für sich selbst. Denn Charakterbildung und das Erwirtschaften von
Selbstachtung geschieht nicht von selbst. Dazu braucht es Ermutigung
und Aufmerksamkeit. Die meisten Amok-Kasper waren zwar verschlossen,
hatten aber zaghafte Hilferufe ausgesendet, in Form von Postings in
entsprechenden Foren oder aufmerksamkeitsheischenden Webseiten im
Dicker-Max-Stil. Sie WOLLTEN offensichtlich, daß man ihnen etwas
anbietet, was ihrer Hilflosigkeit entgegensteht. Sie wollten glaubhafte
Angebote. Diese Angebote zu kommunizieren, wäre die sinnvollste
Konsequenz aus den Geschehnissen. Die Kinder und Jugendlichen
wehrhafter zu machen und weniger anfällig für potentiell
schädliche Einflüsse. Call it: Medienkompetenz. Call it:
Lebenskompetenz.
130909
Gerade habe ich das große Kanzlerduell im Fernsehen gesehen! Hier ein fotografisches Protokoll des
Ereignisses.
100909
Heute nichts Neues, nur zwei Texte über vier Helden von mir. Drei
davon sind Die Ärzte, einer davon Klaas Straggel.
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