AMOK, KILLERSPIELE UND DER SCHWARZE SEPTEMBER

Richtung Weihnachten 2009



NEWSTICKERARCHIV

171209

Als kleinen Tip für den Gabentisch habe ich einen Werbetext für Wenzel Storchs formidables Buch "Der Bulldozer Gottes" verfaßt.

011209

Wie mir erst jetzt zugetragen wurde, ist am Wochenende unser Freund Tony Kendall verstorben. Und heute nacht ist auch noch Paul Naschy von uns gegangen.

Paul

Nachruf

Tony

Nachruf

Muß ich jetzt erst einmal verdauen.

131109

In Ghana muß die Videotechnik wohl zumindest zeitweise einen Ersatz für echte Filmtheater dargestellt haben. Für diese besondere Form des Wanderkinos wurden ortsansässige Künstler damit beauftragt, Plakate für die Aufführungen zu gestalten. Das sah dann etwa so aus:



Naive Kunst wird ja gerne belächelt. Abseits des Amüsement-Faktors finde ich aber die Umgestaltung des Nicht-Dritte-Welt-Seienden absolut faszinierend. Daß die kulturellen Erzeugnisse Afrikas den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend umgestaltet werden, ist ja nichts Neues. Man denke an musikalische Leihgaben oder an afro-amerikanisches Kunsthandwerk, ganz zu schweigen vom Dritte-Welt-Schangel, der seit der Hippie-Zeit kursiert und dem Träger den Hauch des Kosmopolitentums verleihen soll. Wir sind eine Welt. Hier wird der Spieß einmal umgedreht und Roger Moore zu einem schwarzen Bomber im Smoking gemacht. (Man fragt sich, wie wohl das Plakat zu LEBEN UND STERBEN LASSEN ausgesehen haben mag...) Auch toll die Barbara Bach, die hier etwas nach Eartha Kitt ausschaut. Sieht man einmal von dem Lamborghini ab, der irgendwie zwischen Kubismus und Dali anzusiedeln ist, beeindruckt mich am meisten der kecke Fisch mit Bart, der aus so einer Art Blumentopf herauszukommen scheint. Sein Gesichtsausdruck entspricht in seiner Abgeklärtheit dem Fazit, das ich aus 41 Jahren Erdenbürgertum ziehe. Wer noch ein paar andere dieser Bilder sehen möchte (u.a. einen brillanten CUJO!), kann mal hierhin reisen...



(DDR-Plakat...)

121109

Wollte mir gerade einen Tonträger kaufen. Hat aber nicht geklappt.



111109

Ich bin immer noch sehr verstört. Robert Enke, Torhüter des Fußballclubs Hannover 96, hat sich im Alter von 32 Jahren das Leben genommen. Erst einmal ein Whopper in die Magengrube. Es macht immer ratlos, wenn man von jemandem hört, daß er seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Bei Schauspielern und anderen Künstlern rechnet man irgendwie eher damit als ausgerechnet bei Fußballstars. Von Enkes Privatleben hatte ich keine Ahnung. Sein Auftreten erschien mir immer sehr robust, eher bundeswehrartig. In einer exponierten Position wie der seinen darf man nach außen hin wohl auch keine Schwächen zeigen. Der Konkurrenzkampf ist groß, gerade in seinem Fall war er das. Daß man bei aller Professionalität nicht mehr dazu kommt, auf die eigenen Empfindsamkeiten achtzugeben, Schicksalsschläge aufzuarbeiten, sich Schwächen nachzusehen, liegt nahe, denn die Öffentlichkeit der eigenen Person ist eine Hypothek, der wahrscheinlich nicht jeder gewachsen ist. Was in seinem speziellen Fall den Ausschlag gegeben hat, ist unbekannt, und es ist auch müßig, darüber zu spekulieren. In diversen Foren halten sich bei den Fußballfans der Schock und die harsche Ablehnung von Enkes Entschluß die Waage. Es wird erneut viel über den Egoismus von Suiziden geschrieben, die Leiden, die anderen Menschen dadurch unverdient aufgedrückt werden. Das ist sicherlich bis zu einem gewissen Punkt richtig. Meiner eigenen Erfahrung nach zwingt aber jeder Leidensdruck einen Menschen in eine egozentrische Betrachtungsweise hinein, und wenn man auch nur das kleinste bißchen depressiv veranlagt ist, fühlt man sich bald komplett auf das Leiden zurückgeworfen, als einsamster Mensch der Welt. Die Selbsttötung ist die letzte Konsequenz, das Nonplusultra des Egoismus. Das moralisch bewerten zu wollen, ist völlig sinnlos. "Bevor du Dummheiten machst, ruf´ mich an!" ist ein beliebter Spruch, den man depressiven Freunden oder Bekannten mit auf den Weg gibt, aber das ist natürlich Kappes: Wenn sich jemand umbringen will, dann macht er das auch, Ende, aus, Apfel. Der ruft dann nicht mehr irgendwo an. Ich gehe davon aus, daß Enkes Entschluß ein spontaner war, aus einem Moment der Verzweiflung heraus. Von ihm zu erwarten, er hätte zuerst an seine Angehörigen oder an den Lokführer denken sollen, ist sicherlich nachvollziehbar, aber eben auch unrealistisch. Wer sich da voller Verachtung über den Mann äußert, thront offenbar auf einem Hügel aus ersten Steinen und beweist damit exakt jene Respektlosigkeit vor den Belangen anderer, die er Enke vorwirft. Ich habe für das Geschehene keine Worte, mit Sicherheit keine bewertenden. Es zeigt einmal mehr, daß man nicht vom Äußeren auf den Menschen schließen darf. Es ist sehr, sehr traurig. In den Medien wird in den nächsten Tagen ein fröhliches Rätselraten über Enkes Motive stattfinden. "11 Freunde" hat dazu einen exzellenten Text veröffentlicht. Enkes Motive sind aber sehr persönlich und gehen nur ihn und die direkt Betroffenen etwas an. Mein Beileid den Hinterbliebenen.



RIP

061109

So, Halloween ist nun ins Land gegangen! Ich habe das zu diesem Behufe angesetzte Besäufnis überlebt, wenn auch nur knapp. Man wird ja an allen Ecken und Enden darauf gestoßen, daß man keine 20 mehr ist...

++++

Mein Prachtvolumen über die Abgründe des amerikanischen Pornokinos der 70er Jahre, "Die läufige Leinwand", geht nunmehr seiner Vollendung entgegen. Die letzten Wochen über habe ich mich noch mit der Anbereitung von Illustrationsmaterial befaßt, das sich weitgehend auf Plakatmotive beschränken wird. Herausragende Genitalien wird der Leser nicht zu befürchten haben. Dies wäre allenfalls ein Thema gewesen, wenn wir den Schmöker als Pop-Up-Buch angelegt hätten. (Das wäre für eine spätere Auflage allerdings eine ganz entzückende Idee...) Schwellungen im Kopf sind beim Lesen meiner Zeilen aber überaus erwünscht!

++++

Schwellungen im Kopf spielten wohl auch die Hauptrolle beim letzten Spiel meines FC St. Pauli gegen Hansa Rostock, bei dem erneut einiges aus dem Ruder lief. Mit viel Glück und einem beachtlichen Schlußsprint gewann die von mir favorisierte Mannschaft das Match, und abgesehen von einigen idiotischen Zündeleien nach dem ersten Tor ging es vergleichsweise friedlich zu. Sollte man meinen. Nach dem Spiel war dann aber Achterbahn, und die Deppen beider Clubs keilten sich nach Herzenslust, bedauerlicherweise nicht nur mit ihresgleichen. Ich hätte grundsätzlich nichts dagegen, wenn die kampfwilligen Jungmänner sich an freien Orten verabreden würden, um dort ihren Adrenalinüberschuß abzureagieren. Vorbild hierfür sollte das Finale von Takashi Miikes CROWS ZERO sein. Alle könnten sich dann ordentlich einen auf die Mappe geben, und Außenstehende würden nicht behelligt. Das wäre doch mal was. Stattdessen wurden erneut zahlreiche Polizisten aktiviert, die weiß Gott für sinnvollere Dinge eingesetzt werden könnten (z.B. meine Pornobuch-Lesungen abzusichern!) Viele der Polizisten wurden obendrein verletzt, was nicht nur überflüssig, sondern ekelhaft ist. Schade, daß es auch während des Spieles Mißklänge gab, wenn man genauer hinsah: Da war die unschöne Hals-ab-Geste des Stürmers Naki, als jener das glorreiche 2:0 versenkte. Ich war erbost, wenngleich mein Zorn verrauchte, als ich davon hörte, er sei von Rostocker Fans mit rassistischen Beleidigungen eingedeckt worden. So spaltet sich meine Auffassung von dem Vorfall in einen Gutfind- und einen Schlechtfind-Sektor. Wenn mich jemand während eines Fußballspieles (eines Spieles, verdammt noch mal!) als "Kanake" beschimpfen würde, würde ich noch ganz andere Gesten machen. Das sähe dann vermutlich eher aus wie Cantonas legendäre Kickbox-Aktion. Das Dumme ist nur, daß man solche spontanen Aktionen leider nicht offiziell sanktionieren darf, denn ansonsten wäre Feierabend mit Fairplay, und die Deppen hätten gewonnen. Die Dreispielesperre finde ich moderat und angemessen. Persönlich finde ich Nakis Aussetzer aber unter diesen Umständen völlig verständlich. Wesentlich verständlicher als den widerwärtigen Jux mit der Gummipuppe, die einige Rostocker Fans von der Tribüne warfen, in Anspielung auf den Pauli-Fan, der vor kurzem fast zu Tode gekommen wäre. Ich finde es aber gut, daß der Verein St. Pauli sich eher mit den Aussetzern der eigenen Fans befaßt, als auf die Verfehlungen der anderen hinzuweisen oder dem DFB Doppelmoral vorzuwerfen, da mein Schalker Lieblingsspieler einst bei einem ähnlichen Vergehen straffrei ausging. Beweisen läßt sich der Milderungsgrund eh nicht. Ich denke, daß die Verantwortlichen beider Vereine im Grunde ähnlich denken, nur daß es halt nicht jene sind, die sich bei den Nordderbys regelmäßig kloppen. Beim nächsten Aufeinandertreffen der beiden Vereine möchte ich aus irgendeinem Grund nicht persönlich vor Ort sein... Wie man das vermeiden kann? Nun, ich denke, man hätte die Geldstrafe(n), die Naki aufgebrummt worden sind, sinnvoll verwenden und in eine Werbekampagne stecken können, die den Blitzbirnen beider Vereine zumindest etwas das Wasser abgräbt. Es ist auch jetzt nicht zu spät dafür, wenngleich mir solche "Mein Freund, der Ausländer"-Nettigkeiten normalerweise etwas auf den Senkel gehen. (Wir wissen leider, wie die Realität aussieht, gelle?) Hier ginge es aber nicht darum, dem Fußball ein menschliches Antlitz zu verleihen (Pracht-Kitschformulierung! Ein Fußball mit Antlitz? Zum Reintreten? Toll!), sondern um die akute Vermeidung anstehenden Gerangels. Man dürfte da auch gerne den kleinsten gemeinsamen Nenner mobilisieren, denn jener soll ja auch angesprochen werden. Wie wäre es zum Beispiel mit folgender Fernsehwerbung: Spielbeginn. Links die Spieler des FC St. Pauli. Rechts die Spieler von Hansa Rostock. Harte Mienen, grimmige Gesichter. Haß blitzt aus den Augen. Leichtes Gegenlicht, metallische Actionfilm-Farben, dräuender Dampf im Hintergrund. Wie diese beknackten "ran"-Werbungen. Die Ruhe vor dem Sturm. Gleich werden sie übereinander herfallen. Dann: ein Pfiff! Beide Teams laufen aufeinander los, Schweiß spritzt, Muskeln werden geflext, und dann... klatschen sich die Spieler ab, Friede, Freude Eierkuchen! Irgendwie sowas... Das wäre zwar Tinnef, aber es wäre effektiver Tinnef, und womöglich könnte man den einen oder anderen Hanswurst dazu bewegen, den Rambo in der Hose zu lassen und sich auf das Spiel zu konzentrieren. Darüber hinaus wäre es auch gut für das Image der Clubs. Wäre schön, wenn man da mal aktiv werden würde. Zähne wachsen so überaus langsam wieder nach.

++++

Ich habe einige Sachen auf YouTube ins Netz gestellt, die meistenteils den Proberaumexzessen der letzten Jahre entsprungen sind. Darunter sind die damalige Version von "Teddy Bear", das dazugehörige Instrumental, ein Schlesierlandlied, ein Videobandhüllenlied, eine Live-Version von Presleys "Fever", eine Version von "Hound Dog" und eine von "Are You Lonesome Tonight". Die Live-Versionen sind irgendwann 2003 passiert.

300909

Ich habe über das Buio-Omega-Event vom letzten Wochenende einen launigen Text mit einigen Fotos ins Netz gestellt - findet Ihr hier! So war das nämlich alles...

++++

Für Freunde der Lyrik habe ich einen Soundfile produziert, auf dem ich das berühmte Gedicht "The Conqueror Worm" von Edgar Allan Poe vortrage, und zwar mit einer Fernbedienung im Mund.



290909

Seit dem Wahlergebnis habe ich eine Menge Unkenrufe und „Ohjeohje“´s mitbekommen. Gelbschwarz – der Satan hat obsiegt! Ich spüre da eine Menge masochistisches Potential, das mir von unpolitischen Jammerern meines Umfeldes wohlvertraut ist. Ich bin diesen Jammerern sehr dankbar für ihre Unmutsäußerungen, denn sie haben mir die Augen geöffnet für die Neigung des Menschen zum willigen Strecken der Waffen, wenn eine zünftige Passionspantomime winkt. Wenn man sich in wohligem Schaudern abwendet, alle Viere von sich streckt und dem Butzemann die nackte Kehle darbietet zum Darüberratschen. „Raff´ mich hinweg, Sensenmann!“ hauchte der Gerechtigkeitskämpfer von einst und zog blank. Ist es das, was man als Mensch lernen soll? Ich denke, man sollte vor allen Dingen Mumm lernen und den Spaß am Widerstand entwickeln. Lust am kalkulierten Aufeinanderprall, an der geplanten Havarierung. Ich habe in meinem privaten Umfeld niemals ein Hehl daraus gemacht, daß die Entscheidung der SPD, Steinmeier zum Kanzlerkandidaten zu machen, einem Bekenntnis zur Todessehnsucht gleichkommt. Ich halte den Mann für tüchtig, und vermutlich war er als Außenminister wesentlich besser besetzt als Westerwelle, aber als Kanzlerkandidat – noch dazu in Krisenzeiten – war er eine komplette Fehlbesetzung. Nun haben wir die Merkel und Westerwelle. Was auch immer in der Welt passiert ist in den letzten Monaten, wie sehr auch immer die FDP mir widerstrebt, aber Westerwelle war derjenige der Politiker, der sich in den letzten Jahren am meisten verändert hat. Er hat Lockerheit dazugewonnen, er hat Geschick dazugewonnen – auch wenn er es mit dem Humorfaktor noch etwas übertreibt; das ist nicht sein Forte -, er kokettiert sogar mit seiner Homosexualität. Das wäre früher nie passiert. Ich habe immer gesagt: Der wird punkten wie bekloppt! Steinmeiers Lebender-Stein-Darstellungen waren zum Scheitern verdammt, und Frau Merkel hat sich aus dem Wahlkampf weitgehend rausgehalten und damit vergleichsweise wenig Verluste eingefahren. Nun haben wir eine einigermaßen kompromittierte Fraktion von Christdemokraten am Hacken und stolzgeschwollene FDP´ler, die professionell genug sind, sich nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Unterm Strich winkt uns geballter Neo-Con-Andrang, neoliberale Großmeiergebärden, die zwar die Wirtschaftskrise nicht wirklich bekämpfen werden, aber gut auf dem Papier ausschauen. Und darum geht´s. Die Opposition hat versagt. Die SPD, die Grünen und die Linken sind jetzt zum ersten Mal seit langem in der Lage, am gemeinsamen Strang zu ziehen, die Gemeinsamkeiten auszuloten und – bei allem moralischen Schluckauf – die vorgefundene Wirklichkeit daraufhin abzutasten, ob sie wirklich so ist, wie sie sich das wünschen. Ich wette mal, daß das nicht der Fall ist! An dieser Stelle offenbart sich die einmalige Chance, wieder am Punkt Null anzufangen. Die SPD und teilweise die Grünen haben sich durch Regierungsbeteiligung und hinzugewonnene „Professionalität“ von ihrer Basis entfernt und mehr oder weniger die Quittung bekommen. Die Sozis waren mal eine Partei, die auf dem Papier die Rechte der Arbeiter vertreten sollte. Die Grünen standen für Umweltschutz und Pazifismus. Von diesen ursprünglichen Ansprüchen ist nicht mehr viel übriggeblieben. Es gibt aber unzählige Leute, die genau hier ansetzen wollen. Die den Parteien wieder zu ihrer Identität und ihrer Glaubhaftigkeit zurückverhelfen wollen. Das nennt sich „Basis“, und wie gewieft und wie machtorientiert sich die obwaltenden Großkopfeten auch gewähnt haben, sie sind mit ihrer Strategie auf die Nase gefallen und sollten den Weg freimachen für neue Leute, die der jeweiligen Partei ein glaubhaftes Profil zurückerobern wollen. Es wird sehr viel arme Menschen geben in diesem Lande, auch schon ab diesem Jahr. Sich nur dem Mittelstand und den Reichen anzubiedern, wird nicht fruchten. Im Moment glauben die Leute noch, daß sie aus ihren maroden Fondspaketen Pfennige herauspressen können, aber das ist der fromme Glaube. Hilf´ dir selbst, dann hilft dir Gott, wie es so schön heißt! Man muß etwas Eigeninitiative aufbringen. Wenn man den momentanen Elendsverwaltern vertraut, dann kann man sich auf die Hiobsbotschaften einstellen, die uns in jedem kommenden Monat erwarten werden. Erneut: Wir werden neokonservativen, neoliberalen Pfriemel serviert bekommen, bis die Chimäre der wohllöblichen Grundversorgung und der Sozialleistungen zerbricht im Angesicht dringlicherer Tagesordnungspunkte. All das Geseiere über Bürgerrechte wird nur bis zum Punkt des geringsten Widerstandes reichen. Abgezielt wird auf die Verwerter, nicht auf die Urheber. Das wird überall der Fall sein. Und bis dahin werden salbungsvolle Weisen den zunehmenden Verfall unseres Sozialsystems begleiten, damit der verbrutzelte Leichnam der Jeanne d´Arc zumindest noch für Nebeltaktiken zu gebrauchen ist. Eine Optimismussymphonie wird uns begleiten. Wenn jetzt nicht der Ansatz gegeben ist für eine starke Linke, für eine lebensverbundene Alternative, dann weiß ich wirklich nicht! Franz-Josef Strauß hat zum Gegner getaugt, da er mit draller Stimme in die Kamera gedröhnt hat. Er hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Er war offen und von allen Seiten einschaubar. Für Helmut Kohl galt in etwa das Gleiche. Die „Große Koalition“ hat vielen Bürgern dieses Landes Sinn und Lust ausgetrieben, den Widerstand zu proben. Merkel und Steinmeier haben dieses Land eingeschläfert, wie dies geschickte Fußballmannschaften manchmal zu tun vermögen. Es gab auf einmal nur noch die Wahl zwischen ähnlichen Parteien und den von allen geschaßten „Linken“, deren Außenseiterstatus von Minute zu Minute bröselt. Ich mag die „Linken“ beispielsweise keine Sekunde, da sie mit ihrer Historie immer noch nicht abgeschlossen haben, aber der Umstand, daß es keine andere verdammte Partei gibt, die eine Alternative anbietet, ist schon bedauerlich. Die Grünen haben nur dann eine Chance, wenn sie ihr Profil wieder entsprechend aufpolieren, die Regierungsverantwortung von einst vergessen und wieder der verdienstvolle Sporn in der Seite der Mächtigen sein wollen, der sie einst waren. Die „Piraten“ zeigen schon einmal den Weg, aber es bleibt abzuwarten, ob die größeren Parteien bereit sind, die Lektion zu lernen. Fakt ist, daß WIR in der Scheiße stecken. Fakt ist, daß WIR uns dessen bewußt werden müssen. Und Fakt ist, daß WIR die entsprechenden Gegenmaßnahmen ergreifen müssen. Gefragt sind nicht Mollis und Pflastersteine, nicht alles zukleisternde „Professionalität“, nicht geheuchelter Optimismus, sondern Aufrichtigkeit und Mumm. Authentischer Idealismus, der von kompetenten Personen geschickt kommuniziert wird, damit die Leute mal wieder GLAUBEN, und nicht nur grübeln. Damit sie Spaß daran haben, am politischen Entscheidungsvorgang aktiv teilzuhaben, nicht nur in sich auslodernd in der Ecke zu sitzen. Das Für und Wider abzuwägen, ohne den Mut zur Veränderung in sich zu tragen. Den Spaß am kreativen Widerstand zu entdecken. Denn das ist es genau, was wir hier in Deutschland brauchen: kreativen Widerstand! Wir werden jetzt eine Menge Bullshit in den Schoß gegossen bekommen. Wollen wir uns das gefallen lassen? NÖ! Warum denn?? Wir sollten genau jetzt losballern, mit allen Gehirnzellen, die uns das lustige Leben gelassen hat. Wir sollten der Verzagtheit die Stirn bieten, dem Gejammere in den Arsch treten, und zwar JETZT! Wir haben jetzt eine Regierung der Streber, der Blender und der Spaßmobilapologeten. Wir können jetzt etwas dagegen tun, indem wir uns jeden Tag unseres verdammten Lebens publikumswirksame, attraktive Alternativen zu den angebotenen Dumpfiaden einfallen lassen. Und das sollte ja nicht so schwer sein! Ich bin dieses Gejammere leid, hohoho, schwarzgelb, jaul. Wäre das mit Schwarzrot anders gekommen? Ich bin mittlerweile der Meinung, daß es viel schlechter gekommen wäre, denn der Widerstandswillen wäre komplett versackt! Nun gibt es eine genaue Marschroute, und die Marschroute – das sollte man ihr zugestehen – ist ehrlich, sie ist leicht verständlich und sie sollte motivieren! Also, bitte, kein Jammerjammerjammer mehr, sondern Gehirnschmalz, Humor und Freude am zivilen Ungehorsam! Fühlt Euch, so Ihr entnervt seid, motiviert und bastelt an Hunderten von guten Gegenaktionen, die unseren Zuvördersten zeigen, daß Menschlichkeit, Interesse am Gemeinwohl und Mut zur Wahrhaftigkeit nicht ausgestorben sind! Tut dies geschickt, also auf rechtlich einwandfreiem Boden, aber tut es massiv und überzeugt. Ansonsten signalisiert Ihr den Verantwortungsträgern, daß Ihr mit allem einverstanden seid, was diese tun. Daß Deutschland gerne eine von stumpfen Bürokraten verwaltete Masse werden soll, die den Weg des geringsten Widerstandes nicht scheut, sondern sucht. Wenn man sich einfach nur auf den Podex setzt und jammert, wird sich nichts verändern. Dann heult man sich nur den eigenen Zynismus zurecht, die Hinnahme des eigentlich Verabscheuten. Wem das Wahlergebnis nicht schmeckt, dem ist nicht das Genick gebrochen worden – der hat jetzt ein neues Ziel, so deutlich wie selten zuvor. Das erfordert Kreativität, und die ist nicht eine Last, sondern ein Vergnügen!



Selbst geschossen!

170909

Bevor ich den Thread im perfekten Schmusekolumnen- und Bussibär-Stil weiterführe, um einen angemessenen Kontrast zum Titel zu erzielen, möchte ich einige Worte zu den darin angerissenen Themen verlieren. Heute hat es wieder einmal einen Amoklauf gegeben. Schauplatz war eine Schule in Bayern, genauer: in Ansbach. Ansbach ist eine beschauliche Kleinstadt in Mittelfranken mit gerade mal 40.000 Einwohnern. Zum Vergleich: Buxtehude hat ungefähr 30.000 Einwohner. Daß es heute nicht einige Einwohner weniger gibt, ist entweder dem beherzten Eingreifen der Polizei geschuldet oder aber dem Zufall. Vermutlich beidem. An Informationen ist noch nicht allzuviel durchgesickert. Das wird sich bis heute abend vermutlich geändert haben. Schon jetzt ist das Medien-Bohei wieder sondernormen. Und es wird nach "den Schuldigen" gefahndet. Zweifelt irgendjemand daran, daß man einige böse Computerspiele bei dem jungen Mann finden wird? Ich nicht. Wird es sich um richtige Shooter-Spiele handeln, in denen man in Ego-Perspektive extraterrestrische Finsterlinge füsiliert oder Gangsterkriege ausficht? Oder wird es sich um irgendeinen Fantasy-Rollenspielkram handeln, der dann von den Medien sozusagen zum Killerspiel ehrenhalber ernannt wird? Man wird sehen.

Leichte Lösungen sind medienkompatibel, leichte Lösungen sind ein Selbstläufer, wenn Politiker nach Wählerstimmen heischen. Killerspiele sind ein Selbstläufer, denn sie sehen unscheinbar aus, haben einen Ruf wie Donnerhall, sind weitverbreitet und bedienen all die gläubischen Ängste, die Eltern in ihrer Unsicherheit beuteln mögen. Aus Killerspielen tropft das Böse heraus wie schwarzer Honigseim! Da ist der Deifel drin! Kein Mensch, der seine sieben Sinne beisammen hat, wird argumentieren, daß gewaltverarbeitende Medien - ob nun entsprechende Computerspiele, Filme oder Musiktitel - der natürlichen Entwicklung eines labilen Menschen zuträglich sind. Sie heilen keine Neurosen, sie lösen keine Probleme. Man kriegt auch keine Warzen damit weg. Wenn ich ein 12-jähriges Kind hätte, wäre es mir auch nicht lieb, wenn es den Großteil des Tages damit verbringt, auf Pixelanhäufungen zu ballern. Dies hätte allerdings weniger mit dem gewalttätigen Charakter des Filius oder der Filiusine zu tun. Ich halte es ohnehin nicht für zuträglich, wenn sich Kinder vor dem Bildschirm vergraben und die Maus bluten lassen. Sie sollen im Idealfall draußen mit Gleichaltrigen herumhüpfen und den Frühling herbeirufen, so wie ich das als Jungsprotte auch getan habe. Zur "gesunden" sozialen Entwicklung unter männlichen Kids gehörte übrigens auch schon damals ein spielerischer Umgang mit Konfliktsituationen und anderen potentiellen Angststiftern. "Räuber und Gendarm" nannte sich das damals bzw. bei mir "Starsky & Hutch". Wir sind damals wie die Berserker durch die Büsche getobt und haben uns gegenseitig totgeschossen. Hätte dies ein Kinderpsychologe miterlebt, hätte er fraglos mißbilligend den Kopf schiefgelegt und gedacht: "Wehret den Anfängen!" Oder aber, wenn er ein GUTER Kinderpsychologe gewesen wäre, hätte er dieses Verhalten als völlig normale Methode interpretiert, mit dem für Kinder nicht erfaßbaren Phänomen des Todes oder einfach schlimmen Verletzungen umzugehen. Ich erinnere mich daran, wie ich als kleiner Bub mit einer Lupe auf dem Fußboden herumgekrochen bin und Ameisen abgefackelt habe. Das gab immer ein lustiges "Zisch", wenn die kleinen Racker ihrem Schöpfer gegenübertraten. Der erste Kinderpsychologe würde vermutlich sofort den Amok-Notruf betätigen. Sofort käme eine GSG9-Sondereinheit mit dem Hubschrauber herbeigesegelt, unterstützt von einem kompetenten Psychoteam und Frau von der Leyen im Handgepäck. Daß Kinder nun per Computer die Gelegenheit haben, realistische Tötungssimulationen nachzuspielen, empfinde auch ich nicht als unproblematisch. Diese Spiele sind für Erwachsene konzipiert und in den deutschen Fassungen zumeist entschärft. Es liegt in der Natur des Internets, daß man sich trotzdem ungeschnittene Versionen der jeweiligen Spiele besorgen kann. Jeder Anfänger kriegt das ohne große Vorkenntnisse hin. Dies ist aber ein Problem, das sich nicht allein auf gewalttätige Medien erstreckt. Man hat Zugang zu jedem abseitigen Müll, den sich Mensch ausdenken kann. Auch wenn Frau ZensUrsel und ihre Kollegen mit Allzweckmitteln locken, die diesen Umstand zu bekämpfen vorgeben - man wird das nicht verhindern können. Das ist so klar wie ein Gebirgssee. Der einzige Lösungsansatz wäre somit, Kindern wie Erwachsenen einen verantwortungsbewußteren Umgang mit den Medien anzudienen. "Medienkompetenz" lautet das Zauberwort. Man wird dies nicht mit restriktiven Maßnahmen erreichen können, die letztlich nur dem Herold die Botschaft vergelten. Diese Placebo-Therapie versperrt nur den Zugang zu realistischen Lösungsansätzen, deren Ziel eine verbesserte Medienkompetenz sein muß, die es immer unwahrscheinlicher macht, daß aus Kindern und Jugendlichen Unholde werden, die später rechtsradikale Deppen wählen oder Ausländer zusammendreschen. Oder eben Amok laufen.

Der Amoklauf an sich ist - gleich dem Suizid - die letzte Stufe der Egozentrik. Man kümmert sich einen Scheißdreck um die Belange der anderen, ignoriert das Recht des Umfeldes auf körperliche Unversehrtheit und stülpt der Umwelt seine eigene Problemwelt über. Alle Unzulänglichkeiten der anderen werden auf einmal in infantiler Weise personalisiert, als Angriff auf die eigene Person wahrgenommen. Die schnöde Wahrheit, daß die Umwelt einen im Regelfall nicht einmal wahrnimmt, geschweige denn einem etwas Böses will, wird ersetzt durch eine spannende Gangsterfantasie, eine Gott/Teufel-Konzeption, in der man selber "God´s lonely man" (TAXI DRIVER) ist, die letzte Bastion im Kampf gegen das Übel. Mister Wichtig Popichtig empfindet sich dann vermutlich als Heiliger Georg, der dem Drachen in den Arsch tritt. Daß unter der sensationellen Oberfläche nur simple Selbstverachtung wohnt, daß man die Ignoranz der Umgebung willig angenommen hat, geht dann unter im Donnerhall des Jüngsten Gerichts. Am Schluß stehen Scherben und eine unsägliche Jämmerlichkeit, abgesehen von den unschuldigen Opfern, die solche Aufführungen mit sich bringen. Daß diese Aufführungen für seelische Napfkuchen so überaus attraktiv sind, liegt freilich nicht zuletzt am doppelzüngigen Medienecho, das Amokläufe gemeinhin begleitet. Ich erinnere mich noch an Erfurt, an die Rundumbeschallung mit "letzten Neuigkeiten" (die wirklich das Letzte waren!), an geifernde Vor-Ort-Berichte, an J.B. Kerner mit seinem tollen Mikro, an "Tötet Mrs. Tingle"-Clips, die als Endlosschleife abgespult und ins Bewußtsein nicht zuletzt der jungen Zuschauer hineingedroschen wurden. Hätte es ein Live-Video der Sauerei gegeben, wäre das für die Investigativjournalisten der Jackpot gewesen. Das wäre noch häufiger gelaufen als die Flugzeuge von 9/11. Geil! Schockierend! Die kommende Sache! Wehret den Anfängen! Und Betroffenheit wird natürlich auch immer geäußert von den Verkäufern der Sensation und ihren Steigbügelhaltern. Komisch: Früher wurde immer beklagt, die Medien seien die Steigbügelhalter der Politiker - heute erscheint es fast umgekehrt... Die grobe Heuchelei, die dieser Symbiose innewohnt, geht natürlich auch nicht spurlos vorbei an jungen Menschen, die - unterstelle ich jetzt mal - für glaubhafte Wertvorstellungen und Alternativen zur vorgefundenen Wirklichkeit sehr ansprechbar wären. Stattdessen setzt es als Nachbereitung immer nur den gewohnten Zinnober. Beim letzten Amoklauf servierte uns ein Kabelsender als großes "Highlight" den Todesschuß, der dem Leben des Amokläufers ein Ende setzte. Geil! Schockierend! Gerecht! Wo sollen die Jugendlichen (gerade die Denkbegabteren unter ihnen) denn glaubhafte Werte hernehmen? An der Schule wird ihnen in erster Linie beigebracht, daß sie reibungslos zu funktionieren haben, da sie sich sonst die Zukunft versauen. Und selbst wenn sie ihre Sache gut machen, winkt ihnen als Belohnung die vermutliche Arbeitslosigkeit. Die leistungsorientierte Eintänzer-Mentalität, die im Zentrum des Schulsystems steht, steht im direkten Widerspruch zu den Werten, die von den zunehmend verzweifelten Lehrern vermittelt werden sollen. Wir erleben, wie der Bildung immer mehr Gelder entzogen werden, Lehrern immer mehr Arbeit aufgeknüppelt wird, und dann erwarten wir, daß als Resultat gesunde Erwachsene dabei herauskommen - das darf doch nicht wahr sein! Was alle Amokläufer gemeinsam hatten, war, daß sie soziale Außenseiter waren, die nicht wußten, wohin sie mit ihren Ängsten gehen sollten. Von den Lehrern zu erwarten, daß sie andauernd auf Alarmsignale achten und sich in einfühlsamer und kompetenter Manier um die vermeintlichen Problemfälle kümmern sollen, ist unrealistisch. Kein Lehrer hat hundert Arme. Die meisten sind einfach überfordert. Auch ein Mehr an sogenannten Vertrauenslehrern halte ich für wenig effektiv, zumal es bereits bei Erwachsenen in der Regel sehr lange dauert, bis sie Fremdhilfe in Anspruch nehmen. Die einzige Lösung wäre wohl, im Unterricht glaubhafte Alternativen anzubieten, gesellschaftliche Mißbildungen zu thematisieren. Den Jungsprotten das Gefühl nahezubringen, daß sie in der Tat nicht nur für die Schule (bzw. den beruflichen Fortgang) lernen, sondern in erster Linie mal für sich selbst. Denn Charakterbildung und das Erwirtschaften von Selbstachtung geschieht nicht von selbst. Dazu braucht es Ermutigung und Aufmerksamkeit. Die meisten Amok-Kasper waren zwar verschlossen, hatten aber zaghafte Hilferufe ausgesendet, in Form von Postings in entsprechenden Foren oder aufmerksamkeitsheischenden Webseiten im Dicker-Max-Stil. Sie WOLLTEN offensichtlich, daß man ihnen etwas anbietet, was ihrer Hilflosigkeit entgegensteht. Sie wollten glaubhafte Angebote. Diese Angebote zu kommunizieren, wäre die sinnvollste Konsequenz aus den Geschehnissen. Die Kinder und Jugendlichen wehrhafter zu machen und weniger anfällig für potentiell schädliche Einflüsse. Call it: Medienkompetenz. Call it: Lebenskompetenz.

Klopapier

130909

Gerade habe ich das große Kanzlerduell im Fernsehen gesehen! Hier ein fotografisches Protokoll des Ereignisses.

100909

Heute nichts Neues, nur zwei Texte über vier Helden von mir. Drei davon sind Die Ärzte, einer davon Klaas Straggel.


BACK