DER NUKLEARE WINTER ALS SOMMERNACHTSTRAUM

Augustseptember 2006

Stapfen

NEWSTICKERARCHIV

monkeyisland
300906

Na, habe ich es doch noch rechtzeitig geschafft, dem nahenden Oktober ein Schnippchen zu schlagen! In der Zwischenzeit bin ich mit meiner Frau nach Amsterdam gefahren, eine Stadt, die ich bislang nur aus dem Paul-Naschy-Schlocker SHADOWS OF BLOOD, der TV-Krimiserie "Van der Valk" und anderen Spektakeln kannte. Wer sich für den Reisebericht interessiert, der findet ihn hier, zusammen mit einigen enthüllenden Fotos.

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Die Nachrichten meide ich in letzter Zeit immer mehr, da ich feststellen muß, daß mir das Mehr an Aufklärung mitnichten Bereicherung beschert, sondern mir Illusionen raubt, wo ich vorher keine vermutet hätte. Bei der Landtagswahl in McPomm beispielsweise bekam die NPD fast ein Zehntel der vergebenen Stimmen. Ich bin mir sicher, daß Mecklenburg-Vorpimpern über zahlreiche paradiesische Flecken und geheime Schätze verfügen mag, aber ich und mîn Frouwe sehen erst einmal davon ab, dorthin zu fahren. Neben dem Jemen ist McPomm somit die zweite Region der Erde, die wir kategorisch boykottieren. Wie kann man so fucking blöd sein, diese Partei zu wählen, selbst wenn man von den maßgeblichen Parteien (zu Recht) enttäuscht ist? Ich habe vor kurzem einen "Panorama"-Bericht gesehen, den ich sehr eindrucksvoll fand. In diesem konnte man verschiedene der um den Eindruck von Rechtsstaatlichkeit buhlenden Nazis bei der Ausübung ihrer favorisierten Freizeitbeschäftigungen erleben, u.a. beim Eintreten auf am Boden liegenden Demonstranten. Natürlich sind diese Leute keine Nazis, und wenn diverse Großkopfeten vorher einflußreiche Stellungen in Organisationen wie z.B. der "Wiking-Jugend" bekleidet haben, darf man daraus mit Sicherheit keine Rückschlüsse ziehen. Auch das gewaltsame Drangsalieren von politisch Andersdenken, wie es z.B. am Wahlstand der SPD vorkam, ist selbstverständlich nur ein Mißverständnis gewesen. Ist es demokratisch, eine Partei zu verbieten, die die Demokratie am liebsten abschaffen möchte? Damit beschäftigen sich im Moment so einige, und während sich die ganzen auf liberal gebügelten Medienaffen vor Empörung gar nicht mehr einkriegen, werden allenthalben die Gelder für die Bekämpfung von Rechtsextremismus bei Jugendlichen gestrichen! Ich packe es nicht, aber diese Idioten streichen tatsächlich bei den wenigen Institutionen, die direkt an der Basis den jungen Menschen zeigen können, daß es noch andere Möglichkeiten zur Selbstentfaltung gibt, als Andersdenkenden die Birne einzuschlagen. Neuester Geniestreich ist die Verurteilung eines Punk-Händlers, der T-Shirts mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz angeboten hat, was ja nun ganz eindeutig "Nie wieder Nazis" bedeuten soll. Verurteilt wird der Kleinunternehmer wegen der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen. Christoph Schlingensief kann sich gegen einen solchen Unfug zur Wehr setzen, da er den Großteil der Presse auf seiner Seite hat. Dem Ladenbetreiber winkt nun eine Strafe von etwa 3.600 Euro, was für ihn eine Menge Geld sein dürfte.

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In Berlin ist vor kurzem eine Mozart-Oper abgesagt worden, weil darin neben den Köpfen von verschiedenen anderen Religionsstiftern auch der Kopf von Mohammed abgesäbelt wurde. Für gewöhnlich bin ich der Oper als Kunstform ziemlich abhold und ein echter Opernbanause, aber hier würde ich mal wirklich anmerken, daß ich es nicht wirklich einsehen kann, warum man Fersengeld gibt, wenn Deppen kreischen. Glauben die, daß al-Qaida sofort Selbstmordattentäter abrekrutiert hätte, um die Oper zu einem Fanal des Schreckens zu machen? Der Papst hat ja vor kurzem ein unvorsichtiges Zitat geäußert, in dem vor der Gewaltbereitschaft des Islam gewarnt wurde, und gerade die Leute, die sich in letzter Zeit durch Anschläge und Puppenverbrennungen hervorgetan hatten, waren ganz empört. Hat sich irgendjemand für die ermordete Nonne entschuldigt? Das wäre mir entgangen. Bestimmt haben die Mörder das Zitat des Papstes und den kulturellen Zusammenhang, aus dem heraus es getätigt wurde, voll durchleuchtet und den Tod der Frau als eine Zwangsläufigkeit empfunden. Manchmal glaubt man wirklich, diese Welt ist wahnsinnig geworden. Leben denn wirklich nur noch Idioten? Hier ein Kommentar von Christoph Schlingensief zum Thema.

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Ich meide den ganzen Blödsinn nach Leibeskräften. Den letzten Boxkampf von Interesse habe ich auch verweigert, und das zu Recht, denn den Abraham weiterboxen zu lassen, fand ich eklig. Okay, Boxen ist Männersport, kein Luschensport, aber das Gerede darüber, daß er ein wirklich harter Hund war, weil er mit gebrochenem Kiefer weitergeboxt hat, war degoutant. Den Kampf hätte man abbrechen müssen. Kann sich irgendjemand vorstellen, was Frau oder Freundin da empfunden haben werden? Holy fucking Christ! Das ist nur Sport und nicht der verdammte Burenkrieg!

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Kommissar Ernst ist von dem Leistenbruch, den er sich bei dem Kampf mit dem russischen Feinkostwarenhändler zugezogen hat, wieder vollständig genesen. Der hatte ihn ja bekanntlich für einige Monate aus dem Ring befördert. War eine sehr häßliche Vorstellung. Neulich habe ich wieder etwas weitergeschrieben. Ebenfalls beschäftige ich mich derzeit an der Herstellung eines Drehbuches, daß sich mit dem Satanismus beschäftigt, und zwar explizit mit dem RTL-Satanismus, den unmündige Gruftie-Guppies und erwachsene Dummspacken abziehen. Der Gedanke ist mir und Cora neulich gekommen, als wir einen unglaublich schlechten "Tatort" zum Thema gekuckt haben, wo zwar beherzt über Crowley referiert wurde, aber nur auf Kaugummi-Niveau. In meinem/unserem Drehbuch werden Gott und Satan vorkommen, und die werden viel Spaß haben! Auch bastele ich zur Zeit an einem Präsentationstext für Zeitschriften, der irgendwann auch hier zu lesen sein wird. Thema werden die unsäglichen Kabelfernseh-Abominationen sein, wie die Homeshopping-Puppenstube oder das Esoterik-TV à la "Jenseitskontakte mit Gitti". Unser Bassist hat mir neulich von gerappten 0190-Sexkontakt-Werbungen auf "Das Vierte" erzählt, die ich auch unbedingt mal abpassen muß. "Mobile Pimp" oder so heißt der Kram: "Von unsren geilen Polen/ mußt du dich echt erholen!" Das ist vielversprechend. So, ich werde müde und gehe nach Bett - Wohlsein!

P.S.: Meine Band "Viva Al Brasi" wird in einigen Tagen eine erste Single aufnehmen, und zwar im Studio einer befreundeten Band. Um das Ereignis gebührend zu feiern, habe ich vor einigen Tagen eine myspace-Domain eröffnet, auf der auch in Zukunft unser Treiben festgehalten sein wird. Einige hübsche Plakatentwürfe vom Mettre sind da auch schon hochgeladen. Im übrigen gilt die Probeschnipselseite mit völlig rohen und unverdubbten Klunkern, die ich schon mal verlinkt habe.

050906

Oh Gott, was ist nur passiert? Mein August ist verschwunden... Tatsächlich bin ich im Spieleparadies versackt und habe einen Monat lang durchgezockt! Tag und Nacht glommen die Pixel, und Schlaf gewährte mir nur die selige Ohnmacht vor dem matten Flackern meines Monitors. Man kann ja nur einige Tage am Stück wach bleiben, ohne daß dies zu ernsthaften gesundheitlichen Engpässen führen würde. Polarforscher wissen dies aus dem Effeff, da man durch das doofe Eis endlos durchlatschen muß, da man sonst einfriert und nie wieder auftaut. Wenn man nicht aufpaßt, wird man zudem von dem garstigen Zapfenpinguin angezapft, der drei Meter groß werden kann und Fangzähne hat wie Drahtseile. Allerdings kommt der nur in der Beringsee vor, wo es wenig Eis gibt, weshalb die Pinguine auch von notorischem Grimm vergiftet sind. Bei mir im Wohnzimmer ist ihr Auftreten hingegen eher selten, aber ich hätte keinen fremden Gast bemerkt, denn ich kämpfte mich durch GRAND THEFT AUTO: VIZESTADT hindurch, das mit Ray Liotta, Dennis Hopper, Burt Reynolds und einigen anderen eine sehr flotte Besetzung hat. Erstmalig fiel mir auf, daß ich die geschnittene deutsche Version der amerikanischen tatsächlich vorziehe, da das Turbogekachel durch blutige Beigaben für meinen Geschmack entschieden an Charme verliert. Asozial genug ist es allemal, und die Vielfalt der Missionen ist wirklich sa-gen-haft. Danach levitierte ich mich durch die Absurditäten von SERIOUS SAM 2 und hatte einen Riesenspaß. Besonders lieb fand ich die blauhäutigen Eingeborenen ganz zu Anfang. Solche Ballerspielchen stehen und fallen ja nicht zuletzt mit dem Design ihrer Protagonisten, und die Aliens waren eigentlich alle allerliebst. Zeit floß dahin und kam nie mehr zurück. Ich bekam während meiner Zockerei mehrere lukrative Jobangebote, aber was soll ich machen, wenn gerade die Maus glüht vor aufrichtiger Spielandacht? Ich danke meiner Freundin für ihr Verständnis und für die vielen Stullen und Tetra-Packs, ohne die mein Organismus sicherlich schlappgemacht hätte. Des Menschen Zeit ist endlich, aber der Ruhm virtueller Fahnentreue währt ewiglich! Das Bild oben stammt übrigens aus dem liebenswerten Adventure MONKEY ISLAND, dessen Held Guybrush Threepwood ("I´m shaking, I´m shaking...") hier gerade gegen tödliche Piranhapudel antreten muß...

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Aus diesem Grunde war ich auch nicht in der Lage, dem "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega" beizuwohnen, der sich (wie ich) im August der Zerstörung der Erde gewidmet hatte. Bei der nächsten Veranstaltung werde ich aber wieder dabeisein, wenn in der "Fiesta Mexicana" mittelamerikanische Geister und Revolutionäre aufeinandertreffen und tanzen bis nach Yucatan!

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Irgendwann zwischendurch hatte ich mal Geburtstag und wurde 38. Ich bekam auch verschiedene Geschenke vor die Tür gelegt, wofür ich mich recht herzlich bedanken möchte, aber Serious Sam hatte gerade ein Extraleben bekommen und mußte die Galaxie retten. Es ist wirklich grauenerregend, was Computerspiele mit dem Leben von Menschen anstellen. Wenn man es sich recht bedenkt, kann ich in meinem Leben wahlweise ca. 100.000 Filme schauen (wenn ich nicht rauche) oder mindestens ebensoviele Kinder zeugen. Ich könnte meine eigene Partei zeugen, die mich in Luxemburg zum Ministerpräsidenten machen würde! Allerdings erst mit 60 Jahren, und zu diesem Zeitpunkt möchte ich bereits berühmt und reich sein, und dann wäre der Ministerpräsidentenstuhl von Luxemburg doch ein ziemlicher Abstieg. Zwar könnte ich den wackeren Zwergstaatlern Brot und Würde geben, doch was juckt mich die Not von Zwergstaatlern, wenn ich stattdessen in einer sausigen und brausigen Luxusvilla an der Riviera leben kann?

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Fußball habe ich in der Zwischenzeit kaum gesehen, da ich Premiere nur über Satellit empfange und ich somit zu meinem Leidwesen nicht mit dem Lebensnotwendigen versorgt werde. Das Servicetelefon von Premiere wimmelt im Moment scheinbar alle Anfrager per Computeransage ab, und meine Mail wurde auch noch nicht beantwortet. Ich habe aber festgestellt, daß es auch ohne Fußball geht. Trainer werden gefeuert, Spieler brechen sich die Beine, Moderatoren schrauben sich eitel vor das Mikro - das ficht mich nicht an, ich nehme mit gelassener Seelenruhe die Ergebnisse entgegen und schleckere ein Käsebrötchen. Außerdem wäre es mir auch gar nicht möglich, ein Fußballspiel zu sehen, denn ich spiele ja gerade COLD FEAR, in dem man auf einem Schiff auf irgendwelche Zombies ballern muß. Wahnsinnsgrafik, null Sinn - wie es sein muß! Übrigens bin ich auch für einige Wochen aus dem Internet geflogen, da ein Stromausfall meinem Modem ein schmähliches Ende bereitet hat. Ich habe mich von Anbieter T-Com zu einem sogenannten Router überreden lassen, der alles sehr viel unkomplizierter machen soll. Das ist aber graue Theorie, denn tatsächlich läuft jetzt alles schlechter: Man muß sich immer mühselig über den Explorer in den Router einwählen, was hundert Jahre dauert, und andere Programme arbeiten bei Betriebnahme des Mistdings eindeutig langsamer. Theoretisch kann man sich die Einwahlroutine auch per "Spezialprogramm" auf den Desktop packen lassen, aber die Downloads auf der Seite der Firma waren vor kurzem noch außer Betrieb. Bei meinem alten Modem: schnack, an. Fertig. Jetzt bin ich schon glücklich, wenn der Kasten überhaupt anspringt. Das Vertrauensverhältnis Internet - Konsument hat gelitten. Das Verhältnis Konsument - Keßler wird nächste Woche erneut auf die Probe gestellt, denn da kommt die neue "Splatting Image" heraus, in der der zweite Teil meines Kannibalenartikels enthalten sein wird. Außerdem habe ich die gesammelten Werke von Christoph Schlingensief unter die Lupe genommen, die ja gerade auf DVD erschienen sind. Auch erscheint in den nächsten Tagen die DVD zu dem Giallo MORTE SOSPETTA DA UNA MINORENNE von Sergio Martino, zu dem ich und Robert Zion einen Audiokommentar eingespielt haben, der nicht nur das Genre, sondern auch den politischen Zustand Italiens näher beleuchten wird.

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Eine Hiobsbotschaft: Die Sons Of Tarantula haben sich aufgelöst! Auf ihrer Myspace-Homepage geben sie dazu ein sehr lapidares Statement, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, daß sie auf ihrem letzten Tonträger "Kamikaze Rock´n´Roll" noch einmal richtig den Teppich aufrollen. Die Pflicht zur Prachterzeugung zwang sie zu dem unangefochtenen Hit des kurzen Silberlings, "Knochenbrecher", der in ebenso schleppender wie intensiver Manier den Alltag eines besonders robusten Ringkämpfers illustriert. "Bin Laden der Urologie" verknüpft den bekanntermaßen asymmetrischen Krieg gegen den Terror mit dem Unterleib - der Kasper gibt Vollgas! Und "Oder doch?" ist eine sehr feine Coverversion von Trio (meine ich). Unterm Strich eine Veröffentlichung von fünf Songs, die betroffen machen. Und nachdenklich. Und betrunken. Ich habe glücklicherweise nichts davon mitbekommen, weil ich ja die ganze Zeit über computergespielt habe, aber beim Sittenstrolch neulich war´s sehr angenehm, da er und seine Sittenstrolchette nicht nur kompetente Gastgeber sind, sondern auch tolle Menschen. Am Schluß wurden wir fachgerecht gefistet und geschächtet, aber das ist man ja gewohnt. Alles in allem - ein gelungener Abend! Ich hoffe, daß die Sons es sich noch irgendwie anders überlegen, denn Deutschland braucht Gammelfleisch, und DEUTSCHLAND BRAUCHT DIE SONS!!!

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Übernächste Woche werden meine Freundin und ich zum ersten Mal nach Amsterdam fahren, wo wir selbstverständlich kein Rauschgift konsumieren werden. Stattdessen schwebt uns Straßenraub vor, Laden- und Taschendiebstahl und hemmungsloser Käsemißbrauch. Eigentlich wollen wir nur Bruno Matteis SNUFF TRAP nachvollziehen, dessen Exzesse uns für die Schauwerte unseres sympathischen Nachbarlandes geöffnet haben. Wenn wir das Van-Gogh-Museum besuchen, schneiden wir einem Wärter das Ohr ab. Auf die Häuser mit den schönen großen Fenstern freuen wir uns schon riesig. Am Schluß kapern wir das Piratenschiff am Hauptbahnhof und segeln weg!

P.S.: Hier noch ein kleiner Text zu einem Buch vom Multitalent Heinz Strunk, das mich sehr entzückt hat.

290706

Spillane

Mickey Spillane (1918 - 2006) RIP

Ins Bild eingelinkt ist ein Text über den Mann.

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Oh nein. Tut mir sehr leid. Eine Frau, die immer unter Wert geschlagen wurde. Eine Frau, die mehr aus ihrem Leben machen wollte, als letztlich wurde. Berühmt geworden durch die Klimbim-Familie, beste Rolle in Fassbinders DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS. Ein gutes, ein trauriges Beispiel für die Vereinnahmung einer Schauspielerin durch das Medium, das sie berühmt gemacht hat. Die Frau konnte wesentlich mehr, als sie zeigen durfte. Der Klamauk ist lange Geschichte. Sie hat sich häufig bemüht, aus der Rolle auszubrechen. Jetzt ist sie tot, und das tut mir tatsächlich sehr weh. Elisabeth Volkmann.

Frau Volkmann

R.I.P.

280706

Lecken

Hier lecke ich Schlick. Es handelt sich mitnichten um das neue Speiseeis von Schöller, das ein grimmer Gott "Choc Chlique" geheißen hat, sondern tatsächlich nur um handelsübliche Gülle von unten, die ein flinker Griff unter die Oberfläche zutagegefördert hat. Ich habe mich nämlich in Cuxhaven herumgetrieben, wo eine Menge Watt herumliegt. Das ist so Sand mit Schlick drunter. Menschen flanieren darüber und sinnieren über den Sinn des Seins. Oder über den Sinn des Watts, was häufig auf dasselbe hinausläuft. Wenn man etwas hektisch veranlagt ist, sollte man sich etwas zu lesen mitnehmen, am besten die Broschüre: "Wie entschuldige ich mich möglichst überzeugend bei Mitmenschen, denen ich in die Seite gelaufen bin, weil ich gerade gelesen habe?" Das Watt ist beruhigend und tröstend, aber es lenkt trotzdem nicht ab von den existentiellen Sorgen, z.B. der Frage, wie man sich vor der Sonne schützt. Der 19. Juli dieses Jahres (der nur zufällig mit dem Geburtstag meiner Mama zusammenfällt) war der heißeste Tag bislang, und sowohl mein Vater wie meine Mutter gemahnten mich zur Sorgfalt und hießen mich schmieriges und stinkendes Öl auftragen. Auch mit 37 Jahren ist man nicht gefeit gegen Anwandlungen des postpubertären Rebellentums, und so trotzte ich mutig der elterlichen Schlaumeierei und ließ meine Pfirsichhaut unberührt wie den Hymen der Heiligen Jungfrau. Das war ein Fehler. Cuxhaven ist eine hübsche, wenngleich etwas langweilige Stadt, der aber der Glanz intensiver Nordigkeit innewohnt - ein Glanz, den ich erst seit meiner Landflucht Richtung Ruhrpott richtig zu schätzen weiß. Nur wenige Ampèrestunden vom glorreichen Bremen entfernt lauert das Watt und wartet auf die Belatschungswilligen, die barfuß das eintönige Halbnaß durchmessen. Für frisch Verliebte (oder Fischverliebte) ist das Watt der Himmel auf Erden, denn nichts trübt die stumme Kontemplation und die Zweisamkeit mit dem Liebsten. Der Wind fächelt eher mau und gibt eine Ahnung von der Ewigkeit. Die Stapfen, die man hinterläßt, besudeln die Füße, sind aber unwesentlich, wenn man die Zeitenläufte in Betracht zieht. Die Tide schwappt, die Flut marodet, und schon sind die Eindrücke, die man gesät hat, Geschichte. Das Watt hat etwas unleugbar Trostvolles. Exkremente von Wattwürmern und Algenflatschen sind die einzigen Weggefährten, die man zu gewärtigen hat. Am Schluß wartet immer der Tod, und der wurde in diesem Falle repräsentiert von einer Horde Nudisten, die den einzigen Wasserflecken einnahmen, den die trübe Wildnis bot. Meine laut hervorgestoßene und wahrscheinlich für die umstehenden Nudisten kaum überhörbare Abneigung - "Nein, ich lege mich nicht bei diesen faltigen Pimmeln hin!" - überraschte mich selbst. Ich habe schließlich ein Buch über Pornofilme geschrieben, bin mit den mannigfaltigen Verwendungsmöglichkeiten von Geschlechtsteilen durchaus vertraut und nicht wirklich prüde, aber diese Zurschaustellung von Nacktheit ging mir sehr gegen den Strich. Ich legte mich auf den Bauch und fixierte den Sand, bis meine Anverwandten fertiggebadet hatten. Warum das so war, kann ich nur mutmaßen. Der menschliche Körper ist ein treffliches Konzept, und auch wenn das Alter seine Furchen zieht, wohnt da noch viel Schönes. Doch hier war das eher eine Frage des Prinzips. Ich mag es nicht, wenn mir etwas aufgezwungen wird. Da bin ich ganz eigen. Auch bin ich kein überaus soziabler Mensch und kucke eher, als daß ich Konversation treibe. Ich kucke und versuche zu verstehen. Hier hätte ich aber nur faltige Gesäße, Schildkrötenhälse und Teigiges kinnunterhalb erhaschen und mir dafür einen Blick einhandeln können, als wäre ich der Spannemax unter den Spannemaxen. Ich will aber nicht, daß fremde Leute ihre schlaffen Dödel unter meiner Nase spazierenführen, als wäre dies der Gipfel der Unverkrampftheit. Ich finde auch Sauna doof. In der Sauna sitzt man herum und freut sich an der Nacktheit. Vielleicht bin ich ein Ferkel, aber ich glaube kaum, daß geschlechtlich höchst unterschiedliche Menschen einander nicht auf die Brüste bzw. den Schniepel schauen. Ich bräuchte nur eine halbwegs attraktive Frau beim Schwenken ihrer Spezialausstattung zu erhaschen und hätte schon das Problem, allzu Offensichtliches zu verbergen. Ich finde es nicht natürlich, Nacktes zu sehen und dabei den streng akademischen Blick eines Frauenarztes anzuwenden. Auch will ich nicht das Sexualpotential meiner männlichen Artgenossen präsentiert bekommen, wenn mir so ganz und gar nicht der Sinn danach steht. Das sieht auch eher lustig aus, wenn man nicht geil ist, let´s face it! Auf jeden Fall rieb ich mein Becken im Wattsand, fühlte mich wie Ingmar Bergman an einem seiner schlechten Tage und wunderte mich ob meiner intensiven Abneigung gegen die total unverkrampften Freikörperkulturler mit den bedenkenswert häßlichen Körpern. Danach ging´s zurück nach Cuxhaven, wo ein sehr umfangreiches Mahl unserer harrte.

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Das Pornobuch kommt vielleicht demnächst raus, und zwar in sehr erfreulicher Gesellschaft. Da gebranntes Kind den Ofen scheut, möchte ich aber noch nichts Genaueres nicht vermelden. Mein nächster Artikel für die SI wird erneut in die Kannibalenkerbe schlagen und Filme umfassen wie den hervorragenden RAVENOUS oder den obskuren CANNIBAL GIRLS. Das wird wieder ein ziemliches Mischmasch. Vom Audiokommentar gibt es noch keine News, außer daß Niki und Konsorten bereits heftig am Werkeln sind, um auch wirklich das Optimum aus der Veröffentlichung herauszustanzen. Robert und ich haben da eine ganze Menge über Berlusconi abgelästert. Mittlerweile sind mit der rätselhaften Befreiung des AC Milan vom italienischen Korruptionsskandal neue Untermauerungsfragmente eingetroffen. Die Idioten wissen wirklich nicht, was sie da tun. Deppen.

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Draußen grummelt es gerade, aber es grummelt nur sehr halbherzig. Der sogenannte Jahrhundertsommer hat mir schon einige Kreislaufbeschwerden verursacht. Vor 10 Jahren hätte ich darüber nur gelacht. Heute sieht das etwas anders aus und läßt mich fast umkippen. Andauernd muß ich mir mit der Klaue über das Gesicht fahren, um den Schweiß abzuwischen. Meine Süße hat mir neulich den Segen von Fußbädern beigebogen. Also: Wenn´s Euch nervt, daß die Luft stickig ist und in Herz wie Hirn Engpässe entstehen, dann füllt Euch genügend eiskaltes Wasser in einen großen Behälter und packt Eure Mocken da rein - rockt ohne Ende! Wir haben uns neulich den BLACKBEARD-Zweiteiler angeschaut, und das Angenehmste daran war das wechselseitige Eintunken der Füße in kalte Flüssigkeit.

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Lustig ist, daß man irgendwann das Alter mitbekommt. Man denkt vorher immer, das manifestiere sich an den Offensichtlichkeiten, wie Falten im Gesicht, ausgehenden Haaren oder der zunehmenden Unlust, Treppen in olympischer Grazie zu nehmen. Das ist gar nicht mal so sehr die Sache. Man wird einfach alt. Man wird unzuverlässiger, unfokussierter, viele Dinge sind einem auf einmal egal, die vorangegangenen Melodramen haben einem den Sinn für die weltbewegenden Qualitäten von kleineren Katastrophen geraubt. Auch größere Katastrophen sind auf einmal hinnehmbar. Man ist sich bewußt, daß man irgendwann einmal die Laterne weitergeben muß, und all der langweilige und nichtssagende Schotter, den man mitbekommen hat, ist auf einmal Schlick. Auch die vermeintlich größeren Einschnitte im Innenleben bekommen plötzlich etwas Unvermeidliches und gräßlich Alltägliches. Ist ein sehr eigenwilliger Effekt, den man wohl mal miterleben muß. Ich zweifele nicht daran, daß es auf einmal wieder das strahlende Licht über der Kuppe des Berges gibt und das Hervorlugen des Ideals, aber das Wissen über die Tatsache, daß der Mensch mehr ist als Blut, Fleisch und Knochen, kommt manchmal sehr unvermittelbar und hinterhältig. Das geht manchmal richtig ins Gebein und klackert, wenn man einzuschlafen versucht. Es ist sehr verwirrend. Es macht Angst. Es ist aber auch schön, weil es bedeutet, daß dieser ganze Unfug Sinn ergibt. Er läßt sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen, dieser Sinn, und wenn doch, so habe ich bislang nur einen matten Abglanz davon zu sehen gekriegt, aber ich möchte schon noch einige Jahre leben, um mir darüber klarer zu werden, wo Bartel den Most holt. Die Äpfel habe ich schon gesehen, und die fröhlichen Saftpresser sind mir sehr gut vertraut. Ich kenne auch die lästigen Stechmücken und sonstigen Krabbelviecher, die immer herumkrauchen um die Presse, damit den Presser der Glauben um den Sinn seines Tuns verläßt. Die wollen, daß der Most sauer und untrinkbar wird. Das ist ihre Natur. Man muß diese Insekten abfeuern oder sie ignorieren, denn sie sind unwesentlich und hemmen einen, aus der gegebenen Lebenszeit das zu machen, was man daraus machen kann. Das umschließt nicht immer nur Edles, sondern auch das Unkraut am Wegesrand. Es umschließt den ganzen Weg mit dem Unkraut, dem Sand und dem Schönen, das man aus dem Zurücklegen des Weges gewinnen kann. Auch auf die Gefahr, wie ein esoterischer Depp der "Mein Freund, der Baum"-Fraktion zu klingen, bleibt mir nur die recht offensichtliche Einsicht, daß das Ziel am Schluß liegt. Und da der Weg zum Ziel eine weitaus größere Wegesstrecke umfaßt, mutmaße ich mal forsch, daß dem Weg auch eine gewisse Bedeutung zukommt.

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Ich werde in etwa einer Woche 38 Jahre alt. Das ist mehr als manches Schwein, wie mein Vater sagen würde. Es gibt manche Persönlichkeiten in der Weltgeschichte, die niemals so alt geworden sind. Jesus mal gar nicht, denn der war nur Handwerker. Boxenluder leben ewig, und ihre Nutzbarkeit ist auch durchaus überschaubar. Ich habe neulich den Analtrakt eines geschätzten Freundes von mir öffentlich gesehen und respektiere ihn trotzdem ohne Ende. Ich spüre mein eigenes Verzagen vor der medial herbeigeheischten Ehrfurcht, die so manchem Würdenträger zukommen sollte, und je mehr gejubelt wird, umso mehr gerät mein Kopf ins Wanken. Ich sehe Dummheit überall, und sie lähmt, nervt und behindert mich. Wann immer ich die Glotze anschalte und nicht ein simpler Tierfilm aus ihr hervordringt, kucke ich ins Antlitz des völligen Kompromisses und wundere mich darüber, daß die Menschheit überhaupt so weit hat kommen können. Vielleicht fahre ich nach Amsterdam und kucke endlich einmal die Grachten. Vielleicht auch nicht. Meine Frau ist mir das Wichtigste. Sie ist keine Heilige, aber sie ist grundmenschlich. Sie ist schön bis ins Mark. Sie ist mir die Sonne, der Mond und die Sterne.

Zum Abschluß noch ein Medusenhaupt im Küstensand:

Medusenhaupt

Gibt einem zu denken, nicht? Schönheit und Tod, Eros und Thanatos, Dick und Doof - die alten Nativen liegen immer dicht beieinander.


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