DER NUKLEARE WINTER ALS
SOMMERNACHTSTRAUM
Augustseptember 2006
NEWSTICKERARCHIV
300906
Na, habe ich es doch noch rechtzeitig geschafft, dem nahenden Oktober
ein Schnippchen zu schlagen! In der Zwischenzeit bin ich mit meiner
Frau nach Amsterdam gefahren, eine Stadt, die ich bislang nur aus dem
Paul-Naschy-Schlocker SHADOWS OF BLOOD, der TV-Krimiserie "Van der
Valk" und anderen Spektakeln kannte. Wer sich für den Reisebericht
interessiert, der findet ihn hier,
zusammen mit einigen enthüllenden Fotos.
+++
Die Nachrichten meide ich in letzter Zeit immer mehr, da ich
feststellen muß, daß mir das Mehr an Aufklärung
mitnichten Bereicherung beschert, sondern mir Illusionen raubt, wo ich
vorher keine vermutet hätte. Bei der Landtagswahl in McPomm
beispielsweise bekam die NPD fast ein Zehntel der vergebenen Stimmen.
Ich bin mir sicher, daß Mecklenburg-Vorpimpern über
zahlreiche paradiesische Flecken und geheime Schätze verfügen
mag, aber ich und mîn Frouwe sehen erst einmal davon ab, dorthin
zu fahren. Neben dem Jemen ist McPomm somit die zweite Region der Erde,
die wir kategorisch boykottieren. Wie kann man so fucking blöd
sein, diese Partei zu wählen, selbst wenn man von den
maßgeblichen Parteien (zu Recht) enttäuscht ist? Ich habe
vor kurzem einen "Panorama"-Bericht gesehen, den ich sehr eindrucksvoll
fand. In diesem konnte man verschiedene der um den Eindruck von
Rechtsstaatlichkeit buhlenden Nazis bei der Ausübung ihrer
favorisierten Freizeitbeschäftigungen erleben, u.a. beim Eintreten
auf am Boden liegenden Demonstranten. Natürlich sind diese Leute
keine Nazis, und wenn diverse Großkopfeten vorher
einflußreiche Stellungen in Organisationen wie z.B. der
"Wiking-Jugend" bekleidet haben, darf man daraus mit Sicherheit keine
Rückschlüsse ziehen. Auch das gewaltsame Drangsalieren von
politisch Andersdenken, wie es z.B. am Wahlstand der SPD vorkam, ist
selbstverständlich nur ein Mißverständnis gewesen. Ist
es demokratisch, eine Partei zu verbieten, die die Demokratie am
liebsten abschaffen möchte? Damit beschäftigen sich im Moment
so einige, und während sich die ganzen auf liberal gebügelten
Medienaffen vor Empörung gar nicht mehr einkriegen, werden
allenthalben die Gelder für die Bekämpfung von
Rechtsextremismus bei Jugendlichen gestrichen! Ich packe es nicht, aber
diese Idioten streichen tatsächlich bei den wenigen Institutionen,
die direkt an der Basis den jungen Menschen zeigen können,
daß es noch andere Möglichkeiten zur Selbstentfaltung gibt,
als Andersdenkenden die Birne einzuschlagen. Neuester Geniestreich ist
die Verurteilung eines Punk-Händlers, der T-Shirts mit einem
durchgestrichenen Hakenkreuz angeboten hat, was ja nun ganz eindeutig
"Nie wieder Nazis" bedeuten soll. Verurteilt wird der Kleinunternehmer wegen der
Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen. Christoph Schlingensief
kann sich gegen einen solchen Unfug zur Wehr setzen, da er den
Großteil der Presse auf seiner Seite hat. Dem Ladenbetreiber
winkt nun eine Strafe von etwa 3.600 Euro, was für ihn eine Menge
Geld sein dürfte.
++++
In Berlin ist vor kurzem eine Mozart-Oper abgesagt worden, weil darin
neben den Köpfen von verschiedenen anderen Religionsstiftern auch
der Kopf von Mohammed abgesäbelt wurde. Für gewöhnlich
bin ich der Oper als Kunstform ziemlich abhold und ein echter
Opernbanause, aber hier würde ich mal wirklich anmerken, daß
ich es nicht wirklich einsehen kann, warum man Fersengeld gibt, wenn
Deppen kreischen. Glauben die, daß al-Qaida sofort
Selbstmordattentäter abrekrutiert hätte, um die Oper zu einem
Fanal des Schreckens zu machen? Der Papst hat ja vor kurzem ein
unvorsichtiges Zitat geäußert, in dem vor der
Gewaltbereitschaft des Islam gewarnt wurde, und gerade die Leute, die
sich in letzter Zeit durch Anschläge und Puppenverbrennungen
hervorgetan hatten, waren ganz empört. Hat sich irgendjemand
für die ermordete Nonne entschuldigt? Das wäre mir entgangen.
Bestimmt haben die Mörder das Zitat des Papstes und den
kulturellen Zusammenhang, aus dem heraus es getätigt wurde, voll
durchleuchtet und den Tod der Frau als eine Zwangsläufigkeit
empfunden. Manchmal glaubt man wirklich, diese Welt ist wahnsinnig
geworden. Leben denn wirklich nur noch Idioten? Hier
ein Kommentar von Christoph Schlingensief zum Thema.
+++++
Ich meide den ganzen Blödsinn nach Leibeskräften. Den letzten
Boxkampf von Interesse habe ich auch verweigert, und das zu Recht, denn
den Abraham weiterboxen zu lassen, fand ich eklig. Okay, Boxen ist
Männersport, kein Luschensport, aber das Gerede darüber,
daß er ein wirklich harter Hund war, weil er mit gebrochenem
Kiefer weitergeboxt hat, war degoutant. Den Kampf hätte man
abbrechen müssen. Kann sich irgendjemand vorstellen, was Frau oder
Freundin da empfunden haben werden? Holy fucking Christ! Das ist nur
Sport und nicht der verdammte Burenkrieg!
++++++
Kommissar Ernst ist von dem Leistenbruch, den er sich bei dem Kampf mit
dem russischen Feinkostwarenhändler zugezogen hat, wieder
vollständig genesen. Der hatte ihn ja bekanntlich für einige
Monate aus dem Ring befördert. War eine sehr häßliche
Vorstellung. Neulich habe ich wieder etwas weitergeschrieben. Ebenfalls
beschäftige ich mich derzeit an der Herstellung eines Drehbuches,
daß sich mit dem Satanismus beschäftigt, und zwar explizit
mit dem RTL-Satanismus, den unmündige Gruftie-Guppies und
erwachsene Dummspacken abziehen. Der Gedanke ist mir und Cora neulich
gekommen, als wir einen unglaublich schlechten "Tatort" zum Thema
gekuckt haben, wo zwar beherzt über Crowley referiert wurde, aber
nur auf Kaugummi-Niveau. In meinem/unserem Drehbuch werden Gott und
Satan vorkommen, und die werden viel Spaß haben! Auch bastele ich
zur Zeit an einem Präsentationstext für Zeitschriften, der
irgendwann auch hier zu lesen sein wird. Thema werden die
unsäglichen Kabelfernseh-Abominationen sein, wie die
Homeshopping-Puppenstube oder das Esoterik-TV à la
"Jenseitskontakte mit Gitti". Unser Bassist hat mir neulich von
gerappten 0190-Sexkontakt-Werbungen auf "Das Vierte" erzählt, die
ich auch unbedingt mal abpassen muß. "Mobile Pimp" oder so
heißt der Kram: "Von unsren geilen Polen/ mußt du dich echt
erholen!" Das ist vielversprechend. So, ich werde müde und gehe
nach Bett - Wohlsein!
P.S.: Meine Band "Viva Al Brasi" wird in einigen Tagen eine erste
Single aufnehmen, und zwar im Studio einer befreundeten Band. Um das
Ereignis gebührend zu feiern, habe ich vor einigen Tagen eine myspace-Domain
eröffnet, auf der auch in Zukunft unser Treiben festgehalten sein
wird. Einige hübsche Plakatentwürfe vom Mettre sind da auch
schon hochgeladen. Im übrigen gilt die Probeschnipselseite
mit völlig rohen und unverdubbten Klunkern, die ich schon mal
verlinkt habe.
050906
Oh Gott, was ist nur passiert? Mein August ist verschwunden...
Tatsächlich bin ich im Spieleparadies versackt und habe einen
Monat lang durchgezockt! Tag und Nacht glommen die Pixel, und Schlaf
gewährte mir nur die selige Ohnmacht vor dem matten Flackern
meines Monitors. Man kann ja nur einige Tage am Stück wach
bleiben, ohne daß dies zu ernsthaften gesundheitlichen
Engpässen führen würde. Polarforscher wissen dies aus
dem Effeff, da man durch das doofe Eis endlos durchlatschen muß,
da man sonst einfriert und nie wieder auftaut. Wenn man nicht
aufpaßt, wird man zudem von dem garstigen Zapfenpinguin
angezapft, der drei Meter groß werden kann und Fangzähne hat
wie Drahtseile. Allerdings kommt der nur in der Beringsee vor, wo es
wenig Eis gibt, weshalb die Pinguine auch von notorischem Grimm
vergiftet sind. Bei mir im Wohnzimmer ist ihr Auftreten hingegen eher
selten, aber ich hätte keinen fremden Gast bemerkt, denn ich
kämpfte mich durch GRAND
THEFT AUTO: VIZESTADT hindurch, das mit Ray Liotta, Dennis
Hopper, Burt Reynolds und einigen anderen eine sehr flotte Besetzung
hat. Erstmalig fiel mir auf, daß ich die geschnittene deutsche
Version der amerikanischen tatsächlich vorziehe, da das
Turbogekachel durch blutige Beigaben für meinen Geschmack
entschieden an Charme verliert. Asozial genug ist es allemal, und die
Vielfalt der Missionen ist wirklich sa-gen-haft. Danach levitierte ich
mich durch die Absurditäten von SERIOUS SAM 2 und hatte
einen Riesenspaß. Besonders lieb fand ich die blauhäutigen
Eingeborenen ganz zu Anfang. Solche Ballerspielchen stehen und fallen
ja nicht zuletzt mit dem Design ihrer Protagonisten, und die Aliens
waren eigentlich alle allerliebst. Zeit floß dahin und kam nie
mehr zurück. Ich bekam während meiner Zockerei mehrere
lukrative Jobangebote, aber was soll ich machen, wenn gerade die Maus
glüht vor aufrichtiger Spielandacht? Ich danke meiner Freundin
für ihr Verständnis und für die vielen Stullen und
Tetra-Packs, ohne die mein Organismus sicherlich schlappgemacht
hätte. Des Menschen Zeit ist endlich, aber der Ruhm virtueller
Fahnentreue währt ewiglich! Das Bild oben stammt übrigens aus
dem liebenswerten Adventure MONKEY
ISLAND, dessen Held Guybrush Threepwood ("I´m shaking,
I´m shaking...") hier gerade gegen tödliche Piranhapudel
antreten muß...
+++
Aus diesem Grunde war ich auch nicht in der Lage, dem "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega"
beizuwohnen, der sich (wie ich) im August der Zerstörung der Erde
gewidmet hatte. Bei der nächsten Veranstaltung werde ich aber
wieder dabeisein, wenn in der "Fiesta Mexicana" mittelamerikanische
Geister und Revolutionäre aufeinandertreffen und tanzen bis nach
Yucatan!
++++
Irgendwann zwischendurch hatte ich mal Geburtstag und wurde 38. Ich
bekam auch verschiedene Geschenke vor die Tür gelegt, wofür
ich mich recht herzlich bedanken möchte, aber Serious Sam hatte
gerade ein Extraleben bekommen und mußte die Galaxie retten. Es
ist wirklich grauenerregend, was Computerspiele mit dem Leben von
Menschen anstellen. Wenn man es sich recht bedenkt, kann ich in meinem
Leben wahlweise ca. 100.000 Filme schauen (wenn ich nicht rauche) oder
mindestens ebensoviele Kinder zeugen. Ich könnte meine eigene
Partei zeugen, die mich in Luxemburg zum Ministerpräsidenten
machen würde! Allerdings erst mit 60 Jahren, und zu diesem
Zeitpunkt möchte ich bereits berühmt und reich sein, und dann
wäre der Ministerpräsidentenstuhl von Luxemburg doch ein
ziemlicher Abstieg. Zwar könnte ich den wackeren Zwergstaatlern
Brot und Würde geben, doch was juckt mich die Not von
Zwergstaatlern, wenn ich stattdessen in einer sausigen und brausigen
Luxusvilla an der Riviera leben kann?
+++++
Fußball habe ich
in der Zwischenzeit kaum gesehen, da ich Premiere nur über
Satellit empfange und ich somit zu meinem Leidwesen nicht mit dem
Lebensnotwendigen versorgt werde. Das Servicetelefon von Premiere
wimmelt im Moment scheinbar alle Anfrager per Computeransage ab, und
meine Mail wurde auch noch nicht beantwortet. Ich habe aber
festgestellt, daß es auch ohne Fußball geht. Trainer werden
gefeuert, Spieler brechen sich die Beine, Moderatoren schrauben sich
eitel vor das Mikro - das ficht mich nicht an, ich nehme mit gelassener
Seelenruhe die Ergebnisse entgegen und schleckere ein
Käsebrötchen. Außerdem wäre es mir auch gar nicht
möglich, ein Fußballspiel zu sehen, denn ich spiele ja
gerade COLD FEAR, in dem man auf einem Schiff auf irgendwelche Zombies
ballern muß. Wahnsinnsgrafik, null Sinn - wie es sein muß!
Übrigens bin ich auch für einige Wochen aus dem Internet
geflogen, da ein Stromausfall meinem Modem ein schmähliches Ende
bereitet hat. Ich habe mich von Anbieter T-Com zu einem sogenannten
Router überreden lassen, der alles sehr viel unkomplizierter
machen soll. Das ist aber graue Theorie, denn tatsächlich
läuft jetzt alles schlechter: Man muß sich immer
mühselig über den Explorer in den Router einwählen, was
hundert Jahre dauert, und andere Programme arbeiten bei Betriebnahme
des Mistdings eindeutig langsamer. Theoretisch kann man sich die
Einwahlroutine auch per "Spezialprogramm" auf den Desktop packen
lassen, aber die Downloads auf der Seite der Firma waren vor kurzem
noch außer Betrieb. Bei meinem alten Modem: schnack, an. Fertig.
Jetzt bin ich schon glücklich, wenn der Kasten überhaupt
anspringt. Das Vertrauensverhältnis Internet - Konsument hat
gelitten. Das Verhältnis Konsument - Keßler wird
nächste Woche erneut auf die Probe gestellt, denn da kommt die
neue "Splatting Image" heraus, in der der zweite Teil meines
Kannibalenartikels enthalten sein wird. Außerdem habe ich die
gesammelten Werke von Christoph Schlingensief unter die Lupe genommen,
die ja gerade auf DVD erschienen sind. Auch erscheint in den
nächsten Tagen die DVD zu dem Giallo MORTE SOSPETTA DA UNA
MINORENNE von Sergio Martino, zu dem ich und Robert Zion einen
Audiokommentar eingespielt haben, der nicht nur das Genre, sondern auch
den politischen Zustand Italiens näher beleuchten wird.
++++++
Eine Hiobsbotschaft: Die Sons
Of Tarantula haben sich aufgelöst! Auf ihrer Myspace-Homepage
geben sie dazu ein sehr lapidares Statement, was aber nicht
darüber hinwegtäuscht, daß sie auf ihrem letzten
Tonträger "Kamikaze
Rock´n´Roll" noch einmal richtig den Teppich
aufrollen. Die Pflicht zur Prachterzeugung zwang sie zu dem
unangefochtenen Hit des kurzen Silberlings, "Knochenbrecher", der in
ebenso schleppender wie intensiver Manier den Alltag eines besonders
robusten Ringkämpfers illustriert. "Bin Laden der Urologie"
verknüpft den bekanntermaßen asymmetrischen Krieg gegen den
Terror mit dem Unterleib - der Kasper gibt Vollgas! Und "Oder doch?"
ist eine sehr feine Coverversion von Trio (meine ich). Unterm Strich
eine Veröffentlichung von fünf Songs, die betroffen machen.
Und nachdenklich. Und betrunken. Ich habe glücklicherweise nichts
davon mitbekommen, weil ich ja die ganze Zeit über
computergespielt habe, aber beim Sittenstrolch neulich war´s sehr
angenehm, da er und seine Sittenstrolchette nicht nur kompetente
Gastgeber sind, sondern auch tolle Menschen. Am Schluß wurden wir
fachgerecht gefistet und geschächtet, aber das ist man ja gewohnt.
Alles in allem - ein gelungener Abend! Ich hoffe, daß die Sons es
sich noch irgendwie anders überlegen, denn Deutschland braucht
Gammelfleisch, und DEUTSCHLAND
BRAUCHT DIE SONS!!!
+++++++
Übernächste Woche werden meine Freundin und ich zum ersten
Mal nach Amsterdam fahren, wo wir selbstverständlich kein
Rauschgift konsumieren werden. Stattdessen schwebt uns
Straßenraub vor, Laden- und Taschendiebstahl und hemmungsloser
Käsemißbrauch. Eigentlich wollen wir nur Bruno Matteis SNUFF
TRAP nachvollziehen, dessen Exzesse uns für die Schauwerte unseres
sympathischen Nachbarlandes geöffnet haben. Wenn wir das
Van-Gogh-Museum besuchen, schneiden wir einem Wärter das Ohr ab.
Auf die Häuser mit den schönen großen Fenstern freuen
wir uns schon riesig. Am Schluß kapern wir das Piratenschiff am
Hauptbahnhof und segeln weg!
P.S.: Hier noch ein kleiner Text zu einem Buch
vom Multitalent Heinz Strunk, das mich sehr entzückt hat.
290706

Mickey Spillane (1918 - 2006)
RIP
Ins Bild eingelinkt ist ein Text
über den Mann.
280706
Oh nein.
Tut mir sehr leid. Eine Frau, die immer unter Wert geschlagen wurde.
Eine Frau, die mehr aus ihrem Leben machen wollte, als letztlich wurde.
Berühmt geworden durch die Klimbim-Familie, beste Rolle in
Fassbinders DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS. Ein gutes, ein trauriges
Beispiel für die Vereinnahmung einer Schauspielerin durch das
Medium, das sie berühmt gemacht hat. Die Frau konnte wesentlich
mehr, als sie zeigen durfte. Der Klamauk ist lange Geschichte. Sie hat
sich häufig bemüht, aus der Rolle auszubrechen. Jetzt ist sie
tot, und das tut mir tatsächlich sehr weh. Elisabeth Volkmann.

R.I.P.
280706

Hier lecke ich Schlick. Es handelt sich mitnichten um das neue
Speiseeis von Schöller, das ein grimmer Gott "Choc Chlique"
geheißen hat, sondern tatsächlich nur um handelsübliche
Gülle von unten, die ein flinker Griff unter die Oberfläche
zutagegefördert hat. Ich habe mich nämlich in Cuxhaven
herumgetrieben, wo eine Menge Watt herumliegt. Das ist so Sand mit
Schlick drunter. Menschen flanieren darüber und sinnieren
über den Sinn des Seins. Oder über den Sinn des Watts, was
häufig auf dasselbe hinausläuft. Wenn man etwas hektisch
veranlagt ist, sollte man sich etwas zu lesen mitnehmen, am besten die
Broschüre: "Wie entschuldige ich mich möglichst
überzeugend bei Mitmenschen, denen ich in die Seite gelaufen bin,
weil ich gerade gelesen habe?" Das Watt ist beruhigend und
tröstend, aber es lenkt trotzdem nicht ab von den existentiellen
Sorgen, z.B. der Frage, wie man sich vor der Sonne schützt. Der
19. Juli dieses Jahres (der nur zufällig mit dem Geburtstag meiner
Mama zusammenfällt) war der heißeste Tag bislang, und sowohl
mein Vater wie meine Mutter gemahnten mich zur Sorgfalt und
hießen mich schmieriges und stinkendes Öl auftragen. Auch
mit 37 Jahren ist man nicht gefeit gegen Anwandlungen des
postpubertären Rebellentums, und so trotzte ich mutig der
elterlichen Schlaumeierei und ließ meine Pfirsichhaut
unberührt wie den Hymen der Heiligen Jungfrau. Das war ein Fehler.
Cuxhaven ist eine hübsche, wenngleich etwas langweilige Stadt, der
aber der Glanz intensiver Nordigkeit innewohnt - ein Glanz, den ich
erst seit meiner Landflucht Richtung Ruhrpott richtig zu schätzen
weiß. Nur wenige Ampèrestunden vom glorreichen Bremen
entfernt lauert das Watt und wartet auf die Belatschungswilligen, die
barfuß das eintönige Halbnaß durchmessen. Für
frisch Verliebte (oder Fischverliebte) ist das Watt der Himmel auf
Erden, denn nichts trübt die stumme Kontemplation und die
Zweisamkeit mit dem Liebsten. Der Wind fächelt eher mau und gibt
eine Ahnung von der Ewigkeit. Die Stapfen, die man
hinterläßt, besudeln die Füße, sind aber
unwesentlich, wenn man die Zeitenläufte in Betracht zieht. Die
Tide schwappt, die Flut marodet, und schon sind die Eindrücke, die
man gesät hat, Geschichte. Das Watt hat etwas unleugbar
Trostvolles. Exkremente von Wattwürmern und Algenflatschen sind
die einzigen Weggefährten, die man zu gewärtigen hat. Am
Schluß wartet immer der Tod, und der wurde in diesem Falle
repräsentiert von einer Horde Nudisten, die den einzigen
Wasserflecken einnahmen, den die trübe Wildnis bot. Meine laut
hervorgestoßene und wahrscheinlich für die umstehenden
Nudisten kaum überhörbare Abneigung - "Nein, ich lege mich
nicht bei diesen faltigen Pimmeln hin!" - überraschte mich selbst.
Ich habe schließlich ein Buch über Pornofilme geschrieben,
bin mit den mannigfaltigen Verwendungsmöglichkeiten von
Geschlechtsteilen durchaus vertraut und nicht wirklich prüde, aber
diese Zurschaustellung von Nacktheit ging mir sehr gegen den Strich.
Ich legte mich auf den Bauch und fixierte den Sand, bis meine
Anverwandten fertiggebadet hatten. Warum das so war, kann ich nur
mutmaßen. Der menschliche Körper ist ein treffliches
Konzept, und auch wenn das Alter seine Furchen zieht, wohnt da noch
viel Schönes. Doch hier war das eher eine Frage des Prinzips. Ich
mag es nicht, wenn mir etwas aufgezwungen wird. Da bin ich ganz eigen.
Auch bin ich kein überaus soziabler Mensch und kucke eher, als
daß ich Konversation treibe. Ich kucke und versuche zu verstehen.
Hier hätte ich aber nur faltige Gesäße,
Schildkrötenhälse und Teigiges kinnunterhalb erhaschen und
mir dafür einen Blick einhandeln können, als wäre ich
der Spannemax unter den Spannemaxen. Ich will aber nicht, daß
fremde Leute ihre schlaffen Dödel unter meiner Nase
spazierenführen, als wäre dies der Gipfel der
Unverkrampftheit. Ich finde auch Sauna doof. In der Sauna sitzt man
herum und freut sich an der Nacktheit. Vielleicht bin ich ein Ferkel,
aber ich glaube kaum, daß geschlechtlich höchst
unterschiedliche Menschen einander nicht auf die Brüste bzw. den
Schniepel schauen. Ich bräuchte nur eine halbwegs attraktive Frau
beim Schwenken ihrer Spezialausstattung zu erhaschen und hätte
schon das Problem, allzu Offensichtliches zu verbergen. Ich finde es
nicht natürlich, Nacktes zu sehen und dabei den streng
akademischen Blick eines Frauenarztes anzuwenden. Auch will ich nicht
das Sexualpotential meiner männlichen Artgenossen präsentiert
bekommen, wenn mir so ganz und gar nicht der Sinn danach steht. Das
sieht auch eher lustig aus, wenn man nicht geil ist, let´s face
it! Auf jeden Fall rieb ich mein Becken im Wattsand, fühlte mich
wie Ingmar Bergman an einem seiner schlechten Tage und wunderte mich ob
meiner intensiven Abneigung gegen die total unverkrampften
Freikörperkulturler mit den bedenkenswert häßlichen
Körpern. Danach ging´s zurück nach Cuxhaven, wo ein
sehr umfangreiches Mahl unserer harrte.
++++
Das Pornobuch kommt vielleicht demnächst raus, und zwar in sehr
erfreulicher Gesellschaft. Da gebranntes Kind den Ofen scheut,
möchte ich aber noch nichts Genaueres nicht vermelden. Mein
nächster Artikel für die SI wird erneut in die
Kannibalenkerbe schlagen und Filme umfassen wie den hervorragenden
RAVENOUS oder den obskuren CANNIBAL GIRLS. Das wird wieder ein
ziemliches Mischmasch. Vom Audiokommentar gibt es noch keine News,
außer daß Niki und Konsorten bereits heftig am Werkeln
sind, um auch wirklich das Optimum aus der Veröffentlichung
herauszustanzen. Robert und ich haben da eine ganze Menge über
Berlusconi abgelästert. Mittlerweile sind mit der
rätselhaften Befreiung des AC Milan vom italienischen
Korruptionsskandal neue Untermauerungsfragmente eingetroffen. Die
Idioten wissen wirklich nicht, was sie da tun. Deppen.
++++
Draußen grummelt es gerade, aber es grummelt nur sehr halbherzig.
Der sogenannte Jahrhundertsommer hat mir schon einige
Kreislaufbeschwerden verursacht. Vor 10 Jahren hätte ich
darüber nur gelacht. Heute sieht das etwas anders aus und
läßt mich fast umkippen. Andauernd muß ich mir mit der
Klaue über das Gesicht fahren, um den Schweiß abzuwischen.
Meine Süße hat mir neulich den Segen von
Fußbädern beigebogen. Also: Wenn´s Euch nervt,
daß die Luft stickig ist und in Herz wie Hirn Engpässe
entstehen, dann füllt Euch genügend eiskaltes Wasser in einen
großen Behälter und packt Eure Mocken da rein - rockt ohne
Ende! Wir haben uns neulich den BLACKBEARD-Zweiteiler angeschaut, und
das Angenehmste daran war das wechselseitige Eintunken der
Füße in kalte Flüssigkeit.
++++
Lustig ist, daß man irgendwann das Alter mitbekommt. Man denkt
vorher immer, das manifestiere sich an den Offensichtlichkeiten, wie
Falten im Gesicht, ausgehenden Haaren oder der zunehmenden Unlust,
Treppen in olympischer Grazie zu nehmen. Das ist gar nicht mal so sehr
die Sache. Man wird einfach alt. Man wird unzuverlässiger,
unfokussierter, viele Dinge sind einem auf einmal egal, die
vorangegangenen Melodramen haben einem den Sinn für die
weltbewegenden Qualitäten von kleineren Katastrophen geraubt. Auch
größere Katastrophen sind auf einmal hinnehmbar. Man ist
sich bewußt, daß man irgendwann einmal die Laterne
weitergeben muß, und all der langweilige und nichtssagende
Schotter, den man mitbekommen hat, ist auf einmal Schlick. Auch die
vermeintlich größeren Einschnitte im Innenleben bekommen
plötzlich etwas Unvermeidliches und gräßlich
Alltägliches. Ist ein sehr eigenwilliger Effekt, den man wohl mal
miterleben muß. Ich zweifele nicht daran, daß es auf einmal
wieder das strahlende Licht über der Kuppe des Berges gibt und das
Hervorlugen des Ideals, aber das Wissen über die Tatsache,
daß der Mensch mehr ist als Blut, Fleisch und Knochen, kommt
manchmal sehr unvermittelbar und hinterhältig. Das geht manchmal
richtig ins Gebein und klackert, wenn man einzuschlafen versucht. Es
ist sehr verwirrend. Es macht Angst. Es ist aber auch schön, weil
es bedeutet, daß dieser ganze Unfug Sinn ergibt. Er
läßt sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen, dieser
Sinn, und wenn doch, so habe ich bislang nur einen matten Abglanz davon
zu sehen gekriegt, aber ich möchte schon noch einige Jahre leben,
um mir darüber klarer zu werden, wo Bartel den Most holt. Die
Äpfel habe ich schon gesehen, und die fröhlichen Saftpresser
sind mir sehr gut vertraut. Ich kenne auch die lästigen
Stechmücken und sonstigen Krabbelviecher, die immer herumkrauchen
um die Presse, damit den Presser der Glauben um den Sinn seines Tuns
verläßt. Die wollen, daß der Most sauer und untrinkbar
wird. Das ist ihre Natur. Man muß diese Insekten abfeuern oder
sie ignorieren, denn sie sind unwesentlich und hemmen einen, aus der
gegebenen Lebenszeit das zu machen, was man daraus machen kann. Das
umschließt nicht immer nur Edles, sondern auch das Unkraut am
Wegesrand. Es umschließt den ganzen Weg mit dem Unkraut, dem Sand
und dem Schönen, das man aus dem Zurücklegen des Weges
gewinnen kann. Auch auf die Gefahr, wie ein esoterischer Depp der "Mein
Freund, der Baum"-Fraktion zu klingen, bleibt mir nur die recht
offensichtliche Einsicht, daß das Ziel am Schluß liegt. Und
da der Weg zum Ziel eine weitaus größere Wegesstrecke
umfaßt, mutmaße ich mal forsch, daß dem Weg auch eine
gewisse Bedeutung zukommt.
++++
Ich werde in etwa einer Woche 38 Jahre alt. Das ist mehr als manches
Schwein, wie mein Vater sagen würde. Es gibt manche
Persönlichkeiten in der Weltgeschichte, die niemals so alt
geworden sind. Jesus mal gar nicht, denn der war nur Handwerker.
Boxenluder leben ewig, und ihre Nutzbarkeit ist auch durchaus
überschaubar. Ich habe neulich den Analtrakt eines
geschätzten Freundes von mir öffentlich gesehen und
respektiere ihn trotzdem ohne Ende. Ich spüre mein eigenes
Verzagen vor der medial herbeigeheischten Ehrfurcht, die so manchem
Würdenträger zukommen sollte, und je mehr gejubelt wird, umso
mehr gerät mein Kopf ins Wanken. Ich sehe Dummheit überall,
und sie lähmt, nervt und behindert mich. Wann immer ich die Glotze
anschalte und nicht ein simpler Tierfilm aus ihr hervordringt, kucke
ich ins Antlitz des völligen Kompromisses und wundere mich
darüber, daß die Menschheit überhaupt so weit hat
kommen können. Vielleicht fahre ich nach Amsterdam und kucke
endlich einmal die Grachten. Vielleicht auch nicht. Meine Frau ist mir
das Wichtigste. Sie ist keine Heilige, aber sie ist grundmenschlich.
Sie ist schön bis ins Mark. Sie ist mir die Sonne, der Mond und
die Sterne.
Zum Abschluß noch ein Medusenhaupt im Küstensand:

Gibt einem zu denken, nicht? Schönheit und Tod, Eros und Thanatos,
Dick und Doof - die alten Nativen liegen immer dicht beieinander.