LEISE RIESELT DER KALK (DEZEMBER 2005)
und der Anfang vonne 2006!

Eierpunch

NEWSTICKERARCHIV

160106

Leider etwas sehr Trauriges: Ein Nachruf auf meinen lieben Freund Sam Stetson.

080106

Ja, die erste Woche war ziemlich griesig und verkarstet! Ist aber okay - nach 37 Jahren gewöhnt man sich an den allgegenwärtigen Schmonzes. Wenn einen Kinder ergrimmen, dann nähert sich das Herz dem Gefrierpunkt. Mag mancher denken. Es ist aber nicht so: Kinder sind nicht immer liebenswerte Knuddel, sondern manchmal nicht wesentlich mehr wert als die Tauben auf dem Dach. Sie weißen nichts ein und gurren nicht, wissen aber mit den Rudimenten menschlicher Intelligenz, die ihnen gegeben ist, weit mehr Schaden anzurichten. Als ich neulich vom Supermarkt heimwärts bog, um meinen typischen Klumpen an harten Spirituosen und Tütensuppen nach Hause zu schleppen, warteten sie an der Ampel, gekleidet als Sternensinger. Das Christentum ist in seiner ursprünglichen Form ja mal nett gedacht gewesen und war wohl das, was die blöden Hippies immer gewollt haben. Diese Sternsinger verkörperten aber den Geist des modernen, des medial gestählten Christentums, das den eigenen Vorteil in Gestalt von Onkel Gott verkörpert. Sie jabberten, schallten über den Asphalt, und als die Ampel grün zeigte, warf mir eine von den verdammten Rotzblagen ein "Na, du Scheißer!" zu. Ich kuckte, schleppend, unwirsch, und griff mir ostentativ dreimal an den Arsch, um der Nachhut von Morgen zu zeigen, was sie mich kann. Die Blagen lachten schallend, was ich immerhin ganz sympathisch finde. Auf der anderen Straßenseite zeterte mich aber eine ältere Dame an, wie ich denn den Kindern solch eine Geste zeigen konnte. Eine Unverschämtheit sei das ja. Ich erläuterte ihr den Vorfall, aber sie zeigte sich verstockt ob meiner moralischen Verkommenheit. Wenn ich also demnächst meinen Ticker nicht erneuere, sitze ich vermutlich wegen sexueller Belästigung Minderjähriger im Knast!

P.S.: Hier! Das ist mal eine exzellente Webpage für eine Rockband!

P.P.S.: Hier hat ein junger Mann, der im Büro arbeitet, seiner Vorliebe für Todesmetall so richtig freien Lauf gelassen. Ich finde das anbetungswürdig. Suffocation wollen das abgeblich auch auf ihre nächste DVD packen, was ich richtig gut finde. Irrsinn.

P.P.P.S.: Hier wird eine Bikinischönheit durch die Luft gewirbelt. Ebenfalls Irrsinn.

010106

So, gerade ins Neujahr geschliddert! Meine Süße ist leider gerade arbeiten und sorgt für den reibungslosen Getränkenachschub bei Scharen silvesterselig betüterter Tanzseliger, was ja eine zutiefst humanitäre Aktivität ist. Wir feiern halt morgen nach. Um Mitternacht habe ich ganz fest an sie gedacht. Den Abend habe ich bei meinen beiden Nachbarn oben zugebracht und dort unter Zuhilfenahme hochgeistiger Getränke einen Zustand erreicht, der es mir ermöglicht, dem vom Fernsehen dargebotenen Taumel musikalischer Nichtigkeiten mit lockerer Gemütsverfassung zu begegnen. Nach nunmehr 37 Jahren plus kratzt mich der Jahreswechsel nicht mehr wirklich, und ganz bestimmt habe ich nicht das Bedürfnis, mich in den Reigen knallkörperschmeißender Hobby-Pyrotechniker zu begeben, die dann beim Glockenschlag jeden umarmen, egal, ob es sich nun um einen unerkannten Albert Schweitzer oder einen unerkannten John Wayne Gacy handelt... Wir haben um zwölf brav am Fenster gestanden und Raketen gekuckt. Ich fand das ganz würdevoll und begeisterte meine Neujahrspartner mit dem tollen Angeberwort "Hautgout". Ich möchte sogar noch "nonchalant" hinzufügen, denn wir standen vor dem Fenster, Sektgläser in der Hand, und betrachteten stumm und andächtig den Farbenreigen in der Ferne. Diese Neujahrsbewältigung empfand ich als nobel und elegant, aber ich möchte auch niemanden verteufeln, welcher knallend und trunken marodierend dem Jahr 2006 entgegenblickte. Vor dem Jahreswechsel haben wir Tobe Hoopers tollen Kackfilm MORTUARY gesehen, der uns schwer beeindruckte, wenngleich sicherlich nicht auf die vom Regisseur intendierte Weise. Zum Jahreswechsel hörten wir dann Die Ärzte und kuckten ihre Videos, was insgesamt eine der besten aller möglichen Arten sein muß, den Wechsel zu begehen. Danach legten wir noch den wunderbaren Vincent-Price-Film RUHE SANFT GMBH ein, der für Silvester wie geschaffen ist und hoffentlich Vorbote eines besseren neuen Jahres sein wird. Ich wünsche mir das, und morgen werde ich mich meinem Herzblatt hinzugesellen, um mit Schmackes am Gelingen des neuen Jahres zu feilen. Ich hoffe da auf tolle Dinge. Und genauso wünsche ich Euch allen, daß es Angenehmes hageln möge in Hülle & Fülle - alles Gute für 2006! Jetzt bin ich erst einmal zu betrunken und befasse mich mit Autoklau in New York, in Gestalt des Spieles "Mafia". Da hat mich beim letzten Mal nämlich ein Ordnungshüter verhaftet, aber das Auge des Gesetzes zwinkert auch manchmal, und darauf hoffe ich. Wohlsein!

231205

Kermit

* Kermit der Frosch wünscht Euch allen ein ebenso streßfreies wie gesegnetes Fest! *

131205

Arnie

Tookie

(Im ersten Bild ist ein Amnesty-International-Text verlinkt, im zweiten ein Spiegel-Text.)

081205

Ich bin heute durch das Internet gegoogelt und mußte leider feststellen, daß meinem langendem Drängen nach Unsterblichkeit noch in keiner Weise Tribut gezollt worden ist. Man stößt da immer auf tümmichte Kommerzseiten, wo meine Bücher angeblich mal erhältlich gewesen sein sollen, mittlerweile aber nicht mehr. Ich stehe dem Gedanken an Vergötzung durchaus fern, aber solcherlei Tand ist mein Tand nicht. Wenn man schon der Nachwelt erhalten bleiben will, dann doch zumindest als pittoresker Totem oder als ideologische Gesundheitskeule moderner Geisteshaltung. Als solche werde ich aber immer noch nicht gepriesen, und das finde ich lamentabel. Als ich heute bei der "Nordsee"-Filiale meinen qualvoll schebbigen Backfisch erstand, erwog ich kurz Selbstmord. Dann biß ich in den Backfisch und folgerte pfiffig, daß Selbstmord eigentlich noch viel zu gut ist für diese Welt. Man erwäge zum Beispiel die Amerikanerin Condoleeza "Uncle Ben´s" Rice, die vor kurzem ihre verkarsteten Gesichtszüge durch die Republik getragen hat. Neben ihr schaut ja selbst Frau Merkel noch auch wie ein Bollwerk der Zumutbarkeit. Angeblich gibt es da jetzt irgendwelche Zweifel an der moralischen Integrität der US-Geheimdienste (ein deutscher Bürger soll verschleppt und gefoltert worden sein), aber ich bin mir sicher, daß sich dafür schon eine für alle Seiten akzeptable Lösung finden wird. Komisch - ich hätte der Frau Rice einen Tritt in den Arsch und eine Klobürste als Gastgeschenk gegeben. Auf die Reaktion aus Washington wäre ich gespannt gewesen. Es sind aber auch so viele Dinge wichtiger als dieser Besuch. Zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft. Ich habe mich gerade neulich mit meinem direkten Nachbarn darüber gestritten, ob diese WM auf deutschem Boden unbedingt nötig ist. Der Nachbar meinte: Jau, klar, es ist erfreulich, daß wir die WM beherbergen. Ich erinnerte mich nur kurz an das letzte Champion´s-League-Spiel der Schalker und an die bunten Horden, die da durch die Stadt krakeelten. Eigentlich - so dachte ich - ist meine Heimatstadt Bremen fein raus. Die müssen nächsten Sommer dem Ansturm der goldenen Horde nicht trotzen. Das ist nämlich keine Ehre, die da lauert, liebe Freunde und Nachbarn, sondern vollgeschiffte Rabatten, betrunkene Penner in Fankluft und jede Menge Anlaß für die obwaltenden Ordnungskräfte, mal so richtig schön durchzugreifen. Ich wette, wenn ich da nur mit der gepuderten Waffel wedele, habe ich sofort einen Polizeiknüppel im After. Die Autobahnen werden mit unvergleichlichem Elan (=habe noch nie einen Arbeiter gesehen) seit etwa zwei Jahren gerichtet, was unzählige Tempolimits und Blitzen zur Folge hat. Ich sage es mal ganz klar und deutlich: Ich scheiße und ich pisse auf die WM in Deutschland! Ich würde mir den ganzen Klabafter am liebsten einfach nur im Fernsehen anschauen und mit ausgesuchten Freunden gemeinschaftlich johlen und lästern. Stattdessen wird mir voraussichtlich nächsten Sommer von einem Holländer eine Bratwurst ins Genick gesteckt, ein entmenschter Uru haut mir seine Schalke-Memorabilia um die Ohren, und Ronaldo höchstselbst wird mich mit einem Reibekuchen verdreschen. Das kann doch nicht der Wunsch eines guten Christenmenschen sein!

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Fußballtechnisch ging es dieser Tage ja schwer her. Am Wochenende kam es zu wilden Szenen in Hamburch, wo ein offensichtlich volltrunkener Kölner einem Hamburger Spieler einen Trommelschlegel ins Gesicht warf. Das gab dann viel Blut und ein großes Oho, und die Medien beschworen wieder das Bild der grausamen Bundesliga herauf - als ob solche Dinge nicht anderswo auch passieren würden. Nu ja, der FC Köln benahm sich vorbildlich und schleimte die Nordlichtgazetten mit Entschuldigungen zu. Der Übeltäter stellte sich auch reumütig der Polizei und sieht wegen seines Ausfalls vermutlich einer lebenslangen Stadionsperre entgegen. Arme Sau. Viel derber fand ich das Foul von Alpay, der mit vier Spielen Sperre noch gut bedient ist, wie ich finde. Schalke flog am Dienstag aus der Champignonliga heraus, was sehr schade war, da sie wirklich sehr gut spielten gegen den Berlusconi-Club. Wir haben oben vor dem Fernseher gezittert und uns gewunden. Bremen hatte am Folgetag wesentlich mehr Glück und wurde für eine famose Leistung gegen allerdings unzulängliche Griechen mit einem Sieg der Katalanen über Udine belohnt, der sie unerwarteterweise weiterkatapultierte im Ringen um den Thron. Das Glanzlicht der Wochenmitte wurde fußballtechnisch natürlich von einem Trainer besorgt:

Kasperkram

Norbert Meier (der erste Mensch, den ich jemals in meinem Leben interviewt habe!) versetzte einem Kölner Spieler einen Kopfstoß und vollführte dann vor perfekt positionierten TV-Kameras einen sterbenden Schwan, der "Väter der Klamotte" zur Ehre gereicht hätte. Das Foul fand ich nicht so derb, aber daß der Duisburger Trainer sich dann allen Ernstes als Opfer darstellte, erinnerte mich schon an Daum und die Haarprobe. Meier wurde abgemeiert, und auch wenn ich dies etwas schade fand - ist eigentlich ein Sympath -, konnte er sich nicht wirklich darüber beschweren. Das war nicht klug, oh nein, das war wirklich nicht klug.

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Ich muß jetzt an meinem neuen SI-Artikel feilen, welcher heißen wird: "Die Schande stirbt als Letztes". Der Titel ist Programm. Als nächstes setzt es DIE VIER SCHÄDEL DES JONATHAN DRAKE...

061205

Leider muß der Dezember mit einer traurigen Nachricht beginnen: Der Schöngeist und Berufsniederrheiner Hanns Dieter Hüsch ist in der Nacht auf den Nikolaus im Alter von 80 Jahren verstorben. In Moers geboren, wuchs er in den kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, denen er auch große Teile seines späteren Schaffens gewidmet hat. Eine Gehbehinderung sorgte dafür, daß er schon in Kinderjahren einiges von den weniger erfreulichen Bestandteilen des Erdendaseins mitbekam. Obwohl ihm dieser Umstand ein normales Miteinander mit Gleichaltrigen verwehrte, entging er auf diese Weise wenigstens der Wehrmacht. Auf Wunsch der Familie studierte er nach dem Kriege Medizin, was ihm so gut gefiel, daß er es nach einem Semester abbrach. Stattdessen verlegte er sich auf Theaterwissenschaft, Literaturgeschichte und Philosophie. Das Studentenkabarett wies ihm aber den Weg und schickte ihn auf einen über 40 Jahre währenden Weg, der zahllose Kleinkunstbühnen einschloß. Die ausführliche Version seines Lebenslaufes findet man in der unverzichtbaren Wikipedia. Daß Hüsch ein Mann nach meinem Herzen war, ist gar nicht so selbstverständlich, da ich für gewöhnlich dem Kabarett völlig abhold bin. Neben ihm fallen mir höchstens zwei oder drei andere Kleinkünstler ein, die ich nicht komplett grausig finde. Vielleicht liegt es an den Umständen, unter denen ich ihn kennengelernt habe: Als fröhlich herumjuchzender und -johlender Erzähler vergoldete er zahlreiche Slapstick-Stummfilme, u.a. von meinen persönlichen Helden Laurel & Hardy. Er tat dies mit großem Enthusiasmus und vorbildlichem Mangel an Disziplin. Dabei brachte er sicherlich nicht nur mir bei, daß Sprache eine wunderschöne Sache ist. Neben der vor kurzem ebenfalls verstorbenen Donald-Duck-Übersetzerin Frau Dr. Erika Fuchs und dem früheren Kishon-Übersetzer Friedrich Torberg würde ich Hüsch als wichtigsten sprachlichen Einfluß nennen, den sicherlich nicht nur ich mit der Muttermilch eingeflößt bekommen habe. Seine späteren kabarettistischen Aktivitäten habe ich stets mit großer Sympathie und großem Vergnügen verfolgt. Er vermischte in ihnen launiges Geplänkel mit dem Publikum mit Geschichten von teilweise geradezu dadaistischer Irritationsfreudigkeit. Selbst in seinen berüchtigten Hagenbuch-Geschichten befleißigte er sich dabei einer Sprache, die in der Lage war, Philosophisches auf direkte und für jedermann verständliche Weise zu vermitteln. Gelegentlich wurde es bei ihm auch still und melancholisch - die Stellen, wo man merkte, daß das zwanghafte Gelächter, das weniger humorbegabte Menschen gerne ausstoßen, nicht immer angebracht ist. Wahrscheinlich hat aber auch das unpassende Gelächter seinen Platz, denn es unterstreicht die in seinem Werk vorherrschende versöhnliche Note, die grundlegende Fehlerhaftigkeit des Menschen und seine Unmöglichkeit, vollkommen zu sein, als gegeben hinzunehmen, ist man doch letztlich ein Teil davon. Das unterscheidet ihn - finde ich - grundlegend von vielen seiner Kollegen. Hüsch war kein Besserwisser, sondern ein Suchender. Er war "der Kabarettist, der über seine eigenen Witze lacht". Jetzt hat ihn die Schöpfungsvitrine, wie er das mal nannte. Ein guter Mann.

Hanns Dieter

R.I.P.

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