VIEL ZINNOBER IM OKTOBER
241003
So, jetzt ist schon wieder eine Woche vergangen - sieben (na ja, neun) Tage, die angefüllt waren mit geschäftigem Machen und Wirken! Da das meiste davon mit meinem Telefonsex-Service zu tun hat, kann ich hier leider nicht viel davon kundtun, aber mal schau´n, vielleicht war da doch was... Die Ruhrpott-Erstaufführung von OPERATION DANCE SENSATION in Bochum war ein rauschender Erfolg. Das "Endstation"-Kino war ausverkauft bis auf den letzten Platz, und auch auf dem Boden vor der Leinwand hatten sich so manche niedergelassen, um den Exzessen von Atlas und seinem Intimfeind Jackson beizuwohnen. Für mich war der Abend schon deshalb ein Erfolg, weil ich Gelegenheit hatte, die Akteure Catrin und Jan-Hendrik kennenzulernen, die vor Nettigkeit schier brummten. Thilo und Simon lieferten nach dem Film ein solides Interview, wenngleich ich es schade fand, daß keiner der beiden aus der Rolle fiel. (Ich hätte gerne peinliche Fotos geschossen, mit denen ich sie später hätte erpressen können...) Wer diesen Auftritt übrigens versäumt hat, hat nächsten Dienstag (28.10!) noch einmal Gelegenheit, denn da befinden sich die beiden Filmemacher im altbewährten "Cosmotopia" in Dortmund und geben Gummi. (Nähere Infos hier.) Ich selber bin ja leider noch nicht so berühmt, sondern muß mich noch immer am Hauptbahnhof durchschlagen... Auch kulturell bin ich in den letzten Tagen kaum zu was gekommen. Zwei neue Horrorfilme fallen mir da ein, von denen zumindest der eine recht empfehlenswert ist: DARKNESS FALLS (heißt auf deutsch DIE LEGENDE VON DARKNESS FALLS oder so). Dieser australisch-amerikanische Streifen basiert auf der wahren Geschichte, die sich hinter der Legende um die "Zahnfee" versteckt. In einem kleinen australischen Städtchen namens Port Fairy gab es nämlich im 19. Jahrhundert eine Einwohnerin namens Matilda Dixon, welche die Angewohnheit hatte, Kindern Münzen für ihre ausgefallenen Milchzähne zu geben. Bei einem Brand wurde das Gesicht dieser einsamen, aber grundanständigen Frau fürchterlich entstellt, so daß sie fortan nur noch mit einer Maske durch die Stadt ging. Den Brauch mit den Zähnen behielt sie bei. Der Argwohn, den viele der braven Bürger gegen diese Frau hegten, kam zum Ausbruch, als eines Tages zwei Kinder vermißt wurden. Man stempelte Matilda zum Sündenbock und lynchte sie kurzerhand, nicht ohne ihr vorher noch unter Gejohle die Maske vom Gesicht gerissen und ihre entstellte Fratze den Leuten vorgeführt zu haben. Die Kinder tauchten wenige Zeit später wohlbehalten wieder auf. Diese grausame Tat blieb lange ungesühnt, da die Honoratioren der Stadt versuchten, die Sache unter den Teppich zu kehren. Als aber Unglücksfälle die Stadt heimsuchten, lastete man diese dem Unrecht an, das einst an Matilda Dixon verübt worden war. Heute hat man ihr ein Denkmal gesetzt und erzählt von ihr mit Ehrfurcht. Kinder legen ihre ausgefallenen Zähne unter das Kopfkissen, und romantische Erziehungsberechtigte schleichen in die Schlafzimmer der Kleinen, um die Zähne mit Geldmünzen zu vertauschen... Regiedebütant Jonathan Liebesman hat daraus einen stimmungsvollen Grusler gebastelt, der meistenteils auf Blutrunst verzichtet, aber ausgesprochen spannend ist. Bei einigen Szenen habe ich sogar laut aufgeschrien, denn Liebesman ist Schockeffekten als solchen durchaus nicht abhold. Für meinen Geschmack zielt der Film dann etwas zu sehr in die JEEPERS CREEPERS-Ecke und läßt Matilda als grausigen Rachedämon wiederkehren, der blitzschnell zuschlägt und fledermausiges Geraschel im Handgepäck führt, aber er macht das wirklich sehr geschickt, und auch THE FOG machte ja bereits aus einer klassischen Geistergeschichte ein unterhaltsames Vehikel für Schockeffekte... Ich war auf jeden Fall angenehm überrascht von diesem spannenden Grusler! Der britische DEATHWATCH hingegen hat mich nicht wirklich vom Sockel gerissen. Es geht da um einige versprengte Soldaten, die in einem Schützengraben der Nazis Zuflucht suchen. Dort erleben sie einige unheimliche Dinge. Mehr und mehr setzen die unerklärlichen Ereignisse die Spannungen zwischen den einzelnen Charakteren frei, und Psychodrama mit Horrortouch entsteht. Der Film ist beileibe nicht schlecht und handwerklich kompetent gemacht, aber vielleicht waren mir die Figuren einfach nur etwas zu klischeeig - auf jeden Fall zündete das Kriegskammerspiel bei mir nicht so recht. Kein Vergleich zu 28 DAYS LATER in jedem Falle, den ich auch nicht so hundertprozentig gelungen finde, aber zumindest sehr effektiv. Ich sehe mal zu, daß ich in den nächsten Tagen auch etwas über Horror-Hörspiele schreibe, an denen ich mich zur Zeit verlustiere. Auch sind vielleicht einige Worte zu "Super-Meier" fällig... Am Schluß möchte ich noch eine Tonaufnahme anbieten, die mir ein Freund hat zukommen lassen, der bei einem Antiquitätenhändler arbeitet. Es handelt sich um eine Audiokassette aus dem Nachlaß eines Hamburger Fährenschiffers namens Fiete, der früher zur See gefahren war. Wie den handschriftlichen Aufzeichnungen, die das Band begleiteten, zu entnehmen ist, hatte Fiete einen Freund namens Kuddel, der gerne mal einen über den Durst trank. Eines Nachts, während draußen der Sturm toste, sprach Fiete mit seinem Freund Kuddel, als jener gerade vor der Küste mit seinem Kutter zugange war. In einer Windflaute gegen Mitternacht sang ihm der schwer depressive Kuddel über Funk ein Seemannslied vor, bei dem ihn Fiete pfeifend begleitete und den Kassettenrecorder spaßeshalber mitlaufen ließ. Kuddel sollte von dieser Fahrt niemals mehr zurückkommen - die Wellen verschlangen sein Gefährt und gaben den Leichnam nie mehr preis. Fast wie Seemannsgarn klingt der Umstand, daß Sachverständige herausfanden, das Kuddel zu diesem Zeitpunkt bereits mindestens eine Woche tot gewesen sein mußte... In jedem Fall handelt es sich bei dieser Aufnahme (die von schwacher Qualität und handfesten Störgeräuschen geschmälert wird) um ein ergreifendes Stück mündlicher Folklore, die uns viel von der Imaginationswelt der hanseatischen Schiffer verrät. Dieses wertvolle soziologische Dokument findet Ihr hier. Gute Nacht.
151003
Heute morgen erwachte ich in fremden Federn und hörte ferner Handwerker geschäftiges Tun. Da rieselte Pomp auf nichtigen Tand. Ich hatte in meinem Halbschlaf noch genug mit meinen Eltern zu tun, deren Küchentür ich aus irgendeinem Grunde gerade eingetreten hatte. Schon erklongen Kettensägen und Meißel. Genaugenommen erklang der Drillbohrer ewiger Gesang und das schillernde Herniederrieseln artfremder Partikel durch den Kamin, der das Mauerwerk der Wohnung meiner Freundin durchzieht. Ich hätte für mein Leben gern jemandem auf die Schnauze gehauen, doch ich war noch zu müde. Ich verweilte noch in der Küche meiner Eltern, wo verschiedene Leute aus meiner Vergangenheit sich eingefunden hatten. Einige davon waren ganz nett - andere einfach nur atze! Wäre ich wirklich in der Küche meiner Eltern gewesen, hätte ich sofort nach einem Heidelbeer-Joghurt gefahndet, aber das tat ich nicht - ich sog lieber dummes Leid ein! Ich konsumierte alberne Idiotien und erwachte dann mit einem Kiefer, der erst einmal mühsam entknackt werden mußte. Das dauert manchmal fast eine Stunde. Eigentlich sollte ich mir eine neue Bißleiste anpassen lassen, aber die letzte hat gerade mal 3000 Mark gekostet und nix gebracht - soll ich mal spaßeshalber einen Überblick über meine Privatodyssee durch den Ärztepfuhl aufschreiben? Au nein, ich hasse Gejammer, ich hasse leidensseliges Getue. Ich muß mir jeden Tag meines Seins aufs Neue den Mut für den neuen Quatsch selber aufoktrojiiieren. All die grotesken Privatodysseen durch craniosakrale Plastiken und andere medizinische Irrfahrten werden irgendwann einmal ihren Weg finden in mein Geschreibsel. Bis dahin hat gefälligst Onkel Dittmayer den Ton anzugeben. Ich wachte also auf, und meine Freundin räkelte sich im Morgenschlummer neben mir. Bald waren wir beide wach, denn die Handwerker tun ihr Bestes. Mir fielen als erstes die tiefen Bohrer auf, die auf dem Dach Gas geben. "Die klingen eigentlich sehr angenehm", meinte Cora im Halbschlaf. Kontrapunktiert wurden die tiefen Bohrer von gelegentlichen Klompfern, die manchmal rhythmisch, manchmal arhythmisch auftraten. Ich meinte: "Au Mann, das erinnert mich etwas an die Einstürzenden Neubauten, die erste Single, unter der Autobahnbrücke!" Sofort rieselte etwas Firn hernach, der aus dem Kamin herrührte. "Au, geil, das erinnert mich an die gebogenen Metallröhren von John Zorn, in denen Metallpartikel ein immens gleichtönendes Geklänge hervorrufen!" - "Ich will schlafen, halt´ die Klappe!" klang es von der anderen Bettseite herüber. Ich griff nach dem Wecker. Es war sieben Uhr morgens. Wir hatten gefeiert bis der Uhro Drei. Ich grunzte nur: "Oh Gott, können diese Leute nicht Rücksicht nehmen auf meine Augenringe?" Cora grunzt zurück: "Grmmmpf!" Au Backe, sie will noch schlafen. Ich bin schon total wach. Ich möchte arbeiten. Ich möchte mich selbst verwirklichen. Ich möchte kreativ sein. ... Ich kullere von der Matratze herunter. Zu dem gleichbleibenden Metallrasseln dringt jetzt ein langsames Metallklopfen hinzu, wie in einer Eisenhütte. Ich bekomme eine Latte. Plötzlich werde ich zudringlich. Cora dreht sich auf die Seite. Ich rappele mich auf und gehe pissen. Dann gehe ich in die Küche und rauche eine Ziggie. Ein Blick durch die halbverschwollenen Augen: Es ist Siebenuhrfünfzehn. Au Scheiße. Soll ich schon aufstehen? Ich gehe lieber nochmal zurück auf die Matratze. Schnarch schnarch. Ich schlafe und träume davon, daß ich meiner Exfreundin den Schädel eindelle. Danach gehe ich nach Cannes und gewinne die Goldene Palme. Danach wache ich wieder auf und höre die Klingel. Die Türglocke. Ich robbe mich auf und drücke auf den Türöffner. Dabei rutsche ich fast an der Wand herab. Ich weiß, daß es sich um eine Rechnung für Cora handelt. Ich schlafe ein und träume von den Einstürzenden Neubauten, wie sie unter einer Autobahnbrücke eine Platte aufnehmen. Dann wache ich wieder auf. "Scheiße", sage ich. Ich habe den Rüssel von Coras Vampyrette im Mund. Ich speichele seicht und huste trocken. Dann robbe ich mich gen Küche und schütte Kaffee in den Brutzelotto. Dann schlurfe ich zurück nach Bett. Erneut schlafe ich ein. Dunkle Träume von Toiletten in einem Landschulheim meiner Kindheit. Die Volontärinnen wollen mir nicht ihre Zitzen zeigen. Dann wache ich auf, und noch immer rasselt Metallstaub den Kamin herunter. Ich drehe mich auf die Seite, sehe die tätowierte Eule auf Coras Rücken und werde fast wahnsinnig. Mein Kiefer knackt wieder wie bestellt. Ich schalte den Generalschalter an Coras Hifi-Steckdose an und aktiviere den CD-Player. Eisregens nette, gerade indizierte CD erklingt, die ich in der Nacht zuvor eingelegt hatte. "Kraft durch Krebs - Krebs macht frei!" erklingt es. Cora wacht auf und tritt mir mit der rechten Hinterhaxe in die Seite. "Bitte nicht das", sagt sie, und ich schmeiße die CD raus und ersetze durch die Sonics. "Some folks like water, some folks like wine, but I like to taste a straight strychnine", dröhnt es aus dem Jahre 1964 entgegen. Cora schnorchelt beruhigt und bleibt noch etwas liegen. Ich reflektiere etwas über mein Leben. Es befriedigt mich nicht, und ich schlafe wieder ein. Wir beide latschen durch das Muttental und sind uns nicht eins. Da schweben merkwürdige Wölkchen in der Luft. In der Mitte des Weges liegen die Pferdeäpfel, die von den gelegentlichen Equiteuren erzeugt werden. Ich warte auf pittoreske Anblicke; sie wartet auf irgendetwas anderes. Da sind an & ab gitterversporrene Orte, die ich für mein Leben gern fotografieren würde. Stattdessen stake ich mit einem Stock im schlammigen Boden. Ein matschiges Ahornblatt klebt am Ende des Stocks. Jetzt ist irgendwie ein entscheidender Moment. Dann kommt eine Familie vorbei. Die Frau sieht süß aus, wenngleich harschbackig; der Mann dick und ehernfratzen; das Kind fröhlich und speckgenährt. Das Pony in der Mitte trabt wohlig durch den Schlamm. Dann bin ich zu feige und wir latschen zurück. Cora hat keinen blassen Schimmer vom Weg, da ja Frau, und ich habe keinen blassen Schimmer von irgendwas, da ja Mann. Wir matschen durch den nassen Mölm zurück. Dann wache ich auf. Michas Eisregen-Akkorde dröhnen wieder im Hintergrund, aber schon werden sie übertönt von dem Donnern der Hämmer auf dem Dach. In Anlehnung an den berühmten Meryl-Streep-Satz aus JENSEITS IN AFRIKA sage ich: "Ich hatte ein Haus in Beirut!", aber Cora kennt den blöden Film nicht und sagt nur "Mmmmh!" Ich versuche, wach zu werden. Will ich eine rauchen? Will ich laute Mucke anmachen? Ich habe immer noch das Matschen des Untergrunds im Ohr. Dann sehe ich die dünnen Härchen an ihrem Arm, wie sie sich mit ihrer Tätowierung dort beißen. Ich liebe diese Frau. Au Mann - ich bin gefangen. Ich bin gefangen, und ich bin ein Individualissimo, der nicht allein durch den Schlamm und die Pferdeäpfel gehen möchte. Ich möchte die Blätter unter meinem Schritt matschen hören und wissen, daß sie nicht nur meine Blätter sind. Bitter, kompliziert, aber allgemeingültig - ich bin nicht mehr allein. Der dicke Tritt durch die Matsche geht zu zwein, und das ist nicht mehr nur ein Fluch. Es wird mehr und mehr zum Geschenk. Die alten Kohlenkumpel damals haben gar nicht ahnen können, was sie da zutagefördern. Wir haben auch ein paar alte Damen getroffen, die da auf einer Bank hockten und Staub sammelten. Ich war wie üblich scheißefreundlich, quasselte kurz und wünschte einen schönen Tag. Die Damen grüßten zurück. Autos kamen uns zugegen. Ich nahm manchmal Cora beim Arm und führte sie auf die andere Seite wie ein Schwan in Geltungsnot. Dann matschten wieder die Gräser. Irgendwann hörte ich nichts anderes mehr als das Gematsche unter unseren Füßen und rang um den Himmel. Ich wünschte mir das Idyll. Ich wünschte mir das Alles. Ich hörte das Matschen unter unseren Füßen. Und ich wußte auf einmal, daß das alles war, was wir jemals zusammen hören würden. Und ich war zufrieden. Ich wachte auf, und wir hatten einen noch sehr passablen Morgen. Dann wurde es Mittag. Dann machten wir die Cramps an und freuten uns, daß wir uns freuten. Und freuten uns etwas mehr. Am Freitag werden ich und Cora zu meinem Freund Thilo stoßen, der seine Tanzsensation vorführen wird. (Siehe Vortagsticker.) Ralf wird dabei sei, Sailor Ripley, seine Monika und Ingojira vom Club werden dabei sein. Hoffentlich werden auch viele andere dabei sein. Am Samstag werde ich erst beim Club sein und dann bei Freundin Martina. Am Sonntag werde ich wieder Cora treffen. Vielleicht gehen wir mal wieder Matsch waten. Vielleicht gehen wir wieder Enten gucken. In jedem Falle werden wir uns durch Matsch und tiefes Bohrergrollen hindurchmogeln. Und den Tag loben. Und das reicht dann auch. Die Enten tun dann schon das ihre.
101003
Man weiß nie, wann das Angelglück zuschlägt! Vor ein paar Tagen bin ich mit meiner Freundin zum Chinesen gegangen, um dort lecker Ente zu schnackeln. Die Wartezeit vertrieben wir uns damit, in den ausliegenden Magazinen zu schmökern. Ich erwischte ein Anglermagazin namens "Blinker", das mich für einen kurzen Moment in eine andere Welt entführte. Da waren ganz wilde Fotos drin, von gestandenen Männern, die ein selig-debiles Lächeln in ihren Gesichtern führten und ausgewachsene Dorsche, Welse und Lachse in ihren Armen schunkelten wie Frischgeborenes. Ich habe nachgezählt, und da waren über 60 dieser Fotos in einer einzigen Ausgabe - cool! Toll fand ich auch die ganzseitige Werbung einer Angelfirma namens "Balzer", die den Werbespruch hatte: "In der Rute liegt die Kraft." Muß man sich aufheben, kann man bestimmt noch einmal gebrauchen. Die Ente war auch exzellent, denn der Chinese kommt ursprünglich von einem großen Restaurant, wo man ihm aber nur Peanuts bezahlte für seine Kunst. Als ihn ein Bekannter fragte, ob er Lust hätte, mit ihm einen Imbiß zu eröffnen, ging er das Risiko ein, und seither ist mehr im Schatzkästchen. Und kochen kann der Mann, oh ja - das ist der beste Chinese, den ich je besucht habe - Enten mit goldenen Schnäbeln! Im Kino habe ich den Horrorfilm WRONG TURN beäugt, der deutsch koproduziert war und vermutlich deswegen ein "Ab 16" bekommen hat. Tatsächlich ist er sogar ganz ankuckbar. Zu Beginn denkt man noch, man habe es mit einem dieser saudummen Teenie-Horror-Streifen zu tun, die im unmittelbaren HALLOWEEN-Gefolge noch einen gewissen Charme besaßen, mittlerweile aber mehr als nerven, doch dann entwickelt sich die ganze Sache zu einem Backwoods-Slasher, der zwar origineller Zutaten entbehrt, aber spannend unterhält. Bemerkenswert ist immerhin, daß der Film gewaltmäßig Gummi gab, daß Sailor Ripley und ich nur ächzten und ein ums andere Mal hervorstießen: "Uncut und ab 16!" Während ein verdienter Horrorklassiker wie THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE (der fast keine explizite Gewalt zeigt) erst einmal sauber beschlagnahmt wird, geht in diesem sujetverwandten Film die Luzie massivst ab - alter Schwede! Am ehesten ähnelt der Film Jeff Liebermans besserem BLUTIGE DÄMMERUNG, da auch dort debile Inzest-Produkte Stadtfräcke durch den Wald hetzen, nur daß WRONG TURN um einiges happiger ist. Im "Film-Dienst" bekam der Film eine recht positive Kritik, was für mich andeutet, daß bei dieser Publikation mittlerweile neues Blut eingekehrt ist, denn vor 10 Jahren hätte der Film sofort ein "Wir raten ab" bekommen, allein aufgrund der vermeintlichen Diffamierung geistig Behinderter... Ein weiterer Film, dessen ich ansichtig geworden bin, ist FREDDY VS. JASON, der neueste Streich aus der Küche von Sean S. Cunningham und Bob Shaye. Nachdem der bei uns mysteriöserweise ungeschnitten herausgekommene JASON X dem ausgelutschten FREITAG DER 13.-Muster bereits die Narrenkappe aufgesetzt und seine blutrünstigen Spezereien mit viel Ironie und Kasperei versehen hatte, wird das Zusammentreffen der Horror-Ikonen tatsächlich wieder etwas ernsthafter. Das finde ich nicht immer geglückt, da die ohnehin extrem eingleisige Arbeitsweise von Jason Voorhees eigentlich nach Verarsche schreit, aber das Zusammenwürfeln der beiden sehr unterschiedlichen Massenmörder (das etwas an die Taktiken der "Universal Studios" erinnert, wie bei FRANKENSTEIN MEETS THE WOLF MAN) ist durchaus reizvoll und erlaubt den direkten Vergleich: Jason ist der total stumpfe Proletarier, der seinen Mangel an Erziehung durch äußerste Zweckfixiertheit ausgleicht und einen sehr lobenswerten Arbeiterethos. Freddy Krueger hingegen ist der psychologisch beleckte Megalomane, der eitel und großkotzig ist bis ins Mark und sein Plus an Gehirntätigkeit zu unsozialen Zielen mißbraucht. Jason ist ohne Frage der sympathischere der beiden Massenmörder, wenn auch Freddy die Lacher auf seiner Seite hat. Die Teenagerbratzen sind widerlich wie eh und je und haben das Wort "Kanonenfutter" auf ihre Stirne tätowiert. Mit viel Bohei und Blutgemansche (leider wieder häufig computergeneriert) treten sie die Fährfahrt über den Styx an und können sich wahrlich nicht beschweren... Meines Erachtens war Tobe Hoopers THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE 2 (der vom Drehbuchautor von Wim Wenders´ PARIS, TEXAS geskriptet wurde!) der erste Horrorfilm, der die analytischen Bestrebungen der Genrehistoriker bewußt in seine Vorgänge einfließen ließ. Filme wie Wes Cravens SCREAM setzten diese Tendenz dann schlaumeierisch fort und lieferten den Subtext gleich mit zum blutigen Geschehen. FREDDY VS. JASON steht in exakt dieser Tradition, was ihn aber nicht davon abhält, einen gesunden Unterhaltungswert zu besitzen. Der erste Boxkampf, den ich jemals ganz gesehen habe, war jener, wo Mike Tyson Evander Holyfield das Ohr abbiß. Bei Freddy und Jason geht das ganz ähnlich zu. Der erste Zweikampf findet statt in Freddys Traumwelt-Fabrik, der zweite bei Camp Crystal Lake. Wer gewinnt, werde ich hier natürlich nicht verraten, aber ich gehe mal davon aus, daß die Fans dieser Horrorfilmserien ihren Spaß haben werden und mit Sicherheit keine Enttäuschung riskieren. Angeblich kommt die Chose ja sogar in unsere Kinos. Ob das ungeschnitten passiert, möchte ich jetzt nicht prophezeihen, denn es rumpelt teilweise heftig in der guten Stube, aber Spaß haben dürfte das Zielpublikum mit ziemlicher Sicherheit! So, Leute, und jetzt möchte ich noch einmal mit Nachdruck hinweisen auf den kommenden Freitag (17.10), denn da wird in Bochum eine Vorführung des eminent unterhaltsamen OPERATION DANCE SENSATION stattfinden. Wer noch keine Ahnung hat, um was für einen Film es sich da handelt, kann dies hier erfahren. Thilo wird pflichtschuldigst anrücken, um seinen neuen Streifen zu präsentieren. Ich habe gestern noch mit ihm gesprochen, und er wußte noch nicht, wie viele der Beteiligten sich Richtung Ruhrpott bewegen ließen. Da muß er noch nachfragen. Aber selbst wenn Thilo alleine kommen sollte, lohnt sich der Besuch sehr - den Grund könnt Ihr in meinem Text zum Film nachlesen. Das wird Spaß massiv, und man weiß ja nicht, wann man hier den Film das nächste Mal in einem so schönen Kino wie dem "Endstation" in Bochum-Langendreer wird genießen können... Es bietet sich in jedem Falle an, Karten vorzubestellen, denn die 90 Plätze sind schnell weg, und in Berlin waren beide Vorstellungen ausverkauft! Wenn Ihr vorbestellen wollt, tut das unter der Rufnummer 0234-6871620 - da muß man die Karten ´ne halbe Stunde vorher abholen, aber man geht wenigstens sicher, daß man nicht auf den Stufen am Rand Platz nehmen muß... Ich habe den Film gerade heute noch einmal genießen können, nachdem ich mit Robert und Bettina zum Mexikaner gegangen bin. Mein Taco mit Huhneinlage war sehr in Ordnung, aber ich hätte mal lieber den Burrito bestellen sollen, den der ebenfalls mitgeeilte Ingojira vom "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega" auf seinem Teller hatte! Mann, sah der lecker aus... (Der Burrito.) Danach haben wir leicht bezecht Alan Birkinshaws Edgar-Allen-Poe-Attentat RIPTIDE angeschaut, das sich auf "The Masque of the Red Death" beruft und Lachstürme erzeugt. Ich werde hier keine Namen nennen, aber eine der Darstellerinnen (Kennzeichen: Blasmaul, Solariumsbräune und groteske Frisur) liefert Grimassen, die man diesseits des Rio Grande zu Recht immer vermißt hat. Boah, was brennt die für ein Feuerwerk ab! Herbert Lom (der eigentlich ein großer Schauspieler ist) macht einen konsequent betrunkenen Eindruck und muß hanebüchene Dialogsätze äußern wie: "Willkommen zu König Ludwigs großem Ostereiersuchen!" Der Intellektuelle Robert Zion rollte irgendwann nur noch beseligt auf der Auslegeware herum und gluckste beglückt. Ingojira gab hier & da mal einen Kommentar ab und nickerte ansonsten auf dem Korbsessel, der in Robert und Bettinas Wohnzimmer steht. Bettina lästerte extrem gehässig ab über die angesprochene Aktrice ("Wen muß die geblasen haben, um die Rolle zu bekommen?" - Darauf kann man einigermaßen unkompliziert antworten: "Harry Alan Towers!") Frank Stallone bot in dem Film auch sein Gesicht feil und somit der Lächerlichkeit preis. Ich überlegte kurzfristig, ob man den unglaublich beschissenen Soundtrack auf CD herausbringen könnte, besann mich dann aber darauf, daß ich ja noch meine Miete für den Oktober bezahlen muß. Von OPERATION DANCE SENSATION wollte ich dann noch die ersten 10 Minuten vorführen - es wurden 40, da man immer noch eine Szene nachschieben mußte! Robert & Bettina haben den Film bereits ganz gesehen und fanden ihn toll. Ingojira (dessen Stimme nicht ganz unwichtig ist, damit er mal im Filmclub läuft) fand ihn toll. Tatsächlich gab es da diese eine Szene, bei der ein Vietnamsoldat, der eigentlich Jackson die Birne wegballern soll, stattdessen von Atlas abgeludert wird. Der Effekt ist sehr lustig, und da dröhnte es auf einmal massiv im Wohnzimmer, die beiden Katzen des Haushaltes stoben auseinander, und Ingojira kullerte nach hinten. Er hatte sich so amüsiert, daß der Korbsessel in der Mitte durchbrach! Wenn das keine Werbung ist, dann weiß ich wirklich nicht... Ich werde auf jeden Fall am kommenden Freitag im "Endstation" sein und Thilo bei seinem neuen Erfolg begleiten. Hoffentlich kommen noch andere Leute mit - würde mich freuen! Am darauffolgenden Morgen muß ich arme Sau dann früh aufstehen, um den Freunden von "Buio Omega" bei ihrem neuen Doppelprogramm zu assistieren: "Klär-Asyl"! Es geht diesmal um einen amerikanischen Helden, der im Klo runtergespült wird und in der Kanalisation zu wahrer Prachtgröße heranwächst. Der Film wurde damals ab 12 freigegeben, aber das ist ein Witz, denn es werden Arme und Beine abgebissen links und rechts - die Krokoledertasche kennt kein Erbarmen! Der Regisseur und der Drehbuchautor lernten ihr Handwerk in der Talentschmiede von Roger Corman, und wenn das kein Aushängeschild ist... Aus John Sayles wurde dann noch ein richtig famoser Regisseur von höchst individuellen Qualitäten. Der andere Film ist ein Sleaze-Klassiker aus deutschen Landen ("Ab 18"!), in dem Curd Jürgens einen Mord in einem Freudenhaus aufklären soll. Ohne Ralf hätte ich den speziellen Reiz dieser einheimischen Exploitation-Kracher nie kennengelernt, aber der hier gezeigte Film ist sicherlich eines der Highlights unserer Sleaze-Küche. Inspektor Jürgens frißt einen schwarzen Kaffee nach dem nächsten - in einer Nacht um die zwanzig! Spaß massiv, Sex and Crime inklusive, den man sich nicht entgehen lassen sollte... So, jetzt gehe ich nach Bett!
051003
Heute habe ich einen Film gesehen, der mich bis ins Mark getroffen hat! Man hält sich ja doch immer für abgebrüht und über alles erhaben, doch Gaspar Noés sogenannter Skandalfilm IRREVERSIBLE ist wirklich weit mehr als nur eine Ausweitung des MEMENTO-Schemas. Während Christopher Nolans Film seine Prämisse, einen Film mal vom Ende bis zum Anfang zu erzählen, noch etwas kompromißlerisch und teilweise unstimmig umsetzte, macht IRREVERSIBLE absolut keine Gefangenen: Der Film bewegt sich vom tragischen Ende bis zum idyllischen Anfang zurück, und jede Szene ergibt sich aus der folgenden. Ich fragte mich beim Betrachten des öfteren, ob die Strapazen des Erlebnisses vom Resultat gelohnt werden. Selten hat mich ein Film so enerviert und verstört wie dieser, Pasolinis 120 TAGE VON SODOM eingeschlossen. Nur eine weitere Übung in Narrative und Stil? Mit solchen Mitteln? Der Film beginnt mit einer scheinbar unscheinbaren Szene, in der ein älterer Mann mit einem jüngeren Mann philosophische Gemeinplätze austauscht. Dann geht es in eine Schwulenbar, wo ein Mann einen anderen sucht, dessen Spitzname "Der Bandwurm" lautet. Die Szene endet damit, daß ein Mann dem anderen den Schädel zertrümmert. Eine unglaublich brutale Szene - vielleicht die brutalste, die ich jemals gesehen habe. Noé erreicht das mit einer ständig herumkurbelnden Kamera, die immer nur Schnipsel der Umgebung einfängt, gerade genug, um dem Lauf der Geschehnisse zu folgen. Untermalt wird das von einem repetitiven, leiernden Sound, der einen fast verrückt macht. Wie der letztendliche Gewaltausbruch dann realisiert ist, weiß ich selber nicht - da müssen wohl Computereffekte eine Rolle gespielt haben, denn einen Zwischenschnitt habe ich keinen bemerkt, und der Kopf des armen Schauspielers ist nur noch Matsch. Der Rest des Filmes schildert dann konsequent rückwärtsführend die Vorgeschichte, die zu diesem Gewaltausbruch geführt hat. Der Film enthält exakt zwei Gewaltsequenzen, aber die reichen aus, um den Zuschauer nachhaltig zu verstören. Der Mord ist zurückhaltend, vergleicht man ihn mit der Vergewaltigung. Diese ist die härteste und unangenehmste, die ich jemals in einem Film gesehen habe, und trotzdem exakt so, wie man solch ein "Kavaliersdelikt" zu filmen hat: eine Einstellung, ohne Zwischenschnitte oder andere Kaspereien, die dem Betrachter erlauben, sich vom Geschehnis zu distanzieren. Zwischendurch erscheint mal ein Beobachter im Hintergrund, verzieht sich aber sofort feige. Die Szene ist wirklich kaum mitanzusehen, und es ist einer der wenigen Filme, die mir beim Betrachten Tränen des Entsetzens in die Augen getrieben haben. Der Film wird danach immer freundlicher und heller, aber der Gesamteindruck ist bereits vorgezeichnet - alles, was da noch kommt, ist bereits zerstört. Die selbstjustizfilmgemäße Rache hat beim näheren Hinsehen den Falschen getroffen. Alle Ordnung ist aus den Fugen geraten. Während die Bildführung zu Anfang des Filmes noch völlig enthemmt und unkontrolliert in der Gegend herumkurbelt (und auch auf einigen sexuell expliziten Details ausruht), gewinnt sie zum Ende hin immer mehr Ruhe und Ordnung, doch die aufgewühlten Nerven des Zuschauers beruhigen sich nicht mehr. Wenn am Schluß die Klänge meines absoluten Lieblings-Klassik-Werkes (dem Largo aus Beethovens 7. Symphonie) erklingen, schwingt bereits alles im Trubel dessen, was die Zukunft bringen wird. Während MEMENTO tatsächlich nicht viel mehr ist als eine erzählerische Stilübung, bebildert IRREVERSIBLE den Alpdruck einer Welt, wo alle Aktionen die Folgenden determinieren und somit eine Art von Vorbestimmung herrscht; nicht im religiösen Sinne, sondern ganz wortwörtlich. Alle Illusion von Idyllvorstellungen ist auf einmal Schall und Rauch. Die Folgen eines möglichen Fehlverhaltens sind unabschätzbar und mit keinen wissenschaftlichen Formeln zu bändigen. Meine eigene Überzeugung, daß alles, was wir tun und treiben, seine Spuren hinterläßt, findet in diesem Film seine ebenso konsequente wie schreckliche Bestätigung. Die zärtlichen und intimen Szenen, die der hervorragende Hauptdarsteller Vincent Cassel (Sohn von Jean-Pierre) mit seiner "real-life"-Lebensgefährtin Monica Bellucci hat, finden ihre Enstprechung in dem namenlosen Horror des Filmanfangs. Es gibt nicht viele Filme, bei denen ich passagenweise wegschauen mußte. Am Schluß - "Time Ruins All Things" - habe ich geheult. Das war das erste Mal, daß ich bei der abendlichen Eßwarenbeschaffung auf mein Auto verzichtet habe, da ich zu aufgewühlt und innerlich zerstört gewesen bin. Der Schluß mit Monica Bellucci auf der Wiese wird lange vor meinem geistigen Auge spuken. Nach Noés vorangegangenen Übungen in moderner Gewalt ein Meisterwerk von einem Film, das man sich aber nicht anschauen sollte, wenn man zartbesaitet ist - es könnte schwer in die Hose gehen. Während BAISEZ-MOI (FICK´ MICH) eine in meinen Augen ebenso überflüssige wie widerwärtige Nichtigkeit mit Hardcoreszenen darstellte, ist IRREVERSIBLE ein großes Kunstwerk, das den unwiderruflichen Charakter des eigenen Handelns ebenso in Marmor einmeißelt wie die Vergänglichkeit augenblicklichen Glücks. Kein Skandalfilm, sondern Kino, wie es sein soll. Bin geplättet.
021003
Und der Oktober ist eingekehrt! Natürlich hat das Sammeln von Kastanien seinen ganz eigenen Charme. Ich bin immer ein sehr taktil veranlagter Mensch gewesen und habe heruntergeplumpste Kastanien immer gern in meiner Hand geknetet, wie Captain Queeg aus DIE CAINE WAR IHR SCHICKSAL seine Nervositätskugeln. Seit einiger Zeit habe ich ja auch diese tollen Jojos, die aus einem Ball mit einer unidentifizierbaren sämigen Flüssigkeit bestehen, die in buntem Gummi gefangen sind und an einer überaus elastischen Schnur baumeln. Damit kann man lustige Spielchen veranstalten und auch hübsch kneten. Neulich ist mir der erste der bunten Freunde entzwei gegangen. Das Resultat war feucht, eklig und eine dieser Sachen, mit der man als sittlich gereifter Mensch irgendwie fertigzuwerden hat. Ansonsten sind die Dinger aber toll - ich habe schon richtig Muckis in meinem rechten Arm! Was Muckis im rechten Arm angeht, so läßt sich ein Bogen spannen zum diesmonatigen Bild. Das entstammt nämlich einem Bild der Gazette "Happy Weekend", und zwar einer Ausgabe aus den 70er Jahren, die ich einmal auf einem McDonald´s-Klo in meiner Studienstadt Göttingen fand. Ich und ein damaliger Studienkollege hatten damals die Angewohnheit, uns solche unsoliden Sachen vorzulesen, wenn wir von Bremen nach G-Town schraddelten. Wer am Steuer saß, hatte immer verkackt, denn er mußte den Fahrtkurs halten, während unsäglich groteske Kontaktgesuche vorgelesen wurden. Zwischendurch wurden auch schon mal Bilder vorgezeigt, die einige Kontaktfreudige an jene Gazette gesandt hatten. Ich erinnere mich noch an ein Bild, das mich fast in den Straßengraben befördert hätte: "55-Jährige sucht jungen Mann zwecks Geschlechtsverkehrs." Besagte 55-Jährige posierte zu diesem Behufe leicht angeschrägt in der Türfüllung einer Sozialwohnung, zog eine furchterregende (von einem schwarzen Balken unkenntlich gemachte) Grimasse und schob sich einen Dildo in die Möse. Das war ein tiefer Einblick in die Sozialstrukturen dieses Landes, erschreckend und mahnend zugleich. Um Kelly Bundy zu zitieren: "Wenn ich jemals so tief sinken sollte - erschießt mich bitte!" Ansonsten rekrutierte sich das Bladel aus Bildern von begattungswilligen Mannbarkeiten, die teilweise nicht einmal davor zurückschreckten, ihre Genitalien im Stadium der Ejakulation zu fotografieren, mit einem ca. 10 cm messenden Lustflatschen vor der Nille. Leute - Sexualität sollte wirklich mysteriöser und komplizierter sein als diese Erbärmlichkeit! Im Fußballmoderatorenjargon nennt man das einen Offenbarungseid. In dieser Hinsicht habe ich heute den VFB Stuttgart beäugt, der eine vorzügliche Leistung gegen die übermächtigen ManUs hingelegt hat - da hätte ich nicht wirklich mit gerechnet! War eine tolle Vorstellung... Bayern München - denen ich bei aller Feindschaft europamäßig die Stange halte - haben hingegen nur eine maue Leistung abgelegt und nur durch Hinzufügung des Sprühfußes Roque Santa Cruz ein Unentschieden erreicht. (Was der Ex-Bremer Pizarro da abgelegt hat, war leider wirklich eine krasse Dummheit.) Ansonsten freue ich mich massiv über die gute soziale Abfederung meiner Bremer, während die Schalker derzeit leider Mist bauen am Fließband. Hoffentlich treffen die Stürmer mal wieder, sonst sehe ich schwarz für Heynckes und Konsorten... Im Filmbereich habe ich mir in den vergangenen Tagen mal wieder einige schöne Sachen eingefahren, aber davon erzähle ich wohl besser an den nächsten Tagen. Heute habe ich einen Film gesehen, den die meisten Leser extrem langweilig finden werden, wenngleich ich ihn richtig schön fand: DIE LEGENDE DES HEILIGEN TRINKERS von Ermanno Olmi. Rutger Hauer hat inmitten seiner Post-BLADE-RUNNER-Diaspora (nur noch Ranzfilme!) mal eine Sahnerolle abbekommen: Ein ehemaliger Bergmann, der in Paris aufgrund widriger Umstände zum Trinker geworden ist. Eines Tages erscheint ein religiös umwitterter Gentleman und steckt ihm zwohundert Francs in die Tasche, mit der Auflage, mal zur Hl. Theresa von Les Yeux zu gehen. Rutger versucht das dann auch, aber es geht irgendwie immer schief. Manchmal ist es der gute Wille, manchmal das schnöde Fleisch, das ihm die Einlösung seiner Ehrenschuld verweigert. Das geht den ganzen, ruhig erzählten Film so. Man wird fast wahnsinnig. Wie das am Schluß ausgeht, darf ich natürlich nicht verraten, aber Ermanno Olmi stammt vom neorealistischen Kino und drehte seine ersten Langfilme in den frühen 60ern. Nach den ersten 10 Minuten seines DER HOLZSCHUHBAUM (der von simplen italienischen Landbauern handelt) dachte ich, es würde sehr langweilig werden - nach 3 Stunden wußte ich es besser! Der HEILIGE TRINKER erzählt eine denkbar einfache Geschichte, aber er erzählt sie einfach gut, und ob man an Gott glaubt oder nicht, man bekommt die Botschaft verpult, denn es geht letzten Endes um Menschen am anderen Ende des Rasters, an dem man sich auch sehr schnell selbst befinden kann. In Hollywoodfilmen wird einem die Identifikation immer sehr leicht gemacht, denn da sind ja auch die Penner schön und edel und werden von Ralph Fiennes oder so gespielt, aber bei Olmi geht es eben nicht um den verborgenen Edelmut, sondern um das tägliche Überleben und über die Wunder, die überall lauern, wenn man sie nur erblicken mag. Da mag man "Lüge, Lüge!" schreien, aber ich weiß es mittlerweile besser. Wunder sind keine erhabene Angelegenheit, sondern eine Frage des Standpunktes. Frau Schreinemakers muß man da wirklich keine Sekunde bemühen, und wenn man das eigene Selbstmitleid mit irgendwelchen Segenspendern adeln muß, dann ist das okay, aber eben nicht zwingend. Die Wahrheit ist sehr simpel und sehr offensichtlich: Wat mut, dat mut, und wer nicht mitmacht, der fällt eben in die Schneise. In den Momenten dazwischen lauert das Wunder. Ich bin gestern mit meinem Freund Ralf über gleich zwei Friedhöfe gewandert. Die haben mich nicht sonderlich beeindruckt - gleich zwei Plätze, wo Bochumer Würdenträger riesige Marmorkreuze errichtet bekamen, zwischen denen die Grabkerzen für die ganzen Normalos brannten, an die sich die Hinterbliebenen erinnerten. Wir haben kesse Scherze gerissen und Blödsinn erzählt. Wir sind an der ehemaligen Parzelle von Ralfs Tante Sophie langgekommen, wo Ralf als Kind Fußball gespielt hatte. Wir witzelten auch hier, und ein Miniaturfußball bedeutete, daß Kinder nach wie vor Fußball spielten. Gleich nebenan war eine Kneipe, die "Bei Lohmüller" oder so hieß. Ein paar hundert Meter weiter war eine richtige Friedhofskneipe. Leider hieß die nicht "Einen auf den Weg" oder so. Ich weiß nicht mehr, wie die hieß. Aber die hatte ein gräßlich leuchtendes "Route 66"-Denkmal im Garten! Soll man darüber böse sein? Wahrscheinlich nicht. Och, warum. Zwischendurch kamen wir an einer Eisenbahnbrücke vorbei, und ich merkte auf einmal, wie sehr mir diese klaren Formen und Farben gefielen. Ich legte mein Kinn auf meine Hände, die auf dem Zaun ruhten, und betrachtete mir das einfach mal eine Minute lang. Da waren die in alle Richtungen strebenden Schienen, der Wald an der Seite und im Hintergrund das Wahrzeichen der Bochumer Traditionsbrauerei Fiege. Wir rissen einige Witze über den Umstand, daß an fast dem gesamten Übergang nach einigen Selbstmorden Sprungschutzzäune angebracht waren. Nur an der Mitte nicht. Wer würde woanders seinen Suizid durchführen als in der Mitte des Ganzen? Man kann da prima auf die Hochspannungszäune brettern, dann durchkohlt auf die Erde platschen und von einem Zug überrollt werden, wo ein Schaffner den Schock fürs Leben nicht mehr los wird - super! Leute, die andere Menschen in ihre Selbstmitleids- und Lebensbeendigungopern mit hineinziehen, würde ich am liebsten noch einmal plattmachen - was für eine fette Ungerechtigkeit! Von dieser Warte aus war da auf jeden Fall eine Menge Schönheit, ästhetisch und inhaltlich. Der Rutger Hauer kippt sich einen Cognac um den nächsten ein, weil er eine Messe um die nächste verpaßt, wo er der Hl. Therese seine Schulden zurückzahlen kann, die ja nur 200 Franc betragen. Der müht sich immerfort, und andauernd kommt ihm irgendwas in die Quere. Ich habe ja versprochen, nicht zu verraten, wie der Film ausgeht, aber die Enten schnattern dazu... Ich lese jetzt noch etwas "Clever & Smart" und gehe dann nach Bett - Wohlsein!
011003
Die letzten paar Tage waren echt Laternenpfahl ganz unten! Eine böse Erkältung hatte mich in ihren Krallen, und während man mit anderen Krankheiten ganz dufte angeben kann, sind diese prolligen Vergrippungen leider nur atze und gehen an die Nerven und die Substanz... Egal, meine Nase heilt bereits wieder ab, und in ein paar Tagen bin ich wieder der Alte. Geholt habe ich mir die Krankheit beim bereits erwähnten "Cramps"-Konzert, und was soll ich sagen - das war mir die Sache wert! Für gewöhnlich nehme ich keine längeren Anfahrten in Kauf, um mich von Musikanten beschallen zu lassen, aber wenn diese Helden schon mal aufspielen, habe ich natürlich keine Alternative. Die Wahl des Veranstaltungsortes war sehr angenehm: Die "Live Music Hall" entpuppte sich als geräumige Angelegenheit, in der das zahlreich erschienene Publikum bequem Platz fand. Auch glänzten architektonische Irrfahrten (etwa sinnlose Zierbauten, über die man andauernd stolpert!) durch Abwesenheit. Bereits bei der Vorgruppe beschlich mich das Gefühl, der Abend könne was werden: Die "Trashmonkeys" spielten auf, und für einen Support waren die Jungs wirklich exzellent! Ich quittierte den Auftritt auf jeden Fall mit dem Kauf einer CD, und das größte Lob, das ich in so einem Fall aussprechen kann, lautet natürlich: Auch ein Konzert mit der Vorgruppe allein wäre bereits eine angenehme Sache gewesen. Aber da waren noch die "Cramps": Lux Interior... Boah, was für ein geiler Sänger! Mittlerweile müssen er und Ivy ja in den 40ern sein, aber nichtsdestotrotz gab der Mann alles, grimassierte, hüpfte und verprügelte den Mikroständer. Im Laufe des Konzertes ließ er sich etwa eine zwodrittel Flasche Rotwein hineinlaufen (anders als etwa die Butthole Surfers, die sich streng an Mineralwasser hielten!), und als dann während der Zugabe eine mindestens 10 Minuten lange Version von "Surfin´ Bird" kam, ging er vollends ab: Einen drei Meter hohen Lautsprecherstapel erklomm er wie nix, legte sich quer auf die Spitze, masturbierte mit dem Mikro, zog sich die Stiefel aus und - mein privater Höhepunkt des Konzertes! - wrang sich die Socken über dem Gesicht aus! So was habe ich noch nie gesehen... Es war auf jeden Fall die übereinstimmende Meinung aller Anwesenden, daß das Konzert ein großartiges gewesen sei und die "Cramps" live einfach noch wesentlich besser kommen als auf den ohnehin preisungswürdigen CDs. (Neuestes Audio-Attentat: "Fiends of Dope Island"!) Und Poison Ivy ist natürlich die coolste Gitarristin des Erdballes, da gibt es nix! Übermorgen, am 2. Oktober, wird die zweite offizielle Sitzung von www.monstrula.de stattfinden, und natürlich gibt es im Schauburg-Kino in Gelsenkirchen wieder einen unterhaltsamen Klassiker des angelsächsischen Monsterpantheons zu besichtigen. Vielleicht läßt sich ja auch das grüne Maskottchen (das eigens in den unterirdischen Monstrula-Labors gezüchtet worden ist!) wieder auf der Bühne blicken - mal schau´n! Der gezeigte Film schildert auf jeden Fall den Kampf von Großbritanniens Antwort auf Vincent Price, Michael Gough, gegen einen großen Affen - das darf man eigentlich nicht versäumen! Zu guter Letzt ist mir gerade eine Meldung ins Haus geflattert, die ich hocherfreut weitergebe: Freund Mannesmann (Gitarrist meiner Elvis-Formation) betreibt ja schon seit längerem ein formidables Tattoo- und Piercing-Studio. Nun ist "Strangeland-Tatouage" auch online, und auf der Seite können Interessierte zahlreiche Tattoos und Zeichnungen von Mannesmann einsehen. (Einige Fotos zeigen auch Körperteile meiner Freundin, aber ich verrate nicht, welche!) Bei Interesse klickt auf Barbara Steele!
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