DER FROSCH UND SEIN JULAICH ----------------------------------
NEWSTICKERARCHIV
----------------------------------280703
Oh, glatt übersehen: Der großartige britische Filmregisseur John Schlesinger (=Slässindschör) wurde am 24. dieses Monats im Alter von 77 Jahren von seinem Lebenserhaltungssystem abgenabelt. Bereits im Jahr 2000 war er von einer schlimmen Herzattacke heimgesucht worden, die ihn seitdem gesundheitlich einschränkte. Schlesinger galt zu Beginn seiner Karriere als einer der "Angry Young Men", die im Zuge des britischen "Free Cinema" ihre Filme machten, darunter Karel Reisz und Tony Richardson. Zu den bestimmenden Werken seiner Frühphase gehörten BILLY LIAR und die Filmadaption von Thomas Hardys FAR FROM THE MADDING CROWD. Das aufwühlende Drama MIDNIGHT COWBOY (ASPHALT COWBOY) mit Jon Voight und Dustin Hoffman ist bis heute der einzige Film mit Jugendverbot (X-Rating), der den Oscar gewann. (Auch Schlesinger bekam den "Besten Regisseur".) Zu seinen besten späteren Filmen gehören der umwerfende THE DAY OF THE LOCUST (DER TAG DER HEUSCHRECKE) und der nervenaufreibende THE MARATHON MAN ("Sind sie außer Gefahr?") Unvergessen auch sein Gay-Drama SUNDAY BLOODY SUNDAY. Schlesinger war einer jener hervorragenden Regisseure aus Übersee, die Hollywood niemals so ganz zu adaptieren wußte. Das spricht nicht gegen Herrn Schlesinger, und ich wünsche ihm deshalb von ganzem Herzen alles Liebe.
270703
Ich habe mich eigentlich nie wirklich als Filmkritiker empfunden. Wie strittig auch die Qualität vieler der von mir besprochenen Werke anmuten muß - mir war es immer wichtig, nur über Filme zu schreiben, die ich auf die eine oder die andere Weise mag. Letztlich hat jeder einen anderen Geschmack und sieht Kinoware auf der Grundlage seiner persönlichen Historie. Nun will ich aber mal eine Ausnahme machen: Ich habe einen Hollywoodfilm gesehen, der so unglaublich miserabel ist, daß mir wirklich die Spucke weggeblieben ist! Sailor RIP vom Filmclub hat - aufgrund seiner leitenden Position in der Filmwirtschaft - das Machwerk schon bald nach seinem Erscheinen gesichtet und vom Kinobesuch abgeraten. Da ich mich für gewöhnlich auf Sailors Ansichten verlassen kann, traute ich mich nicht an den Film heran. Jetzt, wo er vor einiger Zeit auf DVD veröffentlicht wurde, schlug ich zu und wagte den Gabeltest. Gemeint ist das ROLLERBALL-Remake von John McTiernan. 80 Millionen Dollar soll diese zelluloidgewordene Güllepumpe gekostet haben. Warum Hollywood seit einiger Zeit damit beschäftigt ist, Klassiker neuzuverfilmen, ist mir eh schleierhaft. Spätestens das PSYCHO-Remake des eigentlich ja begabten Gus van Sant sollte diesen Bestrebungen die Totenglocke geläutet haben. Aber bei ROLLERBALL ist alles vorbei, der saugt wie eine ganze Armee Gretchen! Testvorführungen deuteten die Katastrophe bereits an, was die Produzenten zu maßgeblichen Kürzungen verleitete. Zudem wurde eine der wenigen akzeptablen Komponenten des Filmes - der Soundtrack von Luc Bessons Eric Serra - dadurch versaubeutelt, daß man mehrheitlich unhörbare Metal-Mucke der Marke "Wer macht Marilyn Manson am schlechtesten nach?" über die Vorgänge kleisterte... Wer Hauptdarsteller Chris Klein ist, wußte ich nicht, denn ich habe AMERICAN PIE nicht gesehen. Nach ROLLERBALL weiß ich immerhin eines - James Caan isser nich! Aber selbst, wenn Sir Laurence Olivier in die Kasperklamotten geschlüpft wäre, hätte jener keine Chance gehabt, denn McTiernan macht alles falsch, was falschzumachen ist. Der originale ROLLERBALL kontrastierte (für die damalige Zeit) megabrutale Sport-Actionszenen mit stillen dramatischen Momenten und Bachs sakralem Fugengenorgel. Absolut essentiell waren natürlich die Fightsequenzen, bei denen der Zuschauer wirklich mitfieberte und am zweifelhaften Geschehen teilnahm. Das Spiel selbst war denkbar simpel gestrickt und wirkte wie ein auf Geometrie reduzierter Kampf ums Überleben. Actionszenen - wie technisch elaborat sie auch ausgeschmückt sein mögen - müssen auf einer simplen Grundlage beruhen. Bei McTiernan bekommt man ein komplett unübersichtliches Gemengsel lärmender Einstellungen, in denen bunt kostümierte Biker-Clowns über einen Parcours schwirren, der eher an "Spiel ohne Grenzen" erinnert denn an eine realistische Sportveranstaltung. Was da passiert, geht einem komplett am Arsch vorbei, denn man kriegt kaum mit, was vor sich geht! Es werden keine Spielstände eingeblendet. Stattdessen bekommt man einen fast schon rutgerhaueresk schlecht eingesetzten Jean Reno, der mächtig auf die Tube drückt, sowie ein babylonisches Sprachgewirr, das wohl ein wenig zeitgenössische Kritik am globalen Medienmarkt einstreuen soll, aber einfach nicht funktioniert. BLADE RUNNER ist da wirklich ganz weit weg. Und warum befindet sich der Schauplatz im verarmten Rußland? Sind das die Kinder der Perestroika? Wirkt eher wie eine Neuauflage des kalten Krieges, und am Umstand, daß Amerika in der geschilderten Zukunft wohl überall ist, nehmen die Drehbuchautoren nicht wirklich Anstoß. Nicht, daß kritische Akzente durch den verwirrten Radau hätten hindurchdringen können! Die Kampfsportszenen sind rettungslos schlecht choreographiert. Interessanterweise wirkten die entsprechenden Szenen im originalen ROLLERBALL auf mich wesentlich intensiver und schockierender, und das, obwohl Bach hier zugunsten von Rob Zombie, Slipknot und ihren unbegabteren Genossen weichen mußte. Die dramatischen Szenen (für die sich scheinbar eh keiner der Verantwortlichen zu interessieren schien) wirken lustlos hingeklatscht und bedienen lediglich puritanische Moralvorstellungen. Ich fasse es nicht, daß McT die Sache so in den Sand gesetzt hat, denn DIE HARD war eigentlich ein Prototyp für einen aufregenden Actionreißer - zwar tumb und fremdenfeindlich, aber in Sachen Spannungserzeugung die Exzellenz auf Stelzen. In ROLLERBALL vergurkt er alles, selbst den Finalfight, der im Original fast mythische Dimensionen erlangte. Im Remake zappelt alles wild durcheinander - man ahnt, wer gut und wer böse sein soll, das Publikum schwenkt auf Held Jonathans Seite um, ein paar böse Russkis wedeln mit ihren Wummen, Jonathan schmeißt die Scheiben kaputt und haut Jean Reno und seinem indischen Schlappenschammes die Lichter raus. Interessiert das jemanden? Nö. Ich starrte nur völlig entgeistert auf dieses sinnlose, geschmacklose Multimillionendollar-Fiasko und dachte: "Der Sailor Ripley, der hat eigentlich Recht gehabt!" ROLLERBALL 2002 - eine filmische Bankrotterklärung obersten Ranges. Eine Affenschande, daß ein Film wie Michael Ciminos HEAVEN´S GATE als eines der größten Hollywood-Debakel gelistet wird und dieser Muckenstrunz nicht.
220703
Da ich mit meiner Süßen gerade dabei bin, TWIN PEAKS zu kucken, habe ich nicht nur sie, sondern auch die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, mich mal wieder in das filmische Gesamtwerk des Regisseurs David Lynch einzuarbeiten. Den Anfang macht ein Film, der sehr selten genannt wird, wenn es darum geht, einen Lynch-Favoriten zu benennen - THE STRAIGHT STORY. Ich sehe diesen Film als Komplementärwerk zu seinem unmittelbaren Vorläufer, LOST HIGHWAY, da es in beiden Filmen um den Weg von A nach B geht. Während der sehr laute und gewalttätige LOST HIGHWAY aber vom kompletten Orientierungsverlust der Protagonisten (und der Zuschauer) handelt (versucht mal spaßeshalber, eine schlüssige Inhaltsangabe zu dem Film zusammenzubringen!), könnte die Narrative in THE STRAIGHT STORY in der Tat nicht geradliniger und simpler sein: Ein alter Mann fährt auf seinem Rasenmäher von Iowa nach Wisconsin. Stellt Euch das mal vor: Da kommt irgendein junger unbekannter Regisseur bei Disney ins Produktionsbüro und sagt: "Hey, Leute, ich habe da eine tolle Idee für einen neuen Film!" Die Produzenten entgegnen: "Super, darauf haben wir gewartet! Und wovon handelt Ihr Film?" - "Ja, da geht es um einen Mummelgreis namens Alvin Straight, der auf seinem Rasenmäher nach Wisconsin fährt, um seinen todkranken Bruder zu besuchen..." Der Bruder - mit dem sich Alvin vor vielen Jahren entzweit hat - darbt nämlich an den Folgen eines Schlaganfalls. Nun möchte Alvin wieder Frieden mit ihm schließen. Soweit wird der junge Regisseur in seiner Inhaltsangabe allerdings nicht kommen, denn die Produzenten von Disney werden ihn bereits vom Sicherheitspersonal vor die Tür setzen haben lassen. Alte Menschen sind nämlich mitnichten die Hauptzielgruppe der großen Hollywood-Studios, und wenn die alten Leute dann auch noch auf einem Rasenmäher durch die Gegend knattern, wittern die Produzenten nicht zu Unrecht den Pleitegeier am Firmament. Da es sich aber nicht um einen jungen Filmemacher handelte, sondern um David Lynch, ließ man ihn gewähren. Das Resultat ist einer der schönsten Filme, an die ich mich überhaupt erinnern kann! Es ist auch einer der langsamsten Filme, dessen Tempo sehr viel mehr mit den alltäglichen Verrichtungen alter Menschen zu tun hat, als mit den koksgesäumten Umtrieben metrosexueller "Beautiful People" aus Kalifornien. Bei alten Leuten ist es nämlich so, daß selbst der Gang in den Garten oder das Bestreichen eines Brötchens zu einem Abenteuer werden kann. Man streicht vieles Nichtige, das man im Leben schon Hunderte von Malen durchgehechelt hat, aus seinem Gedächtnis und konzentriert sich auf die Schönheit, die in vielen simplen Dingen wohnt. Alvin hat sich mit Lyle, seinem Bruder, so richtig schön verkracht, aber der Haß ist schal geworden, und Alvin ist es müde, ihn mit sich herumzuschleppen. Deswegen tuckert er los, und die Wochen gehen ins Land. Er trifft zahlreiche Menschen am Wegesrand, kriegt vom Schicksal ein paar Fährnisse in den Weg klabastert, aber er tuckert einfach ungerührt weiter. Das gequälte Herumgehampel und -gefummel, das etwa Fred/Pete in LOST HIGHWAY kennzeichnet, ist ihm fremd, denn der Weg ist ihm klargeworden: Er führt von Iowa nach Wisconsin und ist auf jedem Straßenatlas nachzulesen. Alles andere war nur Einbildung. Der Schluß des Filmes ist an Schönheit kaum zu überbieten. Da möchte man gleich nach Twin Peaks reisen und den Duft der Douglastanne genießen, über den Agent Cooper so aus dem Häuschen gerät!
190703
Heute fand nicht nur der Geburtstag meiner Mama statt, sondern auch die neue Prunksitzung des "Ghmnsvlln Flmclbs Bmg". Chef Sailor Rip glänzte dieses Mal durch Abwesenheit, da er mit seiner Süßen in Tasmanien weilte. Das ist irgendwie cool (vor allem, wenn sie uns einen tasmanischen Teufel fangen!), aber ich war doch etwas düpiert und sah mich der schweren Aufgabe ausgesetzt, des Seemannes Absenz vergessen zu machen. Das gelang mir nicht wirklich, aber ich verblüffte (im ungünstigsten Falle: langweilte) die Zuschauerschaft mit dem Hinweis auf eine Website, auf der skurrile Namen aus dem ganzen Bundesgebiet kundgetan werden. Wer einen Zeitgenossen namens Adolf Pimmel schon immer kennenlernen wollte oder vom Wunsch beseelt war, sich vom Bestattungsunternehmen "Uebelgünn-Raguse" unter die Erde bringen zu lassen, der klicke bitte hier! Den Link schickte mir Arno - ich habe Tränen gelacht. Die Vorführung lief ansonsten ganz ordentlich und servierte David Cronenbergs blutdürstigen Evergreen SCANNERS ebenso wie Bert I. Gordons DIE INSEL DER UNGEHEUER, eines der schönsten (?) Attentate auf H.G. Wells. (Der Film hätte auch von Uebelgünn-Raguse stammen können, aber jo mei.) Gen Abend hat mich wieder einer jener merkwürdigen Sentimentalitätsanfälle überkommen, die mit ansteigendem Alter immer zahlreicher werden. Ich habe mir eine alte China-Kladde rausgesucht und ein Keßler-Datenbuch angefangen. Da werde ich jetzt immer mehr Daten zusammentragen, die für meinen Werdegang entscheidend waren. Ich glaube nämlich immer noch, daß ich irgendwann einmal berühmt werde, und wann immer ich eine Künstler-Biographie lese, beißt es mich wie blöde, daß ich mich kaum mehr an meinen Geburtstag erinnern kann! Anhand knallharter Fakten werde ich demnächst meinen Lebenslauf nachempfinden können - knapp 35 Jahre auf unbestechlichem Papier eingebeizt! Was wird da stehen? Ich habe mal die wichtigen Personen in meinem Leben zusammengetragen und Anekdoten gesammelt. Für 35 Jahre ist das in der Tat etwas schmalhansig, was da zusammenkam. So wenige Leute habe ich gekannt in meinem Leben? Schluchz... Nö, aber ich habe in der Tat so wenige Leute gekannt, die mir wirklich etwas bedeuteten. Manche Leute sind von meinem Weg geschieden und wären vielleicht erstaunt, daß sie mir wirklich etwas mitgegeben haben, aber so geschieht das halt. An das unsterbliche Leben glaube ich nicht wirklich, aber ich glaube daran, daß wir alle die Menschen, denen wir begegnen, beeinflussen. Wenn wir grimmig über die Straße latschen, dann kann das schon passieren, daß ein Passant, der uns entgegenkommt, danach Selbstmord begeht - das mag der Tropfen sein, der das Faß zum Überlaufen bringt. Künstler machen sogar gewaltig Welle und geben ihren Zeitgenossen eine ganze Menge mit. Ich habe neulich Peter Yates´ tollen THE DRESSER mit Albert Finney wiedergesehen. Der Finney-Charakter ist ein hanswurstiger Theatermime, der nach zwohundert "King Lear"-Aufführungen kaum mehr weiß, wo ihm der Bregen hängt, aber er muß immer weiter machen, da hat er keine Wahl. Und jeder arme Bürger, der seine Darstellung sieht, wird angewidert oder beseelt, wie immer es ihm seine Herzensbildung zubilligt. Am Schluß kratzt Finney ab, und nicht nur Tom Courtenay heult Krokodilstränen ("Ich bin jetzt ganz allein!"), denn die Hanswurstiaden von Finney haben alle angekickt, ob Bürger oder Arbeiter. Die Todsünde ist echt, die Leute unberührt zu lassen und passiv zu bleiben. Den Lear und den Hamlet im Schrank zu lassen und aus Angst vor der Konfrontation die Blamage zu scheuen. Das ist nicht immer lustig. Wenn Finney sich für "King Lear" schminken soll und im Senilitätswahn ein othelloeskes Schwarzgesicht auflegt, ist das noch ganz drollig, aber am Schluß, wenn sein jahrzehntelanger Weggefährte, der schwule Kostümist, kurz vor Finneys finalem Abgang feststellt, daß alle in des Mimen großkotziger Autobiographie ihren Namen finden, nur er selber nicht, der ihn geliebt hat wie sein Kind, dann fließt der Rotz. Und der Rotz fließt halt auch im wirklichen Leben. Aber egal, was für einen Murks man auch verzapft, es hat doch alles seinen Platz. Glücklicherweise habe ich nämlich auch Tom Laughlins tollen BILLY JACK gesehen, in dem der Hippie-Italowestern-Held vermeldet: "Ein Mensch zu sein, heißt nicht, keine Fehler zu begehen. Man begeht an jedem Tag Fehler. Man muß halt lernen, mit seinen Fehlern zu leben, und im übrigen versuchen, es so gut wie möglich zu machen. Mehr geht nicht." Das finde ich für einen Exploitation-Film fucking schlau! Ich möchte schließen mit einem Sermon der gerade von der Bundesprüfstelle groteskerweise indizierten Skinhead-Gruppe Jesus Skins, die da predigen: "Wir bringen keine Myrrhe, und wir bringen auch kein Gold/ Wir bringen Bier und Bibeln, denn das ist gottgewollt/ Und wenn ihr mal nicht wißt, was ihr machen sollt/ Dann geht in die Kirche, bevor der Herr euch grollt." Seid subversiv und beschafft Euch die Platte dieser Hamburger Combo, die beweist, daß Skins mitnichten Nazipack sein müssen. Die sympathischen und humorbegabten Jesus Skins halten mitnichten die andere Wange hin, wenn sie gekloppt werden. Dem "88" der Neos (88= 8. Buchstabe im Alphabet - was wird das wohl heißen?) halten sie entgegen: "77 heißt Grüß Gott, und 88 Nazi-Schrott". Diese Jungs sind jetzt indiziert, befinden sich in der neuen Nachbarschaft von Störsaft und Kohlkopf und dürfen diesen Song nicht mehr live singen - hallelujah! Die Nasen von der BPS können doch wohl nicht dafür...
170703
Das finde ich toll: Auf dem Weg von China zur Grunge-Hauptstadt Seattle ist 1992 während eines Sturmes eine ganze Schiffsladung von Quietscheentchen über Bord gegangen. Das Tolle ist: Die Enten haben in den folgenden 11 Jahren die Weltmeere überquert und sind mehrheitlich wohl nicht untergegangen oder von Haien gefressen worden. Sie haben den Pazifik, den Atlantik und das arktische Eismeer durchkreuzt. Wissenschaftler haben sich den kleinen Duckies an die Fersen geheftet, um so neue Erkenntnisse über Oberflächenströmungen zu erhalten. Da sie sich auf ihrer Odyssee nahezu zweimal so schnell bewegt haben wie das Wasser an der Oberfläche, hat einer der Ozeanographen sie "Hyper Ducks" getauft. Ein paar von den Hyperentchen sind bereits in Hawaii aufgetaucht - andere haben Kurs auf Europa genommen! Ich würde vorschlagen, daß man ihnen bei ihrer Ankunft einen großen Bahnhof bereitet. Das festwütige deutsche Volk macht um Superstars oder Big Brothers bereits großes Aufhebens, aber was ist das gegen die wahrhaft aufrüttelnde Reise voller Gefahren und Abenteuer, die diese kleinen Lieblinge hingelegt haben? Man mag einwenden, bei den anderen Anlässen ginge es um Menschen, aber - ist das so? Ich finde die Duckies wesentlich spannender, und es erinnert mich an meine Leidenschaft für alte Piratenfilme... Am Samstag scheppert es wieder arg im "Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega": Das Doppelprogramm "Rats und Rübe" (bester Titel seit langem!) gibt sich die Ehre, und die gesamte Crew freut sich bereits darauf wie die Schneekönige. Als Hauptfilm winkt ein kanadischer Film, der mitnichten von Elchen handelt, sondern von außer Rand und Band geratenen Telepathen, die mit ihren extrasensorialen Fähigkeiten viele aufsehenerregende Dinge anzustellen wissen. Der Bezug zum Titel des Programms läßt sich aus der Sondervorstellung herleiten, die der Charakterdarsteller Louis del Grande in der wohl berühmtesten Szene des Filmes gibt - für alle Migränepatienten eine echte Warnung! Ein erneuter Besuch in Bad Cronenberg? Wer weiß... Der erste Film beruft sich auf den großen Autor H.G. Wells, und auch wenn er ihm nicht wirklich gerecht wird, so zeigt er doch verschiedene Mimen in den Schlußzuckungen ihrer Karrieren, wie sie z.B. mit mutierten Riesenhühnern und ähnlichem Gewürm fertigwerden müssen. Regie führte Bert I. Gordon, dessen patentierte Vergrößerungseffekte eine gewisse Berüchtigtheit erlangt haben. Kommet zuhauf und bietet dem Morgenmuffel in Euch die Stirn - es lohnt sich! Schließlich seid noch darauf hingewiesen, daß Kommissar Ernst jetzt endlich neue Hinweise erhalten hat und wieder mächtig auf Achse ist. Gerade hat er es mit einem perversen Kasperletheaterkünstler zu tun bekommen... Ach, mal schauen, was daraus wird. Aber ich vertraue auf den Kommissar, er ist ein guter Mann.
140703
Der Frosch hat heute wieder gequakt, und das klang musikalisch schon ganz manierlich. Der Sänger erging sich in endlosen eitlen Kieksern und irregeleiteten Tremoli, die den Stimmumfang des ihm von der Natur mitgegebenen Organs auf eine harte Probe stellten. Genaugenommen habe ich mir heute besonders viel Mühe gegeben, da ich eine Kameraposition wählte, die besonders dicht am Lautsprecher der Gesangsanlage gelegen war. Ich dachte mir, daß man mich etwas mehr als sonst hören würde. Aber - seltsame Gesetze der Akkustik - man hörte mich auf den Aufnahmen sogar noch weniger als beim letzten Mal. Ich war ziemlich angegrellt. Immerhin habe ich diesmal ein Yamaha-Keyboard mitgebracht, das schon seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, bei meinen Eltern herumstand. Damit trieb unser Schlagzeuger Schindluder und donnerte wüste Kitschrhythmen in das Bunkereinerlei und untermalte diese mit Butterfahrts-Vokalbotschaften der herben Art. Die Band im Raum neben uns verschwand jedenfalls sehr rasch. Geschieht denen auch recht, denn die haben in den Flur gepißt! Das macht man doch nicht... Mit dem Keyboard kann man Hunderte von Instrumenten nachahmen, u.a. Sitar, Tubular Bells und Timpani, aber auch Spinett, Banjo und Panflöte. Das eröffnet ein Spektrum ungeahnter Möglichkeiten! Könnt Ihr Euch das "Dies Irae" der Totenmesse (etwa im Titelstück zu THE SHINING zu hören) zu fröhlichen Mariachi-Rhythmen vorstellen? Mit dem Yamaha-Dingsda geht das, und man kann da auch brasilianische Blasinstrumente und zitternde Streichinstrumente hinzumischen, wenn einem der Sinn danach steht. Wir haben uns zwischendurch mal wieder in die Haare gekriegt, aber woran das lag, wußte im Nachhinein keiner. Zerfleischt wurde aber niemand. Danach ging es wieder einmal an die Bochumer Uni, wo man um 1 Uhr nachts über "Panini"-Sammelbilder und das Surround-Spektakel "Cinema 180" tratschte, das eines der Bandmitglieder am Wormser Würstchenmarkt (oder so) miterlebte. Auch ging es um Imbißbuden mit absurden Namen wie "Würstchen-Reaktor" oder "Kotlett-Schmiede", die im Ruhrpottumfeld gedeihen wie sonst kaum wo. Auch entstand der Plan für einen Kurzfilm: Der Frosch verzehrt ein sogenanntes Fettbrötchen (hiesige Spezialität). Bei Sailor Ripley gibt es einen Eckimbiß namens "Thessaloniki" (oder so), in dem diese Dinger serviert werden. Ich habe als einziges Bandmitglied einen Verzehr dieser Delikatesse von vornherein ausgeschlossen, aber ich kann ja schließlich die Kamera halten und den Wirt betexten: "Einmal Fettbrötchen mit scharf!" bzw. "Wie genau macht man Fettbrötchen eigentlich?" Außerdem lernte ich, daß der Ort, an dem der größte Swingerclub Deutschlands liegt, Drahtseilzwang heißt. Das Gespräch im Schatten der Bochumer Uni drehte sich auch um schottischen Haggisbrei und eine ruhrpöttlerische Spezialität, die sich Pannas nennt (oder so). Mit der wollen wir demnächst die Tür der gangbesudelnden Proberaumnachbarn versiegeln. Eine interessante Fragestellung lautete auch: "Wie kam man eigentlich auf Brot?" Auch die Wurst warf Rätsel auf - warum dreht man unschuldiges Borstenvieh durch den Wolf und sperrt es dann in den eigenen Darm? Rätsel über Rätsel. In meiner Heimatstadt gab es eine interessante Spezialität, die sich "Kohl und Pinkel" nennt, und mit letzterem Bestandteil ist mitnichten Paolo Pinkel gemeint, sondern Grützwurst. Vor kurzer Zeit ist der neue "Splatting Image"-Artikel erschienen, der von deutschen Horrorfilmen der Nachkriegsperiode handelt. Ich habe mir erlaubt, einen Film hineinzuschmuggeln, den es gar nicht gibt. Ich fand es toll, daß es tatsächlich einige Zeitgenossen gab, die ihn nicht erraten haben, und so harre ich denn gespannt der Meldungen über Videosüchtige, die den Film auf einschlägigen Börsen zu erhaschen hoffen. Ich bin nämlich ein ganz verkommenes Subjekt! Vielleicht drehen wir den Film selber, mal schau´n... (Nur das mit den Dobermannrüden wird vielleicht etwas heikel.) Viel wichtiger als das Füllhorn der musikalischen und filmjournalistischen Erträgnisse ist mir aber jede Sekunde, die ich mit meinem Schmatzschatz verbringe. An diesem Wochenende haben wir nach einem Partygang einen italienischen Piratenfilm mit Vincent Price gekuckt und danach noch etwas "Love Parade", die von "extra 3"-Moderator Jörg Thadeusz angemessen zersetzend beäugt wurde - dann und wann schallendes Gelächter vor dem Fernsehschirm. Am Sonntag wanderten wir wieder in den Wald, wo uns neulich das Eichhörnchen begegnete. Diesmal: Eichhorn - Fehlanzeige! Ich hatte aber erstmalig meine Knipse mit, in der Hoffnung, ein paar zukunftsweisende Vergangenheitsdias von meiner Liebsten zu knipsen. Damit war es aber Essig, als ich sie unter Androhung brutaler Gewalt dazu zwang, durch das Loch im Wurzelkranz eines umgestürzten Baumes zu blicken. Eichenzweige pieksten ihr in die Augen, und ob dieser Entstellung war ich natürlich gramgebeugt. Von da ab entstellte ich mich nur noch selber und grinste eitel im Umfeld von moosigen Bäumen und haschenden Hörnchen. Wenn die Pix was geworden sind, gibt es hier demnächst diffamierende Zurschaustellungen zu beäugen.
110703Ich hatte beim letzten "Besonders wertlos"-Festival ja die außerordentliche Freude, die Bekanntschaft von Werner Enke zu machen. Enke war Hauptdarsteller und Ko-Schöpfer der einflußreichen deutschen Filmkomödie ZUR SACHE SCHÄTZCHEN, die dem aggressiven Protest der 68er so eine Art liebenswerten Anarchismus entgegenhielt - das Nichtstun als Philosophie. Mit seiner Lebensgefährtin May Spils bastelte er noch einige weitere Filme. Heute abend (Freitag ab 22 Uhr) wird er einer der Gäste bei der Talkshow III NACH 9 sein, die auf NDR 3 über den Äther flimmert. Mal sehen, ob die Konstellation Giovanni di Lorenzo/Werner Enke Möglichkeiten bietet... Bestimmt erzählt Werner auch etwas von seinem neuen Buch.
100703
Ha, jetzt klappt´s! Bevor ich aber irgendwelche Sachen ins Netz stelle, werde ich trotzdem erstmal Rücksprache mit den anderen Bandenmitgliedern halten, denn schließlich stehen da Existenzen auf dem Spiel... :)
090703
Gestern habe ich ein Programm zur MPEGisierung von Klangaufnahmen erhalten. In nimmermüder Kleinarbeit habe ich es erreicht, diverse Soundschnipsel vom Frosch und seiner Elvis-Inkarnation umzuwandeln. Nun muß ich nur noch herausfinden, wie man die Dinger ins Netz stellt, denn bisher hat der Spaß nicht funktioniert. Ich habe einfach mal eine Sounddatei auf die Homepage geladen und einen Link gesetzt - klappt nich´, mööönsch. Vielleicht hat ja einer von Euch ´ne Ahnung, worauf man da achten muß... Wenn ich es geschafft habe, gibt´s auf die Ohren.
040703
Die neue CD von den Sons of Tarantula ist draußen: "Oben rum am Heulen - unten rum am Keulen". Nach einem bukolisch gesumselten Intro setzt dann die gewohnte Donnerpracht los mit dem Hauptsong "Wir schießen, um zu töten". Der "Kötersong" befaßt sich ausgiebigst mit dem Verzehren kaniner Fäkalien. (Kasper: "Mmmh - mmmh!") "Rinderschädel" ist dem neuen Bassisten gewidmet, und "Laß´ es sein" den Herren Cartney und McLennon. In "Zeit für Gefühle" erzählt uns Papst Kasper von seinen familiären Verstrickungen. Das geht ans Herz. ("Ihr seid jetzt alle meine Mutti!") Genauso wie der 2. Hundesong. Wovon das "Wunderlied" handelt, habe ich noch nicht ganz herausgehört. Vermutlich von Wundern. ("Appe Eier, appe Eier, Mensch, das ist ja nicht geheuer!") "Fasson" handelt auf jeden Fall von einem Friseur, in dessen Salon es nur Faconschnitte gibt. Der basiert - wie leider die meisten der Sons-Songs - auf einer wahren Begebenheit. Am Schluß gibt es "Kasper beim Kacken" - dazu sage ich nun nichts. 18 Minuten Frohsinn mit Kasper, dem Sittenstrolch, dem Rinderschädel, der stumpfen Puppe und natürlich dem Würger - 5 gemeingefährliche Wahnsinnige, demnächst in einem Kino in ihrer Umgebung!
Der Kasper ist traurig, aber in einigen Tagen kommt das Interview!
030703
Die Medien haben gestern mal wieder Vollgas gegeben! Äußerst unerfreulich die Episode in Coburg, wo ein weiterer Schüler sich als Amokschütze versuchte und glücklicherweise auf ganzer Linie versagte. Statt wie beim letzten Mal Front gegen böse Filme und Videospiele zu machen, könnten die Verantwortlichen diesmal verschärft der Frage nachgehen, wie ein 16-Jähriger an einen Colt Kaliber .357 kommt. Könnte es möglicherweise sein, daß waffenscheinstarrende Väter mit ihren Prachtwummen etwas zu sorglos umgehen? Solange werdende Staatsbürger nicht Amok laufen, indem sie ihre Lehrer mit Videokassetten erschlagen (Glasboxen böten sich hier besonders an!), soll man naheliegenderen, wenn auch sicherlich komplizierteren Lösungsmöglichkeiten Aufmerksamkeit leihen. Ich erinnere erneut an den Amokschützen von Bad Soundso, der fast Günter Lamprecht umgelegt hätte. Da fanden die Beamten eine riesige Hakenkreuzfahne quer über dem Bett aufgespannt, und geahnt hatte natürlich niemand etwas... Wesentlich freundlicher da die neueste Entwicklung im Fall Friedman: Wichtige, enthüllende Papiere werden versehentlich (?) an eine Pizzeria gefaxt, deren Betreiber sofort zur Presse läuft! Ich hätte nie gedacht, daß ich mal ehrliches Mitgefühl für Friedman empfinden würde, aber der Mann wird momentan auf dermaßen perfide Weise sattgemacht, daß mir dazu nichts mehr einfällt. Im Grunde genommen ist es schon ganz spaßig: Erst die Sache mit "Paolo Pinkel", dann die Geschichte mit dem angeblichen Orgienvideo (das ich sehr gerne mal sehen würde!) Jetzt der comicstripwürdige Patzer mit dem Pizzafax, der sogar von der Staatsanwaltschaft bestätigt wurde. Schuld sind ausgerechnet die Verteidiger von Michel F. - tja, da braucht man in der Tat keine Feinde mehr! Mitleid von Deutschlands meister Tageszeitung verdient nun wirklich niemand, und das Blatt bedenkt den vorverurteilten Vielleicht-Kokser mit geheucheltem Mitgefühl satt. ("Wie krank ist Friedman wirklich?" - johoho, die reiben sich doch die Hände!) Erneut, ich kann den Mann nicht leiden, aber er ist immerhin intelligent, und wenn solche Leute von anderen intelligenten Menschen, die sich aus Kommerzgründen dumm stellen, zum Horst gemacht wird, finde ich das degoutant und würdelos. Dagegen finde ich selbst Koksen wirklich verzeihlich, und eine Straftat muß dem Mann erst nachgewiesen werden... Ich finde es jedenfalls sinnvoll, wenn man sich über Sympathie oder Antipathie für eine bestimmte Person erheben kann und die Dinge so sieht, wie sie einfach sind. Natürlich freuen sich überall die Leute ein Loch in den Bauch. Ob das daran liegt, daß sie keine Juden mögen oder einfach nur Michel Friedman, ist da eigentlich bedeutungslos. Wir haben einen gemeinsamen Feind, und zwar die vorsätzliche Verdummung der Menschen und die Absurdführung der Demokratie. Trotzdem, die Sache mit dem Fax hatte Klasse, wer immer das eingefädelt hat! Darauf muß man erstmal kommen, tjaja...
010703
Ja, im Moment bin ich sehr froschbeherrscht! Letzte Woche sind wir nämlich nach längerer Abstinenz wieder in den Proberaum gegangen und haben nach Herzenslust losgeschrammelt. Da mir meine Videokamera vor kurzem in Scherben gegangen ist, habe ich unter großen persönlichen Entbehrungen eine neue besorgt und den Wahnsinn dokumentiert. Besonders niedlich fand ich diesmal eine Version des alten Undertones-Klassikers "Teenage Kicks", bei der ich in ein Megaphon blökte wie ein von allen guten Geistern Verlassener. Kai, unser Bassist, experimentierte mit meinem Taschenventilator herum und erzeugte Töne, die nach elektrischem Streichensemble klangen und im "Blues for Jean Pütz" resultierten. Zum nächsten Mal will er einen Vibrator besorgen. Die beiden neuen Stücke, "Seebär-Lilly" und "Nixtun", klappten eigentlich auch recht gut. Mal schauen, vielleicht kann ich die übrigen Bandmitglieder ja dazu überreden, daß wir mal ein paar MPEGs ins Netz stellen. Bis dahin müßt Ihr Euch noch mit einigen Texten begnügen, die aber auch noch sehr provisorisch sind... Seitdem war ja auch das "Besonders wertlos"-Festival von meinen Freunden von "Absurd 3000". Wie immer gab es viel zu kucken und zu lauschen, wenngleich ich kaum dazu kam, den Filmen mein Auge zu leihen - ich wollte auch eigentlich mehr in netter Gesellschaft stranden. Leider verpaßte ich Rainer Kirberg am ersten Tag, dessen schöner DIE LETZTE RACHE mir noch aus meiner Teenagerzeit im Gedächtnis haftet. Volle Granatenkeule gab´s aber bei Werner Enke. Ich halte ZUR SACHE SCHÄTZCHEN von Werner und seiner Lebensgefährtin May Spils ja für einen der zeitlosen Kracher des deutschen Films. Er ist auch heute noch, 35 Jahre nach seinem Entstehen, ein Werk, dem Punks ebenso beipflichten können wie streßgeplagte Bürgerkinder mit Rochus auf die Autorität. Die Verweigerung von Arbeit und den sogenannten bürgerlichen Pflichten wird als Lebenseinstellung präsentiert, die - ganz anders als die meisten der Vertreter des "jungen deutschen Films" - nicht auf der Grundlage von intellektuellen Thesen beruht, sondern einem humorvollen und bauchigen "Jetzt liegen wir erst mal dumm rum und kucken dann, was uns der Tag beschert". Wenn sich neue Erkenntnisse einstellen, dann jauchzt man erfreut. Wenn nicht, dann dreht man sich auf die andere Seite und segnet den Erfinder des Bettes, einen der ungekrönten Könige der Weltgeschichte. Da wühlt man seine rechte Gesichtshälfte ins Kissen, probiert dann mal die linke, und welche dann angenehmer ist, bekommt den Zuschlag! Das Sichwohlfühlen wird immer wieder bedroht von den erbitterten Gegnern des Sichwohlfühlens, und das sind unsympathische und gänzlich unehrenhafte Vertreter von leicht enttarnbaren Egoismusstrukturen. Die wollen einem nur den eigenen Krampf aufbürsten. Wie immer, wenn man Helden begegnet, hatte ich Angst - was wohl, wenn der Held in Wirklichkeit ein krauser Kobold ist? Enke war dies mitnichten, sondern wuselte sich verschroben durch das Interview, das nach dem Film erfolgte, und erzählte einige Anekdoten, die erläuterten, warum er seinen eigenen Weg bis heute durchzog - eben nicht wegen irgendwelcher edler Ideale, sondern weil es ihm selbst einfach angenehmer dünkte. Die aggressiven 68er waren ihm ebenso unangenehm wie das verlogene und sich selbst entfremdete Bürgertum jener Tage, und er gab dann einfach mal Gas. Das von Ralf geführte Interview war richtig schön. Danach besäuselte sich der Meister anmutig und malte mir einen "schlaffen Haro" in mein Enke-Buch, denn Enke hat ja auch vor kurzem ein Buch gefertigt: "Es wird böse enden". Dafür hat Werner eine Art Mixtur aus persönlichem Tagebuch und Comic geschaffen, die auf seinen Daumenkino-Erlebnissen basiert, die auch im berühmten Film festgehalten sind. Das Buch offeriert Trost im widersinnigen Alltag und eine Anleitung für einen jeden, der trotz allen Widrigkeiten bemüht ist, dem zunehmend schwerer zu erfassenden Schwachsinn Paroli bieten zu können. Wenn man gerne ein nettes Bier schnorchelt, so ist das durchaus kein Hinderungsgrund - man kann das auch ganz gut, während man das Buch schmökert! Das Buch findet Ihr hier, denn das ist Werner Enkes Fansite, die von einem Menschen namens Grizi geleitet wird. Werner ist echt der Wahnsinn auf Stelzen. ("Ich mag es nicht, wenn die Dinge sich morgens schon so dynamisch entwickeln.") Am 17. Juli ist Werner übrigens auch in meiner Heimatstadt zu Gast, bei III NACH NEUN. Da sollte man einschalten, denke ich. Nachts habe ich beim Festival immerhin noch den interessanten MÄDCHEN MIT GEWALT vom heutigen Restaurantchef Roger Fritz gesehen, in dem Klaus Löwitsch und Arthur Brauss zwei Tagediebe spielen, die eine junge Frau (Rogers damalige Freundin, Helga Anders) entführen und vergewaltigen. Die Tat führt zu psychosexuellem Sprengstoff und einem ebenso zynischen wie unerwarteten Finale. Den Film habe ich mir angekuckt, weil der niemals auf Video erschienen oder im TV gelaufen ist, und wie unfreundlich auch die damaligen Kritiken gewesen sein mögen - der Film ist handwerklich exzellent und bietet hervorragende Rollen für die Protagonisten. Die Grundstimmung ist sehr trist und verzweifelt an der Menschheit - wenn Roland Klick den nicht gesehen und in seinen DEADLOCK eingearbeitet hat, beiße ich mir in den Sack. Die Meinungen waren auch diesmal sehr gespalten, aber beeindruckt waren alle. So soll es sein auf einem Festival! Am Folgetag habe ich noch die Kurzfilme von Sunny Day Gore gesehen, deren Dirk Gerbode anwesend war. Die waren sehr faszinierend und reichten von vergnüglich unsubtiler Jugendfilmverarsche (WOLLE, MACH´ WEITER!) zu derbem Splatterspaß (SDG´s Debüt HASI ON OZONE). Angereiht waren auch Dirks spätere Ko-Arbeiten SCROTUM MAXIMUM und HYDRONEPHROSE (mit meinem Freund Graf Haufen), die noch mal einen Zacken draufgeben. Schon in früheren Zeiten waren SDG mitnichten Gorebauern, sondern fröhliche Beackerer zugeknorpelter Feldfurchen, wann immer der gute Geschmack drohte. (Man denke etwa an ihr aufwühlendes Dokudrama über die Menschen ohne räumliche Wahrnehmung.) Die Leute hatten Grips und feierten gerne. Die Resultate kann man betrachten. SCROTUM MAXIMUM ("Scrotum" ist Medizinlatein für Hodensack) handelt von den Irrwegen der ärztlichen Ethik in einer Pathologie, bei denen sich ein Mediziner z.B. eine Zigarette an austretenden Fäulnisgasen anzündet. (Jan Braren, der beste der SDG-Darsteller - der ist wirklich klasse!) HYDRONEPHROSE zeigt die Leiden eines Leichnams, dessen gänzlich krankheitsfreier Körper nur zum Zerschnibbeln für Studenten freigegeben wird. Aus Gram darüber bastelt sich der Leichnam einige Zusatzkrankheiten, die ihn zu einem Museumsstück machen... Dirk war supernett und hat mir auch seine Kassetten geschenkt, die ich mir mit Cora nächtens noch angeschaut habe. Wir haben uns weggeschmissen! Vielleicht setzt das demnächst noch einen eigenen Text... Genauso übrigens wie für Thilo Gosejohann und seine Neverhorst-Company! Die haben den neuen Film, OPERATION DANCE SENSATION, nämlich praktisch fertiggestellt und haben jetzt ihre eigene Homepage erstellt, die in den nächsten Tagen angereichert wird mit zahlreichen Zusatzinfos - da lohnt sich das Lesezeichen! Mit meiner Cora habe ich im übrigen wieder ein traumhaftes Wochenende verbracht, das geprägt war von leckerem Tee, Mariano Bainos sehr schönem und unheimlichem DARK WATERS und einem Sonntagnachmittag in einem Wald, wo wir auf einer Bank saßen, Händchen hielten und einem Eichhorn dabei zusahen, wie es sich den Baum hinaufstahl. Eichhörner sind putzige kleine Gesellen, die richtig rotzig werden können, wenn sie einen nicht mögen. Die beschmeißen einen mit Eicheln und allem Kram, der ihnen in die Pfoten kommt. Die sind nicht gefallsüchtig und geben Kante, wenn ihnen der Sud kocht. Unseres hat uns nicht beschmissen. Wir saßen da und fühlten uns fein und unbehelligt. Cora meinte, man könnte DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN auch sehr gut DIE SCHIMMELREITER nennen, frei nach Fontane. Ich liebe diese Frau. Vor uns entfaltete sich ein breites Spektrum dichter Tannhaftigkeit, in das ich in Gedanken eindringende Vietcongtruppen einsponn. Cora konterte mit mutierten Ohrenkneifern, die in der Tat zu den noch nicht filmerfaßten Insekten gehören. Der Sonntag wurde immer ruhiger und die Bäume wuchsen immer höher und sicherer. Sie waren auf unaufdringliche Weise lieb. Danach ging es wieder zurück nach Hause. Die Leute kuckten manchmal etwas argwöhnisch auf die bunte Haut meiner Frau, aber das waren meist morsche und mißgünstige Blicke, so ganz anders als die der Bäume vorher. Die haben einfach nur interessiert gekuckt und gut gerochen. Wir haben dann noch lecker chinesisch gegessen. Da sind dann wieder ein paar Fotos, die mein innerer Kameramann geschossen hat. Die Augen von meiner Liebsten sind mittlerweile verbunden mit Enten, Bäumen und strahlender Sonne. Wenn Regen herabplumpst, ist das auch schön, denn der klart die Luft. Aber man gewinnt allmählich einen Eindruck von der Zeit, die auf einem lastet. Die ist nämlich überhaupt nicht böse und schädlich, sondern bringt einen immer weiter von Hüh nach Hott. Ein paar meiner Freunde sind im Moment unglücklich, aber denen - wie allen umflorten Lesern - sei gesagt: Der ganze Unfug verändert sich immer. Das kann man gar nicht verhindern, wie sehr man sich auch dagegen sträuben mag. Man muß manchmal heftig Schifferscheiße schaufeln, aber wenn man mal durchgeschaufelt ist, schmeißen die Eichhörnchen mit den Erdnüssen. Und das lohnt das Warten. Au, und bevor ich´s vergesse: Der Kommissar Ernst hat mich gerade angerufen. Er hat wieder eine Spur aufgenommen, die ihn auf die Ferse des Aalmörders bringt. Mittlerweile hat er einen Zeitungsmagnaten mitten in die Schnauze gehauen. Das war keine böse Tat. Die Aggression war da - der Zeitungsmensch war da - das schrie einfach nach einem Akt sinnloser und erlösender Gewalt. Der Federfuchser hat das irgendwie gewollt. Seine Nase blutete etwas, aber das war gar nichts gegen Vitali Klitschkos Augenbraue nach dem Kampf gegen Lennon Lewix. Wir werden sehen, was aus dem Kampf gegen das Unrecht wird, wenn sich die medialen Erschütterungen erst einmal gelegt haben...
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