IMMER UM DEN MAIBAUM RUM

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NEWSTICKERARCHIV
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260503

Der europäische Songwettbewerb, der am Sonnabend in Lettland stattfand, war wieder einmal eine sehr delektable Angelegenheit, auch wenn ich ihn dieses Jahr nicht in der erlauchten Gesellschaft von Robert & Bettina miterlebte, da die Hausherrin mit einer Grippe darniederlag. Stattdessen biß Cora in den sauren Apfel und stand das Event mannhaft durch. Ein großer Pluspunkt war wie üblich der Kommentar des Musikjournalisten Peter Urban, der mit großer Maliziösität den einen oder anderen Seitenhieb in das ansonsten stromliniengeformte Spektakel einflocht. (Herr Urban, das nur so nebenbei, hatte übrigens denselben Magisterprüfer wie ich an der Uni Oldenburg - die Welt ist klein!) Wir, die wir auf echte Peinlichkeiten hofften, wurden zunächst bitter enttäuscht: Die vorgestellten Troubadixe zogen sich einigermaßen würdevoll aus der Affäre und vermieden grobe Schnitzer. Den Beitrag aus Österreich (garantiert nicht Haider-kompatibel!) fand ich sogar richtig gut, da der Künstler - so etwas wie Österreichs Antwort auf Guildo Horn - eine nette Trällerei über "Haserl" und ihre "Naserl" zum besten gab, komplett mit bizarr hampelnden und grimassierenden Go-Go-Tänzerinnen - mutig! Den deutschen Beitrag fand ich ja richtig lau, aber was will man machen, wenn etwa 80 Prozent der Teilnehmer bei so einem Wettbewerb mit Variationen auf "It´s a beautiful day" und "Don´t break my heart" aufwarten? Natürlich war der Ösi unser absoluter Favorit, aber was ernstgemeinte Songs anging, so gefielen uns am besten die Sängerin/Schauspielerin aus Frankreich, die Stil statt Styling anbot und von der Jury prompt abgewatscht wurde, und natürlich die sympathische Folk-Rock-Gruppe aus Belgien, die mit ihren fast schon Grufti-Mittelalter-verträglichen Weisen fast das Rennen gemacht hätte. Letztlich gewann aber die türkische Combo, was auch okay war, denn die konnten wirklich gut bauchtanzen. Die auf dem Lesben-Schock-Ticket reisenden Russinnen kamen auch relativ weit, waren aber m.E. längst nicht so gut wie Platz 1 und 2. (Cora meinte, das klingt so wie: "Es ist kalt, wir haben Hunger.") Polen wurde repräsentiert von dem Punk-Hans-Hartz, der auch bei der Endausscheidung für den deutschen Beitrag bereits mitgemacht und mit einer Ballade à la "Rammstein mit Herz" abgeloost hatte. Das Lied hier war etwas besser, aber jo mei. Der irische Barde hatte ein nettes Gesicht und Coras Lieblingsgitarre des Abends, konnte aber nicht überzeugen. Estlands Rockgruppe Ruffus hatte einen wild grimassierenden Sänger mit Sting-Stimme, der einen Refrain sang, der 100%ig klang wie "AIDS is coming back" - Irrsinn! Der relativ nette und retrogetönte israelische Beitrag ging bei der Auswertung völlig baden, während vollkommen belangloser Dreck wie das schwedische Plastikgehampel oder die ganz debilen Rumänier hoch in der Gunst lagen. Die Letten gingen mit ihrem Beitrag fast völlig unter (Cora: "Och, dabei haben die die schönen Knetblumen für die TV-Sendung gebastelt!"), und nur durch eine Gnadenschenkung von Estland entging man der kompletten Null. Das war nicht der Fall bei den Briten, die für ihren Eurodisco-Schrott (der obendrein jämmerlich und offensichtlich mit Abspielfehler vorgetragen wurde) gerechtermaßen keinen einzigen Punkt bekamen. Habe ich schon erwähnt, daß die griechische Sängerin aussah wie Lilo Wanders als Domina, mit eng geschnürtem Korsett? Am Sonntag sind Cora & ich in den "Botanischen Garten" der Bochumer Uni gegangen, wo es richtig toll war: Da gibt es Pflanzen mit Namen wie "Ansehnliche Fetthenne" oder "Glockige Prachtglocke"! Auch toll war der Strauch, der sich "Frau Rutschkys Sämling" nannte... Auch in der Botanik gibt es eine Menge Humor. Besonders schön war der "Chinesische Garten", wo man wunderbar einen Kung-Fu-Film drehen könnte, denn die Sets sind eigentlich alle da. Vor dem China-Haus ist auch ein toller Froschteich, wo die kleinen grünen Racker derzeit kräftig Gas geben - ist ja Balzzeit. Es war sehr niedlich, den Froschs bei ihren wechselseitigen Bespringungsversuchen zuzuschauen. Rekord war eine Dreier-Pyramide von heftig quakenden Grünlingen. Vielleicht waren das ja alles Männchen? Dann wäre es das gewesen, was ein Freund von mir mal als "CRUISING-Polonaise" bezeichnete... Zu Hause hatte ich dann noch Gelegenheit, das 2.-Liga-Finale mitzuerleben: Den Mainzern gehört mein ganzes Mitgefühl - als Schalke-Fan weiß ich nur zu gut, wie man sich in so einer Situation fühlt. Auf Schalke war es aber so, daß man zwar intensiv blutet, wenn die Sache so krumm läuft, aber dann rappelt man sich auch wieder schnell hoch und greift von Neuem an, und das wünsche ich den Mainzern!

230503

Ich habe ja schon lange versucht, zum Olymp der Fernsehgewaltigen hervorzustoßen. Aus mir nicht erfindlichen Gründen ist mir das aber bislang nicht gelungen. Egal, nun partycrashe ich die Welt des flotten Fummels mit einer bahnbrechenden neuen TV-Idee, die ich gerne aufstrebenden Fernsehproduktionsgesellschaften bargeldlos zur Verfügung stelle: DR. VLADIMIR VULVA - ein von vielen Frauen verehrter Gynäkologe, der eigentlich ein verdeckt operierender Geheimagent der CIA ist! Hunderte von Frauen quälen sich täglich um einen Termin bei ihm, was auch kein Wunder ist, denn er wird ja von Mel Gibson gespielt. Doch in Wirklichkeit hat der Mann eine Lohnkarte laufen beim amerikanischen Geheimdienst - die rote Gefahr hat beim Traumdoktor keine Chance! Der gewidmete Mediziner mit dem seifenoperkompatiblen Antlitz hat allerdings auch einen Sidekick, nämlich den sprechenden Chinchilla Wernher von Braun. Den Großteil der Serie hinweg muß der Chinchilla immer wieder vermelden, daß er ganz normal "Werner" ausgesprochen wird, auch wenn da dieses verdammte "H" in seinem Namen klebt. Ansonsten quasselt er eigentlich fast nur Unfug, kann aber wunderbar - ALF-mäßig - als Kuscheltier vermarktet werden. Dr. Vulva, seines Zeichens russischstämmiger Amerikaner, ist aber nicht nur Geheimagent bei der CIA, sondern auch beim FBI. Im Rahmen eines Zeugenaustauschprogrammes hat er nämlich vor Jahresfrist eine neue Identität angeklebt bekommen, da er zweifelsfrei nachgewiesen hatte, daß Freddie Mercury vom russischen Geheimdienst vergiftet worden war. (Woher sonst hätte der Bittermandelgeruch in der Kemenade des beliebten Sängers herrühren sollen? Die Wahrheit ist, wie so häufig, aus Gründen der Staatsräson unter den Teppich gekehrt worden.) In seiner neuen Eigenschaft als Frauenarzt und Spion bekommt es Vladi Vulva mit zahlreichen harten Nüssen zu tun, die geknackt werden wollen. Ausschabungen und verdeckte Operationen (=Hinrichtungen von politischen Irrläufern) sind für ihn Tagesgeschäft. Trotz seines unverschämt guten Aussehens ist er ein wahrer Philosoph und begeistert seine Umgebung mit Einsichten, die die Einsicht in das Wesen der Welt erkennen lassen. Außerdem fickt er wie ein sizilianischer Zementmischer, was ihm einen legendären Ruf unter seinen Patientinnen verschafft, zu denen auch Kim Basinger und Jennifer Lopez gehören, wenn das Budget es zuläßt. Obwohl die Serie in der BRD gedreht wird, spielt sie hauptsächlich in Nordamerika, was einigen Aufwand erfordert, da z.B. die Niagarafälle nachgestellt werden müssen, für die Episode mit dem inkontinenten Butterschacherer. Das kann man natürlich auch am örtlichen Baggersee machen, aber ob die Millionen das schlucken? (Andererseits schlucken die meisten auch die Tagesnachrichten...) Der Chinchilla Wernher ist wegen seiner bezaubernden Sinnlosigkeit natürlich ein von mir besonders geschätzter Charakter und sollte eine eigene Erkennungsmelodie bekommen, vorzugsweise mit den von Max Goldt so treffend als solche bezeichneten "Scheißlebensfreuderhythmen" aus Südamerika, etwa Samba oder Cha-Cha-Cha. Jedesmal, wenn der kleine Racker im Bild erscheint, muß ein entsprechendes Motiv erklingen, das "Wernher-Motiv". Da der Chinchilla sprechen kann, kann er ja auch singen, und so sollte er die charakteristischen südamerikanischen Instrumente selber intonieren. In der ersten Episode (der Pilot?) klären die beiden Freunde einen Frauenmord, der an einer Tschetschenin begangen worden ist, die als Go-Go-Tänzerin in Hollywood arbeitete. Vorsichtige Antastversuche von Dr. Vulva (inkl. Erkundungen des zwielichtigen Milieus) führen zu fulminanten Verwicklungen, die schließlich zu einem brisanten Gipfeltreffen führen, bei dem der Zwergpudel der Ermordeten den Präsidenten Putin voll in den Zwickel beißt. Kanzler Schröder steht ohnmächtig daneben und muß zusehen, wie eine vorsichtig herbeimanövrierte Entspannungspolitik voll über den Jordan geht. Und wenn dann noch der Schlächter mit der Kettensäge auftaucht, ist ganz Feierabend. Ob die TV-Gewaltigen hier feige Fersengeld geben werden, bleibt abzuwarten. Ich stelle mir ein richtiges Massaker vor, bei dem die Regierungsoberhäupter selbstredend unangetastet bleiben, aber die kleinen Apparatschiks und Mitläufer gehen natürlich voll vor die Hunde. Die Gewalttoleranzgrenze des Fernsehens muß voll ausgeschöpft werden. Schröder kann meinetwegen entkommen, aber es müssen gewisse Kommentare fallengelassen werden bezüglich der verdammt miesen Regierungspolitik in unserem Land. In jedem Falle gibt es eine Menge Blut & Geschmatter. Dr. Vulva entkommt natürlich und vögelt sowohl die russische Doppelagentin als auch die kalifornische Imbißkellnerin (die er durch Zufall aufgelesen hat) rückhaltlos durch. Der Chinchilla Wernher verkündet so nebenbei eine Wunderkur gegen Krebs und AIDS, die ihm von Außerirdischen eingeimpft wurde, aber niemand will zuhören, da die Meinungsäußerungen von Chinchillas ja für gewöhnlich nicht viel ernster genommen werden als solche aus der dritten Welt oder von Arbeitern. (Er darf auch gerne - wie Alf - von Tommi Piper gesprochen werden.) Und das ist nur die erste Folge! Der Rest der Serie wird den Stuhl der Gewaltigen in Leichenblässe erstarren lassen... Da werden mit bloßen Fingern heiße Eisen angepackt werden. Zwischendurch laufen irgendwelche völlig beknackten 0190-Werbungen, à la "Kioskbesitzer in Ihrer Umgebung warten auf Ihren Anruf". Das kann man dann gerne mit geilen Osteuropäerinnen koppeln, die ihre Implantate kneten - für den Fernsehruhm nehme ich so manches in Kauf! Wenn während der Pilotfolge lauter Autos und Eigenheime explodieren, ist mir das auch wurschtegal - es geht mir nur um das Geld und die Aussage. Ansonsten fällt mir jetzt nur ein, daß ich eine christliche Skinheadgruppe im Internet gefunden habe, deren Name "Jesus Skins" ist. Ihr Hit nennt sich "77 heißt Grüß Gott", bezieht sich auf eine Nazi-Codezahl und ist ganz fetzig. Das kann man dann auch gerne als Titelmelodie für Dr. Vulva verwenden. Vielleicht gröhlt der Chinchilla dann noch im Hintergrund irgendwelche erbaulichen Botschaften. Neben Mel Gibson in der international verwertbaren Hauptrolle würde ich dann nur deutsche Darsteller einsetzen, wie Armin Rohde, Axel Milberg, Oliver Stokowski und so fort. Und Kim Basinger wird dann zwischendrin von Wernher von Braun vergewaltigt. Aber nur mit Hardcoreszenen, sonst lege ich mein Veto ein. 

210503

Das Jungfernhäutchen, wissenschaftlich als Hymen bezeichnet, erfreut sich schon seit ehedem einer mysteriösen Beliebtheit in der Gunstskala begattungswilliger Männchen. Ist eine Jungfrau noch nicht "geknackt" ("her cherry hasn´t been popped"), so gilt das als Zeichen erhöhten sexuellen Genusses für das Männchen. Warum das so ist, ist mir ehrlich schleierhaft. Ein Jungfernhäutchen ist mir in meinem irdischen Dasein bislang noch nicht untergekommen, aber ich stelle es mir eher komplizierter vor als den herkömmlichen GV, und zwar sowohl in körperlicher Hinsicht wie auch in seinen seelischen Implikationen. In seinem Drama "Der Sturm" warnt Shakespeare die jugendlichen Liebenden davor, der Lust zu frönen, "bis daß Hymens Fackel euch zu Bette leuchtet". Das ist vernünftig, denn Komplikationen haben nur selten ein mattes Eheglück zum Funzeln gebracht. Von einem Jammerlappen zu sprechen, ist wohl ebenso unsensibel wie ungenerös, aber die Jungfernschaft schlechterdings als besonders lustfördernd zu bezeichnen, ist wohl eine Unwahrhaftigkeit, die der Unwahrhaftigkeiten sucht. Nichtsdestotrotz hat eine peruanische 21-Jährige ihre Jungfräulichkeit per Internet dem Meistbietenden angeboten, und zwar unter der Adresse uiheiuaspyikfpc.hymen.com (oder so). Sie könne ihr Philosophiestudium in Santiago de Chile ansonsten nicht fortsetzen und zu ihrer Familie nach Peru reisen, vermeldet der "Yahoo"-Text. Das Einstiegsgebot (hohoho, ohne Gänsefüßchen; wie kokett, lieber Yahoo-Text!) betrage 700.000 Pesos, also 861 Euros. Am Montag wird die Entscheidung getroffen; es ist also schon zu spät. Ich finde es sehr faszinierend, daß so ein liebenswerter Defekt wie die Jungfräulichkeit auch heute noch, im Jahre 2003, so hoch geschätzt wird, daß einsame Widerlinge überall so sattsam mitbieten, daß "Sandy" (ihr Pseudonym) gar keine eMails mehr erhalten kann, dank Überlastung. Ich habe eine gute Freundin mal gefragt, ob sie mit ihrem Dozenten schlafen würde für eine gute Note. Sie antwortete: "Naja, dann würde es endlich mal was bringen!" Werde ich nie vergessen, und ich glaube auch nicht, daß "Sandy" aus Peru dieses spezielle Schäferstündchen vergessen wird, denn jemand, der so fixiert ist auf das Jungfernhäutchen, scheint mir ein rechter Rapunzelprinz zu sein, und Rapunzelprinzen gibt es überall, und die haben eine Scheißangst vor Frauen. (Schmerz + Blut = Frau? You bet, sailor!) Im ägyptischen Nildelta sind zwei sensationelle Mumien aufgefunden worden. Vorangegangene Nachrichtenmeldungen vermeldeten, es handele sich um zwei Königinnen der Etepetete-Dynastie, aber mittlerweile ist herausgekommen, daß es sich in Wirklichkeit um das Ehepaar Karsubke aus Wanne-Eickel gehandelt hat. Unglaublich, aber wahr: Die beiden frischvermählten Sahnehappen aus dem Ruhrpottumfeld sind in Wirklichkeit in einen tiefen Schacht gestoßen, der keine Wiederkehr offeriert. Seit dem Jahr 1968 vermißt, war es wohl nur ein Aufglimmen ehelichen Leidenschaftsdranges, der des Liebespaares Tod im Sande mit sich führte... Zum Vollzug ihrer ehelichen Pflichten wählten die beiden ausgerechnet einen gerade ausgehobenen Schacht, in dem Relikte längst vergangener Tage zutagegefördert werden sollten. Da Luftmangel herrschte, wurden die Eheleute selber Relikte längst vergangener Tage: Erst die Geruchsbelästigung, dann der Erstickungstod - panisch irrten die jungen Turteltauben in ein frühes Grab. Er: ein Plattenverläufer aus Witten; sie: eine Bardame aus Castrop-Rauxel. Das gemeinsame Kind wurde in der Zwischenzeit aufgezogen von den Eltern der Mama und leitet jetzt einen Kiosk in Witten, der zum großen Teil von der rockergeleiteten Tätowierermafia geschmissen wird. Immerhin gibt es da den "Musik-Express" - ich war da! Mama und Papa sind trotzdem Staub, oder vielmehr Halbstaub, denn ihre Mumien sind immer noch vorhanden und zeugen von dem, was da sein konnte, aber nicht sein durfte. In den Pioniertagen der USA wurden Mumien als Feuermittel für die Eisenbahn verwendet, um den Fortschritt zu fördern. Die Mumien des Ehepaars Karsubke werden vermutlich nur noch in Provinzmuseen ausgestellt, da modrige Vergänglichkeit umso preisungswürdiger erscheint, je unerklärbarer sie ist. So wird mit Mumien aus Wanne-Eickel verfahren - es tut mir leid, das so schonungslos offenlegen zu müssen. Wie bei allen Mumien kann man auch hier die Frage stellen: Hätte das wirklich so kommen müssen? Hätten diese Mumien nicht ein schönes Leben haben können, zusammengeknäult und aneinandergeschmiegt in einer kleinen Etagenwohnung irgendwo im Ruhrgebiet? Er: ein Plattenverkäufer aus Witten; sie eine Bardame aus Castrop-Rauxel? Da hätte Ägypten gar nicht dazwischenkommen müssen. Mir ist das alles ja sowieso völlig egal. Ich habe gerade eine italienische Gaunerkomödie mit Senta Berger, Nino Manfredi und Totò gesehen, und zwar in trauter Eintracht mit Gentlemen wie Sam Giancana, Salvatore "Mad Sal" d´Onofrio und Anthony "Eispickel" Iannone - allesamt Gangstergrößen aus dem Chicago der 50er Jahre. In James Ellroys Meisterstück "American Tabloid" scheinen alle dahinzusterben, aber im Herzen des Lesers leben doch alle weiter, und sie sitzen halt alle bei mir, wie ich mir diese fröhlichen Gangster-Klamaukiaden zuführe, und sie beklatschen alle das süditalienische Ambiente, die süditalienische Lebensart. Das wäre damals doch alles ganz anders gelaufen, wenn man statt der ausgestochenen Augen, geplätteten Gonaden und gebrochenen Herzen lieber auf das italienische Exploitationkino gehorcht hätte. Da gab es immer irgendwo einen Weg aus dem Chaos, ob durch Gewalt oder durch Vernunft. Mir erscheint jetzt ob all der Mumien, die auch meinen Lebensweg pflastern, als sei die persönliche Historie nur bis zu einem gewissen Grade beeinflußbar. Da sind Ringelnattern, die sich ihren Weg durch brötchenknabbernde Enten bahnen; Kifferpartien, die von geheimnisvollen Fremden im Universitätsgarten aufgescheucht werden; Hans Albers als Backgroundmusik zu Liebesnächten; Rom als pittoresker Hintergrund für ausgelebte Pubertätsträume, voll der saftigen Möglichkeiten und der überschätzten Wahrheiten; Buxtehude aus bundeswehriger Idiotie, wo der Igel mit dem Hasen wettläuft und stets der Falsche gewinnt; Castle Rock-Bangor/Maine, wo die Paul Bunyan-Statue mit jedem wetteifert, der genügend Fantasie hat; Spanien, wo der Stier einen umrennt und der Vater furchtsam auf der Mauer hockt, im Schatten des Hotels Flamenco, wo ich meinen einzigen wahren Geist gesehen habe, in den Lichtungen der Olivenhaine; wo man schwimmen lernt, auch wenn ein Nagel im Sprungbett des Hotels steckt. Da ist der Schulhof, wo man wie ein verkappter Schwerverbrecher rumläuft, um nicht verprügelt zu werden; da ist der Kindergarten, wo man alles in Brand setzen wollte, was da um einen herum war. Davor ist das Hopsgestänge der Eltern, dem man nur kurz entfloh, als man fast in einem Gewässer mit dem Namen Emmasee ertrank. Davor ist vermutlich der Mutterschoß, aber davon wurde mir nur erzählt. Das Leben ist lang und wunderbar. Man kann den ganzen Quatsch manchmal nicht fassen; dafür ist ein Menschenleben zu wenig. Man findet sich dann am "Mensch, ärgere dich nicht"-Brett wieder und verschiebt die kleinen Plastikfiguren. Man denkt an all die Dinge, die Macht über einen haben. Das treibt einem manchmal die Tränen in die Augen, und manchmal ein Lächeln ins Gesicht. Davon kommen diese putzigen Kerben im Antlitz. Manchmal brechen einem Idioten oder Idiotinnen auch die Arme oder das Herz, aber darauf kommt es nicht wirklich an. Das ist mit im Paket. Unterm Strich zählt nur - wie Kanzler Kohl das mal ausdrückte -, was unten rauskommt. Oder nicht? Vielleicht zählt doch mehr. Ich habe, als ich als Kleinwüchsiger im Hotel Flamenco gastierte, wo ich meinen einzigen Geist sah, bei Ebbe die freigewordenen Felsen durchgrast und Krebse und Fische gefangen. Danach habe ich die Krebse und Fische wieder freigelassen. Möglicherweise hat das die ökologische Ordnung etwas durcheinandergebracht, aber ich bin aus irgendeinem Grunde davon überzeugt, daß die Krebse und Fische wieder ihren Weg gefunden haben. Und mag das auch ganz anderswo gewesen sein, als das ursprünglich vorgesehen war. Ich hoffe es zumindest. Danach bin ich immer in die Felsen gegangen, klettern. Das ging da gut 30 Meter hoch. Ich bin da barfuß hochgeklettert, habe die heiße, gelbe Erde zertreten und habe ohne Sicherheitsnetz das Meer gesehen. Die drei Felsen, die da in einiger Entfernung aus der Meeresoberfläche herausragten. Da waren Muränen drin, vor denen man sich in acht nehmen mußte, wann immer man versuchte, die Felsen zu erklimmen. Ich habe das einige Male gemacht, und ich habe mir einige Wunden dabei geholt. Ich weiß bis zum heutigen Tage, wie solche Meeresbewohner aussehen, und ich weiß, wie das Meer von oben betrachtet ausschaut. Ich werde beides niemals vergessen.

150503

Hoho! Ich habe endlich mal wieder einige neue Filmwaren gesehen... Bereits im Kino gelaufen ist Martin Scorseses GANGS OF NEW YORK, den ich mit Grausen erwartet habe, waren die Kritiken doch gar zu grottig. Auch sah ich während der ersten zwanzig Minuten sehr schmal drein, da der Spektakel-Charakter mir etwas die Sinne vernebelte. Ich bin ja großer Fan von Filmen, in denen individuelle Schicksale sauber ausformuliert werden. Da darf auch gerne dick aufgetragen werden, wenn der dramatische Aufbau stimmt. Bei GANGS stellte sich aber - aller Unkenrufe zum Trotz - der Saftregen sehr bald ein. Irische Einwanderer gegen eingeborene Amerikaner - kein Problem, wenn da ordentlich das Kriegsbeil rotiert. In diesem Fall rotiert das Kriegsbeil sogar mächtig: Was der von Leonardo di Caprio gespielte Ire erleben muß, um im New York der alten Zeit zu bestehen, ist ebenso spannend wie lehrreich. Denn oh ja, damals haben Stämme gegen Stämme gekämpft, und die sogenannte Zivilisation hat sich nur sehr zögerlich durchgesetzt. Am Anfang war die allgegenwärtige Korruption, und GANGS OF NEW YORK blättert die nur sehr allmähliche Entwicklung zur Ostküstenmacht mit viel Gewalt und Explosivität auf. Die epische Gewandung von GANGS macht wirklich Sinn, und während manche Kritiker die dramatischen Konflikte banal fanden - ich fand sie saftig und zeitlos! Was Daniel Day-Lewis als Chefschurke abliefert, ist Bösewichtkino der gehobenen Preisklasse. Ich fand GANGS durchaus kompatibel mit Sergio Leones Amerika-Visionen - zwar sehr künstlich, aber detailliert, stimmig und aufregend. Für mich der bislang italienischste Film Scorseses - 160 Minuten geballter Leinwandwucht! (Man achte auch auf die liebe Barbara Bouchet, die eine Nebenrolle hat...) Dann habe ich noch SPIDER gesehen, den neuen Film von David Cronenberg. Wäre der Film ein Musikstück, wäre er Kammermusik - reduziert, emotional und zielsicher. Ralph Fiennes spielt (wie üblich bei Cronenberg: hervorragend) einen Geistesgestörten, der in eine Londoner Wohngemeinschaft für ebensolche eingewöhnt wird. Dabei lernt der Zuschauer Stück für Stück, was zu der Einlieferung geführt hat. Von der sehr gescheiten Story darf ich hier gar nichts verraten, da der Weg zur Weisheit der ganze Spaß ist. Wer Horror erwartet, wird enttäuscht werden, denn der Gehalt an schreckenerregenden Genrezutaten ist noch geringer als beim tollen DEAD RINGERS (DIE UNZERTRENNLICHEN), aber wie immer ist das Resultat ein echter Cronenberg-Film, mit all den Zutaten, die man von Cronenberg schon immer gewohnt war. Eine geradlinige Erzählstruktur darf man nicht erwarten. Es geht eher in Richtung von David Lynchs ERASERHEAD, wo viele sinnliche Signale letztlich den Weg zum großen Ganzen ebnen. Auch Spektakel à la eXistenZ darf man nicht erwarten. Aber wer ein bißchen Feinsinn mitbringt, wird, denke ich, sein Auskommen haben in dem vertrackten Vergangenheits-/Gegenwartsgewirr des neuen Werks. Trotzdem, Warnung: Wer nicht extrem gut Englisch versteht, sollte auf die deutsche Version warten. Ich habe vielleicht ein Drittel des Dialogs mitbekommen, und Cockney, kryptische Dialoge und Ralph Fiennes´ rollenbedingtes Schwachsinnigengemurmel setzen einem hart zu. Aber Cronenberg ist und bleibt einer der wenigen Regisseure, die immer ganz genau das hinbekommen, was sie wollen. HALLOWEEN 8: RESURRECTION (gerade auf deutsch erschienen) ist nicht ganz so bemerkenswert, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Jamie Lee Kürbis spielt zwar am Anfang kurz mit, und Rick Rosenthal - Regisseur des zweiten Halloween-Spuks und des ordentlichen BAD BOYS - führt Regie, aber dennoch bleibt nur ein Fazit: Was passiert, wenn man einige Westküsten-Jungdarsteller mit albernen Hiphop-Bärten und Rapper Busta Rhymes nach Haddonfield entführt? Ein gigantischer Haufen Krötenkacke passiert da - Zeitverschwendung de luxe. Handwerklich ist das Ganze schon okay, aber wenn man die Leihgaben von THE BLAIR WITCH PROJECT und dem asiatischen ST. JOHN´S WORT mal beiseiteläßt, bleibt da nur das Aufgewärmte von gestern, inklusive unglaublich vielen Glaubwürdigkeitsschnitzern. Da jault man einige Male herzhaft auf, möchte ich mal sagen. Stand der Carpenter-Film noch haushoch über den Jason-Massakern, ist hier wirklich kein Unterschied zu erkennen. Im Gegenteil, JASON X fand ich wesentlich netter als diesen technikhörigen, schwachsinnigen Schmonzes. Da haut man sich wohl lieber selbst 90 Minuten lang mit einer Cocktailgabel auf den Kopp. Dadd is woll so.

120503

Jo mei, einen weiteren Muttertag gut überstanden! Das gilt ganz besonders für den von mir sehr verehrten FC Freiburg, der jetzt endgültig aufgestiegen ist - juchhei! (Finke = Supertrainer.) Gänzlich entgegengesetzte Gefühle dürfte man in Cottbus und Nürnberg empfinden, wo ziemlich der Ofen aus ist. Das deprimiert mich aber nur oberflächlich, da beide Mannschaften das Liga-Auf-und-ab gewohnt sind und ihre Zähne bestimmt gleich wieder in die Leiter verbeißen werden, die nach oben führt. Die Schalker haben heute gespielt wie die Nachtwächter und müssen jetzt sogar um den UEFA-Cup bangen. Werner Bremen hingegen bot eine solide Defensivleistung und trotzte den Stuttgartern ein 0:1 (durch Eigentor) ab - mal sehen, was das gibt. Ach - und die auch sehr okaynen Gladbacher schafften ein unerhofft glorioses 3:0 - da keimt die Hoffnung! Im Moment arbeite ich an meinem neuen SI-Artikel, für den ich mir gerade heute einen EXORZIST-Abklatsch angesehen habe - Experten wissen Bescheid. Gestern war ich oben bei Robert & Bettina, zwecks schundigem Horrorglotzens. Als erstes sahen wir den kanadischen Geisterfilm THE EVIL, der viel schlechter war, als ich ihn in Erinnerung hatte - Mann, was reden die da für einen Kokolores! Wir droschen die ganze Zeit über üble Späße und philosophierten über so manches, etwa über die angebliche Nominierung für den Friedensnobelpreis von George W. Bush und Tony Blair! Also ehrlich, mir würden die beiden nicht als allererstes einfallen... Kann man Attila den Hunnen noch rückwirkend nominieren? Ich erfuhr während dieses Filmes, daß der sexuell aufgeheizte Zustand bei Katzen mit "rollig" bezeichnet wird, jener von Hunden hingegen als "riemig". Wenn man also jemanden als "riemigen Rumpelrüden" bezeichnet, bewegt man sich noch halbwegs auf dem Tapet des gesellschaftlich Schicklichen - tröstlich. Wir kuckten dann noch den deutlich besseren "Amicus"-Gruselfilm TOTENTANZ DER VAMPIRE, der mich darauf brachte, eventuell demnächst einen der SI-Artikel mal um die britische Horror-Firma zu ranken, die den berühmten "Hammer Productions" den Blutkelch zu reichen versuchte... Ein kleiner Film-Tip: TÖTET SMOOCHY! (DEATH TO SMOOCHY!). Diese neue schwarze Komödie von Danny de Vito ist zwar kein vergleichbarer Kracher wie sein DER ROSENKRIEG, aber trotzdem hinreichend lustig und bösartig, um zu entzücken. Robin Williams ist ein extrem gruseliger Kinderfernsehstar namens Rainbow Randolph, der mit seinem seichten Müll über eine Bestechungsaffäre stolpert. Als Ersatz gräbt der Sender einen ökologisch bewußten Pausenclown namens Smoochy aus, der als rosafarbenes Rhinozeros neue Abgründe niedlicher politischer Korrektheit erschließt. (Edward Norton - aus FIGHT CLUB und AMERICAN HISTORY X - brennt ein Feuerwerk ab.) Rainbow Randy landet in Rekordzeit in der Gosse und brütet Paranoia: Das Rhinozeros muß sterben! Der Film schildert das in zwar nicht absolut brillanter Form, aber er besitzt genügend großartige Momente, um ihn nachhaltig zu empfehlen. Williams und Norton sind beide wunderbar. (Williams habe ich ja gerade als ernsthaften Darsteller in den beiden Thrillern INSOMNIA und ONE-HOUR PHOTO lieben gelernt!) De Vitos Inszenierung ist sehr maliziös, und jeder Kitsch-Punkt, der gestreift wird, wird in sein fieses Extrem verkehrt. Der Schluß löst - wie üblich - vieles etwas zu wohlfeil auf, aber in Anbetracht der vielen depperten Hollywood-Schmonzetten ist DEATH TO SMOOCHY ein sehr, sehr schöner Spaß für den subversiven Geist. ("Heil, Smoochy!") Ein unerwarteter Gnadenkracher, den ich gerade heute sehen durfte, war eine alte "Warner"-Kassette namens UNHEIMLICHE BEGEGNUNG (OF UNKNOWN ORIGIN), die George Pan Cosmatos´ kanadisch produzierte 1983er Übung in satirischer Horrorkultur beeinhaltet. Die Handlung ist leicht erzählt: Peter Weller (ROBOCOP) wird von einer Ratte fast in den Wahnsinn getrieben! Weller ist ein Scheißyuppie, der in einer dicken Firma arbeitet und endlich den Auftrag seines Lebens bekommt, um den ihn alle Kollegen beneiden. Seine Frau und sein Kind spielen mit und fahren zu den Schwiegereltern. Leider wird sein Eigenheim just zu diesem Zeitpunkt von einer Ratte heimgesucht. Jawohl - eine Ratte, aber die hat es in sich! Stück für Stück verwüstet sie seinen Lebensraum, zermürbt seine Nerven und trifft ihn an seinen empfindlichsten Stellen. Länger und länger wird der Stoppelbart, mit dem Weller in seiner Firma erscheint, und zunehmend irre glitzern seine Augen. Cosmatos sollte als nächstes in Hollywood den ganz und gar unsatirischen RAMBO 2 drehen, und dieser Film wirkt wie eine Vorstudie, denn der Yuppie entdeckt den Höhlenmenschen in sich. Es geht bald nicht mehr um eine gesicherte Existenz, um das glückselig lächelnde Weib und das krähende Kind - es geht um die verdammte Ratte! Und da das kluge Drehbuch den Film mit Kommentaren der mißgünstigen Konkurrenten und hirnweichen Geschäftspartner nur so zupflastert, wird auch klar, daß die Ratte für den widersinnigen Kampf ums geschäftliche Ansehen steht, der den Protagonisten zu Anfang kennzeichnet. Im Verlaufe des Streifens wird er aber aller Eitelkeit entkleidet, und der Zuschauer wird ob der geschickten Regie ebenfalls total entnervt - die Ratte muß sterben! Tut sie das? Tja, werde ich nicht verraten, ist aber ein Superfilm! Jetzt stelle ich die Rattenfallen auf und gehe schlafen...

110503

070503

Es war der 22. Juni 1958, als spielende Kinder am Rande eines Schulsportplatzes den Körper einer toten Frau entdeckten. Sie hatte ihren eigenen Strumpf um den Hals geknotet - das tragische Ende eines samstäglichen Ausgeh-Abends. Die Frau hieß Jean Hilliker Ellroy. Sie war die Mutter des zukünftigen Kriminalschriftstellers James Ellroy. Von besagtem Schriftsteller habe ich mir gerade zum zweiten Mal seinen 1992 herausgekommenen Roman "White Jazz" durchgelesen. Als seine Verleger ihm bedeuteten, das Manuskript sei zu lang, kürzte Ellroy das Manuskript konsequent und reduzierte die einzelnen Sätze auf ihr sprachliches Mindestmaß zusammen. Das Resultat ist ein unglaubliches Meisterwerk, das die Hipster-Diktion der Beatniks/Gangster der behandelten Zeit und der entsprechenden Regenbogenpresse zusammenschweißt in dem Sündenfall des korrupten Bullen Dave Klein, der versucht, der schlimmste Hai im Haifischbecken zu sein, dabei seinen eigenen Gefühlen über den Weg läuft und bitter strandet. Gerechtigkeitsideale und die krummen Ehrencodices kleiner mieser Gangster laufen da zusammen mit den wirklich verabscheuenswürdigen Verbrechen säulenheiliger Verbrecher in der Chefetage, und das Ganze wird geschildert mit stiller Alltäglichkeit, mit dem Gefühl der Banalität alltäglicher Brutalität. Man mag fast singen zu der Prosa des James Ellroy, der einst begann, um sich aus den Fesseln des eigenen Verhängnisses zu befreien. Erst der ständige Rebell auf Zustimmungssuche, dann der quasi-autistische Alkoholiker, und dann der Engel, der sich über den eigenen Schutt erhob und Schönheit schuf. Der gewaltsame Tod seiner eigenen Mutter fand sein Echo in dem Verbrechen an der "Schwarzen Dahlie", dann seinem eigenen Martyrium, das in seiner Kreativität endete. Von anfänglichen Vorstudien stieß er vor zu den Gesellschaftsanalysen, die ihn später berühmt gemacht haben. Figuren wie der bigotte, von Gerechtigkeitsidealen besessene Erzschurke Dudley Smith, der seinen charmanten irischen Sprachduktus dadurch ausgleicht, daß er etwa dreitägige Säuglinge stranguliert und Schwule, Nigger und Kommunisten haßt, finden ihre Gegenstücke in der Historie und Gegenwart der USA, die nicht weit von der unseren entfernt ist. Man schreckt teilweise zurück vor der naturalistisch geschilderten Gewaltsamkeit, mehr noch vor dem allgemeinen Verlust an Sittlichkeitswerten, an denen man sich orientieren kann. Da herrscht häufig nackte Panik, wenn die Figuren nicht mehr wissen, in welche Richtung sie sich als nächstes vernunften sollen, und da fliegen die Gliedmaßen und Gesichter quer durch die gute Stube. In den deutschen Fassungen soll das angeblich etwas ziviler (sprich: gekürzt) abgehen, aber ich habe mir die Ellroy´sche Sprechweise mittlerweile schon im Original angewöhnt. (Z.B. "to glom" = Informationen oder ähnliches von jemandem abziehen.) Nachdem ich heute den sehr sprachreduzierten "White Jazz" beendet hatte, plärrte ich wie ein Kind, heulte bittere Kullertränen, weil mir erneut ein geliebtes Buch "Auf Wiedersehen" gesagt hatte - ein Abschied von einer Welt, die für eine kurze Zeit zu der meinen wurde. Am Anfang von Ellroys Schaffen stehen noch die gebrochenen Charaktere, die sich den harten Weg durch ihre eigenen Ideale bahnen - später wird das dann eine sprachlich immens faszinierende Pilgerfahrt durch die Eingeweide des zutiefst zynischen Großstadtdschungels, wo zuerst das Ereignis kommt und später die Begründung. Da lernt man korrupte Bullen fast lieben, weil da noch viel widerwärtigere Zeitgenossen ihren Weg kreuzen. Nach meinem kurzen Vortrag im "London Tokyo Paris" über Mr. E. werde ich demnächst mal an diesem Tatort eine ausführliche Würdigung von dem Mann folgen lassen. Was für ein Schriftsteller. Da traue ich mich kaum mehr zu schreiben. L.A. CONFIDENTIAL war schon eine exzellente Verfilmung, aber die Bücher sind noch ein ganz annern Schnack... In meinem eigenen Leben hat sich kaum etwas zugetragen. Ich habe mir ein neues Fernsehgerät gekauft, von Philips, da mir mein altes endgültig in die Binsen ging. (Meinem ehemaligen Mechagodzillamechaniker hätte ich da gesagt: "Unsichtbare Würste krabbeln über den Bildschirm.") Der Philips-Kollege verfügt über eine hervorragende Bildqualität, solange ich Fernseh- oder Videobetrieb aufrecht erhalte. Wenn ich meinen DVD-Player anschalte, kickt der Schah den Westen, denn zwei Säulen der Weisheit verhindern den ungeminderten Kuckgenuß. Wäre ja auch merkwürdig gewesen, wenn mal was perfekt klappt. Die beiden weißen Stangen in der Vision sind aber erträglich, wenn man die Helligkeit entsprechend herunterkurbelt. Sie sind nur noch dann sichtbar, wenn mitteldunkles Bild mit einem langsamen Schwenk koinzidiert. Wie will man das einem TV-Techniker begreifbar machen? Ich werde das jetzt mal schlucken, denn - verdammt noch mal - einige Schierlingsbecher muß man halt verdauen, und zwei weiße Säulen in Charles Bronsons DER LIQUIDATOR sind irgendwie noch drin... Ansonsten haben wir heute für den "Frosch" unser erstes Konzertangebot bekommen, was ich toll finde. Und meine über alles geliebte Cora hat die mündliche Magisterprüfung Nummer Eins mit der Bestnote bestanden - yeah! Jetzt bin ich aber müde und mache Heia. Hier ist der Weg vor dem Haus meiner Eltern. Da wohnt mein Herz.

0503

Das Buio-Event am 1. Mai war ein reines Vergnügen, was nicht zuletzt am recht zahlreich erschienenen Publikum lag: Die 66 zahlenden Besucher von der Sonderveranstaltungspremiere (mit Andrea Bianchis "Magnum Opus" KOMM UND MACH´S MIT MIR...) wurden bequem getoppt von 88 sündigen Nachtschwärmern, die sich diesmal zu uns verirrten. Wie uns sofort auffiel, war der Anteil von Omega-ungeschulten weiblichen Besuchern sondernormen, was uns in Anbetracht der Filmauswahl (Jess Francos FRAUEN FÜR ZELLENBLOCK 9) riskant dünkte, denn das Bahnhofskino vergangener Zeiten gehört bekanntlich nicht zu den Steckenpferden des heutigen Girlie-Tums. Das Publikum erwies sich aber als hammerhart und hielt den zotigen Schmodder fast geschlossen durch, und das, obwohl das Vorprogramm neben dem klassischen "Sandmännchen"-Intro den Zeichentrickporno DIE FICKINGER in seinem schamlosen Fahrwasser führte. Tatsächlich konnte ich nur einen einzigen Gast erspähen, der das Programm vorzeitig verließ. Eine weitere Dreierschaft, die den Saal verließ, konnte ich noch rechtzeitig abpassen, um eventuelle Empörungswogen zu glätten. Wie sich herausstellte, waren die Leute aber nicht wegen des Filmes abgehauen, sondern weil sie am nämlichen Tage aus Bologna angereist waren! Der männliche Bestandteil der Gruppe - ein waschechter Bolognese - war schon bei der letzten Sitzung zugegen gewesen und zeigte sich hocherstaunt, daß man hier in Deutschland Filme wie TÖTE, DJANGO! überhaupt im Kino zeigen konnte, ist doch auch das italienische Kinosystem schon weitgehend übernommen worden von der Filmware Hollywoods. Als ich meinte, daß der heute gezeigte Film für Frauen nicht wirklich geeignet gewesen wäre, meinte die ebenfalls anwesende Französin (die in der Cinématheque Francaise arbeitet) nur: "Wieso, war doch gut!" (Bei der nächsten offiziellen Sitzung gibt es einen großartigen italienischen Horrorfilm der frühen 70er und einen seltenen britischen Grusler mit Christopher Lee - nicht verpassen!) Am nächsten Tag durfte ich dann feststellen, daß ich meine Brieftasche im Kino verloren hatte, was zu einer Fahrt quer durch Gelsenkirchen führte, aber das hatte ich mir wirklich selber zuzuschreiben! Das Wochenende zeichnete sich im wesentlichen aus durch eine Fahrt mit meiner Liebsten zum sogenannten Giallo-Turm, der bei Hohenstein in der Nähe von Witten gelegen ist. Bei schreiend schönem Wetter parkten wir am Fuße eines kleinen Berges, kraxelten todesmutig zu einer Wiese empor, auf der sich Hundertschaften von sonntäglich grillbrutzelnden Proletariern niedergelassen hatten. Manche spielten auch Fuß- oder Volleyball. Wir hatten es aber nur auf den Turm abgesehen, an dem wir uns quasi kennengelernt hatten. Der Turm war halbherzig abgesperrt, aber an einer Stelle kannte die Umzäunung Gnade und lud ein zur Aussichtsplattform. Und die Aussicht, die man von dort hat, ist wirklich der Wahnsinn auf Stelzen! Da ich an solchen Orten kontemplativ ausharren kann bis zum Exodus, blieben wir dort eine ganze Zeit und ließen uns von der Sonne toasten. Danach ging es wieder bergab. Da noch etwas Zeit blieb, statteten wir auch einem nahegelegenen See einen Besuch ab und begrüßten die dort ansässigen Erpel und Erpelinen. Besonders ein Pärchen war toll, das ein im Uferkraut eingeklemmtes Brötchen zum Schlemmerhappen erkoren hatte - wann immer Fremderpel in der Gegend aufkreuzten, hob der Stockentenmann drohend den Bürzel und teilte kiebig aus! Auch eine sehr schöne Ringelnatter schwamm mal kurz vorbei, ohne sich von den brötchenknuspernden Schnabeltieren stören zu lassen. Dann ging´s nach Hause. Mit der Sonne ist es ja ein sonderbar Ding: Sie scheint immerfort, nur kriegt man es nicht immer mit, weil da die doofen Wolken rumschwirren. Aber irgendwann kriegt man den Trick schon raus - da bin ich ganz zuversichtlich. Am Samstag ist übrigens ein kleines Porträt von mir in der WAZ erschienen (siehe unten), das den Titel "Horror und Hüpfkissenbefriedigung" trug und von dem gelegentlichen Club-Gast Lars sehr, sehr nett verfaßt worden ist - vielen lieben Dank dafür! (*freu*)

(Quelle: WAZ; Foto: der gleichfalls nette Thomas Schmidtke)

010503

Alles neu macht der Mai: Um den Maifeiertag gebührend zu begehen, wird heute abend um 22.30 h die Sonderveranstaltung des "Geheimnisvollen Filmclubs Buio Omega" einen extrem wüsten Film des Spaniers Jess Franco offerieren. Es handelt sich um eines der unerquicklichsten Werke aus der Dietrich-Periode. Tatsächlich hat das Komitee vorher lange beraten, ob man den Film zur Aufführung bringen sollte. Letztlich fällte man aber das Urteil, daß man einem sittlich gereiften Publikum keine Maultrommel bzw. keinen Maulkorb auferlegen sollte. Howard Vernon wird in dem Film von Gerd Duwner gesprochen, also der Stimme von Ernie und Barney Geröllheimer. Nach der Vorstellung wird das Kino vorsorgend entseucht... :) Die letzten Tage waren geprägt von einer intensiven Beschäftigung mit dem Phänomen des "TV-Shops" - ich werde nicht umhin kommen, da mal ein stundenlanges Tape mit den besten Sendungen zusammenzuschneiden. Tatsächlich keimte in mir neulich der Plan, mit einigen Freunden eine Videoversion dieses Spektakels zu erstellen, in der einige ganz ungeheuerliche Produkte angepriesen werden. Vielleicht können wir ja sogar das alte Schlachtroß Jack La Lanne verpflichten, damit er uns seinen Power-Entsafter vorstellt. Da könnte man dann alles mögliche reinschieben, z.B. Zucchinis, Haustiere, Mandolinen, das Fragezeichen aus "Am laufenden Band", Gummiteddys, Pornohefte und so fort. Dann müßten irgendwelche Schauspieler eine stark nach Eigenurin aussehende Flüssigkeit herunterwürgen und sagen: "Hmm, das ist ja lecker, Mr. La Lanne! Und so gesund!" Mal schauen, vielleicht machen wir das mal, und das Ergebnis schicken wir zu Stefan Raab! Fußballtechnisch habe ich mir heute auszugsweise das Länderspiel Deutschland gegen Hugo Montenegro angesehen und war nicht sonderlich beeindruckt. Hugo Montenegro spielte ganz okay, während die Deutschen ihrem Favoritenstatus nicht gerecht wurden. Hätte eine Einzelaktion von Basti Kehl (und eine miese Leistung von Hugos Schlußmann) nicht das 1:0 gebracht, wäre ein Pfeifkonzert vorprogrammiert gewesen. Am Wochenende ist ja Bayern München der Klassenerhalt endgültig gelungen - herzlichen Glückwunsch! Ebenso herzlichen Glückwunsch an den 1. FC Köln, der zwar ein Karnevalsverein ist, aber ein Karnevalsverein, der AUFSTEIGT! Das gleiche Kunststück muß jetzt auch noch den mir sehr sympathischen Freiburgern gelingen, dann bin ich zufrieden. Oder - so halb zufrieden, denn für Pauli gehen allmählich die Lichter aus! Aber was ist schon Fußball? Ich interessiere mich immer mehr für einen Sport, der mir mal gräßlich egal war: Boxen! Jedesmal, wenn ich Boxen kucke, passiert was Tolles: Mein Premierenkampf war nämlich Lavendel Holyfield gegen Mike "Killer" Tyson, wobei der eine dem anderen die Nase abbiß (oder so). Dann der Kampf neulich, in dem der mir hochsympathische Vladimir Klitschko voll einen vor die Glocke bekam und sensationell unterging - schade zwar, aber eindrucksvoll war´s doch. Am Samstag dann sah ich zum ersten Mal Frauenboxen, und während Frauenfußball bislang noch darauf wartet, von mir als brisant zur Kenntnis genommen zu werden, fand ich diesen Fight überaus spannend: Regina Helmich (die ja sogar noch ganz schnuckelig aussieht) prügelte sich mit einer ungeheuer aggressiv aussehenden Britin mit Dreadlocks, die deutlich kräftiger war. Dafür hatte Frau Helmich deutliche Feldvorteile, wenn es um Technik und generelle Flinkheit ging, und trug (trotz ihres ersten Knockdowns überhaupt) verdient den Sieg davon. Da auch meine Herzdame Boxen ganz fesch findet, werde ich des öfteren mal mitkucken. Autorennsport finde ich aber nach wie vor dull wie Stulle, doch vielleicht kommt das ja auch irgendwann. Muß allerdings zugeben, daß ich die meisten Rennfahrer extrem unsympathisch finde, und warum man unsympathischen Menschen dabei zusehen sollte, wie sie mit ihren hochgetunten Knatterkisten die Umwelt verpesten, will mir nicht recht einleuchten. Da halte ich mich lieber an nacktes Fleisch, das auf nacktes Fleisch drischt - das ist viel spannender. Außerdem kann man sich dabei vorstellen, wie das wäre, wenn Jack La Lanne mit Mike Tyson in den Ring stiege und den Power-Juicer anschmisse. Schön wäre das. Einen schönen Maifeiertag Euch allen!

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