EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN

("Draußen ist feindlich!")
 

Da ich ja nun Bruder einer Schwester bin, die sich mal einen ganzen Artikel aus den Rippen geschustert hat über die Nietzsche-Aspekte im Werk Blixa Bargelds, muß ich jetzt wohl auch was über die Neubauten schreiben... Daß das bei mir eher Mickymaus als Nietzsche wird, sollte klar sein, aber es sind schon hoffnungslosere Reisen gestartet worden.

Es gab vor hundert Jahren mal eine Zeitschrift, die sich "Sounds" nannte. In dieser Zeitschrift wurde viel Kluges und viel weniger Kluges über die Musik verfaßt, die mir so ans Herz gewachsen ist. Ob es noch in "Sounds" gewesen ist oder schon im Folgemagazin, "Musik-Express" (das sich in so eine Art Teenie-Gazette entwickelt hat) -  irgendwo gab es mal ein Sonderheft über die deutsche Musikszene, das bemerkenswert viele obskure Gruppen erfaßte. U.a. stand da auch eine ganze Menge über ein hauptsächlich in Berlin ansässiges Phänomen, das sich "Geniale Dilettanten" nannte - Menschen, die mit allen möglichen Gegenständen allerlei Dinge trieben, für die sie ursprünglich nicht vorgesehen waren. Die prominenteste der Gruppen - und die einzige, die die Zeitläufte überdauert hat - waren halt die Neubauten. Ich lernte sie noch vor der "Off Beat"-Zeit kennen, also noch, bevor auf sogenannten Independent-Konzerten muskulöses Wachpersonal mit Walkie-Talkies herumlief. (Und Christian Eckert - der lief da auch immer rum!) Nein, das erste Neubauten-Stück, das ich mitbekam, war "Bakterien für eure Seele", auf dem Zickzack-Sampler "Lieber zuviel als zuwenig". Auf diesem Stück beginnt erst einmal Schlagwerk düster zu bummern. Dann fängt Herr Bargeld an, leise zu wispern: "Ich seh´ dich reden, ich seh´ dich reden...", um dann schließlich nach einem imperatorischen "Dies ist meine Nacht!" wüst von kreissägeartigen Gitarren abgeschnitten zu werden. Was danach passierte, ist mir nur noch unvollkommen im Gedächtnis haften geblieben - auch die Augen fallen zu, sobald zuviel Helligkeit einströmt... Laut war´s!

Mehr vom selben offerierte die erste offizielle LP, "Kollaps" (1981), die zu den wenigen Zickzack-Releases gehört, die immer noch offiziell vertrieben werden. Mit einem Instrumentarium, das zumindest teilweise dem Straßenbau entlehnt ist, donnern sich die Musiker durch ein ungeheuer brachiales Album, das außer dem Eingangsstück, "Tanz debil", keine Nummern enthält, die sich auch nach den liberalsten Maßstäben zum Mitschnipsen eignen. "Hören mit Schmerzen" umreißt recht genau das, was die Neubauten hier praktizieren. Während sie auf späteren Alben zu ausgebildeten Sprengmeistern mutierten, waren sie hier noch ganz unschuldige Bombenleger, experimentelle Pyromanen mit Freude am Wumm. Die Texte bestehen hauptsächlich aus rohen Gefühlsäußerungen, deren Negativismus lustvoll durchgehalten wird: "Ich steh´ auf Ende!" Dabei empfehlen die Musiker, sich gegen die Welt abzuschotten, die per se als feindlich empfunden wird. Eine Interaktion kann kaum noch stattfinden. Einziges Gegenmittel gegen die Viren: "Stell´ dich tot!" Gleichzeitig gibt es aber auch intensive Bezugnahmen auf Körperliches, auf Fleisch und Blut. Wenn das Draußen abstößt, so bleibt einem immer noch der Weg nach innen. Ob das freilich tröstet, ist ungewiß...

Die zweite LP, "Drawings of O.T." (1984), ließ bereits mehr Interesse an Songstrukturen erkennen, wobei das Titelstück "Zeichnungen des Patienten O.T." sicherlich ausgesprochenen Hitsingle-Charakter besitzt. Den Texten kommt auch eine deutlich wichtigere Rolle zu als noch beim Vorläufer. Was vorher noch die unbehauene innere Stimme gewesen war, die nach außen drückt, bekommt jetzt Form und Statementcharakter, wobei Bargeld offensichtliche Freude an pittoresken Bildern entwickelt hat - der Ästhet kommt zum Vorschein, sozusagen. ("Siehst du die Geier über dem Brand?")  Die Welt ist immer noch dieselbe wie bei "Kollaps" - entzündete Seelen, Aas und Pilzbewuchs allenthalben. Menschlicher Kontakt scheint auch hier kein Ausweg zu sein: "Komm´ näher, Geliebte, ich steck´ dich an..."  Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits eine konstante Besetzung herausgemendelt: Neben dem Vortragenden Blixa Bargeld waren da noch die von der Hamburger  Punkgruppe Abwärts kommenden F.M. Einheit und Marc Chung sowie der Berliner Tausendsassa Alexander Hacke, zu dem ich gleich noch ein paar Extraworte sagen möchte... Oh ja, und N.U. Unruh natürlich auch.

"Halber Mensch" (1985) - nach wie vor mein Lieblingsalbum - präsentierte den ersten Videoclip-Hit der Neubauten, "Tanz das ZNS", das bereits stark von der Tatsache geprägt war, daß sie in Japan veritable Popstars waren! Das erhabene Titelstück, mit dem die Platte beginnt, ist eine Art Todeskanon und erzählt von Menschen, die von ihrer Natur abgespalten sind durch intensiven Dauerbeschuß von der Außenwelt. Der halbe Mensch hat tödliche Angst davor, komplett zu werden, denn dann müßte er selber Verantwortung übernehmen... ("Wir sorgen für dich/ Wir nehmen für dich wahr...") "Yü-Güng" handelt dann von der Megalomanie, die einen im Elfenbeinturm zwangsweise ankommt: "Ich bin drei Meter groß und alles ist wichtig!" "ZNS" zeigt dann, was dem halben Menschen passiert, wenn der Körper sich verselbstständigt - der Kopf weiß nicht mehr, wo vorne und hinten ist. (Der großartige Videoclip ist auch auf dem Video "Halber Mensch" enthalten, das extrem anschaffenswert ist!) Mein Lieblingsstück ist "Seele brennt", auf dem leisestes Flüstern und enthemmtes Kreischen sich abwechseln und niemanden unberührt lassen. Auch toll das letzte Stück, "Ich bin das letzte Biest am Himmel", das den Stolz und die Angst des "letzten schönen Sternentiers" besingt - ist das Freiheit oder Isolation?

Nicht mehr ganz so prickelnd fand ich dann "Fünf auf der nach oben offenen Richterskala" (1987), obwohl die Platte einige Höhepunkte von beachtlicher Schönheit besitzt. Vollkommen großartig ist das ellenlange Anfangsstück "Zerstörte Zelle", das ich auch in einer früheren Version auf einem Sampler von John Giorno habe. Bargelds schon vorher vorhanden gewesene Tendenz zu Wortspielen wird in den Kontext der Prometheus-Sage gestellt, wobei das Ausbrechen aus der Zellstruktur wohl als hochmütige Auflehnung gegen die Natur verstanden werden muß. Es ist nicht sehr angenehm, wenn es die eigene Natur ist, gegen die Natur zu rebellieren... Nun, der Adler hat wenigstens seinen Spaß dabei, aber darum muß das Federvieh halt auch verhungern - wer zuletzt lacht, lacht am letzten! Mein anderes Lieblingsstück ist das abschließende "Will kein Bestandteil sein", dessen Titel bereits Programm ist - bockig beharrt das elitäre Wesen auf dieser Maxime, wobei es auch den Menschen in sich endlich abschütteln möchte - "Tausche meine Stimme gegen Vogelgeschrei..."

Auf der etwas glatteren "Haus der Lüge" (1989) befaßt sich Bargeld wieder mehr mit der Außenstruktur. Im Titelstück wird die Welt als Gebäude entworfen, dessen Spiritus Rector schon lange Selbstmord begangen hat. Dem Architekten, der das Wunderwerk ständig weitertüftelt, geht es hingegen gut. Bargeld vergleicht hier das Geschoß des Gebäudes mit dem Projektil einer Waffe und dem Schoß eines Menschen. Da Gott tot ist, ist der Mensch dazu gezwungen, zum Grundstein zurückzukehren. Fallbeispiele für praktiziertes Rebellentum erfolgen in Form des Anfangsstückes "Feurio!", das dem Reichstag-Entflammer Marinus van der Lubbe gewidmet ist, und des Kinderreimes "Ein Stuhl in der Hölle", der von einem Giftmord handelt... Mein Lieblingslied ist aber das sanfte "Der Kuß", das aus der Sicht eines auf sich selbst Zurückgeworfenen ("Alles, was ich warf, fing ich auf, fing ich auch...") körperlichen Kontakt mißtrauisch beäugt und etwa einen Mund mit der Mündung einer Waffe vergleicht. Ein romantisches Lied, das einen schaudern macht!

"Tabula Rasa" (1993) habe ich mir damals nur einmal angehört und dann in die Ecke gefeuert - die Zeit war damals irgendwie vorbei für mich. Aber auch guten Wein soll man ja atmen lassen... Beim nochmaligen Anhören bin ich jedenfalls ziemlich verdutzt, wie sehr sich die Platte von den vorangegangenen unterscheidet - sag´ mal, war der Bargeld damals verliebt? Quellen die früheren LPs nicht gerade über vor Vertrauen in den Anderen, in das Gegenüber,  so handeln von den 7 Stücken insgesamt 6 von Liebe oder sind sogar veritable Liebeslieder! Die Singleauskopplung war "Die Interimsliebenden", das von Liebenden handelt, deren Zuhause das Dazwischen ist und deren Liebe Regierungen stürzt und Geschichte ausradiert, ja, sogar den Naturgesetzen an sich trotzt. Meta für Meter arbeitet sich Bargeld zu dem wunderschönen "Blume" vor, das von Anita Lane gesungen wird. "Sie" ist eine Art Theaterstück für eine Person. Und auch in "Wüste" kommt die andere wieder vor. Das 15 Minuten lange Finale "Headcleaner" hingegen wandelt, trotzig fast, auf alten Pfaden und ruft auf zur "Generalmobilmachung zwecks Dekonditionierung aller". Da werden dann wieder alle Bindungen weggebürstet, da tobt die Schlacht, da wird Tabula Rasa gemacht...

Ich muß gestehen, daß hier eine Grauzone anfängt, in der ich Neubauten-faul gewesen bin. In nächster Zeit werde ich aber Versäumtes nachholen, damit das hier nicht gar zu kläglich ausschaut...

Ein Sonderfall in der Geniale-Dilettanten-Szene sind die frühen Soloarbeiten von Alexander Hacke, die er als Alexander von Borsig zeichnete und mit denen er im zarten Alter von 15 oder 16 Jahren begonnen haben muß. Diesen Umstand finde ich ungeheuerlich, denn wenn man sich etwa das Tape "Das Leben ist schön" anhört, klingt das derartig zersetzend und verzweifelt, daß man hier keinen pubertierenden Jüngling zu hören wähnt. Wo andere Leute gerade angefangen haben, halbgar am Kassettenrecorder herumzupfriemeln, bastelte er sehr eindrucksvolle Miniaturen, die zwar nicht in einer besonders angenehmen Welt spielen, aber dafür ist er ja jetzt auch berühmt! Sehr toll auch die "Hiroshima"-Maxi, die aus vier Bombenstücken besteht, u.a. einem, wo ein Akademiker mit brechreizerregend herablassender Attitüde eine Frau aus der Drogenszene zuschwafelt! Das Titelstück ist ein Walzer, dessen Refrain lautet: "Hiroshima, wie schön es war..." - vollkommene Gänsehaut, wuah, ist das heftig! Mit "Sprung aus den Wolken" führte er seine klanglichen Experimente fort. Die frühen Releases dieser Gruppe (die gleichfalls dem Lager der Dille-Tanten zugerechnet wurde) sind wenig hitparadenkompatibel, während die späteren Erzeugnisse fast Dancefloor-Charakter besaßen. (Der Hacke war zu dem Zeitpunkt wohl auch nicht mehr dabei.) Auf dem "Supersound"-Label, auf dem auch "Hiroshima" rausgekommen war, erschienen diverse Randprojekte von Hacke, darunter eine sehr morbide Maxi von Christiana (=Hackes zeitweilige Partnerin Christiane F.) und eine nicht minder lohnende Maxi von Mona Mur + die Mieter, "Jeszce Polska". Auch arbeitete er als Produzent oder Gastmusiker bei zahlreichen anderen Gruppierungen mit, u.a. dem Mekanik Destrüktiw Komandöh oder Flucht nach vorn. Selbst bei den Kasseler Haunted Henschel (deren Ex-Bassist über mir wohnt!) tauchte er mal auf... Hackes Gesamtwerk zu sammeln, ist wohl eine Lebensaufgabe.

Da sich die Neubauten ja zu regelrechten Kulturmonstern entwickelt haben, kann ich hier keinen Überblick über ihr Gesamtschaffen geben. Ich wollte nur einige persönliche Impressionen kundtun, zu denen auch gehört, daß mein Namensvetter Blixa neulich bei Bettina Böttinger zu Gast war, die ihn mit Talkshowhost Andreas Türk zusammenwürfelte - zwei Welten treffen aufeinander! Wer weiterführende Informationen will, der klicke bitte auf das Bild, das mit der offiziellen Neubauten-Webpage verlinkt ist, über die man auch auf Blixa Bargelds Privatpage kommen kann - bringt etwas Zeit mit...

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