Jean Rollin (1938 - 2010)

Nachdem es einige Stunden unbestätigt durch das Internet geisterte, steht es jetzt fest: Der französische Filmemacher Jean Rollin ist tot. Seine Gesundheit war angeschlagen gewesen, seitdem ich ihn am Set von LES DEUX ORPHELINES VAMPIRES kennenlernen durfte. Trotzdem hat er noch einige Filme fertigstellen können, und dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Jean Rollin hatte im Bereich des Horrorkinos stets eine Ausnahmestellung besessen. Ein Rezensent bezeichnete ihn als "visionär", und hier trifft dieses häufig mißbrauchte Wort mal wirklich zu. Rollin machte genau die Sorte von Filmen, die ihm vorschwebte. Daß die daraus resultierenden Arbeiten in kein kommerzielles Korsett hineinpaßten, schien ihm kein Kopfzerbrechen zu bereiten. Seine Filme waren wie Spaziergänge durch ein Museum der Schauerromantik, waren Aneinanderreihungen von Szenarien, in denen es nur vordergründig um Genrespezifisches ging. Seit seinem ersten Langfilm, LE VIOL DU VAMPIRE, dessen Herstellung und Veröffentlichung im Jahre 1967/1968 von den studentischen Unruhen nicht nur geprägt, sondern auch kompromittiert wurde, bastelte er nach außen gekehrte Innenwelten einsamer Wesen. Oberflächlich handelten seine Filme von Monstern und von Sex, doch anders als andere Genrebeiträge erschöpften sich seine Filme nicht in der Doppelstrategie der Ausbeutung und darauf folgenden moralischen Bewertung/Verurteilung von gesellschaftlicher Nonkonformität. Seine Vampire sind Wesen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind und so gar nichts vom bestialischen Glanz eines Grafen Dracula besitzen. Eher sind sie ewige Wanderer, deren Unsterblichkeit ihnen keine Machtposition verleiht, sondern den Fluch ewigwährender Nichtigkeiten in sich trägt. Anmutig und graziös schreiten seine Vampirfrauen durch alte Ruinen, die vermutlich inzwischen zugemüllt worden sind von Touristen. In Rollins besten Filmen hat das Alltägliche keinen Platz. Es tritt zurück hinter der stummen Pracht des zu Unrecht Verfemten. Die Welt, die Rollin zeichnete, war immer tieftraurig, aber gleichzeitig von unwiderstehlicher Eleganz und erfüllt von Mysterien, die weit über die Welt der Lebenden hinausreichen.

Die morbide Poesie seiner Arbeiten war an die kommerziellen Verleiher meistens verschwendet. So bekam sein wunderschöner LE FRISSON DES VAMPIRES (1970) bei uns den hanebüchenen Titel SEXUALTERROR DER ENTFESSELTEN VAMPIRE verpaßt - ein verzweifelter Versuch, einen Film marketabler zu machen, den kein kommerziell gesonnener Zeitgenosse verstehen konnte. Oder LES RAISINS DE LA MORT (1978), ein vergleichsweise konventioneller Film, der eine klassische Öko-Horror-Story mit Splattereinlagen und den ästhetischen Besessenheiten Rollins vermengte, ganz zu schweigen von seiner gemächlichen, kontemplativen Erzählweise. Selbst der katholische "Film-Dienst" - der nun nicht gerade im Ruf stand, ein Freund blutiger Genrekunst zu sein - wußte dem Werk einiges abzugewinnen. Wie hieß der Film bei uns? FOLTERMÜHLE DER GEFANGENEN FRAUEN! Eine Mühle spielt bedauerlicherweise keine zentrale Rolle, und daß dort Frauen gefangen oder gar gefoltert worden wären, kann man auch nicht behaupten. Das Plakat ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, wie auch der Plakatspruch - "Zombie G.m.b.H & Co. in Action" - hübsch auf die Pauke drosch, wenn auch nicht auf die Pauke Rollins. Auf Video delirierte sich der Vertrieb endgültig in völlig Umnachtung hinein und nannte die Veröffentlichung ZOMBIS (sic) GESCHÄNDETE FRAUEN, was nicht nur grammatikalisch Kohl ist (ZOMBIS - GESCHÄNDETE FRAUEN 1:0?), sondern nicht einmal mehr über ideellen Bezug zum Inhalt verfügte. Der Film wurde denn auch im Zuge der Horrorvideo-Kampagne beschlagnahmt und eingezogen. Weg mit dem Dreck!

Was die kommerziell gesonnenen Zeitgenossen nicht erkennen konnten, war die grundlegende Unkommerzialität von Rollins Werk, das sich einer Ausbeutung seiner Figuren rigoros verschloß. Rollins Arbeiten sind keine Exploitation-Filme, obwohl sie auf Exploitation-Kunst referieren. Die Elemente sind da - allein, was Rollin mit ihnen anstellte, war verschroben und sehr persönlich. Was vielen ratlosen Betrachtern seiner Filme unerklärlich dünkte und zuweilen prätentiös, war in Wirklichkeit die liebevolle Besessenheit des wahren Fans. Rollin entnahm der Trivialliteratur, dem Trivialkino, die Figuren, die Motive, und ließ sie ein gespenstisches Eigenleben führen, in ihrer ganz eigenen Welt. Mich erinnerte seine Vorgehensweise dabei immer an Tom Stoppards "Rosencrantz & Guildenstern Are Dead", in dem einigen Shakespeare-Charakteren die Freiheit geschenkt wurde, wenn jene auch mit dieser Freiheit nicht viel anzufangen wußten. Bei Rollin sind die "freigelassenen" Figuren immer noch Ausgestoßene, aber sie existieren zu ihren eigenen Bedingungen, mit ihrer eigenen Würde und Traurigkeit. Es ist eine Art des Rebellentums, die so ganz ohne Großmäuligkeit und Besserwissertum auskommt. Wie kaum ein anderer Regisseur, der im Rahmen des Horrorkinos tätig war, schuf Rollin Schönheit, seine eigene Vorstellung von Schönheit und Wahrheit. Er tat dies über einen Zeitraum von über 40 Jahren hinweg. Die Umstände zwangen ihn dazu, einige Male "fremdzugehen". Doch seine Herzensarbeiten sind leicht zu identifizieren. In ihnen wohnt Rollin, und er trifft dort auf viele Gleichgesinnte, die seine Kunst zu würdigen wissen. Es ist dort, wo auch noch in vielen, vielen Jahren wunderschöne Vampirinnen durch die Ruinen streifen werden, inmitten der grünen und fruchtbaren Landschaften unserer Fantasie.




R.I.P.


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