FRACK UND FUMMEL
Ich habe ja vor einiger Zeit mal einen Sesamstraßen-Text verfaßt. Die Sesamstraße ist in gewisser Weise die ideelle Wohngegend, in der ich gerne aufgewachsen worden wäre. Das geht wohl vielen so.

Den Text habe ich damals an verschiedene Verlage geschickt. Wenn ich meine diversen Umzugskartons gelüftet habe, werde ich die Ablehnungsschreiben hervorkramen und ins Netz stellen, denn sie sind schon recht lesenswert. Am humorlosesten war der Vordruck des verdienstvollen Eichborn-Verlages (der u.a. Walter Moers verlegt hat), der in wenigen Zeilen klar machte, daß die zuständige Verlagskraft meinen Text keines Blickes gewürdigt hatte. Am nettesten war überraschenderweise der Lektor von Bastei-Lübbe, der mir einen dreiseitigen handschriftlichen Brief zukommen ließ, in dem es u.a. hieß, er habe "ja auch Kinder" (grins, jubel!) und liebe die Serie auch. Das war eine richtig persönliche, nette Ablehnung, die den Menschen als fraglos bekömmlich outete.

Da ich wohl niemals jemanden finden werde, der meinen besessenen Text drucken wird, wird die Fortsetzung zur Muppet-Show niemals entstehen. Ich möchte aber trotzdem eine kurze Huldigung verfassen, in der ich die vortrefflichen Kopfgeburten von Jim Henson et al entsprechend würdige, denn es ist eine der wenigen wirklich guten Kindersendungen, die vor allen Dingen frei war von den didaktischen Beigaben, die die Sesamstraße manchmal belastet haben wie Geschwindigkeitsblockaden (=Stolpersteine) auf heimischen 30 km/h-Zonen... (Mal im Ernst: Ernie + Bert und die anderen Puppensketche waren geil, aber die Zeichentrick- und vor allem die Realfilmepisoden hartes Brot. Wo bleibt die erste Ernie + Bert-Kompilations-DVD?) Die Muppet-Show war nicht nur ein eindeutig auch Erwachsene ansprechender Geniestreich - sie zeugte auch von einer tiefen Liebe zum Theater, zum Kino, zu den vielen Genres, die dort persifliert wurden. Waren schon in der Kindervariante zahlreiche berühmte Standards von Kermit und seinen Kollegen angemessen interpretiert worden (man denke an "Octopus´s Garden" von Ringo Starr oder an Kermits "Treppe der Mittelmäßigkeit": "Ich bin noch nicht ganz unten, doch bis oben ist´s noch weit..."), so war die Muppet-Show ein einziges Schwelgen in solchen Hommagen an liebgewordene Traditionen und Liednummern... Hier ein paar meiner Lieblingsfiguren.

Zu KERMIT habe ich eigentlich schon viel im Straßen-Text gesagt. Da die Synchro wohl nicht mehr aus Storeck-Hamburg stammte, war hier nicht mehr Andreas von der Meden der Sprecher, sondern der Jerry-Lewis-gestählte Horst Gentzen. War Kermit schon vorher das autoritative Mastermind der Straßen-Bande, so wurde er hier zum gewandten Conferencièr, im klassischen Cabaret-Stil, ständig gehetzt von den dräuenden Notwendigkeiten, die die Realisierung des Bühnenzaubers so recht erschweren. Er gab die plärrenden Ansagen, die auf sympathische Weise radebrechenden Interviews mit den Gaststars und auch den Real-Life-Puppenclown in den situationskomischen Verwirrungen am Bühnenrand. War seine Autorität in der Sesamstraße noch weitgehend unangetastet, so mußte er sich hier mit den Fährnissen des Geschicks herumschlagen, zum Beispiel mit dem Schwein:

MISS PIGGY! Der große Elizabeth-Taylor-hafte Star der Show. Jedenfalls dachte sie immer, daß sie der Star wäre, doch der Zahn der Zeit hatte sich bis zum Anschlag in ihre Schinken gebohrt! Miss Piggy war eine Klasse für sich und überbot das "Fleisch aus deutschen Landen" mit der ihr angebotenen Grazie und Anmut. Nimmermüde prügelte sie auf den Frosch ein, der ihrem brünstigen Drängen nicht immer nachgeben wollte. Ich persönlich habe mich ja schon als Kind gefragt, ob die unheilige Allianz jemals Wahrheit geworden ist, vor oder nach der Show... (Na, wenn es einen Ochsenfrosch gibt...?) Die deutsche Sprecherin von Piggy, Marianne Wischmann, kennt man pikanterweise eher aus neueren Ingrid-Bergman-Synchros. Piggy vollführte ihre Bühnenakte stets mit unnachahmlicher Wucht im Angesicht der totalen Schmiere, und es ist wirklich bemerkenswert, daß niemals eine negative Replik von Frau Taylor ruchbar wurde. (Na, die gute Frau ist ja mittlerweile auch wieder dünner!)

Ein ständiger Störfaktor war SCOOTER, der kleine gelbgesichtige Botenjunge, dessen Onkel - wie des öfteren in der Serie erwähnt - das Theater gehörte! Dieser kleine Schleimscheißer (interessanterweise von der SchauspielerIN Christa Berndl gesprochen) ließ keine Gelegenheit aus, eine Art von versteckter Dominanz auf alle Anwesenden auszuüben - eine Dominanz, die lediglich in den gesellschaftlichen Umständen begründet war und nicht in persönlicher Qualifikation. Ich hoffe, daß Scooter Botengänge in der Hölle macht! (KRÖTE!)

Es gab diese zwei Serien, in denen Piggy andauernd zu sehen war. Die erste hieß "Schweine im Weltall", und hier wurde sie ständig unterstützt von dem vortrefflichen Captain Link Ringelschwanz. Dieser mindere Charge war eigentlich nur ein weiterer Schmierendarsteller, aber er wurde von Piggy in den Rang hoher stellarer Triebkraft emporzentrifugiert. Selten hat man gesehen, daß ein Darsteller so von der Klasse seiner Mitspielenden profitierte. Unvergessen sein Doppel mit Piggy in der Arie "Reich´ mir die Hand, mein Leben", an der Mozart seine wahre Freude gehabt hätte! Auch der famose Dr. Speckschwarte trug zum Gelingen des Sketches bei.

Dann war da noch "In der Tierklinik" ("...die Geschichte eines Quacksalbers, der vor die Hunde ging..."), in der natürlich Rowlf promenierte. Eine unnachahmliche Rassemischung, donnerte er in seinen Soloauftritten die traurigen Akkorde in den Tastenreigen, daß die Herzklappen gemütvoll mitschnippsten. Er war der Tom Waits der Muppet-Show, und seine Schlappohren waren ein angenehmer Widerpol zu der künstlichen Heiterkeit, die in Bühnenshows so häufig den Ton angibt. Ein Klavier, ein Kerzenleuchter, ein Mann bzw. ein Hund - das genügt einfach manchmal. Viele werden das schon in ihrem eigenen Leben festgestellt haben.

Auch in der Tierklinik beschäftigt war Janice, das blonde Geilo-Groupie von der Dr.-Goldzahn-Band. Wenn es irgendein Charakter verdient hätte, daß man seiner Ansicht nach einer Dauerlatte verfällt, dann ist dies Janice. Die Frau hat bereits in Fillmore East die Mikrofonständer gehalten, und selbst, wenn das Bob-Dylan-Groupie Katey Sagal in EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE rothaarigen Ruhm einheimsen durfte - das wahre Vermächtnis der Hippie-Ära findet man hier. Und Dr. Goldzahn war ohnehin eine Granate von einigen Gnaden, unterstützt von dem flotten Bassisten Floyd Pepper, dem Sax-Mann Zoot und dem ewigen Stardrummer Animal, das Tier. (Eine Hippie-Gruppe, in der der Gitarrist keine Faxen macht? Gibt´s das?) Einmal ergriff sogar der infamöse Scooter das Mikro und trällerte "Hey Mr. Bassman", und da war er sogar fast mal gut...

Ewiger Liebling ist natürlich der Schmierenkomödiant Fozzie-Bär, dem die Stimme geliehen wurde von dem mittlerweile leider verstorbenen Bruno W. Pantel. ("Tachen, Tachen, Taaachen...") Da bebte das Parkett! Ein Komiker, der sich seiner Sache so sicher ist, kann nicht fehlschlagen - eine wichtige Lektion für´s Leben! (Da konnten auch die Refugien aus dem Seniorenstift, Statler und Waldorf, nichts dran ändern...) Wer Fozzies Sketch als Telefonmast (mit Scooter) nicht gesehen hat, hat umsonst gelebt. Ja, so war das Varieté! Das Publikum wußte natürlich, daß Fozzie sehr unkomisch war, aber es quittierte seine Vorstellungen trotzdem mit sympathischem Gelächter - recht so, die Familie hält zusammen, auch in Notzeiten!

Ein totaler Kracher ist natürlich GONZO DER GROSSE, eine Art Replik auf den Gonzo Journalist Numero Uno Hunter S. Thompson. Gonzo versucht immer, seine abwegigen Ausdrucksformen zu verwirklichen, die häufig seinem einen großen Fetisch verpflichtet sind: Hühnern! Hier zeigt sich der wahre Freigeist, der sich einen Kappes um Konventionen schert und unbelastet von Bedenken oder Intellekt den Weg in den Vordergrund sucht, um seine Überzeugung zu verwirklichen. Bravo! Gonzo - einer der großen Helden der Muppet-Show. (Sein deutscher Sprecher, Werner Abrolat, ist in fast jedem Helge-Schneider-Film zugegen - der Mann mit dem Käserad zum Beispiel.)

Die Hühner möchte ich jetzt nicht alle mit Namen vermerken!

WAYNE UND WANDA waren auch ein Brecher! Ein überaus gemischtes Paar, das grauenerregende Schnulzen hervortrieb und meistens mit Katastrophen belohnt wurde, z. B. mit dem berühmten gekrümmten Stab, der mißliebige Bühnenexponenten gnadenlos von der Bühne befördert. Einer ihrer größten Fans war...

SAM DER ADLER! Eine großartige Konzeption, ein Apologet des Gerechten im amerikanischen Fernsehen, der mit Wolf Ackvas vorzüglicher Stentorstimme den Willen nach Anstand in einem Meer des Vergessens durchblicken ließ. Wo sonst war Anstand, wenn nicht bei Sam? Ich werde niemals vergessen, wie er mal einen Film des berühmten schwedischen Filmemachers Ingmar Bergman ankündigte, und dann kam ein Film von dessen vermeintlichem Bruder, Gummo Bergman! Der hieß dann wahrscheinlich "Stille Erdbeeren", und der dänische Koch durchstreifte in schwarzweißer Pracht den Hain seiner Kindheit und sinnierte in schwedisch... ("Ho segmo smödelies...")

Der DÄNISCHE KOCH war ja überhaupt so eine Nummer: Ungeachtet aller kulinarischen Verhaltensmaßregeln schmiß er den ganzen Küchenschrott quer durch die Gegend und sang: "Smörebröd, Smörebröd, römmpömmpömmpömm..." Da kam Seele auf, oh ja, und die gehört ja maßgeblich zur Erstellung einer guten Mahlzeit. Ein weiterer Flecken Wahrhaftigkeit in einer vortrefflichen Serie.

Der REPORTER schaltete sich immer noch frech dazwischen und war eine Art gereifte Version von Robert aus der Sesamstraße. Hier promenierte nicht mehr so ganz die egozentrierte Eitelkeit. Vielmehr war der quotenstrenge Drang zur schnell vermittelten Sensation Trumpf. Seine wilden Neuigkeiten stellten gekonnt die Sucht nach grotesken Sensationen dar, und sie waren so schnell vorbei, wie sie gekommen waren. Erneut: Eine Lektion für die Wirklichkeit!

Wer war da noch? Es gab einige Charaktere, die zu Anfang dabei waren, aber später (aus gewerkschaftlichen Gründen?) ausschieden. Mein persönlicher Favorit ist natürlich Crazy Donald, der lustige Mensch mit dem Sprengkasten, der in der ersten Staffel alles in seine Einzelteile zersiebte! Das war noch subversiver Geist im deutschen Fernsehen! Man stelle sich einmal vor: Guido Westerwelle erscheint auf dem Bildschirm, und sofort ist da Crazy Donald, läßt sein keckerndes Lachen erschallen und sprengt den Butzemann einfach weg... Toll!

Ein stiller Teilhaber an dem Fernsehspaß war auch der liebenswürdige Proletarier unter den Muppets: Beauregard, der nett-debile Hausmeister! Woah, hatte der eine Fresse! Den konnte man sich gut in Kreuzberg vorstellen. Aber ohne eine unvorteilhaft verbiesterte Gesinnung an den Tag zu legen, fegte er sich direkt in die Herzen der Zuschauer mit seinem manisch-dejustierten Blick! Er hatte auch einen Vorläufer, dessen Namen ich nicht memoriert habe, aber er sah aus wie eine grimmige Version von Walter Scheel. Er wurde auch häufig von einer lilanen Lebedame umgeben, einer Frau der allerfeinsten Gesellschaft (oder eine Bridgetante, ichweißjanunich!), die hieß Elsbeth, Elvira oder so. Die Welt der Muppet-Show war häufig schwer übersichtlich, wie unsere auch.

Und da war doch noch ein netter Gaststar: Marvin Suggs, mit seinem famosen Muppa-Phone! Eine Ansammlung kleiner drolliger Kugelwesen, auf die der Maestro stetig mit einem Holzhammer draufschlug, um politisch höchst unkorrekte Töne zu erzeugen.

Es gab die Häuser, die ständig irgendwelche architektonischen Scherze der absonderlichen Art zum Besten gaben. Auch wenn man häufig nicht sofort lachen konnte - nach einer gewissen Zeit zündete es dann massiv!

An welche Sketche erinnere ich mich sonst noch? Sehr schön war die Episode mit dem Country-Sänger Paul PHANTOM OF THE PARADISE Williams, dessen Kleinwüchsigkeit das Ziel so manchen groben Muppet-Scherzes war. Charles Aznavour war da und bekam eine herzzerreißende amerikanische Ballade verpaßt, mit einem ländlichen Schulhaus im Hintergrund. Vincent Price tauchte auf und mußte sich mit so manchen vampirzahnbehafteten Monstern herumschlagen. Julia Moreno tanzte mit irgendeinem Monster Tango. Und ach - es sind so viele der denkwürdigen Momente, die aus dieser fantastischen Serie stammten. Momente der Kindheit, die irgendwann denkwürdige Resultate zeitigen. Sollte ich irgendwann "Keßlers Gespräche mit Goethe" schreiben, werden die Muppets einen geharnischten Einfluß darstellen. Zu liebreizend ist ihre Anwesenheit, zu anbetungswürdig ihr intelligenter Einfluß im kommerziellen Fernsehen. Jim Henson ist leider Gottes tot, Frank Oz (Miss Piggy u.a.) dreht noch immer sehr lustige Filme, wenn er nicht bei John Landis auftritt. In den Muppets sind die Sesame-Puppets erwachsen geworden, und wer mit dieser Ehrenhaftigkeit erwachsen wird, der hat sich einen gefahrlosen Gang durchs Erwachsenenleben wahrlich verdient...

Es gab mal irgendwann eine Schallplatte, die ich in Kindertagen erstanden habe. Kermit interpretiert da z.B. Groucho Marx´ Lied von "Lydia the Tatooed Lady". Auch die Country-Band ist gut bei der Sache, inklusive des Ahornsirupflaschenbläsers. "Mr. Bassman" ist zu hören, wie auch verschiedene Sketche der Muppets-Weggefährten.

Eine der schönsten Serien der Fernsehgeschichte.

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