UNDERCOVERKLOPP

Und jetzt kommt ein richtiger Kracher: MORTE SOSPETTA DI UNA MINORENNE (1975). Daß dieser Film von dem routinierten Sergio Martino niemals auf deutsch oder englisch herausgekommen zu sein scheint, ist eine Affenschande, denn er gibt sowohl Giallo- als auch Polizeifilmfans eine Menge vom Besten!

Claudio Cassinelli spielt einen undurchsichtigen Zeitgenossen, der mit einer jungen Frau aneinandergerät, die nicht nur eine bizarre Perücke trägt, sondern auch ein Geheimnis in ihrem Busen: Marisa stammt eigentlich aus einer guten Familie (ihr Onkel ist Bankier), aber widrige Umstände haben sie in die berühmte schlechte Gesellschaft geraten lassen. So verrichtet sie ihr täglich Einerlei im modrigen Umfeld der Prostitution. Daß auf diesem Tun kein Segen lastet, merkt man schon daran, daß sie von einem Asi mit verspiegelter Brille brutal abgemurkst wird. Germi (Claudio) kommt zur frisch erfolgten Tat hinzu und kann nur noch die Scherben aufkehren.

Germi macht dann die Bekanntschaft eines kleinen Taschendiebes, Giannino, der ihm bei seinen Unternehmungen behilflich ist. Aus nicht näher genannten Gründen versucht er, die Mörder Marisas auszubaldowern. Der Fall scheint etwas mit der Entführung des Sohnes des reichen Porella zu tun zu haben, dessen Lösegeld Germi schon bald in die Finger fällt. Es setzt diverse Tote, was nicht nur ihm mißhagt, sondern auch Giannino, der sich hier nicht zu Unrecht im Mittelpunkt einer Intrige wähnt, die seinen bescheidenen Spielraum weit übersteigt.

Aber nach einer herben Autoverfolgungsjagd stellt sich heraus, daß Germi in Wirklichkeit Kommissar Germi ist, und sein unorthodoxes Äußeres darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Undercover-Cop einen Ruf wie Donnerhall hat und keine Methoden scheut. Nach diversen aufregenden Actionsequenzen (u.a. einer Ballerei auf der Achterbahn) kommt es allerdings zu einem gräßlichen Attentat an Giannino und Marisas Schwester Jenny Tamburi. Auch die nette Hure Gloria (Maria Rosa Omaggio) geht up´n Deister in einer höchst unhübschen Szene. Germi wird es daraufhin zu bunt, ist ihm doch schon vorher klargeworden, daß Marisas Vater (Massimo Girotti) an dem Mädchenhändlerring maßgeblich beteiligt ist. Da ihm der Polizeipräfekt kein grünes Licht geben will, besorgt er sich sein eigenes grünes Licht und schafft Ordnung...

Stand der Name Sergio Martinos in den achtziger Jahren nur noch für professionell produzierte Exploitationware, die halt ganz genau das lieferte (in handwerklicher Vollendung), was der TV- oder Videomarkt erforderte, so schuf er in den frühen 70ern einige erstklassige Gialli und Polizeifilme, die in MORTE SOSPETTA auf höchst aufregende Weise miteinander verwoben werden. Claudio Cassinelli ist einer jener Schauspieler, die zwischen künstlerischen (z.B. Liliana Cavani) und trivialen Filmen wechselten. Im selben Jahr spielte er auch in Luciano Ercolis überdurchschnittlichem Thriller KILLER COP. Bei den Dreharbeiten zu Sergio Martinos Endzeit-Trasher PACO - KAMPFMASCHINE DES TODES fand er in einem Hubschrauberunglück leider den Tod. In MORTE SOSPETTA liefert er einen weiteren seiner exzentrischen Bullen, die - fernab der Dampframmentaktik des Blondschnäuzers Maurizio Merli - in zupackender Manier ihre Arbeit versahen. Hier wird er erst nach der Hälfte des Filmes als Cop enttarnt, auch wenn seine Coolness ihn schon vorher für Fans geoutet hat. Er ist so etwas wie der Kommissar Eisen für Akademiker, was nicht nur darin begründet ist, daß er weltschmerzlich kuckt, bevor er jemanden auf die Omme haut. Seine Polizeiarbeit ist geprägt von geschickter Verstellung, doch die Unkompliziertheit von Merli und Co. ist ihm fremd. Seine Präsenz allein würde schon genügen, um den Film von einem simplen Polizeiklopper zu einem Film Noir zu machen. Und doch setzt das Drehbuch alles daran, den Eindruck einer Welt, in der den Reichen kein Schweinkram zu verdorben ist, um ihren Reibach zu machen, zu verstärken, und der gediente Mime Massimo Girotti (der einst in Viscontis wundervollem OSSESSIONE den Liebhaber mimen durfte) spielt den Teufel im Maßanzug. Außerdem dabei ist die supersüße Jenny Tamburi, mit der ich einst ein Interview führen durfte. Sie hat sich in fast jedem ihrer damaligen Filme ausgezogen (Gott segne sie dafür!), und als sie des Lüftens überdrüssig war, wechselte sie über in den Künstleragentenberuf, und in dem ist sie nach wie vor höchst erfolgreich tätig! Das Interview ist vielleicht bald hier zu lesen...

Die Kameraarbeit von Martinos Stammkameramann Giancarlo Ferrando ist wie üblich präzise und spektakulär und verleiht dem Film neben einem anspruchsvollen Anstrich auch einen deutlichen Giallo-Touch, u.a. in der Art und Weise, wie genrespezifische Bilder (z.B. schräg angeleuchtete Treppengeländer) ins rechte Licht gerückt werden. Die Musik von Luciano Michelini ist ein totaler Kracher und enthält Goblin-eske Orgelpassagen, die das Blut in den Adern stocken lassen. Der Soundtrack ist noch nicht herausgekommen und bietet sich nachhaltig zum Herausbringen an - wenden Sie sich an CAM! Regieassistent ist Michele Massimo Tarantini, der hernach selber ein bekannter Regisseur werden sollte und mittlerweile in Brasilien wohnt. Jetzt müßte ich eigentlich noch die Szene erwähnen, in der Cassinelli den Spiegelbrillenkiller auf´s Dach eines Kinos verfolgt und dann an der sich öffnenden Kuppel baumelt, aber ich lasse das mal! Ein Bombenfilm, da gibt´s kein Vertun! Wer unser Interview mit Martino lesen möchte, der klicke bitte hier!

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