MITTAGSPAUSE

("Es hat keine Disco hier...")
 

Die Ehre, die erste Punkband Deutschlands gewesen zu sein, wird ja gemeinhin Male zuteil, deren Frontmann Jürgen Engler später verkruppste. Auch ZK rund um den preisgekrönten Campino krebste schon früh herum. (Doppel-CD "Auf der Suche nach dem heiligen Gral" = kaufen! Schlagt eBay ein Schnippchen und laßt die doofen Sammler Unsummen bezahlen!) Doch da war auch noch eine Band namens Charley´s Girls, die - anders als die beiden erstgenannten Bands - keine klassischen LPs produziert hat, aber sie verwandelten sich später in einen schönen Schmetterling: Mittagspause, woll! Und da auf der einzigen Tapeaufnahme, die ich von Charley´s Girls besitze, ausschließlich Songs drauf sind, die später bei Mipau auftauchten, gleich zur Folgeband... Vorspulen!

So, jetzt sind wir da. 1979, die erste Doppelsingle von Mittagspause erscheint, und was Peter Hein (Gesang), Thomas Schwebel (Gitarre), Franz Bielmeier (noch ´ne Gitarre) und Marcus Oehlen (Bums-Klatsch) da abgeliefert haben, ist eine der großartigsten Seven-Inch-Veröffentlichungen, die ich jemals gehört habe! Gleich zu Beginn, wenn Peter Hein losgreint: "Sonntags abends um halb zehn/ Durfte ich das Testbild seh´n...", weiß man schon, daß man es hier nicht mit einer typischen Punkband zu tun hat. Zuerst einmal: Hein ist großartig, seine rebellische Stimme schmeißt einem die parolenartigen Zeilen mit einem "Leck mich"-Habitus vor die Füße, daß einem Hören und Sehen vergeht. Doch während die meisten Punksongs anderer Bands sich entweder mit den Segnungen des Alkohols oder wenig ausgefeilter Polit-Polemik befaßten, erlaubten sich Mittagspause eine gewisse verunsichernde Vagheit. Das Stück "Militürk" etwa beginnt: "Kebabträume in der Mauerstadt/ Türkkültür hinter Stacheldraht/ Neu-Izmir in der DDR/ Atatürk der neue Herr..." Hui, was geht hier denn ab, mögen sich manche damals gefragt haben. Der Text endet mit dem Refrain: "Wir sind die Türken von morgen!", und man grübelt doch nach dem Mitgröhlen noch ein klein wenig weiter...

Mittagspause haben Humor gehabt, wenn es auch ein sehr bitterer und aggressiver Humor war, wie er sich in Peter Heins Gesang wunderbar ausdrückte. Als man 1977 anfing, von Punk Notiz zu nehmen, war die Bewegung ein böser Slapstick, der in seiner Verweigerung von dogmatischen Inhalten eine Reaktion auf eine Welt war, die vollkommen aus den Fugen geraten war, in der die Werte ihre Bedeutung verloren hatten, in den Boden gerammt worden waren von Großsprechern, die sie für ihre eigenen Zwecke mißbraucht hatten. Glauben konnte man nichts und an niemanden mehr, und so mußte man sich selbst und den Rest der Welt als grundsätzlich lächerlich auffassen. Dieses Miteinander von Verzweiflung und fröhlichem Tanz in den Untergang spiegelt auch die Musik von Mittagspause wider, wo ernstgemeinte Polemik im Sinne der Hippie-Bewegung kaum noch möglich war. So wird denn schon mal ein Stück der Platte abgebrochen von einem kermitfroschesken "Applaus, Applaus, Applaus!", und während der Grundbeat der Musik (Hand auf´s Herz!) ein extrem gleichbleibender ist ("...ta-dahm, ta-dahm, ta-dahm - ba-babada..."), so mischen sich dezente Irritationen hinein, etwa Blues und Rock´n´Roll auf "Intelnet". Anders als die befreundeten S.Y.P.H.´ler, die später sehr ins Improvisatorische gelangten, kultivierten Mipau diese Gleichförmigkeit, ohne sie allerdings in pogofreundliches Gestampfe fallen zu lassen. Stattdessen leiert und eiert die Musik vor sich hin, daß es nur so eine Art hat. Neben dem schon erwähnten "Militürk" fällt natürlich der Klassiker "Ernstfall, es ist schon längst soweit..." auf, den Hein später zu Fehlfarben mitnahm. Und wo wir gerade von Coverversionen sprechen: "Militürk" wurde selbstredend von DAF gecovert, deren Gabi Delgado-Lopez auch bei Mittagspause anfing. (Auf dem Punksampler "Into the Future" hat man mit Male, Mittagspause und S.Y.P.H. so ziemlich alle wichtigen Ruhrpott-Punkbands zusammen, außer ZK natürlich.) Auch sehr schön: "In der Tat", in dem es um einen beinlosen Überlebenden des Kessels von Stalingrad geht, der alles in allem eine ziemlich arme Sau ist... Die Doppelsingle ist ein saftiges Statement zur Lage der Nation, und das, ohne textlich übermäßig explizit zu werden. Brauchen Mipau auch gar nicht! Wer die Botschaft nicht bekommt, für den ist sie eh nicht gedacht... Die Platte wendet sich weder an Herz noch Hirn, sondern an den Hintern, und das finde ich fein.

Wer keine Lust hat, die 120 Mark auf den Tisch zu blättern, die man heutzutage abdrücken muß, um des famosen Vinyls habhaft zu werden (es sei denn, man klaut sie einfach!), der kann Mittagspause auch auf einer CD erleben, die irgendwann mal bei Alfred Hilsberg herausgebracht worden ist. Auf ihr befindet sich ein schöner Querschnitt der anderen Mittagspausesachen, darunter auch ihr Hit "Herrenreiter", meines Erachtens der absolute Höhepunkt ihres Schaffens. ("Schwarz - der Himmel unsrer Zukunft/ Rot - die Erde der Vergangenheit/ Gold - die Zähne unsrer Väter!") Das 10 Minuten lange "Um-ta-ta" muß man sich erst mal verdienen. "Marmorstein" ist noch so ein Ding. Und "Paff der Zauberdrache" (noch so ´ne Hippiesache!) war wohl mal ´ne B-Seite... Jaja, ich geb´s ja zu, ich habe viel zu wenige von den Platten, um einen Text zu schreiben, aber es geht ja auch so/ es geht ja auch so! Aber ich habe, meine Damen und Herren, "Punk macht dicken Arsch", und die solltet Ihr auch haben, denn sie ist eine ganz vorzügliche und tonqualitativ vollauf überzeugende Liveplatte, die Mipau 1979 in Wuppertal aufnahmen. (Besuchen Sie unsere weltberühmte Schwebebahn!) Wer am Humor der Band zweifelt, sollte sich hier von den zirzensischen Qualitäten der Gruppe überzeugen lassen - der Tanz um den goldenen Alp! Und von S.Y.P.H. (Zitat Hein: "Harry Rag, ich heirate dich vom Fleck weg!") gibt´s Cover von "Zurück zum Beton" und "Industrie-Mädchen". Für diese Platte, so toll sie auch ist, nicht mehr als 35 Mark zahlen, sonst gibt´s was auf die Nase... (Habe ich schon das Male-Cover "Zensur + Zensur" erwähnt? Also, "Zensur + Zensur" spielen sie auch...)

Hein war auch mal bei einer Punkband namens System. Schwebel wagte einen Seitensprung mit S.Y.P.H. Beide zusammen waren mal Not Mean Themselves. Um den Kasus zu verkomplizieren: Als Peter Hein bei Fehlfarben wieder ausgeschieden war, ersetzte ihn Uwe Jahnke von S.Y.P.H. Die Düsseldorfer Szene war ein Füllhorn der Überlappungen. ("Füllhorn der Überlappungen"... klingt das nach Diederichsen? Nein, noch nicht...?)

Was kann ich denn noch erzählen? Marcus Oehlen war, glaube ich, der Bruder des Malers Albert Oehlen, war bei der Avantgarde-Funk-Band Die Vielleichtors und sagte Hallo bei DD´s Nachdenklichen Wehrpflichtigen. (Tolle Zickzack-Single!) Franz Bielmeier ist auch ein sehr interessanter Mensch, dem das Rondo-Label gehörte, bei der u.a. die "Herrenreiter"-Single herauskam. Kürzlich hat irgendein Wahnsinniger für die LP mit den ersten vier Rondo-Singles 258 Mark auf eBay ausgegeben. (Ich hoffe, die Platte gefällt ihm!) Franz Bielmeier hat auch eine Solosingle als Aqua Velva herausgebracht. Ein alter Mann hat mir einmal eine Kassette vorgespielt, auf der lauter unveröffentlichtes Material von Rondo drauf war, u.a. eine geplante LP von Aqua Velva und ein Soloprojekt von Franz namens Monroe, die ich ziiiemlich klasse fand... Franz B. und seine damalige Frau haben auch als Adolf + Eva das beste Stück des Weihnachtssamplers "Denk daran!" abgeliefert, auf dem sich auch ein Stück von Not Mean Themselves, eines von einem Male-Folgeprodukt und "Nieder mit dem Weihnachtsmann" von ZK befand. Der Fabsi von ZK hat jetzt in meiner Heimatstadt Bremen das berühmte Weser-Label, auf dem auch die tolle französische Punkband Ludwig von 88 veröffentlicht hat, aber das führt jetzt doch zu weit... Riegel vor!!!

Mittagspause - die waren subversiv, lange bevor das Wort eklig wurde! Richtig guter Punk mit Sonne im Herzen... Wenn ich mehr Platten bekomme, werde ich den Text ergänzen. Aber die irrelevanten Sachen, die bleiben drinnen - daß das mal klar ist!

P.S.: Auch auf Zickzack verzickzackt: Eine Spalt-LP von den O.R.A.V.s (Liedermachos) und dem Deutschland Terzett. Die O.R.A.V.s (Hein, Schwebel, Xao Seffcheque und ein mir nicht näher bekannter Herr namens Peter Glaser) interpetern Stücke von Mipau, Fehlfarben und S.Y.P.H., wobei sie dies unter Zuhilfenahme wenig naheliegender Musikstile tun. Das sollte man sich unbedingt anhören, und da die Platte noch nicht sooo teuer ist, könnten Siiie der erste sein! Auf der B-Seite geben Hein, Jürgen Engler und Delgado-Lopez in lausiger Tonqualität ihre Versionen traditioneller Träller-Songs zum besten, etwa "Ein Loch ist im Eimer" vom Medium-Terzett... :)

    Junge Männer beim Musizieren (eingelinkt: die "Fehlfarben"-Page!)

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