Meine erste Begegnung mit dem belgischen Komponisten und Musiker Wim Mertens war eine Folge meiner Begeisterung für den Filmregisseur Peter Greenaway, dessen THE BELLY OF AN ARCHITECT er zusammen mit dem New Yorker Minimalisten Glenn Branca unterlegte. Natürlich war ich zu jenem Zeitpunkt noch die Klänge von Michael Nyman gewohnt, und tatsächlich gibt es viel, was die Musik von Nyman und Mertens verbindet, etwa eine stark repetitive Struktur und einen ausgeprägten Sinn für das Spielerische. Mertens - so mein erster Eindruck - schnitt dabei aber leichter und fröhlicher ab und schreckte nicht vor dem Einsatz synthetischer Instrumente zurück. Als ich mir in den folgenden Jahren einen großen Teil des in der Tat überwältigenden Mertens´schen Gesamtausstoßes auf Vinyl oder CD zulegte, stellte ich fest, daß er wirklich schwer in eine Schublade zu stecken ist. Wer bequeme Nettie-Musik mit Kunstanspruch erwartet ( = gehaltvoll schmusen mit Wim Mertens), wird bei einigen seiner Arbeiten ins Stottern geraten. Als kleine Einführung in das Werk von Mertens (und eine Warnung vor den exzentrischeren Veröffentlichungen) hier eine Stippvisite in meine Plattentruhe!
Wim Mertens wurde 1953 in Belgien geboren und studierte Kommunikationswissenschaften und Musikologie in Gent und Brüssel. Seine Abschlußarbeit in letzterem Fach besaß ein Vorwort von Michael Nyman, mit dem er bereits während seiner Studien zusammengeraten war. Nach einer kurzen Periode, in der er als Produzent für eine TV-Gesellschaft tätig war, kam 1981 seine erste LP, "For Amusement Only", die sich das gehaltvolle Schmusen ganz entschieden verbittet. Auf dieser eher an die experimentelleren Reich-Sachen gemahnenden Platte collagiert er 30 Minuten lang Geräusche von Computerspielen, eingeleitet von einem metallischen "Insert Coin!", das am Schluß der Platte rückwärts zu hören ist. Die daraus gewonnenen Klangflächen sind von hohem Reiz, wenn man in der richtigen Laune ist oder gerade 200 Raumschiffe abgeschossen hat - Easy Listening für Space Invaders. Konzeptuell gesehen eine tolle Sache, aber als Einstiegsalbum denkbar ungeeignet.
Von den beiden Folgealben "At Home - Not At Home" und "Vergessen" (beide 1982) besitze ich leider nur das letztere, auf dem Mertens´ Musik ein orchestraleres Gewand trägt. Hierbei fällt bereits auf, daß er - anders als Nyman - sich meist auf einzelne Orchesterbestandteile beschränkt, die er bunt zusammenwürfelt. So findet das später auch im "Belly"-Soundtrack verwendete "4 Mains" für vierhändiges Klavier in seiner längeren Durchführung "Mildly Skeeming" ein düster bubberndes Synthiepiano mit Blockflöten, die stetig ineinander überfließen und in einen wahren Mahlstrom von Flöten münden... Es gibt ein sehr rhythmisch akzentuiertes Anfangsstück, "Inergys", das auch eine lange Reprise hat mit einer plötzlich auftauchenden Frauenstimme. Abgerundet wird die kurze LP von dem sehr entspannten "Circular Breathing" (akkustisches Klavier und Bläser) und dem ebenfalls gemächlich dahinwabernden "Multiple 12". Hier muß ich anmerken, daß man Mertens in Kaufhäusern häufig in der "New Age"- oder Meditations-Sektion der Plattenabteilung findet, eingekeilt in lauter Audiosedative von Windham Hill und ähnlichen Firmen, deren Erzeugnisse in mir immer statt Entspannung den Wunsch nach Blutrausch nähren. Mit dieser Musik ist Mertens nur sehr ansatzweise kompatibel, aber für geübte Meditationsjünger sollte auch das kein Problem darstellen...
Eines meiner Lieblingsalben von Mertens ist das sehr kurze "Struggle for Pleasure" von 1984, das Harmoniewunsch unter widrigen Umständen verrät. Das erste Stück ist das wunderschöne, von Harfen getragene "Tourtour", das in dem bizarren "Bresque" dann aber eine leiernde und beständig ins atonale abdriftende Version bekommt, die mich sehr an den Doppler-Effekt erinnert hat, der eintritt, wenn ein Auto mit Sirene an einem vorbeifährt. Das Titelstück der Platte ist ein richtiger Hit und wurde früher gerne in Kneipen mit kulturellem Anspruch zum Brunch gereicht. Wie dieses befindet sich auch "Close Cover" auf dem "Belly"-Soundtrack, und bei diesem ruhigen Klavierstück darf man endlich mal ohne Reue das Kaminfeuer flackern lassen. Abgeschlossen wird die Platte von dem im Wortsinne pfiffigen "Gentleman of Leisure", das eine ganz neue Vorstellung von Muße vermittelt...
Übrigens "Belly of an Architect": Neben wiederverwendeten Mertensstücken enthält dieser Soundtrack auch das majestätische "Birds of the Mind", das bis heute zu den Mertens-Standards auf Konzerten gehört, sowie das unnachgiebig treibende "The Aural Trick". Die Branca-Partien des Soundtracks bestehen aus leicht atonal chromatisch auf- und abstrebenden Orchesterstücken. Wer sich mal was Schräges gönnen will, sollte sich die früheren Symphonien von Branca beschaffen, bei denen teilweise noch die später bei Sonic Youth tätigen Lee Ranaldo und Thurston Moore herumklampfen. Branca stammt aus der No-Wave-Szene der späten 70er, und seine früheren Songs sind ebenfalls auf CD wiederveröffentlicht worden, u.a. mit Barbara Ess von Malaria.
Weiter geht´s! Das Jahr 1984 brachte auch das wunderbar betitelte "Maximizing the Audience", ein Doppelalbum, das ein Freund von mir noch als altes "Soft Verdict"-Werk besitzt, wie sich Mertens und seine Musiker auf den ersten Platten nannten. Daß das Publikum maximiert werden sollte, ist übrigens nicht ironisch aufzufassen, sondern spiegelt Mertens´ Absicht wider, die vielleicht doch etwas illusorisch war... "Maximizing"s erste Seite besteht aus dem hübschen "Circles", in dem sich eine Melodie peu-à-peu aus einzelnen Bestandteilen über einen Raum von 18 Minuten hinweg langsam aufbaut. Seite 2 ist das lange Solopianostück "Lir", das kein Aggressionspotential überleben kann. Das 11 Minuten dauernde Titelstück wurde jüngst in irgendeiner großen Fernsehwerbung eingesetzt, freilich ohne die Frauenchöre, die zwischendurch "Festspielhaus Bayreuth - Richard Wagner" skandieren, was dann auch in einzelne Tonsilben verwandelt wird. Das lange "Whisper Me" schließt dann ein Werk ab, das zu diesem Zeitpunkt vielleicht das beeindruckendste war, das der Musiker hervorgebracht hatte.
Sehr elegisch präsentiert sich "Educes Me" (1986), die sich ein 17 Minuten langes Stück für Soloharfe leistet, das die einzelnen Töne des Anfangsstückes "A Visiting Card" aufgreift und einfach mal so in den Raum stellt. Hier zeigt sich die später von Mertens in seinen anstrengenden Zyklen ausgearbeitete Idee, das Klangpotential von individuellen Instrumenten zu erforschen, indem man losgelöst von herkömmlichen Melodien Töne aneinanderreiht, häufig mit ellenlangen Pausen. Eher konventionell sind da die sehr hübschen Stücke "When the Line Grows Thick" und "Usura" ( = später Mertens´ Musikverlag). In "No Plans No Projects" bekommt man zudem den Komponisten selber zu hören, dessen Falsettgesang gewöhnungsbedürftig ist, aber einfach sehr schön.
Eine ganze Reihe von Werken, auf denen Mertens eben diesen Falsettgesang (der meistens aus inhaltlosen Tonsilben besteht) mit Solopiano untermalt, wurde 1986 von "A Man of No Fortune and with a Name to Come" initiiert. Fast noch bemerkenswerter als sein ungewöhnlicher Gesang ist sein enorm ausdrucksstarkes Klavierspiel, das von sehr langsamen Passagen zu donnernden Läufen voller Wucht und Temperament reicht. Dabei ist sein Spiel sehr dynamisch und variiert die Tempi je nach Ausdrucksmodus. Besonders atemberaubend wirkt das live, wenn er auf die Resonanz des Publikums reagiert. Die anderen Alben, die denselben Weg beschreiten, sind das weitgehend instrumentale "After Virtue" (1987), "Strategie de la Rupture" von 1991 und "Jérémiades" von 1995. Auch das neueste Werk, "Der heiße Brei", soll so konzipiert sein.
Richtig toll wird es auf der 1989er "Motives for Writing", dessen zentrales Stück das ellenlange und unglaublich schwer zu spielende "Words on the Page" ist, in dem sich scheinbare Formlosigkeit mühelos zusammenfügt. Mit Gesang sind "The Personell Changes" und "Paying for Love", die von diversen leicht konsumierbaren Musikhappen verbunden werden. Ähnlich leicht verdaubare Konzertmusik enthält auch "Shot and Echo" (1992), die zeitweise als Doppel-CD zusammen mit "A Sense of Place" herauskam. Hier ist das erste Mal eine (elektrische) Gitarre zu hören, die so etwas wie die erste Berührung von Wim Mertens mit der Welt der Musik darstellte, da er als kleiner Bub eine geschenkt bekam... Auf dem eher anstrengenden Solo-Gitarren-Album "Sin Embargo" hat er das im Stil seiner Zyklen ausgeführt.
Ein absoluter Überknaller ist "Jardin Clos" (1996), das aus sehr harmonischen Stücken von großer Vielfalt und Schönheit besteht und ein ideales Einstiegsalbum darstellt. Auf dem letzten Stück der Platte, "Not Me", hört man eine Sprechvokalistin namens Sylvia Kristel! Das schönste Stück dieser tollen Platte ist aber für mich "A Pierced Heart", bei dem man sämig zerfließt... Von ähnlichem Zuschnitt, wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll, war auch das nachfolgende "Integer Valor" (1998).
Für die ganz mutigen Fans gibt es dann auch die schon erwähnten Zyklen, die sich meist in 3- oder 4-CD-Sets vorstellen und dann auch aus Doppel- oder Triple-CDs bestehen... Bis jetzt gibt es drei solcher Zyklen, nämlich "Alle Dinghe", "Gave van Niets" und den ganz neuen "Kere weerom". Hier darf man keine leicht konsumierbaren Orchesterplatten erwarten, sonst wird man böse enttäuscht. Stattdessen verwendet Mertens einzelne Instrumente oder Orchestersektionen, um ihre Klanglichkeit zu erforschen. Eine Doppel-CD für Solofagott z.B. (klingt so ähnlich wie Walgesänge!) dürfte aber nicht jedermanns Vorstellung von Feierabendunterhaltung entsprechen, deshalb sollte man hier Vorsicht walten lassen und erstmal mit den anderen anfangen...
So. In das Bild von Wim habe ich eine tolle belgische Webpage eingelinkt, auf der man eine komplette Diskographie, Audio- und Videobeispiele und weiterreichende Informationen auf englisch angeboten bekommt. Vergeßt alle Meditationsplatten und kommt lieber in Wims Welt, wo die Blumen leben, statt in Poesiealben vor sich hin zu dämmern... Nie wieder Streß!