Die Melvins erschienen Anfang der 80er Jahre auf der Bildfläche und entstammen Aberdeen im Staate Washington, derselben Gegend also, die auch Nirvana hervorgebracht hat. Die beiden Gründungsmitglieder, die von der ersten Stunde bis zum heutigen Tag dabei waren, sind Buzz Osborne (alias King Buzzo) und Schlagzeuger Dale Crover. King Buzzo norgelt auf der Gitarre und singt zumeist Unverständliches. An Bassisten haben die Kollegen eine Menge verschiedener Leute durchgenommen, darunter den Mudhoney-Mann Matt Lukin und die hübsche Lori Black (alias Lorax), von der immer noch hartnäckig verbreitet wird, sie sei die rechtmäßige Tochter von Shirley Temple. Ob wir das glauben sollen?
Der Sound der Melvins hat in der Tat einiges von dem Geist der "Grunge"-Welle. Jedoch erwies sich ihre Musik als zu sperrig und zu wenig kompakt, als daß sie sich hätte gut vermarkten lassen. Eine große Plattenfirma mußte das zu ihrem Leidwesen erkennen. Die Melvins machten konsequent immer das, was sie wollten, und brezelten lieber auf unabhängigen Labels weiter. Pro Platte gab es meist ein oder zwei "nette" (d.h., hitparadenkompatible) Songs, auf ihrem Meisterwerk "Houdini" etwa das schwer grungige "Set Me Straight", und es ist auch gar nicht so, daß ihre Musik eine grundlegende Abneigung gegen Lala zum Mitschnipsen verraten würde - ganz und gar nicht. Doch schieben sich immer wieder rhythmische Breaks, Tempowechsel à la Chef und andere Extravaganzen hinein, die den Sturm auf die Charts vereiteln. Die Melvins sind keine kopflastige Band. Läuft man den Herrschaften über den Weg (wie das einem Freund von mir passiert ist), hat man sogar ein gewisses "Beavis + Butthead"-Flair zu gewärtigen. Auch rauchen die Leute eine ganze Menge, und nicht alles stammt aus dem Automaten...
Der erste reguläre Release, den die Gruppe hinlegte, war die LP "Gluey Porch Treatments", die bereits anschaulich demonstrierte, was den wohlwollend kopfschüttelnden Hörer in den Folgejahrzehnten erwarten sollte: Schleppende, seeehr, sehr langsame Passagen wechseln sich ab mit hektischem, aber virtuosem Geschrammel, getragen von einem geradezu schmiedeeisern massiven Rhythmus, mit dem schon Leute erschlagen worden sein sollen... Grundsätzlich sind die Lieder eher Instrumentals - die sehr obskuren und den englischen Wortschatz absichtlich verhutzelnden Texte werden so nebenbei irgendwo reingeschoben. Das düstere Gewitter, das ebensoviel Donnergrollen wie krachende Entladungen enthält, ist auf CD zuerst zusammen mit dem 2. offiziellen Album, "Ozma", herausgebracht worden, bei dem Matt Lukin bereits durch Lorax ersetzt worden war. Mittlerweile gibt es auch eine neue Veröffentlichung auf Mike Pattons "Ipecac"-Label, auf dem als Bonus zahlreiche Demos draufgeschaufelt worden sind. "Ozma", im übrigen, bereist ähnliche Gefilde wie "Treatments" und reitet den Zuhörer mit seinem eigenwilligen Punk-Metal gut zu. Die CD enthält einige abgedruckte Songtexte, was sehr fein ist, da die Melvins eine der wenigen Musikgruppen sind, bei denen ich groooße Schwierigkeiten habe, den Text zu verstehen. Um zu demonstrieren, warum das so ist, hier ein Auszug: "The thundering heart hole a stone, the strawberry mark. The clothes of the body, weeper mind/sifter, galore! The sideways eyes on the floor. Matlock..."(Und da sind noch nicht so viele Neologismen drauf wie in späteren Aufnahmen...) Erwähnt werden möchte auch eine CD namens "10 Songs", die Live-Aufnahmen von insgesamt knapp 30 Minuten Länge aufweist, die über einen wegfegen wie ein Waldbrand. Die "Ozma"-CD läuft zusammen mit der "Treatments"-Platte gut 75 Minuten. Danach hat man ausgesorgt.
"Bullhead" (1991) kann man ohne Probleme am Stück hören, denn sie ist nicht gar zu lang. Sie beginnt mit dem langen und feierlichen "Boris", enthält mit "It´s Shoved" und "Zodiac" zwei schnelle Schrammelstücke, um sich dann erbarmungslos gen Ende zu leiern. Das Ende markiert ein langes Schlagzeugsolo von Dale. Vorher knurpselt King Buzzo noch preisverdächtig an "If I Had an Exorcism" herum. Eine gute Ergänzung ist da das im selben Jahr veröffentlichte "Eggnog", das die auf dem Innencover abgebildeten Osterhäschen mit Stockschlägen belohnt - ganz harter Tobak, was da abgeht!
Und jupps, schon haben wir 1992, das Jahr, in dem ich die Melvins kennenlernte! Geschehen ist dies mit dem Album "Lysol", das auf CD nur aus einem einzigen 30-Minuten-Track besteht, der sich allerdings wiederum aus mehreren Einzelstücken zusammensetzt, von denen das schönste das finale "The Story of Dwight Frye" ist, das in der Klapsmühle spielt... Die ersten 8 Minuten oder so baut sich die Platte graduell auf, bevor dann endlich der erste richtige Song stattfindet. Das hat mich schon beeindruckt, aber die Rocker und die Roller, die das Tanzbein schwingen wollen, werden da möglicherweise notlanden müssen. Ich nehme an, daß John Zorn diese Platte gemeint hat, als er auf dem gleichermaßen aus einem 30-Minuten-Schreifest bestehenden Naked-City-Album "Leng T´che" ausdrücklich den Melvins dankte. Naja, wie dem auch sei, ich würde "Lysol" als Meditationsplatte für Serienmörder beschreiben! Der Titel wurde übrigens später zurückgezogen, da die Firma, die das gleichnamige Produkt herstellt, geklagt hatte... Im selben Jahr müssen auch die Solo-Alben (zu dem Zeitpunkt von Buzzo, Dale und Joe Preston) herausgekommen sein, die designertechnisch den entsprechenden Covern von Kiss angeglichen sind und sehr, sehr gewöhnungsbedürftig sind - ein erster Hinweis darauf, daß man beim Kauf von Melvins-Scheiben durchaus alles zu erwarten hat. Am leichtesten ist die von Buzzo, gefolgt von Dales Album. Bei Joe P. ist endgültig alles aus!
Dann kam die große Stunde: "Atlantic" bzw. Warner sagten sich, hurra, eine neue Grunge-Band zum Verwursten, wie fein. Das daraus resultierende Album, "Houdini", ist zwar bis zum heutigen Tag m.E. das beste und enthält sogar einen Kurzauftritt des Melvin-Freundes Kurt Cobain, aber daß der Zweckehe Melvins - Warner keine lange Laufzeit beschieden sein würde, muß man schon damals geahnt haben. Die LP donnert gleich massiv los mit "Hooch", dessen Text ausnahmsweise mal wieder abgedruckt ist. Eine Kostprobe: "Milk maid dud bean. Master a load a head. Pill pop a dope a well-run general hash pump a gonna led." Nicht wahr? Besonders hübsch sind die tollen Illustrationen von Frank Kozik, der uns spielende Kinder mit lauter mutierten Tieren mit zwei Köpfen präsentiert, in knallbunten Farben. (Auch auf der neuesten Platte, "Electroretard", sind einige ganz reizende Malereien abgebildet.) Auf "Houdini" covern die Melvins "Going Blind" von Kiss, haben einige ihrer schönsten Momente mit Songs wie "Lizzy", "Night Goat" und "Joan of Arc" und basteln auch wieder ein endloses Schlagzeugstück rein, "Spread Eagle Beagle", das die meisten Grunger wohl weggezappt haben dürften...
Auch eine feine Sache war das nächste Warner-Geschoß: "Stoner Witch" (1994). Hier experimentieren die Melvins bereits sattsam mit Übersteuerung der Aufnahme und klanglichen Kapriolen, die den Execs der Plattenfirma die Schweißperlen auf die Oberlippe getrieben haben dürften. (Ich weiß nicht, ob das vor oder nach "Stoner Witch" gewesen war, aber im selben Jahr brachten die Wahnsinnsknaben eine reine Experimental-CD heraus, klangvoll "Prick" betitelt, die endgültig nur noch aus Geräuschen und Konzertimpressionen besteht - sozusagen das, was in die anderen Alben maßvoll eingemixt war, jetzt mal volle Kante!) Für die angeblich schwer erkrankte Lorax kam jetzt Mark Deutrom hinzu, und die Songs variieren wieder vom Harmonischen (z.B. dem leicht bluesigen "Goose Freight Train") zur Breitseite mit der Panzerfaust (das superlangsame "At the Stake"). Die ersten vier Stücke sind absolute Hits, besonders das tolle "Revolve", zu dem ich häufig gehottet habe. (Ich war jung und brauchte das Geld!)
Das 1996er-Opus "Stag" war dann noch einen Zacken besser und ist für mich die bislang geglückteste Mixtur aus wirklich ultraschrägem Abmisch-Wahnsinn und derbem Rock´n´Roll. Das leicht exotische "The Bit" eröffnet den Reigen, und nach einer kurzen Überbrückung findet man sich in dem infernalischen "Bar-X the Rocking M" wieder, das nicht nur die Single-Auskopplung der LP war, sondern auch ein wahrhaft wildes Video von Pornospezialist Gregory Dark (alias Gregory Hippolyte) bekam. Da fliegt einem wirklich der Zahnersatz aus der Brille, wenn die Posaunen einsetzen... Der Mittelteil des Albums brutzelt und britzelt selbstzufrieden vor sich hin, bis das erhabene "Skin Horse" dann den Sturm zur Schlußoffensive bläst. Am Ende der Platte packt sich Dale dann Watte in die Backen und mümmelt den kaum verständlichen Blues "Cottonmouth" zu einer einsamen Slide Guitar... "Stag" - viel besser, als sich vor den Zug zu werfen!
1997 war der Spaß dann endgültig vorbei: Auf "Honky" hatten sich die Melvins von Warner getrennt (vermutlich in beiderseitigem Einvernehmen!), und offenbar hatten sie einiges aufzuarbeiten, denn es ist die krachigste Platte bis zu diesem Zeitpunkt. Für meinen Geschmack etwas zu krachig, denn mit der absichtlichen Übersteuerung und sonstigen Verbraatzung des Tonmaterials übertreiben sie es etwas. Die LP wirkt wie in eine in die Länge gezogene Spielerei, und ob man da mitspielen mag, hängt von der individuellen Belastbarkeit ab. Die Single-Auskopplung "Mombius Hibachi" ist jedenfalls so unkommerziell wie nur eben möglich. Sehr lustig hingegen das koboldhafte "Laughing with Lucifer at Satan´s Sideshow", auf dem sie lauter Telefonschnipsel von Gesprächen mit Repräsentanten ihrer ehemaligen Plattenfirma reinmischen. Nach dem Schlußgedröhne "In the Freaktose the Bugs Are Dying" hat man einen Hörschaden.
Über einen Zeitraum von etwa einem Jahr hatten die Melvins insgesamt 12 verschiedenfarbige Singles herausgebracht, die zusammen 1997 als Doppel-CD auf den Markt geworfen wurden, "Singles 1-12". Teilweise hat man es mit Material zum Mitschnipsen zu tun, aber teilweise gibt es wieder lustige Pegelspielchen mit Taubmachgarantie. Zu den netteren Sachen gehört das Germs-Cover "Lexicon Devil" und das Britpop-Attentat "In the Rain". Dann gibt es diverse Live-Mitschnitte und einige speziell abgemischte Sachen "for the A&R guy at Atlantic"... Auch das 3 Minuten dauernde Schreikonzert eines wildgewordenen Melvin-Fans befindet sich unter den Fundsachen. Kurios, aber nicht gerade durchgängig tofte.
1999-2000 bastelten die Melvins dann an einer Trilogie, die sie wieder in alter Frische präsentiert: "The Maggot", "The Bootlicker" und "The Crybaby".
"The Maggot" verblüfft bereits durch die Tatsache, daß alle Tracks zweimal geindext sind, so daß wir zwar 16 Indexe haben aber nur 8 Songs... Macht aber gar nichts, denn die Songs sind megageil! Eine meiner absoluten Lieblingsscheiben der Melvins. Habe ich überhaupt schon erzählt, woher die Melvins ihren Namen haben? Nein, das habe ich natürlich nicht! Also: King B. arbeitete einst als Verkäufer in der Gemüseabteilung eines Supermarktes. Einer seiner Kollegen war ein übles Arschgesicht und hieß Melvin. Dieser junge Mann war so unsympathisch, daß er den Musikern wieder in den Sinn kam, als es darum ging einen Namen zu finden. Eine hübsche Geschichte, nicht? Nein, das war eigentlich eine ziemlich dumme Geschichte. Aber "The Maggot" ist wirklich ziemlich gut - ein flächendeckendes Bombardement, bei dem keine Gefangenen gemacht werden... Anspieltip: das Fleetwood-Mac-Cover "The Green Manalishi with the Two-Pronged Crown". Den Schluß der CD markieren besinnliche Schlittenglöckchen, die direkt überleiten zum Anfang von...
..."The Bootlicker". Das ist nun wieder eine Fahrt nach Weirdsville, mit sehr ruhigen und zurückgenommenen Nummern, poplastig. Buzzo klingt durchgehend so, als stünde er unter schwerer Medikation und säuselt zum Gottserbarmen. Sehr überraschend nach dem vorangegangenen Lattenkracher, aber die Melvins wollten die Trilogie ohnehin nicht als thematisch miteinander verknüpftes Werk verstanden wissen.
"Here we are now - imitate us!" Die dritte und letzte Platte, "The Crybaby", offeriert Überraschungen en masse. Wie ist zum Beispiel diese: Für den Anfang der LP haben die Melvins eine Coverversion von "Smells Like Teen Spirit" gewählt, und als Sänger nahmen sie den mittlerweile gut angedickten Teenieschwarm Leif Garrett!!! Boah, ich wäre fast rücklings durch die Stube geflogen, als ich das das erste Mal gehört habe... Schockschwerenot! Naja, die ganze LP ist ein Get-Together von Freunden der Melvins, die Gaststars reichen sich die Klinke in die Hand, und das Ergebnis gefällt mir sogar noch besser als die ohnehin schon superlative "Maggot". David Yow von Jesus Lizard schreit sich auf dem tollen "Blockbuster" die Seele aus dem Leib. Dann kommt Hank Williams III. mit einem Schnuckelschluchzer seines Großvaters, "Ramblin´ Man", begleitet von Henry Bogdan (Helmet) an der Steel Guitar... Mike Patton (auf dessen "Ipecac Records" die Trilogie rauskam) bringt das sehr massive "G.I. Joe", gefolgt von einer 8-Minuten-Jammerballade von Jim Thirlwell (Foetus). Skeleton Key haben kein Rückgrat auf dem grungigen "Spineless", genauso wie die Vagabundin, die draußen gerade im Abfall wühlte und vom Fleck weg als Begleitsängerin engagiert wurde. Das 15 Minuten dauernde "Divorced" stammt von Dale und wurde von Tool zurechtgebogen. Dann donnert David Yow noch einmal los, mit dem krachigen "Dry Drunk", das von einem Mittelteil von Godzik Pink unterbrochen wird. Nach Merle Haggards "Okie from Muskogee" (erneut Williams und Bogdan) kommt das megalange und wundervolle "The Man with the Laughing Hand Is Dead", das von Bliss Blood gesungen wird. Und schließlich kommt noch das unsäglich braatzige "Moon Pie", auf dem sich die Melvins zusammen mit Kevin Sharp von Brutal Truth verwirklichen. Ja, wer diese Platte nicht gehört hat, hat weniger vom Leben. Richtig bombig, das Teil.
Die letzte mir bekannte Veröffentlichung ist die 2001 herausgekommene "Electroretard", auf dem sich mehrere neu abgemischte Songs befinden, darunter das tolle "Revolve", das kaum wiederzuerkennen ist. Neu ist das gewaltige Intro "Shit Storm", das ungefähr so klingt, als habe man sämtliche Melvins-Songs zusammengewurstelt, das eher bedächtige "Missing" und der 9-Minuten-Song "Youth of America", der Heavy Metal und Pop auf durchaus chartverdächtige Weise mixt. Den gloriosen Abschluß bildet das bereits auf Maxi veröffentlichte Cover von Pink Floyds ohnehin schon tollem "Interstellar Overdrive". Wer also Angst hat, die Geldausgabe könne sich angesichts der vielen alten Songs nicht lohnen, kann sein Sparschwein getrost schlachten - es lohnt sich! Außerdem bekommt er noch einige Malereien von Frank Kozik dazu, u.a. einen Hitler-Hasen und süße Kinder, die Lämmer schlachten...
Mit Grunge habe ich mich eingestandenermaßen nie so richtig identi- und infizieren können. Das fiel mir bei den Melvins leichter, denn ihr stilistisches wie qualitatives Auf und Ab finde ich entschieden reizvoller, als wenn jemand ein Roß über Jahrzehnte hinweg zuschanden reitet. Die Melvins verschleißen pro Platte mehrere Rösser, aber wenn man sich mit ihrem energischen Eklektizismus anfreunden kann, dann setzt man über jedes Hindernis. Melvin-Fans sind hart wie Kruppstahl, denn sie sind den Nahkampf gewohnt...
Wer auf die definitive Melvins-Webpage möchte, der klicke dem King Buzzo mitten auf die dicke Nase!